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Full text of "Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes"

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Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes. Bd. 19 1905 

Wien [etc.] Selbstverlag des Orientalischen Instituts, Universität Wien [etc.] 1887- 

http://hdl.handle.net/2027/coo.31924112770908 



HathiTrust 




www.hathitrust.org 

Public Domain in the United States, 
Google-digitized 

http://www.hathitrust.0rg/access_use#pd-us-g00gle 

This work is deemed to be in the public domain in the 
United States of America. It may not be in the public 
domain in other countries. Copies are provided as a 
preservation service. Particularly outside of the United 
States, persons receiving copies should make appropriate 
efforts to determine the Copyright Status of the work 
in their country and use the work accordingly. It is possible 
that heirs or the estate of the authors of individual portions 
of the work, such as illustrations, assert Copyrights over 
these portions. Depending on the nature of subsequent 
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KUNDE DES MORGENLANDES. 



BEGRÜNDET VON 



G. BÜHLER, J. KARABACEK, D. H. MÜLLER, F. MÜLLER, L. REINISCH. 



HERAUSGEGE BEN UND REDIGIERT VON 

J. v. KARABACEK, P. KRETSCHMER, D. H. MÜLLER, 
L. v. SCHROEDER, 

LEITERN DES ORIENTALISCHEN INSTITUTES DER UNIVERSITÄT. 



XIX. BAND. 



WIEN, 1905, 

PARIS .. OXFORD 

ERNEST LEROUX. ALFRED HOLDER JAMES PARKER* Co. 

K. U. K. HOP- UND UNIVERSITÄTS-BUCHHÄNDLER 
BUCHHÄNDLER DER KAISERLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 

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LONDON TURIN NEW-YORK 

LEMCKE & BÜECHNER 
Lü Z AC * Co. HERMANN LOESCHER. (foemklt b. westermann * co > 



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EDUCATION SOCIETY'S PRESS. 



Reprinted with the permission of the Orientalisches Institut 
der Universität Wien 



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JOHNSON REPRINT CORPORATION JOHNSON REPRINT COMPANY LTD. 

1 1 1 Fif th Av enue, New York, N.Y. 10003 Berkeley Square House, London, W.l 

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First reprinting, 1966, Johnson Reprint Corporation 
Printed in the United States of America 



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Inhalt des neunzehnten Bandes. 



Artikel. 

Seite 

Über den Glauben an ein höchstes gutes Wesen bei den Ariern, von L. v. 

Schröeder . . 1 

Die Tanjore Handschriften von Harihara's »Srngärabandhapradlpikä, von 

Richard Schmidt 24 

Proben der mongolischen Umgangssprache (Fortsetzung), von Wilhelm Grübe 29 

Die Bühler-Mss. des Paücatantra, von Johannes Hertel 62 

Probleme der afrikanischen Linguistik, von Carl Meinhof 77 

Das Schneiden des Haares als Strafe der Ehebrecher bei den Semiten, von 

A. Büchler 91 

Das syrisch-römische Rechtsbuch und Hammurabi, von D. H. Müller ... 139 

Jakob Krall, von D. H. Müller 251 

Der Prophet Ezechiel entlehnt eine Stelle des Propheten Zephanja und glossiert 

sie. Eine These von D. H. Müller 263 

Erinnerungen aus dem Orient, von August Happner 271 

Die Mu c allaqa des Tarafa, übersetzt und erklärt von Bernhard Geiger . . 323 

Hammurabi-Kritiken, von D. H. Müller 371 

Zur Terminologie im Eherecht bei yammurabi, von D. H. Müller .... 382 

Zum Erbrecht der Töchter, von D. H. Müller 389 

Miszellen, von Emil Behrens 393 

Anzeigen. 

A. M. A h PP' i, > rpaMMamuKa yduucnado mhwa, von Hugo Schuchardt .... 196 

Bartholoma e, Christian, Altiranisches Wörterbuch, von K. F. Johansson . . 232 
Josef Strzygowski, Mschatta II., Kunstwissenschaftliche Untersuchung von — , 

von N. Rhodokanakis 289 

M. Winternitz. K. Florenz, Die Litteraturen des Ostens in Einzeldarstellungen, 

von Bernhard Geiger 314 

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Digitized By \jmKJV£1\- CORNELL UNIVERSITY 



IV 



Inhalt. 



Chr. Bartholomae, Die Gathas des Awesta, Zarathushtras Verspredigten, über- 
setzt von — , von J. Kirste 

J. N. Reuter, The Srauta - sütra of Drähyäyana, with the Commentary of 
Dhanvin, von M. Winternitz 

Carl Bezold, Kebra Nagast, von Th. Nöldeke 

Richard Garbe, Die Bhagavadgitä, von L. v. Schroeder 

August Haffner, Texte zur arabischen Lexikographie, von M. J. de Goeje . 

Hermann Oldenberg, Vedaforschung, von M. Winternitz 

Arthur Anthony Macdonell, The Brhad-devatä, von M. Winternitz . . . 



Kleine Mitteilungen. 

Das sogenannte Sähkhäyanaprätisäkhya, von A. Hillebrandt 

Kuxpo;, cuprum, von A. Ludwig 

Verwandlung durch Umbinden eines Fadens, von Th. Zachariae 

Das Nägari-Alphabet bei Jean Chardin; das bengalische Alphabet bei G. J. 

Kehr, von Th. Zachariae 

Ud. gerget a ,Kirche*, von H. Schuchardt 

Verzeichnis der bis zum Schluß des Jahres 1905 bei der Redaktion der WZKM. 

eingegangenen Druckschriften 



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Uber den Glauben an ein höchstes gutes Wesen 

bei den Ariern. 



Vortrag, gehalten auf dem zweiten Internationalen Kongreß für Allgemeine 



Wenn wir etwa um die Mitte des vorigen Jahrhunderts an 
diejenigen, welche sich mit den Religionen des Altertums oder der 
Naturvölker als Forscher beschäftigten, die Frage gerichtet hätten: 
Welches sind die Anfänge religiöser Bildungen? — dann würde die 
Antwort der überwiegenden Mehrzahl gelautet haben: Der Anfang 
der Religion liegt in der Naturverehrung! — Heutzutage würde 
die Antwort auf jene Frage wohl wesentlich anders ausfallen. Es 
hat sich inzwischen die Theorie vom Seelenkult als dem Anfang 
aller Religion mächtig in den Vordergrund gedrängt. Diese Theorie 
hat sich in vieler Hinsicht als fruchtbar erwiesen, aber ihre radikale 
Durchführung gelangt zu unmöglichen Konsequenzen. Die Natur- 
verehrung ist nicht einfach aus dem Seelenkult abzuleiten, wenn sie 
auch von diesem in hervorragendem Maße beeinflußt worden ist. 
Naturverehrung und Seelenkult verbinden und verschlingen sich 

1 Da die Zeit dieses Vortrages streng bemessen war, sah sich der Verfasser 
zur größten Kürze und Knappheit in seinen Mitteilungen gezwungen. Eine wesent- 
liche Veränderung desselben für den Druck hätte anderweitige Unzuträglichkeiten 
ergeben und so erscheint er hier in derselben Form, wie er gehalten wurde. Er 
enthält kurz zusammengefaßt eine Reihe von Forschungsresultaten, welche im ersten 
Bande der noch unvollendeten ,Altarischen Religion' des Verfassers eingehend be- 
handelt werden. 

Wiener Zeitschr. f. d. Kunde d. Morgenl. XIX. Bd. 1 



Religionsgeschichte in Basel, am 31. August 1904. 



Von 



L. v. Schroeder. 




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L. V. SCHROEDER. 



zwar vielfach , doch es sind beides selbständige, nebeneinander 
stehende Wurzeln der Religion. 

Sind sie die einzigen solchen Wurzeln? — Die Frage muß, wie 
ich meine, entschieden verneint werden. 

Wenn wir die Religionen der primitiven und primitivsten Völ- 
ker näher betrachten, tritt uns eine merkwürdige Tatsache entgegen, 
die sich mit den Theorien vom Ursprünge der Religion aus Seelen- 
kult oder Naturverehrung allein nicht in Einklang bringen läßt. Es 
ist dies der gerade unter ihnen weit verbreitete, wenn nicht allge- 
meine Glaube an ein höchstes gutes Wesen, das, oft schöpferisch 
vorgestellt, selbst gut ist und auch von den Menschen fordert, daß sie 
gut, gerecht, in mancher Beziehung selbstlos und aufopfernd handeln. 
Es wacht über den Handlungen der Menschen, wird oft, wenn auch 
nicht immer, das Böse bestrafend, das Gute belohnend gedacht. 
Dies höchste Wesen erscheint unter verschiedenen Eigennamen, wird 
aber auch oft allgemein, der Vater, der Alte des Himmels, der 
Macher oder Schöpfer, der Gute, der große Freund, der große Geist 
oder dem ähnlich benannt. Es war da, ehe die Welt und die Men- 
sehen da waren, ehe der Tod da war, und schon darum kann es 
nicht die Seele eines abgeschiedenen Menschen sein, so wenig wie 
irgend eine Naturerscheinung, wenn dies höchste Wesen auch nicht 
selten mit dem Himmel in Beziehung gebracht, in ihm wohnend und 
von dort aus wachend und herrschend gedacht wird. Dieses stets 
gütig und wohlwollend gedachte höchste Wesen wird bei den pri- 
mitiven Völkern meist nicht durch Opfer und Gebete geehrt. Man 
ehrt es, indem man seinen Willen tut, indem man gut und recht 
handelt und denkt, jenem Wesen ähnlich. Wo ihm Opfer dargebracht 
werden, wird dies wohl mit Recht als eine Übertragung vom Seelen- 
kult her angesehen. Gerade dieser Umstand, daß das höchste Wesen 
keinen eigentlichen Kult hat, während daneben ganze Scharen von 
gierigen, hungrigen und durstigen Geistern zahlreiche Darbringungen 
erhalten, deutet darauf hin, daß wir es hier mit einer total ver- 
schiedenen religiösen Konzeption zu tun haben. Man hat aber nur 
ganz unrichtigerweise aus diesem Umstände den Schluß gezogen, 



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Über den Glauben an ein höchstes gutes Wesen etc. 



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daß dies höchste Wesen jenen Völkern wenig oder nichts bedeute, 
gegenüber den gefürchteten Seelen und Geistern. 

Und doch ist gerade dieser Glaube eine Tatsache von der 
höchsten religionsgeschichtlichen Bedeutung, und dies um so mehr, als 
er sich gerade bei den kulturell am niedrigsten stehenden Völkern 
relativ rein und kräftig vorfindet. Diesen Glauben aus dem Seelen- 
kult und der aus ihm hervorgewachsenen Ahnenverehrung ableiten 
zu wollen, ist ein vergebliches Bemühen. Er findet sich bei Völkern, 
die noch gar keine Ahnenverehrung, keinen Heroendienst entwickelt 
haben, wie z.B. den Australiern, Andamanesen, Feuerländern und 
Buschmännern, — Völkern, die den Seelenkult nur in der primitivsten 
Form kennen, die nur den Seelen unlängst verstorbener Menschen 
opfern und die Gestalten hervorragender Personen früherer Zeiten 
überhaupt nicht im Gedächtnis behalten haben. Wenn einige Völker 
dennoch dies Wesen als den Vater des ersten Menschen und also 
ihren eigenen Urvater bezeichnen, so bemerkt Reville ganz richtig, 
daß da eben das höchste Wesen zum Vorfahren, zum Urvater ge- 
macht ist, nicht aber der Vorfahre zum höchsten Wesen. Es ist 
ähnlich wie auch Adam in der Genealogie bei Lukas als Sohn Gottes 
erscheint, weil er von ihm unmittelbar erschaffen ist. — Aber auch 
als der oberste Gipfel eines polytheistischen Pantheons ist dies 
höchste Wesen nicht zu fassen, wie Tylor annimmt, weil es sich 
gerade sehr klar und deutlich bei Völkern findet, die gar kein sol- 
ches Pantheon noch entwickelt haben. Es ist auch nicht die Spie- 
gelung irdischen Königtums, wie andere Forscher glauben, schon 
darum, weil es sich bei Völkern findet, die noch kein Königtum 
kennen, keine höheren Sozialformen besitzen. 

Es handelt sich hier um eine höchst einfache, aber zugleich 
freilich eminent wichtige Bildung, — um den primitiven Gedanken: 
Es ist Einer da, es muß Einer da sein, der alles gemacht hat; 
es muß Einer da sein, der da will, daß ich so und so handle, 
dies und das unterlasse usw. Dieser Eine braucht nicht notwendig 
im Himmel zu wohnen. Die Feuerländer dachten ihn sich als großen 
schwarzen Mann, der im Wald und in den Bergen haust, jedes 



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L. V. SCHROEDER. 



Wort und jede Tat des Menschen weiß und das Wetter darnach 
einrichtet. Aber es lag doch auch nahe, das höchste Wesen in die 
lichte Himmelsferne hinauf zu versetzen, ihn zum Alten des Himmels 
zu machen. Und man wird diese höchst einfache Konzeption, die 
keine irgend höher entwickelte Kultur voraussetzt, wohl zu den Ele- 
mentargedanken des Menschengeschlechtes rechnen müssen, da sie 
ebenso wie andre Elementargedanken durch ein großes Material aus 
allen Teilen der Erde bezeugt ist. 

Wenn man diesen Zeugnissen von dem Glauben an ein * höch- 
stes Wesen bei den primitiven Völkern jetzt damit zu begegnen und 
sie dadurch zu entkräften sucht, daß man europäische oder islami- 
tische Beeinflußung annimmt, so erweist sich auch das als vergeblich. 
Wir finden jenen Glauben bei Völkern, die noch keine oder doch 
keine intimere Berührung mit Europäern oder Mohammedanern gehabt, 
die sich vor solcher Berührung ängstlich hüten, ja sie verabscheuen. 
Wir sehen, wie dieser Glaube bisweilen gerade im bewußten Gegen- 
satz zu den Predigten der christlichen Missionäre aufrecht erhalten 
und bewahrt wird, auch pflegt in demselben nichts zu liegen, was 
ihn als geistiges Lehngut erkennen ließe. 

Der Glaube an ein höchstes gutes Wesen bildet neben Natur- 
verehrung und Seelenkult eine dritte, mächtige Wurzel der Religion. 
Der Kern derselben ist unlöslich mit der Moral verbunden, dem 
Altruismus, der Idee des Guten, Gerechten. Mag das höchste Wesen 
mehr kräftig, energisch, aktiv, oder mehr blaß und passiv erscheinen, 
stets ist es durchaus gut gedacht, liebt, wünscht und will das Gute 
und Rechte. Wir finden gerade bei den primitivsten Völkern, wie 
Australiern, Andamanesen, Feuerländern, den festen Glauben, daß 
die Gebote der Moral den Willen dieses höchsten Wesens darstellen, 
seine Gebote und Forderungen sind. Bei andern Völkern ist dieser 
Glaube durch den überwuchernden Geisterkult oder auch die Natur- 
verehrung zurückgedrängt und abgeblaßt, doch bezeugt die Tat- 
sache der überall verbreiteten Gottesurteile, daß an eine höhere 
Macht geglaubt wird, welche die Guten und Unschuldigen beschützt, 
die Bösen der Strafe überliefert. 




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Uber den Glauben an ein höchstes gutes Wesen etu. 



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Man wende nicht ein, die Moral sei erst das Produkt einer 
allmählichen Kulturentwicklung. Schon das primitivste Volk hat 
seine Moral, ja tief in das Tierreich hinein reichen ihre Wurzeln, 
als Instinkt der Liebe, der gegenseitigen Hülfe, der Unterordnung 
unter gemeinsame Zwecke, als Instinkt der Selbstverleugnung, ja 
der Selbstaufopferung des Individuums im Interesse der Gattung. 
Mächtig waltet schon im Tierreich neben dem egoistischen auch der 
altruistische Trieb. Aber der Mensch erst wird sich dieses inneren 
Widerstreites bewußt und erkennt in dem altruistischen Triebe, der 
so oft seinen Interessen widerstrebt, einen fremden, einen höheren 
Willen, dem er sich unterordnen muß. Gerade das Bedürfnis, diesen 
Trieb zu begreifen, ließ den Glauben an ein höchstes gutes Wesen 
erwachsen. 

Wenn heutzutage so oft behauptet wird, die Religion sei in 
ihren Anfängen ganz unabhängig von der Moral und keineswegs mit 
ihr untrennbar eng verbunden, so ist das wahr und falsch zugleich. 
Wahr, — denn Naturverehrung und Seelenkult haben in der Tat 
ursprünglich gar keine Beziehung zur Moral und gewinnen solche 
allenfalls erst später, auf sekundärem Wege. Falsch, — denn der 
Glaube an ein höchstes gutes Wesen ist mit der Moral von Hause 
aus engstens verbunden, ja aus ihr und mit ihr erwachsen. 

Wie Naturverehrung und Seelenkult sich miteinander verbin- 
den und verschmelzen können, ist schon öfters gezeigt worden. Aber 
auch der Glaube an ein höchstes gutes Wesen kann ähnliches er- 
fahren. Er kann sich der Vorstellung von Seelen und Geistern ohne 
Körper anähnlichen, — dann wird das höchste Wesen zum großen 
Geist, und diese Entwicklung ist sogar die Regel, — sie ist um so 
natürlicher, als das höchste Wesen ja groß und mächtig gedacht, 
doch den Blicken des Menschen nicht sichtbar ist. Die Vorstellung 
vom höchsten guten Wesen kann aber auch mit dem Himmel, der 
höchsten, erhabensten Stätte, der herrlichsten Naturerscheinung, in 
Zusammenhang gebracht werden und so mit noch einer andern 
Wurzel der Religion, der Naturverehrung, verwachsen. Denkt man 
sich dann das höchste, gute, schöpferische Wesen als großen Geist, 




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als Vater und Lenker der Welt und der Menschen, im Himmel 
wohnend oder gar geradezu ,Himmel' genannt, mit ihm quasi iden- 
tifiziert, dann sind in dieser einen Vorstellung alle drei Wurzeln der 
Religion zusammengewachsen, und es läßt sich begreifen, daß die- 
selbe eben darum besonders stark und siegreich sein muß. Diese 
Entwicklung beobachten wir in der Tat an manchen Punkten der 
Erde. Sie dürfen wir, wie ich glaube, auch für die Urzeit unserer 
Vorfahren, der Arier oder Indogermanen behaupten. 

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Die Kultur der arischen Urzeit war noch eine recht primitive, 
wie die Vergleichung lehrt. Ebenso war auch Religion und Kult 
jener Zeit durchaus primitiver Art, aufs nächste denen der söge- 
nannten Naturvölker verwandt. Von den drei großen Wurzeln der 
Religion war die Naturverehrung am stärksten entwickelt, waltete 
mächtig vor und gab dieser Religion recht eigentlich ihr Gepräge. 
Aber auch der Seelenkult und die Verehrung der Seelengötter 
und Seelenheerführer ist deutlich nachweisbar vorhanden. Wir wer- 
den nun schon a priori vermuten müssen, daß auch dies primitive 
Volk der Urarier, wie andre primitive Völker, den Glauben an ein 

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höchstes gutes Wesen ebenfalls nicht entbehrte. Und in der Tat, 
ich zweifle nicht daran, daß der Himmelvater der arischen Urzeit, 
der Dyäus pitar oder D. pappa, eben dieselbe Vorstellung repräsen- 
tiert, — dieselbe, die uns bei andern Primitiven als der Vater oder 
der Alte im Himmelland, der Gute, der große Freund, der Schöpfer 
begegnet. Es ist die Vorstellung des höchsten guten Wesens, das 
über der Moral, über der heiligen Ordnung, über Recht und Treue 
wacht, fest verwachsen mit der erhabenen Vorstellung des allum- 
fassenden, leuchtenden Himmels, der aber auch in Donner und Blitz 
zürnen, schrecken und strafen kann, — eine Verbindung, die be- 
sonders begreiflich erscheint, wenn man sich der mächtig vorwalten- 
den Naturverehrung der arischen Urzeit erinnert. 

Fassen wir nun, um die Stützen dieser Behauptung zu prüfen, 
jene Göttergestalten vergleichend ins Auge, welche als rechtbürtige 
Abkömmlinge der erwähnten urarischen Vorstellung bei den einzelnen 



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arischen Völkern anzusehen wären. Es fällt bei einer solchen Ver- 

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Uber den Glauben an ein höchstes gutes Wesen etc. 



gleichung bald in die Augen, daß Griechen und Römer die ver- 
schiedenen Züge und Benennungen der alten Göttergestalt in einer 
Person fest zusammengefügt erhalten haben, während bei Indern 
und Germanen der Trieb vorwaltet, die verschiedenen Namen und 
charakteristischen Züge desselben großen Wesens als selbständige 
Gestalten sich von demselben ablösen, abspalten zu lassen, — Hypo- 
stasen, Parallelgestalten, die dann enger oder loser noch zusammen- 
hängen. Griechen und Römer bewähren dabei mehr künstlerischen 
Formsinn, mehr Logik und Strenge des Denkens, Inder und Ger- 
manen mehr eine fort und fort wuchernde Phantasie und Neu- 
schöpfungslust. Slawen, Litauer, Kelten, Phryger und Skythen 
bieten uns nur einzelne, wenn auch höchst schätzbare Namen und 
Züge des großen Gottes, — während bei den übrigen Ariern fast 
alles Vergleichsmaterial fehlt. 

Bei den Indern ist der Träger des alten Namens Himmelvater, 
Dyäus pitar, schon in vedischer Zeit ganz in den Hintergrund ge- 
drängt, verblaßt und fast inhaltlos geworden. Nur als Vater der 
Götter, als Gatte und Befruchter der Mutter Erde lebt er noch fort. 
Ein andrer Name des alten Himmelsgottes hat sich als selbständige 
Gestalt von ihm abgelöst und hat den vollen Inhalt der alten Götter- 
gestalt geerbt. Varuna, der Umfasser, der allumfassende Himmel, 
in erster Linie der Nachthimmel, der als sternengeschmücktes Fir- 
mament die erhabenste Offenbarung der Himmelserscheinung dar- 
stellt. Die ethische Größe dieses Gottes ist bekannt. Er ist der große 
Lenker und Regierer der ewigen, heiligen Ordnung, des IJita, in 
der Natur wie im Menschenleben, in der physischen wie in der sitt- 
lichen Welt. Er hat die Welt geschaffen und geordnet. Seinem Willen 
folgen Götter und Menschen. Von seiner himmlischen Veste aus 
sieht er alles Tun der Menschen, kennt alle ihre Gedanken, weiß was 
getan ist und was noch getan werden wird. Er straft mit Krankheit 
und andrem Elend. Zu ihm flüchtet der schuldbeladene Mensch und 
fleht um Vergebung seiner Sünde, um Befreiung von den Fesseln 
seiner Schuld, — und von ihm wird das große Wort gesagt, daß er 
sich sogar des Sünders erbarmt. Mir gebricht die Zeit, die erhabene 




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8 L. V. SCHROEDER. 

Größe des Gottes zu schildern, ich darf sie ja aber auch als bekannt 
voraussetzen. Nur das sei noch hervorgehoben, daß Varuna keines- 
wegs Nachthimmel allein, sondern Himmelsgott überhaupt und höch- 
stes gutes Wesen ist. Er schaukelt ja auch im Sonnenschiff, hat der 
Sonne ihre Pfade gebahnt, waltet mit Mitra vereint im Gewitter usw. 
Wohl aber scheint die Konzeption dieser großen Göttergestalt von 
der erhabenen Erscheinung des gestirnten Nachthimmels ausgegan- 
gen zu sein. Diese im Verein mit dem großen ethischen Kern des 
Gottes, das sind die Haupkonstituenten seines Wesens, die beiden 
großen Säulen, auf denen es ruht. Wir erinnern uns gleich jenes 
KANTSchen Wortes, das die Zeitgenossen ihm auf die Wand seiner 
Grabkapelle setzten: ,Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer 
neuer und zunehmender Bewunderung, je öfter und anhaltender sich 
das Nachdenken damit beschäftigt: der bestirnte Himmel über 
mir und das moralische Gesetz in mir/ Kant hätte damit vor 
3000 Jahren ein Prophet des Varuna werden können! Und auch ein 
andrer großer Arier der Neuzeit greift, wenn er von Gott reden 
will, gleich nach dem Bilde des allumfassenden, gestirnten Himmels: 

Der Allumfasser, der Allerhalter, 

Faßt und erhält er nicht dich, mich, sich selbst? 

Wölbt sich der Himmel nicht da droben? 

Liegt die Erde nicht hier unten fest? 

Und steigen freundlich blickend 

Ewige Sterne nicht herauf? — — 

Was in Kants und Goethes Worten sich offenbart, ruht, wie 
ich glaube, auf uralt arischer Anschauung, — unbeschadet der in- 
dividuellen Größe des Gedankens und des Ausdrucks. 

Neben Varuna aber stehen seine Brüder, die andern Adityas, 
die sich alle nur als selbständig gewordene Abspaltungen seines 
Wesens, persongewordene Namen und Eigenschaften des großen 
Gottes erweisen. Als Personen sind sie nichts, blutlos, interesselos. 
Doch in wertvollster Weise ergänzen sie jenen in seinem Wesen. 
So Mitra, der Freund, der die Menschen freundschaftlich verbindet, 
der seit uralters — wie die Vergleichung des avestischen Mitra lehrt 



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Uber den Glauben an ein höchstes gutes Wesen etc. 9 

— über der Freundschaft, der Treue, den Verträgen, dem gegebenen 
Wort ; dem Eid, den Bündnissen wacht. Nicht ein alter Sonnengott, 
wie man wohl gemeint hat, — das ist er weder im Veda, noch im 
Avesta, er ist das bei den Persern erst später geworden — , sondern 
seit Alters das höchste Wesen als Wächter über der Treue, in Wort 
und Freundschaft, 1 Bund und Vertrag. Er ist sowenig Sonnengott 
und so ganz mit Varuna Eins, daß die Sonne im Veda das Auge 
des Mitra und des Varuna genannt werden kann, d.h. des höchsten 
Wesens, des Himmelsgottes in dieser Doppelfassung. Dem Mitra 
nächstverwandt ist Aryaman, der Getreue, der gute Freund und 
Genoß, ein andrer Gott der Treue und Ergebenheit, der ursprünglich 
über dem ehelichen Bunde, insbesondere wohl der treuen Ergebenheit 
des Weibes gegenüber dem Manne zu wachen scheint. 

Eine ganz andre Seite des höchsten guten Wesens repräsentiert 
Bhaga, der milde, freundliche Gott, der gütig und reichlich Spen- 
dende, — eine sehr charakteristische Konzeption des höchsten We- 
sens als des durchaus gütigen und wohlwollenden. Ihm nächst ver- 
wandt, ja nur ein bloßer Doppelgänger des Bhaga ist A 1119a, der 
freundlich anteilgebende Gott. Endlich Daks ha, das höchste Wesen 
als weiser Schöpfer und Vater der Götter gedacht. Der 7. Aditya 
wird nicht genannt, — welcher Gott diese Stelle ursprünglich ein- 



1 Unter Freundschaft ist hier natürlich etwas andres gemeint, als spatere 
Zeiten darunter verstehen. Es handelt sich nicht um sentimentale Beziehungen, 
sondern um ein weit primitiveres Treueverhältnis. Die Freunde, das sind in der 
alten Zeit die Stammesgenossen, die Verwandten und die Verbündeten, mit denen 
man durch Bund und Vertrag in ein Friedensverhältnis getreten ist. Es ist sehr 
charakteristisch, daß das slavische Wort Mirü, welches dem indischen Mitra Freund- 
schaft' entspricht, die doppelte Bedeutung ,Volksversammlung 4 und ,Frieden* hat. 
In der Volksversammlung finden sich eben die Stammesgenossen, die Blutsgenossen 
und Verwandten zusammen, — das ist die , Freundschaft' im älteren Sinne; wird 
aber durch Bund und Vertrag zwischen zwei Stämmen die Fehde beendet, der 
Friede geschlossen, dann ist das auch ,Freundschaft c . — Ebenso wird durch die 
Verheiratung eine neue ,Freundschaft', d. h. Verwandtschaft, gewonnen — und in 
diesem Sinne, für ,Verwandtschaft', ist uns das Wort aus älterer Zeit auch noch 
geläufig. — Nur um Freundschaft in diesem Sinne handelt es sich bei Mitra und 
auch bei Aryaman. 



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L. V. SCHROEDER. 



nahm, welche Hypostase des Himmelsgottes die Reihe ursprünglich 
in vorvedischer Zeit ergänzt haben dürfte, läßt sich, wie ich meine, 
mit ziemlicher Sicherheit ausmachen. Es fehlt in dieser Reihe eine 
sogar sehr wichtige Gestalt des Himmelsgottes, die eigentlich nicht 
fehlen dürfte, — der Himmelsgott als der gewitternde, als der im 
Gewitter zürnende und schreckende, aber auch segnende und be- 
fruchtende Gott. Später sehen wir Indra an dieser Stelle, zu den 
Adityas gerechnet (Väl. 4, 7 und TBr 1, 1, 9, 1 — 3), — aber Indra, 
der derbsinnliche, trink- und eßlustige Gewitterriese, paßt seinem 
ganzen Wesen nach nicht in die Reihe dieser Götter. Er hat hier 
aller Wahrscheinlichkeit nach einen älteren Gewittergott verdrängt, 
der den Adityas wesensähnlicher war, und das kann kein andrer 
gewesen sein als Parjanya, — ein Gott, der in der erhabenen 
Schilderung des Rigveda sehr deutlich gerade als das hervortritt, was 
wir vermißten, als der im Gewitter zürnende, die Übeltäter schreckende 
und schlagende Gott, der aber doch auch im Regenguß befruchtet 
und segnet, — ein Gott, der ganz frei von Indras Schwächen, groß 
und rein dasteht, der Adityas würdig, ein Bestrafer des Bösen. Ihn 
allein neben Dyäus und Varuna nennt der Rigveda ,Herr* und 
,unser Vater' zugleich (dsurah pita nah)] und deutlich entsprechen 
ihm bei den verwandten Völkern die verwandten Gestalten des Per- 
kunas-Pehrkons-Fjörgynn. 1 

Varuiia und seine Brüder heißen Adityas, Söhne der Aditi, d. i. 
der Nichtgebundenheit, der Freiheit. Welche Freiheit gemeint ist, 
halte ich nicht für zweifelhaft. Nichts ist charakteristischer für diese 
Götter, als daß sie fort und fort angefleht werden um Befreiung von 



1 Bezüglich der Form müssen wir annehmen, daß Parjanya auf älteres Par- 
canya zurückgeht (vgl. Grassmanns Wörterbuch s.v.); die Erweichung von c zu j 
findet eine genaue Parallele in dem vedischen tuj /. , Kinder, Nachkommenschaft 4 
neben dem ganz gleichbedeutenden tue. Sie laßt sich auch durch andre Erwägun- 
gen noch stützen, wie z. B. die Wahrnehmung prakritisierender Formen im Veda, 
namentlich aber durch Annahme volksetymologischer Anlehnung an die Wurzeln 
par ,füllen' und jan , zeugen'. Parjanya ist ja ein durch den Regen in hervor- 
ragendem Maße befruchtender, zeugerischer Gott. 




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Über den Glauben an ein höchstes gutes Wesen etc. 



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den Fesseln und Stricken der Schuld, der Sünde. So ist Aditi nicht 
die Unendlichkeit, wie man wohl gemeint hat, sondern die Freiheit 
von Schuld und Sünde, die sittliche Freiheit. 

In diesem Sinne singt der große Dichter Vasishtha: 

Wir möchten frei von Banden sein, ihr Adityas, 
Vor Göttern und vor Menschen eine feste Burg! 1 

Aditi ist eine abstrakte Gottheit rein indischer Prägung, ihre 
Söhne aber sind älter als sie. Schon die indopersische Einheitsperiode 
kannte einen entsprechenden Götterkreis, den höchsten Himmelsgott 
mit ethischem Kern, umgeben von sechs wesensverwandten Genien, 
Hypostasen, Abspaltungen seines eigenen Wesens. Auf diesen Kreis 
geht der persische Ahuramazda mit seinen sechs Amesha 9pentas zu- 
rück, nur daß die Reformation des Zarathustra aus den letztern rein 
abstrakte Gestalten gemacht hat. Sie hat auch den alten Himmelsgott 
in eine höhere, geistigere Sphäre hinaufgehoben, hat die Naturseite 
seines Wesens so gut wie ganz abgestreift, hat ihn zum rein geisti- 
gen Schöpfer und Lenker der Welt gemacht und das Ethische seines 
Wesens so scharf, so energisch herausgearbeitet, wie kein andres 
arisches Volk, so daß nun die ganze Weltentwicklung als ein Kampf 
dieses höchsten guten Wesens mit dem ihm entgegenstehenden Reiche 
des Bösen erscheint. Hier wird er auch nie mehr Himmel genannt, 
sondern nur Ahuramazda, der weise Herr. Bagha, der Gütige, aber 
blieb sein Beiname und bedeutet hier geradezu so viel wie Gott. 
Neben ihm blieb Mithra als ein großer Gott der Treue bestehen, 
mit Ahura eng verbunden, ja bisweilen ihm gleich hoch gewertet. 

Wie der große Gott, der Vorfahr des Ahura und Varuna zu- 
gleich, in der indopersischen Zeit genannt wurde, steht nicht ganz 
fest. Er trug wohl auch mehr als einen Namen. Man nannte ihn 
vielleicht Dyäus Asura ,Himmelherr' wie Bradke vermutet hat, 
oder auch Asura ,Herr' allein; vielleicht auch noch Dyäus pitar 
,Hiramelvater', vielleicht daneben auch Varuna -Varena ,der Um- 

1 Rv 7, 52, 1 : ddityäSo dditayah syäma 





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L. V. SCHROEDER. 



fasser'. Es sind das alles Namen desselben alten Himmelsgottes und 
höchsten guten Wesens. Die Siebenzahl des Kreises, dessen Mittel- 
punkt er bildet, beruht wohl nur darauf, daß die Sieben schon der 
indopersischen Einheitsperiode als heilige Zahl galt, — vielleicht, ja 
wahrscheinlich, zufolge babylonischen Einflusses. Im übrigen sind es 
rein arische Götter und Oldenbergs Theorie, nach welcher Varuna 
ursprünglich ein semitischer Mondgott wäre, ist ganz ohne Boden, 
— wie ich schon früher gezeigt habe. 

Wenden wir uns zu den Griechen, so unterliegt es keinem 
Zweifel, daß wir in ihrem Zeus oder Zebq Tuar^p den direkten Ab- 
kömmling des urarischen Himmelvaters vor uns haben, wie schon 
der Name besagt. Hier dürfen wir uns vor allem nicht irre machen 
lassen durch jene Liebes- und Ehebruchsgeschichten, die von lüster- 
nen Dichtern so viel und gern variiert worden sind. Sie ruhen auf 
der uralten Vorstellung von der allgewaltigen Zeugungskraft des 
Gottes, aber sie sind zweifellos erst später, erst auf griechischem 
Boden entwickelt, vielleicht zum Teil unter fremdem Einfluß. Weder 
der altrömische Jupiter, noch die entsprechenden Götter der Inder, 
Perser, Germanen usw. wissen etwas davon. Und es lebt im griechi- 
schen Kultus ein echteres, reineres Bild des Gottes und spiegelt sich 
auch in den Gedanken ernsterer Dichter und Philosophen. Zeus ist 
unbestritten der höchste Gott des ganzen hellenischen Volkes, — 
er ist der Himmelsgott, nicht nur Lichthimmelgott, im Äther 
wohnend, sondern auch der Wolkensammler, der in Donner und 
Blitz zürnt und schreckt. Er ist der Vater der Götter und Menschen, 
ihr Regierer und Lenker, der König der Welt. Zeus ist aber auch 
der Gott der heiligen Ordnung, auf welcher alle menschliche 
Gemeinschaft ruht; der Gott, der Familie und Staat, das häusliche 
und eheliche Leben schirmt; der über der Volksversammlung wie 
über der Vereinigung der hellenischen Stämme schützend und über- 
wachend thront; der Gott, der über der Treue, über Eiden und Ver- 
trägen wacht, der Schwurgott; der Gott, der Freundschaft und Völker- 
bündnisse schützt und heiligt; der Gott, der den Frevel furchtbar 
straft, der ihn aber auch milde und gnädig zu sühnen und zu tilgen 




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Über den Glauben an ein höchstes gutes Wesen etc. 13 

vermag; kurz, der große sittliche Gott, der es wohl verdient, wenn 
er auch ,der Gott' schlechthin, 6 6e6$, genannt wird. 

Es ist kein Zweifel, wir haben in ihm den Himmelsgott und 
das höchste gute Wesen in einer Person, wie in Varuna. Er ist aber 
auch Gott des Krieges und Sieges, der Siegverleiher, — eine 
Eigenschaft, die wir bei Varuna und seinen Brüdern kaum ausgeprägt 
finden. Eine geschlossene, herrlich künstlerisch ausgeprägte Gestalt, 
die als Eigenschaften und Beinamen jene verschiedene Züge in sich 
vereint, welche in den Brüdern des Varuna sich von diesem selbst- 
ständig abgelöst haben. Der Zsü; rcaT^p, aiöepi vatcov, jjisuu'xioc, uetio^, 
Sfxßptog, Tzi<mo$, Spxtoc, ^uycoq, Yajx^Xtoq, cpDuoc, sxatpeioc, ayopato?, ßouXalo^, 
IXeuöepioc, aXtr^ptoc, xaöapGto^ cwn^p usw. usw. ist doch immer der- 
selbe eine Zeus! Nur ein alter Name des Himmelsgottes hat sich 
hier selbständig als Person abgelöst: Uranos, der Großvater des Zeus 
und Urvater des Göttergeschlechtes, der Gatte der Erde, — der hier 
also wesentlich in derselben Stellung erscheint wie Dyäus im Rig- 
veda. Sein Name fällt mit dem des Varuna zusammen, wie der des 
Dyäus mit Zeus. Dem Wesen nach aber entspricht vielmehr Varuna 
dem Zeus, Uranos dem Dyäus. Der urarische Himmelsgott trug beide 
Namen, der Leuchtende und der Umfasser, Lichthimmel und Fir- 
mament. Sie konnten bei einer Spaltung sich so oder so verschieben 
und verteilen, es konnte ebensowohl der Lichthimmel wie der Um- 
fasser den ethischen Kern des alten Himmelvaters erben, — das 
war nicht wesentlich. Wenn man aber früher, pedantisch au die 
Namen sich haltend, nur immer Dyäus mit Zeus, Varuna mit Uranos 
verglich, dann mußte das freilich ergebnislos bleiben, — aber nur, 
weil man nicht richtig zu vergleichen wußte und ganz unter dem 
Banne der sprachlichen Formen stand. 

Die Römer bieten uns in ihrem Jupiter ebenso unzweifelhaft 
den urarischen Himmelvater, nur in römischer Prägung. Er ist un- 
bestritten seit Alters der höchste Gott der italischen Arier. Er ist 
Himmelsgott, Lichthimmelgott, Herr des lichten Tag- wie des 
strahlenden Nachthimmels; ebenso aber auch der Regen-, Donner- 
und Blitzgott, Jupiter Pluvius, Tonans, Fulgur. Er ist der Vater, 



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L. V. SCHROEDER. 



ist der Lenker und Regierer der Welt, der Götter und Menschen. 
Er ist der gute, freundliche, spendende, segnende Gott: Jupiter Al- 
mus, Frugifer, Ruminus, Liber. Er ist aber auch nicht minder der 
ernste, strenge, große Gott der geheiligten sittlichen Ordnung, des 
Rechtes, der Treue, der Schwüre, der Verträge und Bündnisse. Als 
Jupiter Terminus schützt er das Grundeigentum, als Dius Fidius, 
Jupiter Lapis und Feretrius ist er der große Treugott und Schwur- 
gott im privaten wie im öffentlichen Leben. Besonders eindrucksvoll 
ist dieser letztere Jupiter Lapis-Feretrius, der Jupiter , Stein', der 
schlagende Gott — Feretrius von ferire — , dessen Priester, die Fe- 
tialen, im Namen des Gottes die Völkerbündnisse zu schließen, den 
Schwur im Namen des römischen Volkes zu leisten hatten. Der 
Stein, das Symbol des Gottes, ein Kiesel, im ältesten Jupitertempel 
Roms aufbewahrt, ist ein Donnerstein. Es ist unzweifelhaft der im 
Gewitter zürnende und schlagende Himmelsgott, der hier als Rächer 
des Treubruchs angerufen wird. Dieser Gott wacht über dem Bunde 
der latinischen Völker, wie Zeus über dem der hellenischen, er ist 
insbesondere Schutzgott des römischen Staates. Er wacht aber auch 
über dem ehelichen Bunde, spielt bei der Eheschließung eine Rolle, 
ist Glücks- und Segensgott der Familie. Ein reiner und heiliger Gott, 
dem die bekannten Liebeshändel des Zeus ganz fremd sind. Noch 
mehr fast als dieser erscheint er aber auch als großer Kriegs- und 
Siegesgott seines Volkes. Auch er ist wie Zeus eine einheitliche, 
große Gestalt, noch strenger geschlossen wie jener. Dius Fidius, 
Terminus, Liber spalten sich freilich im Laufe der Zeit als selbst- 
ständige Gestalten von ihm ab, — doch ohne daß der Zusammen- 
hang ganz abreißt, ohne daß dadurch der große Gott an Einheit und 
Größe etwas verliert. 

Noch energischer ist bei den Germanen der alte Himmelsgott 
zum Kriegsgott geworden. Dabei ist es nicht von wesentlicher Be- 
deutung, ob der Name Zio-Tyr mit Dyäus und Zeus unmittelbar zu 
identifizieren ist, oder ob er, wie jetzt einige wollen, auf altes Deiwos 
zurückgeht und eigentlich ,der Gott' bedeutet. Im letzteren Falle 
wäre er eben als der Gott schlechthin bezeichnet, wie auch Litauer 




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Über den Glauben an ein höchstes gutes Wesen etc. 



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und Letten ihren höchsten Gott nannten, wie nur der höchste Gott 
heißen kann. Sehr möglich übrigens auch, daß hier beide Formen 
— Dyäus und Deiwos — in einer zusammengeflossen sind, nachdem 
sie durch lautliche Prozesse identisch geworden. Daß Zio aber nicht 
nur oberster Gott und Kriegsgott 1 war, sehen wir deutlich aus dem 
altfriesischen Tiuz Thingsaz, — dem kriegerischen Zio, der zugleich 
über der Recht sprechenden Volksversammlung, dem Thinge, wacht 
und ihm idealiter vorsitzt, — ähnlich wie der Zeus cqopaioc, ßouXaicc. 
Das kann nur der Gott sein, der über Recht und Unrecht wacht, 
der ethische Gott, das höchste gute Wesen. Ihn kannten noch andre 
germanische Stämme, wie der Name des Dienstag als Dingstag, 
Dingsedach, neben Ziestac, beweist. Die Friesen aber besaßen in 
ihrem Fosete auf Helgoland die kraftvolle Parallelgestalt eines großen 
Gottes, der alles Rechtes Urquell ist. Baiern und Österreicher 
haben einen ganz anderen Namen für den Dienstag: Eritag, Erchtag, — 
und schon längst hat man mit Recht einen anderen Namen desselben 
Gottes daraus erschlossen: den Namen Ere, Eri, Erch. Dieser Name 
wird jetzt ganz richtig, z. B. von Mogk, mit dem vedischen Adjektiv arya 
zusammengebracht. So erklärt sich am besten die Form Erch neben 
Eri, ähnlich wie Ferge, Scherge auf fario, scario zurückgehen. Arya 
aber bedeutet ,freundlich, hold, treu zugetan' und wird im Veda 
nicht selten von Göttern wie auch von Menschen gebraucht. Es ist 
aufs nächste verwandt mit Aryaman, welcher Name nur durch das 
Suffix man erweitert erscheint, — ja man kann es geradezu Aryaman 
gleichsetzen, als wesentlich gleichbedeutende Nebenform. Und so finden 
wir, daß der kriegerische Himmelsgott der Germanen auch einen 
Namen trug, der von dem des Aditya Aryaman nur durch den Man- 
gel eines erweiternden Suffixes abweicht. Auch er hieß der Freund, 
der Getreue, der gütige, freundliche Gott. Das in Eri fehlende Suffix 



1 Wenn Saxnot, wie die Germanisten annehmen, ebenfalls ein Beiname des 
germanischen Himmelsgottes ist, dann spricht sich in demselben seine kriegerische 
Natur unmittelbar deutlich aus, denn Saxnot heißt , Schwertgenoß' (vgl. W. Golthkk, 
Handbuch der germanischen Mythologie, p. 214). 




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L. V. SCHROEDER. 



man zeigt ein andrer Name des germanischen Himmelsgottes, der in 
andrer Art wohl auch mit Aryaman verwandt sein dürfte: Irmin, 
Ermin, nach dem sich die Erminonen nannten. Andre Namen des- 
selben Gottes stecken in den Namen der Ingvaeonen und Istvaeonen. 
Ingvi hieß der Freund, der enge, nahestehende Freund, 1 wie Much 
gezeigt hat, bedeutete also ganz dasselbe wie Mitra, resp. auch 
Aryaman; Ist vi ,der Echte, Wahre, Wahrhaftige', mit slavischem 
istovü, istu ,wahr, recht' verwandt, wie Heinzel gezeigt hat. Ingvi 
begegnet uns auch in Skandinavien und ist ein Beiname des Freyr, 
der — wie Mogk ganz richtig darlegt — ebenfalls als eine Hypo- 
stase des altgermanischen Himmelsgottes zu betrachten ist. Freyr 
bedeutet der Herr (— frauja, frö), dasselbe also wie Ahura-Asura bei 
Persern und Indern. Seinen Doppelnamen Yngvi- Freyr könnte man 
geradezu durch Mithra-Ahura, resp. Mitra- Asura, übersetzen. Bevor 
Odin im Norden zum großen Himmelsgott aufstieg, nahm wahrschein- 
lich Freyr diese Stellung ein, wenigstens in Schweden. 2 Noch nennt 
ihn die Edda einmal den Fürsten der Götter und es heißt, die 
Götter seien vom Geschlechte Yngvifreys. Freyr ist Lichtgott und 
Herr über Regen und Sonnenschein, der alles gedeihen läßt. Er 
erscheint vor allem als der reichlich spendende, segnende Gott, ein 
Jupiter Liber und Ahaus, ein Bhaga. Aber er ist auch der Schirm er 
des Friedens und des Rechtes, der Rächer erlittener Unbill, er ist, 
wie Jupiter und Zeus, in ganz hervorragendem Maße der altskan- 
dinavische Schwurgott, — neben Njördhr, einer andren Hypostase des 
Himmelsgottes, einem ganz zurückgedrängten Göttervater und Segens- 
gott, einem älteren Freyr oder Bhaga, — w T ie andrerseits auch neben 
Odin und Thorr, dem späteren Himmelsgott und dem späteren Ge- 
wittergott. Und in diesen Eigenschaften erkennen wir seinen alten 



1 Vgl. goth. aggwus ,enge', für den Bedeutungsübergang das griech. ay^iatos, 
englisches slrait, dose. 

2 Schon Freyr hatte wohl in Schweden den Tyr in den Hintergrund ge- 
drängt, ehe Odin kam. In Norwegen blieb Tyr wohl noch länger in seiner alten 
Stellung. Nach Prokop wäre Tyr noch im 6. Jahrh. der höchste Gott in Skandinavien 
gewesen (vgl. W. Golthek a. a. O., p. 212). 



C c\r\ci\p Original from 

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Uber den Glauben an ein höchstes gutes Wesen etc. 



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ethischen Kern. Auch Heimdallr ist eine verdunkelte Hypostase 
des alten Himmelsgottes, was schon Grimm geahnt hat, — Heimdallr, 
der über der Welt Leuchtende, der himmlische Wächter, dessen 
Kinder und Söhne die Menschen heißen. Der ganze, alte, durch den 
Odinkult zurückgedrängte Götterkreis der Vanen, der lichten, freund- 
lichen Himmelsgötter, der ,Freunde', wie Much den Namen über- 
zeugend erklärt hat, ist dem der indischen Adityas wesensverwandt. 
Es fehlt aber auch nicht daneben die Hypostase des donnernden 
Himmelsgottes, und das ist der alte, verdunkelte Fjörgynn, — 
während Thorr einer völlig andren Gestalt, dem Gewitterriesen Indra 
verwandt ist. Fjörgynn fällt mit Parjanya zusammen, den ich als 
den 7. Aditya reklamiere; nicht minder mit den Perkunas-Pehrkons 
der Litauer und Letten. 

Ehe ich von diesen rede, nur ein Wort von den Kelten. Wir 
wissen ja nur wenig von ihrer Religion, dennoch hat Much es sehr 
wahrscheinlich gemacht, daß auch bei ihnen der Himmelsgott wesent- 
lich kriegerisch gedacht ist, wie bei den Germanen. Auch königlich 
ist er gedacht, auch ein Lichtgott, ein Donnergott, — in mehreren 
Hypostasen. Das muß uns heute genügen. 

Bei den Letten und Litauern wurde, wie es scheint, der 
alte Himmelsgott als ,der Gott' schlechthin oder , Gottchen' bezeichnet, 
dievas, deewinsch. Es geht dies schon aus der Rolle hervor, welche 
dieser Gott oder Gottchen in den Mythen und Liedern jener Völker 
spielt, wie schon Mannhardt gesehen hat. Es wird weiter durch den 
Umstand bestätigt, daß die benachbarten finnisch-estnischen Völker 
den Himmel geradezu mit dem altarischen Namen für ,Gott' be- 
nennen: taivas, taevas, aus dem arischen deiwos ,Gott' entstanden. 
Daneben aber finden wir den Donnergott Perkunas-Pehrkons, den 
gewitternden Himmelsgott — ein Jupiter Tonans, Fjörgynn-Parjanya 
— bald als besondere Gestalt neben ihm, bald aber auch gar nicht 
von ihm zu unterscheiden, mit ihm identisch. Denn, wie schon Grimm 
bemerkt und Solmsen bestätigt, den Litauern ist ihr Perkunas ge- 
radezu ,der Gott', dievas, deivaitis. Wir sehen, die Ablösung, die Hy- 
postasierung ist hier nicht völlig vollzogen, sie ist gewissermaßen nicht 

Wiener Zeitscbr. f. d. Kunde d. Morgenl. XIX. Bd. 2 




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18 L. V. SCHROEDER. 

bis zur Wurzel durchgeführt. Lichthimmelgott und Gewittergott sind 
unterschieden und doch auch wieder eins. 

Bei den Slawen steht es ähnlich, nur daß wir da doch wenig- 
stens etwas mehr wissen. Sowohl die südlichen wie auch die nörd- 
lichen Slawen glaubten schon in der Heidenzeit, nach dem Zeugnis 
des Prokopius, Helmold u. a., an einen höchsten Gott, der im 
Himmel waltet und alles regiert. Es erscheint aus verschiedenen 
Gründen wahrscheinlich, daß die Slawen diesen höchsten, allwalten- 
den Himmelsgott einfach Bogü nannten, d. h. den ,Gott' schlechthin, 
denn bogü ist die allgemeine Bezeichnung für Gott bei den Slawen. 
Bogü ist nichts andres als das indisch-persische Bhaga (Baga), es 
bezeichnet den Gott also als den gütigen, wohlwollenden, milden, den 
freundlich und reichlich spendenden. 1 Aber die Slawen haben auch 
ihren ge witternden Himmelsgott Perun, die kraftvollste und ge- 
waltigste Gestalt unter ihren Göttern, der von dem großen freund- 
lichen Himmelsgott bald unterschieden, bald auch mit ihm eins zu 
sein scheint, ganz ähnlich wie wir das bei den Litauern sahen. Die 
Spaltung ist nicht so weit durchgeführt wie bei Indern und Germa- 
nen, die Einheit aber auch nicht so kraftvoll deutlich wie bei Zeus 
und Jupiter. Doch nennt schon Prokopiüs jenen höchsten Gott der 
Slawen ,den Bewirker des Blitzes, den alleinigen Herrn über alle 
Dinge', wonach also dieser höchste Himmelsherr auch zugleich der 
Gewittergott ist, also Perun. Der Name des Perun hängt nicht mit 
Perkunas-Parjanya zusammen. Er kommt von einer slawischen Wurzel 
per und bedeutet den ,Schläger', den schlagenden, treffenden Gott, 
— bedeutet also ganz dasselbe wie der alte Jupiter Feretrius, in 
dessen Tempel der Donnerstein, der Jupiter Lapis, aufbewahrt wurde. 
Ja die Slawen nennen den Donnerstein Perun kamenj, Perun Stein, 
eine Bezeichnung, die sich mit dem ,Jupiter Lapis* merkwürdig 



1 Daß die Slawen diese Gottesbezeichnung von den Persern entlehnt hätten, 
ist eine fast UDgeheuerliehe Vermutung neuerer Zeit. Weder in der Form, noch 
im Inhalt des Wortes liegt irgend etwas, was für diese Annahme sprechen könnte. 
Der Umstand aber, daß das ganze weite Gebiet der Slawen, bis zur Ostsee herauf, 
einmütig diese Gottesbezeichnung aufweist, macht dieselbe total unmöglich. 



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Über den Glauben an ein höchstes gutes Wesen etc. 19 



deckt. Bei Bogü und Perun schwuren die Slawen ihren Treueid, 
wie uns die Chronik des Nestor zeigt, — daneben auch noch bei 
dem Viehgott Wolos, der vielleicht ein alter Sonnengott war, dem 
Püshan verwandt. Der Name Bogü zeigt die milde, freundliche Seite 
des Himmelsgottes, der Name Perun die dräuende, schreckende, 
strafende. Als der himmlische Wächter über den Treueid zeigt 
Bogü Perun seinen ethischen Kern. 

Dieselbe Doppelgestalt eines gütigen, segnenden und eines ge- 
witternden Himmelsgottes tritt uns bei den Phrygern entgegen, 
einem nach Kleinasien gewanderten thrakischen Stamme. Neben dem 
donnernden und blitzenden Zeus, dem Zsu^ BpovTßv y,at 'AsTpaxuov, 
verehrten sie nach griechischem Zeugnis den Zeus Bagaios, d. h. 
den Himmelsgott mit dem Beinamen Baga, das ist eben der gütige, 
milde, segnende Himmelsgott. Der Name Baga ist uns schon wohl 
bekannt. Die Phryger hatten also auch gewissermaßen ihren Bogü 
und Perun nebeneinander; deren ursprüngliche Wesenseinheit wohl 
noch deutlich empfunden wurde, wie der übereinstimmende Haupt- 
name Zeus uns beweist. 1 

Die den Phrygern stammverwandten Bithynier hatten ihren 
Zeus Papas oder Pappoos, d. h. einen Himmelsgott, welchen sie 
Pappa , Väterchen' nannten, gerade so wie uns das auch von den 
Skythen mit ihrem Zeus Pappaios bezeugt ist. Vielleicht kannte 
die Urzeit schon bei der Bezeichnung des Himmelsgottes als des 
Vaters auch diese vertrauliche Koseform , Väterchen', — der Pappa, 
der Alte da droben. Sicher feststellen läßt sich das natürlich nicht. 



1 Bagaios heißt nicht etwa ,Eichengott', wie Torp vermutet hat, sondern ist 
genau ebenso zu erklären wie der Zsu; IIa7uwcto<; der Skythen. Das ist ein Zeus der 
Skythen mit dem Beinamen Pappa = Vater, Väterchen; so ist Zeus Bagaios ein Zeus 
der Phryger mit dem Beinamen Baga, — gewissermaßen der Baga-ische Zeus, wie 
dort der Pappa-ische Zeus. — Das alte Baga lebt auch bei den mit den Phrygern 
nahe verwandten Armeniern wenigstens in Zusammensetzungen, in der Form 
bag- (= Gott), weiter fort. Dies armenische Wort- als eine Entlehnung aus dem 
iranischen Sprachgebiet zu betrachten, wie einige meinen, scheint mir nicht not- 
wendig. 




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L. V. SCHROEDER. 



Wenn wir bei diesen letzteren Völkern, wie auch bei Kelten 
und Litauern, von dem ethischen Kern des Himmelsgottes nichts 
erfahren, so darf daraus bei der großen Dürftigkeit des Materials 



teil werden wir, nach dem Zeugnis der Inder, Perser, Griechen, 
Römer, Germanen und auch Slawen, bei dem urarischen Himmels- 
gotte den großen ethischen Kern vielmehr unbedingt voraussetzen 
müssen, — wir werden annehmen müssen, daß derselbe diesen 
Völkern eben nicht nur Himmelsgott, sondern auch das 
höchste gute Wesen war. Damit ist für die Urzeit durchaus 
keine höhere Kulturentwicklung postuliert, denn — wie wir schon 
gesehen haben — findet sich dieser Glaube ja vielmehr gerade bei 
den primitiven Völkern sehr deutlich vor. 

Uberschauen wir das ganze Gebiet, so fällt es in die Augen, 
daß sich die arischen Völker bezüglich ihres Glaubens an einen 
großen Himmelsgott ganz natürlich in zwei große Gruppen sondern 
lassen : 

1. in eine östlichere Gruppe, in welcher der Gott als Bhaga- 
Bogü hervortretend milde und gütig charakterisiert erscheint; — 
dazu gehören die Inder und Perser mit ihrem Bhaga (Bagha, Baga), 
die Phryger mit ihrem Zeus Bagaios, resp. auch die Armenier, und 
die Slawen mit ihrem Bogü; 

2. in eine westlichere Gruppe, welcher die Bhaga-Bezeich- 
nung ganz zu fehlen scheint und welche dafür den großen Himmels- 
gott als Kriegsgott ausgeprägt hat, welche Eigenschaft er in der 
östlichen Gruppe gar nicht oder kaum besitzt; dahin gehören die 
Griechen, die Römer, die Kelten und insbesondre die Germanen. 

Diese Scheidung der arischen Völker in Bhagavölker und 
Kriegsgottvölker, wie ich sie nennen möchte, erscheint aus dem 
Grunde noch besonders bedeutsam, weil sie geradezu zusammenfällt 
mit einer andern tiefgreifenden Unterscheidung derselben Völker, 
resp. ihrer Sprachen, zu welcher man neuerdings im Kreise der 
Sprachforscher unter allgemeiner Billigung gelangt ist. Es ist dies 
die Unterscheidung von Centumsprachen und Satemsprachen, resp. 



selbstverständlich kein negativer Schluß gezogen werden. Im Gegen 




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Über den Glauben an ein höchstes gutes Wesen etc. 



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Centum- und Satemvölkern, welche auch durch das geographische 
Moment des ursprünglichen räumlichen Zusammenhanges dieser Völ- 
kergruppen in bemerkenswerter Weise unterstützt wird. Zu den 
Centum Völkern, welche den Westen des arischen Sprachgebietes ein- 
nehmen, rechnet man die Griechen, Italiker, Kelten und Germanen; 
zu den Satemvölkern, die sich im Osten ausbreiten, gehören die 
Inder, Iranier, Armenier, Phryger, Thraker, Illyrier (Albanesen) 
und Slawen-Litauer. Man sieht deutlich: Die im Westen wohnenden 
Centumvölker fallen ganz zusammen mit unseren Kriegsgottvölkern, 
die im Osten lebenden Satemvölker mit unseren Bhagavölkern, — 
soweit uns überhaupt ausreichende religionsgeschichtliche Nachrichten 
vorliegen. 1 

Dieser Gegensatz der arischen Kriegsgott- und Bhagavölker, 
der sich in ihrer Ausprägung der Gestalt des großen Himmelsgottes 
geltend macht, ist ohne Zweifel psychologisch tief begründet. Es ist 
gewiß kein Zufall, daß die Ersteren, daß Germanen, Kelten, Römer 
und Griechen sich vor allen Ariern durch Kriegslust und Kriegs- 
tüchtigkeit besonders auszeichnen, während die letzteren, namentlich 
Inder und Slawen, entschieden weicher angelegt, weniger zu Kampf 
und Streit geneigt, in höherem Maße von der Idee des Mitleids 
beherrscht sind. Ich erinnere an die früh entwickelte weiche, weib- 
liche Moral der Inder, ihr tat tvam asi 7 ihren Buddhismus, die Be- 
handlung der Tiere usw. Ich erinnere an die zum Mitleid geneigte 

1 Da die Phryger ein Stamm der Thraker sind und die Armenier nach 
glaubwürdiger Tradition sich von den Phrygern abgezweigt haben, dürfen uns die 
letzteren wohl als Repräsentanten auch für die Thraker und Armenier gelten, von 
denen uns entsprechende Nachrichten fehlen. Von der alten Religion der Albanesen 
wissen wir leider nichts, so daß diese weder pro noch kontra in Betracht kommen. 
Auffallend ist bloß, daß die Bhaga-Bezeichnung nicht, wie zu erwarten wäre, auch 
bei Litauern und Letten nachweisbar ist. Indessen werden wir diese Völker darum 
doch von ihren nächsten Verwandten, den Slawen, nicht trennen können. Zu den 
Kriegsgottvölkern gehören sie keinesfalls, da ihnen eine derartige kriegerische 
Ausprägung des Himmelsgottes durchaus abgeht, — und ihr , Gottchen' steht dem 
slavischen Bogü dem Wesen nach jedenfalls näher, wenn auch die letztere Bezeich- 
nung fehlt. Immerhin muß zugegeben werden, daß hier eine, wenn auch nicht be- 
deutende, Lücke in der Beweisführung vorliegt. 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



22 



L. V. SCHROEDER. 



weiche Volksseele der Russen, ihre Beurteilung der Verbrecher als 
der ^Unglücklichen', an Tolstois Ideen usw. usw. 

Es läßt sich aber noch ein andres charakteristisches Moment 
ergänzend hinzufügen, durch welches sich Kriegsgott- und Bhaga- 
völker in ihrem Himmelsgottglauben unterscheiden. Der Himmelsgott 
erscheint bei den Centum- oder Kriegsgottvölkern als der ideale 
Vorsitzer und Schutzherr der Volksversammlungen, der Stammes- 
und Völkerverbände, der Schutzherr endlich auch des Staatswesens, 
wo sich ein solches schon entwickelt hat. Bei den Satem- oder Bhaga- 
völkern fehlen diese Züge dem Bilde des Gottes. Ich denke, auch 
dieser Unterschied erklärt sich einleuchtend durch den Umstand, 
daß die Centum- oder Kriegsgottvölker zugleich in hervorragendem 
Maße die staatenbildenden Völker unter den Ariern sind. Die Inder 
haben sich in dieser Beziehung nie ausgezeichnet, auch die Perser 
nur mäßig; den Russen mußten erst die Germanen zur Gründung 
ihres Staates verhelfen, und von den anderen Slawen, von Litauern, 
Letten, Phrygern, Thrakern oder Albanesen ist in dieser Beziehung 
schon gar nicht zu reden, — während Römer und Griechen, Ger- 
manen und Kelten seit bald drei Jahrtausenden fort und fort staats- 
schöpferisch und sozialpolitisch wirken. So erscheint auch dieser 
Unterschied völkerpsychologisch wohlbegründet. Die energischeren 
Kriegsgottvölker sind auch die sozialen und staatlichen Bildner, — 
und das prägt sich schon in dem Charakter ihres Himmelsgottes ge- 
genüber demjenigen der Bhagavölker offensichtlich aus. 

Noch auf eins will ich kurz hinweisen. Die hier besprochenen 
Götter sind fast durchweg mythenlose oder zum mindesten mythen- 
arme Götter. Nur Zeus macht da eine auffallende Ausnahme, — 
Freyr eine sehr viel geringere. Die reichen Mythen des Zeus sind 
aber auch ohne Zweifel erst auf griechischem Boden, unter beson- 
deren Umständen und Einflüssen erwachsen, die ich hier nicht schil- 
dern kann. Nichts oder fast nichts davon geht in die Urzeit zurück. 
Das aber ist gerade charakteristisch für diese mehr abstrakten, 
ethischen Göttergestalten. Von Naturgöttern und Seelengöttern wuchert 
der Mythus üppig überall, beim höchsten guten Wesen findet er nicht 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



Uber den Glauben an ein höchstes gutes Wesen etc. 23 

den entsprechenden Boden. Der Mythenerzähler geht an ihm ehr- 
furchtsvoll schweigend vorüber. Nur wo eine sehr starke Verschmel- 
zung dieser Religionswurzel mit den anderen, eine völlige Assimilation 
stattfindet, wie in Griechenland, wird das anders. Unter diesen Um- 
ständen habe ich Sie mit den heute so diskreditierten und sogar 
weit über Gebühr geringgeschätzten vergleichend-mythologischen Be- 
trachtungen nicht zu behelligen nötig gehabt. Was ich Ihnen hier 
geboten habe, war nicht vergleichende Mythologie, sondern ver- 
gleichende Religionsgeschichte. Das höchste gute Wesen ist mythen- 
los, — seine Bedeutung liegt auf ganz anderem Gebiete. So läßt 
uns der angedeutete Umstand nur um so gewisser die besprochenen 
Göttergestalten gerade dieser Religionswurzel zuweisen. 

Und noch eins! Die Vergleich ung lehrt uns eine Fülle primi- 
tiven altarischen Kultes erkennen. Es ist aber immer Naturkult oder 
Seelenkult, — Kult der Sonne, des Feuers, der Vegetationsgeister 
und sonstiger Lebensmächte, wie auch der Seelen und Seelenheer- 
führer. Von einem urzeitlichen Kult des höchsten arischen Gottes, 
des Himmelsgottes, wissen wir wenig oder nichts zu sagen. Das 
darf uns nicht irre machen, im Gegenteil! Es ist ja bekannt: das 
höchste gute Wesen wird von den primitiven Völkern meist nur 
wenig oder gar nicht kultlich verehrt, während dieselben Völker den 
Naturmächten und Geistern Gebete, Ehrung, Opfer aller Art in 
Menge darbringen. So kann uns mangelnder Kult in der Urzeit nur 
noch mehr in der Ansicht bestärken, daß der Himmelsgott der 
alten Arier wirklich das war, was wir behauptet haben: ihr höch- 
stes gutes Wesen! 



rinrull** Original fronn 

CORNELL UNIVERSITY 



Die Tanjore Handschriften von Harihara's 
Srngärabandhapradipika, 

Von 

Bichard Schmidt. 

Nachdem ich dank der liebenswürdigen Bemühungen von 
Hultzsch in den Besitz einer Abschrift der in Tanjore befindlichen 
Manuskripte von Harihara's Sj-ftgärabandhapradlpikä gelangt bin, 
will ich die überraschend unfreundlichen Bemerkungen Leümanns 
— ZDMG lviii, 596 — benutzen , einiges über den Wert dieser 
von Leumann so sehr herbeigewünschten Texte zu sagen. Ich fasse 
mein Urteil darüber dahin zusammen: jetzt, wo mir drei Handschriften 
zu Gebote stehen, die ich NB. sehr genau kollationiert habe, würde 
ich es nicht wagen, eine Ausgabe darauf aufzubauen ! Früher dachte 
ich, es wäre vielleicht manchem damit gedient, einen Text tant bien 
que mal zu lesen zu bekommen, der als Unikum gelten durfte — 
denn, daß Örngäradipikä und Srügärabandhapradipikä identisch wären, 
konnte ich nicht ohne weiteres annehmen — jetzt müßte ich schlecht- 
hin verzichten, da die Verfassung der Tanjore Mss. erbärmlich ge- 
nug ist. Leumann meint freilich, ich gebe mir den Anschein, als ob 
es mir ,auf einen korrekten Text eigentlich gar nicht sehr ankomme'; 
wo und wie ich das getan habe, weiß Leumann besser als ich. 

Der Abschreiber hat beiden Kopien eine vijnapti in Sanskrit 
beigegeben, deren erste lautet: fT^TTW^r^^W^^r^ 10545, 



nnn |p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



Die Tanjobe Handschriften von Haiuhaka's etc. 25 

*mTfTT. ll TrfW'Z ^ITTT^-WT^tfq^l H 1 q a* ? Mf\^t TTf% II 
10537, *N*rrf^ir <j *j^r% *nfri tht ^frr%^: n ^ j^r- 

(59) T^TTT^ (77) *Ntffa^T V^N^TRT fa- 

^Ri: ifM^ f^fa^T Wfrfa eTMlKT 22. 6. 04. 

30 Seiten 4°, Granthaschrift. Ich bezeichne im folgenden dies 
Ms. mit G. 

Das zweite Ms., T, umfaßt 32 Seiten 4° in Teluguschrift. Der 
Abschreiber sagt darüber in der vijnapti : . . . ^ 'J^sNl ^SRfTPJlf 
^^8^ II Er hat aber dies milde Urteil in ein strengeres und gerechte- 
res verwandelt, indem er das ^RfTPJJIT in ^T^T^FIF verändert hat. 

Beiden Mss. gemeinsam ist es, daß sie hinter in, 31 meines 
Textes eine ausführliche Beschreibung der bandha's haben, die dem 
Beiträge zier indischen Erotik p. 594 mitgeteilten Passus entspricht; 
natürlich zahllose Varianten! Ferner haben beide hinter in, 51 einige 
äryä-Strophen in zum Teil fragmentarischer Gestalt. Außerdem ver- 
sagen beide an so ziemlich allen schwierigen Stellen; in den Varian- 
ten zeigen sie große Übereinstimmung. 

T beginnt: 

ifrfft^fWt^r^TO Html cT^TTTO% I 

TtH^n^rfirnTT^TT: wr: ^r^fTm: 11 

1 rot durchstrichen. 

2 rot darübergeschrieben. 

2** 



nnn |p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



26 Richard Schmidt. 

^tTTfT^raiWT ^sfKl3|U! infVq% II 
^ «T ^ T% II 

•^«n^ ii 

In der vijnapti sagt der Abschreiber, das Original sei von 
Würmern zerfressen; er habe aber die fehlenden Buchstaben erraten 
können und nach Gutdünken niedergeschrieben : ^WflK«ilM'^jj^«li«ä 

Nun einige Proben von Varianten, und zwar zunächst von guten : 

i, 1 c GT *TfTW# I d °^T^T^f I 5 b GT T^f^TRft I 16 d GT 
3TCTf*^fa%: I 22 a G «tTOT^pft«*« : I 68 d G ^T^TO^fafffT I 

ii, 3» b GT ^PHsTO^° I 40 d G TOrjf^TT I 72 b T HIT*** I Dazu 
eine Unzahl von Varianten, die ebenfalls gute Lesarten repräsentieren 
— inwieweit sie dem Urtexte angehören, läßt sich freilich bei dem 
mangelhaften Materiale nicht entscheiden. 

Nun aber die schlechten Lesarten, die Lücken, die abweichen- 
den Fassungen von Halbversen u. dgl.! Es fehlen folgende Zeilen: 
i, <>T; 9cG; 13 T; 49/50 G. ii, 2bT; 5 GT; 22 aT; 27 bG; 
3(tb/33aT; 3tib/37aT; 45G; 52b/53aT; 60a— 62aT; 60a— 62bG. 
in, 20 T; 55 GT; 57 b T; 65 GT. 

Törichte Lesarten sind: i, 36 f*sRW«pTTf'T G ; 4 a ^ft^R^I G ; 
6 b W[f*rf\ i?TT G; 7 a •jWBTraT T; 8 a J^WT^H GT[!]; b ^TRT 
*T f^i^^T: WT G; 10 d ^frfTffa^fTT T; 14 a tftflJlKKM^fa Q; 
14 b TftrTTTT^RT T; 15 c fWt G; 19 b ^it *TT*t ^ statt 

ST5T f^fl G; 21 b G; ^H<^T^ GT; 36 b ^WS^T VTK.t T; 

44 a Tf#^T ^nr: *T*TT G(T); 44 b f<M*HHlf?T*faT G; °*faTf^hrT 
T; 64 b T für ^TT; etc. etc. etc. ^Rt^J^TS fwf^m^ N 



rw"*nl*> Original from 

,kJXJ ö lS - CORNELL UNIVERSITY 



Die Tanjore Handschriften von Harihara's etc. 27 

In den Unterschriften zu den drei Kapiteln finden wir auch 
keine erheblichen Schätze. Der Kolophon zu i lautet : Tfff ^f^TT- 
qqqqgqqK^fl^g^Tyf^ [T: ^F*rfw$°] ffT?T°; 

zu n: ebenso, nur TTT fehlt in GT und statt des letzten ahka 
hat T *gf<; zu in: l^T ^fW^:^cT^^Ti?f4(^^r l *5RI , ?: [T: 
sp^rftr ]. 

Endlich noch ein Wort zu i, 70, wo mein ^XT: bzw. ^Sprf 
Leumanns Widerspruch herausgefordert haben. Im Devanägarl kommt 
im vorliegenden Falle nicht viel darauf an, ob ursprünglich avasäh 
bzw. avaiatärjfi dagestanden hat: hier wird dadurch in der Tat ,das 
Schriftbild nur wenig verändert'. Im Grantha und Telugu liegt die 
Sache anders; diese beiden Alphabete unterscheiden bekanntlich 
su und sva so deutlich, daß von einer Verwechslung nicht die Rede 
sein kann. Meine beiden Mss. lesen nun strtsu vaSatüml Aber es 
sind ja schlechte Mss.? Nun, schon im ,Cappeller' steht unter vaSatä 
,das Untertansein, Abhängigkeit'; im piv. finde ich unter vasa die 
Bedeutungen ,untertan, abhängig'; bei vaiatä steht , Abhängigkeit' ; 
dagegen bei avasa: ,keinem fremden Willen Untertan, unabhängig, 
frei, sich frei gehen lassend'; dann: ,wider Willen gehorchend, in- 
vitus'. Auf Grund dieser Angaben muß ich also ganz offen erklären : 
ich verstehe die Ausdauer nicht, mit der sich Lehmann für avasa 
und avasatäm ins Zeug legt. 

Mindestens ist die Veränderung in avasa resp. avaSatäm unnötig: 
Ich weiß, daß ava&a in der Bedeutung von ,botmäßig' nicht selten 
ist; vaSa bedeutet eben sowohl den eigenen als auch den fremden 
Willen, daher ava§a ,frei' und ,botmäßig' je nach Bedarf bedeuten kann. 
Anderseits möchte ich daran erinnern, daß ,willfährig machen' vastky, 
nicht avasikr heißt, an unserer Stelle auch von einer Bedeutung 
invitus keine Rede sein kann, da die Inder das mä mä bhanainti- 
suraarp keineswegs zu den Annehmlichkeiten des Lebens zählen; 
und endlich möchte ich Leumann auf Amitagati, Subhäsitasamdoha 
439 verweisen, wo ein allen Ansprüchen genügendes Beispiel für 
va&a ^botmäßig' etc. — ohne beigefügten Genetiv und nicht im Kom- 
positum! — zu finden ist, falls Leumann auf Grund dieser Postulate 



nnn | p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



28 



Richard Schmidt. Die Tanjore Handschriften etc. 



meinen Text verworfen haben sollte : . . . kas tarp, durjanapannagam 
kutilagani iaknoti karturp, vaSam? 

Da ich himmelweit davon entfernt bin, Leumann für einen dur- 
janapannaga zu halten, ihn vielmehr persönlich überaus hochschätze, 
so darf ich um so mehr der Hoffnung Ausdruck geben, daß es mir 
gelungen sein möchte, ihn zu überzeugen, daß — wir beide Hecht 
haben! Mehr beanspruche ich nach eingehender Prüfung des Fal- 
les nicht. 



r^rv^nl*> Original fronn 

CORNELL UNIVERSITY 



Proben der mongolischen Umgangssprache. 

Von 

Wilhelm Grube. 



( Fortsetzung.) 



XXXIV. 



Mini nige nukur. jurhe 1 masi ike. 2 jun nai 8 caktu suni congho 



neji 5 undaho du. cikes 7 aäilaho 8 cime 9 sonosat. 10 nudu 11 neget 12 
ujehene. 13 saran nai 14 gerel der 15 nige jiktei yeoma ujele. cirai ni 
sib sara. 16 nudu nas 17 cusu urusho bolot. buku beye cab cagan. 
usu 18 jidarat 19 gajartu haraisar 20 bainani. cohom undasan 21 caktu. 
ger gente 22 ujet. wai halak. 23 ebeo. 24 ene cithur 25 buije. 26 teonai 27 
yaji aäilahö gi 28 semerhen. 29 cingnaji harsar 30 udasan ugei harai- 
hogei 31 bolji. abdar 32 neget niliyet 33 del 34 höbcasu gargaji gartu 
habciyat 35 conghor garla. mini nukur taji 36 sanahola. ene uner 

1 D juruge, m. jirüken. — 2 D yeke. — 8 D junai = m. dsun-u. — 4 = chin. 
^? B ch'uang-h f u. — 6 = m. negeji. — 6 D hat die richtige Form untahö. — 



7 cikesu, m. cikis. — 8 = in. ag'äsilah'u. — 9 = m. ciraege. — 10 D sonosot. — 
11 D noodu, m. nidün. — 12 = in. negeget. — 18 D ujekene. — 14 D sarain. — 
15 D dere ^= m. degere. — 16 D hat die richtige Form äab Sara. — 17 D nodu 
nasu, cf. Anm. 11. — 18 ösu, m. üsün. — 19 D hat die richtige Form j adarat. — 
*° = m. h'araiksag'är ; D harasar. — 21 D untasun. — 22 D hat die richtige Form 
genete = m. genette; das davorstehende ger dient offenbar nur zur Verstärkung des 
Begriffes, vgl. cab cagan, sab sara u. dgl. — 28 D hat tere wai halak. — 24 D ebuu. 
— 25 D citkur. — 26 D buize. — 27 D teoni. — 28 D asilahoigi, s. Anm. 8. — 
29 = m. semegerken; D semergen. — 80 D hat harasar = m. h'araksag'är. — 81 D hai- 
raho ugei ist ein Druckfehler für haraiho ugei. — 8a = m. abdara; D abdura. — 
33 D nelen. — 34 D debel. — 36 = m. h'abcigät; D habcit. — 86 = m. tagäji. 





Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



30 



Wilhelm Grube. 



cithur 1 bolbala. 2 del hobcasu abho yosu 3 bainoo. 4 harahan sanaji 
baitala. tere eciyeturu 5 hobhai 6 basa dahin 7 orola. mini nukur ger 
gente bosot. 8 seleme 9 gargat. tere yeoma gi 10 tusaji 11 nigente cab- 
cisan du. tere yeoma yo yo geji barkirat gajartu unaba. albatu nar 12 
daodat. 13 deng 14 sitat 15 ujehene. 16 uner iniyeltei 17 yeoma harin nige 
hölagaici sanji. medeser cithur 1 turilet 18 kun-i 19 ailgasan yeoma baha. 

XXXV. 

Abagai nar kelehudan 20 dang cithur 1 silmus 21 durasci 22 kelene. 
bi basa tandu nige sonin yeoma keleye. tanai kelehuni 23 juger tooji 
nas 24 ujet tim 25 baina biäio. 26 mini ene gekci. beyere 27 ujesen yeoma. 
tere jil bida hotan nai 28 gada 29 ailcilaji yabuji hariyat. 30 jam 31 ha- 
jaota 32 nige ike 33 keor 34 baina. 35 tere dotora 30 baisen 37 eldeb modon 
ike 33 Suhoi 38 tai sik. 39 terundu 40 bida ene gajar seruuken 41 baina. 
bida oroji bahan amurji 42 saoya 43 geji. abacisan jimis 44 jaos 45 
yeoma gi 46 taibiyat. 47 tere keorin 48 emune saogat 49 uuji idele. 60 co- 



1 D citkur. — 2 D bolbele. — 8 D yoso. — 4 D bainao, worauf noch geji 
folgt. — 6 D cituroo = m. öituru. — 6 D hat die richtige Schreibung hobahai. 
— 7 D dakin. — 8 D bosat. — 9 D selme; auch im Schriftraongolischen kommen 
beide Formen nebeneinander vor. — 10 D yeomaigi. — 11 — m. tusiyäji. — 
12 D albatu nari. — 18 = m. dag udag at; D doodat. — 14 = chin. — 15 D si- 
tagat. — 16 D ujekene. — 17 D ineltei. — 18 D hat richtig durilet. — 19 D ku- 
muigi. — 20 D kelekuden. — 21 D surmus, = m. simnus. — 22 = m. duratci, s. 
Golstünski, Wb. in, 159 unter durash f u. — 28 D kelekuni. — 24 D toojisu, = m. 
tog'öji-etse. — 25 D teimi. — 28 D bisio. — 27 D beyeren. — 28 D hotoyen. — 
29 = m. g'adag'ä. — 80 D hat dafür g'arat; dann folgen die Worte: gedurge bucahö 
du ujebele. — 81 D jamiyen = m. dsam-un. — 82 = m. h'adsaoda; D hajioto. — 
88 D yeke. — 84 = m. kegär, D kuur. — 85 D bainai, darauf folgen die Worte: 
baising kerem cuk ebderet hajiyiji (= m. h'adsaiji) unaji baina. — 86 D dotoro. — 
87 D baiksan. — 88 D suhöi, vielleicht = m. sig'ui, Dickicht? — 89 tai äik vermag 
ich nicht zu erklären. Im chinesischen Text lautet der ganze Satz: ^JJJ 

^ ig. ff- |)t ffy $J ^ $f > die dort befindlichen Bäume a » er 

Art waren sehr dicht'. Vielleicht ist tai = chin. ^£ ,sehr'; zu sik vgl. kalm. jik 
in jik modon »dichter Wald 4 . — 40 teriodu — m. terigün-dür. — 41 D serioken = 
m. serigüken. — 42 = m. amuraji (neben amuji). — 48 D sooya = m. sag'üya. — 
44 D jemis. — 45 D joosi = m. dsag'üsi. — 48 D yeomaigi. — 47 = m. tabig'ät, tal- 
big'ät, D tabit. — 48 D kuriyen. — 49 D soogat. — 50 D hat statt dessen idetele. 



nnn |p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



Proben der mongolischen Umgangssprache. 



31 



homhan 1 uuji baitala. kisen 2 ariki 3 gente 4 osen 5 nuletume 6 nocoji 
baina. 7 olan 8 kun 9 cak duiret 10 aiji. sai jailaji yabuya getele. mini 
nige baga abaga 11 jokso jokso geji gar dalalana. 12 ta bitegei ai. 
hoocin 13 caktan 14 obo der 15 acuk daruna 16 gehu 17 uge baidak. ene- 
dur 18 ende baoba 19 geji. yarama 20 nige cuuce 21 ariki kiget 22 dusa- 
gaji 23 jalbariji taiksan hoina. nocosan 24 ariki dab dere 25 untarat 
namharba. 26 ene mini ujeji baisen 27 yeoma. gaihal ugei geji bolnoo. 



Cini eserguu 28 baihu baising yamar bui. 29 ci äsaoji 30 yeokina. 
mini nige hanil 31 abuya gene. tere baising bolhogei. 32 ike 33 doksin. 
ijaoras 34 mini nige aha saoji bile. 35 halga nai 36 ger dolon giyan. 37 
bukude 38 tabun jerge. jokiji tatai 39 ceber bile. mini aci 40 du kur- 
sen 41 hoina. kundelen 42 ger ebderebe geji takiji 43 ebdet bariksan 
hoina. ada bolbao 44 cithur 45 bolbao 44 gente 46 duibegeji adalaba. 
anghan dan 47 gaigoi 48 bile. baisar edur ten 49 dao 50 garla. beye dursu 



1 D cohom. — 2 = m. kiksen, D kisan. — 8 D arki. — 4 D gentei = m. 
genette. — 6 D osun = m. tibesüben. — 6 Fehlt in D. nuletume (cf. m. nületekü 
»aufflammen, auflodern') ist das Partizipium auf -ma, -me, welches das Maß oder 
die Entfernung ausdrückt, s. Bobrownikow § 250. — 7 Der ganze Satz lautet in D 
etwas abweichend: geb gentei kisan arki osun nocoji baina. — 8 D olon. — 
9 kumun. — 10 = m. düireget; D hat duuret, cf. m. tügüriget. — 11 D abaha. — 
12 D dalalnai (m. dalalh'u). — 13 D haocin = m. h'ag'ücin. — 14 = m. tsak-tagän, 
D caktu. — 13 D dere = m. degere. — 16 darunai. — 17 geku. — 18 D ene odur. 
— 19 D booba = m. bag'üba. — 20 vgl. m. yag'äramak ,eilig* von yag'ärah'u. — 
21 D cuguce. — 22 D kisun = m. kiksen. — 28 D dusaji. — 24 D nocosun; davor 
stehen in D noch die Worte: nige degur (= m. degegür) jalbariji. — 25 = m. dab 
degere. — 26 D namharaba. — 27 D baisan. — 28 = m. esergü, D eserkuu. — 
29 D bainai. — 80 = m. asag'öji, D asuuji. — 81 D hat dafür nagaca aha = m. 
nag'atsu ahV — 32 D bolhö ugei. — 88 D yeke. — 34 D ijoorasu = m. idsag'ür- 
etse. — 35 D hat dafür mini nige abaga ebuge yen hodalduji abusen ni. — 
36 D halgan nai = m. h'ag'algan-u. — 37 = chin. kien. — 38 D bugude. — 
39 = m. tag'ätai. — 40 D hat dafür abga (wohl Druckfehler für abaga) aha. — 
41 = m. kürüksen, D kursun. — 42 D kundulung = m. kündelen. — 48 D hat die 
richtige Schreibung dakiji. — 44 D bolboo. — 45 D citkur. — 46 D genete = m. 
genette. — 47 = m. dag'än. — 48 D gaigoi = m. g'ai ügei. — 49 = m. den? D 
hat dafür dan ,sehr'. — 60 D doo = m. dag'ün. 



xxxvi. 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



32 



Wilhelm Grube. 



ib ile garba. gerin 1 ekener urguljide 2 silmus ujebe geji. kelmeget 3 
amin du kursen-i 4 cuk baini. 5 bulebeci talar gai gargabaci 7 kerek 8 
ugei. arga yadat 9 kimdahan uner hodalduba. 10 abagai ci rnedenuu. 
ene cuk kei mori 11 moodäho yen 12 ucir. kei mori saitai bolbala. 13 
ada 14 silmus baibaci jailaji yabuhowas 15 biäi. kun ni 1G kunugeji ci- 
danuu. bolbaci. 17 ruini ene abagai 18 jiruke baga. 19 bi suraji 20 asa- 
osan 21 unen yabudali tundu medeolbele 22 baraji. abho 23 ni teonai 
durar boltogai. 24 

XXXVII. 

Abagai cini tere erike. 25 bi abuya geser yur 26 abusan ugei. 
ucir yeo gehene. 27 bi iresen ner 28 ci dangci 29 gerte baihögei. 30 cini 
beye ugei tula. cini yeoma gi homagaidan 31 abciho 32 yosu ugei. 
eimin^ 3 tula. bi enedur cohom cimadu jolgah c a 34 ireji medeolet 35 
abciya 36 gene. 37 tere kiriyer 38 ci yaraarhan yeoma abubegem. 39 cini 
kuselin 40 hanggalar 41 cimadu ukye. puse 42 du hodalduhoni ugei bol- 
beci. 43 bi arga ugei bisi gajaras 44 bedereji camadu 45 bariya. cini 46 
sanandu yamar bui. ci teonigi 47 yundu asaona. 48 ci harin abacibala 
sain bile. yasen 49 bui. gesen. 60 hairan yeoma. bete 51 erike olan 52 



1 D geriyen. — 2 D urguljitu. — 8 D hat versehentlich kelet. — 4 D kur- 
sun-i. — 5 D bainai. — 6 D bulebecu. — 7 D gargabacu. — 8 D kerege. — 9 Vor 
arga yadat steht in D teim tula. 10 D hodulduba. — 11 kei mori ist die wörtliche 
Übersetzung des tib. riung-rta (s. Schlagint weit, Btiddhisni in Tibet, p. 253, S. 164 
der französischen Übersetzung) und steht hier für das chin. j jjjt — 12 D moo- 

dahöin = m. mag'üdah'u-yin. — 18 D bolbele. — 14 D hat kedui vor ada. — 
15 D yabuhasu = m. yabuh'u-etse. — 16 D kumuni. — 17 D hat teim bolbacu. — 
18 D aha. — 19 D hat masi juruke baga. — 20 Wohl = ra. surcu; D hat suraci. — 
21 D asuusan = m. asag T üksan. — 22 D medebele. — 23 D hat hödalduji abho ulu 
abho ni. — 24 D boltugai. — 25 D erike gi. — 26 D yeru. — 27 gekene. — 
28 D iresener = m. ireksen yer. — 29 D danci. — 30 D baiho ugei. — 81 D homa- 
goidan = m. homogoidan, hoomag'aidan, h f ag c ümag f aidan. — 32 D abacihö. — 
33 D imiyin. — 34 D jolgohai. — 35 D meduulet = ra. medegülüget; es folgt darauf 
in D hoina. — 36 D abaciya. — 37 D genei. — 38 = in. kiri-ber, D kirer. — 
39 D abuba gem. — 40 D kuseliyen. — 41 = m. h c angg'al-yer. — 42 D darui puze. 

— 43 D bolbacu. — 44 D hat dafür gajartu. — 45 D cimadu. — 46 Statt cini hat 
D abagai yen. — 47 D teonaigi. — 48 D asuunai. — 49 D yasan = m. yag'äksan. 

— 50 = m. gegeksen. — 51 D bete = m. bodi, entsprechend dem chin. ;j^!r = 
skr. bödhi. — 62 D olon. 



nnn |p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



Proben der mongolischen Umgangssprache. 



33 



bolbacigi. 1 tere adalihan yur 2 cuhak. 3 edur 4 buri barisar silemdeji. 5 
ike 6 gereltei bolji. bariho ugei caktu teonigi abtartu 7 taibidak bile. 8 
jiyandan 9 gegdeku 10 cak mun tula. uritu 11 sara ebugedin 12 keor tu 13 
ocihodan. tokorhan 14 du elguji baiji. raartat horsan 15 ugei. hariji iret 
erihene. 16 ha baina. 17 bara ugei. 18 yamar kun 19 du holagoji abacik- 
dasan nigi 20 raedehugei. 21 tung eriji ese oldaba. 22 



Abagai 23 ci 24 sonossan 25 ugei yeo. munuken hotan 26 gada 27 
nige tulge 28 belgedehu 29 kun 19 ireji. ike 30 gaihamsiktai. 31 kun kele- 
huni 32 tere kun 19 tung ar§i sik 33 baina 34 gene. bida 35 unggeresen 36 
keregi. 37 yamarhan kun 19 kelesen §ik ib ile belgedeji medehu. 38 bi- 
danai ulus ocihoni olan. 39 obung 40 cubung tasural ugei durci. 41 im 42 
raergen jungci 43 kun 19 baidak. kejiye öi bolba bida basa tundu 
bahan ujuulye. 44 bi keduin medebe. mini 45 hanil 46 ene kedun edur 
bur 47 ocisan tula. bi urjidur basa ociyat. 48 mini naiman ujugi 49 tundu 



1 D bolbocigi. — 2 D yeru. — 3 Nach cuhak folgt in D: teim bisi bolbala 
yubii (= ra. yag'ün bui). — 4 D odur. — 5 D hat die richtige Schreibung silmuduji. 

— c D yeke. — 7 = m. abdara-dur. — 8 An Stelle des Satzes: bariho ugei caktu 
teonigi abtartu taibidak bile hat D: öre (= m. übere) tala ocisen du (= m. odiksan 
dur) teoni daldabaci (Schreibfehler für daldabci) du elgusen bile. — 9 D jayandan 
= m. dsayag'ändan. — 10 = m. gegegdekü. — 11 D uridu. — 12 ebugediyin. — 
13 D kuurtu = m. kegür-tür; für das chin. Jjgj , Garten 4 gibt die mongolische Über- 
setzung die abweichende Version: ebugedin keor ,Grab der Vorfahren*. — 14 = m. 
tog'org'a ,Wand'; die Worte: tokorhan du elguji baiji fehlen in D. — 15 D horasan 
= m. horiyäksan. — 16 D erikene. — 17 D bainai. — 18 = m. barag'ä ügei. — 
19 D kumun. — 20 D abacisan naigi. — 21 D mun medeku ugei. — 22 D oldoba, 

— 28 D abagai nar. — 24 ci fehlt in D. — 25 = m. sonosuksan; D hat dafür me- 
deku. — 26 D hotoyen. — 27 = m. g c adag c ä. — 28 D tulku. — 29 D belgedeku. — 
30 D yeke. — 81 D hat gaihamsiktai keceo. — 32 D hat: kumun nai kelekui gi 
sonosbele. — 83 D arsisik; über das Suffix -sik s. Bobrownikow § 113. — 84 D bai- 
nai. — 35 D bidanai. — 86 D unggurusen = m. ünggereksen. — 37 D kerek gi. — 
38 D hat: medeku bodoji cidanai genei. — 39 D olon. — 40 D ubung. — 41 — m. 
dügürcü; D hat durci irci (v. m. irkü ,sich drängen 4 ). — 42 D eimi. — 48 = m. 
dsüngßi. — 44 m. üdsegülkü hat auch die Bedeutung: durch einen Schamanen das 
Los. befragen lassen (s. Golstunski, Wh. r, 247). — 45 D manai. — 46 D nukut. — 
47 D odur buri. — 48 D urjidur bi basa ocit. — 49 D ujuigi, m. üdsüg-i. 

Wiener Zeitschr. f. d. Künde d. Morgenl. XIX. Bd. 3 



XXXVIII. 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



34 



Wilhelm Grube. 



ujuulsen hoina. ecige eke yamar jiltei. 1 aha deo kedun. eme yen 
omok yamar. 2 ali jildu 3 tuSimel olsan. 4 eldeb juil juiler cuk saitur 
neileji. bicihan 5 öi andurho 6 ugei. unggeresen 7 kerek kedui neilesen 
bolbacigi. 8 iredui 9 kerek yeonai 10 tere 11 kelesen yosuwar 12 bolho 



bui. 16 ci 17 gerte talar sathowar. 18 ailcilaho sik ocibala bolho buije. 



Bi camadu 21 iniyedum 22 keleji ukye. sai bi gancaran 23 ende 
saohodu. 24 congho yen hana 25 der 26 nige biljoohai 27 saoji. 28 naran 
nai 29 gerel du tosokdat gekis gekis ujekdene. bi dogoi 30 baiji ayar- 
han yabuji 31 suuren 32 nocakdat. congho nasen 38 casu coolat. 84 jiye 35 
geji bariyat 36 ujehene. 37 nige boljoomur 38 mun baina. 39 sai gartan 40 
kurmekce 41 haliyat 42 nisbe. yaraji 43 eode 44 hagat 45 bariji olsan nar. 4G 
basa multuribe. 47 ende tende neji 48 bariho kiriden 49 bicihan keo- 
ken 50 biljoohai bariba geji sonosat. 51 cugarang 52 iret guiji guiji ba- 

1 D jiltai. — 8 Die Worte: eme yen omok yamar fehlen in D. — 8 Für ali 
jildu hat D kejiye. — 4 D olsen ni. — 6 D hat ucuken bicihan. — 6 cf. m. an- 
duh c u; D hat aduurahö (oder enduurahö? cf. m. endegürekü). — 7 D ungguresen. 

— 8 D bolbocigi. — 9 D hat: gakca ire odui. — 10 = m. yäg'ünai, D yuunei. — 
11 D teonei. — 12 D yosor. — 13 D tenggebecu. — 14 D jos = m. dsog'ös. — 
16 D suitkeku ugei. — 16 Nach bui folgen in D die Worte: esebesu cimadu basa 
kerek ugei. — 17 ci fehlt in D. — 18 Offenbar ein Schreibfehler für saohowar = 
m. sag*üh c u-ber, D hat soogar. — 19 D buize. — 20 D oithar. — 21 D cimadu. — 
22 D hat dafür nadum, welches sich in den Wörterbüchern nicht findet, aber 
zweifellos nur eine Nebenform von nag'ädun ist, wie sich neben m. iniyedum auch 
iniyedun findet. — 28 = m. g c antsa-ber-yen; D hat gakcar = m. g'aktsag'är. — 
24 D suuhö du. — 25 D hanan. — 26 D dere = m. degere. — 27 = m. bildsooh'ai, 
D biljiohai. — 28 D sooji baina. — 29 D naranaL — 80 D doo ugei = m. dag'ü 
ügei. — 81 D hat nach yabuji die Worte: oira kurmekce. — 82 = m. sigüren, D 
sooron. — 88 == m. tsongh r o-etse-ben, D conghonasu. — 84 D culut = m. tsog'ölu- 
g'ät. — 85 D je. — 86 = m. barig'ät, D barit. — 87 ujekene. — 88 D buljimar. 

— 89 D bainai. — 40 = m. g c ar-tag e än, D garta. — 41 D kurumekce. — 42 = m. 
h c alig c at, D halit. — 48 = m. yag'äraji. — 44 D uuda = m. egüde. — 45 = m. h'a- 
g'ägät. — 46 = m. oluksan-yer. — 47 = m. mültürebe. — 48 neji fehlt in D. — 
49 D kiride. — 00 D kuuken. — 51 D sonosut. — 52 D cugaran = m. tsug f är-yen, 
tsuk-yer-yen. 



bui. tenggebeci 13 bida yamar gajartu kedun jun jaosu 14 suitkehogei 



15 



uithar 20 sergeku adali boltugai. 



XXXIX. 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



Proben der mongolischen Umgangssprache. 



35 



risar. nige keoken 1 malgaigar 2 umkuret 3 bariba. hoina bi kelene. 
biäi kun 4 harin amitu 5 yeoma taibici 6 amin joolinam 7 biäio. ci bariji 
yeokina. 8 taibicirge 9 geji kelebeci gi. 10 tere tung bolhogei. 11 gurlet 12 
abuya gene. arga yadat tandu uksen hoina. sai toitar 13 taitar ba- 
yarlaji ocibe. 



Ene kedun edur man nai 14 tende ike 15 horaltai yeoma. ukli- 
geci ekener ocisan-i 16 masi olan. 17 nige niges 18 turusen-i 19 gowatai. 20 
tenggerin 21 ukin adali. 22 cirai cab cagan. kumusge hab hara. nudu 
ni 23 dusultai 24 usu singgi. nuruu 25 ni ege 26 burgasu adali. höraji 27 
kelebele. tere juilin 28 ceb ceberhen 29 gowa 30 yangzetai. 31 juraci 32 
irebeci gi jurun cidahögei 33 yeoma. uner jurhe 34 mini baha. ci baige. 35 
bi camaigi 36 ese kelebele. yur tesus 37 ugei yeoma. barama kun nai 38 
sunesu yaji camadu 39 singgekdebe. nasu cini jiran sihasan 40 biäio. 
basa baga geji bolnoo. eorin 41 ukukui gi tung maratat. 42 nudu 43 
nemekce 44 ekenerin 45 aimak tu orot. 46 tanggaljaho cini bahatai gajar 



1 D kuuket. — 2 D malagaigar. — 8 Von m. ümkürikü, üngkürikü. — 
4 D kumun. — 6 D amidu. — 6 D hat die richtige Form taibiji. — 7 D yuu- 
lenem, = m. yegülekü ? — 8 D yeogene. — 9 Vermutlich = D tabiji orki. 

— 10 D kelebecu. — 11 D bolhö ugei. — 12 = m. gürleget. — 13 D tuitar. — 
14 D manai. — 15 D yeke. — 16 Für ukligeci ekener ocisan-i hat D: sume du 
kuji sitaji (= m. sitag'äji) ocisen ekener. — 17 D olon. — 18 D nigenesu. — 
19 D turusuni = m. töröksen-ni. — 20 D gotai. — 21 D tenggeriyen. — 22 D adali 
turusen ni cuk baina. — 28 niduni. — 24 dusultei; dusultai usu entspricht dem 
chines. >^ ,Herbstwellen* = schöne, liebliche Augen. — 25 = m. nirug c ü. — 

26 eke, im Sinne von ,echt': eke burgasu ,der reine, der echte Weidenbaum 4 . — 

27 = m. h'urag'äji oder h'uriyäji; höraji kelebele ,wenn man zusammenfassend 
spricht* = mit einem Worte. — 28 D juiliyen. — 29 D cebergen, = m. tseberken, 
Deminutiv von tseber. — 80 = m. gooa, D go. — 81 D yangjatai = m. yangdsutai. 

— 32 = m. jirug c äci, D juruci. — 83 D cidahö ugei. — 84 = m. jiriike, D jureke. 

— 35 D hat die richtige Form baigi. — 86 D cimaigi. — 37 D tesusi. — 38 D ba- 
rama hairan kumun nei. — 89 D cimadu. — 40 = m. sih c aksan, D sahasan. — 
41 D eoriyen = m. über-ün. — 42 D hat die richtige Form martat = m. martag'ät. 
Auf martat folgen in D noch die Worte: kurci iret tologai höhowa (= m. h c oih ? a 
,Kopfhaut*) -yen kiriyer ulesun (= m. üleksen) bui. — 43 = m. nidün. — 44 = m. 
negemektse; darauf folgt in D darui. — 45 D ekeneriyen. — 46 = m. orug r ät. 



XL. 



3* 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



36 



Wilhelm Grube. 



ha bui. uliger 1 bisi ulus cini emes 2 enggebe tenggebe 3 geji demei 
mothabala. 4 cini sanan dotora 5 yaji sanana. 6 eimu 7 ebugen 8 kun 9 
bolot. bahan nomor 10 yabuhogei. 11 harin ene bujar kerek yabusan 
cini yamar yosu 12 bui. odo cagin 13 hariol 14 hördun yeoma bisio. bi 
cini tula jokiji jobona baha. 

XLL 

Abagai ci uje. yamar raao keo 15 bui. bisi kun 9 camaigi 16 eng- 
geji tenggeji ithaji kelehuni. 17 cohom camaigi 16 saijiratugai. 18 mao gi 19 



1 D uliger yosu. — 2 D hat fälschlich emesu. — 3 enggebe tenggebe (= 
ein gebe tein gebe) ,so oder so 4 , fehlt in den Wörterbüchern, vgl. jedoch enggeji, 
tenggeji, enggebele. — 4 = m. mag'üth'abala. — 5 D dotoro. — 6 D hat fälschlich 
sanani für sananai. — 7 D iyimi. — 8 D ubugun. — 9 D kumun. — 10 = m. 
nom-yer. — 11 D yabuhö ugei. — 52 D yoso. — 18 D cagiyen = m. tsag-un. — 
14 Vielleicht = m. h f arig c ü Vergeltung'? D haral ist wohl von m. h f ag f ärah f u 
»zusammenstürzen 4 abzuleiten, also etwa: , Zusammen stürz, Untergang.' 

Da der obige Abschnitt auffallenderweise in Wades Colloquial Series fehlt, 
halte ich es für zweckmäßig, den chinesischen Text zum besseren Verständnis der 
mongolischen Übersetzung beizufügen. Derselbe lautet folgendermaßen: 

m % m & > m « * m #p m w, m m w z, 

*f ÄK«i»«7»#^ + «» AT, 

jk, «ee-w nm^i, mm mwtm^xn 

Üft*,lI««ilEttKil*0r,JWA#K«5 

s#*#*«A>-M*#ä:3ffii7>«ff 



15 = m. keü, keüken. — 16 D cimaigi. — 17 D kelekuni. — 18 D saijirtu- 
gai. — 19 D hat einfach moo. 



pOO 



gle 



Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



Proben der mongolischen Umgangssprache. 



37 



surho bolbao 1 gesen sanan bahana. cejilesen 2 bicigi bahan bolbasu- 



nosho ha baina. harin Öi eme sime ugei ama habaran 8 julciljene. 9 
tundu bi dotor 10 teshugei 11 aor 12 kuret jokiji donggoshodan. 13 tere 
nuur ulaim 14 nada kelehuni. bain bain mini seb erihuni 15 yumbei 16 
geji nidun nai nilbusu asharäna. 17 tung erguu 18 kesik 19 barasan 
kun. 20 hoocin uliger tu kelesen-i. 21 sain em aina 22 du gaSun. 23 sain 
uge cike 24 du nursun 26 geji. turul 26 bisi bolbala. bi oldahola 27 ca- 
maigi 28 argadaji bayarlaolya gene. arga ugei camadu 29 jiksiolji 30 
yeokibo 31 bui. 



Yamar niao hobhai. 32 tung kun nai 33 ure bigi. turusen-i 34 yur 35 
teonai 36 abu tai 37 ab adali yeoma. ujiser neng jiksiortei. 38 aliba ga- 
jartan 39 jaruji ilegehene. 40 nidu cabcirkilaji 41 yeb yeoma 42 ujehugei 48 
demei murgulene. 44 ama dotora 45 tatalkilaji tung kun 46 du aor 47 
kurhu 48 singgi. 49 cohom kerektei gajartan 50 bicihan öi to 51 ugei. 

1 D bolboo. — 2 = m. tsegejileksen. — 8 D bolbasurabele. — 4 Für sain 
ugei gejio hat D: cidaho bolbao geneo. — 6 D hat die richtige Schreibung: er- 
demten. — 6 D yeru. — 7 D moo. — 8 = m. h c abar-yen. — 9 = m. dsülöildsene, 
D colciljanai; D hat dann noch die Worte: cirai höbalji (wohl ein Druckfehler 
für hobilji) oorlana (= m. ag'ürlana). — 10 D dotoro. — 11 D tesku ugei. — 
12 = m. ag'ür. — 18 = m. donggosh'u (donggoth'u) -dag c än; D dunggushödan. — 
14 ulahnai (m. ulaima, v. ulaihu). — 15 D erikuni. — 16 D yumbi = m. yag c ün 
bui. — 17 D asharanai. — 18 D eriguu = m. ergigüü. — 19 D kesigen = m. kesik- 
yen. — 20 D kumun. — 21 D keleseni. — 22 D aman. — 28 = m. g'asig'ün. — 
24 D ciken = m. öikin, c?iki. — 25 D nürsin = m. norsun. — 26 Vor turul hat D 
noch kerbe. — 27 Die Form entspricht dem Sinne nach dem m. oldaksag'är ,aufs 
Geratewohl, ohne Unterschied'. — 28 D cimaigi. — 29 D cimadu. — 30 = m. jiksi- 
güljü. — 81 D yeogeku. — 82 D hat richtig hobahai. — 83 D kumunei. — 84 D tu- 
rusuni = m. töröksen inu. — 85 D yeru. — 86 D teone. — 37 Komitativ-Suffix. — 
38 = m. jiksigüritei. — 39 = m. g'adsar-tag'än, D hat gajartu. — 40 D ilegekene. 
— 41 D cabcarkilaji. — 42 D yok yeoma ,\vas auch immer'; yeb yeoma ist in den 
Wörterbüchern zwar nicht nachweisbar, bedeutet jedoch offenbar dasselbe. — 
48 D ujeku ugei. — ■ 44 D murgulenei. — 45 D dotoro. — 46 D kumun. — 47 D uur 
= m. ag'ür. — 48 D kurku. — 49 Nach singgi folgt io D noch der Satz: ken teonei 
uge gi inedenei. — 50 D gajartu. — 51 = m. tug c ä. 



rabala 3 sain ugei gejio. 4 cohom erdemden 5 yur 6 berke. mäo 7 abiyas 
bolbala tung kimdahan yeoma. odo ama eletele kelebecigi. tere so- 



XLIL 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



38 



Wilhelm Grube. 



aliya 1 gebele. keceo yeoma. tundu nige öi jai jabsar ukhugei. 2 ur- 
guljide sidar abcirat 3 dagolji 4 jarubala. bahan gaigoi. biäi bolbala 
tamtuk ugei aliyana. 5 yur 6 tubesi 7 ugei cithur 8 baha. teonigi 9 abat. 
eonigi 10 orkiyat. 11 samji sik 12 amur ugei tucik tacik 13 aöilana. 14 ja- 
rim dan 15 aor 16 kuret. 17 ecigeyeturu 18 yasu dotor kemkeciget. 19 sai 
amarana 20 gebeci. hoina unggeret 21 sanahana. yaho 22 bui uner teo- 
nigi 23 alnoo. 24 gerin 25 unahan 26 keo 27 bolot. 28 yamarhan ecenggei 
mori bolbaci 29 yabagan nas 30 dere geji. 31 bicihan ha oljatai ideltei 32 
gajar bolhola harin teonigi 23 umerji 33 asaraji yabudak baina. 34 

XLIII. 

Ucugedur 35 bi bisi gajartu ocisan hoina. moohai 36 gerin 37 
ülus sanan durar kereul 38 kiji tuibegebe. bi haritala hobhai. samja 
nar 39 harhan 40 coogilduji baina. tere der bi haniyaji 41 cimegelet 42 
orohana. cuk cime ime 43 ugei dogoi 44 baigat. kilub holub 45 kiji 



1 D hat fälschlich ali. — 2 D ukku ugei. — 8 D abci iret. — 4 D daguulji 
= m. dag'ag'ülji. — 6 D aliyalanai; die Form aliyäh'u ist in den Wörterbüchern 
nicht verzeichnet. — 6 D yeru. — 7 D tobaai. — 8 D citkur. — 9 D teoniyigi. — 
10 D eoniyigi. — 11 D orkit. — 12 D samjisik. — 18 D tucik tacak; entsprechend 
dem mandsch. howak cak, onomatop. Ausdruck, etwa: ,holter polter'. — 14 D asi- 
lanai = m. ag'äsilanai. — 15 D jarimdan = m. dsarimda. — 18 D uur = m. ag'ür. 
— 17 D hat fälschlich kurete. — 18 D ecigeyeturuigi ; m. eÖige-yin türiiü (türügü) 
,Kopf des Vaters 4 ist nach Golstünski, Wb. i, 94, ein Schimpfwort, ebenso wie 
ecige-yH taraki ,Hirn des Vaters*. Im chines. Text entspricht dem ecigeyeturu 
yasu ^| ^| J||| -^p- jBastarddarm 4 , was in der Mandschuversion wörtlich 
durch lehele-i duha übersetzt wird. — 19 D kemkecit. — 20 D amaranai. — 
21 D unggerut. — 22 = m. yag f äh f u. — 23 D teoniyigi. — 24 D alanuu; darauf 
folgt in D: nigen du bolbele. — 25 D geriyen = ger-ün. — 26 D unagfan. — 
27 D kuu = m. keü, keüken. — 28 Nach bolot folgen in D die Worte: hoyar tu 
bolbele. — 29 D bolboci. — 30 D yabaganasu = m. yabagan-etse. — 31 Auf geji 
folgt in D noch sanat. — 82 D idelte. — 83 D umuruji — m. ümerejü. — 84 D bai- 
nai. — 35 D ucukdur. — - 36 D mohai (m. moohai). — 87 D geriyen. — 88 D keruul 
= m, keregül. — 89 D samajinar. — 40 D hat richtig harahan. — 41 D haniji. — 
42 D cimelet. — 43 = m. ßimege imege. — 44 D doogai = dag'ü ugei. — 46 D ki- 
lib holob. Der Ausdruck kilub hölub kikü findet sich in den Wörterbüchern nicht 
verzeichnet; im chines. Text heißt es: J=|jj£ Jj|j (jj^ ,sie machten 

sich gegenseitig Augenbrauen wie Diebe und Augen wie Mäuse', d. h. sie warfen 



nnn |p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



Proben der mongolischen Umgangssprache. 39 

olan 1 kun 2 ungge ujeldun 3 nige niger tutaji 4 yabula. 5 bi iresen-i 
oroi bolot. beye öi yadasan tula yeb 6 yeoma kelesen ugei untaci- 
raba. 7 eoklen 8 bosuwat 9 ujehene. 10 ecigeyeturu 11 cuk ireji. bolcot 12 
bida ukultei yeoma geji. siluhon 13 sugudut 14 goihoni. 15 murguhuni 
murguhu yen 16 tula. aor 17 mini sai bahan namharaba. tundu bi ta 
yaba. 18 saihan nar 19 aji turuhugei. 20 maha 21 jahadunabeo. 22 arga ugei 
eldesen hoina. yeogan 23 sain olho bui. eones 24 hoigan 26 enggeji 26 
yabubala. nuduwen 27 seri 28 geceoger ese jodobaola. 29 ta basa aihoni 
medehugei. 30 keleji daosat 31 cuk jiye geji daogarat 32 taraba. 



XLIV. 

Abagai ci uje. odo basa maodaji. 33 soktotala ugat 34 joksoji ci- 
dahogei. 36 bi tere keregi 36 ci tundu keleji ukbeo 37 ugei yeo geji 
asaohola. 38 uruSan 39 hoiSan geldurkileji nidu kilulet 40 nada gar do- 
kina. 41 kelegei dulei 42 öi biäi tung ajiklahogei ni 43 yeobei. 44 enedur 
ene hobhai 46 gi ukutele jodohogei 46 bolbala. bi darui amaldaho 47 



einander verstohlene Blicke zu; in D heißt es etwas abweichend: ||J^ ffi 

,sie zwinkerten einander zu 4 . Auf kilib holob kiji folgt in D: sam samar = m. sam 
sam-yer. 

1 D olon. — 2 D kumun. — 8 D ujeldet. — 4 = m. tutag'äji, D dutaji. — 
5 D yabuba. — 6 D yok. — 7 Wohl nach Analogie von aböirah'u aus untaji (um- 
taji) irebe zusammengesetzt; D hat dafür untaji orkiba. — 8 = m. tiglen; D ene 
ugle. — 9 = m. bosug f ät, D bosot. — 10 D ujekene. — 11 D ecigeyeturuu, s. xlii, 
Anm. 18. — 19 D bolcit, m. bug'ülcit, bug'ültsut. — 18 D suluuhan = m. silug'ü- 
h f an. — 14 = m. sügüdüget. — 16 D goiho ni goihö. — 16 D murgukuni murgu- 
kuin tula. — 17 D oor = m. ag c ür. — 18 = m. yag'äba, D yabe. — 19 = m. sai- 
h'an-yer. — 20 D turuku ugei. — 21 = m. mah'a. — 22 jagatunabao = m. jig'atu- 
nabao. — 28 Wohl = m. yag'üVan. — 24 D eonesu. — 25 = m. h'oisi-ben. — 
26 D basa enggeji. — 27 D nudun = m. nidun. — 28 Imper. von serikü. — 29 D hat 
richtig jodobala. — 80 D medeku ugei. — 81 = m. dag'üsugät. — 82 D doo garat 
= nv dag f ü g*arug c ät. — 88 = ra. mag'üdaju. — 84 D uugat = m. ug f üg c ät. — 
85 D cidahö ugei bolji. — 86 D kerek gi. — 87 D ukboo. — 88 asuhola. — 
89 D uruuäan, wohl von urug'ü ,stromabwärts 4 . — 40 Von m. kilulkü; D hat kiluret, 
v. m. kilürkü. — 41 D hat falschlich dookinai. — 42 D dule. — 43 D ajiklahö 
ugeini. — 44 D yumbii. — 45 D höbahai. — 46 D joothö ugei. — 47 = ama 
aldah'u. 



'rw"*nl*> Original from 

,kJXJ ö lS - CORNELL UNIVERSITY 



40 



Wilhelm Grube. 



biäio. abagai baiga. 1 tere lab martat ocisan 2 ugei. teonai buruu gi 
tere rnedehugei bui. 3 tengget aiji baisar hario uge oldohogei 4 baha. 
enedur mini beye ende baisen 5 tula. mini nuurer 6 ene uda 7 gi 
aocila. 8 eones 9 hoiöan ariki nas 10 jokiji cerle. 11 hoocin 12 uliger 13 
albatu gi jakirho noyan-i jorik. arasu gi 14 eldehu 15 kedergen-i jorik 
geji. ha 16 jailaho bui. halabala. tere ese halagana. 17 basa ene janggar 
uubala. 18 abagai keceoger jodo. bi basa ende baibaci. bi & horiho 
yeoma ugei. 19 abagai ci rnedehugei. 30 hara baga yen utelku ugei 21 
yeoma. ariki ujebeole 22 amiyan 23 taibina. 24 teonai ecigen 26 cusu nas 20 
inak. enedur 27 aocilat 28 halaho ha bui. kecuubeci 29 nige hoyor edur 
uuhogei. 30 unggeresen 31 hoina. basa yosuwar 32 oduk 33 yeoma biäio. 



Abagai ci 34 yaba. nuur caibigat. 35 gente 36 cirai aldaji ene bu- 
tur bolba. abagai ci 37 rnedehugei. 38 ene kedun edur 39 goo 40 eruhu 
du 41 umukei 42 unur tung moohai. tere der 43 gente serun. 44 gente 
halun 45 yur toktor 46 ugei yen tula. kun buri beye tejiyehu teksi 
arga aldaba. urjidur baga ude yen kiri juger seruuken 47 bile. gente 



1 D baigi; es folgt darauf noch bitegei, entsprechend dem chin. Jj|J. — 
2 D ocisen. — 3 D medeku ugei bii. — 4 D oldahö ugei. — 5 D baisan. — 
6 D nuurar = m. nig*Gr-yer. — 7 = m. udag c ä. — 8 D oocila = m. ag'uucila. — 
9 D eonesu. — 10 D arikinasu. — 11 = m. tsegerle. — 12 D haocin. — 13 D uliger 
tu. — 14 D arsuigi. — 16 D eldeku. — 16 D hana. — 17 D hat richtig halahana. 
Nach halabala wäre halaba zu erwarten: »bessert er sich, so ist's gut.' Der chine- 



18 D uubele = m. ug r übala. — 19 D ugei bolnai. — 20 D medeku ugei. — 21 = m. 
ügedelekü ügei. — 22 D ujebele geku du. — 23 D ami yen. — 24 D tabinai. — 
25 D ecige yen. — 26 D cusu nasu = m. öisun-etse. — 27 D ene odur. — 28 D oocilat. 
— 29 Wohl = m. ketsegütbecu, ketsütbecü; D hat statt dessen kicebecu = m. kici- 
yebecu. — 80 D uuhö ugei. — 81 D unggursen. — 82 D yosar. — 38 D uudak. — 
84 ci fehlt in D. — 85 D caigat; tsaibih'u findet sich in den Wörterbüchern 
nicht, wohl aber tsaibaih'u neben tsaih'u. — 36 D kenete, jedenfalls ein Druck- 
fehler für genete = m. genette. — 87 ci fehlt in D. — 88 D medeku ugei. — 



= m. ümüki, ümekei. — 48 D dere = m. degere. — 44 = m. seregün, serigün. 
45 = m. h*alag'ün. — 46 = m. toktag r firi. — 47 = m. seregüken. 



XLV. 




Mandschuversion: halaci halaha. — 





Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



Proben der mongolischen Umgangssprache. 41 

halun bolot. kun tsuk teshugei. 1 beyedu kulusu garat. del 2 tailat 
bahan seruneye 8 geji. sayahan 4 nige ayaga kuiten 5 usu uuhana. 6 
dab dere tologai 7 ebdube. 8 hamar tomorba. 9 hoolai 10 öi sugenggi 11 
bolba. beye kubung der 12 baiho singgi ergine. dang cini beye tim 13 
biäi. mini beye balai sain ugei. kudelhuwas 14 aina. 15 jabsan 16 du 
ucugdur 17 idesen uusen-i cuk buljiji. 18 bisi bolbala. enedur basa ha- 
taojiji 19 bolhogei bile. bi camadu nige sain arga jaji 20 ukguye. dang 
gedesu gi hoosula. 21 bitegei olon ide. tim 22 bolbala. dariii bahan da- 
rabacigi. 23 basa gaigoi 24 buije. 25 

XLVI. 

Halak ci yaba. 26 bida kedun edur 27 ujesen ugei. im 28 hördun 29 
sahal borol 30 caiji. kuksin cirai bolba. abagai ci mini ama 31 Sulun 32 
nar keleku gi bu gomoda. sonoshana ci odo 33 jaosu 34 natho 35 du 
oroba. uri 36 ike 37 bolba gene. uner tim 38 bolbala. nadum 39 biäi 40 
bahan horabala 41 sain. ene cuk bara 42 ugei uge. demei 43 jokiyasan-i 
ci ese itegebele. narihan suraji 44 asao. ene yamar uge bui. buiyen 45 

1 Für den Passus von tere der kedun serun bis teshugei bietet D folgende 
stark abweichende Wendung: tere dere beye basa bahan salkin du kulusu cakisen 
ucir tu. asur sain ugei. urjidur hotan gadana bahan kerek baiji. yabagar (= m. 
yabag c an-yer) ociho tulada. — 2 = m. debel; D hat tundu debel. — 8 D serioceye; 
die Verba serigünekü und serigütsekü ,sich abkühlen', fehlen in den Wörterbüchern. 

— 4 sayahan fehlt in D. — 5 D kuitun. — 6 D uusen du = m. ug'üksan dur. — 
7 D tologoi. — 8 ebedube. — 9 D tomoroba = m. tomog'öraba. — 10 D holoi = 
m. h'og'ölai. — u D hat das gleichbedeutende sulingkei. — 12 D dere = m. degere. 

— 18 D teimi. — 14 = m, küdelkü-etse, D kudulkusu. — 15 D ainai. — 16 D jab- 
siyan. — 17 = m. ütfigedür. — 18 = m. bügeljijü. — 19 = m. h c atag c üjiju. — 
20 = m. Jig'äju. — 21 = m. h*og'ösula, D hosulan. Der ganze Passus von jabsan 
du bis hoosula lautet in D abweichend: jabsiyan du ene kedun edur yeru idesen 
ugei tula. enedur sai bahan edegebe. eldeblebeci gakca gedesu gi bahan hosulan. 

— 22 D teimi. — 28 = m. dag'ärabaöigi. — 24 D gagoi. — 25 D boize. — 26 = m. 
yag aba. — 27 D odur. — 28 D eimi. — 29 D hördun du. — 30 D booral = m. bu- 
güral, bug'ürul. — 81 D aman. — 82 = m. silug c ün. — 88 D udu. — 84 D jos = 
m. dsog'ös. — 85 = m. nag'äth'u. — 86 = m. üri, D urin. — 87 D yeke. — 
88 D teimi. — 89 = m. nag ädum. — 40 D hat bisi biäio. — 41 = m. h'uriyäbala. 

— 42 = m. barag'ä. — 48 D dimi. — 44 Ein Verbum surah'u findet sich zwar in 
den Wörterbüchern nicht, vgl. jedoch surak; D hat suruji (vielleicht = surcu?). — 
45 == m. beye-yin, D beyeyen. 

3** 



nnn |p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



42 



Wilhelm Grube. 



kerek beye medehugei yeo. 1 olan 2 nukur buri camaigi 3 kelelcehu 
gi 4 ujehene. 5 ci bahan baruktai 6 buije. 7 jaosu 8 natho kerek. yamar 
kemjitei 9 kerek. 10 kerbe tordat 11 orosan hoina. ahoi baihö ni barak- 
dau 12 yeoma. adakdan 13 eruulhu 14 ugei bolbala. nige jaosu öi ul- 
dehu 16 ugei. ger barahan 10 barasar sai dosho 17 yeoma bisio. ene 
butur kun. 18 bida nidun du ujesen cikin du sonossan-i. 19 olan 2 ugei 
bolbaci. 20 jun 21 garsan 22 bile. bida nige tanggariktai nukur bisio. 
medeget 23 ese ithabala nukurin 24 nere ha baina. 26 uner ugei bol- 
bala. 20 neng sain. bi arga ugei suraji asaoji 27 yeokina. 28 

XLvn. 

Camai 29 ujehene. 30 ariki 31 du dan ci duratai yeoma. nige tedui 
cak ci yur 32 jailahogei. §alik bolji. uuho caktu uusar soktotala kul 
olduhogei 33 du kurbele sai joksoho yeoma. ene cini sain kerek bisi. 34 
bahan cerlebeole 35 sain baha. hprim horal bayar kerektei 30 bolbala. 37 
bahan 38 uuhu du yana. 39 kerektei kerek ugei gi bodohogei. 40 hön- 
taga barisar ama nas 41 jailahogei 42 uusen-i. 43 tere cini yamar sain 
kerek garhö bui. harin eme keoket 44 jikäiolhu. 46 aha ikes 46 jahadu 
buruu olhö. ike ursik gargat. cohomhan kerektei 36 kerek satahowas 47 
biäi. eones 48 erdem cidal nom sudur surci olot. kun 18 du kundu- 



1 D medeku ugeiyeo. — 2 D olon. — 8 D cimaigi. — 4 D kelelcekuigi. — 
ß D ujekene. — 6 D baraktai. — 7 D boize. — 8 D jos = m. dsog'ös. — 9 = m. 
kemjiyetei. — 10 D hat die abweichende Fassung: jos natho du. kerek yamar 
kemjitei kerek. — 11 = m. tordog'ät. — 12 D baradak. — 13 D adaktan. — 14 D eru- 
uleku = m. eregülekü. — 15 D uldeku. — 16 D hat die richtige Form barag'ä. — 
17 D doosho = m. dag'üsh'u. — 18 D kumun. — 19 D sonosusani. — 20 D bolbacu. 

— 21 D joo = m. dsag'ün. — 22 D garsun. — 23 D medet. — 24 D nukuriyen. — 
25 D bainai. — 26 D bolbele. — 27 D asuuji. — 28 D yeo gene. — 29 D cimagi. 

— 30 D ujekene. — 31 D arki. — 32 D yeru. — 33 D oldahÖ ugei. — 84 D hat 
bi§i biäio. — 86 D cerlebele = m. tsegerlebele. — 86 D kerektu. — 37 Nach bol- 
bala hatD: yun uguleku. kerek jarik baibele yakim (= m. yag'äkim). — 88 D hat 
tataji bahan. — 89 D yumbii. — 40 Für kerektei kerek ugei gi bodohogei hat D: 
kerek ugei du kerek bolgaji. — 41 D amanasa = m. aman-etse. — 42 D jailahö 
ugei. — 48 D uusani. — 44 D kuukettu. — 46 D jikSuulku. — 46 D yekeyen. — 
47 D satuhasu = m. sag*ätah f u-etse. — 48 D eonesu. 



'rw"*nl*> Original from 

,kJXJ ö lS - CORNELL UNIVERSITY 



Proben der mongolischen Umgangssprache. 43 

leolhu. 1 sain kerek 2 butesen-i 3 yur 4 hobor baha. nige uge du baraji. 
ariki geji 5 jang gi samaoraolhö 6 beiye gi 7 hokiroolho 8 hortai 9 yeoma. 
jorigar 10 uuji bolnuu. 11 abagai ci 12 ese itegebele. toligar 13 uje. ha- 
mar 14 hacir 15 cini buri ariki gemer 16 debteji. 17 ci jager kun 18 bisi. 19 
edur 20 suni ugei ene metus 21 ketureji oobala. 22 ene cini eorin 23 
beiye gi 24 äabdahö biäi gejio. 

XLvni. 

Ene kedun edur 25 kerek baiho yen tula. nige darar 26 hoyor 
uda 27 suni tulisen 28 du. hamuk beye eine 29 ugei julen 30 baina. ueu- 
gedur 31 udesi den. 32 bi darui untaya gesen bile. uruk turul euk 
ende baiho yen tula. bi yaji orokiyat 33 untaha 34 ocina. 35 tundu bi 
jokiji hataojigat 36 beye kedui nukur kiji 37 saoji 38 bolho bolbaci. 89 
nudu 40 tung bolhogei. 41 anisha 42 anima 43 dotor munghak bolna. 44 hoina 
geicit tarama. 45 bi darui derelet 46 del 47 emususer 48 ukusireji untaba. 
hoyotugar 49 jing 00 jokisan caktu sai seriji. 51 turunes 52 bahan dara- 
bao 53 yabao. 54 jiruken 55 den amur ugei camaho sik. 66 hamuk beye 
halueahoni 57 yur 58 galar 59 haksho 60 singgi. tere der 61 eike 62 bulak- 



1 D kunduluulku. — 2 D kerek gi. — 8 D butusen ni = m. bütügeksen 
inu. — 4 D yeru. — 6 ariki geji fehlt in D. — 6 D sarauroolhö = m. sainag'üra- 
g'ülh'u. — 7 D beyeigi. — 8 D hokiruulhö. — 9 m. h c ooratai, h c oortai. — 10 = m. 
dsorik-yer. — 11 D bolneo. — ,f abagai ci fehlt in D. — 13 D toliyer = m. toli- 
ber. — 14 hamar fehlt in D. — 15 D hacar. — 16 = m. gem-yer. — 17 D hat 
fälschlich tabtaji. — 18 D kumun. — 19 D hat bisi bisio. — 20 D odur. — 21 D me- 
tuse. — 23 D unbele. — 28 D uriyen = m. über-ün. — 24 D beyegi. — 26 D odur. 

— 26 = m. darag'är, D daraguur. — 27 = m. udag'ä. — 28 = in. tüleksen, tüliksen, 
D dulisun. — 29 = m. cinege. — 80 = m. dsügelen. — 31 D ucigedur. — 82 D dan. 

— 88 D hat richtig orkiyat. — 84 D untuhai. — 85 D ocinai. — 36 D hatuujit = 
m. h atag'üjig at. — 87 kiji fehlt in D. — 88 D sooji. — 39 D bolbacu. — 40 D nidu. 

— 41 D bolho ugei. — 42 D anishan. — 43 D animai. — 44 D bolnei. — 46 D ta- 
ramai. — 46 = m. derelüget. — 47 D debel. — 48 D omusoser = m. emüstikseger. 

— 49 D hoyadugar. — 50 jing = chin. J|f . — 81 D sereji. — 52 D terinesu = m. 
terigün-etse. — 53 D darabuu = m. dag'ärabao. — 54 D yabuu = m. yag'äbao. — 
65 D jureken. — 56 D camhösik = m. tsamh'usik. — 57 D haluucahöni = m. h'ala- 
g'ütsah'u. — 68 D yeru. — 59 = m. g*al-yer. — 60 Jedenfalls nur ein Schreibfehler 
für h'aksahö. — 61 D dere. — 62 D eiki. 



nnn |p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



44 



Wilhelm Grube. 



tuji 1 ebedudet. 2 jajior 3 sidu cuk habang 4 bolji. idehu 5 uuhodu amta 6 
ugei. yabuho saoho du 7 tab ugei. tengget bi ene idesen yeoma ese 
singgesen buije 8 geji. nige uru 9 baolgaho 10 em uugat. dotor baisen 11 
sain mao 12 yeoma cuk uru 9 baolgaba. 13 turunes 14 sai bahan sula- 
han bolji. 

XLIX. 

Ijaoras 15 mun baorai 16 beye bolot. tejiyehu 17 arga medehugei. 18 
arikin 19 oron nai 20 kerektu turaäat. 21 ike 22 hokirakdasan tula. odo 
ebetcin du barikdat tung judereji baina. 23 ucugedur 24 bida ujehe 25 
ocihana. harin hataojiji 26 ike 22 gerte iret. man du kelesen-i. abagai 
nar ike 22 jobaba. 27 im 28 keceo halun 29 edur 30 urguljide 31 ujeji irehu 32 
bolot. bain bain yeoma keome 33 kurgekuni. 34 ike jobaba. ike 22 tala- 
tai 35 bolba. uruk turul tula honoksiji sanahowas 36 biäi. ham 37 ugei 
kun 38 bolbala. 39 namaigi sanaho ha bui. bi ilio 40 yeo kelene. 41 dang 
setkilde 42 toktoji beye idegesen 43 hoina. tala 44 nukguci 45 murguhu 46 
buije 47 gebe, aman dan cim 48 kelebeci gi. beye tung teshugei 49 
baina. 50 teimin 51 tula bi abagai ci gekci nige ohowatai 52 kun 38 biäio. 
mini ilio 40 kelehu 53 kerek ugei. beye gi saihan tejiye. 54 hordun ide- 
gebele 55 sain. cule cule 56 du. bi baralhaji 57 ireye geji. hariji irebe. 

1 D buluktuji = m. bulaktaju. — * D ebdet = m. ebedüget; auf ebdet folgt 
in D noch ide tataji. — 3 = m. dsajig'ür. — 4 D habong. — 6 D ideku. — 
6 D aratan. — 7 D soohodu. — 8 D boize. — 9 D uruu = m. urug'ü. — 10 D bo- 
olgaho. — 11 D baisen. — 12 D moo. — 13 D boolgaba. — 14 D terinesu = m. 
terigün-etse. — 15 D ijuursu == m. idsag'ür-etse. — 16 D boorai = m. bag'ürai. — 
17 D tejiku = m. tejiyekü. — 18 D medeku ugei. — 19 D ariki yen. — 20 D urune. 

— 21 D dursat = m. durasig'ät? — 22 D yeke. — 23 D bainai. — 24 D ucigedur. 

— 23 D ujeke. — 26 D hatuujiji. — 27 D joboba. — 28 D iyimi. — 29 = m. h'ala- 
g f ün. — 80 D odur. — 81 D urguljidu. — 32 D ireku. — 33 D kuurae = ra. ya- 
g'üma huraa. — 34 D kurgekuni. — 35 cf. m. tala ökkü. — 36 D sanahösu = m. 
sanah'u-etse. — 37 = m. h f amiya, D hamai. — 38 D kumun. — 39 D bolbele. — 
40 D ileo = m. ilegüü. — 41 D keleku bui. — 42 D setkilten. — 43 D hat richtig 
edegesen. — 44 D hat jici vor tala. — 46 Offenbar ein Schreibfehler für ukguci, 
D ukji (= m. ökcü). — 46 D murguku. — 47 D boize. — 48 D teimi. — 49 D tes- 
kdgei. — 50 baina fehlt in D. — 51 D teimiyin. — 62 D uhatai = xn. uh'ag'ätai. 

— 53 D keleku. — 54 D teji — 65 D etegebele (Druckfehler für edegebele). — 
56 D culu culun =■ m. ciiüge. — 57 = m. barag'älg'aju. 



nnn |p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



Proben der mongolischen Umgangssprache. 



45 



Jun nai caktu harin dunggeji 1 hataojiji 2 yabudak bile. ulam 
baisar ebetcin nemekdet kebtebe. timin 3 tula. buku gerin 4 dotora 
uimen aiman geji tung sana oldahogei. 5 kuksit sana 6 jobasar buri 
maha 7 aldaji. yur 8 tohuwe 9 aldaraji baina. 10 teonigi 11 ujehene. 12 si- 
hosar 13 yasun tedui 14 ulebe. hanjun 15 der 16 suilekleji baina. 10 bi 
ayar teonai 17 dergede 18 ociji. odo gaigoi 19 bainuu 20 geji asaohana. 21 
namaigi niduger ujeme. 22 gari 23 mini cingga athoji bariyat. 24 ebei 
halagai. abagai mini ene mini nigul 25 bisio. odo ebetcin 26 kucir 27 
bolji idegehu 28 ugei buije. 29 bi nlu medehu 30 bui. ebetcin 26 du oro- 
san nas. 31 ali nige emci du jaosaolsan 32 ugei. yamar juiler em dorn 
uusen 33 ugei. sai aroohan 34 bolomakca. basa genedelmgei. 35 jaya 3G 
mun biöio. bi tung gomodol ugei bolbaci gi. 37 ecige eke nasujiba. 
deoner nasu 38 baga. uruk tul 39 cuk ende baiho yen tula. bi 40 ken 
ken & orkiji cidadak bile geji. uge dausmakca. 41 nidun nilbusu 42 
urushal sik asharaba. yamar 43 cugumsitei yeoma temur 44 öilao 45 
seolkiltei 46 kun 47 bolbaci. 48 teonai 49 uge gi 50 sonosuwat. 51 sana 52 ulu 
ebderehuni 53 ugei buije. 29 



1 D dungguji. — 2 D hatuujiji. — 3 D tiyitniyin. — 4 D geriyen. — 5 D ol- 
dohogei. — 6 sana fehlt in D. — 7 = m. mih'a. — 8 D yeru. — 9 D tohai. — 
10 D bainai. — 11 D teoniyigi. — 12 D ujekene. — 13 = m. sih T uksan-yer, sig'ük- 
san-yer. — 14 D todui. — 15 D hanjing = ra. h f andsu, li'anjing. — 16 D dere. — 
17 D teone. — 18 D dergedu. — 19 D gaigoi. — 20 D bainao. — 21 D asohona. — 
22 Für namaigi niduger ujeme hat D: nidu neiji. — 23 D garji ist ein Druckfehler 
für gari. — 24 D barit. — 26 D niguul. — 26 D ebecin. — 27 D hat fälschlich 
kujir. — 28 D hat richtig edegeku. — 29 D boize. — 30 D medeku. — 31 D oro- 
sanasu. — 32 D dsasulsen = m. dsasag'üluksan. — 38 = m. ug*üksan. — 34 D ario- 
han = m. arig'üh'an. — 85 D hat genedekuni; genedehugei scheint ein Schreib- 
fehler zu sein. — 30 m. dsayag'ä. — 37 D bolbocigi. — 38 D hat vor nasu noch 
basa. — 89 D turul; tul ist wohl nur ein Schreibfehler für turul. — 40 D hat nach 
bi noch hatao setkil. — 41 D doosmakca = m. dag'üsmaktsa. — 42 D nilmusu. — 
43 D hat noch die Interjektion oi vor yamar. — 44 D tomor. — 45 D cileo = m. 
cilag'ün. — 48 Schreibfehler für setkiltei. — 47 D kumun. — 48 D bolbocu. — 
49 D teonei. — 50 D ugeigi. — 51 D sonosut. — 52 D sanan. — 53 D ebde- 
reku ni. 



'rw"*nl*> Original from 

,kJXJ ö lS - CORNELL UNIVERSITY 



46 



Wjlhjslm Grube. 



LI. 

Ukultei yeoma biöi bolbala. tere usen*nige abural orona. 2 tere 
nige suni du ebetcin 3 kundutci moojirat. niliyet 4 udasan hoina ede- 
gerebe. bi ania 5 ujur 6 kedui gaigoi gaigoi 7 sanan taibi 8 geji ebu- 
gedi 9 horiklaji kelebeci. 10 sanan dotor 11 tung goori 12 ugei 13 sanan 14 
cukurebe. uner ebugedin 15 buyan sulder. 16 teonai 17 jaya 18 sain tula. 
jici edur tusar 19 nige emci jalaji iret jasaolsan nas. 20 ujeser 21 harasar 
nige edur nige edures 22 ilari 23 bolba. urjidur bi ociyat 24 teonigi 25 
ujehene. 26 beye kedui ike sain bolodui 27 öi bolba. cirai jusu 28 isala 
bolot. maha 29 bahan nemeji. dere 30 du tuSiji hoolai 81 ideji baina. 
tundu bi araur bainuu. 32 ike 33 bayar biöio. ene nige ebetcin 3 ukusen 
ugei bolbaci. 34 uner goojisen sik bolba geji kelesen du. tere nada 35 
iniy elkileji 36 kelehuni. 37 odo gai garba. tung gaigoi 38 bolba gene. 

LH. 

Namaigi 30 horisan uge cini sain uge baha. gakca nada basa 
nige sanaho yeoma baina. 40 uner em uultai 41 yeoma bolbala. bi 
modo 42 bi£i bolot. jaosu 43 munggu gi hairalaji 44 beye 45 jasahogei 46 
yosu 47 basa bainuu. 48 yeobei 49 gehene. 50 urjinon 51 bi buru 52 em 



1 D usun == m. ubesüben. — 2 D hat olnai. — 8 D ebecin. — 4 D nelen. 
— 6 D aman. — 6 D ujuur — m. üdsügür. — 7 D gaigoi gaigoi. — 8 D hat sana 
gi sulahan tabi. — 9 D ubukudi (Druckfehler für ubugudi). — 10 D kelebecu. — 
11 D dotoro. — 12 = m. g'ori. — 18 D hat ugei geji. — 14 D sana. — 15 D ubu- 
gediyen. — 16 = m. sülde, D sol der. — 17 D teonei. — 18 = m. dsayag ä. — 
19 = ro. tusag'är. — 20 D jasuulsanasu = m. dsasag'üluksan-etse. — 21 ujeser fehlt 
in D. — 22 D oduresu. — 28 = m. ileri. — 24 D ocit. — 25 D teoniyigi. — 
26 D ujekene. — 27 D bolodoi = m. bolog'ä edüi. — 28 = m. jisu. — 29 = in. 
mih'a; D hat noch mun nach maha. — 30 D hat harahan vor dere. — 31 D hol 
= m. h'ogolai, h og'öl. — 32 D baineo. — 38 D yeke. — 34 D bolbocu. — 35 D na- 
datai. — 36 D inelkileji. — 37 D kelekuni. — 88 D gai ugei. — 89 Für namaigi 
hat D cini. — 40 D bainai. — 41 D ooltai. — 42 D modon. — 43 D jos = m. dsa- 
g'ös. — 44 D hairlaji. — 45 D beyegi. — 46 D jasaho ugei. — 47 D yoso. — 
48 D bainao. — 49 D yeobi. — 50 D gekule. — - 51 Aus urji (urjin) und on zu- 
sammengesetzt. — 52 D buruu = m. burug'ü. 



nnn |p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



Proben der mongolischen Umgangssprache. 



47 



uugat. arai ämin mini hökirasan 1 ugei. odo boltala 2 sanahola. jurhe 3 
susu 4 mini basa tukäiser baina. 5 odo emci narin 6 dotora. sain-i 7 
baibaci. haya 8 nijet 9 hooäun 10 bui buije. 11 teones 12 bisi gakca jaosu 13 
munggu kelehuwas 14 bisi. yuru 15 kun nai 16 ami gi 17 dahogei 18 baha. 
ci ese itegebele. tengseji uje. em yen 19 cinar 20 ci harin medehugei 21 
baitala. baturlaji 22 kun nai 16 ebetcin-i 23 jasaho yeoma. turgen ya- 
ran 24 cini gerte kurci iret. sudasu barina 25 geji baitala. horu gar 26 
demei 27 temteret. haäi kerek nige nige nairagolga 28 biciyet. uksen 29 
belek jaosu 30 gi abat yabula. 31 ilari 32 bolbala. 33 teonai 34 kuci. ese 
idegebele 35 cini jaya 36 baha. tundu yur 37 hamiya 38 ugei gene. mini 
ebetcin 39 bi medehugei 40 gejio. juil juilin 41 em emnehuwas. 42 harin 
beyer dob dogoi 43 tejiyehu 44 du kurhugei 45 baha. 



Bisi kun 46 teonigi 47 kelehudu. 48 camala 49 yeo 50 hama. 51 neng 
horihana neng aor 52 kurhuni. 53 dangci 54 doksin bolba. geicin tarasan 
hoina. kelehu buije. arga ugei odo dere saitnoo. 55 abagai cini ene 
uge tung mini sanandu oroho bisi. bida nige dura 56 kun 46 baha. 

1 D hokiraksan. — 2 D boltolo. 3 D jureke. — 4 D sujuk; in Golstunskts 
Wb. ist sudsuk in der Bedeutung , Galle 4 mit einem Fragezeichen versehen. — 
5 D bainai. — 6 = m. emciner-ün. — 7 D sain ni. — 8 D hana ist vielleicht ein 
Druckfehler für haya. — 9 D nijit = m. nijige't. — 10 Vielleicht ein Druckfehler 
für hoosut? D hat hosit = m. h'osiyäg'ät. — 11 D boize. — 12 D teonesu. — 
13 D jos = m. dsog'ös. — 14 = m. kelekü-etse; D hat dafür gorilhasu (von m. gV 
rilah'u). — 16 D yeru. — 16 D kumune. — 17 D amiyigi. — 18 D dahö ugei, wohl 
= m. tag c äh*u ugei. — 19 D emiyin. — 20 D cinari. — 21 D medekugei. — 22 = m. 
bag'äturlaji. — 28 D ebecini. — 24 = m. yag äran. — 25 D barinai. — 26 D ho- 
rugar = m. h'urug'ü-ber. — 27 D timi (Druckfehler für dirai); nach timi folgt in 
D noch: nige jerge. — 28 D nairulga. — 29 D uksun = m. öküksen. — 30 D jo- 
soigi. — 81 D yabulai. — 82 = m. ileri. — 83 D bolbola. — 84 D teonei. — 
35 D edegebele. — 86 = m. dsayag'ä. — 87 yur fehlt in D. — 88 D hama. — 
89 D ebeci. — 40 D medeku ugei. — 41 D juiliyin. — 42 D emnekesu = m. emlekü- 
etse. — 48 D doo ugei = m. dag'ön ügei, dog'oi. — 44 D tejiku. — 46 D kurku 
ugei. — 48 D kumun. — 47 D teoniyigi. — 48 D kelekudu. — 49 D cimalai = m. 
cima-lug c ä. — 50 D yun. — 51 D hamai = m. h'amiya. — 52 D oor. — 58 D kur- 
kuni. — 64 == m. danci. — 66 Der Satz: geicin tarasan hoina. kelehu buije. arga 
ugei odo dere saitnoo fehlt in D. — 50 D doro. 



LIII. 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



48 



Wilhelm Grube. 



ene kerek cimadu basa tab ugei. bahan cirukdel 1 ugei geneo. teo- 
nigi 2 kelelcehene. 3 man tai orolji 4 baina. haho 5 ugei bolot. harin 
bi§i kun du dagan 6 bariji yabohoni. yaniar sanan 7 bui. bi uner uisi- 
yahu ugei. 8 tim 9 biäi. uge bui 10 bolbala. 11 ayarhan keleji uk. doksir- 
hana 12 mun doosnoo. 18 ci uje. ende saoho 14 ulus. cuk cini keregin 
tula iresen-i. 15 ci dang aortai 16 bolbala. 17 ene dotoras 18 ali nigen-i 19 
kuuji 20 gargaya geneo. ene jerge ulus yamar nuurar 21 saona. 22 gerte 
haribala. nuur tu dahogei. ende saobala. 23 ci basa yabsiji baihögei. 24 
saoho 25 yabuho du keceo baini. 26 eones 27 hoiäan nukut yaji 28 cini 
gerte irehu 29 bui. 

LIV. 

Camaigi 30 ujehene. 31 juger ama 32 tedui. degur 33 todo sik 34 bol- 
baci. 35 dotor togolgar 36 ugei. tere camadu 37 haldara 38 irehu 29 ugei 
bolbala. 39 darui cini kesik biöio. ci tundu haldaji yeokina. 40 sain uge 
gi tung sonoshögei. 41 irude 42 silmos 43 adalasan sik jorgor 44 ocit. 45 
adakdan 46 iciguri ujekdebe. tere kercigei 47 amitan nigi 48 ci ken 
gene. 49 keceb. neretei aimsiktai kun 60 bisio. 51 kun 52 du jai ukku- 
dak 63 ugei bile. 54 tundu hama 55 ugei kerek bolbala. 39 harin bolho 



1 D hat richtig cirakdal. — 2 D teoniyigi. — 3 D kelelcekene. — 4 = m. 
orog'ülji? D hat statt dessen oorlaji. — 5 D hat ci hahö (= m. h c ag c äVu). — 
6 D dahan. — 7 D sana. — 8 Die Worte: bi uner uisiyahu ugei fehlen in D. — 
9 D timi. — 10 D boi. — 11 D bolhöna. — 12 D hat taciyadaji doksirhana. — 
13 D doosneo = m. dag'üsnao. — 14 I) soohö. — 15 D irekseni. — 16 D oortai. — 
17 D bolhöla. — 18 D dotoroso. — 19 D nigen ni. — 20 D kuji = m. kegüjü. — 
21 D nuurer = m. nig r ur-yer. — 22 D soonai. — 23 D soobala. — 24 D baihö ugei. 
— 25 D soohö. — 26 D bainai. — 27 D unesu. — 28 D yagaji. — 29 D ireku. — 
30 D cimaigi. — 81 D ujekene. — 32 D aman. — 33 D deguur = m. degegür. — 
34 m. toda, todo, D todoisik. — 35 D bolboco. — 36 = m. dug ulg ar. — 37 D ci- 
madu. — 38 Supinum v. m. h'aldah'u. — 89 D bolhola. — 40 D yuukinei. — 41 D so- 
nosho ugei. — 42 D hat richtig yerude. — 43 D silmus. — 44 = m. dsorik-yer. — 
45 = m. ociyät, D hat odot. — 46 D hat richtig adaktan. — 47 D kercikei = m. 
kertsegei. — 48 D amitaniyigi. — 49 D genei. — 60 D kumun. — 51 D bisio; D 
hat die etwas abweichende Wendung: neretei keceo aimsiktai kumun bisio. — 
52 D yeru kun. — 63 D ugudek (vgl. m. dsai ökkü). — 54 D bilei. — 55 = m 
h f amiya, D hamai. 



nnn |p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



Proben der mongolischen Umgangssprache. 49 

baha. 1 cirukdehu 2 tatakdaho gajar bui bolbala. 3 ken ken öi bolba. 
cule 4 ukhugui 5 bisio. gurleser 6 arga ugei yosotai jabäatai buri ejelet 
sai baiho 7 baha. je. ene bi&io. 8 odogin kebtesen 9 bari 10 bosgagat. 11 
ama sime ugei hoiSi irebe. ene yun urma. horsiyatai 12 bolbala. 3 
hoor 13 olho ugei. herseo 14 tei bolbala 15 kerek aldaho ugei 16 gesen 17 
biäio. cini gakcar medesen 18 cineber 19 bolbala. 20 ha kurne. 21 yeoci 
bolba. bi cimasa 22 tasurhai kedun nasu aha bigio. 8 uner yabuho jui 
bolbala. 15 cini sanan du kedui bulaltuho 23 ugei boloya gebeci. bi 
harin sanaohola 24 sardan 25 oci 26 gene bisio. 8 duleote 27 bailgahö yosu 
bui bui. 28 

LV. 

Cini ene yumbei 29 toitoljaji 30 tong 31 doktor 32 ugei. ci saihan 
nomohon 33 saobala. 34 ken cimaigi modor kisen kun 35 geneo. kerbe im 
cim 36 ugei bolbala. 37 ali nige cimaigi kelegei geneo. kun nai 38 der- 
gede sok taibiho 39 singgi. onigi 40 haldat. basa teonigi 41 Suklak. 42 
yeo jirgal bainai. cini beyeren 43 ajirho 44 ugei biSio. hajaodaki 45 ulus 
teshugei 46 bolji. kejiye 6i bolba. nige keceo yeoma du barikdasan 



1 D hat ali harin bolho. bahan ... — 2 D = m. cirügdekü, D cirekdeku. 

— 8 D boi bolhöla. — 4 = m. cilüge, D cola. — 5 D ukku ugei. — 6 = m. gür- 
lekseger, D kurluser. — 7 baiho im Sinne von ,auf hören'. — 8 D bisio. — 9 D keb- 
teksen. — 10 bari ist nicht, wie ich annahm (xxx, 14) ein Druckfehler, sondern 
eine Nebenform von bars, s. Golstünski, Wb. i, 212. — 11 = m. bosh'ag'ät. — 
12 D horsitai. — 18 D hör.. — 14 = m. kerseü, kersegüü, D kersüütei. — 15 D bol- 
bele. — 16 D aldabö ugei. — 17 D geksen. — 18 D medeksen. — 19 = m. cmege- 
ber. — 20 D bolbola. — 21 D kurnei. — 22 D cimasu. — 28 D bulalduhö = m. 
buliyälduhu. — 24 D hat richtig sanahöla. — 26 = m. Sag'ärdan, sig'ärdan; D hat 
statt dessen yaraji = m. yag'ärajfi. — 26 D ot. — 27 Jedenfalls ein Schreibfehler 
für dulette = m. tülette; D hat statt dessen harin. — 28 Das zweite bui beruht 
wohl auf einem Versehen; D hat dafür yeo. — 29 D yumbi. — 80 D toitoljeji. 

— 81 D tung. — 82 D toktoori = m. toktag'üri. — 88 D nomohan. — 84 D soo- 
bala. — 85 D kumun. — 86 D hat statt dessen eimi teimi. — 87 D bolbele. — 
88 D kumunei. — 89 D taibiho. — 40 = m. egün-i, D oniyigi. — 41 D teoniyigi. 

— 42 Zweifellos ein Schreibfehler für soklana; D hat fälschlich soklani für soklanai. 

— 48 = m. beye-ber-yen. — 44 D ajiraho. — 45 D hajiodaki = m. h^jig^daki. — 
48 D tesku ugei. 

Wiener Zeitschr. f. d. Kunde d. Morgenl. XIX. Bd. 4 



nnn | p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



50 



Wilhelm Grube. 



hoina. ci 1 sai 2 medehu 3 baha. ebeo. im keceo aji. 4 age. 6 abagai 
cini 6 uge mun baina. 7 hama 8 ugei ulus enggeji kelenoo. 9 natum 10 



ike 16 beye turubeci. 16 nasun edui baha. 17 bida 18 ene cagas 19 ungge- 
resen 20 ugei yeo. cohom 21 aliyalaho 22 cak baina. 23 odo 24 ene ho- 
rondu 25 nige neretei keceo baksi jalaji bicik jaji 26 surgabala. 27 ulma 28 
medel nemekdeji kerek uile medesen hoina. 29 eosen 80 saijirahö baha. 
kumujihugei yen ucir yeo jobana. 81 



Tere aSilasan-i 82 yamar yangse 38 bui. kun nai 34 dergede 35 ke- 
legei singgi yaji 36 asaoho 37 yaji 36 hario 38 uge medeolhu 89 gi tung 
medehugei 40 yeoma. naöi buru 41 caäi buru. 41 yaji 86 oroho yaji 36 bu- 
cahö 42 gi basa uhahogei. seresen kun 48 bolot. ege 44 untasan 46 kun 
nai 84 adali. juger kun nai 84 to 46 baha. geb genen teb tenek tere 
cini yaji 36 turusen 47 bui. ta hanilasan-i 48 sain biäio. 49 teoni bahan 
jaji 60 surga. abagai ta nige gajartu hanilasan ugei. 61 basa narin me- 



1 ci fehlt in D. — 8 D saya. — 3 D medeku. — 4 Die Worte: ebeo. im 
keceo aji (= m. ajug'ü) fehlen in D. — 5 Für age hat D: deo inak. — 6 Für 
abagai cini hat D: cini aha yen. — 7 D bainai. — 8 = m. h'amiyä, D hat hamai. 

— 9 D keleneo. — 10 D nadum = m. nag'ädum. — 11 D keruuliyen = m. keregül- 
ün. — 18 = m. yag'üh'an? — 18 Vor ci hat D noch eldeblebeci. — 14 D eimi. — 
15 D yeke. — 16 D turubecu. < — 17 Statt der Worte: nasun edui baha (für bahan) 
hat D: sana cini nege (= m. negege) edui. abagai bitegei bain bain teoni burusa 
(= m. burug'usiyä, burug'üäag'ä). — 18 D hat bida mun. — 19 D cagasa = m. tsag- 
ötse. — 80 D unggurusun. — 81 D hat aus Versehen die Mandschuform cohome. 

— 22 D alilaho. — 88 D bainai; es folgen in D darauf noch die Worte: cinggeji 
im bolbele. — 24 odo fehlt in D. — 85 = m. h'og'örondu. — 86 = m. Jig'äji. — 
27 Auf surgabala folgen in D noch die Worte: yoso suratugai. edur udasan hoina 

— 28 ulma ist entweder ein Schreib- und Druckfehler oder aber eine Nebenform 
für m. ulam. — 29 D hoinu. — 80 D ösun = m. übesübe*n. — 81 Der Schlußsatz: 
kumujihugei yen ucir yeo jobana fehlt in D. — 88 D aäiläksani = m. ag'äsilaksan. 

— 88 D yangze. — 84 D kumunei. — 8ß D dergedu. — 86 D yagaji. — 87 D asaho. 

— 88 D horio. — 89 D medulkui. — 40 D medekugei. — 41 D buruu. — 48 D bu- 
cahöi. — 48 D kumun. — 44 = m. eke. — 46 D untaksan. — 46 = m. tog'ä. — 
47 D turuksen. — 48 D hanilsani. — 49 D bisio. — 50 = m. Jig'äju. — - 
51 D ugei tula. 




14 



LVI. 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



Proben der mongolischen Umgangssprache. 51 

dehugei 1 biöio. eones 2 iniyeltei 3 kerek basa baidak goo. 4 tontai 6 
nige gajartu saogat 6 kelelcehene. 7 eoni duraoci 8 kelelcehu 9 horondu. 10 
ger gente 11 teoni sanat tailji kelehu. 12 esekule 13 ama orkiyat 14 nudu 
imerhugei 15 hadasar cimaigi sirteji ujene. 16 basa ger gente 11 nige 
eki adak ugei tenek ugei 17 kelemejin. yuru iniyeser 18 gedesu ebe- 
duulku 19 yeoma. urjidur namaigi ujehe 20 ocisan bile. 21 hoi&i gerte 
hariya geku baitala. yuru Suluhon-i 22 eodes 28 garhogei. 24 nuru gi 25 
ergiget 26 gederge bucaji yabuho gi 27 ujet. age ci boSoga gi 28 medeji 
yabu geji uge baradui 29 horondu nigente torci beiye 30 kelbiget 31 
sarbaiji unatala. bi yaran 32 guicet tuäibe. arai unasan 33 ugei. urida 
bi basa urgulji teoni horidak bile. 34 hoina teoni halaji ulu cidahö gi 
medet. yuru 36 kumujihu 36 saba bifii tula. ama kele gi 37 talar joba- 
olji 38 yeokihu 39 bui get. horiho gi 40 baila. 41 

LVII. 

Abagai ci sonosbeo. 42 uge yen ujur sejur 48 tu cuk namaigi 
elengkei 44 geji yugelene. 46 bi bardamnaho ni biäi. 46 tere gekci. bici- 
han keoket 47 biäio. 48 yuru 49 kedun honok amidurasan 60 äereng 51 
bahana. ene teonai medehu 52 kerek bisi uner. sine 53 hobcasu gekci. 
mun nigen kerek jarak tu emushuni. 54 mini ene juger enggin 55 



1 D medeku ugei. — 2 D eonesu. — 3 D iniltei. — 4 D yeo. — 6 = m. 
tegüntei, D teotai. — 8 D soogat. — 7 D kelelcekene. — 8 duraoci ist ein bloßer 
Schreibfehler, D hat richtig duratci. — 9 D kelelceku. — 10 = m. h'og'örondu. — 
11 D geb geute (= m. genette). — 12 D keleku. — 18 D ese gekule. — 14 D orkit. 

— 15 D hat richtig irmeku ugei. — 16 D ujenei. — 17 D hat richtig uge. — 
18 D ineser = m. iniyekseger. — 19 = m. ebedegülkü. — 20 D ujeke. — 21 D otsan 
(= m. oduksan) bilei. — 22 Wohl = ra. Silug'üh f an-i. — 28 D eodenesu = m. 
egüden-etse. — 24 D garhö ugei. — 25 D nurugi = m. nirug'ü. — 26 D erget. — 
27 D yabuhöigi. — 28 D bosogaigi = m. bosog'a. — 29 D bara odui = m. barag'ä 
edüi. — 80 D beye. — 81 D kelbeiget. — 82 = m. yag'äran. — 88 D unasen. — 
84 D bilei. — 85 D yeru. — 88 D kumujiku. — 87 D keleigi. — 88 D joboji = m. 
dsobag'äji, — 89 D yeo geo. — 40 D horihoi gi. — 41 D bailai. — 42 D sonosboo. 

— 48 = m. sejigür. — 44 D elekei. — 48 D yookelenei. — 48 D bisi. — 47 D koo- 
ket. — 48 D bisio. — 49 D yeru. — 60 D amiduraksan. — 61 = m. sigereng. — 
52 D medeku. — 58 D sinin. — 64 D emuskuni; es folgt darauf in D noch biäio. 

— » = m. eng-ün, D enggiyen. 

4* 



nnn |p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



52 



Wilhelm Grube. 



emushu 1 baha. bahan hoocirasan 2 du yeo bui. tedu 3 bahan elesen 4 
du basa yeo bui. ere yen erdem ugei yen tula icibele jokistai. 
emeshu 1 ulu einushu 6 du yeo holbokdahö bui. odo bolbaci 6 bi ke- 
dui sain-i 7 emushu 1 ugei bolbaci. 8 sanan dotora 9 aodam. 10 yeo ge- 
hene. 11 kun 12 du goirancilan irehu 18 ugei uri 14 dutaho ugei. 15 ene 
tedu 16 iciguri 17 uitharlaltai 18 gehu 19 gajar ugei. kerbe tim 20 butur 
jaloo 21 ulus bolbala. 22 mini nidu nai 23 jabsaran 6i 24 tocahö 25 ugei 
biSio. dang cimektei saihan 26 emusget 27 keileji 28 aäilahß gi 29 me- 
dehu 30 buije. 31 ere yen erdem surho gi 32 medenoo. 33 tim 20 butur 34 
kedui mangnuk kemerliger 35 urabaci gi 36 yun 37 gaihaltai. tong 38 
doora 39 doronggoi 40 nidu cecegei ugei ulus demeile teonigi 41 nuurtei 42 
erkim geji malaga 43 abci ujehu 44 buije. 46 bi teonigi hobcasu elbeku 46 
talbior 47 gene. 48 



Cini ene yumbei. 49 biäi kun 50 cing sujuger 51 cini dergede sanan 
goihodu. medebele keleji uk. medehugei 52 bolbala 53 medehugei 62 
geji kele. hoorci 54 yeokina. 55 haya kun nai 56 kerek sataolsan 57 



1 D emusku. — 2 D hoociraksan = m. h'ag'üciraksan. — 8 D todui. — 
4 D eleksen. — 5 D emuskui. — 6 Die Worte: odo bolbaci fehlen in D. — 
7 D sain ni. — 8 D bolbacu. — 9 D sanan nu dotoro. — 10 D oodam = m. ag c ü- 
dam. — 11 D gekene. — 12 D kumun. — 18 D ireku. — 14 = m. üri. — 15 D du- 
tahögei. — 16 D tedui. — 17 D iciori. — 18 D oitharlal tai, von m. uitharilah'u 
abgeleitet; das Wort fehlt in den Wörterbüchern. — 19 D geku. — 20 D teimi. — 
21 D jaluu. — 22 D bolhöla. — 28 D nidunei. — 24 D jabsaracu. — 25 D tocoho 
= m. togätsah'u. — 26 D saihan nigi. — 27 D emuset. — 28 D keleji = m. kege- 
leji. — 29 D asilahoigi. — 80 D medeku. — 81 D boize. — 82 D surhoigi. — 
83 D medenuu. — 84 D butur ni. — 86 D kemerliker = m. kemerlik-yer. — 
86 D urabaciyigi = m. uriyäbacigi. — 87 D yeo. — 88 D tung. — 39 D doro = m. 
doora. — 40 D doronggui, entspricht vielleicht einem mong. doorangg'ui, das sich 
jedoch nicht belegen läßt. — 41 D teoniyigi. — 42 = m. nig'ürtai. — 48 D malagai. 

— 44 D ujeku. — 46 D boize. — 46 D ulbuku. — 47 = m. talbig'ür; D hat tabica. 

— 48 D genei; es folgen dann in D noch die Worte: harin namai gi kederleku du 
yun ucir bui. — 49 D yunbai. — 50 D kumun. — 51 = m. südsük-yer. — 62 D me- 
deku ugei. — 58 D bolbele. — 54 = h c ag f ürcu. — 65 D yeogene. — 56 D kumunei. 

— 57 D satuulosan = m. sag'ätag'üluksan. 



LVIII. 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



Proben der mongolischen Umgangssprache. 53 

hoina. harin ci cohom teonigi 1 basirlasan 2 singgi. tere uner nige 
mao kultugur bolbala. bi basa kelehugei. 3 tere 4 nomohon 5 kun biäio. 
kuurkei 6 nigente ujet ushal nomohan-i medebe. 7 bi§i kun 8 yabubala. 
bida harin ithaltai. ci basa im 9 keder yabuhoni. tung buru 10 bolba. 
mini sanan du 11 oroho bi§i. abagai ci medehugei. 12 tundu mekelek- 
debe. tere bujar yeoma. degur 13 tenek erguu sik baini 14 bisio. dotor 
aiho butur. teonai 15 doksin mao 16 yabudali ci ujesen ugei baitala. 
medehugei 17 baha. arga olan. 18 baci ike. 19 dangci 20 kun nai 21 maha 22 
idene. 23 aliba kerek 24 urida uran 25 uger kun ni 26 tatat. kun nai 21 
sanan ni ike 19 nuru 27 oldasan 28 hoina. teonese 29 holas 30 haraji baiji 
cini jabsar kiluiji 31 ujene. 32 kerbe bahan jabsartai yeotai 33 bolbala. 34 
kul orolat 35 hoigor saolgana. 36 abagai ci sana. 37 ene kerek nada hol- 
botai 38 kerek bisio. 39 uk ekin yabudali tundu keleji bolodak goo. 40 
ene ucir namaigi burusabala 41 bi gomodohogei 42 yeo. 

LIX. 

Manai tere nukur yasen 43 bui. ene kedun edur tere dongsui- 
get 44 jobaji 45 baihoni. yamar 46 siltagan 47 bainoo. medehugei. 48 sola 

1 D teoniyigi. — 2 D hat fälschlich bisirlaksan. — 3 Statt der Worte: tere uner 
. . . kelehugei hat D: tereci baitugai. — 4 D tere nige. — 5 D nomohan. — 6 kuurkei 
läßt sich in dieser Form nicht belegen; da es jedoch dem chinesischen (Tj ent- 
spricht, so ist es vermutlich = m. kügereküi. — 7 Der ganze Passus von kuurkei bis 
medebe fehlt in D. — 8 D kumun. — 9 D iyimi. — 10 D buruu = m. burug'ü. — 11 Nach 
sanan du folgt in D yeru. — 12 D hat: abagai ci ujesen teoni medeku ugei. — 
13 D deguur = m. degegür. — 14 D bainai. — 15 D teoni. — 16 D moo. — 
17 D medeku ugei. — 18 D olon. — 19 D yeke. — 20 D danci — 21 D kumunai. 

— 22 = m. mih'a. — 23 D idenei. — 24 D hat kerek baibala. — 25 D uriyen = 
m. uriyän. — 26 D kumunei. — 27 = m. nirug'O, s. Golstunski, Wb. in, 344. — 
28 D oldokson. — 29 D teonesu. — 30 D holoso. — 81 D kilaiji, cf. m. kiluih'u, 
kilaih'u. — 32 D ujenei. — 83 D yuutai. — 34 D baibala. — 35 D oroolat = m. 
orog'ülug'ät. — 86 D suulganai. — 37 D hat: sanaji uje. — 38 = m. h'olbag'ätu, 
h'olbog'ötu. — 89 Für kerek bisio hat D: gajar bii bisio. — 40 D boldak yeo. — 
41 D buruusabala = m. burug'üsagäbala, burug'üsiyäbala. — 42 D gomodohö ugei. 

— 43 D yagasan. — 44 = m. düngsüiget. — 45 D joboji. — 46 Vor yamar steht in 
D nach kermen, welches sich aus den Wörterbüchern nicht belegen läßt; da es 
dem mandsch. maka entspricht, scheint es eine Fragepartikel zu sein, etwa = 
kerbe? — 47 D hat ucir siltagan. — 48 D medeku ugei. 



nnn |p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



54 Wilhelm Grube. 

kiri du casu boron 1 oroho caktu. gerte baiho buije. 2 teones 3 bisi 
gajar gajartu gesudek 4 bile. 5 gerte juger saobala 6 tesnuu. 7 ene ucara 8 
eode 9 öi garsan 10 ugei gerte saosar 11 baina 12 geji. bi ucugedur 13 
ociji 14 ujehene. 16 cirai jusu 16 uridu 17 adali ha baina. 12 ikele 18 bao- 
raji. 19 orobaci 20 garbaci 21 tong 22 amur tab ugei. 23 tundu jokiji sejik- 
leji 24 sai 25 asaoya 26 gehene. 27 basa nige uruk iret hakdaba. 28 ebeo. 
bi medebe. 29 ike 30 nuru 31 tere nige 32 kerektu tordat sanan 33 ede- 
reksen baha. tenggebeci. 34 hoocin 36 uliger tu. daba 86 du mergen 
kun 37 dalang gas 38 aihogei 39 gesen biäio. 40 uridu yamar keceo ke- 
ceo 41 keregi. cuk jiye geji sitkesen baha. odo 42 yeo yahntai 43 ke- 
rek. cim 44 sanan jobaho 45 bui. 

LX. 

Ci dan kerek tu dassan 46 ugei bui. tong 47 erguu baina. uge 
bui bolhola. yundu sanan dotora 48 taibina. 49 nebte ociyat 50 ib ile 
kelebele barajanja. 51 tere öi kun 37 biäio. yosotai yabuhogei 62 yeo. 
ucir siltagan gargam 63 eki adak kurtele saihan tailji kelelcehene. 54 
cimagi 55 yana geneo. alahowas 56 ainoo. esehene 67 ciraagi 56 idenuu. 58 

1 = m. borog'än. — 2 D boize. — 8 D teonesu. — 4 Wohl = m. geskü ,sich amü- 
sieren*; D hat kesudek (von m. kesekü ,sich umhertreiben 4 ). — 6 D bilei. — • D soo- 
bala. — 7 D tesneo. — 8 = m. ucira. — 9 = m. egüde. — 10 D garaksan. — 11 D sook- 
sar. — 12 D bainai. — 18 D ucagedur. — 14 D otci. — 15 D ujekene. — 16 = m. 
jisu. — 17 D hat: basa uridu. — 18 D yekele. — 19 D booraji. — 50 D orobocu. 

— 21 D garbacu. — 22 D tung. — 28 Nach tab ugei folgen in D noch die Worte: 
nasi casi ugei genei. — 24 Statt tundu jokiji sejikleji hat D: tundu bi yeke sejik- 
leji ene yahasen (= m. yag'äksan) ni. — 25 D saya. — 26 D asuya. — 27 D ge- 
kene. — 28 = m. h'ag'akdaba. — 29 D hat: bodoji medebe. — 80 D yeke. — 
31 D nuruu = m. nig'üru. — 82 nige fehlt in D. — 88 D sana. — 84 D tegebecu. 

— 86 D haocin. — 86 = m. dabag'ä. — 87 D kumun. — 88 D dalanggasu = m. 
dalang-etse. — 89 D aiho ugei. — 40 D bisio. — 41 Statt yamar keceo keceo hat 
D: yamar yamar keceo. — 42 D hat ene. — 43 D hat yalatai = m. yalatu. — 
44 D tiyimi. — 45 D jobohö. — 46 = m. dasuksan. — 47 D tung. — 48 D dotoro. 

— 49 D talbinai. — 60 D ocit. — 51 Diese Form, die dem mandsch. wajiha ent- 
spricht, vermag ich nicht zu belegen; sollte sie vielleicht aus baraji amuiza zu 
erklären sein? — 52 D yabuhö ugei. — 53 D hat gargamaijin, vgl. Orlow, Burj. 
Gramm., S. 172. — 54 D kelelcekene. — 56 D cimaigi. — 66 D alahasu = m. alah'u- 
etse. — 57 D ese gekene. 58 D idenoo. 



'rw"*nl*> Original from 

,kJXJ ö lS - CORNELL UNIVERSITY 



Proben der mongolischen Umgangssprache. 55 



tere ci baitugai. tere kun 1 yur 2 cime ime 3 ugei baitala. ci harin 
ertes 4 durbeji 5 enggeji tenggeji caruji 6 yabuhoni. yur 2 ere yen er- 
dem baraji 7 gaigoi. 8 ci sanan sulahan 9 taibi. 10 tere uner bolhogei. 11 
camatai urultuye 12 gebele. 13 tere 14 camadu 15 jai uknoo. 16 ci odo mun 
enggeji aibacigi. 17 aruuhan 18 sulahan tonilho ha bui. odo boltala. 
tong 19 mede 20 ugei 21 ujehene. 22 keduin martat orkila. ci dan ese 
itegebele. semergen 23 nige cime 24 ab. tong 19 gaigoi 8 gern ugei gi bi 
batulaya. 



Tan nai 25 nukurlesen ni 26 ike 27 sain biöio. odo yasen bolba. 



buruu ujekdesen gajar baibala. basa nige kelehu 32 yabudal baina. 33 
tong 19 ugei baitala. nam saihan yabulcadak bile. 84 gente 35 ali nigen 36 
ugen du buru 37 sanat aorlaji 88 tak yabuhögei 39 bolba. ese yabu- 
baci 40 basa bolho yeoma. dalda gajar demei 41 namaigi enggeji mao. 42 
tenggeji keceo geji. 43 mini taniho olan 44 nukudi 45 ucarabala. 46 yuru 47 
ugen nai 48 domok bolgan 49 toklaji kelesen-i 50 yamar yosu bui. mu- 
nuken 61 mini keo 52 gerlehu 63 du. bi harin nuur tu yakina geji. 
teoni uriji ocisen 54 bile. 55 nohai & bolba nige jarusan ugei. mini 

1 D kumun. — 2 D yeru. — 8 = m. cimege imege, D cimi imi. — 4 D er- 
tesu. — 6 m. dürbeku fehlt in den Wörterbüchern von Schmidt, Kowalewski und 
Golstunski; nach dem Mong c ol-un üsüg-ün h'oriyäksan bicik xi, p. 89 b ist es = 
dem mandsch. durbembi ,zittern, vor Schreck zusammenfahren 4 . — 6 D cariji. — 
7 = m. baradsuh f ui. — 8 D gaigoi. — 9 D suluhan. — 10 D tabi. — 11 D bolho 
ugei. — 12 = m. oroldaya. — 18 Statt camatai urultuye gebele hat D: yagaya ge- 
bele. — 14 tere fehlt in D. — 16 D cimadu. — 16 D ukneo. — 17 D hat fälschlich 
aibicigi. — 18 D ariohan = m. arig'üh'an. — 19 D tung. — 20 = m. medege. — 
21 D ugei gi. — 22 D ujekene. — 28 = m. semegerken. — 24 = m. £ima. — 
26 D tani. — 26 D nukurlekseni. — 27 D yeke. — 28 Die Worte: odo yasen 
(= m. yag'äksan) bolba fehlen in D. — 29 D ireku ugei. — 80 D hai; haiha 
scheint eine bloße Nebenform von hai zu sein. — 81 D teoni. — 82 D keleku. 

— 38 D bainai. — 84 D bilei. — 85 D genete. — 86 D nige. — 87 D buruu. 

— 88 D oorlaji. — 89 D yabuhö ugei. — 40 D yabubacu. — 41 D dimi. — 
42 D moo. — 48 Es folgen in D noch die Worte: teim aimsiktai geku. — 44 D olon. 

— 46 D nukutdi. — 46 D ucarahöla. — 47 D yeru. — 48 D ugeni. — 49 D bolgon. 

— 50 D kelekseni. — 51 D hat statt dessen sahana. — 62 D kubuun. — 68 D ger- 
lekui. — 64 D otsan. — 56 D bilei. 



LXI. 



tong 19 cini gerte irehugei 29 yeoma. haiha. 30 ken ali teonai 31 jahadu 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



56 



Wilhelm Grube. 



ucarasan ucarasan-i cum ene butur nukur biäio. namaigi basa yaji 
nukurle 1 gene. 2 tere kun nai 3 uge yabudal hodal 4 homagai 5 itegeji 
bolho ugei geji. bi ese kelebeo. tere caktu ci basa acirasan bileo. 6 
harin ja ugei nadatai maolsan 7 bile. 8 kun nai 3 cirai gar 9 tanibaci 
gi. sanan 10 gi yaji 11 labta nebte medehu 12 bui. sain mao gi 13 ilgaho 
ugei. buguder 14 cum maSi 15 inak nukur geji bolnoo. 16 



LXII. 

Ken tuntei 17 ene tere gebe, teonai 18 ugen 19 du urniji 20 na- 
maigi keleolhu 21 biöio. busudi daldalaji bolho buije. 22 camadu 23 da- 
ruji bolnoo. 24 jil sinelesen 25 naäi. 26 tere yuru 27 alban du yabusan 
bui yeo. enedur 28 hanasa 29 ariki 30 ugat 31 iretele. eode oroma. 32 
ebeo 33 bi yundu sai 34 cimaigi ujekdene 35 gene. 36 tim 37 bolbala. bi 
satal 38 ugei haltaral 39 ugei bukuli sara cini tula alban 40 hasan-i. 41 
harin buruu bolba. 42 ene ugen du aor mini darui holoi 43 yen der 44 
buklebe, enedur yeogeji kelelcene. margata dakiji todorhailaya. 45 
abagai ci 46 yundu teotei jerge demecene. 47 äoklaji jangsisan 48 ama 
gi 49 ci kerbe medehugei 50 yeo. sanahola basa soktoji uusen. 51 gakca 
ese ujesen ese sonossan 52 boltugai. yeogeji teoni ajirho 53 bui. abagai 



1 D nukurlenei. — 2 D genei; darauf folgen in D noch die Worte: ene 
yamar. — 8 D kumunei. — 4 D hodal. — 5 D homahai =? m. h'omog'oi. — 
6 D balo ist wohl nur ein Druckfehler. — 7 D moolsan = m. mag c ulaksan. — 
8 D bilei. — 9 = m. cirai ber. — 10 D sana. — 11 D yagaji. — X2 D medeku. — 
13 D moogi. — 14 D bugudeger. — 15 D masi. — 16 D bolneo. — 17 D teotei. — 
18 D teoni. — 19 D uge. — 20 = m. ürnijü. — 21 D keluulku. — 22 D boize. — 
23 D hat: abagai cimadu. — 24 D bolnuu. — 25 D sineleksenesu. — 26 D naru. — 
27 D yeru. — 28 D ene odur. — 29 D hanasu = m. h'amig'ä-etse. — 80 D arki. — 
31 D uugat. — 32 D.orom. — 33 D ebei. — 84 D hat sine. — 85 D ujekdenei. — 
36 D genei. — 37 D teirai. — 38 = m. sag atal. — 39 = m. h'alturil. — 40 D alba. 

— 41 — m. h'ag'äksan. — 42 D hat: olba geneo; es folgen darauf in D die Worte: 
abagai ci cecen kun bisio. — 48 = m. h'og'ölai. — 44 = ra. degere. — 46 Der 
ganze Passus von ene ugen du bis todorhailaya fehlt in D. — 46 abagai ci fehlt 
in D. — 47 D temecenei. — 48 D jangsisan. — 49 D amaigi. — 50 D medeku ugei. 

— 51 = m. ug'üksan. Der ganze Satz fehlt in D. — 52 D hat: sonosuksan singgi. 

— 53 D ajirahö. 



nnn |p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



Proben der mongolischen Umgangssprache. 57 

ci medehugei. 1 ene metu doro gi 2 daruhö doksin nas 3 aiho mao sik 
tu. 4 cule 5 ukhene. 6 neng dailana. 7 ci bari caäi 8 bi naduna. 9 ajik ugei 
du uge caolistaba 10 gekule. 11 kun 12 esekule urehu 13 buije. 14 harin 
cirai inaosiyahoni. 15 ken tundu bolna. 16 abagai 17 ci bitegei 18 taciyada. 19 
bi ene aksum yeoma 20 gi. dalda gajartu abaciji. 21 nidu uhoji 22 nige 
jerge icigen horiklaji. cini aorigi 23 namharaolya. 24 



LXIII. 

Umekei 25 dotortai yeoma. namaigi danöi doromjilaho bui. bi 
cainatai 26 uge kelelcehuni. 27 jokihogei 28 yeo. iresener uran ugeren 29 
namaigi dogilaji kelehucini. 30 beye gi 31 yeo bolgasan bui. edur 32 
buri gejige geäikiji 33 yabuho sain hanil tula. bi kelehu 34 yeoma ugei 
bisio. bi kerbejin uk ekin-i garhana. bi danÖi sibsik kercigei 35 bolji. 
cini notok. 36 mini hoäo. 37 ken ken 6i mededek yeoma. ci kun 12 du 
ese darulaolsar 38 keduiken udaba. odo hobhai 39 basa nadala 40 noyo- 
cilaji 41 yabuho cini yum 42 bui. bari casi uge endeorbe 43 gehene. 44 
bi harin aocilaltai 45 bahana. hajagar mujagar 46 gurleji 47 arga ugei 
teonai 48 uge gi 49 jub bolgat. adakdan yur 50 kuliyeji 51 abhogei 52 yen 
tula. kun 53 aor 54 kurultei biäio. tere tong 55 namaigi kunggen ujeji. 



1 D medekugei. — 2 D doroiji. — 3 D doksin nasu = m. doksin-etse. — 4 D mo- 
osiktu. — 5 D cola = m. cilüge. — 6 D ukbele. — 7 D dailanai. — 8 D casi. — 
9 D nadunai = m. nag'äduna. — 10 D coolusdebe = m. tsüülistebe, tsegülistebe. — 
11 D gebele. — 12 D kumun. — * 18 D uurahö — m. ugurh'u. — 14 D boize. — 
15 = m. mag'üsiyäh'u ; D moosihöni = m. mag'üsih'u. — 16 D bolnai. — 17 abagai 
fehlt in D. — 18 D bitugei. — 19 D tesciyada. Es folgen darauf in D noch die Worte: 
ene bahan kerek gi nadu tusa (von m. tusiyäh'u). — 20 D yeomaigi. — 21 D abci 
odot. — 22 Von m. uh'uh'u, D hat uhaji. — 23 D ooriyigi. — 24 D namharoolya. — 
25 D umukei. — 26 D cimatai. — 27 D kelelcekuni. — 28 D jokihö ugei. — 29 = m. 
üge-beryen. — 30 D kelekucini. — 81 D beyeigi. — 32 D odur. — 38 D geskiji. — 
84 D keleku. — 86 = m. kertsegei. — 36 D nutuk. — 37 D hosio = m. h'osig'ü. — 
38 D darululsar — m. darulag'üluksag'är. — 89 D hobahai. — 40 = m. nada-lugä. — 
41 = m. noyacilaju. — 42 D yun. — 48 D enduurebe = m. endegürebe. — 44 D ge- 
kene. — 45 D oocilaltai = m. ag'ü^ilaltai. — 46 D hajigar mujigar. — 47 D kurleji. 

— 48 D teoni. — 49 D ugeigi. — 50 D yeru. — 51 D kuleji. — 52 D abhö ugei. 

— 58 D hat: tere kumun. — 54 D uur. — 55 D tung. 



nnn |p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



58 



Wilhelm Grube. 



uner yamar kcceo kun 1 du tuäikleji 2 im 3 asilana. 4 ken. ken-i alaji 
cidahogei bolbacigi. ken. ken nas 5 aihogei 6 baha. 7 uneren sain moo- 
gan 8 medelceye gebele. 9 harin mini jol baha. kerbe bahan tatabal- 
jabala. ere kun 1 biäi biöio. 



Tere 10 mao 11 yorotu gi. 12 ci yaji ujebe. kun nai 18 beyetei bol- 
baci. 14 malin 15 sanantai 16 baha. bahan jailaji yabubala 17 sain. bara 18 
ugei du barkilaho 19 nige mao 20 kultugur biäio. sanan hara. hobci 21 
uner sonosbala 22 sociho. 23 medebele meljehu 24 sik. bicihahan kerek 
bui bolbegem. 25 teonai 26 cike 27 du cingnakdasan 28 hoina. tong 29 tam- 
tuk ugei coodamnaji kelelcene. 30 endeki keregi 31 tenden 32 jarlaho. 
tendeki niede 33 gi ende medeolet. 34 hoyor tasin 35 cuk daisuntai bo- 
loma. 3ß horondu. tere sain kun 1 kiji yabuna. mini uge gi itegeji 
bolhögei 37 gele. 38 ci uje. tuntai 39 hanilaji yabuho kun 1 nige öi ugei 
ci baitugai. teonai 26 arun-i 40 jaji 41 toklaji. 42 harahogei 43 bolbala. 44 
mun teonai 26 jabsan bahana. e§i barama. 45 aji abu im 46 mao yorotu 
gi 12 turuji. kun 1 du harakdahöni ene yumbei. 47 



Sayahan 48 bi yamulaji hoisi irehu du. 49 niliyet 60 aklaga gas 51 
geneteken nigen 52 bak kun 1 morilasar naöan irebe. oira kurci iretele 



1 D kumun. — 2 Auf tusikleji folgt in D noch: enedur tedui. — 3 D iyimi. 

— 4 D asilanai = m. ag'äsilana. — 6 D kenesu. — 6 D aihö ugei. — 7 D bahana. 

— 8 = m. mag'ü-ben. — 9 Auf gebele folgt in D noch: mini sanan du lab amu- 
rahö bahana. — 10 D teve kumun. — 11 D moo. — 12 D yorotuigi, von m. irua 
(= kalm. yoro) ,Vorbedeutung, Omen 4 abgeleitet. — 18 D kumun nai. — 14 D bol- 
boci. — 15 D maliyen — m. mal-un. — 18 D sanatai. — 17 D yabubele. — 18 = m. 
barag'ä. — 19 D barkiraho. — 20 D muu. — 21 D hat: hobci keceo. — 22 D sonos- 
höla. — 23 D cociho. — 24 D meljeku. — 25 D bolbogem. — 26 D teoni. — 27 D ci- 
kin. — 28 D hat: sonostosun. — 29 D tung. — 30 D kelelcenei. — 81 D kerek gi. 

— 32 D tende. — 83 — m. medege. — 84 D meduulet. — 86 D tasan = m. tasiyä. — 
36 D bolom. — 37 D bolho ugei. — 88 D gebele. — 89 D teotei. — 40 D hat fälsch- 
lich arioni. — 41 = m. jig'äji. — 42 D hat fälschlich togalji. — 43 D haraho ugei. 

— 44 D bolbele. — 45 Statt esi barama hat D: yun homodaltai (= m. g'omodaltai). 

— 46 D iyimi. — 47 D yumbui. — 48 D sinegen. — 49 D irekudu. — 60 D nelen. 

— 51 D aklaga su = m. aglag'a-etse. — 52 D nige. 



LXIV. 



LXV. 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



Proben der mongolischen Umgangssprache. 



59 



sinjilen nigente tanihola. bidanai hoocin ail tere bahana. einrissen 1 
unusen-i 2 yeodai saihan. targon 3 mori kunggen usutei. cirai cab cain 
ikede 4 duligun 5 bolji. namaigi ujet asaoho öi ugei. 6 nuur ca§i han- 
duji gejigen gedergen orkiji unggerebe. 7 tere kiri du teoni jokso- 
gaji 8 jokiji icigeye gesen 9 bile. 10 hoina sanaji baija. 11 yeokina. 12 tere 
namaigi ajirasan du bi darui nuurtai 13 geneo. tere busu gi 14 horho 15 
buije. 16 abagai ci medehu 17 ugei yeo. gorban jilin 18 urida bidanai 
ende saohodu 19 basa ken bile. 20 ugei yadao biäio. uklen 21 idesen 
hoina. udeöi gi 22 cirmana. 23 edur 24 buri keruhu 25 cithur sik. 26 ulus- 
hui gi 27 kuliceji 28 ha ha 29 cirmaisar. nige subci 30 ebesu teoji 31 ol- 
bala. cuk bahatai baha. nige edur ibici 32 hoyor gorban uda man 
nai gerte ireji. eoni goiho ugei bolbaci. teoni bederene. 33 miniki gi 
tere yeo idesen ugei. sabha cuk eleser baraba. odo kun 34 du goiho 
ugei bolba geji. gente hobilat hoocin cigi 35 martaji. beye beyegi ku- 
gerdehuni 36 biäi. teonai 37 mao yorotu. 38 ken je nidun du orodok bui. 

LXVI. 

Delekei dakin oi 39 maotai 40 ulus. camas 41 garhoni ugei. urjidur 
bi yaji kelesen bile. 42 ene keregi ken ken ßi bolba. bitegei medcol 4:1 
geji. ci adakdan 44 jadaraolba. 45 bida semergen 46 jublesen uge gi 47 



1 D omusosen. — 2 D unaksani. — 8 D tarhön. — 4 D yekede. — 3 D tui- 
gun. — 6 Die Worte: asaoho öi ugei fehlen in D. — 7 D unggurebe. — 8 D jok- 
soji. — 9 D geksen. — 10 D geksen biiei. — 11 D hat das gleichbedeutende baigi. 

— 12 D yookina. — 18 D nuurtei. — 14 D busuigi. — 15 = m. h r ag f ürh c u, D hao- 
rahö. — 16 D boize. — 17 D medeku. — 18 D jiliyen. — 19 D sooho du. — 
20 D bilei. — 21 D hat statt dessen: urun. — 22 D hat statt dessen: asgun (= m. 
asag'un) kiyigi; m. kiyigi cirmaih'u ,sich vergeblich bemühen*, — 23 D cirmanai. 

— 24 D odur. — 25 D keruku. — 26 D citkursik. — 27 D uluskuigi. — 28 D hat 
dafür kuleji = m. küliyejü. — 29 D hen hen. — 80 = m. sübekci (mandsch. dang- 
san); D hat dafür soobi. — 31 = m. tegüjü. — 82 ibici entspricht dem chines. 
jj? Jf\ ,wenigstens* ; das Wort ist in den Wörterbüchern nicht verzeichnet. 

— 83 = m. bederine. Der ganze Satz von nige edur bis bederene fehlt in D. — 
34 D kumun. — 85 D hat richtig: cagi. — 86 D kugerdekuni. — 37 D teoni. — 
88 D yorotu gi, vgl. lxiv, 3. — 89 = m. oyon. — 40 D mootai. — 41 D cimasu. — 
42 D bilei. — 43 D ineduul. — 44 D adaktan. — 45 D jadaroolba. — 46 = m. seme- 
gerken. — 47 D ugeigi. 



nnn |p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



60 



Wilhelm Grube. 



odo coodamnasar 1 gajar gajartu buri medebe. 2 tere ulu sonosho bui. 
ede kerbejin iceksen 3 kun. 4 kun 5 alasan singgi. mantai kerelduget* 3 
dailaldusan hoina. aiho butur. jub jugergen 7 sain keregi. odo ene 
butur bolgasan-i. 8 cuk cini beye baha. abagai ci namaigi burusa- 
bala. 9 bi uner kilis. odo keregin ayan nigente im 10 bolba. bi kiceji 
arun 11 ceber gebeci. ci itegenoo. 12 ene sanan tenggeri ailatci mede- 
dek. bi bolbao. biöi bolbao. udasan 13 hoina medehu. 14 mini sanan 
bolbala. 15 ci bitegei gomoda. bari ca§i medehu 14 ugei cileji. teonai 
yaji asilaho gi 16 uje dagabala 17 dagaya. 18 tung dagaho 19 ugei bol- 
begem. 20 ayan ni 21 ujeji tosci beletkebele. basaci udaho ugei bisio. 

LXVII. 

Ci gekci. nige setkil cagan sain kun. 4 dotora cini bicihan öi 
hara ugei. gakca. ama dan öi äudurho. 22 kun 23 nai jub buruu gi 
medet. bicihan jai ukhu ugei. 24 darui ile kelene. 25 nukut tu endeo 26 
gi jasaho yosu baibaci. 27 mun nukurlesen-i sain mao gi 28 ujeji ho- 
riho buije. 20 eimu 30 ugei. gakca nukur geji yuru 31 oira hola 32 gi il- 
gaho ugei bolbala. 33 tere yaji bolho bui. mune ene nige juilin 34 uge. 
cini sain sana 35 gene bisio. teonai 36 sanan du ike 37 dura ugei baha. 
nudu bultaiji 38 ebeo kice. ene namaigi unagaho 39 gi boljo 40 ugei 
geji sejikleser baina. 41 abagai yen uge yuru 31 namaigi jasaho sain 
em. bi cing sanagar dagana. ene uner mini nige gern gajar. bi me- 
dehugei 42 yahobei. 43 gakca ene metu kerektu tusiyaldusan 44 hoina. 



1 D hat coodamnagar. — 2 D medebe bisio. — 3 D icesen. — 4 D kumun. 

— 5 D kumu. — 6 D kereldet. — 7 = m. dsügerken. — 8 D bolgoksaui. — 9 D bu- 
ruusahola. — 10 D iyimi. — 11 = m. arig'ün. — 12 D itegeneo. — 13 D udasun. 

— 14 D medeku. — 15 D bolhöla. — 16 D aSilahoigi. — 17 D dahabala. — 18 D da- 
haya. — 19 D dahahö. — 20 D bolbogem. — 21 D hat: basa ayani. — 22 = m. 
sidurg'u. — 23 D kumunei. — 24 D ukkugei. — 25 D kelenei. — 26 D endeo 
»Fehler* würde einem mong. endegü entsprechen, das sich jedoch in den Wörter- 
büchern nicht verzeichnet findet. — 27 D baibacu. — 28 D moogi. — 29 D boize. 

— 30 D iyimi. — 31 D yeru. — 32 D holo. — 33 D bolhöla. — 34 D juiliyen. — 
35 D sanan. — 36 D teoni. — 37 D yeke. — 38 D bulteji. — 39 D unagahöi. — 
40 = m. boldsog'ä. — 41 D bainai. — 42 D medeku ugei. — 43 D hat yeo. — 
44 D tusaldusen. 



nnn |p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



Proben der mongolischen Umgangssprache. 61 

tesku ugei araa jagatanana. 1 kelelceji bololtai biäi bolot kelebele. 
uge gi 2 aldaba geji keledek. eones 3 hoisi bi okto halaya. basa eng- 
gebele. yeo kelehu 4 gajar bui. abagai darui nuur der 5 nilmu. bi 
durataiya amtatai kuliyeji 6 abuna. 7 

LXVIIL 

Sain kun 8 camasa 9 dabhoni 10 ugei. harin joksa 11 ugei cini tere 
nukuri ruaktasar kelesen-i dangci nomohan 12 bolba. tere kultugur 
yeo magat bui. bain bain kelene. 13 tere kun nes 14 goiho kerek bui 
bolbegem. 15 bida yeoger 16 kelehene. 17 tere yosor bolna. 18 teonai 19 
kerek barama. buruu handat ken ken öi tanihogei. 20 nidunon jil ci- 
höldat. ken teonese 21 yeoma abho bile. 22 tere eorin 23 kelehuni 24 
tundu sain bicik baina. 25 abagai ujeye gebele. bi kurgeye geji amal- 
dasan bolot. hoina kerek daosat. 26 durasho 27 öi 28 ugei yen tula. bi 
darui 29 abagai ci nada amalasan bicigi odo yaba geji nuur der asa- 
osan 30 du. teonai 19 nuur gente 31 ulaiho. gente 31 caiho. 32 bain bain 
siltak kina. 33 tung hario uge ugei. nige iji bicik yamar gaihaltai bui. 
ukbeci 34 tere. ese ukbeci 34 tere bolbacigi. jub 35 juger kun-i 36 hoo- 
rahö ni. 37 ike 38 jiköioritai 39 yeoma. 

1 D jagatunana. — 2 D ugeigi. — 8 D eonesu. — 4 D keleku. — 5 D dere. 

— 6 D kuleji. — 7 D abunai. — 8 D kumun. — 9 D cimasu. — 10 D dabahöni. 

— 11 z±= m. dsoksog'ä. — 12 D noraohon. — 13 D hat: toji (= ra. tog'äji) kelenei. 

— 14 D kumun nesu. — 16 D bolbogem. — 16 D yeogar. — 17 D kelekenei. — 
18 D bolnai; es folgen in D dann noch die Worte: dagaji yabunai. — 19 D teonei. 

— 20 D tanihö ugei. — 21 D teonesu. — 22 D bilei. — 23 D urun = m. überen. 

— 24 D kelekuni. — 25 D bainai. — 26 D doosat = m. dag'ilsug'ät. — 27 D du- 
rathö. — 28 D cu. — 29 Statt bi darui hat D: sayaha bi nuur torgoji. — 
30 D asuksan. — 81 D genete. — 82 Nach caiho hat D noch die Worte: gakca 
hama (= m. h'amig'ä) ugei uger. — 38 D kinei. — 34 D ukbecu. — 35 D hat 
gakca vor jub. — 86 D kumunei. — 87 D hoorhoni = m. h c ag f örh f u. — 88 D yeke. 

— 89 D jiksuurtai = m. jfiksigüritei. 

(Schluß folgt.) 



nnf ib Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



Die Bühler-Mss. des Paficatantra. 

Von 

Johannes Hertel. 

Nachdem über die anderen Pancatantra-Hss. des India Office 
ZDMG lvi, 296 ff. (nebst Nachtrag 326); B. K. S. G. W., phil.-hist. 
Kl. 1902, 117; ZDMG lvii, 639 ff.; lviii, 3 ff . berichtet worden ist, 
erübrigt es noch, über die von Bühler ZDMG xlii, 541 verzeich- 
neten Mss. 85, 86, 87, 88, 89 einige Worte zu sagen. 

Äs. 85 

ist eine Überarbeitung der Fassung Pür^abhadras und zwar enthält 
die Hs. denjenigen Text, den Galanos übersetzt und Meghavijaya 
benutzt hat. Der terminus ad quem dieser Fassung ist also sarrwat 
1716. Vgl. ZDMG lvii, 641 f. 

Das Ms. ist, wie Bühler angibt, eine new copy. Entgangen ist 
ihm, daß es am Ende des ersten Buches auf fol. 62a das Datum des 
Schreibers der ersten beiden Bücher enthält. Der Kolophon lautet: 
samaptarp, cedam samagram nltUästrasarvasvabhütam mitrabhedo näma 
prathamam tamtram, || yasyäyam ädya&lokah || varddhamäno mahän 
snehah \\ sirrihagovrsayor vane \\ jarrtbukenätilubdhena pisunena nipä- 
titah || 1 || tat sarvajanena ätmlyakulakramägatam na tyavyam (lies 
tyaktavyaiji) \\ yato jambukenäpi nijädhikäre sarristhitah \\ samjlvakah 
sväminah puro mithyävädarri vidhäya \\ ubhayor virodham krtvä sa 
vyäpäditafy \\ tatodhikärinä sadaiväbhiyogavatä bhävyam || uktarrt ca 
yatah \\ yadi näma sadaivagatyä (1. daivagatyä) jagad asarojarri ka- 
däpid (1. kadäcid) api jätam \\ avikaranikaram (1. avakara*) vikaratu 



nnn |p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



Die Bühler-Mss. des Pancatantra. 63 

bhaktim (1. vikiratu tat kirn) kfkaväkur iva darpsa (1. harpsah) 1 || 1 || 
tatas tathä \\ udyamo marptrapurvarp hi vidheyo yathäkramägatapra- 
mänärp atitarärp Vfddhirp gachati \\ iti Visnuiarmaviracitaparpcopä- 
khyänasya prathamäkhyänakarp tarptram praihamarp samäptarp || Sake 
1788 ksayanämasamvatsare (!) Srävanaiuklat^ttyärp (!) induväsare tad 
dine samäptarp \\ parpcopänakakhyänam tarjfitra (!) likhyate \\ \\ Die 
Unterschriften der anderen Bücher lauten: ii: Srlr astu; ra: irt- 
krsnäya namal), || Srträma (!) ; iv: iti parpcopäkhyänasya caturtharp 
tamtrarp samäptarp v: evarp parpcatamtrakarp näma nltiSästrarp sa- 
mäptam || irikfsnärpanam astu || 

Das Papier ist in dieser ganzen (hinduistischen) Hs. das 
gleiche. Der zweite, von einem anderen Schreiber kopierte Teil 
(B. in — v) trägt nur auf dem Revers des ersten Blattes die Pagi- 
nation 1. Auf den übrigen Blättern fehlt jede Pagination. Beide 
Teile der Hs. sind also gleichzeitig geschrieben, und der zweite 
Schreiber unterließ naturgemäß die Paginierung, die dann nicht 
nachgeholt worden ist. 

Der Text ist im großen und ganzen der Pür^abhadras, natür- 
lich mit gelegentlichen Änderungen. So fehlt z. B. im Anfang des 
ersten Buches die Stelle über das räjatvam Piügalakas. Die An- 
ordnung und Anzahl der Erzählungen stimmt im ganzen zu Pürija- 
bhadra. Die Abweichungen sind die folgenden. 

Als i 7 2 hat unsere Fassung die aus Galanos' Ubersetzung und 
dem Auszug Meghavijayas bekannte Erzählung von dem König, der 
seinen Leib verliert. 2 Die von mir nach Galanos vermutete Lesart 
JTS^K statt «fi«^*fl in der Überschriftsstrophe findet sich tatsächlich 
in unserem Texte. Ich gebe denselben, der leider nicht ganz intakt 
ist, mit Nebenstellung der G-ALANOs'schen Übersetzung. 3 Abweichungen 
des griechischen vom Sanskrittext sind durch den Druck hervor- 
gehoben. Im Sanskrittext habe ich selbstverständliche Schreibfehler 
einschl. verletzten Sandhis stillschweigend verbessert. 



1 Die Besserungen in dieser Strophe nach den Ind. Spr. 

* ZDMG Lvn, S. 649 f. 3 Xtxoxaoaaaa 3} üaviaa Tavtpa S. 27. 



nnn |p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



64 



Johannes Hertel. 



uktam ca yatah: 

safkarno bhidyate mantrai catuhkarnah sthirlbhavet ; 

tasmät sarvaprayatnena satkamarjfi 1 rak§ayen njpah. 
tathä: 

,satkarno bhidyate mantrah.' — y kubjake naiva bhidyate'. 

kubjako jäyate räjä, räjä bhavati bhiksukah. 1. 
Pihgalaka äha: ,katham etatP 
Damanakah kathayati: 

} asty uttaräpatheyä Ltlävatl näma nagarl. tatra sarva- 
kaläkuSalo Mukundo näma räjä babhüva. tena kadäcid 
rahgaväürri vidhäya nagaramadhya ägacchatä lokenär dyamä* 

nah 2 kubjako dfsta 

iti* ... 

atha güdharp, mantrarfi Jcurvatämätyena tarp, pärSve sthi- 

tarjrt vijfiäya räjä vijüaptah: ,veda6ästra uktam asti: 
„satkarno bhidyate mantra U£ iti. amätyavacanam Srutvä 
räjfiäpy uktam: 9 kubjake naiva bhidyate.' athaikasminn 

ahani Siddhänando näma kaScid yogji paribhraman sarvävasa- 
rasamaye sämätyasya räjfiah sakäiam upavistah. räjäpi tarn 
kaläkuialarri viditvaikäntam änlya vidyägosthi kftä. 
tenäpi [tenäpi] räjfie parakäyapraveSamantro 4 niveditah. so *pi yo- 
gl tatksanam adarSanarp, gatah. 

atha räjno mantrarri pathamänasya kubjakenäpi 

Hksitafy. 

ekasminn ahani räjä tena kubjakena saha mrgayärix 
gatah. tatra mahäranyamadhye tfsäkräntarp mutant brä- 
hmanarri dfs^vä räjä mantrapratyayävalokanärtham ku~ 



1 Hs. ^karrie. a lokenär dha manaty. 8 da$ta iti. Im Ms. befindet 

sich keine Andeutung der Lücken. 4 Hs. parakäyäo. 



nnn |p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



Die Bühler-Mss. des Pancatantra. 65 

XlY£xai Y<ap • 

«*0 Iv e§ d>at [AüffTtxbq Xo^o^, Y l ' V£Tat StaSrjXo«; • 6 8' Iv xlaaapcrtv <üd, 

Sca(X£vet aTOppyjxo«; • 
opuXaxxlaOw xofvuv 6 BaatXeu«; rcavxt xpoiuo) xa S§ 3>xa. 

c O Iv &g\ fxuaxixb<; Xo^oi;, ^fveiai 7uaa(SY)Xo<;. Ku<poü rcapovxo<;, ou 

Y^V£xai racfSiqXos * 

6 jjisv xu<pb<; ^fvexat BaaiX£u<; ; 6 8£ BaaiXeu^, IrcafxYjs xat aX^xv)«;. 
IHITAAAKAI. Tt SyjXoi xouxo; 
AAMANAKA2. 

II6Xi<; luxt xaxa xb apxxtoov [xdpoq, xaXou|j,£VY) AyjXaßax^ • Iv 5] 
BaatXeuq xtg 9jv ? Mouxouv8a<; xoövojxa. Avaaxplqpwv Se tcox' 
Ix x^tcou 6ea)p(a<; ; elSev Iv 4 u£<j(o xvjq uoXsax; xuapov xtva ßü)[/.oX6xov, 
7ceptxuxXo6(Ji£VOv rcX^6£t av6pa)7ca)v, xat £|jnuai£6|ji£vov • 8v xapaXaßo>v ; 
£l)T£ jx e. lauxou, &ax£ y&Xtö'zoi rcoisiv, xat ou8lxox£ ayi'cxaxo ccft' 
auxoü. 'ISiov 3' auxbv xbv xuipbv 6 "Txapxos 7üapaxaÖY5|X£Vov x£> BaatXrf, oxe 

Xo^ov (Jiuaxt- 

xbv IjxsXXev l^£p£6^£aöat ? £<pY)* Etpyjjjtivov lorxtv, & BaatXcö, xoiq Goyoiq xouxo* 
a'O Iv §5 d)ct jxuaxtxbs Xoyoc, Y^ V£Tat waatSyjXo^.» 

l O S£ ßaatX£uq aTuexpi'vaxo* «Ku<pou irapovxo^, ou Y lV£Tat waatöYjXo^,» 'Ev S£ 

(jLia xwv 

Tj^paW, Y ü f* vo<70 ? ta,n fc Xl ?? etaSü^ eiq xb BactXtxbv 1 ßfj^a, 
Ixa6ta£ rcapa x£> BaatXd. Fvou? 8' auxbv 6 ßaatX£Üc 
zoXuVSptv Svxa, xapaXaßwv xax' tStav, ItcuvOöcv£xo rcepl jJLa6r i <7£ax;. 
c O S£ I|jluy)<t£ xbv BaatXIa xy)v claSuctv et? vexpbv ato(jt.a ; xat Iv 
xauxw a<pavxo<; Iy£V£xo. 

MeXstövtos 8£ xou BactXlax; xvjv I?:<i)8t)V xvfe v£Xuo[/.avx{as. £|xa- 
Ö£v auxYjv xai 6 xu<poq. 

Kai iuox£ 6 BaatX£u<; I^XOwv £t<; Ovfaav Spia x5> xu^to, 
£T§£ xaxa xtva \iiy<xv Spujjibv Bpa^äva, x£(|/,£vov arcvouv Ix hltyrfi. 
BcuXö(ji£vo; 8' aTroratpaörjvat, ei aXYjöifc Icxtv yj ItcwSy) xrfe v£xuo(xavxtaq, 



1 Druckfehler: BaaiXiXbv. 
Wiener Zeitschr. f. d. Kunde d. Morgenl. XIX. Bd. 



Original frorn 



pOO 



gle 



CORNELL UNIVERSITY 



66 



Johannes Hertel/ 



bjakah pfstah: y re kubjaka, yo mantro mayäbhyastah, sa 
tava smarati vä na smaratiV tenäpi hfdayaduftatayä 
räjä proktah: y deva, aharit na kirpcij jänämi. 6 evam abhihi- 
tena räjüä smyam aivarp tasya kubjakasya haste sam- 
arpya samädhirp kj*tvä mantrarp hfdaye nidhäya sva- 
käyarp parityajya sviya ätmä brähmanadehe niveiitah. 
kubjakenäpi tadvan mantrarp sarpsmftya smya ätmä 
räjadehe praveHtah. atha vegena hayam äruhya räjä- 
nam idam uväea: y särppratam aham ekacchatrena rä- 
jyarp kari§yämi; tvarp yathäbhilasitarp gaccha!' ity uktvä 
purasariimukham agacchat. 1 

pure gatvä sarvaräjyabhäradhurarp nirviSann äste, 
tato brähmanadehadhäri räjä Vfddhämätyavacanarp smarann 

ätmänarp düsayarpS cintitavän: ,dhik! müdhena mayä kirp kftam? 
athäharp tatra gatvä räjfwrp Vfddhämätyarp 
ca 2 güd,hamantr enätmakftarp nivedayämi. athaväyuktam 
etat atha tair na mänito ,'yarp ka\% kena dehena . . . ?' 8 iti 
viruddharp vicärya desäntararp gatah. 

räjflo* dehadhärl kubjako räjüyä sahäsarpbaddhäni 
väkyäni jalpati. räjfti täny asarpbaddhäni väkyäni Srutvä 
katipayair ahobhir vfddhämätyam äkärya niveditavatl: 
,täta, avaSyam esa 6 räjä na hi. aprastutäni väkyäni 
jalpati. särppratarp tätafy pramänam.' etac chrutvämätye- 
näplty uktam, yena prakatlbhavati räjä. 

atha tarp kubjakaräjänarp vijüäpyännadänakriyärp 
kartum ärabdho 'mätyo 'pi deöäntaracärinah pädau pra- 
ksälya Slokärdharp* pathati: 

jSatkarno bhidyate mantrah c — ,kubjake 7 naiva bhidyate.' 
[bhränta etasmin nagara ämätyo de&äntaracärinah. 
pädau praksälya Üokasya pädadvayarp pafhati: 



1 'pur ah, sanmukham gachat. 8 ca fehlt. 8 Die Lücke ist nicht bezeichnet. 
Etwa: virahita iti ? 4 räjnä. 6 eva. 6 Slokärtham. 7 Hier: kubjako. 



pOO 



gle 



Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



Die Bühler-Mss. des Pancat antra. 



67 



^piiTYjaev « v Ejrst<;, w xu<p£, 8ta [LY^^q tyjv ItcwStjv tvjs v£xuo|i.avT{a<;5>> 
f O Se, xaxa ypov<ov, 

arcxpfvaTo, TCpo<JTCOto6fA£VO<;' «OuSev ti o?8a, w BaaiXeö.» 
'E"]fx £t P^ a< ; 8' S BaatX£Ü<; tu xu<p<i tov £aircoö nncov, dvaßtßacras 
tov vouv a&TOÖ et? öetopfav, xal ixeXeT^aa? (jluotixös ttjv exwSrjv, 
a<pet<; to eauTOö aßjjia, staeSo t£> 7uv£6|/,aTi et<; to vsxpbv toö Bpa^avos. 
'Ev Tafatt Se xal 5 xu^bq, devaTcoXifaas ty)V I-juwS^v, eiadSu 

zve6(JiaTt zlq xb ßacrtXixbv <7Ö|jia ; to axvouv xstjjievov, xal avaßa? tov 
siiwS tü) BaaiXsT • «'Efto |A£v ßaatXefac vJStq T£6ä*o[Jiat • [wncov euöstoc, 

cu §£ xop£6ou, 57UY) Y*fc ßofiXet.» OOtw? £ku>v, 
YjXauv£v £üÖü tyjs i:öX£(i)<;, 

xal £X8ü)v £tq xa ßaafXEta, 1 av£8ei;aTO Ta<; ßaatXtxa? vjvtaq. 
f O Se BafftXeu?, 6 5>v Iv t£> G(*>|jiaTt toö Bpa/piavoc, £v6uo6|ievoq tov Xo^ov 



xariQYopet eaüTOÖ, TaöTa 8iavoo6pi£vo<; * «<£eö! t( Tcexoftjxa 6 avorjTO«;; 

[jlöv ßaStau) elq ttjv toXiv, xal d<piQ*p5<7Wjxat tyj BaatXfecfl xal t<o Y^P 0VTt ^ap/w 

t3c IjaoI «JU^ßocvTa; avo(x£tov toöto; 

oü Yap 7rtaT£ü6if5(JO(jLat • Ipouat ^ap* «T^ outos; ^ tlq ifj (^opcpr; auTYj;» 2 TotaöTa 
IvavTta aXX^Xoiq avaxuxXöv, £T£pav 68bv iTpflciu£TO. 

Toö §£ xu<poö, &p£p£ to cöjjia toö BaatXdw«;, X^YovToq Xo^oo; 
aaupup&vous, y; BaafXtaaa, 

xaXeaaaa Ttvaq T%(ji£pa<; tov tepoYza Tiuapxov, £<pY] * 
(('E^ äxavTOs, u> icaT£p, oöx lartv oüto? 6 BaciX£uq • 4a6|jL<p(i)va vap 
Xevet xal ävapixocTTa oTq IpwTäTat.» f O 8£ auvatv£aa<;, 
cTtcv, &>q Tpöxov icot^<76Tai, xaö' ov <j>av£pb<; Y£V^a£Tat 6 BaatX£6?. 

Aaßfov 8' Ä8£tav xapa toö ^uSoßaatXdax;, toö 7cpa)Y)v xü<poö, 
•ijp^aTo 8ca86vat atTfa toi? iv8£sat ^£vot<; # v£7urwv 8£ tou<; xoSa? 
auTÄv, IX£f£v Ixöcara) TOÖTo to ^(xfoTtxov 9 [*{fozx<xi i:<xoihxikoc. 

« iv 85 &cl (Auartxb? Xo^oq -/(vsTat Tcaa{8r)Xo<;. Ku<poö xapovTO?, ou 



1 Galanos fand also wohl in seinem Original: antafypure. 

2 Galanos scheint in seiner Vorlage dieselbe Lücke gefunden zn haben, die 
unsere Hs. hat. 



toö Y^povTo«; Tiuipxo'J, 



5* 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



68 Johannes Hertel. 

,satkarno bhidyate mantrah.' — Jcubjake naiva bhidyateS] 
,ta$ya dvau pädau pratiyojyete parau. 6 

etad eva väkyarri Srutvä tatra brähmana- 
dehadhäri räjä sakalavrttäntam prstah. tata 
autsulcyena svanagararp. prati prasthita iti ein- 
tayan: 7 nünarri raama patnyä matsvarüparri pari- 
jftätum upäya esa racitah.' iti vicintya Iciyad- 
divasais zasmin nagare tatränna&äläyäm säyam 
präptah. brähmanasarjfijnayämätyam abhihitavän: 
,deva, düradeSäd ägato 'hani bubhuksitah. akäle 
sampräpto niScayena prayäto „bhojanam adhunaiva 
käryam u iti.' amätyena gyham gantukämenäpi ksu- 
dhärttam brähmanam avalokya pädau praksälya 
tävad eva klokärdham pathitam. tac chrutvä brä- 
hmanarüpadhärinä räjüäbhihitah : ,täta! 

kubjako jäyate räjä, räjä bhavati bhiksukah.' 
atha parasparagüdhamantrena värttäm vidhäya 
hrstamanasämätyena svaklyäväse samäniya pr- 
stah . tadbhaktyä samikrtah. 1 evam uktam: 
ydeva, paSya me buddhiprabhävam. bhavantam 
svadehena yuktam vidhäya räjye punar abhiseksyä- 
mi. c 

athaitasminn ahany amätyo räjnyäväsagato 2 
yävat paSyati tävad räjnl Sokärttä mrtaäukam 
utsange nidhäyopatisthati. [na dfstvä] mrtam &u- 
kam dfstvämätyena räjnyä saha mantritam: ,devi, 
sobhanam äpatitam! anena sukena mrtvä s ätmlyasarva- 
krtyäni siddhim yäsyanti. bhavatyä- 
nayaiväkrtyä* kubjakaräjänam vijnäpya „viiesa- 
käryam u iti väcyam: „deva, ko 'pi nagaramadhye 
cetakasiddho 7 pi tisthati, ya enarrt äukarri mayä sa~ 

1 Die Stelle ist korrupt. 2 rajyä . 8 krtvä. 4 avatyänayaivä . 

Es ist vielleicht zu lesen: bhavatyädhunaivükrtya, wobei äkrtya die Bedeutung des 
Kausativs haben müßte. 



nnn |p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



Die Bühler-Mss. des Pancatantra. 



69 



Kai i'Cfyzei xap' Ivb? exaarou 6aT£pov TTj^art^ov. 

ÄtaGTrapOfitey;? to£vuv TOtauTYj? ^\^c } <äxou<ja? 6 BaatXsü?, £ 
(peptov to aö(xa tou Bpa/[xavoc ; xat ÄxptßoXofiQffa|j,£vo^ rcavTa, 
avox^pi^aa; IxeTÖsv, ctüou tjv, wSeuev &ct tyjv otx£t'av rcoXtv Iv d§Yj[AOvta, TOtauTa 
5tavooö|ji£vo? • «AvajjKptaßoXüx; touto y £ Y 0V£V ^H 1 ^ Y ÜVaty, "°£ 

st? ava^vcbptatv Ipioö,» xat jast' äXfya? ^fxepag 

irapsY^veTO xept SetXijv o^(av st? tyjv rcoXtv xaTa tov oTxov tyj? atToSoafa? ' 
3? xat Ift) Tai Txapxtj), xapovTt* «Aat[/.6vts, Iy^ Bpax^av, 
yjxwv Ix jxaxpa? yj&paq * & v ^ £ Tcpoarctvo?, ßsßato? stpit, oti Ts6£o|xat 
suOea)? apforou, st xat ^ap' öpav £<jt(v.» 

'0 (jiev ouv TTcapxo?, xa( Tot ^ßoiXsTO otxa§£ arcsXOsTv, t§a>v cpid)? Bpax- 
(jiava, tcs(vy) 6Xtß6|X£vov, vtd»a? tou? rcoSa? auTou, 

^c<fu)VYja£ to ^(jLtcrrtxov lx£tvo ; w? <j6vyjÖ£?. 6 8£ BactX£u?, 6 <pep<ov TO 
<7ü}(xa tou BpaxfJtavoc, dwcsxpfvaro to ££*?<*> 5 laTt 6aT£pov ^(/.(aTtxov. 

(('0 [Jt.£v xu<pb? Y^ V£Tat Ba<xtXsu? ; 6 8s BaatXsu? srcatTYj? xat &Xti$ty]?.» 
'EpWTi^aa? 8' 5 'Trcapxo?, xat (jiaOwv rcavTa xa xax' auTbv, 
xapaXaßwv, o>X£To otxaSs aqASvc?, xat Ttjj^ca? 
auTbv 6? stxb? ; stiusv * 

«'ISs, SsaxoTa, tyjv Suvajxtv tou d|/,oö voo?! "Ey<*>Y £ xaXtv BaatXda $£ axoxa- 
TaanQGü), Tux^vra tou otxst'ou a(J)|xaTO?.» 

TotauTa £t7cu>v ; Itop£66yj afafxa &? tyjv BaafXtccav • ijv supwv, 
TeOveÖTa ^ittoxov Iv orptaXat? ?x OÜ<7av ? xat ^ a&T<*> xXat- 
ouaav, 

s^yj * «KaXb? ot<*>vb? outo?, & Sscrcotva • 

5 Y&p tymoMbq ouToat 2pY<*vov Y £V-) fa £Ta * ™fc Ivtsu^sü)? 

TOÖ TOÖ0U(i,6V0U. 

KötXfidov tov ysuSoßaatXsa lx£ivov ? 

xat £txe ■ (c w E<JTt Tt? jxaYO? dv toutyj ty) xoXet, Sc 

TOtT^CSt (XOt TOV t|/lTTOX0V TOUTOVl 



nnf ib Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



70 



Johannes Hertel. 



haikaväram äläpani kärayati?" tvayety ukte sati 
8vavidyämürchito räjüo deham utsfjya iukade- 

ha eva praveksyati. etasminn antare mama prsthä- 
nugato räjä svadehe praveksyati räjyarjri ca prä- 
psyati.' 

tathänusthite saty amätyas tarri Sukakubja- 
karfi 1 vyäpädya prahfstamanä uväca: 

9 satkarno bhidyate mantra' iti. 
ato 'harp, bravlmi: 2 



Der sonstige Erzählungsinhalt unseres Ms. ergibt sich aus fol- 
gender Übersicht. 



Pürn. 


Megh. 


Ms. 85. 


Pürn. 


Megh. 


Ms. 85, 


1 


1 


1 


I, 22 


24 


22 




2 


2 


23 


25 




2 


3 


3 


24 


26 




3 


4 


4 


25 


27 


23 


4 


5 


5 


IV, 9 


28 


24; 


5—7 


7—9 


6—8 




29 




8 


6 


9 


26 


30 


25 


9—18 


10—19 


10—19 


27 




26 




20 




28 


31 


27 


19 


21 


20 


29 


32 




20 


22 




30 


33 




21 


23 


21 


II, 1 




i; 



1 Sukam kubjakarp.. 

1 Der Sloka fehlt in der Hs. 



-oo 



gk 



Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



Die Bühler-Mss. des Pancatantra. 71 

iva yoöv Xoyov l^epsu^acOat;» Toiaöra aoä sctoö<jy)<;, exeivoq 
Tij ^xtar^Yj ttjs ve-xüO[AavT(a? £7caip6|xevos , xal d7CtSs($aa0at ßouXo- 

[asvos, a<pei£ to ßaatXcxbv afi^a, 
etaSOceiat et<; to toö ^ittoxoG. 'Ev täutw 8' 6 BaatXeu^, 8>v StcktOsv jjloü, 
etaSucrsTat to oixetov aöjjia, xac tyjs ofaelaq ßaatXefaq tsu- 
^eTai.» 

Oütco 8y) ys^ovotoi;, 6 "Yrcapxoq dvetXs tov tJuTraxbv, 
Toöto 8* iartv, 3 eTzov ivwTepa)* 

« c O £v 15 <oat (Auartxb^ Wyoq, ffveTat ^aatSyjXoq. Ku<poö rcapovTO«;, ou 
YfveTat icacfStjXoq. f O piiv xufbg Y^^Tat BaatXeüq, 6 Se BactXeu<; 
c7catTY]^ xai aX^Tiqq.)) 



Purp. 


Megh. 


Ms. 85. 


Purp. 


Megh. Ms. 85. 


2—9 


1—8 


2—9 


IV, 5 


9 


5 


— rv, i 


1 


— IV, 7 


6 




6 


l—ii 


2—12 


1—11 


7 


in, l 


7 


12 


IV, 5 


12 


8 


10 


8 


13 


IV, 6 


13 


9 


— I, 28 


9; I, 24 


14 


ID, 14 


14 


10 


11 


10 


15 


13 


15 


11 


12 


11 


16 


15 


16 




13 




17 


16 


17 


12 


14 


12 




17 




V, 1—3 


1—3 


1—3 


1—4 


1—4 


1—4 




— 4 (Bühler v, 5) 


III, 13 


5 


III, 12 


4—11 


4—11 


5—12 


III, 13 


6 


III, 13 


H, 1 




13; II, 1 




7 






12 


14 


III, 9 


8; III, 10 III, 9 




13— 18 1 





1 ZDMG um, 8. 644 ff. versehentlich als 14—19 numeriert. 



rw"*nl*> Original from 

,kJXJ ö lS - CORNELL UNIVERSITY 



72 



Johannes Hertel. 



Im letzten Teile des ersten Buches also folgt unsere Fassung 
dem Simplicior. Der Einschub der Syntipas-Episode, den Meghavi- 
jaya hat (a. a. O. S. 655 ff.), fehlt. Der Weber in der Erzählung n, 6, 
Megh. ii, 5 heißt fflHn«*, «flfiHS*, aber fol. 80 a *ft*ft^i aus 
tH^nS«* korrigiert. Letztere Form ist die des Tanträkhyäyika, wo- 
mit Meghavijayas *Tl«nf^raS zu vergleichen ist (a. a. O. S. 668). In 
der ErzHhlung Pürp. in, 4 = Megh. in, 5 treten wie in den Jaina- 
Rezensionen drei Schwindler auf (a. a. O. S. 674). Pürij. m, 7 = 
Megh. in, 8 ist in Öloken gegeben, wie bei Pürn., aber vollständiger. 
Nur der erste Öloka ist in Prosa verwandelt. Die Änderungen Me- 
ghavijayas in seinen Erzählungen m, 10 und in, 12 (S. 675 und 676) 
finden sich nicht in unserem Ms. Mit Megh. hat unser Ms. die 
Strophen Megh. iv, 1. 2 (S. 678). Erzählung iv, 4 ist in Prosa. Die 
Rahmenerzählung des fünften Buches ist nicht, wie bei Megh. ge- 
schlossen (S. 688, Anm. 1; S. 693 ff.). Pürn. v, 7 ist wie bei diesem, 
nicht, wie bei Megh. (S. 691) erzählt. 

Die ZDMG lvii, 703 ausgesprochene Vermutung, daß die 
bei Meghavijayas neu auftretenden Erzählungen der mit Bestimmt- 
heit vorauszusetzenden metrischen Fassung entlehnt sind, erhält 
dadurch eine Stütze, daß sie sich tatsächlich in unserem Ms. nicht 
finden. Dasselbe gilt von den abweichenden Zügen, die viele Er- 
zählungen Meghavijayas zeigen. 



bestand aus 88 paginierten Blättern, von einem Schreiber geschrie- 
ben. Blatt 1 — 39 fehlen, so daß also noch 49 Blätter (nicht 41, wie 
Bühler angibt) vorhanden sind. Der Kolophon am Ende des fünften 



cedam parricopäkhyänaiji \\ \\ sarrwat 1804 Sakem 1669 prabhaväbde 



Ms. 86 



Buches lautet: || iti SrivisnuSarmaviracite parficopäkhyane apanksita- 
kärakam näma pamcamam tamtram samäptarp, || || iti Sri samäptam 



pausavadya 2 dvitiyäyäni budhe bhisagupanämnä Srinäräyana- 
pamta (1. parridita)sutena suhrdvarenedani pamcopäkhyänäkhyarri pu- 
stakam likhitam svärtham parärtharrt ca || || adf&yabhävän mati- 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



Die Bühler-Mss. des Pancatantra. 73 

vibhramäd vä yad varnahlnam likhitam mayätra || tat sarvam äryaih 
pariSodhanlyam kopam na kuryät khalu lekhake hi || 1 || 

Die Hs. enthält den Simplicior, und zwar einen etwas spä- 
teren Text, als die Hamburger Mss. Sie beginnt mit Kielhorn i, 20. 
Erzählung i, 22 fehlt. In den übrigen Büchern stimmt sie bezie- 
hentlich der Erzählungen nach Anzahl und Reihenfolge genau zu 
Bühlers Text. 

Ms. 87. 

Bühlers Angaben sind zunächst dahin zu berichtigen, daß die 
Hs. nicht 55, sondern 47 Blätter enthält. Die auf dem Revers links 
oben angebrachte Pagination, die auf dem letzten Blatte allerdings 
55 ist, ist falsch und hat es auch verschuldet, daß die drei ans 
Ende gehörenden, mit 1 — 3 bezeichneten Blätter an den Anfang 
gebunden sind. 

Die Hs. enthält das zweite Buch fast vollständig. Es beginnt 
auf dem mit 11 paginierten Blatt (dem vierten der Hs.) unmittelbar 
nach dem Anfang von n mit der Schilderung des Jägers. Buch in 
beginnt auf fol. 40 b und reicht bis kurz hinter die Strophe Bühler 
in, 163, die hier auf die Erzählung Pürn. ni, 15 folgt. Innerhalb 
dieser Grenzen zeigt der Text der Hs. keine Lücken. Von den 
übrigen Büchern ist nichts erhalten. 

Die Hs. ist von einem hinduistischen Schreiber gefertigt, wie 
sich aus dem Zeilenfüllsel: ^TflT^T «TT TTVRT *T*(!) ergibt, das 
auf dem Revers des unpaginierten Blattes hinter fol. 11 steht. Trotz- 
dem hat er — natürlich nicht konsequent — Eigentümlichkeiten der 
Jainaschrift in den aksara sth, tth sowie S beibehalten. Er hat wenig 
korrekt und sorgfältig gearbeitet, auch einmal nicht gemerkt, daß 
in seiner Vorlage ein Blatt falsch eingeordnet war, wodurch der 
Gang der Erzählungen n, 6 und 7 gestört ist. 

Der Text ist eine Verschmelzung des Simplicior mit Pürija- 
bhadra, so zwar, daß die Erzählungen des letzteren in den Rahmen 
des ersteren eingefügt sind. Buch n enthält alle neun, Buch iu die 



nnn | p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



74 



Johannes Hertel. 



15 ersten Erzählungen Purpabhadras und zwar in derselben Reihen- 
folge, wie in Schmidts Übersetzung. 

Ms. 88. 

Die Angabe Bühlers ( ? complete*) bedarf insofern der Berich- 
tigung, als das Ms. als solches zwar vollständig ist, aber nur die 
Einleitung und die Bücher i, iv und v enthält. Der Kolophon am 
Ende des fünften Buches lautet: samäptarß cedam apariksitam näma 
parricamarp, tarritram evarrt parricamatamtrarri samäptam iti ni- 
ttiästroktarri parricopäkhyänarii näma pustakam samäptam Subham 
bhavatu idam paifrtcopäkhyänam näma pustakarri mahärästrajfiä- 
tlyabhaUairlrämakfsnätmajarämacaiftdrasyedam svärtham parä- 
tham (so!) ca rämacamdrätmajaväsudevena lekhanlyam idam 
yäda&an nyäyän (!) na me dosah bhagnapfstikatigrivä (!) baddha- 
mustir adhomukham kastena likhitam gramtham yatnena pratipäla- 
yet || (Schnörkel) santvat 1830 sake 1695 vijayasamvatsare märga- 
&irsa§uddhapratipadyär(i lekhasamäptim agamat (Schnörkel). 

Auf dem ersten Deckblatt stehen die Worte : || srlganesäya na- 
ma\ || atha pamcopäkhyänaprärarrtbhali || Srwedapurusäya nama (!) 
§rikrsnapara (!). 

Wir haben es also mit einer hinduistischen und zwar vi sem- 
itischen Bearbeitung zu tun. Und zwar handelt es sich um eine 
ganz neue Rezension, die den Eindruck macht, als stelle sie die 
Abschrift eines nicht fertig gewordenen Konzeptes dar. 

Das erste Buch reicht von Blatt 2b bis 58a. Dann geht die 
Erzählung ganz unvermittelt von dem lückenhaften Schluß desselben 
zum vierten Buche über. Dieser Übergang lautet: 

uktam ca 

ukto bhavati yah pürvam gunavän iti sarjrisadi 
na tatra doso vaktavyah pratijnäbhamgabhlrunä 

evarrividharp, vilaparptaTri Damanakah samupetya saharsam äha iti atha 
idam ärabhyate caturiharri tamtram labdhärthanäianam näma 
yasyäyam ädyasloko bhavati 



nnn |p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



Die Bühler-Mss. des Pancatantra. 



75 



praptam artham tu yo mohät prarthitarrth (!) sarripramurjficati 
sa tathä varricate (!) mü^ho jalajah kapinä yathä 1 



Die zitierte letzte Strophe des ersten Buches findet sich im 
Simplicior als i, 244 und nochmals 422 : bei Pürnabhadra (Schmidts 
Übersetzung) i, 255 und im Tanträkhyäyika i, 69, in beiden also 
nur an erster Stelle. Der Schluß in unserer Hs. entspricht Kielhorn 
S. 93, 11 — 14. Außer ein paar Worten in Prosa hat Kielhorn noch 
drei Strophen. Tatsächlich ist das erste Buch nur eine Überarbeitung 
des Simplicior, die alle Erzählungen der Hamburger Hss. in der- 
selben Reihenfolge, wie diese, enthält. Fol. 5 6 steht in unserer 
Fassung die kritisch wichtige Stelle über das räjatvam Piügalakas, 
die dem Simplicior nicht angehört, sondern von Pürnabhadra dem 
Tanträkhyäyika entlehnt ist. 

Das vierte Buch ist eine Rezension des entsprechenden Buches 
des südlichen Pancatantra, und zwar der Fassung EF. Es enthält 
nur die eine Schalterzählung vom Esel ohne Herz und Ohren. 

Das fünfte Buch stellt eine Verarbeitung von SP und Simpl. 
dar, dergestalt, daß es mit dem Rahmen und den ersten beiden Er- 
zählungen des SP beginnt. Sodann folgen die Erzählungen des 
Simplicior, so daß v, 3 = Bühler v 7 3 ist usw. v, 5 ed. Bühler = 
v, 5 Hs. D ist an derselben Stelle eingeschaltet. Bühler v, 9 = 
SP v, 1 wird hier nicht wiederholt, Bühler v, 14 fehlt. 



enthält BU. 1 und 53 — 119 (es fehlt also Bl. 53 nicht, wie Bühler an- 
gibt), also 68 Blätter. Auf der b- Seite des ersten Blattes steht der 
größte Teil der Einleitung und zwar in Pürpabhadras Fassung. Der 
Schluß wie fast das ganze erste Buch fehlen. Blatt 53a enthält den 
Schluß des ersten Buches (in Pürnabhadras Fassung) und den An- 
fang des zweiten, ii— v sind vollständig, ii und ra bieten im wesent- 
lichen den Text des Ms. 87, eine Mischung des Simpl. mit Pürna- 
bhadra. Die Fassung enthält alle in Schmidts Ubersetzung ge- 
gebenen Erzählungen in derselben Reihenfolge, iv und v geben 



Ms. 89 




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CORNELL UNIVERSITV 



76 Johannes Hertel. Die Bühler-Mss. des Panoatantra. 



wesentlich Pürpabhadras Text, iv, 10 fehlt, wie ursprünglich bei 
Pünntabhadra ; vgl. ZDMG lvi, 307 und lviii, 64. Buch v enthält 
alle Erzählungen außer v, 12, von der dasselbe gilt, wie von iv, 10. 

Die Hs. schließt wie CF und die Fassung Anantas (G). Vgl. 
ZDMG lvi, 310 f. 

Döbeln, den 7. April 1904. 




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CORNELL UNIVERSITV 



Probleme der afrikanischen Linguistik. 



Von 



Carl Meinhof. 



Im Laufe des nächsten Jahres wird hoffentlich ein Buch die 
Presse verlassen, das geeignet ist ; in der afrikanischen Linguistik Auf- 
sehen zu erregen: das Wörterbuch der Ewesprache von D. Wester- 
mann. Unter diesem unscheinbaren Titel verbirgt sich das Resultat 
einer sehr mühsamen und gründlichen sprachwissenschaftlichen Unter- 
suchung, die neues Licht in die so dunkeln Sprachverhältnisse des 
Sudan wirft. 

Während die Zusammengehörigkeit und Besonderheit der Bantu- 
sprachen in Zentral- und Südafrika bereits klar erkannt war, wollte 
es immer noch nicht gelingen, die Sudansprachen zu größeren Sprach- 
gruppen zusammenzufassen und einheitliche Gesichtspunkte für ein 
großes Sprachgebiet aufzustellen. 

Westermanns Arbeit bringt uns diesem Ziel näher. 

Der Weg, den er einschlägt, ist schon von manchem Forscher 
geahnt und angedeutet worden, aber keiner ist dabei zu so klaren 
Resultaten gekommen wie Westermann. Die Lösung der einschlägigen 
Fragen beruht im wesentlichen darauf, daß das Ewe (im Togogebiet) 
und die ihm verwandten Sprachen nicht agglutinierend, sondern 
im wesentlichen isolierend sind. Machen wir uns die Bedeutung 
dieser Tatsache klar. 

Die isolierende Sprache hat keine Bildungselemente, sondern 
sie fügt nur selbständige Wurzeln aneinander. Das Wort für ,ich' 
drückt ebensowohl ,mein' wie ,mich' aus. Die Mehrzahl wird durch 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



78 



Carl Meinhof. 



eine Wurzel bezeichnet, die die , Vielheit' bedeutet. Kasusverhält- 
nisse werden ebenfalls durch selbständige Wurzeln ausgedrückt, wie 
z. B. der Dativ durch die Wurzel ,geben*. 

Wenn der Sprachforscher flektierende oder agglutinierende 
Sprachen vergleicht, so wird er mit Vorliebe die Bildungselemente 
der einen Sprache in der andern wiederzufinden suchen. Diese 
Bildungselemente sind meist sehr alt und besonders konstant. Außer- 
dem pflegen sie in den verschiedenen Sprachen ähnliche oder 
gleiche Bedeutung zu haben. Lautgesetze werden deshalb mit Vor- 
liebe an den Bildungselementen gesucht. Sie sind z. B. in den 
Bantusprachen ein vortrefflicher Führer, um in den Lautbestand einer 
Sprache einzudringen. 

Aus diesem Grunde hat man bei den Sudansprachen nun auch 
versucht, Vergleichungen der Bildungselemente vorzunehmen. Dabei 
ergab sich oft das verdrießliche Resultat, daß dieselben nur für 
einen kleinen Kreis von Sprachen sich als ähnlich nachweisen ließen, 
und daß es den Anschein hatte, als wenn es eine ganze Reihe nicht 
zusammenhängender Sprachzentren im Sudan gäbe. Diese Ansicht 
von der Sache war weder dem Historiker, noch dem Ethnographen 
wahrscheinlich. 

Sobald man sich nun aus Westermanns Arbeit überzeugt, daß 
die Ewesprache, genau genommen, eigentlich eine isolierende Sprache 
ist ohne alle Bildungselemente, dann wird klar, warum man auf 
dem eingeschlagenen Wege nicht zum Ziel kommen konnte. 

Die Wurzeln, die von dem Europäer für Bildungselemente ge- 
halten wurden, waren das gar nicht, wofür man sie ansah. Die 
Sprache hat z, B. gar keine Pluralbildung. In dem einen Dialekt 
setzt sie die Wurzel wo (sie) zu dem Wort — aber auch nur, wenn 
der Plural sich nicht schon ohnehin ergibt, z. B. bei Zahlwörtern — 
der andere Dialekt wählt le für denselben Zweck. So steht ja 
nichts im Wege, daß wieder eine andere, vielleicht ganz nahe ver- 
wandte Sprache, noch eine dritte Wurzel, die vielleicht ,viel' bedeutet, 
hierzu verwendet. Ebenso steht es bei den Verbalformen. Auch 
die sogenannte Konjugation besteht ja nur aus der Zusammenfügung 



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Probleme der afrikanischen Linguistik. 



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solcher selbständigen Wurzeln, mele yiyim ,ich gehe' heißt eigentlich 
,ich bin (in) Innenseite des Gehens', mele yiyi ge ,ich will gehen' 
heißt eigentlich ,ich bin (in) Gegend des Gehens', egava heißt eigent- 
lich ,er wiederholt (zu) kommen', d. h. ,er kommt wieder', und in 
dieser Weise fügt man Wurzel an Wurzel. 

So wird ein neues Verbum nicht etwa wie im Deutschen oder 
im Bantu durch Vorsilben und Nachsilben vom Stamm abgeleitet, 
sondern man fügt einen Verbalstamm zum andern. ,Bringen' Uo 
yi na heißt , nehmen', ,gehen', , geben'; ,glauben' yo se heißt an- 
nehmen', ,hören', oder man setzt verbale und nominale Wurzeln zu- 
sammen, wie do to ,das Ohr richten' = , zuhören', do iiku ante dzi 
,das Auge richten auf einen Menschen', d. h. ,sich an jemand erinnern, 
an ihn denken' usf. Auch die Substantiva, die man im Wörterbuch 
findet, sind, soweit sie nicht fremder Abstammung sind, auf solche 
Wurzelzusammenstellung zurückzuführen, z. B. nu da tce ,etwas 
kochen Platz', d. h. , Küche', yetodowe ,Sonne untergehen Platz', d. h. 
,Westen'. 

Diese Zusammenstellungen, die uns als , Worte' erscheinen und 
in den bisherigen Wörterbüchern auch als solche aufgeführt sind, 
werden aber von dem Ewemann tatsächlich nicht als Worte, sondern 
als Wurzelgruppe empfunden, denn er reißt sie nach Bedarf auch 
auseinander, yo me ,Haus Inneres' kann man als ein Wort, ^als ,Zim- 
mer' auffassen, aber dann sagt man wieder yo sia me ,Haus dies 
Inneres', d. h. ,dies Zimmer', und trennt die beiden Wurzeln yo und 
me wieder durch das Demonstrativum iia. Dabei leuchtet ein, daß 
dergleichen Zusammenstellungen ganz nach Bedarf gebildet werden 
können, so daß es unmöglich ist, jede Form im Wörterbuch aufzu- 
führen. Und wenn wirklich die bisher gebrauchten aufgeführt wären, 
so hat die Sprache Freiheit und Leichtigkeit genug, immer neue 
Kombinationen hervorzubringen. Es liegt auch auf der Hand, daß 
man in Sprachen von dieser Bauart für denselben Begriff sehr ver- 
schiedene Wurzeln verwerten kann, z. B. könnte ich ja den Panther 
,das bunte Tier' nennen, also von ,Tier' und ,bunt, gefleckt' das be- 
treffende Wort bilden, oder ich könnte ihn von seiner Weise sich 




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Carl Meinhof. 



auf die Beute herabzustürzen benennen oder von seiner Mordlust 
etc. So kann es nicht Wunder nehmen, daß die Wörterbücher der 
Sudansprachen sehr verschieden scheinen, und daß man die Zu- 
sammengehörigkeit von Sprachen nicht gesehen hat, an deren Ver- 



Man darf hier eben grundsätzlich nicht Worte, sondern nur 
Wurzeln vergleichen. Nur so kann man zum Ziel kommen. Daß 
das schwer ist, liegt auf der Hand. 

Eine solche Arbeit verlangt, daß man in jeder der zu vergleichen- 
den Sprachen zunächst eine Art Wurzelwörterbuch anlegt. Hierbei 
wird man das uns vorliegende Material großenteils nicht gebrauchen 
können. Da vieles ohne genügende phonetische Sorgfalt geschrieben 
ist, und da besonders die Tonhöhen (musikalischer Ton), die hier 
ebenso wichtig sind wie im Chinesischen, vielfach gar nicht beachtet 
sind, ist man in Gefahr, Wurzeln für identisch zu halten, die nichts 
miteinander zu tun haben. Dadurch ergeben sich dann scheinbare 
Unregelmäßigkeiten, die das Auffinden der Lautgesetze außer- 
ordentlich erschweren. Außerdem hat die Vergleichung von Wurzeln 
immer das Mißliche, daß man häufig nicht sicher ist, ob man es 
nun wirklich mit einer identischen Wurzel in beiden Sprachen zu 
tun hat, oder ob nur ein zufälliger Gleichklang vorliegt. 

Der Bedeutungswandel der Wurzel spielt hierbei eine Rolle. 

Wenn z. B. im Ewe das Schiff von heißt, so darf man in andern 
Sprachen nicht , Schiff' suchen. Das Wort bedeutet eigentlich ,Baum- 
wollenbaum', und da aus dem Stamm dieses großen, gerade wach- 
senden Baumes die Kanoes hergestellt werden, benennt man das 
Kanoe darnach und weiter auch das Schiff. 

In diesem Fall ist der Bedeutungswandel uns zufällig bekannt, 
in andern Fällen ist er nicht bekannt, und die Vergleichung wird 
dadurch unsicher. Außerdem steht die Sache so, daß nicht alle 
Wurzeln uns heute in einer gewissen ursprünglichen Form vorliegen. 
Mag dies bei einigen der Fall sein — diese werden wir bis auf 
weiteres als Urwurzeln ansehen — bei andern ist es ganz sicher 
nicht der Fall. Es ist Westermann gelungen nachzuweisen, daß die 



wandtschaft man jetzt nicht mehr zweifeln kann. 




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Probleme der afrikanischen Linguistik. 



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Wurzeln, welche ein l oder r nach dem Anfangskonsonanten enthalten, 
aus einer zweisilbigen Wurzelverbindung zusammengeschmolzen sind. 
Diese ^sekundären' Wurzeln sind von der Vergleichung selbstverständ- 
lich tunlichst auszuschließen. 

Außerdem hat Westermann nachgewiesen, daß die mit nasalen 
Vokalen gebildeten Wurzeln ebenfalls ,sekundär* zu sein pflegen. 
Die nasale Aussprache des Vokals ist der letzte Rest eines Konso- 
nanten, der vielleicht ursprünglich nicht ein Nasal war. Ferner sind 
die offnen Vokale e und o sicher durch Kontraktion aus ae und ao 
entstanden — also werden auch die Wurzeln, die diese Vokale ent- 
halten, als sekundär anzusehen sein. 

Man wird ja einen großen Teil dieser sekundären Wurzeln 
auch in den andern, besonders nahe benachbarten Sprachen finden, 
aber man wird hier auf starke Abweichungen rechnen müssen. 

Bei dieser ganzen Arbeit wird man zunächst die Lautgesetze 
zu suchen haben. Man muß endlich den Gedanken aufgeben, als 
wenn schriftlose Sprachen nachlässiger in der Lautbildung wären 
als Schriftsprachen. Genau das Gegenteil ist der Fall. Auch in 
Deutschland ist der Dialekt viel sorgsamer in der Lautbildung als 
die Schriftsprache. Und wenn wir heute auch überzeugt sind, daß 
die ^Lautgesetze* nicht im Sinne eines blinden Naturgesetzes wirken, 
sondern von andern, besonders psychologischen Vorgängen gekreuzt 
werden, so ist doch für die grundlegende Arbeit die Auffindung der 
Gesetze, soweit sie sich finden lassen, unabweisbare Notwendigkeit. 
Damit ist unserer Arbeit in den Negersprachen der Weg gewiesen. 

Man muß dabei auch folgende Erscheinungen im Auge behalten. 
Diese Negersprachen (Sudansprachen), die wir im wesentlichen als 
,isolierend' bezeichnen müssen, haben ihre Eigenart nicht unter so 
günstigen Bedingungen konservieren können, wie das Chinesische. 
Wenn die Sudanneger, wie die hochstehende Kultur von Benin z. B. 
zeigt und die alten Nachrichten und die Macht von Dahome und 
Ashanti in neuerer Zeit uns beweisen, es auch zu unverächtlicher 
Staatenbildung gebracht haben, so stand die Macht dieser Staaten 
doch in keinem Verhältnis zu den großen Weltreichen Nordafrikas 

Wiener Zeitscbr. f. d. Kunde d. Morgenl. XIX. Bd. 6 




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Carl Mbinhof. 



und zu dem Riesengebiet, das einst das große Bantureich dargestellt 
hat. Von Süden und von Norden her waren also die Sudanreiche 
seit uralter Zeiten unter den Einfluß nicht-isolierender Sprachen 
gestellt. 

Bei dem Überwiegen der ägyptischen Kultur über die Kultur 
des Sudans war es selbstverständlich, daß allerlei Kulturworte mit 
Handelskarawanen ihren Weg ins Innere fanden. Außerdem waren 
die hamitischen Räuberstämme des Nordens (mit flektierender Sprache) 
stets geneigt ihren Bedarf an Sklaven für sich und ihre Abnehmer 
aus dem Sudan zu decken. Hamitische Invasionen und Expeditionen 
nach dem Süden wird man, ohne Phantast zu sein, seit uralten Zeiten 
annehmen dürfen. 

Dabei wird sich der Zustand ergeben haben, wie er zur Zeit 
des römischen Reiches unter dem hellen Licht der Geschichte sich 
vollzog, daß das Herrenvolk mit seiner Kultur auch seine Sprache 
mitbrachte, und daß, selbst als diese Herrschaft längst aufgehört hatte, 
eine Sprache blieb, die im wesentlichen von der des Herrenvolkes 
abstemmte. Es ist also von vornherein klar, daß die Hamiten des 
Sudan sich durch Sklaven und Frauen mit den dunkelhäutigen Ein- 
gebornen vermischten, und daß so Sprachen entstanden, die das 
Mischungsverhältnis zwischen Sudansprachen und Hamiten in der 
verschiedensten Weise darstellen. 

Den isolierenden Sprachen wohnte an und für sich die Neigung 
inne, durch Festlegung gewisser Wurzeln als Formwörter (Bildungs- 
elemente) sich zu agglutinierenden Sprachen weiter zu entwickeln. 
Das kann Westermann am Ewe z. B. nachweisen. Diese Neigung 
wurde durch Berührung mit Sprachen, welche einen Reichtum an 
Bildungselementen besitzen wie die hamitischen, natürlich verstärkt, 
und so sind dann die nördlichen Negersprachen bisher meist als 
agglutinierend behandelt worden. — Es dürfte von Wichtigkeit sein, 
wenn wir diesen Zustand erst als verhältnismäßig jungen Datums 
ansehen. 

Die Frage, ob es sich in einer Sprache heute um eine hamitische 
oder Sudansprache handelt, läßt sich im allgemeinen dahin beant- 



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Probleme der afrikanischem Linguistik. 



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worten, daß man das Auftreten des grammatischen Geschlechts und 
einer wirklichen Pluralbildung als entscheidend ansieht für die Zu- 
gehörigkeit zu den Hamitensprachen. Der abhängige Genitiv steht in 
den hamitischen Sprachen und im Bantu nach dem regierenden No- 
men, in den Negersprachen vor demselben. Die Mischsprachen wenden 
beide Formen nebeneinander an. Jedoch ist das Merkzeichen nicht 
so zuverlässig wie die erstgenannten. Selbstverständlich ist der Wort- 
schatz deshalb noch nicht rein hamitisch. Ebensowohl wie die Völ- 
ker des Nordens ihre Kultur worte dem Sudan brachten, so gab der 
Sudan mit mancherlei Landeserzeugnissen wahrscheinlich auch ihre 
Namen. Doch ist dies letztere mehr theoretische Erwägung als Re- 
sultat eingehenden Studiums. 

Natürlich ist über die Rassenzugehörigkeit mit dem allen noch 
nichts gesagt. Gerade das Beispiel der romanischen Völker zeigt 
ja, daß Linguistik und Ethnographie oft zu verschiedenen Resultaten 
kommen werden. 

Den Einfluß des Arabischen scheide ich in dieser ganzen Be- 
trachtung aus, da er verhältnismäßig zu jung ist, und da sich die 
arabischen Bestandteile überall leicht abheben lassen. 

In ähnlicher Weise, wie die Hamiten vom Norden, haben die 
Bantu vom Süden die Negersprachen beeinflußt. Besonders an ihrer 
Pluralbildung mit Hilfe der Präfixe scheint man Gefallen gefunden 
zu haben. Eine Reihe von Anzeichen sprechen dafür, daß Bantu- 
stämme in den westlichen Sudan eingedrungen und dort hängen 
geblieben sind. 

Das hat nicht wenige Forscher dazu veranlaßt, nach einer 
Verwandtschaft zwischen den Sudan- und Bantusprachen zu suchen. 
Die Sache wurde dadurch noch lockender, daß in einem Teil des 
Bantugebiets, nämlich im Nordwesten z. B. im Duala, der Neger- 
einfluß sich stark bemerkbar macht. Nicht nur sind eine Anzahl 
Wortstämme aus dem Sudan ins Duala aufgenommen, sondern auch 
die Neigung zur Einsilbigkeit hat hier einen Einfluß geübt. Eine 
ganze Reihe Stämme, die in echten Bantusprachen noch mehrsilbig 
sind, sind im Duala schon einsilbig geworden. 




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84 Carl Meinhof. 

Sehr instruktiv ist hier auch z. B. das Bali im Kamerungebiet, 
das zu den Sudansprachen gehört und doch eine Anzahl Bantu- 
vokabeln aufgenommen hat; es hat sie aber meist bis zur Einsilbig- 
keit zugestutzt. 

Übrigens hat auch grammatisch das Duala schon manches von 
seinen Bantueigentümlichkeiten eingebüßt. 

Von dem allen abgesehen, kann von einer Verwandtschaft 
zwischen Bantusprachen und Sudansprachen gar keine Rede sein. 
Im Bantu haben wir die straffe grammatische Ordnung des Satzes 
unter der Herrschaft des Präfixes — also das Bildungselement regiert 
hier alles — in den Sudansprachen ist es so gut wie nicht vorhanden. 
Denken wir allerdings an eine sehr frühe Periode der Bantusprachen, 
so ist ja nicht zu leugnen: es ist unwahrscheinlich, daß die heute 
vorliegenden Stämme tuma, luma, tunga, tuka etc. in dieser Weise 
ursprünglich sind. Das Gegenteil ist viel wahrscheinlicher. Da sie 
alle auf -a endigen, darf man wohl annehmen, daß dies a eben ver- 
benbildend ist. Dann blieben die Stämme tum-, lum-, tung- 7 tuk- 
etc. Dieselben als ursprünglich anzusehen ist nahezu ausgeschlossen, 
da man im Bantu eine mit einem Konsonanten schließende Silbe 
nicht kennt. Also müßten es Kombinationen zweier Wurzeln sein. 
Diesen Gedanken verfolgte schon Döhne in seiner Zulu-Grammatik, 
Capetown 1857, leider ohne genügende Vorsicht und mit unzuläng- 
lichen Mitteln. 

In neuerer Zeit hat mein verehrter Freund Endemann, der aus- 
gezeichnete Kenner des Sotho, diesen Weg versucht. Seine Arbeit 
harrt noch des Druckes. Trotzdem ich manchem seiner Resultate 
noch kritisch gegenüberstehe, kann ich nicht leugnen, daß manches 
frappierend ist. Wir werden die Fertigstellung seiner Arbeit abzu- 
warten haben, ehe wir uns ein Urteil über sie bilden können. Soviel 
muß man heute schon zugeben: Die Möglichkeit liegt vor, daß das 
Bantu wirklich auf einsilbige Wurzeln zurückgeht — ja diese Hypo- 
these ist sogar in hohem Maße wahrscheinlich. 

Damit würden wir für die allererste Form des Bantu einen 
Zustand annehmen, der dem der Sudansprachen ähnlich wäre. 



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Probleme der afrikanischeh Linguistik. 



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Mag nun die besondere Art des Bantu genuin entstanden sein, 
oder durch hamitische Einflüsse oder durch Einflüsse von außen her 
(indisch-malaisch) veranlaßt sein — in jedem Fall ist es nicht aus- 
geschlossen, daß das Bantu einen Teil seiner Wurzeln den Sudan- 
sprachen entlehnt hat. Man müßte eben annehmen, daß diese Sudan- 
sprachen früher noch viel weiter nach Süden gesprochen wurden. 

Ich würde mich z.B. nicht wundern, wenn nyama ,Tier, Fleisch', 
tüla ,schmieden' diese Entstehung hätten. 

Wollte man also nach Verwandtschaft zwischen Bantu- und 
Sudansprachen suchen, so müßte man eine Rekonstruktion der Sprache 
auf diese einfachen Verhältnisse versuchen. Ob dann noch zuver- 
lässige Resultate sich ergeben, dürfte allerdings zweifelhaft sein. 
Liegen nicht aber Beziehungen zwischen Bantu und Hamiten vor? 

Zunächst ist ja nicht zu leugnen, daß die Hamitenstämme Nord- 
afrikas immer neue Einfälle ins Bantugebiet gemacht haben. Dabei 
sind sie hier und da zu einer Herrenstellung unter den umwohnenden 
Bantu gekommen und sind auch zu Herrscherfamilien in Bantuvölkern 
geworden. Merkwürdig ist dabei, daß wir keinen Fall wissen, wo 
ein Bantuvolk nun durch die Sieger gezwungen wäre, hamitische 
Sprache zu sprechen, aber das Umgekehrte vollzieht sich unter 
unsern Augen, daß Stämme, deren hamitische Abstammung außer 
Frage steht, sprachlich bantuisiert werden. Und so dürfen wir wohl 
annehmen, daß es auch in früherer Zeit ähnlich war. Wenn das richtig 
ist, steckt in manchen Bantuvölkern von Ost- und vielleicht von Süd- 
afrika mehr Hamitenblut, als man bisher geneigt war anzunehmen. 

Wie ist die befremdliche Tatsache zu erklären, daß die Hamiten, 
die zweifellos die ältere Kultur besitzen, so leicht ihre Sprache auf- 
geben? Ich glaube, es hat seinen Grund in der Leichtigkeit, ich 
möchte sagen, der Geschwätzigkeit der Bantusprachen und einer 
gewissen Härte und Schwerfälligkeit der Hamitensprachen. 

Schon die alten arabischen Berichte erzählen von der Bered- 
samkeit der Zendj — diese Schilderungen treffen noch heute zu — , 
während der im allgemeinen zu Raub und Krieg veranlagte Hamit 
mehr ein Freund des Handelns als des Redens ist. 




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Carl Meinhop. 



So erklärt sich vielleicht auch die überraschende Tatsache, 
daß wir so schwer Spuren jener uralten Kolonisation nachweisen 
können, die einst in Südafrika die riesigen Bauten und Goldminen 
hinterließ, die heute noch das Staunen des Forschers sind. 

Man kann nicht begreifen, daß von derartigen riesigen Unterneh- 
mungen gar keine Spuren in der Sprache zurückgeblieben sein sollten. 

Den schwachen Schein eines Lichtes in dieser Beziehung ge- 
wann ich zuerst durch das Wort, das hier vor allem in Frage 
kommt, durch das ,Gold'. Daß das Wort ndarama für ,Gold' aus 
arab. dirhem herkommt und also jüngeren Ursprungs ist, habe ich 
früher einmal nachgewiesen. Nun haben aber die Shuna, die im 
Gebiet des alten Goldreiches Monomotapa wohnen, neben dem Wort 
i-habu, das von arab. zahab herkommt, noch das Wort i-tjerege, dessen 
Ursprung ich mir nicht erklären konnte. Herr Prof. Praetorius 
machte mich darauf aufmerksam, daß im Äthiopischen das Gold warq 
heißt. Heute noch sagt man für ,Gold' im Galla warqe, im Sofiyai 
üray. Aus b (das dem w verwandt ist) wird in den Kaffersprachen 
unter Einfluß eines i häufig tj. Die Möglichkeit liegt also vor, daß 
das alte abessinische Wort für ,Gold' in itjerege steckt und sich durch 
die Jahrtausende in Südafrika gehalten hat. Vielleicht finden wir 
bei aufmerksamem Suchen mehr als das. Ich habe z. B. die Zahl 
? fünf -tano oder ähnlich, die als -ylano z. B. im Sesutho erst kürz- 
lich eingeführt ist, stark im Verdacht, daß sie hamitisch ist. 

Sind doch die Zahlen überhaupt in Afrika keine ganz sicheren 
Wegweiser für die Sprachzugehörigkeit. Das sehen wir schon an 
der Leichtigkeit, mit der die arabischen Zahlen statt anderer Wort- 
formen aufgenommen werden. Vielleicht werden wir noch den einen 
oder andern hamitischen Wortstamm in den Bantusprachen entdecken. 

(Daß in den nördlichen Bantusprachen eine Anzahl hamitischer 
Lehnworte aus dem Masai und dem Galla nachzuweisen sind, setze 
ich als bekannt voraus.) 

Oder liegt die Sache ganz und gar anders? 

Waren vielleicht Hamiten die Begründer des großen Bantureiches? 
Haben sie in der Abgeschiedenheit Südafrikas und unter Vermischung 




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Probleme der afrikanischen Linguistik. 



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mit Negern oder andern Elementen schließlich sich zu einer neuen 
Sprachform entwickelt, dem Bantu? 

Es gibt Momente/ die hierfür zu sprechen scheinen. 

Nach allem, was wir z. B. von den Fulbe wissen, gehören sie 
zu den Hamiten. Nun bietet ihre Sprache aber so erhebliche Ab- 
weichungen von dem allgemeinen Hamitentypus (Fehlen des gram- 
matischen Geschlechts), daß Friedrich Müller sich veranlaßt sah, 
sie mit den Nuba zu einer besonderen Gruppe, den Nuba-Fulah, zu- 
sammenzuschließen. 

Ich kann mich von der Richtigkeit dieser Aufstellung nicht 
überzeugen, glaube vielmehr, daß die Fulbe Hamiten sind, die durch 
Berührung mit andern Völkern bereits viel von ihrer Eigenart ver- 
loren haben. Das wäre eine neue Bestätigung der Regel, daß der 
Hamit in Zentralafrika sich sprachlich merkwürdig schnell beeinflußen 
läßt. Übrigens haben ja die Ägypter und manche andere nordafri- 
kanischen Hamiten ihre Muttersprache gegen die arabische vertauscht, 
ein Vorgang, der besonders in Ägypten mit seiner uralten Kultur 
sehr merkwürdig ist. 

Ganz auffallend sind dabei die Anklänge des Fulbe an die 
Bantusprachen, findet doch sogar eine gewisse Übereinstimmung im 
Anlaut zwischen Substantiv und Adjektiv statt. Sind etwa Bantu- 
präfixe hier als Suffixe aufgetreten z. B. Bantu 6a, Fulbe be für 
,Menschen', Bantu ma, ama, Fulbe am für ,Flüssigkeiten'? Daß eine 
Bildungssilbe aus einem Präfix ein Suffix wird, dürfte im Hamitischen 
nicht befremden, wo z. B. das feminine t sowohl als Präfix wie als 
Suffix auftritt. Ist doch auch im Fulbe die Veränderung von Anlaut 
und Auslaut bei der Pluralbildung die Regel, was auf eine gleich- 
zeitige Verwendung von Präfix und Suffix schließen läßt. Hierzu 
kommt, daß eine Anzahl merkwürdiger Gleichklänge im Wortschatz 
sich nachweisen lassen z. B. tati ,drei', Bantu -tatu, nai ,vier', Bantu 
-wa, -ne 9 -ni. 

Wenn die Stammväter der Bantu einmal Hamiten waren, so 
könnte ihre Sprache dem Fulbe ähnlich gewesen sein; waren sie 
es nicht — und ich halte dies für viel wahrscheinlicher, — dann wird 




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Carl Meinhof. 



es sich der Mühe verlohnen, im Fulbe nachzuforschen, ob ein Bantu- 
einfluß wirklich vorliegt, und worin er bestand. 

Wenn wir nach dieser Betrachtungsweise zu einer gewissen 
Übersicht über die weiteren Aufgaben der afrikanischen Linguistik 
gekommen sind, dann bleiben doch noch recht schwerwiegende Fragen, 
die sich mit Vorstehendem nicht zu vereinigen scheinen. Es sind 
dies die Fragen nach der Herkunft der Buschleute und Hottentotten. 

Bekanntlich werden diese Sprachen ebenso wie die Sprachen 
der Kaffern von den übrigen afrikanischen Sprachen durch die ihnen 
eigentümlichen Schnalzlaute getrennt. 

Ich habe mich bemüht diese Frage systematisch zu verfolgen 
und habe bei dem mir am leichtesten zugänglichen Gebiet, den Kaffer- 
sprachen, begonnen die Schnalze zu untersuchen. Dabei hat sich 
herausgestellt, daß sie hier durchweg Lehngut sind. Bei der Unter- 
suchung des Hottentottischen läßt sich ein so klarer Sachverhalt noch 
nicht behaupten. Indessen liegt das auf der Hand, daß das Hotten- 
tottische in der Wurzelzusammenfügung eine ähnliche Bildungsweise 
hat, wie die Negersprachen, daß es aber über diese isolierende Sprach- 
schicht eine ganz andere Grammatik gewoben hat, nämlich eine flek- 
tierende, die in allem wesentlichen an die hamitischen Sprachen er- 
innert. Ich muß also die Sprache zu den hamitischen rechnen, die 
allerdings durch ihre Isolierung und durch starke Beimischung frem- 
der Elemente viel von ihrer eignen Art aufgegeben hat. Beachtens- 
wert bleibt dabei, daß die Bildungselemente mit Ausnahme eines 
Demonstrativpronomen keine Schnalze enthalten. Da nun die Busch- 
mannsprachen einen noch größeren Reichtum an Schnalzen besitzen als 
das Hottentottische, und da ihnen jene hamitischen Bildungselemente feh- 
len, dürfte es nicht zweifelhaft sein, daß das Hottentottische eben von 
diesen Buschmannsprachen in der angegebenen Weise beeinflußt ist. 

Woher stammen denn aber die Buschleute? Zunächst ist es 
unrichtig, daß nur sie die Schnalze haben. Auch in Ostafrika gibt 
es Schnalzsprachen wie die Sprache der Wasendaui, die Sprache 
der Wahwa (bei den Pokomo). Dem Bau nach scheinen die Busch- 
mannsprachen den Sudansprachen ähnlich zu sein. Dieselben haben 



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Probleme der afrikanischen Linguistik. 



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zwar keine Schnalze, dafür aber jene eigentümlichen kp und gf6-Laute, 
die uns so fremdartig anmuten. Sie haben außerdem jene reichliche 
Verwendung des musikalischen Tons mit dem Hottentottischen und 
wahrscheinlich mit den Buschmannsprachen gemeinsam. 

Ich bin deshalb der Meinung , daß die Buschmannsprachen 
eine Abzweigung der Sudansprachen sind und mit ihnen im wesent- 
lichen als isolierende Sprachen angesehen werden müssen. Ich bin 
ferner der Meinung, daß nach dem allen, die eigentliche Heimat der 
Schnalze nicht bei den Hottentotten, sondern bei den Buschleuten zu 
suchen ist. Die Buschleute ändern in ihren Tierfabeln nach bestimmten 
Lautgesetzen die Schnalze in andere Laute (Nicht-Schnalze) um. 
Hier werden die Schnalze also noch als lebendige, dem Wechsel 
unterworfene und nicht als erstarrte, anorganische Gebilde angesehen. 

Sonach müßten wir annehmen, daß in den Hottentotten der letzte 
Rest des am weitesten nach Süden vorgeschobenen hamitischen Hirten- 
stammes steckt. Dafür spricht auch die zum Raub und ,Herrentum' 
geneigte Gemütsart der Hottentotten. 

Durch die Entwicklung des großen Bantureiches wurden diese 
Hamiten von ihren Stammesgenossen im Norden völlig abgedrängt 
und waren bis zum Erscheinen der Europäer ganz auf die Gesellschaft 
der Buschleute angewiesen. Durch die Europäer im Süden angegriffen, 
waren sie zwischen zwei Feuer geraten und konnten dem Andrängen 
der volkreichen Bantustämme nicht mehr widerstehen. So sind sie 
in Südafrika Schritt vor Schritt zurückgedrängt. Die Flurnamen 
weisen es noch heute nach, daß hier Hottentotten und Buschleute 
gesessen haben, und die Sprachen der Kaffern nahmen von hotten- 
tottischen Weibern und Knechten eine Menge Hottentottenworte auf, 
besonders auch zur Bezeichnung von Kulturausdrücken für Dinge, 
die dem Bantu fremd waren, und die die Hottentotten von den Euro- 
päern kennen gelernt, aber nach ihrer Weise benannt hatten. Nur 
einen Stamm unterwarfen sich die Hottentotten ganz, die Bergdamara. 
Während die andern Negerstämme nach unserer obigen Annahme 
im jetzigen Bantugebiet wahrscheinlich bantuisiert sind, haben die 
Bergdamara die Hottentottensprache angenommen. 




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90 Carl Meinhof. Probleme der afrikanischen Linguistik. 

Nach dieser Anschauung treten die Bantu im Osten, wo ihre 
Sprachen heute noch am reinsten erklingen, unvermittelt auf, und 
ich weiß dafür keine andere Erklärung, als daß der Anstoß zur Bil- 
dung der Bantusprachen durch überseeischen Einfluß erfolgte. Wenn 
wir an die Besiedelung Madagaskars durch Malaien denken, wird 
dieser Gedanke nicht so ungeheuerlich erscheinen. Stammt doch das 
ostafrikanische Rind von indischer Rasse, während Südafrika in Überein- 
stimmung mit unserer Theorie das langhörnige Hamitenrind noch heute 
besitzt. Tatsächlich ist es frappierend, daß der Lautbestand des Ur- 
bantu eine so weitgehende Übereinstimmung mit polynesischen Spra- 
chen zeigt, und daß die polynesischen Sprachen jedenfalls mehr als 
die andern afrikanischen Sprachen an den Bau des Bantu erinnern. 

Daß in dem somatischen Typus der Bantu das Negermäßige heute 
alles überwuchert hat, liegt ja auf der Hand. Es ist aber überhaupt 
wunderbar, welche Absorptionsfähigkeit diese afrikanische Rasse besitzt. 

Vielleicht läßt sich aber doch ein Unterschied zwischen Bantu 
und Sudannegern feststellen. Mir will scheinen, daß der Sudanneger 
fleißiger, ernster, für allerlei Industrie (Eisenarbeit, Baumwollspinnerei) 
geschickter ist, und daß er, wie seine reichen religiösen Systeme 
zeigen, geneigt zu tieferem Nachdenken ist, während die Bantu, so- 
weit sie nicht sehr viel Neger- oder Hamitenblut haben, leichtsinniger, 
schwatzhafter, zum Tanz und Spiel geneigter sind. Ihr Sinnen geht 
nicht auf komplizierte Religionssysteme, ihre Begabung liegt vor allem 
in der Redefertigkeit. An der Küste sind sie vortreffliche Bootsleute 
und Fischer — das alles und manches andre an den Korallenfelsen 
Ostafrikas erinnert an Polynesien. 

Aber wer dürfte es wagen, heute schon an die Lösung aller 
dieser Fragen zu denken ? Meine Absicht war nur auf sie hinzuweisen 
und durch möglichst deutliche Scheidung der einzelnen Probleme 
zu ihrer Lösung vielleicht beizutragen. Westermann, von dessen 
Arbeit wir ausgingen, hat uns bewiesen, daß die Sachen im Sudan 
nicht so verworren liegen, wie man gedacht hat. Und das ist ein 
Resultat, das für die weitere Forschung von größtem Wert ist. 




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Das Schneiden des Haares als Strafe der Ehebrecher 

bei den Semiten. 

Von 

A. Büchler. 

Im Gesetze Hammurabis § 127 ist — nach D; H. Müllers 
Übersetzung — folgender Satz zu lesen: ,Wenu ein Mann, nach- 
dem er mit seinem Finger auf eine Geweihte oder die Ehefrau eines 
andern gedeutet, [d. h. sie verdächtigt hat, den Verdacht] nicht be- 
weist, wirft man diesen Mann vor den Richtern nieder, auch brand- 
markt man seine Stirne/ In der Erläuterung dieser Bestimmung 
bemerkt Müller (S. 116, 3): , Diesen Mann wirft man vor dem 
Richter nieder, auch (u) schert (brandmarkt) man seine Stirne. Das 
„auch" weist darauf hin, daß das Hinwerfen vor den Richter, (womit 
vielleicht eine bestimmte Anzahl Hiebe verbunden war), schon an 
sich eine Strafe war. Diese entstellende Ehrenstrafe ist die einzige, 
die bei Hammurabi vorkommt/ 

Über den Zusammenhang zwischen dem Vergehen und der 
eigentümlichen Strafe hat sich Müller nicht geäußert; aber ein 
solcher muß in diesem Kodex, dessen merkwürdige Folgerichtigkeit 
Müller in allen Gesetzen dargetan hat, von vorneherein angenommen 
werden und die strikte Anwendung der sowohl im Zivil-, als auch 
im Strafrechte durchgehends geltenden Talion führt auch zu seiner 
Erkenntnis. Der Ankläger hätte nach dieser über die Angeklagte, 
wenn ihm der Beweis gelungen wäre, die entehrende Strafe der 
Brandmarkung oder des Haarscherens gebracht; sonach muß einer 



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A. Büchler. 



Geweihten und einer Ehefrau, die der Unzucht überführt wurden, 
die Stirne gebrandmarkt oder an derselben das Haar abgeschnitten 
worden sein. Die Bestimmung selbst fehlt zwar im Hammurabi- 
Kodex, aber wir finden dieselbe Strafe auf Ehebruch sowohl bei 
den Arabern, als auch bei den Juden, so daß wir sie schon auf 
Grund dessen mit hoher Wahrscheinlichkeit als semitisch bezeichnen 
dürften; 1 und die Verfügung bei Hammurabi erhebt dieses zur Ge- 
wißheit. 2 Es gilt aber nicht bloß, die Tatsache selbst, die auch bei 

1 Hieraus ergäbe sich mit Wahrscheinlichkeit, daß die assyrische Wurzel aVa 
hier nicht mit »brandmarken", sondern mit »scheren* zu übersetzen ist, wie die 
gleiche hebräische in Ezech. 5, 1 D'3^3n npn unzweifelhaft dasselbe bedeutet und 
ebenso in der Inschrift von Citium (CIS i, 86), wo unter den ständigen Dienern 
des Tempels nzb: genannt sind. Allerdings führt Midr. Genes, rabba 31, 8 als Über- 
setzung von D*nas mann in Josua 5, 2 p^a an und bedeutet a^Jö an mehreren 
Stellen im Midras, wie es scheint, eine Peitsche, vgl. Fleischer bei Levy, Neiihebr. 
Wb. in 16 und i 328 h . Über die Bedeutung der Wurzel im Syrischen vgl. Schul- 
thess, Homonyme Wurzeln 8 ff. und dazu Nöldeke in ZDMG liv 1900, 161, der zbi 
weder für griechisch, noch für semitisch hält. 

2 Die Strafe des Haarschneidens (a^a) kommt auch in den berühmten, so- 
genannten sumerischen Familiengesetzen und in mehreren sumerischen Adoptiv- 
verträgen vor. Die ersten hat G. Bertin in den Transactions of the Society of Bibl. 
Archaeology 1883, vm 230 — 270 behandelt und eine Bestimmung folgendermaßen 
übersetzt (S. 241): Wenn ein Sohn seinen Vater verleugnet, schneidet ihm dieser 
das Haar ab, d. h. behandelt ihn als Sklaven, und verkauft ihn als solchen. Die 
akkadische Version hat statt dessen: er schneidet ihm die Nägel ab. Dagegen 
geben Meissner {Beiträge zum altbabyl. Privatrecht S. 15) und D. H. Müller (Die 
Gesetze Hammurabis S. 270) zb) mit: ,Er macht ihm ein Mal' wieder und das ganze 
Gesetz lautet: Wenn ein Sohn zu seinem Vater spricht: ,Du bist nicht mein Vater,' 
macht er ihm ein Mal, legt ihn in Ketten, auch wird er ihn um Geld verkaufen. 
Wenn ein Sohn zu seiner Mutter spricht: ,Du bist nicht meine Mutter, 4 wird man 
ihn, indem man ihm ein Mal auf sein Gesicht macht, in der Stadt herumführen, 
auch wird man ihn aus dem Hause jagen (Müller 271). Es ist zu beachten, daß 
die Strafe aus drei Teilen besteht: brandmarken, fesseln und verkaufen. Dieselben 
gibt der Adoptionsvertrag (Meissner Nr. 95, Müller 273): Am Tage, da Ubar 
Samas zu Belit-abi, seinem Vater, und Taram-Ulmas, seiner Mutter spricht: ,Nicht 
bist du meine Mutter, nicht bist du mein Vater,' sollen sie ihm ein Mal machen 
und, sobald sie ihm Fesseln anlegen, ihn für Geld verkaufen. Nr. 94 (Müller 273) 
gibt nur zwei Strafen an: brandmarken und um Geld verkaufen, Nr. 96 (Müller 
274) fesseln und um Geld verkaufen, Nr. 97 (Müller 274) bloß eine: um Geld ver- 
kaufen. Es wird sich unten ergeben, daß es sich in den Einzelbestimmungen nur 




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Das Schneiden des Haares als Strafe etc. 93 



anderen Völkern des Altertums vorkommt, jetzt aber aus dem älte- 
sten Gesetzbuch bekannt ist, festzustellen, sondern auch den Sinn 
der Strafe zu ermitteln, soweit die Quellen einen Einblick ermög- 
lichen; dieses aber ist ohne die Kenntnis der Haartracht bei den 
Juden und Arabern, auf welche die erhaltenen Nachrichten sich be- 
ziehen, nicht zu erzielen. Andererseits aber sind diese jüngern Ur- 
sprungs und, da die talmudische Literatur für die fragliche Strafe 
keine ausdrückliche Parallele darbietet, die Bibel aber das Ab- 
schneiden des Haares in Verbindung mit der Trauer um Todte als 
festen Brauch kennt, ist die Behandlung der Frage nach dem Zu- 
sammenhange und der gemeinsamen Wurzel beider von großer Wich- 
tigkeit. Die Erörterung der jüdischen Nachrichten aus der arabischen 
Zeit führt zur Erkenntnis von Einflüssen der Araber auf die Juden 
auf einem Gebiete, das bisher nicht beachtet wurde, und gibt Auf- 
schlüsse über einen interessanten Punkt des semitischen Eherechtes, 
in welchem das Abschneiden des Haares als Strafe den Kern bildet. 

I. Die Haartracht der jüdischen Frauen im Altertum und das Ab- 



Aus einigen, wenigen Stellen im Talmud und Midraä läßt sich 
die Haartracht der jüdischen Frauen in Palästina in den ersten 
Jahrhunderten n. Chr. einigermaßen bestimmen. Nach der Miöna 
Kethub. ii 10 ist das entblößte 1 Haupt der Braut auf ihrem Zuge 

um die Modalitäten bandelt, unter denen ein Freier zum Sklaven gemacht wird, 
so daß die eine Bestimmung: ,So sollen sie ihn um Geld verkaufen 4 , die Brand- 
markung und das Fesseln als vorausgegangen bereits voraussetzen. Man sieht, daß 
zwischen der Verleugnung der eigenen und der der Adoptiveltern hinsichtlich der 
Strafe kein Unterschied besteht; und so ergibt sich, da Hammurabi auf die Ver- 
leugnung der Adoptiveltern Verstümmelung setzt (§ 192. 193, Müller S. 145), daß 
dieselbe Strafe auch bei den eigenen Eltern anzunehmen sein wird; allerdings 
handelt es sich um eine ganz eigene Gruppe von Kindern, aus der allgemeine 
Schlüsse nicht gezogen werden dürfen. Vgl. jetzt Winckler, Oes, Hammur. 84 ff. 

1 jme twht\ hat im Talmud durchgehends die Bedeutung ,entblößen' und die 
Lehrer der Minna verstanden auch jnb in der Bibel im selben Sinne. Hiefür ist 
Sifre Numeri § 25 besonders kennzeichnend, wo jnc in Numeri 6, 5 und Lev. 13, 45 
als ,wild wachsen lassen* erklärt und diese Auffassung R. Eliezers um 100 n. Chr. 



schneiden ihres Haares bei Ehebruch. 




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A. Büchler. 



nach dem Hause ihres Gatten ein Beweis dafür, daß sie Jungfrau 



mit folgenden Worten begründet wird (vgl. Sifrä zu Lev. 13, 45 p. 67 d, b. Moed 
kat. 15 a ): ,wwö3 vb* w jnc bis* irr» ioik hhk .jn» bis* pr» »stimmst du bei, daß 
hier wild wachsen lassen heißt, oder meinst du vielmehr, es habe hier die einfache, 
gewöhnliche Bedeutung?* Diese ist nämlich ,entblößen', die andere muß erst durch 
Schlüsse gewonnen werden, s. Sifre* Num. 25. So erklären es auch einige neuere 
Ausleger nach lxx in Lev. 10, 6 als ,Blößen des Hauptes', d. i. Ablegen des Kopf- 
bundes oder Abscheren des Haares, andere, wie Dillmann zu Lev. 21, 9, bekämpfen 
diese Übersetzung und geben statt dessen: das Haar wachsen lassen, obwohl Jose- 
phus Num. 5, 18 nwn rw jnoi in Antiquit. in 11, 6 mit xoct xfjs xe<paXifc tb 1[a<xtiov 
a^eXwv wiedergibt und es kaum angeht, für dieselbe Verbindung bei Trauer eine 
andere Bedeutung anzunehmen. Zunächst ist aus Lev. 10, 6 ersichtlich, daß jne 
eine Handlung bezeichnet, die, wie das Zerreissen der Kleider, als Zeichen der 
Trauer in einem Augenblicke vorzunehmen ist; dieses aber schließt die Bedeutung 
,wild wachsen lassen* aus. Das gleiche gilt vom Aussätzigen in Lev. 13, 45, wo wkti 
jmo ,t,t zwischen dem Befehle, daß die Kleider zerrissen seien und er seinen 
Schnurrbart verhülle, steht, also eine Handlung meint, die, wie das Verhüllen des 
Bartes, unmittelbar nachdem der Mann für aussätzig erklärt wird, zu vollziehen 
ist. In beiden Fällen steht es vor dem Zerreissen der Kleider, ebenso in Lev. 
21, 10. Es geht also auch nicht an, ^TO w» mca in Jud. 5, 2 mit Rob. Smith 
bei Wellhausen, Arab. Heidentum 123, 2 und Schwally, Kriegsaltertümer 69 mit ,als 
die Haare langwuchsen' zu übersetzen. Um dieses auszudrücken, muß in Num. 6, 5 
Vit b^s und in Ezech. 44, 20 irtr» xb jnw das Verb bis oder das vom Wachsen der 
Baumzweige gebrauchte nbv stehen, jno bezeichnet nur die Art des Wachsens. Die 
Sache dürfte sich folgendermaßen verhalten. Das lange Haar trug die Frau be- 
deckt und zwar derart, daß es auf dem Kopfe zusammengebunden oder gerollt war; 
darüber lag ein Tuch oder eine Mütze (s. weiter). Nahm die Frau ihre Kopf- 
bedeckung ab, so fiel das Haar frei auf den Rücken. So war es auch beim Priester, 
der eine hohe Mütze trug; daher ist im Falle der Trauer in Leviticus ,WKnjnD in 
Ezech. 24, 17 als Gegenteil ybv wisn -pao angegeben. Die Priester dürfen ihre Mütze 
nicht ablegen, da sonst ihr Haar ungeordnet hinabfällt; und in Num. 5, 18 braucht 
der Priester der Frau bloß die Haardecke abzunehmen, um das Haar zu lösen. 
Dementsprechend betont der Brief des Jeremias V. 30 von den heidnischen Prie- 
stern: In ihren Tempeln sitzen die Priester mit zerrissenen Kleidern und mit ge- 
schorenen Köpfen und Bärten, dabei unbedeckten Hauptes. Die Kopfbedeckung 
sitzt auf vollem, geordnetem Haare; wer es schneidet oder über die Schulter fallen 
läßt, hat keine Mütze. Hiernach wird auch die von Wellhausen, Arab. Heid. 197 
als ungenau erwiesene Angabe des Plinius, Histor. nat. vi 162 zu verstehen sein, 
daß die Araber entweder einen Kopfbund tragen oder das Haar wachsen lassen; 
denn auch da läßt die Einteilung erkennen, daß, wer einen Kopfbund trägt, das 
Haar nicht frei wachsen läßt, sondern gebunden hat. Die Araber trugen nämlich langes 
Haar, in Locken oder Strähnen, die geflochten wurden. Und von deren Frauen sagt 




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Das Schneiden des Haares als Strafe etc. 



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und nicht Wittwe ist. 1 Dagegen muß die verheiratete Frau, wenn 
sie auf die Straße tritt, ihren Kopf bedeckt haben. 2 In Midr. Genes, 
rab. 17, 8 fragt man R. Josua (b. Hananja): Warum geht der Mann 
mit entblößtem, die Frau mit bedecktem Haupte aus? 3 Erscheint 

Wellhausen 199: Wenn sie den Schleier abnehmen und das Haar fallen lassen 
oder auflösen, so ist das fast ebenso stark, als wenn sie sich nackt ausziehen. Der 
Schleier hielt somit das Haar. Nach all' diesem wird W wohl mit ,losmachen' zu 
übersetzen sein. Im Syrischen bedeutet jno ,entblößen', doch auch ,sprossen 4 , assy- 
risch pirtu = ,Haupthaar* = ino, siehe Schulthess 56. 

1 In Midr. Tanhuma (ed. Buber) Nffn *3 11 (vgl. Tanhuma 16) sagt R. Simon 
b. Lakis (um 250 — 280; nach Exod. rabba 41, 5 von R. Halafta tradiert, R. Levi 
als Autor ist unrichtige Auflösung von b"i = wpb m s. Bacher, Agada d. pal. Arno- 
räer i 365, 3) in einer Deutung von im(?33 in Exod. 31, 18: Wie die Braut, solange 
sie im Vaterhause ist, sich züchtig verborgen hält, so daß sie niemand kennt, am 
Hochzeitstage aber, wenn sie ins Brautgemach zieht, ihr Gesicht entblößt, um damit 
zu sagen: wer über mich etwas zu sagen hat, komme und sage aus, so verhält es 
sich auch hier . . . Statt dieses hat Jalkut zu Cantic. 4, 9 § 988 die Stelle aus Tan- 
huma etwas verschieden: R. Simon b. Levi (lies: Lakis) sagt: So wie die Braut 
den Kopf entblößt hat vor allen Leuten und ihr Gesicht aufgedeckt trägt. 

2 Baraitha aus der Schule R. Ismaels in b. Kethub. 72 B unten zu Num. 5, 18: 
Dieses enthält eine Warnung für die Töchter Israels, jmca wx' «Vr daß sie nicht 
mit entblößtem Haupte ausgehen. Dasselbe in positiver Form in Sifre Num. 1 1 : 
Es lehrt die Töchter Israels, ,Dmpm rnoso \rw daß sie ihren Kopf bedecken; vgl. 
N. Brüll in seinen Jahrbüchern viii 52, 1. Doch gilt dieses, wie der Zusammen- 
hang lehrt, bloß für die Frauen, nicht auch für die Mädchen; bei den Arabern 
war es anders, denn Wellhausen (Nachrichten der G'ött. Gelehrt. Gesell. 1893, 448, 3) 
sagt: Mägde und Huren verhüllen sich nicht, Jungfrauen aber ebensowohl als 
Frauen, Tertullian, De virg. vel. 17, Bibl. Orient, i 364. 365. In den Thomasakten xm 
(bei Hennecke, Neutestam. Apokryphen 485) lesen wir aus Syrien, wo dieselben ent- 
standen sein dürften, von einer anderen Veranlassung zur Verhüllung des Gesichtes. 
Es heißt da: .Als der Vater der Braut am Morgen nach der Hochzeit zu den Braut- 
leuten kam, fand er sie einander gegenübersitzend, das Gesicht der Braut aber fand 
er unverhüllt und der Bräutigam war sehr heiter. Die Mutter aber kam herzu 
und sprach zu der Braut: „Warum sitzest du so, Kind, und schämst dich nicht, 
sondern benimmst dich, als hättest du schon lange mit dem eigenen Manne zu- 
sammengelebt?" Und ihr Vater sprach: „Aus großer Liebe zu deinem Manne ver- 
hüllst du dich nicht einmal ? Kt Es handelt sich hier um die Verhüllung der Frau 
im Hause vor dem eigenen Manne, ähnlich wie in Genes. 24, 65, die andere Gründe 
hat. Vgl. ZDMG 1871 xxv 349. 367. 

8 In b. Nedar. 30 b heißt es: Männer haben den Kopf bald bedeckt, bald ent- 
blößt. Frauen immer bedeckt, Kinder immer bloß. Hier dürfte allerdings die Sitte 




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A. Büchler. 



eine Frau unbedeckten Hauptes auf der Straße, so hat sie die gute 
Sitte verletzt und der Gatte hat die Pflicht, sie zu entlassen, ohne 
ihre Ehepakten zu begleichen (Kethub. vn 6, Toß. Kethub. vii 6); 
und Numeri rab. 9, 16 bezeichnet es als Brauch der Nichtjüdinnen, 
barhaupt einherzugehen. Wenn jemand einer Frau auf der Straße 
den Kopf entblößt, so hat er ihr damit Schimpf angetan und muß 
ihr dafür 400 Züz zahlen (Baba kamma vm 6). R. Akiba kam auch 
in die Lage, ein solches Urteil zu fällen und den Mann trotz des 
Nachweises, daß dieselbe Frau sich ein anderes Mal selbst den Kopf 
auf der Straße entblößte, zur Zahlung des Betrages zu zwingen 
(a. a. O. u. 'Aboth di R. Nathan m 8 a ). Womit sich die Frauen den 
Kopf bedeckten, wird in diesen Stellen nicht angegeben. Aber in 
b. Sota 8 b unten sagt R. Meir von der des Ehebruches verdächtigten 
Frau in Num. 5, 16: Sie hat sich für den Buhlen schöne Tücher 
auf den Kopf gebreitet, 1 darum nimmt ihr der Priester die nM vom 
Kopfe und legt sie ihr unter die Füße. Hiernach trugen die Frauen 
im 2. Jahrhundert eine hdd. Und daß sie ein unentbehrliches Klei- 
dungsstück War, lehrt die Bestimmung in Kethub. v 8, wonach der 
Gatte, der seine Frau durch einen dritten verpflegen läßt, ver- 
pflichtet ist, ihr Bett, Linnen und Laken, eine ptM für den Kopf, 
einen Gürtel für die Lenden und Schuhe zu geben. In b. Megilla 
27 b erzählt R. Zakkai, daß er es nie verabsäumt habe, den Sabbath 
mit dem Segensspruche über Wein einzuleiten; seine Großmutter 
verkaufte einmal die HB3 von ihrem Kopfe und brachte Wein zur 
Einsegnung des Sabbathes. In einer Baraitha in b. Baba kamma 
119 a sagt 'Abba Saul: Die Frau darf ohne Wissen ihres Mannes 
für vier bis fünf Denare Lebensmittel oder Gespinnst verkaufen, um 
sich eine nM für ihren Kopf zu machen (vgl. Zabim iv 1, Kelim 
xxvm '5). Das Wort wird oft jwa geschrieben (s. Kohut, Aruch 

der in Babylonien wohnenden Juden beschrieben sein, vgl. L. Low, Gesamm. 
Schriften n 315. 

1 Toß. Sota in 5 liest für pu pno i(? novc anderes : pp novo *rn ,sie hat Linnen 
ausgebreitet'; so hat auch Rasi gelesen, aber da paßt nicht die Vergeltung, die 
genau der Sünde entsprechen soll. 




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Das Schneiden des Haares als Strafe etc. 97 

iv 292 b ) und gewöhnlich als Kappe erklärt, von Raäi jedoch, offen- 
bar nach alter Überlieferung durch sppx wiedergegeben, der auch 
schon in Genes. 24, 65 (s. weiter) als Hülle der Frauen vorkommt. 
Nach einer Baraitha in b. IJullin 138 a trug der Hohepriester eine 
aus Wolle auf dem Kopfe entsprechend der Vorschrift in Exod. 
28, 37: Lege das Stirnblech auf eine himmelblaue Schnur; dieses 
besage, daß der Kopfbund, der auf der Höhe des Kopfes sitzt, und 
das Stirnblech, das auf der Stirne liegt, nicht eng aneinander liegen, 
sondern den Zwischenraum die ns^ ausfüllt (vgl. c Arakhin 3 b ). 
Hiernach ist diese eine dünne Kopfbedeckung, die auf dem Haare 
vorne liegt. In jerus. Sabbath v 7 b 56 wird von ihr gesagt, daß sie 
bis an die Augenbrauen reicht, was dafür spräche, daß das Haar 
der Frauen die Stirne bedeckte (s. w.). 

Verschieden hievon ist die Verhüllung des ganzen Kopfes samt 
dem Gesichte, von der der Satz R. Dimis, den er aus Palästina 
nach Babylonien gebracht hat, spricht (b. 'Erubin 100 b , 'Aboth di 
R. Nathan 2. Rez. xlii 59 a , Pirkö R. Eliezer xiv), daß nämlich die 
Frau nach dem von Gott über Eva verhängten Fluche bDND neiteS 
wie ein Trauernder eingehüllt gehe. Damit kann aber nur die Ver- 
hüllung, wie sie Lev. 13, 45 beim Aussätzigen angibt und gleich- 
lautend Ezech. 24, 17 beim Trauernden, gemeint sein, die auch das 
Gesicht umfaßt (s. w.). Dieselbe ist für Frauen auch bei syrischen 
Schriftstellern (de Lagarde, Materialien n 31) vorausgesetzt, die als 
Grund dessen, daß Gott Eva aus Adams Rippe und nicht aus seinem 
Kopfe schuf, angeben, damit die Frau demütig, keusch, schamhaft 
und züchtig sei, das Gesicht verschleiert und den Kopf verhüllt 
trage. 1 Und von den arabischen Frauen Nordafrikas erzählt Tertul- 
lian (De virg. vel. 17), daß sie nicht nur den Kopf, sondern auch 
das Gesicht ganz bedecken, derart, daß sie nur ein Auge gebrauchen 
können. Wellhausen {Arab. Heid. 196) verweist noch auf die Mär- 
tyrin von Nagrän, die ihr Gesicht niemals gezeigt hatte, bis zu dem 
Tage, wo sie mit entblößtem Haupte auf öffentlichem Markte Zeugnis 



1 Vgl. i Korinth. 14, 34, Bienenbuch p. 22, Grünbaum, Neue Beiträge 58 ff. 
Wiener Zeitschr. f. d. Kunde d. Morgenl. XIX. Bd. 7 



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A. Büchler. 



ablegte. Jüdische Quellen sprechen selten von der Verhüllung des 
Gesichtes. In Genes, rabba 60, 15 wird mit Bezug auf Genes. 24, 65 
und 38, 14 bemerkt: Zwei Frauen haben sich mit dem tppx bedeckt 
und sind dafür von Gott mit Zwillingen belohnt worden; und in 
Genes, rabba 85, 7 wird Thamars hoher Grad von Züchtigkeit be- 
tont, weil sie sich das Gesicht bedeckte. Es spricht dieses deutlich 
dafür, daß es nicht allgemein Sitte war, und hiefür ist auf Hierony- 
mus' Erklärung von tti = Oepiorpov zu Jes. 4, 23 hinzuweisen (vgl. 
Lagardb, Semitica 24 ff!): Theristra, quae nos pallia possumus ap- 
pellare, quo obvoluta est et Rebecca et hodie quoque Arabiae et 
Mesopotamiae operiuntur feminae, quae hebraice dicuntur ardidim, 
graece öeptcrpa ab eo, quod in Ospet, hoc est, in aestate et caumate 
protegant feminarum. Er sagt, daß sich die arabischen und meso- 
potamischen Frauen seiner Zeit mit diesem Mantel verhüllten, nennt 
aber die jüdischen Palästinas nicht. Und da er das Kleidungsstück 
mit frpyat identifiziert, dessen Verwendung er aus der Bibel gekannt 
hat, bestätigt er mit seiner Bemerkung den Schluß aus dem Midraö, 
daß die jüdischen Frauen in Palästina ihr Gesicht nicht verhüllten; 
(vgl. Delitzsch zu Genes. 24, 65 p. 345: Ospiorpov ein sommerlicher, 
leichter Überwurf, welcher den Körper und besonders auch den 
Kopf verhüllt, der Schleier- oder Kappenmantel, welcher als ara- 
bische Frauentracht von Tertullian, De vel. virg. 1 7 und Hieronymus, 
Ad Eustochium ep. 22 und anderwärts erwähnt wird, gleicher Art, 
wie das weite linnene Umschlagtuch, womit sich die syrischen Frauen 
außerhalb des Hauses verhüllen; . . . Rebekka, ihren Mantel übers 
Gesicht ziehend, verhüllt sich). 1 Zu bemerken ist noch, daß auch 
die jüdischen Frauen ihr Haar nur auf der Straße bedeckt trugen, 



1 In Sifre Deut. 305 p. 130% b. Kethub. 66 b wird erzählt: R. Johanan b. 
Zakkai sah eine junge Frau unter den Hufen des Pferdes eines Arabers Gersten- 
körner auflesen; als sie den Lehrer erblickte, mpvz nctsrn: hüllte sie sich in ihr Haar, 
stellte sich vor ihn hin und sprach: Rabbi, nimm dich meiner an. Sie kann na- 
türlich nur ihr Gesicht verhüllt haben, wahrscheinlich aus Ehrerbietung gegen den 
Lehrer (vgl. pbnn in 88), vor dem auch Jünger nicht unbedeckten Hauptes er- 
scheinen (Kalla i, b. Kiddus. 33 Ä , s, weiter). Vgl, noch Susanua 1, 32 in lxx. 




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Das Schneiden des Haares als Strafe etc. 



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im Hause aber unbedeckten Hauptes herumgingen. Denn die Mutter 
der Hohenpriester aus der Familie Kamhith schreibt ihr Grlück, 
ihre Söhne in diesem hohen Amte zu sehen, dem Umstände zu, daß 
die Balken ihres Hauses nie das Haar ihres Kopfes gesehen haben 
(b. Joma 47% jerus. Megilla i 72 d 64, Levit. rabba 20, 11). Es war 
somit etwas außergewöhnliches, das andere Frauen nicht taten. 

Das Haar trugen die Frauen in Flechten, wie einer der eben 
angeführten Berichte von der Mutter der Hohenpriester Kamhith (b. 
Joma 47 a ) dieselbe von sich sagen läßt: Nie haben die Balken 
meines Hauses nyp ybp die Flechten meines Haares gesehen. 1 Von 
der Frau des R. Akiba erzählt (jerus. Sabbath vi Anf. 7 d , Sota ix 
24° 6) der zeitgenössische Patriarch Gamaliel n. seiner Frau, daß 
sie die Flechten ihres Haares verkauft habe, damit ihr Mann stu- 
dieren könne. 2 In b. Sota 9 Ä oben (Toß. Sota m 3, Num. rabba 
9, 24) heißt es zu Num. 5, 18 von der Behandlung der des Ehe- 
bruches verdächtigten Frau vonseiten des Priesters im Tempel: 
,rrw n« -iniD jro ^tb .-rara ny^p K\n sie hat sich für den Buhlen 
das Haar geflochten, darum löst ihr der Priester das Haar (vgl. 
Sota i 5, b. Sota 8 a ). In b. Berakhoth 61 a , Sabb. 95 a sagt R. Simon 
b. Menaßja (nach Genes, rabba 18, 1 Simon b. Johai, vgl. Bacher, 
Agada d. Tannaiten n 108, 2): Gott flocht Eva das Haar und führte 
sie dann dem Adam zu. R. Johanan sagt (jer. Synhedr. n 20 a 72), 
der König David habe seine Kebsfrauen, denen sein Sohn Absalom 
beigewohnt hatte (n Sam. 16, 22), sich das Haar flechten und sich 
schmücken und sie dann zu sich kommen lassen, um seinem bösen 
Triebe zuzurufen: Du begehrst etwas Verbotenes. In der MiSna 
Sabb. x 6 sind von R. Eliezer als am Sabbath verbotene Arbeiten 

1 Judith 10, 3 erzählt: Sie ordnete die Haare ihres Hauptes, setzte einen 
Turban darauf; 16, 9: Sie band ihre Haare zusammen, um den Turban aufzusetzen. 
Die Lesearten Sietai-e, SteS-evaro und 5t!!*av£ vgl. bei Ball in Wace, Apocrypha i 326 
z. Stelle. 

* Vgl. Testam. Job 5, 23, wo von Hiobs Frau erzählt wird : tote Xaßwv ^ a ^a 
flpe ras Tpt^a? xr\<z xeyoikT)$ auTffc tcävtcdv opwvtcov xat $>a)xev auTfl Tpeis aptou;, ebenso 
6, 8; vgl. Kohler in Kohut, Semüic Studies 280 und 278, 1, Grünbaum, Neue 
Beiträge 266 ff. 



7* 




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CORNELL UNIVERSITV 



100 A. Büchler. 

aufgezählt : ,nDpisn pi nbman pi rhim Haarflechten, Schminken der 
Augen und des Gesichtes; und in einer Baraitha b. Sabb. 95 ft macht 
diesbezüglich R. Simon b. Eleazar einen Unterschied, ob die Frau 
ihr eigenes Haar oder das einer andern flicht (vgl. jer. c Aboda zara 
i 40 b 4). In jer. Moed katan i 80 d 45 (vgl. b. 9 b ) ist in einer Ba- 
raitha da^s Haarflechten, Schminken des Gesichtes und der Augen 
als Schmücken der Frauen bezeichnet; und in Kelim xv 3 nennt 
R. Jehuda eine eigene Art von Sessel, in den sich Frauen zum 
Haarflechten hineinsetzen. Sabb. 104 b , Hagiga 4 b unten ist eine Frau 
mit Namen Mirjam, die Haarflechterin genannt, in der man Maria 
von Magdala wiedergefunden hat. Aber aus all' diesen Stellen er- 
hellt, daß das Haarflechten nur bei wohlhabenden Frauen und bei 
anderen nur zu besonderen Gelegenheiten vorgekommen sein dürfte, 
beim Volke dagegen keinesfalls allgemein war. Sagt doch ein sy- 
rischer Schriftsteller (bei Lagarde, Materialien n 57, Zeile 6 ff.) mit 
Bezug auf Genes. 4, 20 ff., daß Na c amä die erste war, die sich in 
Seide kleidete, die Hände aneinanderschlagend tanzte, sich das Haar 
flocht, Hände und Gesicht rotfärbte und schminkte, wie sie auch 
das Augenzwinkern und die Fingersprache zuerst anwendete (Grün- 
baum, Neue Beiträge 74). Hier ist, wie in den talmudischen Stellen, 
das Haarflechten neben das Schminken gestellt, gehörte sonach zum 
Luxus der Reichen (vgl. Cyprian, De habitu virginum 14). 

Wenn nun der Priester der des Ehebruches verdächtigten Frau 
nach Sifre zu Num. 5, 18 und Num. rabba 9, 24, Toß. Sota in 3 das 
Haar entblößt und die Flechten auflöst, soll sie, wie es die Entblößung 
des Kopfes in Gegenwart anderer nach den obigen Darlegungen 
deutlich macht, einer Frau gleichgestellt werden, die sich vor anderen 
freiwillig den Kopf entblößt, d. h. einer nicht züchtig sich benehmen- 
den Frau, 1 wie es Sifre in der Tat als bviD = Erniedrigung bezeichnet. 
Und so erklärt Hieronymus mr jnnB in Jes. 3, 1 7 mit ,crinem earum 

1 Ebenso haben die Thomasakten Kap. 56 (bei Hennecke, NT Apoki-yphen 503) 
in der Beschreibung der Qualen, die die Sünder im Jenseits zu erdulden haben: 
,Die aber an den Haaren Hangenden sind die Schamlosen und die sich durchaus 
nicht scheuen und die barhäuptig in der Welt umhergehen. 4 



t\r\Ci\& Original from 

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Das Schneiden des Haares als Strafe etc. 101 

nudabit', er wird ihr Haar entblößen, offenbar, wie Stade {ZSATW 
1886, vi 336) richtig betont, auf Grund jüdischer Überlieferung, 
weil er in Palästina die Entblößung des Haares als die einer unzüch- 
tigen Frau gebührende Behandlung kennen lernte. 1 Die Auflösung 
des Haares in Gegenwart anderer ist ein noch höherer Grad von 
Unzüchtigkeit. So sagt der Hirt des Hermas ix 8, 5 (Hennecke 279): 
Da wurden zwölf Weiber gerufen, die sahen sehr schön aus, schwarz 
waren sie angezogen, aufgeschürzt gingen sie, die Schulter trugen 
sie entblößt und die Haare aufgelöst; mir schienen diese Weiber 
wild zu sein. Und in ix 13, 8 heißt es weiter: Nach einiger Zeit 
wurden sie von den schönen Weibern in schwarzen Gewändern mit 
entblößten Schultern und aufgelöstem Haare, wie du sie geschaut 
hast, verführt (vgl. ix 15, 3). Es sind genau dieselben äußeren 
Merkmale der unzüchtigen Frau, die nach einer Baraitha in Gittin 90 b 
es dem Gatten zur Pflicht machen, dieselbe zu entlassen; dem ent- 
blößten Kopf entspricht hier das aufgelöste Haar. 

Nun finden wir als Strafe der ehebrecherischen Frau nebst 
der Entblößung des Kopfes auch das Abschneiden des Haares. Simon 
b. §emah Durän, ein berühmter Rabbiner in Algier in der ersten 
Hälfte des 15* Jahrhunderts, wurde einmal über die Behandlung einer 
Frau befragt, die sich trotz Verwarnung seitens der religiösen Behörde 
unzüchtigen Verkehres schuldig gemacht hatte. Nachdem er zur 
Überzeugung gelangt war, daß die Frau eine Ehebrecherin war, 
schreibt er betreffs ihrer Bestrafung folgendes vor (Responsen p"ntfn 
ra Nr. 191): Die Frau ist mittels Scheidebriefes von ihrem Manne zu 
trennen und öffentlich zu züchtigen und ihre Ehepakten sind in der 
Synagoge zu zerreißen ; man verhänge dann über sie den Bann durch 
30 Tage, entblöße ihr Haupt und schneide ihr das Haar ab; den 
Ehebrecher treffe genau dieselbe Strafe (vgl. Stern in Geigers Wissensch. 
Ztschr. 1837, m 359). Von der ganzen Reihe auffälliger Strafen 
ist nur die Entlassung der Frau ohne Begleichung ihrer Ehepakten 



1 Kittel in Dillmanns Jesaia, 6. Auflage, S. 36 sagt auffallenderweise: Das 
Entblößen der Schläfe gilt aber sonst nicht als Strafe! 



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102 



A. BüCHLfitt. 



im talmudischen Schrifttum begründet. Die Züchtigung ist schon frag- 
lich und bildet den Gegenstand umfassender Kontroversen zwischen 
den Dezisoren im Mittelalter (vgl. Maimonides nw»K mabn xxi 10 und 
dazu die Glossen RABDs). Der Bann ist erst in nachtalmudischer 
Zeit als Strafmittel in solchen Fällen zur Anwendung gelangt; R. Simon 
Durän setzt jedoch beide Strafen als unbestritten, weil eingebürgert 
voraus und begründet diesen Teil seiner Verfügung gar nicht. Für 
das Haarschneiden verweist er auf Pirke di R. Eliezer Kap. 14, wo 
unter den zehn Flüchen, die Gott als Strafe über Eva ausgesprochen 
hat, auch hwö innbjöi wb'bz nS-fJötf steht, 1 daß sie — und alle 
Frauen — ihr Haar wachsen lassen müssen, wie die Lilith, und es 
nur schneiden dürfen im Falle des Ehebruches. 2 Es ist als selbst- 
verständlich anzunehmen, daß die Pirkö, auf die R. Simon Durän 
sich beruft, einen zur Zeit ihres Verfassers bei den Juden bestehen- 
den Brauch, einer Ehebrecherin das Haar abzuschneiden, wieder- 
geben; denn aus Talmud und Midraö ist meines Wissens nichts 
Ähnliches bekannt. Es wäre nun geradezu auffällig, daß die nach- 
talmudische Zeit, der die Pirk§ zugewiesen werden und aus der von 
den Leitern der großen Lehrhäuser in Sura und Pumbaditha im alten 
Babylonien eine so große Anzahl eherechtlicher Gutachten verschie- 

1 In den alten Ausgaben der Pirke* lautet die Stelle ganz verschieden: mcwn 
,mro r*bx im« nnbiv ru*in bztv noiao die Frau muß "ihren Kopf bedeckt haben, wie ein 
Trauernder und sie schneidet ihn bloß im Falle des Ehebruches. Es fehlt das von 
R. Simon Durän angeführte ,n»W3 ijnp nbim das wir in gleichem Zusammenhange in 
einer Baraitha in b. f Erubin 100 b finden. Aber im« nrtao in den Ausgaben setzt die 
voraufgegangene Erwähnung von ijw voraus, wie das einschränkende «bn das Ver- 
bot des Haarschneidens, sodaß der jetzt fehlende Teil im ursprünglichen Wortlaute 
der Pirke gestanden haben muß. Ist es ja an sich kaum wahrscheinlich, daß 
R. Simon aus dem Gedächtnis angeführt und unzusammengehörige Teile frei zu- 
sammengesetzt habe, da es sich um einen Beleg für eine Verfügung von Wichtig- 
keit handelte. Vgl. Nahmani, cn»n min 64 a . 

2 Grünbaum in ZDMG 1877 xxxi 250 erklärt rvW>3 w nVra» in c Erub. 100 b 
nicht als Wachsenlassen des Frauenhaares, sondern als Flechten, die kunstvolle An- 
ordnung und den Schmuck überhaupt; denn die Lilith wird auch als ein schön- 
geputztes Weib mit schöngepflegten Haaren vorgestellt. Aber worin besteht dann 
der Fluch für die Frau? Und haben alle Frauen aus dem Volke sich das Haar 
geflochten? 




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Das Schneiden des Haares als Strafe etc. 



103 



densten Inhaltes erhalten sind, nicht sollte zu mindesten eine Spur 
dieses eigentümlichen Brauches bewahrt haben. 

Und in der Tat hat die Sammlung der gaonäischen Responsen 
(pnx p. 25 Nr. 13) folgendes: nwh innatp ny oenatr bvtw on^KWi 

rröi pntnöi nrnie jnaiöi uöö nm« prariöv pnn wn *p ♦vbp v p nö nw 
»dt D^bü miK pnöi iwk ppböi baw ,Ihr fraget, was mit einem Juden 
zu geschehen habe, der im unzüchtigen Umgang mit seiner Sklavin 
betroffen wird? Man nimmt ihm die Sklavin weg, verkauft sie und 
verteilt den Erlös unter jüdische Arme; den Herrn züchtigt man, 
schneidet ihm das Haar ab und belegt ihn 30 Tage mit dem Bann'. 
Ist auch der Urheber dieses kurzen Gutachtens nicht erhalten, so 
ist es kaum zweifelhaft, daß er eines der Schulhäupter der beiden 
Lehrhäuser in Babylonien (800 — 1000) 1 war. Er verhängt nun über 
den unzüchtigen Mann genau dieselben Strafen, wie einige Jahrhunderte 
später Simon Durän in Algier über die Ehebrecherin und den Ehe- 
brecher. Hieraus aber folgt, daß R. Simon, wenn er auch für seine 
uns auffallende Verfügung keine Gesetzesquelle nennt, nur ein sicher 
seit dem 9. oder 10. Jahrhundert eingeführtes Gesetz anwendet. Da- 
für spricht die Tatsache, daß er das Urteil nicht nur an eine aus- 
wärtige Gemeinde schickt, in der vielleicht niemand Gegengründe 
geltend zu machen verstand, sondern dasselbe auch, wie es die Glosse 
seines Sohnes zu der behaadelten Entscheidung meldet, in seiner 
eigenen Gemeinde vollstrecken läßt, in der es an Gesetzeskundigen 
nicht gefehlt hat. Er ließ einer Ehebrecherin das Haar abschneiden, 
übergab dieses dem Synagogendiener, der es auf einer Stange durch 
alle Häuser und Höfe der Stadt trug, und tat die Frau in den Bann. 
Ohne ältere, anerkannte Stütze, wie sie das gaonäische Responsum 
darstellt, und ohne festen, eingebürgerten Brauch wäre dieses Vor- 
gehen einfach undenkbar. 2 

1 In der Sammlung gaonäischer Responsen Dawart p mpiDB mzhn ed. Müller 
p. 53 Nr. 94 ist Natronai als Urheber des Bescheides genannt, der von 857 bis 
867 Schalhaupt in Sura in Babylonien war. 

2 Auffallend ist es freilich, daß er die Entscheidung des Gaon nicht gekannt 
hat, während sie von Ahron ha-Kohen aus Lunel in seinem a»n nimiK (ed. Berlin n 




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A. Büchler. 



Was diese Behandlung des Haares im Falle des Ehebruches 
sowohl beim Manne, als auch bei der Frau betrifft, so ist ihr Zweck 
nach den obigen Ausführungen deutlich zu erkennen. Schon das Ent- 
blößen des Haares bei der des Ehebruches bloß verdächtigten Frau 
und die Auflösung ihrer Haarflechten sollte sie auf jene Stufe hinab- 
drücken, auf welche sie sich durch ihr verdächtiges Gebaren selbst 
gestellt hat. Wie die Lehrer der Miäna die Behandlung dieser Frau 
verstanden haben, erhellt aus einer Einzelheit in der Beschreibung 
des ganzen Vorgehens in der Misna Sota i 4, für welche in der 
betreffenden Vorschrift der Bibel keinerlei Andeutung vorhanden ist. 
Es heißt da: ,Man führt die Frau hinauf in die Tore des Tempels, 
die am Eingange des Nikanortores sind, und der Priester erfaßt ihre 
Kleider; macht er hierbei einen Riß, so tut es nichts, und reißt er 
sie ganz durch, so tut es auch nichts; dann entblößt er ihre Brust 
und löst ihr das Haar auf/ Das absichtliche Entblößen des Ober- 
körpers der Frau vonseiten des Priesters in Gegenwart anderer 
kennzeichnet die Absicht des ganzen Verfahrens; denn nach der 
Baraitha in b. Gittin 90 a , Toß. Sota v 9: ,Wer seine Frau auf die 
Gasse gehen sieht mit entblößtem Kopfe und mit von beiden Seiten 
durchgerissenen Kleidern, hat nach der Thora die Pflicht, sie zu 
entlassen/ 1 sind solche Kleider Beweise der Unzucht und bilden die 
Tracht der unzüchtigen Frauen. Mägde und Dirnen, sagt Wellhausen 
von den Arabern {Nachricht d. Gott. gel. Ges. 1893, 448, 3), verhüllen 
sich nicht. Solchen also wurde die des Ehebruches verdächtigte 
Frau ähnlich gemacht. 2 Da die jüdischen Frauen ihr Haar nie 

110 § 9; vgl. Josef Karo zu Tür, 'Eben ha-'Ezer § 16), das nach 1295 verfaßt wurde, 
als gaonäisch im Wortlaute angeführt wird. Aber viele solche Entscheidungen blie- 
ben in manchen Gegenden, wie eigentlich ganz natürlich, lange unbekannt. 

1 In dieser Reihe ist auch das Spinnen auf der Straße genannt, vgl. darüber 
Berliner-Hoffmanns Magazin f. d. Wissen, d. Jud. xx 204; zu den anderen Punkten 
s. jerus. Sota i 16 b 41 : nman jhtd nv»n nravn pae ,nw dwö iwxvn vb& p« n»a oitte »:n 
,-ot nvw m kjcö »3 imb nabn ,mmbn rrmjrnn pa-nca wo dazu noch die entblößten Arme 
gekommen sind. Vgl. den Hirt des Hermas ix 8, 5 oben S. 101. 

2 In solcher Verfassung darf ein Mann nicht in die Nähe der Frau kommen ; 
b. Synhedr. 109 b . 110 a führt nämlich ein Agadist aus, daß die Frau des 'Ön b. Peleth 
in Num. 16, 1 ihren Mann zu Hause trunken machte, damit er an der Verschwörung 




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Das Schneiden des Haares als Strafe etc. 



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schnitten ( e Erub. 100 b ; Pirke di R. Eliezer K. 14, oben S. 102), 1 selbst 
in Fällen ; wo das Gesetz es forderte, wie bei der Erfüllung des 
Naziräergelübdes und nach der Reinigung vom Aussatze, 2 war das 



Korahs nicht teilnehmen könne. Dann setzte sie sich in die Türe ihres Hauses und 
löste ihr Haar auf, so daß jeder, der sich nach ihrem vermißten Manne erkundigen 
wollte und sie in dieser Verfassung sah, umkehrte. Vgl. hiezu die Parallele bei 
Wejllhausen, Arab. Heidentum 195 ff., 199. 

1 Diese Stellen bestätigen die auf Jerem. 7, 29 gegründete Annahme (Benzinger 
in Herzog-Haück , RE vn 277, Nowack, Archäologie i 134), daß die Frauen der 
biblischen Zeit ihr Haar niemals schnitten und das Frauenhaar, wie das vom Scheer- 
messer unberührte Haar des Naziräers als im bezeichnet wurde (vgl. c Arakh. 7 ab ). 

2 Lev. 13, 45 schreibt dem Aussätzigen das Zerreißen der Kleider und das 
Entblößen des Kopfes vor, nach der Heilung des Aussatzes fordert Lev. 14, 8 das 
Schneiden des Haares am ganzen Körper. Das erste verbietet der Frau die Misna 
Sota in 8, das zweite Toß. Sota n 9 : ,mDDöi r»»?: wan iddüi whwt wo freilich 
der Ausdruck schwer verständlich ist; doch hat ihn Maimonides (Witt nKöitt x 8) 
richtig als identisch mit w ODtf bvi in Lev. 13, 45 erklärt, vgl. den Kommentar 
D. Pardos zur Toßiftastelle. Nach Num. 6, 9 muß ein Naziräer im Falle einer 
Verunreinigung an einem Leichnam und laut 6, 18 nach Ablauf des Gelübdes sich 
das Haar schneiden. Da Naziräerinnen tatsächlich vorkamen, — so war nach der 
Misna Nazir in 6 die Königin Helena, nach vi 11 Mirjam aus Palmyra, nach Jose- 
phus {Bellum n 15 1) Berenike, die Schwester des Königs Agrippa n Naziräerin, — 
mußte die Frage, ob solche Frauen ihr Haar zu schneiden haben, erörtert und ent- 
schieden worden sein. Josephus, der zur Begründung des Aufenthaltes von Berenike 
in Jerusalem das Gelübde erklärt und dabei das Haarschneiden hervorhebt, läßt 
erkennen, daß dieses tatsächlich vorgenommen wurde. Das Gleiche setzen die Be- 
stimmungen der Misna voraus, da sie nirgends Ausnahmen für die Naziräerinnen 
erwähnen, wiewohl sie von diesen neben den Männern handeln. Und auch in 
Sota in 7, wo die Unterschiede zwischen Männern und Frauen in religionsgesetz- 
licher Hinsicht aufgezählt sind, steht das Haarschneiden nicht. Nur der besondere 
Fall, wenn ein Kind das Naziräergelübde des verstorbenen Vaters auf sich nimmt, 
kennt die Bestimmung, daß die Frau sich das Haar nicht abschneidet. Hiezu be- 
merkt R. Johanan (b. Nazir 30 a ), es sei der Grund dieser Ausnahme nicht bekannt; 
in Wahrheit aber sollte jede nicht unerläßliche Erfüllung des Nazirats einer Frau 
verhindert werden, wie jerus. Nazir iv 53 c 5 ausdrücklich bemerkt: das Gelübde 
soll vom Gatten aus Rücksicht auf ihr Haar aufgehoben werden. Dieses Streben als 
Grundsatz ergibt sich aus Nazir iv 4, wo das Recht des Gatten, das Gelübde seiner 
Frau aufzuheben, erörtert wird. Es steht ihm zu bis zur Darbringung der in Num. 
6, 14 vorgeschriebenen Opfer, nach der Meinung R. Akibas bis zur Schlachtung der- 
selben, nach der anderer bis zur Blutsprengung; aber diese Begrenzung der Zeit 
gilt nur für das Opfer nach Ablauf des Gelübdes, dagegen kann der Mann beim 




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A. Büchler. 



Abschneiden desselben im Falle des Ehebruches eine entehrende 
Strafe; es gehörte nach dem Zusammenhange offenbar zu den äuße- 
ren Merkmalen der Buhldirnen, wie bei den Griechen (Hesych. s. v. 
oxacptov bei Dillmann zu Lev. 19, 27). Als Strafe der Ehebrecherinnen 
hatten es in der Tat die Germanen (Tacitus, Germania 19) und die 
Inder (Schräder, Reallex. d. indogerm. Altertumsk. 318); und, was 
für unseren Fall von entscheidender Bedeutung ist, bei den Arabern 
wird der unzüchtigen Frau das Haupthaar rasiert und sie wird in 
diesem Zustande in den Straßen umhergeführt (Goldziher, Muham. 
Stud. i 185, 4; vgl. i Korinth. 11, 6). Die Bibel selbst scheint das 
Abschneiden des Haares in dieser Anwendung nicht zu kennen, da 
es in Ezech. 16, 39; 23, 46, wo die Bestrafung der Ehebrecherinnen 
genau und ausführlich geschildert wird und in Übereinstimmung mit 
Hosea 2, 5 die öffentliche Entehrung als die hervorstechendste Strafe 
an die Spitze gestellt ist, nicht erwähnt wird. 

Da ist nun auf einen von den Bibelauslegern nicht beachteten 
Zusammenhang zwischen der Kennzeichnung der Sklavin und der 
Buhlerin einerseits und zwischen diesen beiden und der Trauernden 
andererseits hinsichtlich der äußeren Merkmale hinzuweisen. Wenn 
eine Freie zur Sklavin erniedrigt und zu der niedrigsten Arbeit, 
dem ständigen Drehen der Handmühle (Exod. 11, 5, Judic. 16, 21) ver- 
wendet wird, so werden an ihr vorher ganz bestimmte Handlungen zur 
Kennzeichnung ihrer neuen Stellung vorgenommen, die Jesaia 47, 2 

Opfer im Falle der ungewollten Störung des Gelübdes dieses aufheben, denn er kann 
sagen: Ich will kein durch das Haarschneiden verunstaltetes Weib. Rabbi meint 
sogar, er könne das Gelübde auch noch beim letzten Opfer aufheben, denn er kann 
sagen: Ich will kein geschorenes Weib. Die früher erwähnte Entstellung ist trotz 
der Erklärung im Talmud auf das Haarschneiden • und nicht auf den fehlenden 
Wein zu beziehen (vgl. Toßafoth zu b. Nazir 28 & s. v. naa). Das zeigt auch die Er- 
klärung in Sifre Deut. § 212, b. Jebam. 48» zu der Vorschrift in Deut. 21, 12: die 
Gefangene, die sich ein Israelit aus dem Kriege heimbringt, schneide ihr Haupthaar: 
R. Akiba sagt: Sowie beim Kopfe inu = Verunstaltung gemeint ist, muß auch bei 
den Nägeln Verunstaltung gemeint sein. Eine solche soll bei einer Frau, die sich 
das Gelübde der Naziräerin auferlegt hat, durch die Aufhebung desselben verhin- 
dert werden. Auch nach dem Karäer Jehuda hadassi in "icisn ^dpk 281 ist Deut. 
21, 12 eine Verunstaltung. 




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Das Schneiden des Haares als Strafe etc. 



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anschaulich schildert: Sie verläßt das Bett oder den Stuhl und 
setzt sich auf die Erde, sie bekommt die Handmühle/ dann ■piöX *b) 
rjnEnn nm n: -|nny bm ,nnrw ^ap pw tew wn der Schleier, das 
Zeichen der Freien wird ihr abgenommen, damit sie einer Sklavin 
oder Buhlerin gleiche (vgl. Wellhausen, Nachricht d. Gott. Gel. Ges. 
1893, 448, 3, oben S. 104), hierauf wird sie bis zur Nacktheit entkleidet, 
indem sie, wie der Prophet gerade hierbei länger verweilend die 
einzelnen Handlungen aufzählt, erst den untern, die Freie kennzeich- 
nenden langen Teil ihres Gewandes hebt, dann den Schenkel ent- 
blößt, als ob sie einen Fluß durchwaten sollte, schließlich sich ganz 
entblößen muß, daß ihre Scham jedermann sichtbar wird. Das gleiche 
widerfuhr, wie besonders Schwally (Das Leben nach dem Tode 14 ff.) 
mit Nachdruck hervorgehoben hat, dem zum Sklaven gemachten 
Gefangenen nach Jes. 20, 4 : wo mba nKi onaßö "nrc n« *wk JHr p 
Aitern *)m unp D^pn d^w (vgl. n Sam. 10, 4). Und so erzählt ein 
Agadist (Peßikta rab. xxvm 135 a ) in seiner Ausmalung der Entführung 
der Israeliten in die babylonische Gefangenschaft: Alle Prinzen Judas 
waren in eiserne Ketten geschlagen und gingen nackt einher am 
Ufer des Euphrat. Daß der Ehebrecherin genau das gleiche geschah, 
zeigt die Schilderung des bei ihr befolgten Gerichtsverfahrens in 
Hosea 2, 5: ,pr6n ovo rmütm naw rwOTK 2, 12: # nn6s: na nbjK "ok 
Ezech. 16, 37: ,-jnru? dk ikti onba inrw tp^i 16, 39. 40: -piK wuni 
,pKa ^niK «ni brtp -pbp ibrm mpi dws Timm ^mKBn inp^i *p» 23, 10 : 
,ro iw d-idibüi nvDzb dp rrni inn mm nnwi inpb rrniai rna nnrw iba nan 
23, 26 : ^masn ^a inpbi Tnan n« ie^kh Nabum 3, 4 : f ♦ ♦ nai» •wt anö 
H^^P craböi ttpö o-ia wxnni -p3B t^w Trbai Jerem. 13, 26: -ok an 
^msT nüT ^mbn^öi tbikj ybp rorm -p» bp-pbirc "nran (vgl. 13, 22). Und 
daß sich Trauernde ganz entkleideten, zeigt die Aufforderung des 

1 Im Midraä Threni rabba zu ik»J pnw omna in Threni 5, 13 wird ausgeführt, 
daß Nebukadne§ar den in die Gefangenschaft geführten Jünglingen Mühlsteine auf- 
laden ließ. Man wäre geneigt, hierin bloß die Ausmalung des im Bibelworte 
Gemeldeten zu sehen, wenn nicht die Redensart im Munde R. Jo^anans (b. Kid- 
dus. 39 b ) runa» D*m zur Bezeichnung eines Sklaven für die Tatsächlichkeit eines 
solchen Vorganges spräche. Das Mahlen auf der Handmühle war bei den Arabern 
für Männer schimpflich, s. G. Jacob, Altarab. Beduinenleben 88, vgl. dazu Judic. 16, 21. 




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A. Büchler. 



Propheten Jesaia (32, 11) an die stolzen Jerusalemerinnen : 1 rmwt 
»n^bn bv rnwn mwi und Micha 1, 8 von Männern. 2 Es gleichen so- 
nach Sklavin, Buhlerin und Trauernde einander hinsichtlich der 
völligen Entkleidung. Wir werden hiernach einen Brauch, den wir 
bei der Sklavin und der Trauernden finden, mit hoher Wahrschein- 
lichkeit auch bei der Ehebrecherin annehmen dürfen. Nun erfahren 
wir aus Micha 1, 16, wo der Prophet einer Stadt zuruft: ^nsrnip 
TO ^nmp •a-mn wn (vgl. Halevy in Revue Semitique 1904, 108), 
daß sich Frauen als Zeichen der Trauer das Haar schnitten und 
eine Glatze Schoren; ebenso aus Jerem. 7, 29: bv ^bwn -pH u 
,nrp D^ötP wo sich die Aufforderung an Jerusalem richtet, daß es sich, 
wie eine Frau, das unberührte Haar schneide und eine Trauerklage 
anstimme. Und Josephus (Antiquit. iv 8, 23) gibt als Erklärung von 
Deut. 21, 12: der Herr darf die Gefangene nicht eher berühren, 
als sie ihr Haar geschoren, ein Trauerkleid angelegt und ihre Ver- 
wandten und Freunde, die im Kriege umgekommen sind, beklagt 
hat, und erst, nachdem sie dem Schmerze genüge getan, soll sie 
dem Mahle und der Hochzeit sich zuwenden. Er kannte also noch 
das Haarschneiden als Trauerbrauch. In den Thomasakten Kap. 114 
(Hennecke, NT Apokr. 525) heißt es: Als er aber weggegangen 
war, fand er seine Frau mit geschorenem Haar und mit durchgerissenem 



1 Und wie bei der Trauernden hier als einziges Kleidungsstück der Gürtel, 
sonst der p» erscheint (Schwally, Leben nach dem Tode 12 ff.), so finden wir bei 
der Buhlerin einen der nur ihre Scham bedeckt. So in Midras 'Esther zu 1, 
11, § 13, wo Rab von der Königin Wasti sagt, daß, als der König sie auffordern 
ließ, beim Gastmahle nackt zu erscheinen, Witt bvtbxz rr»p»3 sie bat, wenigstens 
mit einem Gürtel, wie eine Buhlerin, angetan erscheinen zu dürfen. In b. Sota 9 a 
sagt R. Meir von der des Ehebruchs verdächtigten Frau: pw *\ytb b)xb*2 ib .Tun kvt 
mTVtö rbpvb nb isnpi nao bin K'ao ,sie hat sich für den Buhlen einen Gürtel umgebunden, 
darum bringt der Priester einen ägyptischen Strick und bindet ihr ihn über den 
Brüsten um', (Toß. Sota m 4 unrichtig p3e»asa). In Sabbath 62 b heißt es von den in 
Jes. 3, 24 geschilderten unzüchtigen Töchtern Jerusalems: vrw mpo ,nop3 «man nnm 
,D»Dp: D'Dpj nwa bnbxs nnian ,an der Stelle, wo sie sich mit den Gürteln gürteten, werden 
Wunden entstehen*. 

2 Ebenso bei den Arabern: Wellhausen, Arab. Heidentum 177; vgl. Meissner, 
Neuarab. Gesch. aus dem Iraq y S. 21, Nr. 14. 




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Das Schneiden des Haares als Strafe etc. 109 

Gewand. Und so hielten es auch die Araber, daß die Frauen bei 
einem Todesfalle ihr Haar schneiden (Krehl, Religion d. Araber 33, 
Gtoldziher, Muham. Stud. i 248, Wellhausen, Arab. Heid. 181 fF.). Als 
dieser Brauch später den Juden anstößig ward, trat als Abschwächung 
die Entblößung des Haares an seine Stelle; so erzählt Hieronymus 
zu Jerem. 9, 17 aus Palästina, daß es bei den Juden noch zu seiner 
Zeit üblich war, Klageweiber zu verwenden, die mit entblößtem 
Haar und nackter Brust jedermann zur Trauer aufforderten, 1 (vgl. 
b. Jebam. 116 b , Nedar. 50 b , Peßikta rab. xxvi 13 l b ). Daß die Israeliten 
den Kriegsgefangenen und Sklaven das Haar schnitten, ist in der 
Bibel nur aus der unklaren Stelle in Deut. 21, 12 mit einiger Wahr- 
scheinlichkeit zu ersehen. Dagegen ist bei den Arabern die Stirn- 
locke das Zeichen des Freien, sie wird dem Kriegsgefangenen ab- 
geschnitten und der Sklave hat seine Glatze auf der Stirne 2 (Well- 
hausen 198, Goldziher i 250, Perles in Grätz Monatsschrift 1893, 
xxxvn 366). 3 Wir werden hiernach mit hoher Wahrscheinlichkeit 

1 Wetzstein (,Syr. Dreschtafel' in Ztschr. f. Ethnographie v 1873, 294 ff., Grün- 
eisen, Ahnenkultus 95) sagt, daß die syrischen Frauen und Mädchen, die für gewöhn- 
lich tief verschleiert gehen, in der Trauer ihr Haupt entblößen. Ähnliches erzählt 
Lane (Sitten und Gebräuche in 164 ff.) von Fellachenfrauen aus Ägypten. Es ent- 
spricht dieses genau dem Brauche der Römer nach Plutarch (Qu. Rom. 14, Grün- 
eisen 96), daß bei den Leichenbegängnissen in Rom die Söhne sich das Haupt 
verhüllten, die Töchter aber barhäuptig mit aufgelöstem Haar hinter der Leiche ein- 
herschritten. In Semah. vm lesen wir: Man löst jungen Mädchen, die gestorben 
sind, das Haar auf und entblößt das Gesicht junger Leute. Aus einer Baraitha in 
b. Moed. kat. 27 A wissen wir, daß man im allgemeinen das Gesicht des Toten be- 
deckte; ebenso wird man die Frauen mit geordnetem Haar zu Grabe getragen 
haben. Um die Trauer um so jung Verstorbene zu steigern, löste man den Mäd- 
chen das Haar, denn der Anblick aufgelösten Haares erweckte Trauer. 

2 Lane, Arabian society in the middle ages 21 6 ff. (bei Jacob, Altarab. Beduinen- 
leben 2. Aufl. 137) erzählt, daß bei der Belagerung Kairos durch die Franken im 
Jahre 1168 der letzte fatimidische Khalife el-'Adid den Sultan von Syrien Nur-ed- 
din um Hilfe bat und mit den Briefen das Haar seiner Frauen schickte, um damit 
deren Unterwerfung und die seine auszudrücken. Vgl. Sibyll. in 356 — 359. 

3 Auch das S. 108, Note 1 erwähnte Umbinden eines Strickes statt eines Gür- 
tels bei der des Ehebruches verdächtigten Frau (Sota i 4; in Sifre zuta in Jalkut zu 
Num. 5, § 708 sagt R. Eliezer: Der Priester bindet ihr zwei Gürtel um, einen über 
den Brüsten, den anderen unter denselben,) findet sich im Falle der Trauer in 



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A. Büchler. 



annehmen dürfen, daß das Abschneiden des Haares der Frauen, 
das sich als Trauerzeichen bei den Israeliten der biblischen Zeit 
und noch bei den Juden zu der des Josephus findet und erst später 
von den Rabbinen beseitigt wurde, auch als Strafe der Ehebrecherin 
angewendet ward und in der talmudischen Literatur nur deshalb 
nicht vorkommt, weil es mit Absicht gänzlich ausgeschaltet wurde. 
Andererseits jedoch ist die Tatsache, daß nur Schriften der gaonäischen 
Zeit, als die Araber ganz Vorderasien, besonders aber Palästina und 
Babylonien beherrschten und sie mit ihrer Kultur beeinflußten und ihr 
Brauch, Ehebrechern das Haar zu schneiden, auch den Juden be- 
kannt werden mußte, denselben als bei den Juden geltend anführen, 
ein zu gewichtiger Beweis, als daß die späte Entlehnung von den 
Arabern in Abrede gestellt werden könnte. Dieselbe dürfte in diesem 
Falle den Gesetzeslehren um so weniger bedenklich erschienen sein, 
als sich die Grundlage der im Abschneiden des Haares ausgedrückten 
Entehrung in der Behandlung der des Ehebruches verdächtigten 
Frau, dem Entblößen und Auflösen ihres Haares, in der talmudischen 
Literatur erhalten hatte. Freilich das Vorkommen der gleichen Strafe 
im Gesetze Hainmurabis spricht wieder zu deutlich für das Alter der- 
selben auch bei den Israeliten, als daß ihre Nichterwähnung in der 
älteren Literatur allein für ihr Nichtvorhandensein entscheiden dürfte. 
Nur die Annahme, daß die Todesstrafe auf Ehebruch im jüdischen 
Gesetze jede andere Entehrung der Ehebrecherin ausschloß, könnte 
hiefür als weiterer Beweis angeführt werden. 

II. Arabischer Einfluß auf das jüdische Familienrecht. 

Ehe die weiteren, unsere Untersuchung betreffenden Fragen, 
die sich aus dem Gutachten des unbekannten Gaons über die Be- 
strafung mit Schneiden des Haares ergeben, behandelt werden, ist 
die auffallende Tatsache zu beleuchten, daß der eheliche Umgang 

ii Makkab. 3, 19. Die Baraitha in b. Sota 8 b meint, es geschah dieses bei der Frau, 
damit ihr die Kleider nicht vom Leibe fallen; doch mag es in Wahrheit zur Dar- 
stellung der Frau als Buhlerin gehört haben. 




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Das Schneiden des Haares als Strafe etc. 



111 



des Herrn mit seiner Sklavin ebenso streng bestraft wurde, wie Ehe- 
bruch, obgleich derselbe in der Schwere des Vergehens damit eigent- 
lich gar nicht zusammengestellt werden kann. Es erweckt dieses 
den Anschein, als ob die Strafe des Haarschneidens auch bei anderen, 
geringeren, nur gegen gute Sitte und Anstand verstoßenden Ver- 
fehlungen angewendet worden sei, was die obigen Aufstellungen 
über die Bedeutung des Haarschneidens als Strafe zu erschüttern 
geeignet wäre. Denn im Orient galten die Sklavinnen auch nach 
talmudischen Nachrichten für zügellos und unzüchtig ('Aboth 11 7 
,Höt TOitt mnetP na^ö je mehr Sklavinnen, um so mehr Unzucht; Mekhil- 
tha zu Exod. 21, 4 p. 76 a : der Herr gibt seinem jüdischen Knechte 
eine Sklavin zur Frau, sie muß aber ihm allein gehören und darf 
nicht jedermann zugänglich sein, Toß. Horaj. n 11), so daß der Um- 
gang mit ihnen wohl als unsittlich und unzüchtig gegolten haben, 
aber nicht dem Ehebruch gleichgestellt sein konnte. * Ein flüchtiger 
Blick auf die Bestimmungen über die Stellung der Sklavin in der 
späteren jüdischen Gesetzgebung bestätigt dieses deutlich. So heißt 
es in Mekhiltha (a. a. O., KidduS. in 12, Gittin iv 5), daß ein frei- 
geborener Israelit sich mit einer Sklavin ehelich nicht verbinden 
kann, da bei ihr der Begriff der Ehe nicht anwendbar ist, wie genau 
das gleiche nach denselben Stellen für eine freie Nichtjüdin gilt. 
Es kann sonach nur außerehelichen Verkehr mit einer Sklavin geben 
und die Kinder, die demselben entspringen, ebenso wie dem mit 
einer freien Nichtjüdin, sind Sklaven. Solcher Umgang muß trotzdem 
öfter vorgekommen sein. 1 Denn Jebam. n 5 bestimmt betreffs der 
Leviratsehe: Jede Art von Bruder verpflichtet die Wittwe des kinder- 
los verstorbenen Mannes zur Leviratsehe und gilt als Bruder in jeder 
Hinsicht, ausgenommen der Sohn einer Sklavin oder Nichtjüdin. 
Zur Vorschrift in Lev. 21, 2, daß der Priester sich nur an dem 
Leichenbegängnisse seiner nächsten Blutsverwandten beteiligen diirfe, 

1 Aus dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert bestätigt dieses die unter dem 
Namen Menanders erhaltene Spruchsammlung (bei Land, Anecdota Syr. i 71, Zeile 5ft\, 
vgl. ZATW 1895 xv 234): ,Wer sich mit seiner Dienstmagd vergeht, wird Gottes 
Strafe nicht entrinnen.' Vgl. Sirach 41, 21. 




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112 



A. Büchler. 



heißt es in Semah. iv 1 7 : Als Verwandte gelten auch solche, die 
wegen ihrer Abkunft zum Priesterdienste untauglich sind, ausgenom- 
men solche von einer Sklavin oder Nicht] üdin. In zivilrechtlicher 
Hinsicht sagt R. Jose, der Graliläer: Wenn jemand zu seiner Sklavin 
sagt: du bist frei, aber dein Sohn bleibt Sklave, so erhält dieser die 
Rechtsstellung seiner Mutter; andere Lehrer meinen, die Worte des 
Herren seien auszuführen (b. Kidduä. 69 a ). Wenn jemand eine Sklavin 
kauft und sie bei ihm schwanger wird, so darf das Kind, ein Sklave, 
selbst am Sabbath beschnitten werden (b. Sabbath 135 b ). Alle diese 
Bestimmungen, selbst als akademisch aufgefaßt, zeigen, daß solche 
Verbindungen mit Sklavinnen vorkamen, ohne daß irgendwie ein 
Verbot derselben ausgesprochen wäre. Aber im Jebam. n 8 lesen 
wir: Wer des Umganges mit seiner Sklavin verdächtigt wird, soll 
dieselbe auch nach ihrer Freilassung nicht ehelichen. Hier klingt 
die Mißbilligung solcher Beziehungen deutlich durch, ohne aber als 
strafbare Handlung gekennzeichnet zu sein, und das Hauptgewicht 
wird auf die Unzulässigkeit einer spätem Ehe gelegt; ebenso bei 
dem gleichen Verhältnisse zu einer freien Nichtjüdin, die dann Jüdin 
wird. Und auch solche Beziehungen dürften vorgekommen sein, 
denn R. Johanan (b. Gittin 40 a oben) trägt den Satz R. Meirs vor : 
Wenn jemand seine Sklavin mittels Urkunde sich verlobt, ist sie 
verlobt; andere Lehrer verneinen dieses (vgl. Aseri zu Jebam. n § 3). 
Ausdrücklich verboten wird der Umgang mit der Sklavin in einem 
Satze des Amoräers R. Dimi (b. Synhedr. 82 a ), den er aus Palästina 
nach Babylonien brachte: ,Die Hasmonäerbehörde hat verfügt: Wer 
mit einer Nichtjüdin Umgang pflegt, übertritt das Verbot des Um- 
ganges mit einer Menstruierenden, Sklavin, Nichtjüdin und Ehefrau/ 
Als R. 'Abin aus Palästina nach Babylonien kam, trug er denselben 
Satz anders vor: Er übertritt das Verbot des Umganges mit einer 
Menstruierenden, Sklavin, Nichtjüdin und Buhlerin. 1 In beiden Formen 

1 Da eines der Verbote auf eine Ehefrau sich bezieht, muß die ganze Be- 
stimmung von einer verheirateten Nichtjüdin sprechen und für eine ledige bleiben 
nur drei Verbote in Geltung. In der zweiten Uberlieferung hat das letzte Verbot 
nur auf einen Priester Anwendung, vgl. Toßafoth b. Synhedr. 82» z. Stelle. 




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Das Schneiden des Haares als Strafe etc. 113 

der Meldung wird das Verbot, mit einer Sklavin ehelichen Verkehr 
zu pflegen, auf die Zeit der Hasmonäer, das 2. oder 1. Jahrh. v. Chr. 
zurückgeführt. Doch gehören die Referenten dem Anfange des 
4. Jahrh. n. Chr. an, und wenn auch ihre sonstigen geschichtlichen 
Sätze auf den in solchen Fragen gut unterrichteten R. Johanan zurück- 
gehen, so sprechen mehrere Erwägungen gegen das angegebene Alter 
des fraglichen Verbotes ; und die Meldung dürfte nur die Zeit ihrer 
Urheber widerspiegeln, da sich damals auch andere Lehrer Palästinas 
gegen den ehelichen Umgang mit Sklavinnen aussprachen. Während 
nämlich eine alte, unzweifelhaft zuverlässige Nachricht aus der Zeit 
der Zeloten um 67 n. Chr. die Verfügung enthält (Synhedr. ix 6, 
Sifre Num. 131): ,n pwis p*op riWK bron wer mit einer Nichtjüdin 
ehelichen Umgang pflegt, den töten die Zeloten, 1 und eine andere 
Stelle erklärt (Sifre Deuter. 171, jerus. Megilla iv 75 c 30, b. 25 a , Targum 
Jonathan zu Lev. 18, 21), der aus solcher Vereinigung stammende 
Sohn, der ja als Sohn der Heidin dem Götzendienste verfällt, sei als 
ein dem Moloch dargebrachtes Opfer anzusehen, findet sich in der 
gleichen Zeit der Tannaiten (1 — 200) von der Sklavin nichts Ahnliches. 
Denn der Sohn der Sklavin eines Juden ist Eigentum seines Vaters 
und Herrn und verfällt nicht dem Heidentum, solange sein Vater 
ihn nicht an Heiden verkauft. Es ist somit im talmudischen Schrift- 
tum nicht begründet, daß das Responsum des Gaons den unzüchtigen 
Umgang des Herrn mit seiner Sklavin so strenge ahndet, und es 
müssen dieses nur die Umstände seiner Zeit gefordert haben. 

Ein Agadist des 4. Jahrhunderts, R. Levi (Lev. rabba 9, 5; 25, 8) 
tadelt den ehelichen Verkehr mit der Sklavin in sehr scharfen Worten, 
indem er Proverb. 14, 9 deutend sagt: Hierunter sind die Leute zu 
verstehen, die den Umgang mit ihren Sklavinnen für erlaubt halten; 
Gott wird sie dereinst an den Scheiteln ihrer Köpfe aufhängen. 2 Die 

1 Vgl. das Gespräch Josefs mit der Frau des Potiphar über diesen Umgang 
in Tanliuma stn 8 und b. Sota 7 a . 

2 Die eigentümliche Strafe in der Hölle hat eine interessante Parallele in 
den Thomasakten Kap. 56 (s. oben S. 100, 1), wo die Leiden der in die Hölle Ge- 
langten geschildert werden: ,Die aber an den Haaren Hangenden sind die Scham- 
Wiener Zeitschr. f. d. Kunde d. Morgenl. XVIII. Bd. 8 



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A. Büchler. 



Verurteilung des unsittlichen Umganges machte sich sonach schon 



um 300 geltend, weil sich derselbe als nicht verboten offenbar zu 
verbreiten anfing und dem Mißbrauch gesteuert werden mußte. 1 
Aber trotz dieser Verurteilung mußte einige Jahrhunderte später, in 
der Zeit der Gaonen das gleiche Übel wieder bekämpft werden. 

losen und die sich durchaus nicht scheuen und die barhäuptig in der Welt umher- 
gehen. 1 In der Offenbarung Petri (bei Hennecke, Neutest. Apokryphen 216 Nr. 24) heißt 
es gleichfalls: Es waren aber auch andere Weiber da (in der Hölle) an den Haaren 
über jenem aufbrodelnden Schlamme aufgehängt. Das waren die, welche sich zum 
Ehebruche geschmückt hatten. Die Männer aber, die sich mit ihnen in der Be- 
fleckung des Ehebruches vereinigt hatten, an den Füßen (aufgehängt), ihre Köpfe 
steckten im Schlamme. In der von M. Wolff herausgegebenen Eschatologie der 
Muhammedaner p. 108 heißt es in der Schilderung von den bei der Auferstehung 
wiedererweckten Menschengruppen: ,Die Menschen der 7. Gattung haben, wenn sie 
auferweckt werden, die Füße an der Stirn, an welche dieselben mit ihrem Haupt- 
haar festgebunden sind, und sie verbreiten einen stärkeren Gestank als Aas. Das 
sind die, welche den sinnlichen Begierden und Genüssen nachgegangen sind.* Und 
p. 163, in der Schilderung der Hölle ist von den Muhammedanern gesagt: ,Sie be- 
stehen aus drei Abteilungen, nämlich den gottlosen Greisen, den lasterhaften Jüng- 
lingen und den ausschweifenden Frauen; die Männer werden an ihren Bärten, die 
Frauen an den Locken und Stirnhaaren geführt.' 

1 Daß der Satz R. Levis diese Tendenz hat und es sich ihm um die Hebung 
der Sittlichkeit durch die Verschärfung des Gesetzes handelt, erhellt aus seinem 
Ausspruche (b. Nedarim 20 b ) über Unsittlichkeit : "h »an iök D'jntnßm dhtoi oro »imai 
»ja 2*?n p»n: *:a nnsr »:a nana »Ja mion *ja *ja rotia» oa noüK *:a ntr« »:a ,nnö yvn i^k 
,nowi K'aiany ,Ich werde aus euerer Mitte die Abtrünnigen und Treulosen ausscheiden 
(Ezech. 20, 38), damit sind neun Arten von Kindern gemeint, die aus liebloser, 
erzwungener oder unbeabsichtigter ehelicher Vereinigung entsprossen sind', d. h. 
ethisch als unehelich anzusehen sind. Unsere Texte haben als ersten Punkt: Kinder 
der Angst, so auch R. Nissim im Kommentare zur Stelle; dagegen hat Aseri hok *:a 
,Kinder einer Magd 4 . Doch passen diese nicht in die Zusammenstellung, in der es 
sich nicht um den Stand der Frau oder des Mannes, sondern nur um die Stimmung 
und Verfassung der Eheleute bei ihrer Vereinigung handelt. Wenn im Traktat Kallä 
dafür nnw »;a hök »:a stehen, so ist schon diese Zusammenstellung der Sklavin und der 
Magd ein deutlicher Beweis dafür, daß es neben no« auch noch eine andere Version 
mit noK gab und der Urheber der ersteren seine Lesung durch den Zusatz: nner ^a 
sichern wollte. Vgl. Bacher, Agada der paläst. Amoräer n 310, 3 und über den 
Zweck der Abänderung des ursprünglichen rrö» siehe weiter. Was Bacher für die 
Ursprünglichkeit von no« aus dem behandelten Satz R. Levis anführt, scheint mir 
nichts zu beweisen, da es sich dort um etwas völlig Verschiedenes handelt. Vgl. 
noch b)DV* i 61. 




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Das Schneiden des Haares als Strafe etc. 



115 



Der Traktat pK -pn i (vgl. nhyi: msbn Abschnitt nnp Anfang, ed. 
Venedig p. 52 b Zeile 10, ed. Hildesheimer p. 253 Zeile 25) enthält 
nämlich folgende Bestimmung: rroi pixb npy nrn-iK rr6r rrvr nnewn ksh 
,DWTD ,wer einer Sklavin beiwohnt, tibertritt vierzehn Verbote und 
verfällt außerdem der Ausrottung durch Gott'. Fragt man nach der 
Quelle der geradezu ungeheuerlich klingenden Zahl von Übertretungen, 
so zeigt die dort stehende Aufzählung der einzelnen Verbote selbst 
eine gekünstelte und tendenziöse Zusammenstellung, die ohne Wahl 
alles auch nur entfernt Heranziehbare gewaltsam einfügt. Denn drei, 
bzw. vier von den 14 Verboten sind mit den oben (S. 112) besprochenen 
aus b. Synhedr. 82 a in der Bestimmung über den ehelichen Umgang 
mit einer Nichtjüdin identisch, wiewohl ein Punkt nur beim Priester 
Anwendung findet. Und auch andere unter den aufgezählten Verboten 
passen auf die Sklavin überhaupt nicht, sondern nur auf eine ver- 
heiratete Nichtjüdin (s. den Kommentar spjp nbr\: z. St.), wie *\xir\ xb 
und nönn xb es wäre denn die in Lev. 19, 20 genannte, einem jü- 
dischen Knechte bereits zugewiesene Sklavin gemeint, die als Ver- 
lobte gilt. Und auch nann üb rS^n xb ,rwn xb sind unrichtig heran- 
gezogen und zwar aus Num. rabba 9, 12 (Tanhuma xwi 2, ed. Buber 4), 
dem Nachweise R. Hunas, des Vaters von R. 'Aha, laut welchem Ehe- 
bruch die Übertretung aller zehn Gebote nach sich zieht; aber bei 
der Sklavin kann doch von Ehebruch keine Rede sein. Hiezu kommt 
noch schließlich die an karäische Bibelauslegung gemahnende An- 
lehnung einiger Punkte an die Verbote : nw rcnnn xb fän6a "pro jntn xb 
MtoW Bnbn xb /PITT niörn die jede Vermischung verschiedener Arten 
untersagen. In Wirklichkeit hat, wie mich Herr Lektor M. Friedmann 
aufmerksam macht, Jalkut zu Num. 22 § 531 am Anfange der ganzen 
Bestimmung nicht ,nnro sondern dre Nichtjüdin, auf die allein, wie 
bereits erwähnt, mehrere Punkte passen. Die Übertragung auf die 
Sklavin hatte, wie nicht zweifelhaft sein kann, den Zweck, den ehe- 
lichen Verkehr mit derselben als ein schweres Vergehen zu erweisen, 
um hiedurch der Unsittlichkeit und dem unzüchtigen Mißbrauche 
Einhalt zu gebieten. Genau den gleichen Zweck mit denselben Mitteln 
verfolgt die Bestimmung des eben so jungen Traktates Kalla: yiök JNSö 




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A. BüCHLER. 



r* ♦ ♦ "'HD "33 HKW n DD mW "OS HÖH JH l^Kl Ö*nTttÖ DJ-Kl D*nTÖÖ DH fHPJ die 

das von einem Juden und einer Sklavin stammende Kind als *möö 
erklärt. In Wahrheit aber ist es der oben besprochene Satz R. Levis 
aus b. Nedarim 20 b , der die entehrende Bezeichnung überhaupt nicht 
enthält und statt der ersten zwei Arten bloß nwx als ethisch un- 
würdige Elemente der Juden anführt. Und auch sonst werden die 
Kinder einer Sklavin von einem Juden nirgends als ntttö bezeichnet; 
und auch hier sollte nur der eheliche Verkehr mit der Sklavin durch 
die Aufzeigung der entehrenden Folgen als ein nicht leicht zu nehmen- 
des Verbot erwiesen werden. 1 

Und in der Tat bezeugen gaonäische Responsen die Tatsache, 
daß die religiösen Häupter des jüdischen Volkes Veranlassung hatten, 
gegen den Verkehr mit Sklavinnen Stellung zu nehmen. In der 
Sammlung dieser Responsen pnat *ipv (p. 27 b Nr. 38, vgl. Aäeri zu 
Jebam. n § 3) findet sich folgende Anfrage an Natronai, Gaon in 
Sura (um 857 — 867): /Viele Juden kaufen schöne Sklavinnen, wie 
sie angeben, zur Arbeit, aber man verdächtigt sie, daß sie dieselben 
zum ehelichen Umgange erwerben. Andere wieder behaupten, daß 
sie ihren Sklavinnen die Freiheit gegeben und sie zu Nebenfrauen 
genommen haben. Was soll nun geschehen und wem soll man glau- 
ben ?* Der Ursprungsort der Anfrage, der für diese Untersuchung 
sehr wichtig wäre, ist im Gutachten leider nicht angegeben; er 
könnte ebenso in Spanien, wie in Nordafrika, oder in Babylonien 
selbst gesucht werden, woher Anfragen an die Lehrhäuser im letz- 
tern Lande erhalten sind und wo die Sprache des jetzt nur in he- 
bräischer Übersetzung vorliegenden Originalresponsums, das Ara- 
bische gesprochen wurde. In jedem Falle stammt die Anfrage aus 
einer von Mohammedanern bewohnten Gegend und sie zeigt, daß die 
Aufmerksamkeit der Schulhäupter um die Mitte des 9. Jahrhunderts 

1 Der Nachweis, daß man durch die Mißachtung eines Gebotes eine ganze 
Anzahl von Übertretungen begehe, gehört in die Zeit der Gaonen, wie das dem 
Gaon Jehudai (760) zugeschriebene Responsum über das Gebot der Phylakterien 
(bei Horowitz, D'awm bv \mr\ i 45, 7) darlegt, daß jeder, der diese nicht anlegt, 
täglich 18 Verbote übertrete. 




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Das Schneiden des Haares als Strafe etc. 



117 



auf die unzulässige, die jüdische Familienreinheit untergrabende Er- 
scheinung gerichtet war. Und es wird nun begreiflich, daß, nachdem 
Abhilfe nur durch moralischen Druck geschaffen werden konnte, 
weil andere Mittel den Juden auch unter den Arabern nicht zur 
Verfügung standen, nur die Brandmarkung des Vorgehens als einer 
schweren Sünde höchster Ordnung einigen Erfolg versprach. Das 
gleiche führt uns eine andere Anfrage aus genau derselben Zeit an 
den Zeitgenossen Natronais, an Paltoi, Gaon in Pumbaditha (um 
856 — 872) vor, von der wir aus verschiedenen Nachrichten erfahren. 
So hat zunächst ein von Schechter aus der jüdischen Handschriften- 
sammlung aus Kairo veröffentlichtes Responsum (Jewish Quarterly 
Review 1902 xiv 244): btYi pc& "xn n&*n pK2 pn« jmtrK pnbwn 
nb a-csi nb -nntMti hhkö jö rtb pnKT mnm khök w nwr6 rh xpas nrm khök 

m "IÖ '•Öp [ö KW IDKD^lK JÖH bmtäV HJQ *Ö ft-p 1 ?* HTJ^N DH HÜ fcOH H1H HS1 ♦ ♦ ♦ 

D^a an» n rrum hbdh irab iD"»m p GDTbim lnnerc km> pim »pro Htoba 
pw anbian na Mim "an rrb ans mona prcn ♦ ♦ ♦ Hin pin p pn iniK nroi 
»Töp «in rosi pn« an n^nn tothd: ann nawn «m ♦ ♦ ♦ nw nb-ra mb-ra rwip ana 
(vgl. Maimonides ptnn^ x«. 19, Aseri zu Jebam. n, 3). 1 Wir erfahren 
hieraus, daß die Frage über die Rechtsstellung des Sohnes einer 
Sklavin von einem Juden von einem Gelehrten aus Lucena in Spa- 
nien den Häuptern beider Schulen, Paltoi und Natronai, ein Jahr- 
hundert später (938 — 958) Ahron b. Sargado, dem Gaon in Pumbaditha 



1 Der Urheber dieses Responsums hat nicht mehr verstanden, was den Gaon 
Natronai und Ahron veranlaßt hat, die Sklavin, der ihr Herr beigewohnt hat, für 
frei zu erklären, und wenn sie einem anderen gehört, anzunehmen, daß er sie diesem 
abgekauft und ihr die Freiheit gegeben hat. Da die Sklavin in beiden Fällen ihre 
Freiheit erlangt, scheint es mir ziemlich klar, daß diese Lehrer dem ehelichen Um- 
gange mit Sklavinnen dadurch steuern wollten, daß sie durch ihre Maßregel die 
Sklavin für frei erklärten. Dieses Streben erklärt es auch, daß sie dem Herrn, 
der seine Beziehungen zur Sklavin damit rechtfertigt, daß er ihr die Freiheit ge- 
geben oder sie bereits zu seiner legitimen Nebenfrau gemacht hat, ohne weiteres 
Glauben schenken und gegen den talmudischen Rechtssatz, daß die Kinder einer 
Sklavin Sklaven sind, die Kinder aus den gekennzeichneten Beziehungen als Freie 
und zur Leviratsehe berechtigt und verpflichtet erklären. Die Verhältnisse haben 
sich offenbar gründlich geändert und selbst der spätere Gaon, der die Entscheidungen 
seiner Vorgänger bekämpft, erkennt diese Rechtsstellung des Kindes an. 




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118 



A. Büchler. 



vorgelegt wurde. An Serira, den Gaon in Pumbaditha (968 — 998) 
trat sie in ganz eigener Form heran (p*i¥ *w p. 25 a Nr. 15): Ein 
Mann hatte, als er heiratete, seiner Frau eine nichtjüdische Sklavin 
gekauft, die bei ihm schwanger wurde. Da tritt nun die Gemeinde 
auf, trennt die Sklavin vom Herrn, um sie zu verkaufen; der Herr 
aber setzt für den Verkauf einen späteren Zeitpunkt an, vor dessen 
Eintritt die Sklavin einen Sohn zur Welt bringt. Diesen bringt der 
Herr behufs Beschneidung in die Synagoge und bekennt sich auf 
Befragen der Gemeinde als Vater des Kindes, gibt der Sklavin die 
Freiheit und läßt sie ins Judentum aufnehmen. Als er bald darauf 
starb und der Sohn von der Sklavin sein einziges Kind war, ergab 
sich die Frage, ob dasselbe für die Leviratsehe als legitim zu gelten 
habe. Öerira antwortet, daß dieselbe Frage schon von dem gelehrten 
Spanier Eleazar an die Gaonen Paltoi und Natronai gerichtet wor- 
den ist und diese dahin entschieden, daß das Kind nicht als Sklave, 
sondern als Freigelassener anzusehen sei (vgl. auch den Bescheid 
Hai Gaons von 998 — 1038 in pnx -nmsrp. 2 b Nr. 11). Auffallender- 
weise wird in keinem dieser Bescheide der eheliche Umgang mit der 
Sklavin mißbilligt, wenn auch das gemeldete Vorgehen der Ge- 
meinde, aus der die Anfrage kam, die Sklavin vom Herrn gewalt- 
sam zu trennen und sie weiter zu verkaufen, deutlich dafür spricht, 
daß die Behörde das Gesetz, das diese Strafe anordnet, kannte und 
anerkannte. Andererseits jedoch wird der Bestrafung des Herrn, die 
in dem oben (S. 103) angeführten gaonäischen Responsum bei dieser 
Übertretung gefordert wird und die der vom Rabbiner Simon Duran 
in Algier über die Ehebrecher verhängten genau entspricht, über- 
haupt nicht gedacht, so daß man annehmen müßte, sie sei weder 
dem Fragesteller, noch dem Urheber der Bescheide bekannt ge- 
wesen. In Wahrheit aber handeln alle diese Anfragen von der Rechts- 
stellung des von der Sklavin dem Herrn geborenen Kindes allein; 
deren Ermittelung aber führt zu dem Ergebnis, daß in diesem Falle 
der eheliche Verkehr des Herrn mit seiner Sklavin keine Unzucht 
war, die allein strafbar wäre, sondern ein nachträglich legitimiertes 
eheliches Zusammenleben (S. 117). Aber die Strafe des Haarschnei- 




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Das Schneiden des Haares als Strafe etc. 



119 



dens für den Herrn bei unzüchtigem Verhältnisse mit der Sklavin 
mag auch diesem Gaon bekannt gewesen sein. 

Hiefur spricht auch die Bestimmung in den dem Gaon Jehudai 
von Sura (um 760) zugeschriebenen rnmxp rvobn (bei Horowitz, jmm 
Drittln bv i, 29, Zeile 5) über das Vorgehen bei erwiesenem Ehe- 
bruche : Man trennt die Frau von ihrem Gatten durch Scheidebrief, 
züchtigt den Ehebrecher mit Schlägen ohne Zahl, schneidet ihm den 
Bart und das Kopfhaar; ebenso züchtigt man die Frau und schneidet 
ihr das Haar (vgl. Horowitz a. a. O. n 18, Zeile 9 ff.). Es wird hier- 
aus klar, daß es in den Lehrhäusern von Sura und Pumbaditha als 
Gesetz ausgesprochen war, bei Ehebruch dem Manne Bart und 
Haar, der Frau das Haar zu schneiden. Wenn sonach Pirke di 
R. Eliezer xiv unter den von Gott über Eva verhängten 10 Flüchen 
auch den nennen, daß sich die Frauen nie das Haar schneiden 
dürfen ausgenommen im Falle des Ehebruches, so geben sie nach 
dem Obigen nur dem in den babylonischen Lehrhäusern geltenden 
Gesetze Ausdruck. Es ist dieses gleichzeitig ein beachtenswertes 
Kennzeichen für die Heimat und die Entstehungszeit dieser nach- 
talmudischen Schrift, insofern sie nur nach der Wiedereinführung 
des Haarschneidens als Strafe auf Unzucht verfaßt sein kann. Es 
ist nicht unwahrscheinlich, daß diese Strafe gerade in Verbindung 
mit dem energischen Einschreiten gegen den ehelichen Umgang mit 
Sklavinnen zum erstenmale wieder angewendet wurde, als diese in 
der biblischen Zeit noch nicht mißbilligte, im Talmud als nicht straf- 
bar geduldete Unsitte durch den Verkehr mit den Arabern an Um- 
fang gewann. Bei diesen ist es bekanntlich ohne weiters gestattet, 
der Sklavin beizuwohnen nach dem Koran xxiii 5, lxx 30. 31: glück- 
lich sind die wahren Gläubigen . . ., die ihre fleischlichen Lüste be- 
herrschen können und die ihre Genüsse auf ihre Gattinnen oder auf 
ihre Sklavinnen beschränken, die sie von rechtswegen besitzen; dann 
werden sie ohne üble Nachrede sein. Aber diejenigen, die ihre Be- 
gierde weiter ausdehnen, sind wahrlich Sünder' (vgl. Wellhausen in 
Nachrichten der Gotting. Gel. Ges. 1893, 464. 468). Und auch das 
so bezeichnende Verfahren des Gouverneurs von Medina am An- 




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120 



A. Büchleb. 



fange des 2. Jahrhunderts der Hegra mit einem Araber, der seine 
Tochter einem Maulä, einem Nichtaraber zur Frau gab und den der 
Dichter Muhammed b. Beshir anzeigte, das ja nur ein Beispiel von 
vielen gewesen sein dürfte, mag den jüdischen Behörden die Anregung 
gegeben haben, die Vereinigung eines freien Juden mit einer nicht- 
jüdischen Sklavin mit dem Abschneiden des Haares zu bestrafen, 1 
Der genannte Gouverneur gab nämlich den Befehl, die eingegan- 
gene Ehe aufzulösen, dem Ehemann 200 Stockhiebe zu geben und 
seinen Bart, sein Haupthaar und seine Augenbrauen zu rasieren 
(Goldziher, Muham. Studien i 129). Da nun schon Natronai um die 
Mitte des 9. Jahrhunderts erklärt, die Sklavin, der ihr Herr bei- 
gewohnt, sei als Freie und als das Nebenweib desselben anzusehen, 
dürfte die Bestimmung des anonymen Gutachtens, daß die Sklavin 
dem Herrn wegzunehmen und weiter zu verkaufen sei, älter sein; 
und es ist ganz gut möglich, daß schon Jehudai Gaon um 760 dieses 
Mittel empfahl, um dem unter arabischem Einfluß sich verbreiten- 
den Unfug energisch zu steuern (s. Seite 137, 3). 

III. Das Schneiden des Haares als Strafe des Ehebrechers. 

Wie das eben behandelte anonyme Responsum eines Gaons 
den Herrn, der seiner Sklavin beiwohnt, mit Haarabschneiden be- 
straft, so verhängen die angeblich von Jehudai Gaon stammende 
Verfügung, ferner die Pirke R. Eliezer und der Rabbiner von Algier 
Simon b. Semah Duran dieselbe Strafe über den Ehebrecher nebst 
dem Abschneiden des Bartes. Während wir nun das letztere schon 
aus der Bibel als Schimpf kennen (n Sam. 10, 4) und es auch als 
Zeichen tiefster Trauer antreffen (Jerem. 41, 5; 48, 37, vgl. Jes. 15, 2), 
ist das Abschneiden des Haares nur in Verbindung mit Trauer (Job 
1, 20) nachweisbar, besonders als Scheren einer Glatze aus mehreren 
Stellen. Da aber dieses im Gesetze ausdrücklich verboten ist (Deut. 
14, l), ist es schwer denkbar, daß jüdische Behörden das Abschnei- 

1 Von *Omär wird erzählt (Kasf al- Gumma 2 n 154 bei Goldziher in ZDMG 
1895 xlix 217), daß er einem Araber wegen ehelichen Umganges mit einer heid- 
nischen Sklavin 99 Geißelhiebe versetzen ließ. 




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Das Schneiden des Haares als Strafe etc. 



121 



den des Haares als entehrende Strafe sollten eingeführt haben. Auch 
ist der Schimpf wohl bei einer Frau verständlich, die ihr Haar nie- 
mals schnitt. Aber bei einem Manne, der sich, wie wir gleich sehen 
werden, das Haar oft schnitt, ist die Maßregel auffallend; es wäre 
denn, daß die Juden langes Haar trugen oder die Strafe, wie bei 
den Arabern, im Rasieren desselben bestand, was nach dem Ver- 
bote des Glatzescherens nicht ohne jede Bemerkung geblieben wäre. 

Daß häufiges Haarschneiden die Regel bildete, erhellt aus 
einer Reihe von Bestimmungen in der talmudischen Literatur. So 
heißt es in Sabbath i 2 : Man setze sich kurz vor dem Nachmittags- 
gebete nicht vor den Haarschneider (iBp) hin, sondern bete erst. 
In c Aboda zara n 2 sagt R. Meir: Man lasse sich von Nichtjuden 
nirgends das Haar schneiden; seine Kollegen gestatten es auf der 
Straße, aber nicht, wenn man mit dem Nichtjuden allein ist, (weil 
man für sein Leben zu fürchten hat). In Moed katan n 1 werden 
diejenigen aufgezählt, die sich am Halbfesttage ausnahmsweise das 
Haar schneiden lassen dürfen. Ta'anith n 7 verfügt, daß die Priester- 
abteilung, die während einer Woche im Tempel Dienst zu leisten 
hat, und die Laienvertretung des Volkes beim Opfer während der- 
selben Zeit, sich weder das Haar schneiden, noch das Gewand 
waschen dürfe; doch ist es ihnen am Donnerstag aus Rücksicht auf 
den Sabbath gestattet. Als Grund dieses Verbotes gibt R. Eleazar 
(b. Ta'anith 17 a , vgl. jerus. Moed kat. in Anfang 8l c 44) an, daß 
diese Männer dadurch gezwungen werden sollen, sich vor ihrem 
Dienstantritt das Haar zu schneiden, und nicht in vernachlässigtem 
Zustande (pbvoö) in den Tempel einziehen. Dieser scharfe Ausdruck 
hat zur Voraussetzung, daß das Haar einen Mann schon nach kurzer 
Zeit verunstaltet, wenn er es nicht schneidet; d. h. die Juden Palä- 
stinas müssen zur Zeit der Tannaiten (l — 200) langes Haar getragen 
haben. Viele Vorschriften im Talmud befassen sich mit dem Haar- 
schneiden am Halbfeste und in der Trauer hinsichtlich seiner Zu- 
lässigkeit. Zu der oben angeführten Mischna Moed kat. n 1 wird in 
b. Moed kat. 14 a eine Baraitha angeführt: R. Jehuda sagt: Wer aus 
dem Auslande kommt, darf sich am Halbfeste nicht scheren, weil er 




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A, Büchler. 



ohne Erlaubnis dahin gezogen war. 1 In Moed kat. 14 a (Toß. 11 2) bestimmt 
eine Haraitha: Alle, die sich nach der Mischna in 1 am Halbfeste 
scheren dürfen, dürfen es auch in der Trauer tun. 15 a oben: Gebannte 
und vom Aussatz Geheilte dürfen weder sich scheren, noch ihre Wäsche 
waschen. 17 b : Wen mehrere Trauerfälle nacheinander treffen oder 
wem das Haar zu schwer wird, darf es mit dem Schermesser erleich- 
tern und sein Gewand waschen. Der Ausdruck rTMH dem wir auch 
beim Haare des Naziräers begegnen (Nazir i 2), zeigt deutlich, daß die 
Juden Palästinas im 1. und 2. Jahrhundert langes Haar getragen haben. 

Doch ist es nicht leicht, Genaueres über die Haartracht der 
Männer festzustellen. Schon n Sam. 14, 26 berichtet, daß der Prinz 
Absalom langes Haar trug und es nur schnitt, wenn es ihm zu 
schwer wurde. Über die hier angegebene Zeit owb sagt nun 
in Mekhiltha p. 36 a Rabbi, daß Absalom sich das Haar jeden Frei- 
tag schnitt, denn dieses sei Sitte bei den Königssöhnen. In Toß. 
Sota in 16 (b. Nazir 5 a ) behauptet ein ungenannter Lehrer, Absalom 
habe es einmal jährlich, nach R. Jose monatlich, nach R. Nehorai 
wöchentlich getan, das letztere sei Sitte bei den Königssöhnen. 
Wissen wir auch nicht, wen R. Nehorai oder R. Jose unter den 
Königssöhnen gemeint hat, — an Aristokraten überhaupt zu denken, 
gestattet der Ausdruck nicht, am ehesten könnte man an die Nach- 
kommen Agrippas ii. in Galiläa denken, vgl. Berakh. i 2, Sabb. 
xiv 4, — so ist doch klar, daß das so häufige Schneiden des Haares 
für dessen Länge zeugt. In b. Synh. 22 b bemerkt eine Baraitha, 
daß der König sich täglich, der Hohepriester jeden Freitag, ein ge- 
meiner Priester monatlich das Haar schneide. 2 Der Priester und 

1 Die Parallelstelle in Toß. Moed kat. n 2 lautet: ,So sagte auch R. Jehuda: 
Die aus der Meeresprovinz und aus dem Auslande kommen, dürfen sich nicht 
scheren und auch nicht baden; die Weisen gestatten es. Rabbi sagt: Mir leuchtet 
die Ansicht R. Jehudas ein, wenn der betreffende Mann ohne Erlaubnis dahin gezogen 
ist, dagegen die der Weisen, wenn er es mit Erlaubnis getan hat. 4 Es ist hieraus 
ersichtlich, daß die Begründung im Satze R. Jehudas in b., die übrigens auch da 
von Rabbi mitgeteilt wird, nicht ursprünglich ist; auch jer. in 81 c 45 hat sie nicht. 

2 Doch scheint es, daß der Hohepriester kein langes Haar trug; denn in 
b. Nedar. 51 R , Synhedr. 22 b lesen wir: Man fragte Rabbi, wie sich der Hohepriester 
das Haar schnitt; er antwortete: Gehet und beobachtet, wie es ben-'El'assa tut. Eine 




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Das Schneiden des Haares als Strafe etc. 



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Prophet Ezechiel erzählt (8, 3), Gott habe ihn mm nw an der 
Locke des Haares gefaßt; dieses setzt langes Haar voraus, es ist 
aber nicht klar, ob es auf die Stellung des Priesters oder die des 
Propheten zurückzuführen ist. 1 Für langes Haar der Juden in Pa- 
lästina im allgemeinen spricht die Bestimmung (Baba kamma vm 6): 
Als Schimpf, der mit Geld zu sühnen ist, gilt das Schlagen aufs 
Ohr oder auf die Wange, das Ziehen am Ohre und ,njn» cr^in das 
Reissen am Haare. Ebenso die wohl akademisch klingende, aber 
sicherlich auf die Wirklichkeit gegründete Mischna 'Ahiloth m 4: 
Wenn ein Leichnam außerhalb des Hauses liegt, das Haar aber 
drinnen, so ist das Haus levitisch unrein (Toß. 'Ahil. iv 7). Auch das 
mit dem vorher erwähnten Ausdrucke iptSD wbn bezeichnete Haar- 
raufen im Zorn (Toß. Baba kamma ix 31) und im Falle der Trauer 
ist nur bei längerem Haar denkbar; so bei R. Akiba über den Tod 
seines Lehrers R. Eliezer ('Aboth di R. Nathan xxv 41*), ferner in 
Threni rabba Proöm. 24, wo R. Samuel b. Nahman die Trauer Abra- 
hams über die Zerstörung des Tempels in Jerusalem schildert. Als 
Ausdruck der Verzweiflung in Mekhiltha 26% Kohcl. rabba 1, 15 § 1 
(vgl. Josephus, Antiquit. vn 1 0, 5, xv 3, 9, Philo's Legatio ad Cajum 
i 31 =n 579 und den Bericht des hl. Nilus bei Frey, Tod und 
Seelenglaube 141, 3). 2 

andere Baraitha sagt von diesem: Nicht umsonst hat 'El'assa sein Geld hinausgeworfen, 
nur um zu zeigen, wie sieh der Hohepriester das Haar schnitt. Eine dritte Baraitha 
sagt, dieses sei ,n*rW> pjtt wie julianisch (?) gewesen; aber was damit gemeint ist, 
kann aus dem Worte nicht verstanden werden. Der babylonische Amoräer Rabha 
meint: Derart, daß die Spitze des einen Haares an der Seite der Wurzel des an- 
dern lag. Dieses kann nur bei mäßig langem Haar ausgeführt werden und hiernach 
müßte der Hohepriester kein langes Haar getragen haben. Aber erstens bezieht 
sich die Erklärung Rabhas nicht unmittelbar auf die Haartracht des Hohenpriesters 
und dann beruft er sich nicht auf ältere Nachrichten, sondern gibt bloß seine Meinung, 
die aus dem 4. Jahrhundert stammt. 

1 Als Nachbildung dieser Stelle ist die in den apokryphen Zusätzen zu Daniel 
(Bei 35) anzusehen: Darauf ergriff der Engel des Herrn den Propheten Habakuk 
am Kopfe, erfaßte sein Haupthaar und versetzte ihn nach Babylonien oben an die 
Grube mit der Schnelligkeit seines Hauchs. 

a In Nedar. ix 5 wird erzählt, daß ein Mann seiner Frau jeden Genuß von 
ihm durch Gelübde versagte. Die gesetzliche Folge dieses war, daß er die Frau 




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A. Büchler. 



Näheres geben die Bestimmungen über das den Juden als 
heidnisch verbotene Haarschneiden an die Hand. In Sifrä zu Lev. 
18, 3 p. 86 a 26 wird das Verbot dieser Gesetzesstelle, in den heid- 
nischen Satzungen zu wandeln, von R. Jehuda b. Betherä (nach 
RABD: ben Babha) um 120 darauf bezogen, rvrat buri vbm mpan vbv 
3 iHBiy ■wp naon xbttf sich nicht zu putzen, nicht die Haarlocke wachsen 
zu lassen und das Haupthaar nicht zu scheren. Toß. Sabbath 

vi 1 hat dafür: Zu den emoritischen Bräuchen gehören: ■«aip ibdöh 
,nnibn nsnjrn wo nmbn nttrwn dem irr« bian entspricht; in b. Sota 49 b , 
Baba kamma 83 a hat die Baraitha: niöKH *»dtiö "Wp ibdö (vgl. N. Brüll 
in seinen Jahrbüchern i 163 ff.). Gemeint ist damit das Abschneiden 
des Haares am Vorderhaupte nebst gleichzeitigem Wachsenlassen 
desselben am Hinterhaupte. 2 In b. Kidduö. 76 b unten erzählt Rabh: 
Der König David hatte 400 Söhne von im Kriege gefangenen, heim- 
geführten Frauen, alle Schoren sich das Haar vorne und ließen sich 
die nmbn wachsen, fuhren in goldenen Wagen und bildeten die 
tüchtigste Truppe. 3 Aus Rücksicht auf den Verkehr des Patriarchen- 



entlassen und ihr die Ehepakten voll ausbezahlen mußte. Er war jedoch nicht 
in der Lage, den ihr zugesicherten Betrag zu zahlen und wollte sie mit einer 
seinen Verhältnissen entsprechenden Summe abfinden. Aber R. Akiba erklärte ihm: 
,nrmn3 nh \m nn» -[»m "oio nn» i^dk selbst wenn du dein Kopfhaar verkaufen 
müßtest, mußt du deiner Frau die Ehepakten ausbezahlen. Wenn dieses nicht 
eine dem Kreise der Frauen entlehnte Wendung ist, die in der Not ihr Haar 
verkauften (oben S. 99), müssen die Männer langes Haar getragen haben. 

1 nw ist falscher, durch andere Stellen veranlaßter Zusatz, den weder der 
Midras haGadöl, noch RABD gelesen hat. 

2 Die rmba galt den Juden als ein religiös-heidnisches Merkmal der Nicht- 
juden, so daß Toß. 'Aboda zara in 6, b. 29 a , jerus. n 41* 4, Misna i 3 vorschreibt, 
ein Jude, der einem Heiden das Haar schneidet, müsse innehalten, sobald er zur 
nni^a gelangt. Peßikta xxx 190 a sagt: Wenn Gott dem Heiden einen Sohn gibt, läßt 
derselbe diesem die Vorhaut stehen und die rmbs wachsen und führt ihn in den 
Götzentempel (vgl. Peßikta 52% Peßikta rab. xv 76 a ). Über die Ableitung des 
schwierigen Wortes s. Brüll i 165, Krauss, Lehnwörter n 157 a. b. 

3 Vgl. hiezu Josephus Antiquit. vm 7, 3, der von den Reitern des Königs 
Salomo erzählt, daß sie alle anderen an Wuchs und Höhe überragten, sehr langes, 
herabwallendes Haar trugen und in Gewänder aus tyrischem Purpur gekleidet 
waren; sie rieben ihr Haar mit Goldstaub, so daß ihr Kopf in der Sonne strahlte. 




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Das Schneiden des Haares als Strafe etc. 



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hanses mit den römischen Behörden erlaubte man den Mitgliedern 
dieses, sich vorne das Haar zu schneiden (jer. Sabbath v 7 d 55, 
vgl. GrItz in seiner Monatsschrifi 1884, xxxm 537, 1), und aus glei- 
chem Grunde auch einem Lehrer namens 'Abtolos b. Reüben (b. Sota 
49 b , Me'ila 17 a ), denn sie hatten die Interessen der Juden bei den 
Römern zu vertreten. Aus all diesen Stellen ist zu ersehen, daß die 
Juden vorne und wahrscheinlich auch am Hinterkopfe langes Haar 
trugen. Dazu stimmt, wenn Josephus (Antiquit. xiv 9, 4) in der 
Sitzung des Gerichtes, vor welchem der junge Herodes als des 
Mordes angeklagt steht, Sameas, ein Mitglied der Behörde sagen 
läßt: Sonst erschien ein Angeklagter vor diesem Gerichte in demütiger 
Haltung, wie einer, der fürchtet und um unser Mitleid bittet, xopiQv 
eizßpityaq = sein Haar wachsen lassend und in schwarzes Gewand 
gehüllt; dieser aber steht in Purpur hier tat tyjv xe<p<XAT)v xexoqj(,Y}|jivo<; 
tyj ouvSeorei Ttfe v-opr^, und geschmückt am Haupt durch das schön 
geordnete Haar. 1 Und in Antiquit. xiv 3, 2 erzählt Josephus, daß, als 
die um den Thron Judäas streitenden Brüder, Hyrkan und Aristobul 
vor Pompejus in Damaskus erschienen, die jungen Freunde und 
Begleiter Aristobuls eßSsXuirovTO toc<; TOp<pup(Sa<; %<x\ toc<; x6[/,a<; xat ia <fd- 
Xapa xät tov aXXov xoqjiov = Abscheu erregten durch ihre Purpur- 
kleider, ihr Haar, ihren Kopfschmuck und anderen Putz; denn sie 
sahen nicht aus, wie wenn man vor Gericht erscheint, sondern wie 
bei einer Parade. Allerdings handelt es sich in beiden Fällen um 
Vornehme, deren Haartracht für das Volk nichts beweist. Aber Cant. 
5, 11 spricht von wbvhn vmamp herabwallendem Lockenhaar, und in 
b. Nazir 4 b , jerus. i 51 c , Toß. iv 7 erzählt in dem bekannten Be- 
richte von dem Naziräer vor dem Hohenpriester, Simon dem Ge- 
rechten, der Naziräer auf die Frage des Hohenpriesters, warum er 
seine so schönen Locken zerstören wolle, er sei bei seinem Vater 

1 In jer. Ros haSanä i 57 b 6 sagt R. Hama b. Haninä: Es ist Sitte, daß, 
wenn jemand einen Prozeß hat, er schwarze Kleider anlegt und in schwarze Ober- 
kleider sich hüllt und seinen Bart wachsen läßt, da er nicht weiß, wie sein Prozeß 
ausgehen wird. Statt dessen hat Jalkut i 825: er läßt sein Haar wachsen und 
schneidet seine Nägel nicht. 




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A. Büchler. 



Hirt gewesen und als er einmal beim Wasserschöpfen sein Bild in 
der Quelle sah, bemächtigte sich seiner weitgehende Eitelkeit und 
der böse Trieb suchte ihn aus der Welt zu treiben; er beherrschte 
sich und gelobte, den Urheber seines Schwankens, sein Haar, Gott 
zu Ehren abzuschneiden. In jerus. Sekal. m 47 c 37 lehrt R. Ismael: 
Ein Vollhaariger (pip) soll nicht das Ausheben der Hebe aus den 
Öekeln im Tempel vornehmen, damit man ihn nicht verdächtige, sich 
etwas angeeignet zu haben. Daselbst lehrt eine andere Baraitha: 
Die Schatzmeister des Tempels sollen (aus dem gleichen Grunde) 
ihr Haar mit einem groben Zeug glätten. In b. Megillä 18 a unten 
sagt die Magd des Patriarchenhauses zu einem Studierenden, der 
sich mit seinem Haare zu schaffen machte: -pytcD behüte nnx *nö 
(vgl. Midr. W 80, l). So wird auch von Josef in seinem sorgenlosen 
Leben bei Potifar erzählt (Tanhuma attn 8, Genes, rabba 87, 3), 
daß er mit seinem Haare spielte; der Agadist nimmt -sonach an, daß 
er längeres Haar trug, das sich kräuseln ließ. Und auch das Gleich- 
nis R. Levis in Genes, rabba 65, 15 bezeugt längeres Haar als all- 
gemeine Tracht: Ein Vollhaariger (pip) und ein Kahler stehen bei 
einer Tenne; die auffliegende Spreu verwickelt sich in den Haaren 
des ersteren, während der andere mit der Hand über den Kopf 
fährt und sie leicht entfernt. 1 

Nimmt man noch die biblischen Stellen über das Scheren einer 
Glatze als verbotenes Trauerzeichen hinzu, so läßt sich auch für 
die ältere Zeit einiges erkennen. In Hiob 1, 20 heißt es von Hiob 
ganz allgemein : smn nK tri ,er schor sein Haupthaar' (vgl. Jerem. 
7, 29). Dagegen ist ,mp das Scheren einer Glatze wohl auch ohne 
nähere Angabe genannt, z. B. Jes. 15, 2, Jerem. 16, 6, Ezech. 27, 31; 
und Micha 1, 16 hat beide Verba: -jnmp •aTtin bv "Wi Trip 



1 lxx übersetzen astewn n«D iD»pn vb in Lev. 19, 27 mit: ou rcoajasxe ataoijv ix 
Tfjs xdp)s rffe xs^aXf)? 6[x6jv, was wegen des sonst nicht belegten ataoy] nicht ver- 
ständlich ist, aber z. B. von Cyprian (in. Buch der Zeugnisse gegen die Juden 
Kap. 83) dahin verstanden wurde, daß man auf dem Kopfe keine Haarlocken haben 
soll. Die lxx würden in diesem Falle voraussetzen, daß die Israeliten langes 
Haar trugen. 



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Das Schneiden des Haares als Strafe etc. 



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,"|ött hl ^ iwa aus deren Aufeinanderfolge hervorzugehen scheint, 
daß die Glatze nur einen Teil des Kopfes, der nach der Größe der 
Trauer erweitert werden konnte, betraf, während das Schneiden auf 
das Haar des ganzen Kopfes sich erstreckte. Und in der Tat wird 
für die Glatze eine bestimmte Stelle angegeben (Deut 14, 1): xbi 
,r\bb oaw nmp ltwn zwischen den Augen, eine Bestimmung, die 
offenbar das Vorderhaupt meint, aber es sehr eigentümlich bezeichnet. 
In Lev. 21, 5 sind bei Trauer zwei Teile des Haares genannt: xb 
'inbr *6 D3pt nKBi OBina nmp imp^ für die Glatze allgemein der Kopf 
und für das Scheren die Bartecke, ebenso Jes. 15, 2, Jerem. 48, 37. 
Denselben entsprechen in Lev. 19, 27: rvntpn Kbl osvfttn riKß iB^pn üb 
/■pptnKBnK und es ergibt sich, daß das Scheren der Glatze mit dem 
Rundscheren identisch ist, d. h. in beiden Stellen das Stirnhaar ge- 
meint ist, wie Dillmann bemerkt: ,Das Haar von einer Schläfe zur 
andern durch Abscheren rund machen, wie gewisse Wüstenaraber 
zu Ehren ihres Gottes Orotal taten (Herod. 3, 8), die daher „ixe *nxp 
Randgestutzte heißen (Jerem. 9, 25; 25, 23; 49, 32).' Hiernach müssen 
die Israeliten nicht nur längeres Haar getragen, sondern es vorne 
auch über die Stirne haben hinabhängen lassen; und in Wahrheit 
zeigen die Denkmäler, wie Benzinger (Archäologie 109 und Herzog- 
Hauck vii 277) hervorhebt, diese Haartracht. Damit stimmt, was 
Wellhaüsen (Arab. Heidentum 197) von den Arabern sagt: ,Das 
Haar wird lang getragen in Locken oder Strähnen, die geflochten 
werden. Am bekanntesten sind die Schläfenlocken und die Stirn- 
locke; es werden auch noch andere genannt/ Da die Glatze als 
zwischen den Augen geschoren bezeichnet wird, muß die Stirnlocke 
bis zur Nasenwurzel gereicht haben, 1 was nach dem Obigen ganz 
gut verständlich ist. 2 Die Glatze wurde nach der Bibel bei einem 

1 Vgl. Stade in ZATW 1894, xiv 307. 314, 2. 

2 Diese Haartracht würde der des syrischen Gesandten aus dem Grabe des 
Hui in Theben (in Benzingers Archäologie 100, Fig. 28) entsprechen, der sein langes 
Haar in vier steifen Strähnen hinabhängen läßt, während es vorne die Stirne bedeckt 
und bis an die Nasenwurzel reicht; ein auf der Stirne liegendes und um den Kopf 
laufendes Band hält das Haar zusammen. Die Beduinen Syriens tragen ihr Haar 
geflochten, wie einst die vornehmen Phönikier (Quarterly Statement 1886, 16). 




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A. Büchler, 



Todesfalle geschoren und nach arabischen Nachrichten (oben S. 109) 
schnitt man die Stirnlocke, die das Zeichen des Freien war, dem 
Kriegsgefangenen ab und der Sklave hat eine Glatze auf der Stirne 
(Wellhausen 198). 1 Somit hat Schwally (Leben nach dem Tode 12) 
richtig gesehen, daß die Trauerzeichen die Selbsterniedrigung des 
Trauernden zum Sklaven ausdrücken wollen. 2 Wenn sonach das 
gaonäische Responsum vorschreibt, daß dem Ehebrecher zur Strafe 
das Haar geschnitten werde, so soll dieses nicht etwa rasiert, sondern, 
wie dem Sklaven, bloß kurz geschnitten und er dadurch als Sklave 
gebrandmarkt werden (s. weiter). 

Was die Kopfbedeckung der Männer betrifft, die hier nur ge- 
legentlich und deshalb nur kurz berührt werden soll, so lesen wir 
in Genes, rabba 17, 8: Man fragte R. Josua: Warum geht der Mann 
mit unbedecktem, die Frau dagegen mit bedecktem Haupte aus 
(vgl. Low, Ges. Schriften u 311 ff.). Vom Trauernden, der, wie schon 
aus der Bibel und auch aus den gleich zu besprechenden Talmud- 
stellen bekannt ist, sich das Haupt verhüllte, heißt es in Semah. x 
(vollständig angeführt von Nissim zu 'Alfaßi 1183, Brüll, Jahrbücher 
i 54) : rrmb pn xv ♦ opn *raab mr\ n« nbaa nayb *a ,wm noao hhm nnm 
p nnrc h*b ♦ ♦ ♦ dtodi wm pfeaö nt nn lörob irvab ddds ♦ wi dk nrao 
,miK noDoi min rot? 'Kariös k-i nx r6aa nwörn ist das Grab geschlossen, 
bedeckt der Trauernde sein Haupt, geht er an den Trauergästen 
vorbei, entblößt er aus Rücksicht auf dieselben sein Haupt; hat er 
ihre Reihe verlassen, bedeckt er sein Haupt; kommt er nach Hause 
und es besuchen ihn Leute, um ihn zu trösten, entblößt er sein 



1 Hiefür möchte ich besonders auf Tabari (Nöldeke, Gesch. d. Perser und 
Araber 199) hinweisen, der erzählt: Als der König davon hörte, (daß ein Vasallen- 
fiirst sich gegen ihn auflehne), schwur er, er werde nicht von Abraha ablassen, 
bis er sein Land betreten und ihm die Stirnlocke abgeschnitten habe. Als Abraha 
dieses' hörte, schor er sich den Kopf, füllte einen Sack mit jemenischer Erde und 
schickte beide dem Könige mit einem Briefe folgenden Inhaltes: Ich bin dein Knecht. 

* Wenn eine Frau nach Micha 1, 16 sich vorne eine Glatze schert, wird ihre 
Stirne, die bis dahin bedeckt war, frei. So dürfte eine Buhlerin, die, wie wir gesehen 
(S. 109 ff.), sich das Haar abschnitt, einhergegangen sein und darnach ist Jerem. 3, 3: 
lötan roKO ^ m HJtt ritt« rrcoi auf diese Tracht mit bloßgelegter Stirne zurückzuführen. 




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Das Schneiden des Haares als Strafe etc. 



129 



Haupt, um ihnen Dank zu sagen; beim Eintritt des Sabbaths ent- 
blößt er sein Haupt, nach Ausgang desselben bedeckt er es wieder. 
Diese Bestimmung hat zur Voraussetzung, daß man gewöhnlich un- 
bedeckten Kopfes einherging. Wohl zählt eine Baraitha in b. Sab- 
bath 120 a (jerus. xvi 15 a 22) zu den 18 Kleidungsstücken des Mannes, 
die er bei einem Brande am Sabbath anziehen darf, um sie zu 
retten, auch wrDWJW den Hut; aber die ganze Reihe fremder Be- 
zeichnungen, unter denen derselbe steht, läßt keinen Zweifel darüber, 
daß hier nicht das Alltagsgewand des gemeinen Mannes in Palästina 
behandelt wird, sondern die Kleidungsstücke jenes Kreises in voller 
Zahl, in dem das Latein und Griechisch wenigstens zur Bezeichnung 
entlehnter Begriffe allgemein war. Das Gleiche gilt von Semab. vn, 
wo es vom Trauernden heißt : K^MOi K^DMl myiM iniö und 

von der Bestimmung über das Gelübde in Toß. Nedar. iv 3 (b. 55 b ): 

•WiMi Wenn in b. Kidduä. 30 a erzählt wird: ,R. IJijja b. 'Abba traf 
R. Josua b. Levi, wie er ein Tuch auf seinen Kopf warf, um seinen 
Enkel ins Lehrhaus zu führen/ so folgt daraus noch nicht, daß die 
Juden in Palästina nur mit Kopfbedeckung ausgingen, sondern, wie 
auch andere Talmudstellen dartun, 1 daß es bei den Gelehrten Brauch 
war, sich mit einem Kleidungsstücke den Kopf zu bedecken. 2 



1 Siehe z. B. Sifre Deut. 343 p. 143 b : ,pW2 Hwwai owrai mhaz anaa anasn »TtAn 
die Gelehrten sind an ihrem Gange, ihrem Reden und an ihrer Einhüllung auf 
der Straße zu erkennen. 

2 In Sifre Deut. 343 p. 143 a ist folgende, nicht ganz verständliche Stelle zu 
lesen: Daß Gott gerade den Israeliten die Thora offenbart hat, gleicht dem Falle 
eines Königs, der einem seiner Söhne ein Geschenk geben möchte, aber die anderen 
Söhne, seine Freunde und seine Verwandten fürchtet; was tat nun der auserwählte 
Sohn? ;iw n« woi vaxp n« ddtdi top da sagte der König: Dir gebe ich ein Geschenk. 
Der hebräische Satz heißt wörtlich: Er machte sich auffallend und schnitt sich das 
Haar, (vgl. jerus. Megilla i 70 b 9: der Patriarch Rabbi MV* O'a'WiBJCp doido machte 
sich durch Vornahme von Handlungen, die andere Lehrer an den dort genannten 
Tagen nicht gestatteten, auffallend). Die von Fuiedmann gebilligte Konjektur mtdi 
nach Jalkut ist dem Haarschneiden angepaßt, aber gewiß nicht begründet; denn 
auch der handschriftliche Midras haGadol hat hier: aoxp dk ddidiiwi m rhi er ent- 
blößte sein Haupt und machte sich damit auffallend. Es scheint, daß der ursprüng- 

Wiener Zeitschr. f. d. Kunde d. Morgenl. XVIII. Bd. 9 




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130 



A. Büchler. 



Zur früher erwähnten Verhüllung des Kopfes ist zu bemerken, 
daß sie erstens als Zeichen der Trauer schon in der Bibel vor- 
kommt (n Sam. 19, 5, Jerem. 14 ; 3. 4 ; Esther 6, 12). In jerus. Kil'a- 
jim ix 32 a 14 (Kethub. xn 35 ft 20, Kohel. rabba 7, 13) wird erzählt: 
Die Sepphorenser erklärten, jeden, der ihnen den Tod des Patriarchen 
Jehuda i. melden werde, zu töten; als derselbe eintrat, kam bar- 
Kappara mit verhülltem Haupte und zerrissenen Kleidern und sprach 
zu ihnen: . . und sie errieten, daß der Patriarch gestorben war. 
So sagt Sifrä zu Levit. 13, 45 p. 67 b vom Aussätzigen: 1 ,rmy DBW bvi 
bzx'D *nwn nöin er bedeckt seinen Kopf, wie ein Trauernder. Statt 
Bedeckens hat in b. Moed kat. 15 a , Ta f anith 14 b im Satze über das 
Fasten in Regennot die Baraitha: o^arai piaoa pwm pfc&pnö jm 
bbm ,n&r hv\ «sow an ,twrn nuw inö mixe ♦ ♦ ♦ own p csvbv www 
»T&mn rß^pasw ,die Leute verhüllen sich und sitzen wie Gebannte 
und Trauernde, bis sich Gott ihrer erbarmt. Ist auch ein Aussätziger 
verpflichtet, sich den Kopf zu verhüllen? Jawohl, denn nw DBtt bp\ 
schreibt dieses vor' (vgl. Toß. Bikkur. n 3). In b/Erub. 100 b berichtet 
ein von R. Dimi vorgetragener Satz: Die Frau ist verhüllt, wie ein 
Trauernder, abgeschlossen von allen und eingekerkert. 2 In all diesen 

liehe Wortlaut beide Sätze enthielt: mpv rm "»'Di wm na nbui ltwsp nK ddtdi ity Die 
Vornehmen trugen eine Kopfbedeckung und langes Haar. Der Prinz fiel auf, als 
er die erstere ablegte und sich das Haar schnitt, odtd für ,Kopfentblößen* in 
Peßikta rab. xxvi 129 b ,nw n» od"»bi 

1 Diese Erklärung setzt die gleiche Bedeutung von ntn in n Sam. 15, 30, 
Jerem. 14, 3. 4, Micha 3, 7, Esther 6, 12 mit .w ddp bpi in Lev. 13, 45, Ezech. 24, 22. 23 
voraus, so daß beide die Bedeckung des Kopfes mit einem Tuche, das auch* um 
das Kinn gelegt wird, bezeichnen würden. Der babylonische Amoräer Samuel in 
b. Moed kat. 24 a sagt die Trauer betreffend: #.w»p nm d»Vmjw ruw new 
eine Einhüllung, die nicht der der Araber gleicht, gilt nicht als solche; damit ist, 
wie schon das Wort *)»p zeigt, die Verhüllung des Kopfes gemeint und auch der 
Zusammenhang in der Diskussion lehrt, daß es so verstanden wurde (vgl. auch 
Toßafoth z. St. s. v. toiötn). S. narr auch in der Einschaltung des Achtzehngebetes 
am Fasttage des 9. Ab. : .mV vbv mpp nw»3 ion mwrn nawv «Mi 

2 Der Widerspruch zwischen diesen Angaben und anderen (i Sam. 4, 12, 
ii Sam. 15, 32, Josua 7, 6, Hiob 2, 12), die berichten, daß der Trauernde Asche 
auf sein Haupt streute, dieses also unverhüllt trug, ist umso auffallender, als bei 
derselben Gelegenheit der König David mit bedecktem Haupte, sein Freund Huäai 




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Das Schneiden des Haares als Strafe etc. 



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Stellen ist von der Verhüllung des Trauernden diQ Rede. 1 Wir finden 
dieselbe außerdem bei wichtigen und feierlichen religiösen Hand- 
lungen, wie beim Lösen eines Gelübdes (b. 'Erub. 64 b , Toß. Peßah. 
ii 28, jerus. 'Aboda zara i 40 a 65) von Seiten des Patriarchen R. 
Gamaliel n. auf der Reise von Akko nach K'zib; als er zur tyri- 
schen Leiter kam, stieg er vom Esel, f s]Wjro setzte sich nieder und 
löste einem Manne das Gelübde (vgl. Exod. rabba 43, 4). Ebenso 
verhüllten sich die Richter vor Beginn der Verhandlung, denn in b. 
Sabbath 10 a heißt es: Wann beginnt eine Verhandlung? R. Jirmijä 
sagt: Sobald die Richter sich einhüllen; R. Jona meint: Wenn die 
Parteien ihre Sache vorzutragen anfangen. 2 Bei der Erörterung des 
geheimnisvollen Gotteswagens (b. IJagiga 14 b ) von Seiten des R. Ele- 
azar b. 'Arakh steigt R. Johanan b. Zakkai vom Esel, hüllt sich ein 
und setzt sich auf einen Stein unter einem Baume. Eine Baraitha 
in b. Nedar. 40 a (Sabbath 12 b ) schreibt vor: Wer einen Kranken 
besucht, setze sich bei ihm weder auf ein Bett, noch auf einen 
Stuhl, sondern auf die Erde und hülle sich ein, denn Gottes Ab- 
glanz ist über dem Kopfe des Kranken. 8 Die für diesen Fall ge- 



aber mit Erde auf dem Kopfe erscheint (n Sam. 15, 30. 32), so daß au verschiedene 
Quellen oder Kreise mit verschiedenen Bräuchen nicht gedacht werden kann. Es 
scheint, da es sich in allen Fällen, wo Erde auf dem Kopfe erwähnt ist, um Leute, 
die nicht selbst vom Unglück betroffen wurden, sondern um Freunde, Diener oder 
Führer des Betroffenen handelt, ein geringerer Grad der Trauer damit ausgedrückt 
worden zu sein. 

1 In b. MoeM kat. 24» wird berichtet: 'Abbai traf am Sabbath den R. Josef, 
der in Trauer um einen Toten sich befand, mit einem Tuch auf dem Kopfe im 
Hause herumgehen. Von 'Abbai zu Rede gestellt, daß man am Sabbath kein Zeichen 
der Trauer tragen dürfe, verwies R. Josef auf R. Johanan, der solches nicht öffent- 
lich gestattete. Er trug den »nio das Gelehrtengewand, das in Babylonien nach 
b. Kiddus. 29 b nur verheiratete Gelehrte trugen. In einem Responsum der Gaonen 
(nsittn njnp Nr. 178) wird unter den Einzelheiten, durch die die Rigorosität Rabhs 
die anderer Lehrer übertraf, auch die erwähnt, daß er unbedeckten Hauptes nicht 
vier Ellen ging und R. Huna sich hierin nach ihm richtete. 

2 Auch der Vorsitzende der Behörde, die den Kalender ordnete, hüllte sich J>ei 
der Neumondsbestimmung ein, Peßikta r&b. xv 78 ftb . 

8 In der muhammed. Eschatologie ed. AVolff p. 89 ff. heißt es: Israfil, der Engel, 
hat vier Flügel, einen, mit dem er sich die Füße bedeckt, und einen, mit dem er 




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132 A. Büchler. 

gebene Begründung paßt auch auf die vorher angeführten Gelegen- 
heiten der Verhüllung, auch auf den Trauernden, und wurde schon 
von Schwally (Leben nach dem Tode 15 ff.) für die Bibel richtig 
vermutet. Deshalb tritt auch der Vorbeter in der Synagoge ein- 
gehüllt vor Gott hin (b. Roö haÖanä 17 b ) und auch der einzelne, 
der sein Herz vor Gott ausschütten will, wie Nakdimon b. Gorjon 
im Tempel von Jerusalem (b. Ta'anith 20*) 1 und der Fastende (jer. 
Berakh. iv 7 b 58). 

Schließlich verdient noch der Ausdruck D"3C **b) für ^Frechheit' 
einige Beachtung für unsere Frage. In Mekhiltha zu Exod. 17, 8 
p. 53 a heißt es: R. Eliezer sagte: phw KWi bedeutet: c Amalek kam 
5 d^dd "nb» sonst kam er immer ,nratttsös diesesmal aber .d^b "nb» 
Der Gegensatz zur Heimlichkeit ist Offenheit, aber woher die eigen- 
tümliche Bezeichnung? Ebenso in b. 'Erubin 69 a »me ibas löiö einer, 
der das Gesetz offen verletzt, wo das Wort mit dem griechischen 
iromra wiedergegeben ist, wie in jerus. 'Erub. vi 23 b 51. 2 In b. Sota 

sich aus Furcht vor Gott, dem Allgewaltigen, Haupt und Gesicht verhüllt. Vgl. 
Jes. 6, 2. 

1 In jer. Berakh. vn Ende 11 d 14 sagt R. Hijja b. 'Abbas Sohn, R. 'Abba: 
Wenn jemand gehend aß, soll er stehend das Tischgebet sprechen; aß er stehend, 
bete er sitzend; aß er sitzend, soll er sich hinlegen, um zu beten; aß er liegend, 
soll er sich einhüllen und beten. Tut er dieses, so gleicht er den Engeln, die 
sich mit ihren Flügeln Gesicht und Füße bedeckten. (In Peßikta rab. ix 31 b ist 
dasselbe im Namen R. Johanans mitgeteilt mit dem Zusätze: nirn osw .*]ttj?no wo 
,"j-Dtti im» HD30 ^ was heißt: er hüllt sich ein? Wenn sein Arm entblößt war, be- 
deckt er ihn und spricht erst dann den Segen. Ist uns auch bei den Arabern das 
Gebet mit entblößtem Arm als verboten bekannt (Goldziher, AbhandL z. arab. Philo- 
logie i 52), so scheint in der Peßikta doch nur eine Verschreibung ijn-it für wir\ vor- 
zuliegen, (vgl. Friedmann z. St.). In Babylonien finden wir das Gleiche, indem 
R. Papa (b. Berakh. 51 R ) beim Tischgebete sich einhüllt, R. 'Assi den vno auf den 
Kopf breitet. Es sei auch auf Midras \Abkhir (bei Jalkut Exod. 14 Nr. 233) hin- 
gewiesen: Ein Hirt, dem sein Herr eine Herde überantwortete, war nachlässig und 
führte die Herde auf einen steilen Felsen, von dem er den Rückweg nicht fand; 
r|,T^ «nn ro ,Tom am» bmm H3M *)»jhu da verhüllte er sich mit seinem Gewände und 
fing in Verzweiflung nachzudenken an, was nun mit der Herde geschehen werde. 

2 Es ist zu beachten, daß in einer Baraitha in Bekhor. 31» R. Jehuda von 
Sündern sagt: fjm« ptapo K'omcs ,jnw pbapo p» pv:it»B3 mn und da dem ,nvJit2»e3 das 
oben o*:d gegenübergestellt ist, Kernes gegenübersteht. 



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Das Schneiden des Haares als Strafe etc. 



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42 b sagt R. Joljanan, den Namen Goliath deutend, dieser Riese habe 
sich vor Gott d^b hingestellt, denn in seiner Aufforderung tq 
D2b (i Sani. 17, 8) habe er mit ts^x Gott gemeint In allen drei 
Stellen ist aber die Offenheit die unzweideutige Bezeichnung für 
Frechheit; jene setzt aber, wie mir scheint, im Ausdrucke: Offen- 
heit des Gesichtes, irgend eine konkrete Handlung an dem Gesichte 
voraus, wie das Gegenteil, etwa D"3B mo in Hiob 24, 15 beim Ver- 
brecher von der Verhüllung des Gesichtes spricht (vgl. Wetzstein 
bei Delitzsch, Kommentar zu Job 24, 15, Note l). Damit ist auch 
der Satz in Levit. rabba 20, 10, Exod. rabba 3, 1 zu verbinden: 
wi ü^b idmi orrom vnw iö^ö Köiron na« ♦ vr» nbp xb bvnw ^d *h*xK b*o 
,nra»n |ö djtw R. Tanhuma sagte von den Edeln in Exod. 24, 11, daß 
sie ihre Häupter entblößten und in Ubermut den Anblick der Gottes- 
herrlichkeit genossen, im Gegensatze zu Moses, der aus Ehrerbietung 
gegen Gott sein Antlitz verbarg. Bacher (Alteste Terminologie 149 ff., 
vgl. Friedmann in Beth-Talmud i 335 ff.) macht zur Erklärung des 
schwierigen mmn mt n^JöH in Sifr6 Num. 111 p. 31 a und 112 p. 33 a , 
Mekhiltha 5 a , 'Aboth in 11 darauf aufmerksam, daß Sifre das bib- 
lische nan TD in Num. 15, 30 damit paraphrasiert und daß in gutem 
Sinne mn TD in Exod. 14, 8 die unerschrockene Kühnheit bezeichnet. 
Da nun, wie schon Bacher bemerkt, Targum Onkelos für dieses 
*b* t?nD = ,mit un verhülltem Haupte' setzt, ebenso als Erklärung 
Mekhiltha p. 27 b 17, und ferner das Targum zu Judic. 5, 9 sagt: 
Die Schriftgelehrten hörten auch in Zeiten der Gefahr nicht auf, 
Vorträge über die Lehre zu halten und belehrten in den Synagogen 
das Volk *bl wnn = ,furchtlos' (vgl. Perles in Grätz' Monatsschrift 
1893, 366), so ergibt sich, daß sowohl Kühnheit, als auch Frechheit 
durch Enthüllung des Kopfes oder des Gesichtes zum Ausdruck ge- 
langte. Zwischen beiden ist ja subjektiv und auch im äußeren Aus- 
druck, der sie begleitet, kein Unterschied; bei beiden wirft man die 
als real zu denkende Hülle ab und tritt unbedeckten Hauptes vor 
(vgl. oben S. 127, 4 zu Jerem. 3, 3). Hierbei ist zu beachten, daß es 
sich an all diesen Stellen um die Entblößung des Kopfes vor Gott 
und seiner Thora handelt, vor denen man in Ehrfurcht und be- 




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A. Büchler. 



deckten Hauptes erscheinen mußte. 1 Nun war es tatsächlich Sitte, 
wie wir gesehen, daß der vor Gott erscheinende, richtende, betende 
und die Geheimnisse des Gesetzes auslegende Lehrer und Fromme 
seinen Kopf einhüllte, so daß sich mt iba und das Verb nb* 
hieraus ohne Schwierigkeit erklärt. 

Da nun nach all diesem die allgemeine Tracht der Juden bei 
den Männern das unbedeckte Haupt war, so konnte eine Strafe, die 
am Kopfe vollzogen werden sollte, zunächst nicht, wie bei der Frau, 
die Entblößung desselben sein, 2 sondern nur die Auflösung des ge- 
ordneten Haares, wie in der Trauer, und die Verhüllung, die wir in 
der Tat in Esther 7, 8 bei der Abführung Hamans zum Tode finden 
und dann öfter als Zeichen der Trauer. Dagegen konnte an dem 
langen Haare der Männer ebenso wie bei den Frauen eine sicht- 
bare Veränderung vorgenommen werden, welche ihrem Träger einen 
bestimmten Schimpf aufprägte. So haben wir im sumerischen Fa- 
miliengesetze die Bestimmung (Müller, Gesetze Hammurabis 270): 
Wenn ein Sohn zu seinem Vater spricht: Du bist nicht mein Vater, 
so schert er ihn, legt ihn in Ketten; auch darf er ihn um Geld, 
verkaufen (oben S. 92, Note 2). 3 Hier ist, wie später noch bei den 
Arabern (S. 109), das Abschneiden des Haares das Zeichen des 
Sklaven. Und im Gesetze Hammurabis § 127 (Müller 34) wird 
dem Mann, der eine Geweihte oder eine Ehefrau der Unzucht an- 

1 Hierher gehört auch der junge Bericht in Kallä i, wonach zwei Knaben 
an R. Eliezer, R. Josua und R. Akiba vorübergingen, n« rbv -mm wm rw nos in« 
der eine bedeckte aus Ehrerbietung sein Haupt, der andere entblößte in Frechheit 
sein Haupt. 

2 Merkwürdigerweise findet sich das Entblößen des Hauptes auch als Trauer- 
zeichen; denn Goldziher, Muham. Studien i 246, 2 sagt: Unter den im c Antar er- 
wähnten Trauerbräuchen sind noch hervorzuheben : Das Entblößen des Hauptes 
und das Umstürzen der Zelte. Aber man vergesse nicht, daß die Araber eine Kopf- 
bedeckung trugen. 

8 Meissner (Der alte Orient vn 1, Seite 24) führt aus dem altbabylonischen 
Rechte au, daß einer Frau, die als Dienerin in die Ehe gebracht und Nebenfrau 
wurde, wenn sie sich gegen die Herrin auflehnte, ein Mal gemacht und sie als Skla- 
vin verkauft wurde (daselbst noch einmal). Und auf Seite 8 wurde einem mut- 
willigen Kläger gleichfalls das Sklavenmal gemacht. 




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Das Schneiden des Haares als Strafe etc. 135 

klagt ; ohne es beweisen zu können, das Haar geschnitten, wodurch 
er sowohl äußerlich als auch rechtlich denen gleichgestellt wird, 
deren Kennzeichen das geschnittene Haar war, d. h. den Sklaven. 
Und noch die Araber des 2. Jahrhunderts der Higra haben, wie 
wir bereits gesehen (S. 120), einem Manne, der als Nichtaraber eine 
Araberin geheiratet hatte, nach Auflösung der Ehe 250 Stockstreiche 
gegeben und ihm den Bart, das Haupthaar und die Augenbrauen 
abrasiert, eine gewöhnliche Art öffentlicher Beschimpfung (Goldziher, 
Muham. Stud. i 129, Wellhausen, Arab. Heid. 250), die ihn als 
Sklaven kennzeichnet. 1 Deshalb treffen wir es als Zeichen der 
Trauer an (Hiob 1, 20 und sonst, oben S. 126) in der Bibel, bei den 
Arabern (Wellhaüsen 181) und heute noch bei den Falasas in Äthio- 
pien (Epstein, Eldad 171); und so könnte die Verfügung der Gaonen, 
dem Ehebrecher und dem Freien, der einer Sklavin beigewohnt 
und sich dadurch zum Sklaven erniedrigt hat, das Haar und den 
Bart zu schneiden, aus alter Zeit geschöpft sein. Wir wären aller- 
dings geneigt, diese Strafe bei den Juden des 8. oder 9. Jahrhun- 
derts auf arabischen Einfluß zurückzuführen, da keine Parallelen in 
der jüdischen Literatur aus älterer Zeit bekannt sind. Doch zeigt 
ein agadischer Bericht, daß das Abschneiden des Haares als Ent- 
ehrung auch der talmudischen, vorarabischen Zeit bekannt war. 
Threni rabba 1, 1 § 13 erzählt nämlich: ,Ein Athener war nach Je- 
rusalem gekommen und machte sich heimgekehrt über die Jerusa- 

1 Ibn el-Mu'tazz in seinem Heldengedichte über die Regierung Mu'tadids 
schildert die trostlose Lage des Chalifats und des Landes vor dem Auftreten Mu- 
tadids (ZDMG 1886 xl 600 ff.) und sagt (nach der Übersetzung Längs): ,Und wie 
mancher edeln Frau, die aus einer Wohnung heraustrat, tat man Gewalt an in- 
mitten einer versammelten Menge und bedeckte sie mit Schmach in Gegenwart 
derer, die sie kannten, und glaubte dem Liebhaber, da er sie verleumdete. Der 
Gatte aber hatte bei der Schwäche seines Scharfblickes nichts davon, als daß man 
ihn entstellte und ihm den Bart zerraufte.' Ist auch das Wort viel zu allgemeinen 
Inhaltes und hier jede Veränderung möglich, so zeigt die Zusammenstellung mit dem 
Zerraufen des Bartes mit Wahrscheinlichkeit, daß dem Gatten das Haar abgeschnitten 
wurde. Ist dieses richtig, so wurde dem Verleumder, der den Mann der Unzucht 
verdächtigte, ohne es beweisen zu können, wie im Gesetze des Hammurabi, das 
Haar abgeschnitten und der Bart zerrauft. Vgl. auch Jest. 50, 6 über Beschimpfung. 



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A. Büchler. 



lemer lustig. Da sprachen diese: Wer bringt uns den Mann, (damit 
wir ihm seine Torheit nachweisen)? Ein Jerusalemer antwortete: 
Ich schaffe ihn hierher und zwar mit geschorenem Kopfe. Als nun 
der Athener auf Veranlassung dieses ihn besuchenden Mannes, der 
ihm von den unglaublich hohen Preisen der Schuhe in Jerusalem 
erzählte, wieder in diese Stadt kam, um Schuhe sehr teuer zu ver- 
kaufen, redete ihm dieser sein Gastfreund ein, es sei in Jerusalem 
fester Brauch, daß da niemand seine Ware verkaufen dürfe, der 
sich nicht das Haar geschnitten und das Gesicht geschwärzt habe. 1 
Er geht darauf ein und wird sowohl wegen seiner hohen Preise, als 
auch wegen seiner Verfassung verlacht. Das Gleiche gilt vom Bart- 
schneiden; denn abgesehen von n Sam. 10, 4 wird in b. Synh. 96 a 
in einer zum großen Teil wahrscheinlich babylonischen Auslegung 
von nson jpn nx üji D^rn nptsn rc*nn na ♦ ♦ ♦ rrvwn -umn « nbr Kirn ovo 
ausgeführt (vgl. Bacher, Paläst. Amoräer n 127, 5), wie Gott dem 
König Sanherib Kopfhaar und Bart abschneidet und diesen durch 
Feuer gänzlich vernichtet, um den König zu entehren. Und dann 
führt der Talmud noch von R. Papa ein Sprichwort an: nwina 
«Tra xain njnv *6i mpna rvb bnx ,rvb nwi rtKön*6 hast du einem 
Nichtjuden (das Haar) geschoren und es ist ihm recht, so hänge 
ihm noch Feuer an den Bart und du wirst über ihn nicht genug 



1 Über das Schwärzen des Gesichtes bei Trauer s. Grüneisen, Ahnenkultus 102 ; 
als Schimpf in jer. Ta'anith i 64 d 14, Genes, rabba 36, 7: R. Hijja b. 'Abba sagt: 
>3-i "iök ,[mnan ja n:iwe sny] wm ddiidö sbw omca on k3t *\ytb na'na wonp [myi] a^i an 
,iltttaa Wi v:d lanon»» »j» nn: "j^an las -|be bv i^n» -pna *6r piwio rapr mvb *\b Harn, der 
Hund und der Rabe setzten die Begattung auch in der Arche fort; deshalb kam 
Harn geschwärzt heraus, begatten sich Hunde öffentlich und ist der Rabe von allen 
Geschöpfen verschieden; vgl. b. Synh. 108 b . Vgl. hiezu Baldensperger in Palestine 
Explor. Fund, Quart. Stat. 1893, 213, der aus dem Volksglauben der Araber in Pa- 
lästina erzählt, der Rabe sei von Noah verflucht worden; ein Fluch lautet: Gott 
schwärze dein Gesicht (^X^ä.^ ^JÜ\) - In Cant. rabba 4, 4 § 3 deutet R. 

Jishak diesen Vers auf die gegen die Midjaniten kämpfenden Israeliten in Num. 31: 
sie gingen nach dem Siege paarweise zu den midjanitischen Frauen, der eine 
schwärzte ihr Gesicht, der andere nahm ihren Schmuck ab, worauf die Frau sprach : 
Sind wir denn nicht auch Gottes Geschöpfe, daß ihr uns solches tuet? Vgl. auch 
Toß. Ma'asser seni v 13. 




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Das Schneiden des Haares als Strafe etc. 137 



lachen können. 1 Es kann demnach, wie im Gesetze Hammurabis 
und im sumerischen Familiengesetze ; auch bei den Juden der vor- 
arabischen Zeit und schon bei den alten Israeliten die Strafe des Haar- 
abschneidens bestanden haben. Es ist aber möglich, daß sie später, 
als ein Grundsatz die Anwendung jeder anderen Strafe neben der 
Todesstrafe bei Ehebruch und sonst ausschloß, ganz aufgehört hat; 
und es ist hiefür besonders zu beachten, daß das Haarabschneiden 
sowohl bei Hammurabi, als auch im sumerischen Familiengesetze 
dort erscheint, wo die Bibel Todesstrafe setzt, und auch bei den 
alten Germanen an die Stelle der Todesstrafe trat (Schräder, Real- 
lexikon der indogerm. Altertumskunde 3 18). 2 Hiefür spricht auch 
die Tatsache, daß in den dem Schulhaupte von Sura, Natronai (um 
850) zugeschriebenen Bescheiden (bei Horowitz ii 20, 11) die Verfü- 
gung sich findet: ,Wenn jemand den Sabbath mutwillig entweiht, 
soll er geschlagen und ihm das Haar geschnitten werden/ 3 

1 Aruch liest hier «Tiima vgl. Levy, Neuhebr. IVB. i 363 a und Rabbinowicz 
z. St., der aus Handschriften als richtige Lesart n'mn: = ,schaben' hat, wie Hieb 2, 8. 
Die ganze Stelle macht den Eindruck, daß die nichtjüdische Bevölkerung Babylo- 
niens, die R. Papa und sein Sprichwort im Auge haben, sich das Haar und den 
Bart abschnitt und wie der Athener darin keine Entehrung sah; sie war arisch. 
Doch führt R. Josef, ein babylonischer Lehrer des 4. Jahrhunderts, als Auslegung 
von Daniel 7, 5 eine Baraitha an (b. c Aboda zara 2 b ), in der als das zweite Tier 
bei Daniel die Perser bezeichnet werden und von diesen gesagt wird, daß sie sich 
Haare wachsen lassen, wie der Bär. Da es sich um eine Baraitha handelt, müssen 
die Perser der Arsakidenzeit gemeint sein. 

2 Haarabscheren als Ersatz für das Leben bei den nordsyrischen Christen 
und den Arabern im Golän und Haurän s. bei Cürtiss, Ursemit* Religion 189 ff. 192, 4. 

8 Auf eine häufige Anwendung dieser Strafe scheint das Responsum des 
Gaons Jehudai (um 760) hinzuweisen, worin derselbe in einer eigentümlichen Kom- 
bination von Strafen folgendes verfügt (im jm? m* in § 329): ,Wenn jemand seinen 
Nächsten verwundet, ist es nicht zulässig, ihn straflos ausgehen zu lassen, sondern 
er soll geschlagen und geschoren werden (r6:m npb») und einen Monat fasten; und 
wenn er sich diesem nicht unterziehen will, wendet man Gewalt an, damit er nicht 
der göttlichen Strafe verfalle.' Die Vorschrift macht jedoch den Eindruck, daß 
ntonn im Hithpa'el nicht das vom Gerichte angeordnete Scheren als schwere Strafe, 
sondern es, wie das Fasten, als auferlegte (Selbst-) Demütigung bezeichnet. Das Re- 
sponsum Natronais führt die Responsensammlung naran njra Nr. 45 von dem Gaon 
Hai (998 — 1038), dagegen die Sammlung von Gutachten ed. Lyck Nr. 75 und Jehuda 



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138 A. Büchler. Das Schneiden des Haares als Strafe etc. 

So lange die Bedeutung der assyrischen Wurzel sb: im Gesetze 
Hammurabis, in den sumerischen und altbabylonischen Gesetzen nicht 
durch neue Belegstellen unzweifelhaft festgestellt wird, darf die aus 
der Vergleichung des biblischen, jüdisch-talmudischen, arabischen und 
arabisch-jüdischen Rechtes mit dem altbabylonischen gewonnene = 
Haarschneiden als die vorläufig wahrscheinlichere gelten. Die verschie- 
denen Quellen ergeben, daß Freien, die zur Strafe als Sklaven verkauft, 
und Frauen und Männern, die wegen Unzucht oder infolge der Talion 
als der Unzucht Verfallene gestempelt werden, das Haar geschnitten 
wurde; dieses tritt auch an Stelle des Todes. Eine genauere Unter- 
suchung der Todesstrafen bei den Semiten dürfte auch für diese 
das Strafrecht derselben betreffende Frage einigen Aufschluß ergeben. 

b. Barzilai (own "idd p. 46) ohne Urheber und mit den Worten an: ro n?n fürs . . . 
prfriK^ 2W b*i irvrr3 -ain k,t xbv H3 im« praoi im« ppVo i:k ,ib mvpb Mb wo« statt des Haar- 
schneidens steht das unbestimmte im« pao = man schändet ihn. 




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Das syrisch-römische Rechtsbuch und Hammurabi. 



Unter gleichem Titel hat Ludwig Mitteis in der Zeitschrift 
der Savigny - Stiftung für Rechtsgeschichte, Rom. Abt., Band xxv, 
1904, S. 284 — 297 einen Artikel veröffentlicht, der gegen die Auf- 
stellungen in meinem |Iammurabi-Buch (S. 275 — 285) gerichtet ist. 
Er verteidigt darin seine Hypothese bezüglich dieses Rechtsbuches 
und weist meine Angriffe auf der ganzen Linie zurück. 

Ich sehe mich nach einer aufmerksamen Prüfung seiner Gründe 
bemüssigt, meine Aufstellungen zu verteidigen und die Streitfrage zu 
vertiefen. Meine Polemik wird eine streng sachliche sein, ich kann 
es mir aber nicht versagen, auf einige überflüssige Schärfen allge- 
meiner und spezieller Natur in gleicher Weise zu antworten, wobei 
ich dem Verfasser Schritt auf Schritt folgen werde. 

Mitteis beginnt mit einem Panegyrikus auf das Gesetzbuch 
Hammurabis, das ,ein strahlendes Licht in das Dunkel einer halb- 
versunkenen Völkergeschichte wirft'. Er erkennt an, ,daß es zeitlich 
und räumlich auch den alten Völkern des Mittelmeeres nahe genug 
steht, um den Gedanken an eine Einflußnahme dieses altbabylonischen 
Kulturwerkes auf ihre Rechtsentwicklung nahe zu legen'. 

Soweit stehen wir beide auf gleichem Boden und ich unter- 
schreibe jedes Wort, das Mitteis ausgesprochen hat. Es ist aber 
nicht jeder frei, der seiner Ketten spottet, und derselbe Forscher, der 
,keine trennenden Schranken zwischen den Völkern anerkennen will', 



Von 



D. H. Müller. 




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140 



D. H. Müller. 



erinnert sich plötzlich, daß er Romanist ist und setzt sich zur Wehr 
gegen ,den energischesten Vorstoß, der von orientalistischer Seite 
unternommen worden ist, wobei der Versuch gemacht wird, den Ein- 
fluß Hammurabis nicht bloß im hebräischen Recht, sondern auch 
im römischen Zwölftafelgesetz nachzuweisen*. 

Es wäre mir außerordentlich erwünscht gewesen, wenn ein Ro- 
manist vom Range Mitteis', der sich eingehend mit dem griechischen 
Rechte befaßt hat, in eine Prüfung meiner Hypothese bezüglich 
des Zwölftafelgesetzes eingetreten wäre. Dies hätte der Sache nur 
nützen und zur Klärung der Frage viel beitragen können. Leider 
überläßt dies Mitteis anderen und beschränkt sich darauf, eine Lanze 
pro domo zu brechen und die griechischen Einflüsse im syrisch- 
römischen Rechtsbuch zu verteidigen. Auch dagegen ist nichts ein- 
zuwenden, ebensowenig dagegen, daß Mitteis sich zur größten Skepsis 
bekennt (das Bekenntnis ist Gewissenssache), aber wenn er einen 
Schritt weiter geht und sich im Handumdrehen zum skeptischen 
Ignorabimus bekennen zu müssen glaubt, so kann ich dies nicht 
mehr hinnehmen. Ein ,skeptisches Ignorabimus' ist eine contradictio 
in adjecto. Es haben schon andere mit dem Ignorabimus nicht viel 
Glück gehabt und es tut nicht gut, solche Dinge nachzuahmen. Igno- 
rabimus ist ein Dogma und skeptische Dogmen sind Unmöglichkeiten. 

Nachdem aber Mitteis zu dem Dogma sich bekennt ,auf dem 
Gebiete, wo die Meinungen der Romanisten durch die Orthodoxie 
einer jahrtausendjährigen Tradition gefestigt ist', verliert er das Recht 
zur Kritik und ist einem Bibelforscher vergleichbar, der für die freie 
Forschung eintritt, die aber gegen die Bibel nicht verstoßen darf. 
Er hat sich also das ,strahlende Lieht' selbst abgedreht und das ist 
seine Sache. Aber wenn man schon ein Dogma hat, darf man nicht 
ohne weiteres sagen : ,zudem ist der Angriff auch in der Durchführung 
schwächlich'; das muß erst bewiesen werden, und so lange man es 
nicht prüft und beweist und die Last der Beweisführung anderen zu- 
schiebt, tut man gut, darüber zu schweigen und ich muß Mitteis 
seine eigenen Worte, die er an einen anderen richtet, vorhalten: ,Hätte 
er meine Schrift wirklich gelesen, statt gegen sie zu polemisieren!' 



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Das syrisch-römische Rechtsbuch und Uammürabi. 



141 



Während Mitteis also die Verteidigung des Zwölftafelrechtes 
anderen überläßt, hält er es für geboten, auf dem Gebiet des syrisch- 
römischen Rechtsbuches, /wo nur wenige eigene Sachkenntnis 
und selbständiges Urteil besitzen/ daher auch eine allseitige 
Prüfung der aufgestellten Behauptung D. H. Müllers nicht mit Be- 
stimmtheit zu erwarten ist', selbst das Wort zu ergreifen. 

Er sagt, daß ,seine These, daß das syrisch-römische Rechtsbuch 
in seinen nichtrömischen Bestandteilen auf das hellenische Recht 
zurückgehe/ die er vor mehr als einem Dezennium aufgestellt habe, 
, seither ziemlich allgemein 1 angenommen worden sei'. Er bemerkt 
ferner, daß er die ,Möglichkeit eines stellenweise Zutagetretens orien- 
talischer Anschauungen nie völlig ausgeschlossen habe' und fügt 
hinzu : ,Bei einem im Orient überall verbreiteten Rechtsspiegel wäre 
diese Erscheinung ja nur natürlich, weshalb denn auch die ganze 
Vorstellung von einem hier obwaltenden orientalischen Einfluß in frü- 
herer Zeit mit jener Sicherheit geherrscht hat, welche den plattesten 1 
Ideen in besonderem Maß eigentümlich ist/ 

Es hat immer eine Gefahr, ein zweischneidiges Schwert zu hand- 
haben, weil man sich selbst dabei verletzen kann und dies passiert 
oft dem geschicktesten Fechter. Wie kann man nur sagen, daß 
etwas, was erst vor einem Dezennium nachgewiesen wurde, ziemlich 
allgemein angenommen worden ist, nachdem man erst wenige 
Zeilen vorher betont hat, daß nur wenige eigene Sachkenntnis 
und selbständiges Urteil darüber besitzen? — Und was will 
die Wendung von den plattesten Ideen besagen? Es ist doch 
gleichgültig ob eine Idee platt oder sagen wir tief oder erhaben ist, 
es kommt darauf an, ob sie wahr oder nicht wahr ist. Dadurch, 
daß etwas selbstverständlich scheint, hat es doch an Wahrscheinlich- 
keit nicht verloren. Und ist ein Dezennium ein so großer Zeitraum 
für Ideen, seien sie platt oder tief, daß sie dadurch schon ein Besitz- 
recht erwerben? 

Und sind in der Tat die Aufstellungen Mitteis' ohne Wider- 
spruch geblieben? Ich erfahre aus diesem Artikel selbst, daß bereits 

1 Von mir gesperrt. 




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CORNELL UNIVERSITV 



142 



D.. H. Müller. 



K. Voigt (Ber. d. Sachs. Ges. der Wiss. 1893, p. 210 ff.) sich veran- 



Partikularismus eine Lanze zu brechen, und ich bedauere aufrichtig, 
dies nicht gewußt zu haben, weil ich sonst die Meinung des hoch- 
verdienten Forschers angeführt hätte. 

Auch ein anderer großer Kenner des griechischen Rechtes, 
K. Wessely, sagt ausdrücklich, allerdings erst nach dem Erscheinen 
meines Buches: , Gewiß spricht die innere Wahrscheinlichkeit für 
Müllers Beweisführung S. 275 ff., daß in dem syrisch-römischen 
Rechtsbuch an solchen Stellen, die keine genügende Erklärung im 
römischen Recht haben, Spuren des Einflusses der altsemitischen 
Gesetze zu erkennen sind, nicht etwa Spuren der griechischen Rechts- 
entwicklung. 1 

Man sieht, daß unter den ,wenigen, welche eigene Sachkenntnis 
und selbständiges Urteil darüber besitzen', sich zwei gewichtige 
Stimmen gegen Mitteis' Hypothese aussprechen. 

Ich gehe nun zur sachlichen Polemik über das Verhältnis des 
syrisch-römischen Rechtsbuches zur hellenischen Gesetzgebung be- 
ziehungsweise zu Uammurabi und den orientalischen Quellen über und 
will hier einer Anregung Mitteis' gern folgen. Er wirft mir vor, 
,daß ich den entscheidenden Punkt völlig umgehe, nämlich das be- 
kannte Intestaterbsystem des Rechtsbuches'. Er fährt fort: ,Diesen 
Hauptpunkt hat jeder anzugreifen, der den orientalischen Einfluß in 
den Vordergrund stellt, und gerade dieser allein entscheidende Punkt* 
wird von Müller ignoriert etc/ {Zeitschr. d. Sav. -Stiftung xxv, 293). 

Es ist überflüssig, hier die Gründe anzugeben, warum ich ge- 
rade diesen Punkt in meiner Arbeit in suspenso gelassen habe, sie 
sind mehr äußerlicher Natur, es genügt, wenn ich jetzt, bevor ich 
auf die bereits in Frage stehenden Punkte eingehe, meinen Angriff 
auf das Intestaterbsystem im Rechtsbuche richte. 

Im zehnten Kapitel (Reichsrecht und Volksrecht, S. 313 ff.) hat 
Mitteis in sehr eingehender Weise das Intestatsrecht des syrischen 

1 Zeitschr. für die österr. Gymnasien, 1904, II, Heft S. 143. 



laßt gesehen hatte, für die mesopotamische Herkunft des syrischen 




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Das syrisch-römische Rechtsbüch und JJammurabi. 143 

Rechtsbuches behandelt. Schon Brüns hatte erkannt, daß , diese Be- 
stimmungen aus einer der römischen ganz fremden Rechtswelt her- 
rühren müssen', versuchte es mit dem jüdischen Erbrecht zu ver- 
gleichen, das Resultat war aber ein unbefriedigendes. 

Nach dem übereinstimmenden Urteile beider Romanisten ist das 
römische Erbrecht von der Vergleichung auszuschließen. Es konnte 
also nur das hellenische und jüdische Erbrecht zur Vergleichung 
herangezogen werden, die ich hinter einander nach dem Vorgange 
Mitteis ' hierhersetze : 

Jüdisches Erbrecht 
(Mitteis, Reichsreclit S. 316.) 

Nach dem Tode eines Mannes oder einer Frau bilden 

1. die erste Klasse die Söhne und ihre Deseendenz, 

2. die zweite Klasse die Töchter und ihre Deseendenz, 

3. darauf Brüder, \ 

4. darauf die Schwestern, 

_____ > und deren Deseendenz, 

5. dann Vatersbrüder, 

6. dann die Vatersschwestern ) 

7. die Mutter und alle mütterlichen Verwandten sind von der Erb- 
schaft unbedingt ausgeschlossen. 

Griechisches Erbrecht. 
(Mitteis, Reichsrecht S. 319 — 20.) 

1. Die Söhne (mit Ausschluß der Töchter), 

2. die Töchter (Erbtöchter und deren Deseendenz), 

3. die Brüder von Vatersseite, 

4. die Schwestern von Vatersseite, 

5. Vatersbrüder, 

6. Vatersschwestern 

7. Ist in allen diesen Klassen kein Erbberechtigter vorhanden, so 
kommen die Verwandten von der Mutterseite in Betracht. 1 

1 Gegen die Echtheit dieses Gesetzes sind allerlei Bedenken vorhanden, 
auch sind über Einzelheiten die Meinungen verschieden. Ich nehme aber die Aui- 



und deren Deseendenz. 



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,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



144 



D. H. Müller. 



Wie man sieht, unterscheiden sich beide Erbrechte nur durch 
Punkt 7. Nach jüdischem Erbrecht kommen die Mutter und die 
mütterlichen Verwandten nicht in Betracht, wogegen sie nach helle- 
nischem Recht mangels anderer Erben in das Erbrecht eintreten. 

Von beiden verschieden ist das syrische Erbsystem. 



Die Erbfolge geht vor sich nach Erbklassen. 

1. Die erste Klasse bilden die Kinder; ,männliche und weibliche, 
sie erben gleichmäßig', wobei jedoch P § 1 einen merkwürdigen, später 
zu erklärenden Zusatz macht. Bezüglich verstorbener Söhne besteht 
ein Repräsentationsrecht der Enkel, nicht auch bezüglich verstor- 
bener Töchter. 

2. ,Wenn er aber', so fährt das Rechtsbuch fort, ,stirbt, ohne 
ein Kind zu haben, so beerbt ihn der Vater des Mannes; lebt sein 
Vater nicht mehr, so erben gleichmäßig seine Brüder (oder die Söhne 
verstorbener Brüder L § 37) und Schwestern/ Es wird hinzugefügt, 
daß neben den Geschwistern auch die Mutter ein Kopfteil erhält. 

3. ,Wenn der Mann stirbt ohne Vater (oder Geschwister), er 
hat aber Onkel, Brüder seines Vaters, so beerben ihn diese, und 
wenn er keine Onkel hat, so erben die Söhne der Onkel/ 

4. ,Wenn das Geschlecht seiner Väter erloschen ist, dann tritt 
ein das Geschlecht der Söhne seiner Töchter/ 

5. ,Wenn auch das Geschlecht der Söhne seiner Töchter er- 
loschen ist, so tritt ein das Geschlecht der Söhne seiner Schwestern/ 1 

6. ,Und wenn auch dies Geschlecht erloschen ist, so wird her- 
beigerufen das Geschlecht der Tanten/ 

7. ,Wenn aber auch das Geschlecht des Vaters von den Weib- 
lichen erloschen ist, dann wird zur Erbschaft gerufen das Geschlecht 
der Mutter des Mannes/ 2 

Stellungen Mitteis' ohne weiteres an und überlasse ihm für dieselbe die Verant- 
wortung. 

1 Die Bestimmungen 4 und 5 kommen nur in L § 37 vor, wogegen sie in 
L § 1 sowie in den übrigen Versionen fehlen. 

2 Diese Formulierung stammt aus L § 104, sonst lautet sie allgemein : ,Wenn 



(Mitteis, Reichsrecht S. 313 — 314): 




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Das syrisch-römische Rechtsbuch und ^ammurabi. 



145 



Mitteis (Reichsrecht 316) bemerkt in Bezug auf das jüdische 
System, daß es dem syrischen Rechtsbuche näher stehe als die rö- 
mische Erbfolgeordnung. Die Unterschiede seien von geringer Be- 
deutung, 1 sie lassen sich allenfalls durch verschiedene Ausbildung des 
an sich gleichen Grundgedankens erklären. ,Was aber — fährt Mit- 
teis fort — entscheidend gegen die Verbindung des syrischen mit 
dem talmudischen Erbrecht spricht, ist, daß der Talmud das 
Erbrecht mütterlicher Kognaten mit der größten Entschie- 
denheit ablehnt, 2 während das syrische Rechtsbuch sie im aus- 
gedehntesten Maß kennt. Dies kann umsoweniger für einen bloß zu- 
fälligen Unterschied der DetaildurchfUhrung gehalten werden, als 
die Begriffe, die man sich über die Kognaten macht, mit der Grund- 
lage und dem Entwicklungsgrade jedes Volkes aufs engste zusammen- 
hängen/ 

In Bezug auf das griechische System muß bemerkt werden, 
daß es selbst nach Mitteis 7 Darstellung genau mit dem jüdischen 
übereinstimmt, nur in Punkt 7 unterscheidet es sich, hierin aber ganz 
scharf, vom jüdischen Erbrecht und stimmt mit dem des syrischen 
Rechtsbuches überein. Die Schilderung, welche Mitteis (Reichs- 
recht 322) von den ersten sechs Punkten des griechischen Erbrechtes 
gibt, paßt also ganz genau auch auf das jüdische: 

,Wie leicht zu erkennen, ist dieses (sc. das attische) Erbrecht 
nach einem System von Parentelen aufgebaut. Es erben zunächst die 
Nachkommen des Erblassers selbst (Klasse 1 und 2), dann die Nach- 
kommen seines Vaters (3 und 4), endlich die Nachkommenschaft des 
Großvaters (5 und 6), wobei jedoch jede Parentel dadurch, daß die 



keine Männer vorhanden sind, erben die Weiber* oder ähnlich. Die Bestimmungen 
4, 5, 7 scheinen eine Ausdeutung dieses allgemeinen Prinzips zu sein. 

1 ,Eine Differenz besteht zunächst insofern, als die Töchter und Schwestern erst 
nach Söhnen und Brüdern, dafür die Descendenzcn dieser Töchter und Schwestern 
vor den Brüdern, resp. Vatersbrüdern erben, was sich im syrischen Spiegel umgekehrt 
verhält.' 

* Von Mitteis gesperrt. Ich bitte diese Tatsache und ihre Begründung im 
Gedächtnis zu behalten. 

Wiener Zeitschr. f. d. Kunde d. Morgen 1. XIX. Bd. 10 




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146 D. H. Müller. 

Männerlinie vor der weiblichen stets bevorzugt wird, in zwei (Halb-) 
Parentelen (l und 2, 3 und 4, 5 und 6) zerMt.' 

Wenn man genau zusieht, steht das talmudische System dem 
syrischen — immer abgesehen von Punkt 7 — näher als das helle- 
nische. Um diese Tatsache feststellen zu können, wird es vielleicht 
gut sein, auf die talmudischen Quellen zurückzugehen, die in dem von 
Mitteis zitierten sekundären Werke etwas getrübt erscheinen. 1 

Die Mischna Baba Bathra vm, 1 (Fol. 108 Ä ) lautet: 





Manche beerben und vererben, 


j s njU R71 | /V\\4 W J 


lVTanoVip hppvhpri vprprhpn abpr nioht 




Manche vererben, beerben aber nicht, 




Manche beerben weder, noch vererben sie. 


p^naai pbrna i^ki 


Folgende beerben und vererben: 


B^SH PK DKM 


Der Vater die Söhne, 




Die Söhne den Vater, 


bjci ja protm 


Die Brüder vom selben Vater, 


p^rnaoi pbm: 


Sie beerben und vererben. 


1ÖK n« «nun 


Der Mann seine Mutter, 


mtrK rix WKHl 


Der Mann seine Frau, 


(3Kn ja) nvnK *33i 


Die Söhne der Schwestern 2 


p^ma *6i pbm: 


Beerben, vererben aber nicht. 




Die Frau ihren Kindern, 




Die Frau ihrem Manne, 


bkh "»nm 


Die Brüder der Mutter 


pbnu 161 pbma 


Vererben, beerben aber nicht. 


bot ja pnuro 


Die Brüder von der Mutter 3 




Beerben weder, noch vererben sie. 



1 Ich urteile nach Mitteis' Zitaten, das Werk von Selben habe ich nicht 
eingesehen. 

a Die vom selben Vater stammen. 
8 Aber von verschiedenen Vätern. 



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Das syrisch-römische Rechtsbüch und Hammurabi. 



147 



Die zweite Mischna (fol. 115*) lautet: 

Kin -p mbrtt TD Die Erbordnung ist also : 
Drnspnilf? pKpmmtt*' ^rK Wenn ein Mann stirbt, ohne einen Sohn zu hinter- 
irob in*?HD nK lassen, übertraget die Erbschaft an seine 

Tochter. 

rob Dllp p Der Sohn geht der Tochter voran, 
rob penp p bw *DT b% Die Descendenz des Sohnes geht der Tochter voran. 

pnNb DttTlp na Die Tochter geht den Brüdern (des Erblassers) voran . 
pnab psmp na bis? rOT '»Narp Die Descendenz der Tochter geht den Brüdern 

voran. 

TIN 1 ? pöllp pnK Die Brüder (des Erblassers) gehen den Brüdern 
seines Vaters voran. 
TIN 1 ? pöllp prtN btP pT •'NXV Die Descendenz der Brüder geht den Vaterbrüdern 

DNH voran, 
nbn» Dmpn Sa Sban Hl Das Prinzip ist: Wer den Vorrang in der Erb- 
pttllp "DT 'N3TP schaft hat, dessen Descendenz hat ebenfalls 

den Vorrang. 

iaT *N2TP blb amp anm Der Vater geht aber allen seinen Descendenzen 

voran. 

Zur ersten Mischna bemerkt die Gemara: Warum steht zuerst 
,der Vater die Sohne' und erst dann ,die Söhne den Vater'? Man 
würde das Gegenteil erwarten: l.weil es der natürliche Lauf der Dinge 
ist, daß der Vater stirbt und der Sohn ihn beerbt, weshalb wird hier 
ein Unglücksfall vorausgesetzt, daß der Sohn vor dem Vater stirbt? 
2. heißt es ja im Pentateuch ausdrücklich: ,Wenn ein Mann stirbt 
und hinterläßt keine Söhne', die Mischna müßte sich also in der 
Formulierung der Bibel anschließen. 

Die Gemara antwortet auf diese Frage: Durch die Voranstellung 
soll angedeutet werden, daß der Vater dem Bruder des Erblassers 
vorangeht. 

Dasselbe Prinzip wird ausdrücklich gegen Ende der zweiten 
Mischna ausgesprochen. Es wird aber dabei hervorgehoben, daß der 
Vater des Erblassers nur den Brüdern, nicht aber den Kindern des- 
selben vorangeht. 

Damit stimmt das syrische Rechtsbuch vollkommen überein: 
2. ,Wenn er aber stirbt ohne ein Kind zu haben, beerbt ihn der 

10* 



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148 



D. H. Müller. 



Vater des Mannes, lebt sein Vater nicht mehr, so erben gleichmäßig 
seine Brüder und Schwestern.' 

Während also das talmudische Erbrecht in dieser prinzipiellen 
Frage vollständig mit dem syrischen Rechtsbuch übereinstimmt, wird 
das Erbrecht des Vaters im attischen Recht bestritten. Mitteis gesteht 
dies ohne weiteres zu (Reichsrecht 323): ,So willkommen die Klar- 
stellung dieses Punktes, insbesondere der Frage nach dem Erbrecht 
des Vaters behufs der Vergleichung des attischen Intestaterbrechts mit 
jenem des syrischen Rechtsbuchs sein müßte, so läßt sich doch bei 
dem gegenwärtigen Stand der Sache eine sichere Entscheidung in 
dem einen oder andern Sinn meines Erachtens nicht fallen und muß 
daher dieselbe im Schweben belassen werden/ 

In einer Note (Reichsrecht 324, Note l) führt Mitteis die An- 
sicht Rönnbergs an, welcher geneigt ist, für das gortynische wie für 
das attische Recht die Erbfolge der Eltern in Abrede zu stellen, wofür 
auf die Analogie des altgermanischen Gedankens: ,Es stirbt kein Gut 
zurück, sondern vorwärts' verwiesen wird. 

Hat Rönnberg Recht, so ist zwischen dem hellenischen und 
syrischen Erbsystem eine weite Kluft von prinzipieller Bedeutung. 
Doch darauf legt Mitteis kein besonderes Gewicht, er kann darauf 
hinweisen, daß der Talmud das Erbrecht der mütterlichen 
Kognaten mit der größten Entschiedenheit ablehnt und führt 
in einer Note den talmudischen Spruch an: ,Die Familie (Verwandt- 
schaft) der Mutter wird für keine Familie angesehen/ Die Richtig- 
keit dieser Tatsache gebe ich ohne weiteres zu und trotzdem habe 
ich die Empfindung, als ob Mitteis alles auf eine Karte gesetzt hat. 

Es hat immer etwas Schlimmes, nach sekundären Quellen zu 
arbeiten und mit dem Talmud hat es ein eigenes Bewandtnis. Der 
Talmud ist kein einheitliches Werk, er ist ein historisches Konglo- 
merat, in dem die verschiedenen Schichten abgelagert sind, wobei 
die letzte Schichte uns durchaus nicht immer den richtigen Tatbestand 
gibt. Wer den Talmud zu rechtshistorischen Zwecken verwerten will, 
der muß den ganzen Gang der Untersuchung und der Diskussion 
verfolgen können. Wer dies unterläßt, gerät in die Irre. 




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Das syrisch-römische Rechtsbuch und Hammurabi. 149 



Die ganze Erbrechtstheorie im Talmud wird auf die Stelle Nura. 
Kap. 27, V. 8 — 11 aufgebaut, die also lautet: 

(8.) Wenn jemand stirbt, ohne einen Sohn zu hinterlassen, sollt 
ihr seinen Erbbesitz auf seine Tochter übergehen lassen. 

(9.) Hat er aber keine Tochter, sollt ihr seinen Erbbesitz seinen 
Brüdern geben. 

(10.) Hat er aber keine Brüder, sollt ihr seinen Erbbesitz den 
Brüdern seines Vaters geben. 

(11.) Hat sein Vater keine Brüder, sollt ihr seinen Erbbesitz 
seinem nächsten Blutsverwandten aus seinem Geschlechte (seiner 
Familie) geben: der soll ihn in Besitz nehmen/ 

In dem letzten Verse deuten die Talmudisten die Worte ,nächsten 
Blutsverwandten' gegen den einfachen Sinn der Stelle nur auf den 
Vater des Verstorbenen. Man darf nicht glauben, daß sie aus 
dieser Stelle das Erbrecht des Vaters abgeleitet haben. Dies bestand, 
aber sie suchten die Rechtsanschauung durch Hermeneutik mit den 
Bibelstellen zu verknüpfen, indem sie darauf hinwiesen, daß das Wort 
blutsverwandter' (nas?) vom Vater gebraucht wird. Bei diesen Rechts- 
gelehrten stand auch das Prinzip fest, daß das Erbrecht der mütter- 
lichen Kognaten abzulehnen sei. Sie stützten diese Anschauung durch 
einen Vers der Heiligen Schrift, Num. 1, 2 etc. ,nach den Familien 
nach den Häusern ihrer Väter', woraus also geschlossen wurde, daß 
die Familie der Mutter gar nicht als Familie angesehen wird. 

Obwohl nun diese Rechtsanschauung und Deutung von dem 
Redaktor der Mischna 1 rezipiert worden ist, so ist sie weit entfernt 
davon, als die allein gültige angesehen zu werden. Sie mag für die spä- 
tere Zeit bei den Juden Gesetzeskraft erlangt haben, für historische 
und rechtsvergleichende Zwecke darf sie nicht als allein maßgebend 
betrachtet werden. 

In der Tat findet sich im Talmud eine abweichende Auffassung 
scharf ausgeprägt (Baba Bathra fol. 114 b ): 



1 Er starb 219 n. Chr. 




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CORNELL UNIVERSITV 



150 



D. H, Müller. 



1 OllPä pnr W *ICK R. Jochanan sagt im Namen des R. Jahuda b. 

nr JVOIT W p rnW Rabbi Schim'on : 1 Die biblische Vorschrift ist : Der 

I3n riKttTIVain min Vater beerbt seinen Sohn und die Mutter beerbt ihren 

n 1 tD ö TO 21K nrv Sohn, denn es steht (Num. 36, 8): ,Und jede Tochter, 

♦ SRI"! ÜÖÖ 1 ? DKn PifiDÖ tsrpo welche einen Erbbesitz erbt aus den Stämmen 

nK ttHV DK ntöö HC Israels', der Stamm (die Familie) der Mutter ist also 

nttnr nVM DKn riDÖ PIK 132 analog zu behandeln wie die Familie des Vaters. 

♦ H33 riK Wie also der Vater seinen Sohn beerbt, so auch die 
Mutter ihren Sohn. 

rmn^pm^rarne R. Jochanan wendet gegenR. Jahuda b. Schim'on 

!TO HK fltPHTl" ppötP p ein mit einem Hinweis auf unsere Mischna, wo es 

DKn Tim rhn nxmWCn heißt: , Die Mutter vererbt ihrem Sohne, die Frau dem 

10K ♦ «pbm) Rbl p?TT3ö Manne, die Mutterbrüder vererben ihrem Neffen, sie 

*ö jnr n TX ttfWÖ iT 4 ? beerben sie aber nicht.' Er antwortete; Ich weiß 

♦ riX3tP nicht, wer unsere Mischna tradiert hat. 

Es wird in der Diskussion darauf hingewiesen, daß im Prinzip 
unserer Mischna selbst ein Widerspruch liege, den man dann zu be- 
seitigen sucht. Bei dieser Gelegenheit wird auch die Ansicht einer 
älteren Autorität angeführt, nämlich des R. Zacharja b. haq-Qassab, 2 
daß in Bezug auf die Beerbung der Mutter Sohn und Tochter 
gleiche Rechte haben. Diese Ansicht des R. Zacharja b. haq-Qassab 
wird daselbst Fol. III* ausführlich begründet und dabei erzählt, daß 
verschiedene Autoritäten in Babel in Erbstreitigkeiten nach diesem 
Rechtsprinzip vorgehen wollten und nur durch die Bedrohung mit dem 
Banne davon abgehalten worden sind. 

Man sieht hieraus, daß allerdings R. Jahuda han-Nasi, der Re- 
daktor der Mischna im zweiten Jahrhundert n. Chr., in seiner Kodi- 
fikation das Erbrecht der mütterlichen Kognaten beseitigt hat, die 
Kodifikation des letzten Redaktors blieb aber, wie man sieht, bestritten 
und man darf daraus keineswegs .weitgehende Folgerungen auf die 
,Grundlage und den Entwicklungsgrad 4 des israelitischen Volkes 
ziehen, oder genauer gesagt: Es liegt darin nur ein Indicium auf den 



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1 Sonst nicht bekannt, vielleicht umzustellen : R. Schim'on b. Jahuda in dessen 
Name R. Jochanan öfters tradiert, oder dessen Vater (um 150 — 180 n. Chr.). 

2 Lebte um 60—90 n. Chr. 



pQogle 




Das syrisch -römische Rechtsbuch und Qammurabi. 



151 



Entwicklungsgrad zu einer bestimmten Zeit, nicht aber auf die 
Grundlage. 

Auf die Meinungsverschiedenheit in bezug auf das Erbrecht 
wirft eine Stelle (Baba Bathra fol. 115 b ) helles Licht, sie lautet: 



pn na na »Tn töikti 

nwmo mm ♦ ppvras 
wrnb wan natoa anwa 
nnn trvn poiK ppnx r rw 
jm orte betrs ♦pn na 

D'Blü Dr6 p J3PIV 

mN irn xbi ♦ Dsb nt p;a 
nn« jptö pn nnn Trtnnv 

1» HDÖ HK3H 13S na HS1 

kS tob h*dh ma wvn 
: pxr ba 



R. Huna im Namen von Rab sagt: ,Wer da 
behauptet: Die Tochter (des Erblassers) beerbt ihn 
neben der Tochter des (verstorbenen) Sohnes, mag 
er auch ein Fürst in Israel sein, gehorcht man ihm 
nicht; denn dies ist sadduzäische Rechtspraxis. 
Es heißt nämlich in der Fastenrolle: Am 24. des 
Monats Tebet kehrten wir zu unserer Rechtspraxis 
zurück, denn die Sadduzäer behaupteten, ,daß die 
Tochter mit der Enkelin (Tochter des Sohnes) gleich- 
mäßig erben*. Da trat ihnen R. Jochanan b. Zakkai 1 
entgegen und sprach zu ihnen: ,Ihr Toren, woher 
wisset ihr dies?' Niemand konnte es ihm erklären, bis 
sich ein Greis erhob und ihn anfuhr und sprach: 
,Wenn ihn die Enkelin, die ihr Recht von seinem 
Sohne herleitet, beerbt, wie sollte ihn seine Tochter, 
die direkt ihr Recht auf ihn zurückleitet, nicht be- 
erben? 4 

R. Jochanan antwortete ihm mit einer witzigen 
Anspielung auf einen Bibel vers. Der Alte aber sprach : 
,Willst du mich damit abtun? 4 — Da sprach R. Jo- 
chanan: ,Tor! Unsere vollkommene Thora hat doch 
noch soviel Wert als euer leeres Geschwätz. Wenn die 
Sohnestochter selbst den Brüdern ihres Vaters gegen- 
über ihr Recht behauptet (indem sie neben ihren 
Vatersbrüdern erbt), wie sollte sie ihr Recht nicht 
gegenüber der Vatersschwester behaupten, die ja 
neben ihren Brüdern nicht erbt. 4 So besiegten sie 
die Sadduzäer und machten diesen Tag zum Festtag 
(zur Erinnerung an den Sieg). 

Die Beantwortung der Frage, welche tiefere politische Motive 
diesen Streitigkeiten über das Erbrecht zugrunde lagen, gehört nicht 



nn mpanriKvby *np 
rrh -iök ♦ . . "ist rhn 
nöK TiiöiB nriK -pa "an 
rrnn nnn ♦ now *h 
nbtoa nrrra Mbv nöbw 
ptp ua nab nia nsbw 
nöKn prtKn oipöa nna 
DipM nna mn» inaa 
orn iniNi onn»i pn« 



1 Zwischen 60—68 n. Chr. 



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Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



152 



D. H. Müller. 



hierher. 1 Man erkennt aber, daß die beiden großen politischen und 
religiösen Parteien, die Pharisäer und Sadduzäer, darin engagiert 
waren. 

Mit der den Pharisäern eigentümlichen Konsequenz suchten sie 
nun das weibliche Erbrecht nach Kräften einzuschränken und als 
Schlußstein ihres Erbsystemes proklamierten sie die absolute Aus- 
schließung der weiblichen Kognaten. Ohnehin bewegte sich das 
mosaische Recht, wie auch andere Rechte unabhängig von demselben, 
in gerader Linie vom Matriarchat zum Patriarchat; nun kam dazu 
ein politischer Anlaß und dieser bestärkte die leitende Partei nach 
Möglichkeit das weibliche Erbrecht einzudämmen. 

Kehren wir nun zu unserem Ausgangspunkt zurück, so zeigt es 
sich, wie gefährlich es ist, alles auf eine Karte zu setzen. Mitteis 
bezeichnet das Intestaterbrecht als den , Hauptpunkt' seines Werkes, 
den jeder angreifen muß, der den orientalischen Einfluß in den 
Vordergrund stellen will. 

Diese feste Burg des MrrTEis'schen Systemes ruht wieder auf 
der einzigen Grundlage, auf Punkt 7, daß ,nach talmudischem Recht 
die mütterlichen Verwandten von der Erbschaft unbedingt ausge- 
schlossen sind'. 

Nachdem aber diese Grundlage sich als zu schwach und diese 
Behauptung als unrichtig erweist, so wankt die Burg und es ist jetzt 
an der Zeit zu prüfen, ob sie noch durch Stützen wird gehalten 
werden können oder ob sie ganz zusammenbricht, d. h. mit anderen 
Worten, es müssen die Konkordanzen zwischen dem attischen und 
dem syrischen Recht, die Mitteis {Reichsrecht 324 ff.) zusammen- 
gestellt hat, geprüft werden. 



1 Vgl. A. Geiger, Urschrift und Übersetzungen der Bibel, S. 143: ,Den Saddu- 
zäern kam es nur hauptsächlich darauf an, die herodische Familie als legitim dar- 
zustellen, die Pharisäer beharrten dabei, sie seien Fremdlinge, etc. . . Die Sad- 
duzäer gründeten ihr Recht des herodischen Hauses auf die Abstammung von Ma- 
riamne, der Tochter von Alexandra und der Enkelin Hyrkans, welche, nachdem 
alle männlichen Nachkommen des hasmonäischen Hauses hinweggerafft waren, das 
Erbrecht besaß, es dann auf ihren Stamm und dann auf ihre Kinder übertrug etc. 




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Das syrisch-römische Rbchtsbüch und IJammürabi. 153 



1. Als erste und wichtigste Konkordanz bezeichnet Mittbis 
die Verbindung von agnatischer und kognatischer Erbfolge, die sich 
in beiden Rechten (attischem und syrischem) findet, sonst in keinem 
damaligen Recht nachweislich ist, insbesondere aber vom jüdischen 
Recht bestimmt abgelehnt wird. 

Wir haben bereits gesehen, daß die Verbindung der beiden Erb- 
folgen nach älteren Autoritäten im jüdischen Rechte bestanden hat 
und daß die Ausschließung der Kognaten durch eine mächtige po- 
litische und religiöse Partei durchgesetzt worden ist. 1 

Ich bin aber in der Lage, dieselbe Tatsache, die Verbindung 
beider Erbfolgen, bei einer jüdischen Sekte nachzuweisen, welche 
den Talmud nicht anerkennen wollte und ihre Gesetze auf die heilige 
Schrift zurückgeführt hat, ich meine die Karäer. Ich will nun hier 
einige Stellen geben, welche das Erbrecht der Mutter beweisen. Ent- 
nommen sind sie dem Werke ESkol hak-Kofer des R. Jahuda Ha- 
dasi, welches im 13. Jahrh. verfaßt worden ist. aber durchwegs auf 
alte Quellen zurückgeht: 

ttTTP aKnxae&roOn) (252) Wenn der Vater noch lebt, erbt der Vater; 

♦ DKH tPTn pK DKl wenn nicht, erbt die Mutter. 
nwb D-Tip 3Xn ntPKD Wie der Vater bei der Beerbung seiner Kinder 

DnSns nrrpSl den Vorrang hat vor der Mutter, so hat die Mutter 

DKHp , DKHÖ D^VUnbl den Vorrang vor den übrigen Verwandten (mütter- 
■»ttM IttKD 1KP nömp licherseits), wie No'mi ihre Söhne beerbt hat und sie 
innbTWm mn n« ntfT den Erben vererbt hat. 

'fl min wwb 

DTJ? Hb DK in* (255) Nur wenn er (der Verstorbene) weder Vater 

iniPrP .Tnn DK vnv N^l noch dessen Descendenz hat, fällt seine Erbschaft der 

♦ rmnK rvttnvbl löKb Mutter und ihrer Descendenz zu. 

«in *]lbn DPO UP (in) (256) Es ist eine strittige Frage, ob die Mutter 

WD 1")ÖNP tri DKH bv erbt: Die einen sagen: Die Mutter beerbt ihren Sohn, 

ETrn tib VI H3S die anderen negieren dies. Das Richtige ist, was wir 

tPVntP mK3 1VKD JIDam bereits gesagt haben. Sie beerbt ihren Sohn soweit 



1 Zugegeben muß werden, daß die Formulierung dieser Bestimmung im atti- 
schen Recht und im syrischen Rechtsbuch sehr ähnlich ist (Reichsrecht 324), man 
darf aber nicht vergessen, daß diese Formulierung sich nur in einer Rezension und 
an unrichtiger Stelle (L § 104) findet. 



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154 



D. H. Müller. 



bin «ronsi pttM na 3 Geld und beweglicher Besitz in Betracht kommt, in 

DWöKVIOKpKn ntPVTn Bezug auf unbeweglichen Besitz beerbt sie ihn nur 

♦ ttTTTl Hb IHK dann, wenn sie demselben Stamme angehört. 
nDD^ÖKWnTpbCDi) (260) Wenn es also in der Schrift in bezug auf 

inbn: nK DnnSl JWTTn die Erbordnung heißt: Und ihr sollt seinen Erbbesitz 

vbi* nnpn *nNtP L ? dem nächsten Verwandten geben aus seiner Familie 

K1H "D ymn innfcttöö (nicht aus der Familie des Vaters !), so bekundet sie 

1 Ö K n H B Ö b^SO damit, daß sowohl die Verwandtschaft der Mutter, so- 

♦ ywh TOK nnctPÖI wie die des Vaters gemeint sei. 

Bedenkt man, daß einerseits alte talmudische Autoritäten das 
Erbrecht der Mutter anerkennen 1 und andererseits, daß eine Sekte, 
welche den Talmud verwirft, und deren Überlieferung — ob mit Recht, 
möchte ich nicht entscheiden — man mit den Sadduzäern in Zu- 
sammenhang bringen will, das Erbrecht der Mutter in so scharfer 
Weise hervorhebt, so wird man die Formulierung der ersten Kon- 
kordanz bei Mitteis (Reichsrecht 324): 

,Vor allem finden wir in beiden Rechten jene höchst auffällige 
und sonst in keinem damaligen Rechte nachweisliche, ins- 
besondere vom jüdischen Rechte bestimmt abgelehnte Ver- 
bindung der kognatischen Erbfolge mit der agnatischen/ 
objektiv beurteilen können. 

2. Die zweite Konkordanz betrifft die Parentelenordnung. 2 Ich 
habe schon oben darauf hingewiesen, daß in bezug auf die ersten 
sechs Punkte, also auf die Parentelenordnung, das hellenische Recht 
genau mit dem jüdischen übereinstimmt In einem Falle, in bezug 
auf das Erbrecht des Vaters, steht das jüdische sogar dem syrischen 
näher als das hellenische. 3 

3. Die dritte Konkordanz bezieht sich auf das xpateTv ?cü? 
äppsvac. Es findet in beiden Rechten ein Vorzug der Männer vor 



1 Manche karäische Autoritäten, darunter R. Joseph al-Ba§ir (10. Jahrhundert) 
lassen die Mutter sogar neben dem Vater erben. Daniel al-Komsi bestimmt, daß 
die Mutter (so wie die Tochter) ein Drittel erbt. (Vgl. E. Bescheizi, Adereth Elijahu, 
Erbrecht Abschnitt 3.) 

2 Reichsrecht 325. 

8 Vgl. oben S. 147—148. 



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Das syrisch-römische Rechtsbüch und Hammurabi. 155 



den Frauen derselben Klasse statt; und zwar wird dieser Grundsatz 
mit vollem Bewußtsein ausgesprochen. 

Die Tatsache, daß die Männer vor den Frauen beim Erb- 
recht bevorzugt werden, gelangt auch im mosaischen und im tal- 
mudischen Recht zur schärfsten Ausprägung. 

4. Die vierte Konkordanz will Mitteis 1 daraus konstruieren, 
daß er in einer Stelle des Rechtsbuches (L § 37), welche von dem 
reinen Samen (agnatus) und von dem Geschlecht der Weiber, 
welches dem Erdreiche gleicht (cognatus) handelt, den Einfluß 
der griechischen Naturphilosophie erkennen will. Auch der Talmud 
bezeichnet die Frau als ,ewiges Erdreich'. 2 Die Gleichung liegt so 
nahe, daß man daraus kaum irgendwelche Schlüsse auf die Ent- 
stehung des Erbrechtes zu ziehen berechtigt ist. 

Von diesen Konkordanzen bleibt also wenig übrig. Dort wo 
die Konkordanzen passen, betreffen sie nicht nur das attische, son- 
dern in gleicher Weise das talmudische Recht, höchstens daß hie 
und da in der Formulierung und in den Phrasen griechische Art 
zum Ausdrucke kommt, was ja nicht wundern darf, da das Original 
in griechischer Sprache geschrieben war. Stimmt aber das attische 
Recht mit dem talmudischen Punkt für Punkt überein, wo haben 
wir den Beweis, daß das syrisch-römische Intestatrecht hellenischen 
und nicht vielmehr orientalischen Ursprunges ist? 

5. Nun kommt aber bei Mitteis ein fünfter Beweisgrund 
{Reichsrecht 327), ,das Erbrecht der Töchter', und hiermit münden 
wir in die Polemik ein, die ich gegen Mitteis eröffnet und die er 
abzuwehren gesucht hat. 

Es handelt sich um den § 1 des Gesetzes, dessen verschiedene 
Formulierungen in den Handschriften von London und Paris, sowie 
in der arabischen und armenischen Version hier gegeben werden: 



1 Reichsrecht 326. 

8 Vgl. Synbedrin 74 b nrvn oViy rpip moa ,Ester war ewiges Erdreich 4 was so 
erklärt wird: ,Die Frau hat eine passive Rolle und so wie der Erdboden zum 
Besäen bestimmt ist, so auch die Frau.* 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



156 

L. 

Wenn ein Mann stirbt, 
ohne ein Testament zu 
schreiben, und er hinter- 
läßt Kinder, männliche 
und weibliche, so erben 
sie gleichmäßig. 



Wenn er aber ein Te- 
stament schreiben will, 
so läßt er seine Kinder 
erben nach seinem Be- 
lieben; aber einer jeden 
seiner Töchter gibt er 
ihre Mitgift, soviel auf 
eine jede kommt von drei 
Unzien seines Besitzes; 
denn diese drei Unzien 
werden von Gesetzes- 
wegen auf alle Kinder 
des Mannes verteilt ; 
aber die (übrigbleiben- 
den) neun (Unzien) läßt 
er seine Kinder erben 
wie er will. 

Falls er aber sei- 
nen Töchtern et- 
was mehr zu geben 
wünscht, so kann er 
es. 1 



D. H. Müller. 
P. 

Wenn ein Mann stirbt, 
ohne ein Testament zu 
schreiben, und hinter- 
läßt Kinder, männliche 
und weibliche, so erben 
sie seine Besitztümer 
gleichmäßig, indem die 
männlichen zwei Drit- 
tel, die weiblichen ein 
Drittel bekommen. 

Wenn er aber ein Te- 
stament für seine Kin- 
der schreiben will, so 
läßt er sie erben nach 
seinem Belieben; jeder 
aber von seinen Töch- 
tern gibt er ihre Mit- 
gift und was ihm 
sonst beliebt. 

Arm. 

Wenn ein Mann stirbt 
ohne Testament und 
hinterläßt männliche 
und weibliche Kinder, 
so erben sie gleichmäßig. 

Wenn er aber ein Te- 
stament schreibt, so läßt 
er seine Kinder erben 
wie er will. Jeder ein- 
zelnen seiner Töchter 
gibt er ihren Teil, d. i. 
einen (entsprechenden) 
Teil von drei Teilen 
(Unzien) des Besitzes 
und aus neun Teilen 



Arab. 

Wenn ein Mann stirbt, 
ohne ein Testament zu 
schreiben, und hinter- 
läßt Kinder, männliche 
und weibliche, so sollen 
sie gleich erben. 



Wenn er aber ein Te- 
stament schreibt, so soll 
er seine Kinder erben 
lassen, wie er wünscht, 
aber jeder einzelnen von 
seinen Töchtern soll er 
ihre Aussteuer geben. 
Er soll sein Vermögen 
in Viertel teilen. 

Wenn er dann von 
seinem Vermögen eine 
barmherzige Stiftung 
machen will, so stifte 
er sie mit einem Viertel, 
dann bestimmt er für 
seine Töchter ein Vier- 
tel für ihre Aussteuer. 
Mit den übrigen drei 
Vierteln kann er ma- 
chen was er will und 
seine Kinder erben las- 
sen, wie er wünscht. 

Wenn aber die sämt- 
lichen Kinder des Man- 
nes die drei Viertel sei- 
nes Vermögens erben 



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Das syrisch-römische Rechtsbuch und Hammurabi. 157 



Arm. 



Arab. 



konstituiert er die Erb- 
schaft für seine Söhne 
nach seinem Belieben. 
Wenn eraberseinen 
Söhnen mehr geben 



und er seinen Töch- 
tern etwas mehr zu 
geben wünscht, so 
ist ihm dies gestat- 
tet. 1 



will, so kann er es. 
So abweichend diese Versionen voneinander sind, so kann über 
den Sinn des Grundtextes kein Zweifel sein : 

1) Alle Versionen stimmen darin überein, daß wenn ein Mann 
stirbt ohne ein Testament zu schreiben und Kinder hinterläßt, männ- 
liche und weibliche, sie gleich erben. 2 

2) Schreibt er aber ein Testament, so läßt er seine Kinder 
erben nach Belieben. 

3) Seinen Töchtern muß er aber mindestens ihre Mitgift oder 
ihren Pflichtteil geben, der nach römischem Rechte darin besteht, 
daß ein Viertteil seines Vermögens unter alle Kinder gleich ver- 
teilt wird. 3 

4) Die übrigen drei Teile seines Vermögens läßt er seine 
Kinder .erben, wie er will. 4 

5) Eine Crux interpretum bildet der letzte Satz (London): 
, Falls er aber seinen Töchtern etwas mehr (Bruns und Mitteis 



a Der auffallende Zusatz in P läßt sich vielleicht mit einer karäischen 
Bestimmung in Einklang bringen, doch darüber später. 

3 Hier liegt eine Vermischung zweier Rechte vor, weil nach römischem 
Recht die Tochter kein Anrecht auf die dos hat, sondern nur auf einen Pflichtteil, 
den man sich größer als die dos dachte. In der arabischen Version ist eine Glosse 
eingedrungen, daß der Erblasser auch eine barmherzige Stiftung machen kann, 
ferner sieht es so aus, als ob ein Viertel des Vermögens nur für die Töchter be- 
stimmt ist, was aber unrichtig ist. 

4 In P ist auch diese Bestimmung weggelassen, sie ist im Grunde überflüssig, 
weil sie ja schon im ersten Satze des Abschnittes (2) enthalten ist. — Die arme- 
nische Version läßt die drei Viertel unter die Söhne verteilen, was falsch ist, da 
dies dem ersten Satze des Abschnittes widerspricht. Indessen kann das armenische 
Wort wie das syr. benayyä sowohl ,Söhne* als ,Kinder 4 bedeuten. 





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158 



D. H. Müller. 



fügen ein: „als den Pflichtteil") zu geben wünscht, so kann 
er es/ 

In meinem Uammurabi-Buch S. 281 ff. habe ich diese Stelle 
behandelt und mich in Gegensatz zu Mitteis gestellt. Es ist nötig 
diese Stelle ganz hierher zu setzen, weil ich daran nicht ein Wort 
zu ändern habe: 

,In diesem Zusatz, der von Bruns als „höchst überflüssig" weil 
selbstverständlich erklärt wird, will Mitteis Spuren der griechischen 
Rechtsentwicklung erkennen. Er erinnert daran, 1 „daß die griechische 
Sitte die Tochter neben den Söhnen nicht erben ließ, sondern mit 
einer meist wohl verhältnismäßig geringen Mitgift (bei großem Ver- 
mögen ein Sechstel des Sohnesanteiles) von der väterlichen Erb- 
schaft abzufinden pflegte". Erst im 4. Jahrhundert 2 soll den Töchtern 
ein gleiches Erbrecht neben den Söhnen verliehen worden sein, 
dabei hätte die alte hellenische Sitte noch ihre Kraft behalten und 
die Väter dafür Sorge getragen, daß die Töchter als Mitgift nur ihr 
Pflichtteil erhielten. „Um aber ja die Meinung auszuschließen, daß 
er den Töchtern ein Mehr gar nicht geben dürfe, wird noch aus- 
drücklich hinzugefügt, daß auch dem nichts entgegenstehe." 

Offen gestanden, finde ich nicht, daß „der sonderbare unlogische 
Gedankengang" dieser Stelle durch die Hypothese Mitteis' in „eine 
ganz klare und vernünftige Darstellung" verwandelt worden ist. 
Wenn wirklich die Töchter ein gleiches Erbrecht neben den Söhnen 
hatten und die Väter durch das Testament die Töchter in ihrem 
Erbrecht beschränken wollten, so ist der Zusatz erst recht über- 
flüssig. Er ist so selbstverständlich wie möglich, und zwar „nicht 

1 Reichsrecht 329 oben. 

2 Mitteis (S. 327 unten) sagt: ,Diese mit den Brüdern gleiche Stellung war 
ihr (der Tochter) jedoch, wie später zu zeigen ist, aller Wahrscheinlichkeit nach 
erst frühestens im vierten nachchristlichen Jahrhundert verliehen worden.' Diese 
Angabe reduziert sich darauf, daß Mitteis später den Nachweis zu führen versucht, 
daß im 4. Jahrhundert n. Chr., und zwar vielleicht vom Kaiser Konstantin her- 
rührend, Zusätze gemacht wurden, daß also Zusätze ins 4. Jahrhundert zu setzen 
sind. Für die spezielle Tatsache finde ich bei Mitteis nicht den Schatten eines 
Beweises. 




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Das syrisch-römische Rechtsbuch und ^Jammurabi. 159 

nur für einen an die römische Denkweise gewöhnten Juristen", son- 
dern für jeden Menschen. Das neue Gesetz stellt nach Mitteis die 
Töchter in bezug auf die Erbschaft gleich, warum sollten nun die 
Väter ihnen nicht mehr als den Pflichtteil (d. h. den entsprechen- 
den Anteil von einem Viertel des väterlichen Vermögens) geben 
können? Die Sache lag ja vollkommen in der Hand des Vaters, 
weil er, wenn er kein Testament gemacht hat, die Tochter dem 
Sohne gleichstellen konnte. 

Mir scheint hier ein merkwürdiges Mißverständnis vorzuliegen. 
Brüns und Mitteis fassen den kurzen Zusatz in L unrichtig auf. 
Sachau hat ganz richtig: 

„Falls ; er aber seinen Töchtern etwas mehr zu geben wünscht, 
so kann er es." 

Bruns nimmt ohne weiters an, daß das „mehr" sich auf den 
Pflichtteil bezieht und hält dann den Zusatz mit Recht für überflüssig. 
Mitteis tritt hier in die Fußstapfen Brüns' und fügt schon in Klammern 
„als den Pflichtteil" hinzu. Dies steht aber in keiner Handschrift! 

Der Sinn des § 1 ist aber: Wenn der Vater stirbt, ohne ein 
Testament gemacht zu haben, erben die Söhne und die Töchter 
gleich. Wird aber ein Testament gemacht, so muß der Vater den 
Töchtern die Mitgift, beziehungsweise den Pflichtteil geben, d. h. er 
muß ein Viertel seines Vermögens unter alle Kinder gleich ver- 
teilen. Die übrigen drei Viertel verteilt er beliebig, er kann sie 
ganz den Söhnen zuwenden, dann sind die Söhne bevorzugt; er 
kann sie aber auch unter alle Kinder gleich verteilen, in welchem 
Falle Söhne und Töchter gleich bedacht sind, genau wie in dem 
Falle, wenn er kein Testament gemacht hätte. Er kann aber auch 
— und dies besagt der Zusatz — den Töchtern etwas mehr geben 
(als den Söhnen!); in diesem Falle haben die Töchter einen 
größeren Anteil als die Söhne. 

Daß dieser Zusatz; nicht überflüssig ist, glaube ich, wird 
jedermann zugeben. Durch die richtige Deutung dieses Zusatzes 
wird aber der Beweisführung Mitteis' eine starke Stütze entzogen, 
weil ja der Hinweis auf das griechische Recht nicht mehr paßt. 



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160 



D. H. Müller. 



Ein weiterer Punkt, der hier zu besprechen ist, betrifft das 
Vorkommen der „Mitgift" (neben dem Pflichtteile!). 

Das Vorkommen der Mitgift ist von großer Wichtigkeit, weil 
die Tochter nach römischem Recht kein Anrecht auf die dos, sondern 
nur auf einen Pflichtteil hatte, den man sich größer als die dos 
dachte, 1 und Mitteis legte darauf das größte Gewicht, weil er hierin 
den Einfluß des griechischen Rechtes erkennen will. 

In der Tat stimme ich ihm hierin bei, daß dieser Paragraph 
zwei Rechtssysteme widerspiegelt, das ältere, in dem die Mitgift 
eine Rolle spielte und das jüngere römische, in welchem der Pflicht- 
teil die dos verdrängt hat. Wenn er aber einfach den orientalischen 
Einfluß ablehnen zu müssen glaubt, weil „nach orientalischem Rechte 
die Mitgift überhaupt kein bestimmtes Herkommen ist", so ist er 
hierin in einem Irrtum befangen. 

Fassen wir das Gesagte zusammen,, so ergibt sich, daß die 
Töchter einen gleichen Erbanteil wie die Söhne hatten und es liegt, 
nachdem der Zusatz richtig verstanden worden ist, kein Grund vor, 
anzunehmen, daß es früher anders gewesen ist. Ist nun dadurch, 
daß die Töchter neben den Söhnen erben, das Rechtsbuch in einen 
scharfen Gegensatz zum griechischen Rechte getreten, so muß darauf 
hingewiesen werden, daß Uammurabi ausdrücklich den Töchtern 
(allerdings einer bestimmten Kategorie derselben) einen gleichen An- 
teil wie den Söhnen zuspricht, und zwar dann, wenn sie nicht bereits 
durch die Mitgift iu Lebezeit des Vaters abgefertigt worden sind 



Freilich bekommen andere Töchter, die als Geweihte in die 
Tempel eintraten, nur den dritten Teil des Kindesanteiles (§§ 181 und 
182), aber gerade hierin könnte man irgend eine Beziehung zu der 
Glosse in P zu § 1 finden, für die Mitteis eine Analogie aus. der 
Inschrift von Gortyn gesucht hat. 

Ich gebe zu, daß ein Beweis für den Zusammenhang dieser 
Bestimmungen des syrischen Rechtsbuches mit ^lammurabi nicht er- 



Brüns Syrisch-römisches Rechtsbuch S. 182 und Note 1. 



(§ 180). 




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Das syrisch-römische Rechtsbüch und Hammurabi. 161 

bracht ist, aber die Beziehungen sind nicht schwächer als die von 
Mitteis mit dem griechischen Rechte vermuteten/ 

Mitteis antwortet mir nun in seiner Kritik also: 1 } Diesen 
Schlußsatz „falls er aber seinen Töchter etwas mehr geben will, so 
kann er es" hatte ich (in Ubereinstimmung mit Bruns) dahin ver- 
standen: Falls er seinen Töchtern etwas mehr geben will als den 
Pflichtteil, so kann er es; und ich hatte das in Zusammenhang 
gebracht mit der Regel des griechischen Rechts, daß die Tochter 
neben Söhnen nichts bekommt als die Mitgift; durch diese gilt sie 
als abgefunden. Diese Beziehung auf das griechische Recht ist dem 
Verfasser freilich unlieb; er hat die Bemerkung zur Hand, daß hier 
„ein merkwürdiges Mißverständnis" vorliegt und der richtige Sinn 
dieser Stelle sei: ,Falls er seinen Töchtern mehr zu geben wünscht 
als seinen Söhnen, so kann er es/ 

Ich bedaure aufrichtig die gereizte Stimmung und Ausdrucks- 
weise Mitteis'. Nicht weil mir die Beziehung auf das griechische 
Recht unlieb war, sondern weil ich sie für unrichtig (Mitteis 
würde sagen: für durchaus falsch) hielt, habe ich sie bestritten und 
bestreite sie auch jetzt. Auch den weiteren Ausdruck ,er hat die 
Bemerkung zur FTand' muß ich scharf abweisen. Wir, Mitteis und 
ich, haben doch mit einander keinen Prozeß und sind beide keine 
Advokaten, welche die Sache ihrer Klienten um jeden Preis vertei- 
digen müssen, sondern haben beide das Bestreben die Wahrheit zu 
finden, man darf daher nicht durch solche Wendungen die bona 
fides auch nur leise und andeutungsweise in Frage stellen. 

Zur Sache selbst sagt Mitteis: 

,Daß aber das Gesetz wirklich den von mir bezeichneten Sinn 
hat, geht schon aus dem Wortlaut hervor. Das „etwas mehr" muß 
sich doch auf irgend einen bereits genannten Begriff beziehen. Nun 
sind aber die Söhne als solche — wenigstens in Sachaus Über- 



1 Zeitschr. der Savigny- Stiftung für Bechtsgesch., Bd. xxv S. 294 sub Nr. 6. 
Wiener Zeitschr. f. d. Kunde d. Morgenl. XIX. Bd. 11 



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162 



D. H. Müller. 



Setzung — gar nicht genannt; genannt ist bloß die Mitgift, und daß 
auf diese sich das „etwas mehr" bezieht, wird ganz deutlich in P., 
wo es heißt: „Jeder von seinen Töchtern gibt er ihre Mitgift und 
was ihm sonst beliebt." c 

Ich begreife vollkommen, daß Mitteis ohne weiteres Brüns 
folgend, früher ,etwas mehr als die Mitgift' übersetzt hat; das 
kann jedem passieren, daß man ausgetretenen Spuren folgt. Daß er 
aber jetzt, nachdem der einfache Sinn (der oft am schwersten zu 
finden ist) gefunden worden ist, sich sträubt denselben anzuerkennen, 
ist mir unverständlich. 

Zunächst hat es Mitteis unterlassen, die ganze Frage auf ihren 
inneren Gehalt zu prüfen und meine Gründe in dieser Beziehung zu 
widerlegen. Er versucht durch eine ganz äußerliche Textesinter- 
pretation meinen Angriffen zu entgehen. Gut, ich will auch darauf 
antworten. 

,Das „etwas mehr" muß sich auf irgend einen bereits genannten 
Begriff beziehen, nun sind aber die Söhne gar nicht genannt, ge- 
nannt ist bloß die Mitgift und das „etwas mehr" muß sich demnach 
auf die Mitgift beziehen'. 

Der Satz ist streng logisch aufgebaut, er besteht aus zwei Prä- 
missen und einem Schluß, ist aber trotzdem unrichtig. ,Die Söhne' 
werden nicht genannt, aber ,die Kinder' werden genannt und das 
,etwas mehr' kann und muß sich demnach auf ,die (männlichen) 
Kinder' oder auf , die anderen Kinder' beziehen, die sich als Gegen- 
satz zu den Töchtern von selbst ergeben. 

Auch die Berufung auf P. hat keine Beweiskraft. Es heißt da: 
,Jeder aber von seinen Töchtern gibt er ihre Mitgift und was ihm 
sonst beliebt.' 1 P. hat die Angabe über die Verteilung des Ver- 
mögens in Unzien (ein Viertel und drei Viertel) weggelassen, und 
hebt nur hervor, daß den Töchtern (mindestens) die Mitgift gegeben 
werden muß, aber auch sonst ,alles was er will', eventuell also 
auch mehr als den männlichen Kindern. Zu beachten ist, daß 

1 Wörtlich: 1&o \ao , U nd all es was er will*, das ,sonst* ist sinngemäßer 

Zusatz des Übersetzers. 




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Das syrisch-römische Rechtsbüch und ^Jammurabi. 163 

hier nicht steht wie im Londoner Text und im Arabischen ,etwas 
mehr', was in dieser gekürzten Version irreleitend hätte sein können. 1 

Damit sind die Einwendungen Mitteis', so weit sie sich auf die 
äußerliche Textesinterpretation beziehen, wie ich glaube, gebührend 
abgewiesen worden. Die inneren Gründe, die für meine einfache 
Deutung des strittigen Satzes sprechen, hat Mitteis gar nicht be- 
rührt. Ich kann ruhig auf die oben angeführte Stelle aus meinem 
Hammurabi-Buch verweisen. Nur in der schon angeführten Note 
bemerkt er gegen mich: 

,Wenn Müller 282 meine Bemerkung, daß dadurch der schein- 
bar unlogische Gedankengang der Stelle klar wird, damit bekämpft, 
daß er diesen so verstandenen Zusatz überflüssig findet, so bin ich 
daran unschuldig, wenn er übersieht, daß es von jeher Leute ge- 
geben hat, denen man das an sich Selbstverständliche erst klar 
machen muß/ 

Ich leugne nach wie vor, daß ,der sonderbare unlogische Ge- 
dankengang' dieser Stelle durch die Hypothese Mitteis' in ,eine ganz 
klare und vernünftige Darstellung' verwandelt worden ist, wie er 
behauptet hat. Der unlogische Gedankengang bestand ja eben darin, 
daß der Zusatz überflüssig war. Was früher ,überflüssig' war, ist nach 
Mitteis' Hypothese ,erst recht überflüssig', und von einer ,klaren und 
vernünftigen Darstellung' ist da keine Spur. Damit also, ,daß es 
Leute gibt, denen man Selbstverständliches erst klar machen muß', 
hat Mitteis in keiner Weise seine unrichtige Behauptung gerechtfertigt. 

Demnach bleibt also meine Behauptung (S. 283), daß, nachdem 
der Zusatz über das Mehr, welches die Töchter empfangen können, 



1 Mitteis wirft in einer Note (S. 295) die Frage auf, ,ob nicht das Wort 
„Kinder" in der unmittelbar vorhergehenden Stelle soviel bedeutet wie „Söhne": bei 
Ferrini (Zeitschr. der Sav.- Stift. 23, 115) ist es tatsächlich übersetzt mit „filii u . Dann 
wäre aber geradezu gesagt, daß die vom Pflichtteil freien drei Viertel der Erb- 
schaft nicht den Töchtern zuzuwenden sind, sondern den Söhnen'. Darauf ist zu 
erwidern, daß im arabischen Text in allen Fällen wo Sachau , Kinder* übersetzt 
hat, auldd (d. h. Kinder) steht, also auch hier. Im syrischen Text steht allerdings 
benayyä, welches sonst ,Söhne* heißt, in diesem Stücke aber immer für ,Kinder 4 
gebraucht wird. Die Übersetzung Ferrinis ist also sachlich unrichtig. 

11* 



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164 D. H. Müller. 

richtig verstanden sei, kein Grund zu der Annahme vorliegt, daß es 
früher anders gewesen sei — gegen Mitteis — zu Recht bestehen. 

Wenn nun Mitteis in seiner schroffen Art, die deswegen nicht 
überzeugender wirkt, meinen Hinweis auf 5ammurabi 180 und 181 
als ,neuerlich falsch' bezeichnet, so muß ich ihm das Recht absprechen, 
das, was er nicht versteht, als falsch zu bezeichnen. Es ist richtig: 
IJammurabi 180 und 181 geben der Tochter, welche sich dem 
Tempeldienst geweiht hat, nur den Nießbrauch an einem Kindes- 
teil, das Eigentum bleibt den Söhnen. Wer den Geist dieses Gesetzes 
kennt, muß wissen, daß damit die Tochter in bezug auf die Erb- 
schaft vollkommen dem Sohne gleichgestellt worden ist; da aber 
der Tempel die Tochter nicht beerben kann, so fällt ihr Eigentum 
nach ihrem Tode den Brüdern zu. Ich habe einfach diese Prämisse 
ausgelassen, die ein Jurist vom Range Mitteis' sich leicht hätte er- 
gänzen können — anstatt desserf findet er, ,daß mit unrichtig ange- 
gebenen Tatsachen argumentiert wurde' — ein Vorwurf, den ich 
entschieden zurückweisen muß. 

Einen noch konkludenteren Beweis dafür, daß nach dem alten 
Rechte Hammurabis männliche und weibliche Kinder gleichmäßig 
erben, leite ich jetzt aus den Paragraphen 181 und 182 ab. Da wird 
gesagt, daß gewisse den Göttern geweihte Töchter, die in noch engere 
Beziehung zu dem Tempel treten als die im § 180 erwähnten, nur 
ein Drittel ihres Kindesanteils (aplüti - Sa) erben, u. zw. die 
einen nur die Nutznießung (§ 181), die anderen dem Gotte Marduk 
geweihten auch das Eigentum (§ 182), weil diese letzteren in einem 
so engen Verhältnis zum Tempel stehen, daß sie gewissermaßen 
expatriiert und der Familie ganz entfremdet werden. 

Der Umstand nun, daß diese Töchter den dritten Teil ihres 
Kindesanteils bekommen, beweist, daß der Kindesanteil der Toch- 
ter dem des Sohnes gleich ist. Wer trotzdem noch daran zweifeln 
will, verweise ich auf § 191, wo einem verstoßenen Adoptivsöhne 
ebenfalls ein Drittel seines Kindesanteiles (aplüt-zu) zugesprochen 
wird, und wir wissen, daß Adoptivsöhne einen gleichen Anteil wie 
leibliche Söhne erhielten. 



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Das syrisch-römische Rechtsbuch und Hammurabi. 165 

Daß also Söhne und Töchter nach Hammurabi gleichmäßig 
erbten ist damit mit absoluter Sicherheit festgestellt. 

Meine Ausführungen über das Erbrecht der Töchter in meinem 
Hammurabi-Buch habe ich mit folgenden Worten geschlossen: ? Ich 
gebe zu, daß ein Beweis für den Zusammenhang dieser Bestim- 
mungen des syrischen Rechtsbuches mit §ammurabi nicht erbracht 
ist, aber die Beziehungen sind nicht schwächer als die von Mitteis 
mit dem griechischen Rechte vermuteten/ Man wird mir zugeben, 
daß diese streng sachliche und anspruchslose Ausdrucksweise ein 
klein wenig von der MiTTEis'schen absticht. Die Differenz zwischen 
Mitteis' und meiner Auffassung ist keine geringe: Mitteis nimmt 
an, daß die Abweichung vom attischen Recht eine spätere Neuerung 
war und sagt: , Diese mit den Brüdern gleiche Stellung war ihr (der 
Tochter) jedoch, wie später zu zeigen ist, aller Wahrscheinlichkeit 
nach erst frühestens im vierten nachchristlichen Jahrhundert ver- 
liehen worden/ 

Dagegen habe ich die Vermutung ausgesprochen, daß die Gleich- 
stellung der Tochter mit dem Sohne auf altorientalische Rechts- 
bestimmungen zurückgehe, konnte aber hiefür nur die schon zitierten 
Stellen aus ^Jammurabi anführen. Zwischen Hammurabi und Kaiser 
Konstantin liegen Tausende von Jahren und die beiderseitigen Be- 
weise reichen nicht aus, eine sichere Entscheidung herbeizuführen. 

Ich bin aber jetzt in der Lage, meine Position zu verstärken 
und wieder ist es das karäische Erbrecht, welches mir die nötigen 
Hilfsmittel dazu bietet. Während dieses Erbsystem in bezug auf das 
Erbrecht der Mutter und der mütterlichen Descendenz von dem 
rezipierten talmudischen Recht abweicht, stimmt es mit diesem 
darin überein, daß die Tochter, respektive die weibliche Linie über- 
haupt erst dann erbberechtigt wird, wenn die männliche erloschen 
ist — aber die karäische Uberlieferung kennt eine abweichende Rechts- 
theorie, die mit dem syrischen Rechtsbuch übereinzustimmen scheint. 1 
Ich setze diese wichtige Stelle aus dem E§kol-hak-kofer hierher: 

1 Im Adereth Elijahu des Elijahu Bescheizi {Erbrecht Abschnitt 2) wird 
dieser Punkt eingehender besprochen. Ich gebe liier das Wesentliche: 



t\r\Ci\& Original from 

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166 



D. H. Müller. 



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int ja bw w thtpö pK 
na-np p btr ijrn nn jm 
nrb pK dKi : nmim ran 
: nn*6 rn&Tvn awn na 



(152) Wer da sagt: ,Die Tochter erbt gleich- 
mäßig mit dem Sohne, oder sie erbt den dritten 
Teil von dem, was die Eltern hinterlassen haben,' 
der behauptet Unrichtiges. Wenn es sich so verhielte, 
müßten alle Verwandten gleich erben. Die Schrift 
aber sagt dies nicht, sie hätte in seinem Sinne sagen 
müssen: ,Wenn jemand stirbt, sollt ihr seinen Erb- 
besitz dem Sohne und der Tochter geben.' Man hätte 
dann gewußt, daß beide (Sohn und Tochter) gleich- 
mäßig erben. 



Nachdem die Schrift aber es nicht so sagte, fällt 
die Erbschaft dem Sohne und seiner Descendenz zu. 
Wenn der Sohn keine Descendenz, Kinder oder 
Kindeskinder hat, kommt die Tochter an die Reihe. 
Und wenn sie keine Tochter haben, dann fällt die 
Erbschaft den Eltern (des Verstorbenen) zu. 1 



,Darin stimmen die Mehrheit unserer Gelehrten überein, daß der Sohn der 
Tochter in der Erbschaft vorausgeht . . . Manche aber behaupten, daß die Töchter 
neben* den Söhnen erben ... u, zw. erben nach R. Josef den Sehenden (Anfang 
des 11. Jahrh.) Söhne und Töchter gleichmäßig... Er berief sich dabei auf 
R. David b. Bo'az han-Nasi. Und also sagt R. Daniel al-Komisi (Anfang des 
10. Jahrh.): ,Und manche sagen, daß die Tochter nur ein Drittel von der Erb- 
schaft bekommt.' In ähnlicher Weise äußert sich auch R. Ahron b. Elijahu in 
seinem Werke Gan Eden. 

Diese Äußerungen sind deswegen wichtig, weil in ihnen datierte Nachrichten 
vorliegen, die auf die berühmtesten Lehrer der Karäer zurückgehen. Daß diese 
sie nicht erst erfunden, sondern traditionell überkommen haben, braucht wohl 
kaum gesagt zu werden. 

1 Auch darüber spricht sich Adereth Elijahu a. a. O. Abschnitt 3 ausführ- 
lich aus: ,Was aber das Erbrecht der Wurzeln (d. h. der Eltern) betrifft, so herrscht 
darüber eine Meinungsverschiedenheit. Manche sagen, daß nur der Vater erbt, 
die Mutter aber nicht. Dies ist die Ansicht der Rabbaniten und einer Autorität 
der Karäer. R. Ahron der Verfasser der ,Mibcher, (eines Bibel Kommentars) läßt 
die Mutter nach dem Vater erben. R. Daniel al-Komisi dagegen behauptet, daß 
die Mutter nur ein Drittel bekomme, so wie die Tochter. Die Mehrheit der Ge- 
lehrten aber entscheidet, daß Vater und Mutter sich die Erbschaft des Sohnes teilen. 



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Das syrisch-römische Rechtsbuch und ^Iammurabi. 



167 



Wie man sieht, steht der Verfasser auf demselben Rechtsstand- 
punkt wie der Talmud, aber eine abweichende Rechtsanschauung 
hat existiert, welche die Tochter dem Sohne in bezug auf die 
Erbschaft gleichgestellt hat — ganz wie im syrischen Rechtsbuch. 
Interessant ist ferner der weitere Zusatz: ,oder sie erbt den dritten 
Teil/ was auffallend mit dem Zusatz in P. § 1 übereinstimmt: ; indem 
die männlichen zwei Drittel, die weiblichen ein Drittel bekommen/ 

Merkwürdig ist auch der Unterschied, der zwischen Sohn und 
Tochter gemacht wird, insofern bei Söhnen das Repräsentationsrecht 
der Descendenz des Sohnes hervorgehoben wird, wogegen bei der 
Tochter nur sie erwähnt wird, ihre Descendenz aber nicht; 1 endlich 
läßt der Verfasser auf die Tochter, wie das syrische Rechtsbuch, 
den Vater folgen. 

Könnte man die karäische Überlieferung quellenmäßig bis in 
die ältesten Zeiten verfolgen, so hätten diese Parallelen einen viel 
größeren Wert. Wir können dies aber nicht und sind nur auf Ver- 
mutungen angewiesen, die allerdings einen hohen Grad von Wahr- 
scheinlichkeit haben. Die älteste Nachricht, die uns vom Stifter der 
Sekte, von e Anan, erhalten ist, klingt sehr zweideutig, und es ist 
schwer bestimmte Schlüsse daraus zu ziehen. Sie lautet: 

p X!T*H *OTjn (nn) (252) Wenn Sohn und Tochter und deren Kinder 

üTlb yföb DJT^T Ssi fOl vorhanden sind, haben sie den Vorrang in bezug 



Eine Analogie dazu bietet jetzt R. i, 1 (bei Mitteis ,Über drei neue Hss. 4 S. 52) 
der ,wenn der ohne Testament verstorbene Erblasser keine Kinder hinterlassen hat, 
die Eltern erben läßt'. 

Dieses einfach für falsch zu erklären, wie Mitteis tut, liegt kein Grund vor. 

1 Indessen ist möglich, daß die Weglassung der Descendenz bei den Töchtern 
unabsichtlich geschehen ist; denn aus den weiteren Auseinandersetzungen scheint her- 
vorzugehen, daß auch die Descendenz der Tochter repräsentationsfähig war. Es 
ist aber nicht ausgeschlossen, daß in bezug auf das Repräsentationsrecht der Töchter 
zwei divergierende Anschauungen vorliegen, von denen also die eine mit dem syr. 
Rechtsbuch übereinstimmen würde. 



auf die Erbschaft. 
Sind Sohn und Tochter und deren Descendenz nicht 
vorhanden, so folgt ihnen der Vater (des Ver- 




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168 



D. H. Müller. 



storbenen) und dessen Descendenz in der Erb- 
schaft. 



ppwi 



Dann der Vater des Vaters und dessen Descen- 
denz usw. 



Einen neuen Beweis für meine Auffassung und gegen Mittbis 
kann ich aus einer sehr merkwürdigen Stelle über die Erbschaft 
bei Philo (Tischendorf, Philonea S. 41) beibringen : 1 



V£tov |jly] 8iü)piap,£VY]c, i<70[xoip£tTü)<7av ihren Lebzeiten eine Mitgift für die- 



Dadurch ist mit einem Schlage die Hypothese Mittbis', daß 
die Gleichstellung der Töchter von Konstantin (4. Jahrh. n. Chr.) 
herrührt, die ohnehin auf schwanker Basis ruhte, endgültig beseitigt. 
Philo kann diesen Satz nicht aus der Halacha, 2 aber auch nicht aus dem 
griechischen Recht genommen haben, das ja nach Mitteis eine schnur- 
stracks entgegenlaufende Bestimmung enthielt — er muß sie also aus 
dem alten Volksrecht herübergenommen haben, das in Syrien erhalten 
war und die Juden auch nach Alexandrien begleitet hat. Wir haben 
jetzt eine starke Kette (Hammurabi — Sadduzäer — Philo — talmu- 
dische Überlieferung — syrisches Rechtsbuch), die Mitteis nicht sobald 
wird zerreißen können. 

Die Tatsache, daß das karäische Recht, welches in bezug auf 
das Erbrecht der Mutter mit dem syrischen Rechtsbuch überein- 
stimmt, auch eine alte Autorität anführt, welche die Gleichstellung 
der Tochter mit dem Sohne vertritt, dabei auch eine ähnliche Glosse 
wie P. hat und daneben auch in bezug auf das Präsentionsrecht des 
Sohnes im Gegensatz zur Tochter mit dem syrischen Rechtsbuch 

1 Auf diese wichtige Stelle hat mich Prof. Dr. A. Büchler aufmerksam ge- 
macht. Man findet sie zuerst angeführt und mit dem talmudischen Rechte verglichen 
in Philo und die Halacha von Dr. Bernhard Ritter S. 96. 

2 D. h. aus dem talmudischen Rechte. 



HapOevot Se eav dbuoXsicpÖwciv avex- 
Sotoi, Tcpoixbc mb i^amtov hi twv yo- 



,Wenn Mädchen unverheiratet zu- 
rückbleiben, ohne daß die Eltern bei 



toTc appscriv. 



selben festgesetzt haben, so sollen sie 
ein gleiches Erbe mit den Söhnen 
erhalten. 4 




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Das syrisch-römische Rechtsbuch und ^ammurabi. 



169 



übereinzustimmen scheint, ist jedenfalls höchst beachtenswert und 
spricht gewiß nicht zugunsten der Hypothese Mitteis'. 

6. Mitteis {Reithsrecht 330 ff.) sucht die Glosse in P ,indem 
die männlichen zwei Drittel, die weiblichen ein Drittel bekommen* 
aus dem griechischen Recht also zu erklären: ,Das syrische Rechtbuch 
nun ist . . . zur gleichen Erbberechtigung aller Kinder übergangen. 
Dennoch ... ist es sehr wohl möglich, daß der Zusatz bei P ; Rudi- 
menten des älteren griechischen Rechtes entstammt/ Meiner ganz 
vage ausgesprochene Vermutung, daß der dritte Teil bei Ham. 
(§181 u. 182) ,in irgend einer Beziehung zu der Glosse in P. § 1 
stehen könnte*, hat Mitteis einen besonderen Abschnitt 1 in seiner 
Widerlegung gewidmet. Ich gebe sie ihm um so leichter preis, als 
diese Glosse eine interessante Analogie in der karäischen Über- 
lieferung hat, kann mich aber von der Richtigkeit seiner Vermutung 
nicht im geringsten überzeugen. Mitteis selbst bezeichnet sie nur 
als Möglichkeit. 

7. Eine weitere ,stärkere und sehr Avertvolle' Konkordanz 
zwischen beiden Rechten will Mitteis in dem Noterbsystem erkennen. 
In meinem Hammurabi-Buch S. 284 besprach ich diesen Punkt und 
sagte also: 

1 Vgl. Zeitschr. der Sav.-Stift. S. 296 Nr. 7. Die Stelle im Ar. lautet: Die Kinder, 
männliche und weibliche, erben gleichmäßig, ,indem die männlichen zwei Drittel, 
die weiblichen ein Drittel bekommen*. Mitteis bemerkt mit Recht, daß bei Ham- 
murabi von dem Drittel ihres Kindesanteiles die Rede ist und stellt das Ver- 
hältnis bei Hammurabi 4 : l und im syrischen Rechtsbuch 2 : 1 fest. Man darf aber 
nicht vergessen, daß der Zusatz im Ar. in Widerspruch mit der vorangehenden Be- 
stimmung steht, daß die Kinder, männliche und weibliche gleichmäßig erben. 
Man darf also annehmen, daß etwas ausgefallen sei und man könnte die Stelle 
etwa so ergänzen: [Eine bestimmte Kategorie von Töchtern bekommt nur ein Drittel 
ihres Kindesanteiles] ,indem die männlichen [von den Kindesanteilen ihrer Schwestern, 
außerdem was sie schon als Söhne bekommen hatten] zwei Drittel, die weiblichen 
ein Drittel bekommen*. 

Ist die Ergänzung richtig, so stimmt Ar. genau mit Hammurabi überein. Ich 
halte allerdings diese Lösung für nicht sehr wahrscheinlich, aber immerhin nicht für 
unmöglich. Man sieht aber daraus, daß mit der algebraischen Berechnung Mitteis' 
die Sache nicht endgültig entschieden ist. 




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170 



D. H. Müller. 



,Was Mitteis über das syrische Noterbrecht sagt, ist voll- 
kommen richtig. Er bezeichnet als den Kernpunkt desselben den 
§ 9 der Londoner Handschrift . . . 

Er stellt auch alle Stellen zusammen, welche beweisen, daß 
die Kinder die notwendigen Erben des väterlichen Vermögens sind. 

Hierin hat er unzweifelhaft recht. Daß dies aus dem römi- 
schen Rechte nicht erklärt werden kann, darin stimmen Bruns 
und Mitteis überein. 

Wenn aber Mitteis diese ganze Erscheinung aus dem grie- 
chischen Rechte erklären will, indem er sagt: ,Eine Enterbung im 
römischen Sinne ist den Griechen absolut fremd; nur die bei Leb- 
zeiten des Vaters unter Einwilligung der staatlichen Autorität durch- 
geführte feierliche Verstoßung vermag dem ungeratenen Kinde das 
Erbrecht zu nehmen !' so möchte ich dagegen auf ^Jammurabi § 168 
— 169 hinweisen, wo es ausdrücklich heißt, daß der ungeratene 
Sohn nur durch richterlichen Spruch verstoßen werden 
kann. Daß die Erbschaft den Kindern zufällt, und daß sie die not- 
wendigen Erben des väterlichen Vermögens sind, geht mit einer 
nicht mißzuverstehenden Deutlichkeit aus dem Gesetze Hammurabis 
hervor !' 

Darüber schweigt Mitteis in seiner Gegenkritik ganz und man 
darf wohl sagen: qui tacet consentire videtur. 

8. Was hier Mitteis über Syr. L § 37 sagt, 1 ist so problema- 
tisch und enthält so viele unbewiesene Behauptungen, die zum Teil 
einander widersprechen, daß ich mich auf eine Kritik derselben 
nicht einlassen will. 

Nur einiges sei zur Charakterisierung der Beweisführung her- 
vorgehoben. Es handelt sich darum: ,Wenn der Großvater die Söhne 
seiner Tochter anstatt seine Brüder oder Brüdersöhne durch Testa- 
ment als Söhne seines Hauses einsetzen lassen will, so darf er 
es/ Mitteis bemerkt dazu: ,Dieser Wendung liegt nämlich unver- 
kennbar der Gedanke zugrunde, daß in dem Erben die Familie der 

1 Reichsrecht S. 339 ff. 




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Das syrisch-römische Rechtsbuch und Hammurabi. 171 

Verstorbenen fortlebt. Auch das ist meines Erachtens eine Spur, 
die zum griechischen Recht hinführt/ 

Ich will gern die Möglichkeit zugeben, daß der angedeutete 
Gedanke zugrunde liegt, warum aber soll die Spur gerade zum grie- 
chischen Rechte führen? Der Sinn einer jeden Nachkommen- und Erb- 
schaft ist wohl der gleiche und die Spur kann ebenso in das semi- 
tische, wie in das römische Recht führen, wie der Verfasser selbst 
es durch die Worte zugibt: ,An und für sich ist freilich die bezeich- 
nete Vorstellung dem römischen Recht durchaus nicht fremd/ 

Die schwerwiegenden Bedenken, welche nach Mitteis 
gegen den römischen Einfluß sprechen, scheinen mir gar nicht 
stark in die Wagschale zu fallen. Der Umstand, ,daß ja anerkannter- 
maßen wenigstens das Intestatsrecht des Spiegels auf ganz un- 
römischen Anschauungen beruht', kann für Mitteis schon deshalb 
nicht von entscheidender Bedeutung sein, weil er ja selbst (Reichs- 
recht 342 ff.) im syrischen Intestatsrecht Abweichungen vom attischen 
nachweisen will, die auf die Einwirkung des römischen Rechtes zu- 
rückgehen sollen. 

Ebensowenig ist er berechtigt zu dekretieren, daß semitische 
Anschauungen hier ausgeschlossen sind. Sein Beweis, daß das 
syrische Intestaterbrecht mit dem jüdischen nichts zu tun habe, ist, 
wie wir oben gesehen haben, hinfällig geworden, da das talmudische 
Recht in sechs Punkten genau (auch nach Mitteis) mit dem attischen 
(wie es Mitteis formuliert hat) übereinstimmt und im 7. Punkt, wie 
ich oben nachgewiesen habe, in alter Zeit übereingestimmt hat. Auch 
die Behauptung, daß die Institution des Testaments den orientalischen 
Rechten von Haus aus fremd ist, scheint mir durchaus nicht sicher 
zu sein. 

9. Im neunten Abschnitt (S. 342 ff.) behandelt Mitteis die 
Diskrepanzen, die sich bei der Vergleichung der attischen und 
syrischen Parentelordnung ergeben. Sie sind durchaus nicht so 
untergeordneter Natur, als Mitteis anzunehmen scheint. Mitteis 
formuliert die Differenzen folgendermaßen : 



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172 



D. H. Müller. 



1) ,Nach dem syrischen Recht erben Töchter und Schwestern 
mit den Söhnen und Brüdern zusammen ; nach attischem erst nach 
ihnen. 

2) Nach syrischem Recht erbt die Mutter neben den Ge- 
schwistern; nach dem attischen Erbfolgegesetz geschieht derselben 
keine Erwähnung. 

3) Das syrische Recht schließt die Descendenz der Töchter 
und Schwestern von den agnatischen Linien aus und verweist sie 
hinter dieselben, wo sie in zwei selbständige Klassen der Descendenz 
den Tanten und der gesamten übrigen Kognation vorgehen; wäh- 
rend nach attischem Recht die Descendenz vorverstorbener Töchter 
und Schwestern kraft Repräsentationsrechtes vor den männlichen 
Seitenverwandten weiteren Grades — Brüdern respektive Oheimen 

— erbt. 4 

Mitteis macht nun den Versuch ,die fremdartige Herkunft der 
Abweichungen' aus dem römischen Rechte zu erklären. Die Beweis- 
führung ist eine höchst gekünstelte, wobei er sich durch die ver- 
schiedenartigsten Schwierigkeiten, die ihm auf dem Wege begegnen 

— so z. B. daß er gewisse Stellen des Rechtsbuches, die ihm nicht 
passen, für ungenau erklären muß (S. 347 oben) — von seinem 
Vorsatze nicht ablenken läßt. 

Ich möchte — als Nichtjurist — Mitteis auf diesen verschlun- 
genen Pfaden nicht folgen und überlasse die Prüfung dieses äußerst 
gewagten Aufbaues berufeneren Fachmännern. Sehen wir aber, 
wohin uns die Hypothese führt und was wir durch sie gewonnen 
haben. Mitteis zieht das Facit seiner Untersuchung, indem er sagt 
(S. 352 ff.)- 

Rehmen wir es hiernach als glaubhaft an, daß der Einfluß 
des römischen Rechts es war, welcher, indem er den kognatischen 
Tochter- und Schwesterkindern das Erbrecht in den ersten Paren- 
telen benahm, gleichzeitig diese Töchter und Schwestern selbst in 
die Klasse der Söhne und Brüder versetzte und der Mutter ein 
Erbrecht einräumte, so brauchen wir nur diese Korrektur im syri- 
schen Erbrecht wieder rückgängig zu machen, und wir erhalten 



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Das syrisch-römische Rechtsbuch und Hammurabi. 



173 



sofort ein System, welches mit dem attischen Erbrecht aufs aller- 
genaueste übereinstimmt. 

Athen. 

Erbklasse 1 Söhne und Descendenz, 

„ 2 Töchter „ „ 

„ 3 Vater (?) 

„ 4 Brüder „ 

„ 5 Schwestern . . . . „ „ 
„ 6 Vatersbrüder . „ . „ „ 
„ 7 Vatersschwestern „ „ 

„ 8 Mütterliche Verwandte. 

Unbedingtes Noterbrecht der Kinder. 

Theorie vom reinen Samen. 

Syrien. 

Erbklasse 1 Söhne und Descendenz, 

„ 2 Töchter „ „ 



3 Vater 



„ 4 Brüder „ „ 

„ 5 Schwestern . . . . „ „ 
„ 6 Vatersbrüder . . . „ 

„ 7 Vatersschwestern . . „ „ 
„ 8 Mütterliche Verwandte. 

Unbedingtes Noterbrecht der Kinder. 

Theorie vom reinen Samen/ 

So weit Mitteis. Ich möchte da nichts weiter tun als das Para- 
digma des jüdisch-talmudischen Erbsystems hierhersetzen: 

Jüdisch-talmudisches Erbrecht: 

Erbklasse 1 Söhne und Descendenz, 

„ 2 Töchter „ „ 



3 Vater (ohne Fragezeichen!) 



n 4 Brüder „ „ 

„ 5 Schwestern „ „ 



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174 



D. H. Müller. 



Erbklasse 6 Vatersbrüder . . . und Descendenz, 
„ 7 Vatersschwestern . . „ „ 
„ 8 Mütterliche Verwandte. 
Unbedingtes Noterbrecht der Kinder. 1 

Wenn wir also Mitteis zugeben, ,daß die Erbfolgeordnung des 
syr. Spiegels nichts ist, als ein durch spätere, in römischem Sinn er- 
folgte Reformicrung verdorbenes griech. Intestaterbsystem sei' — so 
bleibt doch die Frage offen, nachdem Mitteis dieses Erbsystem in 
seiner ursprünglichen Reinheit wieder hergestellt hat, warum es denn 
gerade griechischen Ursprunges sein muß; ferner muß die Frage 
aufgeworfen werden, woher denn die so merkwürdige Übereinstim- 
mung zwischen dem jüdisch-talmudischen und attischen Recht kommt? 
Wenn Mitteis das syrische Erbrecht in seiner Entstellung durch 
künstliches Verfahren soweit herrichtet, daß es dem attischen gleich 
wird, so muß er doch die vollständige Identität des jüdisch-talmudi- 
schen mit dem attischen anerkennen. Die große Differenz, welche 
beide getrennt hat, ist nach meinen quellenmäßigen Ausführungen 
beseitigt, und die beiden Rechte sind ganz identisch. Wenn sich in 
Syrien ein Erbrecht findet, das (nach Mitteis) ad vocem mit beiden 
Rechten übereinstimmt, so bleibt die Sache mindestens zweifel- 
haft, aus welchem von beiden Rechten es hervorgegangen ist. 

Gegenüber der MriTEis'schen Hypothese von der Einwirkung 
des römischen Rechts auf das griechische Erbsystem in Syrien scheint 
mir die Annahme Bruns' (S. 316), daß der ganze Partikularismus auf 
altsyrischem Landesrecht beruhe, eine starke Berechtigung zu 
haben. Was Mitteis (Reichsrecht 354) gegen diese Annahme ein- 
wendet, reicht durchaus nicht hin sie zu erschüttern. Altsyrisches 
Landrecht weist aber auf die Quelle des vorderasiatischen Rechts, 
auf Babylon zurück und da kommt uns das babylonische Recht 
und der Kodex Hammurabi zu Hilfe, und aus diesem sind wir im- 
stande die beiden ersten Differenzpunkte zu erklären, durch welche 

1 Wegen des Noterbrechtes der Kinder, sowie bezüglich der Theorien vom 
reinen Samen ist schon oben gehandelt worden. 




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Das syrisch-römische Rechtsbuch und £Iammurabi. 175 

sich das syrische vom attischen (bezw. talmudischen) Rechte unter- 
scheidet. 

Schon B. Meissner (Beiträge zum altbabyl. Privatrecht, S. K>) 
sagt über das Erbrecht folgendes: ,Nach dem Tode des Vaters fiel 
das Vermögen an seine Frau, welche es weiter verwaltete; jedoch 
hatten die (großjährigen?) Kinder das Recht, ihren Vaterteil heraus- 
zufordern. Für diesen Fall aber sind sie befriedigt und können 
keine Ansprüche mehr auf einen Anteil an dem Vermögen der 
Mutter machen (Str. Warka 35). Wenn die Mutter sich nicht zur 
Herausgabe des Vaterteiles verstand, stand es den Kindern jeden- 
falls frei gegen sie zu prozessieren (Bu. 88 — 5 — 12, 37, 160). 

Erbberechtigt waren alle Kinder des Verblichenen, leibliche 
wie adoptierte (Str. Warka 30; Bu. 88—7. 12, 703)/ 

Daß die Frau nach dem Tode des Mannes die Verwaltung des 
Hauses übernommen hat, geht aus § 177 hervor, wo für den Fall 
der Wiederverheiratung der Witwe eine gerichtliche Intervention und 
Übergabe des Inventars an die Frau und den zweiten Mann an- 
geordnet wird. Dies setzt voraus, daß sie früher ohne" weiteres die 
Verwaltung des Hauses hatte, selbstverständlich solange die Kinder 
minderjährig waren. 

Damit stimmt auch § 137 überein, wo für den Fall der Schei- 
dung die Frau als Verwalterin des ihr und ihren Kindern zugespro- 
chenen Gutes eingesetzt wird, wobei es ausdrücklich heißt: ,Sobald 
sie ihre Kinder aufgezogen hat, wird sie, nachdem ihr von allem, 
was ihre Kinder erhalten, ein Anteil wie der eines Sohnes ge- 
geben wird, der Mann ihres Herzens heiraten/ 

Man *sieht also daraus, daß sie als die natürliche Vertreterin 
ihrer minderjährigen Kinder angesehen worden ist, und daß sie nach 
Erfüllung ihrer Aufgabe einen Anteil wie den eines Sohnes erhielt. 

Auch nach dem Tode des Mannes erhielt sie in gewissen Fällen 
einen Anteil wie den eines Sohnes, wie es im § 172 heißt: 

,Wenn ihr Mann ihr eine Morgengabe nicht gegeben hat, er- 
hält sie, indem man ihr die Mitgift auszahlt, von der Habe ihres 
Mannes einen Anteil wie ein Sohn/ 



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176 



D. H. Müller. 



Wie also im syrischen Recht die Mutter neben den 
Geschwistern erbt, so auch bei Hammurabi. 

Daß Söhne und Töchter gleichmäßig erben, scheint aus der 
oben aus Meissner angeführten Stelle hervorzugehen, wo einfach 
Kinder steht. 1 Hammurabi hat allerdings keine ausdrückliche Be- 
stimmung darüber, aber im § 180 heißt es: ,Wenn der Vater seiner 
Tochter, einer (Tempel-) Braut, oder der (Gott geweihten) Buhldirne 
keine Mitgift gegeben hat, wird sie nach dem Tode des Vaters, indem 
sie vom väterlichen Besitz einen Anteil wie ein Kind erhält, ihn, so 
lange sie lebt, nutzen; da ihr Nachlaß ihrem Bruder gehört/ 

Diese dem Tempeldienst geweihten Frauen dürfen keine Kinder 
haben, ihr Nachlaß fällt also ihren Brüdern zu, deswegen hat sie 
nur die Nutznießung. Daß sie aber genau denselben Teil erhält wie 
ein Sohn, beweist, daß die Kinder, männlich oder weiblich, 
gleichmäßig erben. 3 

Die beiden ersten Differenzen zwischen dem syrischen Recht 
einer- und dem griechisch-talmudischen andererseits lassen sich also 
aus dem babylonischen Recht erklären, das in Syrien Jahrtausende 
lang geherrscht und weder vom griechischen, noch vom römischen 
ganz verdrängt werden konnte. 

Die dritte Differenz kann ich vorderhand aus dem babylo- 
nischen Rechte nicht erklären — aber einige Andeutungen sind schon 
oben gemacht worden, daß eine ähnliche Rechtsanschauung viel- 
leicht von einer karäischen Autorität vertreten wurde. 3 Keineswegs 
genügt diese Diskrepanz, die Hypothese Mitteis' zu retten. 

Nach diesen Ausführungen wird, wie ich glaube, Mitteis sich 
nicht mehr darüber beklagen, ,daß ich den entscheidenden Punkt 
umgehe, nämlich das bekannte Intestaterbsystem des syrischen 
Rechtsbuches'. 



1 Indessen ist mir nicht recht sicher ob hier Meissner mit Recht ,Kinder' 
statt ,Söhne* schreibt. 

2 Den noch konkludenteren Beweis aus den Paragraphen 181, 182 und 191 
vgl. oben S. 1G4. 

3 Vgl. oben S. 167. 




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Das syrisch-römische Rechtsbüch und Hammurabi. 



177 



Ich gehe jetzt an die Besprechung der Einwendungen, die 
Mitteis gegen meine Aufstellung vorgebracht hat, soweit es nicht 
bereits in den bisherigen Ausführungen in Verbindung mit dem In- 
testatsrecht geschehen ist. Mitteis hat seine Einwendungen unter 
a — c und 1 — 9 rubriziert, ich halte dieselben Rubriken bei, führe 
die Stellen aus meinem Hammurabi-Buch an und lasse die Polemik 
Mitteis' nach ihrem wesentlichen Inhalt folgen, die ich dann mit 
meinen Glossen begleite. 



L. § 71 (S. 21 Ar. 114, Arm. 113): Wenn er aber (der Ankläger) nicht 
beweist, wird er bestraft gemäß derselben Anklage, mit der verklagt war 
derjenige, der die böse Tat begangen haben sollte. 

Bruns (S. 235): Die Strafe der Talion für falsche Anklagen findet sich 
gesetzlich zuerst im Jahre 373 in einem Gesetze von Valentinian I., später 
mehrfach auch im justinianischen Rechte. Im einzelnen kam sie freilich auch 
schon früher vor, z. B Suet. Oct. 32. 

Mit Rücksicht darauf, daß die Strafe der Talion für falsche 
Anklagen ein Grundprinzip des altsemitischen Rechtes ist und die 
Fassung dieses Paragraphen stark an Hammurabi und noch mehr 
an Exodus anklingt, darf man wohl semitischen Einfluß entweder 
auf das syrisch-römische Rechtsbuch selbst, oder was noch wahr- 
scheinlicher ist, auf dessen römische Quellen vermuten/ 

Wenn Mitteis findet, daß gleich die erste Zusammenstellung 
mit Bestimmtheit abgelehnt werden muß, und daß sie keiner Wider- 
legung bedarf, so ist dies Geschmacksache. Ich habe darauf hin- 
gewiesen, daß die Strafe der Talion für falsche Anklage ein Grund- 
prinzip des semitischen Rechtes ist und daß die Fassung des 
Paragraphen stark an Hammurabi und noch mehr an Exodus 
erinnert. Darüber verliert Mitteis kein Wort, die Tatsachen bleiben 
aber bestehen, wenn man sie auch ignoriert. Trotz dieser Tatsachen 
sagte ich ausdrücklich : ,Man darf wohl semitischen Einfluß entweder 
auf das syrisch-römische Rechtsbuch oder, was noch wahrschein- 
licher ist, auf dessen römischen Quelle annehmen/ 

Wiener Zeitscbr. f. d. Kunde d. Morgen!. XIX. Bd. 12 



A. 



,5ammurabi § 1—4 (Deut. 19, 19). 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



178 D. H. Müller. 

Mitteis wagt nicht einmal gegen meine letzte Aufstellung zu 
polemisieren, ,ist aber mit der Bemerkung zur Hand' : ,Hier handelt 
es sich nicht darum, über die Vorquelle des römischen Rechts Rätsel zu 
raten, sondern darum, die unmittelbare Quelle der syrisch-römischen 
Rechtsbücher aufzufinden und für diese ist mit allgemeinen Perspek- 
tiven nichts getan/ Ich dagegen glaube, daß in meiner Zusammen- 
stellung mehr Wahrheit und Wahrscheinlichkeit steckt als in manchen 
Zusammenstellungen Mitteis', und daß mir die Vorquelle des römi- 
schen Rechtes gerade so wichtig ist wie die des syrischen Rechts- 
buches, mußte Mitteis doch aus meinem Jiammurabi-Buch wissen. 

B. 

,Hammurabi § 14 (Exod. 21, 16). 

Ar. 120, S. 112: Die Kinderdiebe, seien sie Sklaven oder Freie, be- 
fiehlt unser Gesetz zu töten. 

Bruns (S. 244) : Der Diebstahl von Kindern, den Ar. hier anführt, 
bildet im römischen Rechte zwar kein besonderes Verbrechen, doch 
wurde die Wegnahme von Knaben zur Unzucht mit dem Tode bestraft. 

Der Zusatz in der arabischen Version ist höchst merkwürdig, 
weil er nahezu wörtlich mit ^Jammurabi übereinstimmt und sehr 
wohl aus dem altsemitischen Rechte geflossen sein kann/ 

Mitteis bemerkt dazu: ,Daß gerade an diesen Fall (Wegnahme 
von Knaben zur Unzucht) gedacht ist, ergibt der sonstige auf Pä- 
derastie bezügliche Inhalt des Paragraphen/ Dann hätte dies aus- 
drücklich stehen müssen; da es aber nicht steht, so liegt eine andere 
Vorschrift oder eine Verschärfung der römischen vor, was sehr wohl 
auf das altsemitische Gesetz zurückgehen kann. 

C. 

,Hammurabi § 7 und § 9—12. 

L. § 79 (S. 72): Diejenigen Männer und Weiber, welche von Sklaven 
gestohlene Sachen annehmen, sollen dem Herrn derselben das Vierfache 
zahlen. Ar. § 39 befiehlt das Gesetz die Zurückgabe derselben und das 
Vierfache. 

Bruns (S. 244): Die Strafe des Vierfachen ist hier sehr auffallend. 



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Das syrisch-römische Rechtsbuch und ^ammurabi. 179 



Auch diese Bestimmung erklärt sich am besten aus dem semi- 
tischen Rechte, wo der Käufer (Hehler) nach ^lammurabi das Fünf- 
fache zahlen muß. Die Differenz zwischen den Rezensionen L. und 
Ar., welch letztere aus einer von L. unabhängigen Quelle stammt, 
erklärt sich einfach daraus, daß in der einen Handschrift die Re- 
vindikation des Gestohlenen nicht ausdrücklich angeführt worden ist/ 

Dazu bemerkt Mitteis: ^Indessen ist die bei Bruns fehlende 
romanistische Erklärung des Passus mittlerweile bereits von Ferrini 
(in dieser Zeitschrift 23, 106) aus Gai. 3, 194 gegeben worden; daß 
der Spiegel dabei altes, zu seiner Zeit gar nicht mehr praktisches 
Recht vorträgt, ist keine unerhörte Erscheinung ; vgl. Reichsrecht und 
Volksrecht 346, Note 1/ Die Stelle 346 ist eine der schwächsten und 
unglücklichsten der MrrrEis'schen Beweisführung. Wenn dies die 
Stütze sein soll, sieht es um das Gestützte schlecht aus. Mindestens 
mit gleichem Rechte kann hier ein altes semitisches Gesetz, das in 
Syrien stets in Gebrauch geblieben zu sein scheint, angewendet 
worden sein! 

Mitteis bemerkt zu den folgenden Fällen: ,Besonders interes- 
sant sind mir aber die „Parallelstellen" gewesen, welche entweder 
Abweichendes oder das gerade Gegenteil besagen/ — Mir auch, weil 
man daraus oft mit größerer Sicherheit schließen kann. 



L. § 49 (S. 16): Wenn jemand einen Sklaven aufnimmt, der nicht ihm 
gehört, wissend, daß es ein Sklave ist, und er wird angeklagt, so befiehlt das 
Gesetz, daß der, der ihn aufgenommen, in die Sklaverei gezogen wird. 

Brüns (S. 215): Die Strafe der Sklaverei, die hier auf die Aufnahme 
und Aneignung fremder Sklaven gesetzt ist, findet sich in unseren bisherigen 
Rechtsquellen nicht. 

Die Strafe der Sklaverei kann sehr wohl eine mildere Form 
der Todesstrafe sein, welche bei ^iammurabi für dasselbe Vergehen 
angedroht wird.' 

Daß ein römisches Gesetz dieses Inhalts nicht überliefert ist, 
gibt auch Mitteis zu. AVenn er aber die Einflußnahme des baby- 



1. 



,9ammurabi § 15 — 20. 



12* 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



180 D. H. Müller. 

Ionischen Rechtes nicht für wahrscheinlich hält, weil die Strafe eine 
mildere geworden ist, so verkennt er eben den Einfluß der Zeit, 
welche die Sitten der Menschen mildert. 



2. 

,5ammurabi § 148. 

L. § 115 (S. 35): Wenn jemand eine Frau nimmt und es trifft sie ein 
Leiden des Körpers . . . und er will sie entlassen und eine andere nehmen, 
so schuldet er ihr ihre <pepv^ und ihre 8(opea. Wenn er aber wegen ihrer alten 
Liebe sie nicht entlassen will, so muß er ihr besondere Wohnung und Unter- 
halt gewähren nach ihrem (der <pepv^ und Scopsa) Maße, weil nicht nach ihrem 
Willen das Leiden die Frau betroffen hat. 

Brüns (S. 282): Die Entscheidungen der beiden Paragraphen (114 
und 115) entsprechen den Prinzipien der obigen Gesetze (über das Dotal- 
recht), doch haben sie wohl nicht ausdrücklich darin gestanden, son- 
dern sind nur als Konsequenzen daraus gezogen . . . Eigentümlich ist noch 
der Schlußsatz des § 115, daß der Mann, wenn er bei körperlicher Krankheit 
der Frau sie ,wegen ihrer alten Liebe nicht entlassen will*, ihr dann standes- 
gemäß Unterhalt gewähren muß. Dieses ,muß' nimmt sich neben der alten 
Liebe sonderbar aus. 

Vergleicht man damit den angeführten Paragraphen bei 5 am ~ 
murabi, wo zuerst gesagt wird, daß die kranke Frau nicht verstoßen 
werden darf und im Hause des Mannes wohnen und lebenslänglichen 
Unterhalt bekommen muß und erst dann der Fall ins Auge gefaßt 
wird, wenn sie im Hause nicht bleiben will, so ist an der ursprüng- 
lichen Formulierung nichts auffälliges. Das syrische Rechtsbuch hat 
nun in erster Reihe die römische Dotalbestimmung betont und den 
alten Usus nachhinken lassen, woraus sich die ungeschickte Fassung 
erklären läßt/ 

Mitteis nimmt willkürlich an: l) daß es sich um ein zur Iso- 
lierung zwingendes Leiden wie Lepra etc. handelt, wovon in 
keinem der beiden Gesetze die Rede ist; es handelt sich aber nur um 
ein Leiden, das den ehelichen Verkehr unmöglich macht. 2) daß für 
den Fall, daß er sich von der Frau nicht scheidet, er eine zweite 



nnn | p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



Das syrisch-römische Rechtsbuch und Hammurabi. 



181 



Ehe nicht schließen darf, 1 und will daraus einen Unterschied zwischen 
^ammurabi und dem syrischen Rechtsbuch konstruieren. Wenn der 
Mann eine andere Frau nicht heiratet, was zwingt ihn, der ersten 
besondere Wohnung und Unterhalt zu gewähren, sie kann ja ruhig 
in seinem Hause bleiben. 

Trotzdem gebe ich zu, daß die Vergleichung dieser beiden 
Stellen nicht ganz sicher ist. 



L. 14 (S. 8): [Mann und Frau dürfen einander eine Scopea nicht ver- 
schreiben]. Wenn aber einer dem anderen etwas verschreibt und er bestä- 
tigt es im Sterben durch das Testament, so ist es gültig; wenn es aber also 
nicht geschieht, so ist es ungültig. 

Bruns (S. 191): Die Ungültigkeit der Schenkungen unter Ehegatten 
ist bekanntes altes römisches Recht. Sehr auffallend ist aber, daß zur Kon- 
valeszenz der Schenkung beim Tode eine ausdrückliche Bestätigung durch 
Testament erfordert wird, da doch bereits durch Caracalla bestimmt war, 
daß stets von selber Konvaleszenz eintrete, wenn der Schenker, ohne die 
Schenkung widerrufen zu haben, vor dem Beschenkten sterbe. 

Die Bestimmung Caracallas stimmt mit dem Gesetze Ham- 
murabis überein und die abweichende Vorschrift des syrisch-römi- 
schen Rechtsbuches läßt sich daraus nicht erklären/ 

Hier hat mich Mitteis gründlich mißverstanden und s(»}ne ganze 
Polemik richtet sich nicht gegen mich, sondern gegen sein Mißver- 
ständnis. Ich habe gesagt, daß die Vorschrift des Caracalla, welche 
die Schenkung zur Lebezeit zwar nicht unbedingt anerkennt, aber 
die Konvaleszenz nach dem Tode des Schenkers (auch ohne testa- 
mentarische Bestätigung) eintreten läßt, stimme darin mit IJammu- 
rabi überein, daß die Schenkung, die bei Lebzeiten gemacht worden 
ist, deren Gültigkeit aber erst beim Tode des Mannes eintritt, nicht 

1 Ob er eine zweite (kirchliche) Ehe schließen darf oder nicht, möchte ich 
nicht bejahen, aber auch nicht absolut verneinen; daß er aber eine zweite Frau 
in welcher Form immer daneben haben kann, geht aus L. § 35 (Mitteis Nr. 4) 
hervor. 



3. 



,5ammurabi § 150. 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



182 



D. H. Müller. 



angefochten werden darf. Ich fügte ausdrücklich hinzu, daß daraus 
(d. h. weder aus Jlammurabi noch aus Caracallas Vorschrift) die ab- 
weichende Vorschrift des syrisch-römischen Rechtsbuches sich nicht 
erklären läßt. 1 

Wie mir nun Mitteis die Behauptung in den Mund legen konnte, 
,daß L. 14 nach Müller mit dem Gesetz von ^ammurabi, nicht aber 
mit dem römischen Recht übereinstimmen soll/ ist mir ganz unbe- 
greiflich! 



L. § 35 (S. 12): Wenn ein Mann Kinder hat von einer Frau ohne <pepviq 
und er will ein Testament schreiben und sie erben lassen, so erlaubt es ihm 
das Gesetz. Er kann es, indem er ihnen im Testament zuschreibt und be- 
kennt, daß sie seine Kinder sind. Wenn er ihnen aber als Fremden die 
Erbschaft zuschreiben will, so kann er schreiben wie er will. 

L. § 36: Wenn ein Mann zwei Frauen hat, eine erste ohne <pepv^ und 
er hat Kinder von ihr, und eine andere in gesetzmäßiger Weise und hat auch 
von ihr Kinder, ob sie alle gleichmäßig erben? — 

Der Mann kann sie gleichmäßig erben lassen, indem er sie, die Kinder 
der Frau ohne <f£pV7$, Fremde nennt, fremde Erben und sie nicht seine 
Kinder nennt, dennoch aber sie zusammen mit seinen Kindern zu Erben 
machen will. 

Wenn er aber nicht ein Testament macht, so erben die von der Frau 
mit Mitgift. 

Bruns (S. 269): Eine Erklärung hierfür scheint nicht anders möglich, 
als daß sich im Oriente das alte Recht provinziell erhalten hat. 
Auf den Unterschied, ob man die Kinder als Kinder oder Fremde bezeichnet, 
bezieht sich vielleicht ein Satz in einem Gesetze von Konstantin über die 
Kinder von Senatoren aus verbotenen Ehen. Diesen soll der Vater nichts 
schenken dürfen: ,sive illos legitimos sive naturales dixerit/ 

In dem angezogenen Paragraphen bei 9ammurabi wird gerade 
das Gegenteil gesagt, nämlich, daß die unehelichen Kinder nur 
dann erben, wenn sie der Vater zu Lebzeiten als , seine Kinder' 
erklärt. Dies konnte aber in christlicher Zeit einem geistlichen Re- 
daktor des Gesetzes aus kirchlichen Rücksichten nicht passen. Er 

1 Wincklers Ubersetzung der Stelle ist falsch. 



4. 



Qammurabi § 170. 




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CORNELL UNIVERSITV 



Das syrisch-römische Rechtsbuch und {Jammurabi. 183 



hat also das alte Gesetz aufrecht erhalten, aber daran die Bedingung 
geknüpft, daß die illegitimen Kinder nicht ganz den legitimen gleich- 
gestellt werden sollen. 

Diese in allen Rezensionen vorkommende Bestimmung ist von 
höchstem Interesse, weil sie uns zeigt, wie das alte Gesetz in merito 
nicht auszurotten war, daher man es in der Form abändern mußte, 
um den neuen Verhältnissen Rechnung zu tragen/ 

Mitteis glossiert erstens die Stelle ,Er hat also (?) das alte Ge- 
setz aufrecht erhalten indem er in einer Note bemerkt: ,Was 
dabei aufrechterhalten ist, wenn irgendwo gerade das Gegenteil ge- 
sagt wird, weiß ich nicht.' Und fährt dann folgendermaßen fort: 

,Obwohl also das Rechtsbuch gerade das Gegenteil sagt wie 
Hammurabi (offenbar meint der Verfasser hierbei den § 36 insbeson- 
dere), so stammt es doch aus ihm; die Umkehrung beweist eben 
nur, daß er geflissentlich die Bestimmungen umkehren mußte. Die 
Sache ist mithin sehr einfach: Entweder steht bei Hammurabi das- 
selbe wie im syrischen Rechtsbuch, dann stammt das Rechtsbuch 
aus IJammurabi; oder es steht das Gegenteil da, dann stammt es 
auch aus JJammurabi etc.' 

Ein derartiges Argumentieren paßt für einen Rechtsanwalt, der 
vor ländlichen Geschwornen plädiert, die sich dadurch verblüffen 
lassen. Ein Gelehrter und Jurist vom Range Mitteis' sollte doch 
durch wohlfeile Witze nicht durchzuschlüpfen suchen. 

Da ich mich, wie es scheint, auch für einen Mitteis nicht 
deutlich genug ausgedrückt habe, so muß ich mich selbst erklären. 
Im syrischen Rechtsbuch (L § 35, 36) wird etwas Seltsames ausge- 
sprochen, nämlich daß der Vater nur dann die illegitimen Kinder 
neben den legitimen erben lassen kann, wenn er sie ausdrücklich 
als illegitim erklärt ,Fremde nennt, fremde Erben und sie nicht 
seine Kinder nennt'. Aus dem römischen Recht wissen weder 
Bruns noch Mitteis diese kuriose Bedingung zu erklären. 



1 Wobei er den im folgenden Absatz gegebenen wesentlichen Zusatz in 
merito unberücksichtigt läßt. 




Original from 
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184 



D. H. Müller. 



Ich verwies nun darauf, daß bei Hammurabi § 170 gerade das 
Gegenteil steht, daß die illegitimen Kinder neben den legitimen nur 
dann erben, wenn sie der Vater zu Lebzeiten als seine Kinder 
bezeichnet. 

Das alte Gesetz hat also festgestellt, daß die illegitimen Kinder 
in gewissen Fällen neben den legitimen erben können; dieses Gesetz 
lag vor und wurde in vielen Fällen auch angewendet Die Kirche, 
welche in die Ehegesetzgebung gern hineinredet und sie beeinflußt, 
konnte das Meritorische des Gesetzes nicht ändern, wollte es 
klugerweise auch nicht, weil die Leute in Geldsachen keinen Spaß 
verstehen und sich gewiß gegen derartige Neuerungen mit allen 
Mitteln widersetzt hätten. Es kam ihr auch gar nicht darauf an, 
die illegitimen Erben zu schädigen oder sie konnte es nicht durch- 
setzen. Worauf es ihr ankam, ist die Legitimität, die kirchliche Ehe 
hochzuhalten; so gab sie in merito, d. h. in Geldsachen nach, änderte 
aber nur die Form. Ich glaube, daß jetzt auch Mitteis verstehen 
wird, ,was aufrecht erhalten worden ist', trotzdem daß formaliter 
das Gegenteil verlangt wurde. 

Daraus dürfte sich auch der von Bruns angeführte Satz in einem 
Gesetze Konstantins über die Kinder von Senatoren aus verbotenen 
Ehen, denen der Vater nichts schenken darf ,sive illos legitimos sive 
naturales dixerit' erklären lassen. Um derlei Ehen möglichst geheim 
zu halten, durfte selbst eine Schenkung nicht gemacht werden. 



L. § 112 (S. 34): Denn das Gesetz nimmt die Stiere aus von der Ver- 
pfändung. 

Bruns (S. 281): Daß Stiere und Kühe [von der Verpfändung] aus- 
genommen sind, ist in unseren bisherigen Rechtsquellen nicht direkt aus- 
gesprochen. 

Wohl aber bei Hammurabi, wo jedoch möglicherweise nur für 
den Fall das Verbot besteht, wenn der Pfänder keine Forderung hat/ 

Mitteis bemerkt dazu: ,Daß in diesen Worten der Nachsatz 
den Vordersatz aufhebt, bedarf keiner Bemerkung;' um Müllers 



5. 



,Hammurabi § 241. 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



Das syrisch-römische Rechtsbuch und 5ammurabi. 



185 



^möglicherweise' ganz zu würdigen, muß man seine Ausführung p. 162 
vergleichen, wo er die hier nur als möglich bezeichnete Auslegung 
direkt als die richtige bezeichnet/ 

Mitteis hat insofern recht, als ich hier das als ^möglich' be- 
zeichne, was ich oben als richtig hingestellt habe. Ist es aber Herrn 
Mitteis nicht passiert, daß er eine Ansicht, die er aufgestellt, später 
selbst bezweifelt hat ? Und darf man diese Tatsache in so aggressiver 
Form feststellen? Ich bin seither — nicht etwa infolge der MrrTEis'schen 
Polemik — sogar zu dem Resultate gekommen, daß das Gegenteil 
von dem wahr ist, was ich auf S. 162 meines Buches ausgesprochen 
habe und daß in der Tat bei ^lammurabi das Verbot auch für den 
Fall besteht, wenn der Pfänder eine Forderung hat. In diesem 
Falle paßt also die Stelle ^ammurabis vortrefflich und der Nachsatz 
hebt nunmehr den Vordersatz nicht auf. 

Ich halte es aber für notwendig, hier die ganze Gedankenkette 
zu entwickeln, die mich zur ersten Auslegung, dann zur Bezweiflung 
und zuletzt zur Negierung derselben geführt hat. 

Nach § 113 wird eigenmächtige Pfändung von Getreide, selbst 
wenn der Gläubiger eine Forderung hat, hart bestraft. Das gepfändete 
Gut muß rückerstattet werden und der Gläubiger geht seiner Forde- 
rung verlustig; dagegen darf man (nach § 115), wenn man eine For- 
derung hat, eine Pfandperson, d. h. eine Person, welche Eigentum 
des Schuldners ist (Kind oder Sklave) pfänden und nur, wenn man 
eine solche Person pfändet ohne eine Forderung zu haben, wird 
man zur Zahlung einer Drittelsmine verurteilt. Ich habe nun a minori 
geschlossen, daß dies auch bei einem Stiere der Fall ist, der doch 
minderwertig ist als ein Mensch, und angenommen, daß § 241 sich 
auch auf den Fall bezieht, wo der Pfänder keine Forderung hat. 

Nachdem aber § 241 ganz allgemein lautet und in alten 
Gesetzen eigenmächtige Pfändung bei Sachen strenger gestraft wird 
als bei Personen, so schien mir und scheint mir auch jetzt, daß sich 
dieses Gesetz auch auf den Fall bezieht, wo der Pfänder eine For- 
derung zu stellen hatte, wie ja Joh. Jeremias die Sache von vorn- 
herein gefaßt hat. 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



186 



D. H. Müller. 



Somit sind alle Vergleichungspunkte besprochen, die in dem 
ersten Teil meines Artikels ,Das syrisch-römische Rechtsbuch' (JJam. 
S. 275 — 278) angeführt und von Mitteis in seiner Erwiderung 
(Zeitsckr. der Sav.-St. xxv, S. 287 — 291 sub a — c und 1 — 5) behandelt 
worden sind. 

Die Punkte 6 und 7, welche sich auf den zweiten Teil meines 
Artikels beziehen, habe ich schon oben ausführlich besprochen und 
die Einwendungen Mitteis' zurückgewiesen oder in Bezug auf Punkt 7 
ihnen bis zu einem gewissen Grade Rechnung getragen. 



Punkt 8 heißt es bei Mitteis: ,In bezüg auf die Emanzipation 
adoptierter Kinder führt der Verfasser an, daß hier Hannnurabi den 
Adoptierten vor liebloser Verstoßung mit leeren Händen ebensowohl 
schützt wie das syrische und griechische Recht, was nicht bestritten 
werden soll/ 

Dieses Zugeständnis reicht mir keineswegs aus. Ich setze die 
Stelle (Hammurabi S. 279), aus der erst die ganz.e Differenz zwischen 
meiner und Mitteis' Auffassung erkannt werden kann, hierher: 

,Der erste Punkt betrifft die Apokeryxis, deren Spuren Mitteis 
im syrisch-römischen Rechtsbuche (L. § 58, P. 72, Ar. 102, Arm. 101) 
finden will. Die Stelle lautet: 

Wenn jemand sich einen Sohn schreibt vor dem Richter und will ihn 
verstoßen, so erlauben es ihm die Gesetze nicht. Auch erlauben ihm die Ge- 
setze nicht, daß er seinen wirklichen Sohn ohne Grund verstoße. Wenn er 
sie aber freilassen will und loslösen von der Botmäßigkeit unter seiner Hand, 
so kann er es vor dem Richter. 

Dieser Paragraph bietet große Schwierigkeiten, auf die bereits 
Bruns und Mitteis hingewiesen haben. Es liegt hier unzweifelhaft 
eine Vermischung zweier Begriffe vor, der , Verstoßung', welchen 
das römische Recht nicht kennt, und der Freilassung (emaneipatio), 
welche in einem scharfen Gegensatze zur Verstoßung steht. 

Mitteis weist hier mit Recht auf die Zusätze der arabischen 
und armenischen Rezensionen hin und vergleicht hierzu die ent- 
sprechende Bestimmung der Inschrift von Gortyn: 



8. 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



Das syrisch-römische Rechtsbüch und Hammurabi. 



187 



Syrisch-römisches Gesetzbuch. Recht von Gortyn. 

Ar. 102: Wenn ein Mann ein Kind XI, 10 ff. Wenn (er will) soll der 
vor dem Richter adoptiert und dann Adoptivvater die Vcrstoßung aus- 
cs wieder fortschicken will, so erlaubt sprechen auf dem Markt von dem 
ihm unser Gesetz das nicht. Er kann Stein, von dem herab man spricht, 
dem Rechte nach sein Kind nicht von nachdem sich die Bürger versammelt 
sich fortschicken, ohne ihm etwas haben. (Er soll) niederlegen ...?..? 
zu geben. Stateren an der Gerichtsstelle und 

Arm. 101 . . . Das Gesetz gestattet der Schreiber soll es als Gastgeschenk 
ihm (dem Adoptivvater) nicht mit dem Verstoßenen geben. 
Gewalt seinen Sohn leer fortzu- (Bernhöft.) 
jagen. 

Aus dieser Übereinstimmung glaubt nun Mitteis (Reichsrecht 2 IG) 
schließen zu müssen, daß das syrische Rechtsbuch hier deutliche 
Spuren des griechischen Partikularrechtes aufweist. 

Vergleicht man die Gesetze Hammurabis, so findet man in den 
§§ 168 — 169 die auf die Verstoßung des leiblichen Sohnes bezüg- 
lichen Vorschriften, wonach dieselbe nur vor dem Richter ge- 
schehen kann, wenn dem Sohne eine schwere Sünde nachgewiesen 
wird, die ihn losreißt vom Sohnesverhältnisse. 

Zieht man ferner den auf die Verstoßung eines Adoptivsohnes 
bezüglichen § 191 heran, so ist da ein Richterspruch nicht nötig, 
dagegen wird wörtlich gesagt: „Wenn ein Mann . . . den Adoptiv- 
sohn zu verstoßen beabsichtigt, geht dieser Sohn nicht (ohne wei- 
teres) seines Weges. 1 Sobald ihm sein Ziehvater von seinem Ver- 
mögen ein Drittel seines Kindesanteiles gibt, geht er." 

Soweit ich die Sache übersehe, scheint das syrische Rechts- 
buch in diesem Punkte weit näher den alten Bestimmungen des 
Hammurabi-Kodex zu sein, als dem Rechte von Gortyn, wo ganz 
andere Formen (die Ansprache vom Steine herab und das Gast- 
geschenk durch den Schreiber) vorliegen, von denen im syrischen 
Rechtsbuche keine Spur vorhanden ist/ 



1 Richtig nach Delitzsch muß es heißen: ,Geht dieser nicht mit leeren 
Händen fort, 4 was noch besser zum syrischen Rechtsbuch paßt. 



rw"*nl*> Original from 

,kJXJ ö lS - CORNELL UNIVERSITY 



188 



D. H. Müller. 



Der letzte Punkt (9) in Mitteis' Erwiderung bezieht sich auf 
die Unzucht der Frauen mit Sklaven. Vgl. Hammurabi S. 283 : 

,Punkt VI betrifft die Unzucht der Frauen mit Sklaven (S. 539). 



L. § 48: Wenn ein freies Weib 
die Frau eines Sklaven wird und sie 
wohnt mit ihm im Hause seines 
Herr n, so wird sie Sklavin zusam- 
men mit denjenigen, die von ihr ge- 
boren werden im Hause des Herrn 
des Sklaven. 



Gortyn VI, 55 p. Der . . . (Sklave?) 
. . . wenn er zur Freiin geht und ihr 
beiwohnt, sollen frei sein die Kinder; 
wenn aber die Freiin zum Sklaven 
geht, sollen Sklaven sein die Kinder. 

(BüCHELER-ZlTTBLMANN.) 



Scheinbar verhält sich die Sache bei Qammurabi ganz anders, 
indem in § 176 gesagt wird, daß, wenn die Freiin ins Haus des 
Sklaven zieht, die Kinder frei bleiben. Dieser Paragraph bezieht 
sich aber ausdrücklich nur auf Hof- oder Armenstiftsklaven, die 
eine besonders privilegierte Stellung einnahmen. Man darf daraus 
schließen, daß bei gewöhnlichen Sklaven die Kinder eben nicht 
frei blieben/ 

Mitteis wendet dagegen ein: , Dabei hat der Verfasser sich auf 
II. 176 berufen; vergleicht man jedoch den § 175, so zeigt sich sofort, 
daß dies mißverständlich ist. § 175 nämlich erklärt bei der Quasi- 
ehe (?) der Hof- (Palast-) oder Stiftssklaven alle Kinder frei, ganz 
unabhängig davon, an welchem Ort das Verhältnis gepflogen wurde; 
was in 176 gesagt wird, bezieht sich nur auf die Teilung des ehe- 
lichen Vermögens und hat mit dem Personalstand der Kinder gar 
nichts zu tun, der allemal derselbe ist. Also ist bei ^lammurabi der 
hier wesentliche Punkt gar nicht berührt und von einer Koinzidenz 
keine Rede/ 

Mitteis übersieht hier, daß die beiden Paragraphen (nach Scheils 
Einteilung) in Wirklichkeit nur einen Paragraphen bilden. § 176 be- 
ginnt nämlich mit u und nicht mit summa ,wenn', wie jeder echte Pa- 
ragraph beginnen muß. Der Paragraph ist so aufgebaut: Zuerst wird 
die allgemeine Bestimmung gegeben, daß die aus einer Ehe einer 
Freien mit einem Hof- oder Stiftssklaven stammenden Kinder (gleich- 



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,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



Das syrisch-römische Rechtsbuch und ^Iammurabi. 189 



viel wo das Zusammenleben stattgefunden hat) frei sind, dann fährt 
der Gesetzgeber fort : Daher erhält die Frau ihre Mitgift zurück und 
haben die Kinder, selbst wenn die Eltern im Hause des Herrn als 
Sklaven zusammengelebt haben, ein Anrecht auf die halbe Erbschaft 
ihres Vaters, womit ausgedrückt wird, daß weder sie noch ihre Kinder 
der Sklaverei verfallen. 

Der Umstand, daß ^ammurabi dies für den Fall des Zusammen- 
lebens im Hause des Herrn des Sklaven ausdrücklich hervorhebt, 
beweist, daß sonst (d. h. bei anderen Sklaven) in solchem Falle 
Mutter und Kinder der Sklaverei verfielen — quod demonstran- 
dum erat. 



Während der Korrektur dieses Artikels ist mir die Abhandlung 
,Über drei neue Handschriften des syrisch-römischen Rechtsbuches' 
von Ludwig Mitteis (Abhandlungen der kön. preuss. AJcad. d. Wissen- 
schaften vom Jahre 1905) zugegangen. Eine Prüfung derselben hat 
mich nicht veranlaßt, irgend etwas an meinem Artikel abzuändern. 
Die Untersuchung und die Resultate Mitteis' berühren in keiner 
Weise die Resultate meiner Arbeit. Punkt 5 seiner Resultate: ,Die 
ursprüngliche Redaktion des Rechtsbuchs dagegen hat im römischen 
Reich stattgefunden und ebenso müssen auch die bis 474 vollzogenen 
Nachträge hier geschrieben worden sein/ der von einiger Bedeutung 
für die mich beschäftigende Frage sein könnte, ist meines Erachtens 
weder genügend gesichert, noch in der etwas unbestimmten Form 
von entscheidendem Werte. 

Dagegen glaube ich, daß einige Bestandteile der römischen 
Version, die in den älteren Hss. nicht vorkommen und jetzt im sy- 
rischen Texte und in Sachau's Übersetzung vorliegen, wieder nur 
aus semitischem Recht erklärt werden können. 



Der Richter spricht: ,Wenn ein Mann einen Fund von Denaren oder 
Drachmen macht, und es (das Ding) freiwillig seinem Besitzer zurückgibt 



I. 



R. i, § 55 (= R Ii 148, 3 neue Hss. S. 41 und 42). 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



190 



D. H. Müller. 



oder auf Befragen ohne Zwang ein Bekenntnis über den Fund ablegt, so be- 
fiehlt das Gesetz der Richter, daß der Finder ein Viertel der gefundenen 
Sachen bekommt, während der ursprüngliche Besitzer drei Viertel bekommt. 



Wenn aber zwei Menschen oder viele auf der Straße gehen und der 
erste etwas findet, Gold, Silber, Erz, Gewand oder sonst etwas, so soll es 
allen, die bei ihm waren, gehören, und der Finder ist wie einer von ihnen. 
Wenn aber der mittlere es gefunden hat, soll es ihm gehören und dem letzten, 
während der andere keinen Teil daran hat. Wenn aber der letzte etwas ge- 
funden hat, gehört es ihm allein. 

Hierzu bemerkt Mitteis: 

,Diese Paragraphen enthalten durchaus neues Recht, für welches 
die bekannten Quellen keinerlei Anknüpfungspunkte bieten; denn es 
ist ein feststehendes Prinzip des römischen Rechtes, daß der Finder 
einer Sache niemals [deren] Eigentümer wird. Hier dagegen wird 
der Eigentumserwerb des Finders als selbstverständlich vorausgesetzt/ 

Ich bin weder im Stande in einem älteren semitischen Recht 
die Festsetzung eines bestimmten Finderlohnes, noch auch eine Spur 
von der , originellen Methode', nach der die Frage behandelt wird, 
welche von mehreren bei der Auffindung anwesenden Personen das 
Eigentum bekommt, nachzuweisen — aber die Tatsache, daß in 
gewissen Fällen der Finder als Eigentümer des Fundgegenstandes 
angesehen wird, läßt sich aus dem talmudischen .Recht mit aller 
Sicherheit feststellen. 

Man unterscheidet zweierlei Arten von Funden, solche, bei 
denen der Eigentümer sein Besitzrecht nachweisen kann, z. B. Geld 
in einem bestimmten Beutel etc., und solche, bei denen das Eigentum 
nicht mehr nachgewiesen werden kann, z. B. zerstreute Münzen. 
Im ersten Falle ist der Finder verpflichtet, den Fund zu verlaut- 
baren, im zweiten Falle nimmt man an, daß der Besitzer jede Hoff- 
nung, den Gegenstand zu erlangen, aufgegeben hat. Dadurch wird 
der Fund als herrenloses Gut angesehen und der Finder wird dessen 
Eigentümer. Auch der Talmud beschäftigt sich mit der Frage, welche 
von den beim Fund anwesenden Personen das Besitzrecht erwirbt, 



R. 



,. i, § 58 (3 neue Hss. S. 41). 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



Das syrisch-römische Rechtsbuch und ^ammurabi. 191 

weicht aber in der Entscheidung dieser Frage von R. ab, indem dort 
derjenige, der zuerst den Gegenstand ergreift, dessen Eigentümer 
wird. 1 

Wie aber, wenn alle vor dem Funde stehen bleiben und keiner 
danach die Hand ausstreckt und sie untereinander darüber delibe- 
rieren ? — Für diesen Fall würde die in R. vorgeschlagene Lösung 
wohl die richtige sein; immer vorausgesetzt, daß nicht eine neu 
hinzugekommene Person davon Besitz nimmt. 

IL 

R. i, § 57 (3 neue Hss. S. 44). 

, Jeder Prozeß, welcher es auch sei, der wegen einer Sache oder jeder 
Handlung stattfindet, der durch Schwur entschieden wird: wenn der Ge- 
schworenhabende nach einiger Zeit findet, daß er lügnerisch und falsch ge- 
schworen hat, kann er nach dem Schwur nicht wieder in demselben Prozesse 
etwas sagen/ 

Mitteis sagt: ,Was diese Bemerkung besagen will, läßt sich 
nicht ausmachen; denn so wie sie dasteht, gibt sie gar keinen Sinn/ 
Er macht verschiedene Erklärungsversuche, die er aber selbst als 
unzulänglich und dem Wortlaut des Paragraphen nicht entsprechend 
verwirft. 

Ich möchte die Vermutung aussprechen, daß unter dem , Schwö- 
renden' nicht einer der Prozessierenden zu verstehen sei, sondern 
eine außenstehende Person, die als Tatzeuge oder Sachverständiger 
herangezogen wird. Durch die beschworene Aussage dieser Person 
wird der Prozeß entschieden. Wenn nun diese Person nach einiger 
Zeit findet, daß sie falsch ausgesagt hat, so läßt man sie zu einer 
erneuerten Aussage nicht zu. 

Eine merkwürdige Analogie bietet das talmudische Recht in 
der Bestimmung tjöi nnn irx nw Trw \n ,Wenn ein Zeuge vor Gericht 
eine Aussage gemacht hat, darf er eine erneute, von der früheren 
abweichenden Aussage nicht machen/ 



1 Vgl. Baba Mezi'a, Abschnitt i und n. 



nnn |p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



192 



D. H. Müller. 



Dieser Grundsatz, der sich an Lev. 5, 1 anlehnt, kehrt in der 
talmudischen Literatur häufig wieder. 1 Die älteste Formulierung 
findet sich in einer Berajta (zweites Jahrh. v. Chr.) im Jerusch. Ke- 
tubot ii, fol. 26 b und in der Tosephta Ketubot n, 1: ,Wenn Zeugen 
aussagen in bezug auf Unrein und Rein, Illegitimität oder Legitimität, 
Verbotenes und Erlaubtes oder Entlastung und Belastung: wenn sie, 
bevor sie von dem Gerichte vernommen (ausgeforscht) worden sind, 
sagen: „wir haben gelogen", sind sie beglaubigt, wenn sie aber nach 
der Vernehmung durch das Gericht sagen: „wir haben gelogen", 
glaubt man ihnen nicht/ 

Trotz mancher Schwierigkeiten, die sich dieser Vergleichung 
entgegenstellen (R: Schwur, im Talmud: Zeugen) scheint sie mir 
dennoch zulässig, wobei darauf hingewiesen werden möge, daß R. i 
,in Assyrien oder Babylonien geschrieben wurde', also dort, wo das 
talmudische Recht geherrscht hat. 

Indessen scheint es mir nötig, die Frage noch etwas eingehender 
zu erörtern. Im talmudischen Recht ist ein assertorischer Eid der 
Zeugen nicht bekannt: die Zeugen sagen vor dem Richter aus, be- 
schwören aber ihre Aussage nicht. Dagegen kennt das syrische 
Rechtsbuch den assertorischen Eid der Zeugen, wie es ausdrücklich 
in L. § 106 heißt: 

,Diese (die tauglichen Zeugen), nehmen die Gesetze an, daß sie Zeugnis 
ablegen über jede Sache, die sie wissen, indem sie die gepriesenen und schreck- 
lichen Gesetze Gottes anfassen und schwören, daß sie mit Wahrheit bezeugt 
haben.' 

Bruns (S. 271) und Mitteis {Reichsrecht 519) haben diese Tat- 
sache festgestellt und letzterer hat auch den Versuch gemacht, den 
assertorischen Eid im griechischen Rechte nachzuweisen. Ich möchte 
in diese Sache nicht weiter eindringen und nur darauf hinweisen, 
daß im Gegensatz zu Mitteis, der im römischen Recht nur einen 
promissorischen Eid zugeben will, L. Wenger (Zeitschr. der Sav.-Stift. 
xxiii, 205) auch einen assertorischen Zeugeneid anzunehmen scheint. 

1 Vgl. Synhedrin 44 b , Makkot 3* Ketubot 18 b , Baba Batra 168* und Sche- 
buot 32 \ 




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Das syrisch-römische Rechtsbuch und Hammurabi. 



193 



In R. i, § 57 kreuzen sich demnach die Einflüsse zweier Rechte, 
des talmudischen, wonach der Zeuge im selben Prozeß nicht wieder 
aussagen darf und des römischen (resp. nach Mitteis des griechischen), 
in welchem der assertorische Zeugeneid vorkommt. Derartige Bastard- 
gesetze lassen sich im syrisch-römischen Rechtsbuch mehrere nach- 
weisen. 

Ein weiterer interessanter Punkt ist die Art des Schwörens: 
,indem sie die gepriesenen und schrecklichen Gesetze Gottes an- 
fassen und schwören/ 

Eine Analogie bietet wieder das talmudische Recht, wonach 
man beim Schwur die Thorarolle anfaßt, wobei man allerdings auch 
an die Eidesformel der von W. Härtel publizierten Urkunde aus 
dem Ende des 5. Jahrhunderts erinnern muß: ,indem ich bei Gott 
dem Allmächtigen und der Heiligkeit und dem Sieg der glorreichen 
und unsterblichen (heiligen) Schrift schwöre' (Wenger a. a. O. 



,Wenn ein Mann einem andern ein Depositum oder Geräte (oder Kleider) 
zum Bewahren übergibt, und sie dem Menschen, bei dem sie deponiert sind, 
gestohlen werden: wenn nun die Depositare gegen jemanden aussagen, daß 
er die Geräte gestohlen habe, so ist der Besitzer der Geräte nicht berechtigt, 
den als Dieb Angeschuldigten zu fassen und zu mißhandeln oder ihm etwas 
ihm Gehöriges wegzunehmen, sondern er soll seine Geräte von demjenigen, 
dem er sie überantwortet hat, nehmen, und der, welcher das Depositum emp- 
fangen hat, soll Entschädigung leisten (sie nehmen) woher er will (?)' 1 

Dazu bemerkt Mitteis: 

,Die Angabe, daß der Deponent, wenn die hinterlegte Sache 
gestohlen wird, sich an den Depositar halten kann, ist ebenso be- 
denklich, wie der Satz, er dürfe den Dieb nicht fassen und herbei- 
schleppen. Natürlich ist der Dieb hier nicht für manifestus, aber 
die Ansprüche gegen ihn stehen dem Deponenten zu (D. 47,2.14,3), 
nicht dem Depositar und das gerade deshalb, weil letzterer grund- 



1 D. h. wohl: soll sich beim Dieb schadlos halten. 
Wiener Zeitschr. f. d. Kunde d. Morgenl. XIX. Bd. 13 



S. 259). 



III. 



R. i, § 59 (3 neue Hss. S. 45). 




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194 



D. H. Müller. 



sätzlich für Diebstahl nicht haftet. Vgl. auch Kollat. 10, 2, 1. Wie 
das Rechtsbuch zu dieser Konfusion 1 kommt, ist nicht zu ergründen/ 

Ein deutlicheres Eingeständnis der Hilflosigkeit kann man nicht 
mehr machen. Und doch, hätte Mitteis die Augen offen gehalten 
und sich nicht gegen jeden Strahl, der vom semitischen Recht kommt, 
abgeschlossen, so würde er bald erkannt haben, daß von einer Kon- 
fusion im Rechtsbuch nicht die Rede sein kann. Wir lesen bei 
Hammurabi § 125: 

,Wenn ein Mann seine Habe zur Aufbewahrung übergeben hat und 
seine Habe dort, wo er sie abgegeben, durch Einbruch oder Raub mit der 
Habe des Hausherrn verloren ging, wird der Hausherr, der, weil er fahr- 
lässig war, das, was man ihm zum Aufbewahren übergeben hatte, verloren 
gehen ließ, herbeischaffen (bezahlen) und dem Eigentümer der Habe erstatten. 
Der Hausherr (Depositar) wird seine abhandengekommene Habe aufsuchen 
und vom Dieb nehmen.' 

Vergleicht man damit R. i, § 59, so liest es sich wie eine Para- 
phrase des Hammurabi, wobei die Formulierung angesichts der dia- 
metral entgegengesetzten Bestimmungen des römischen Rechtes ge- 
rade durch den Gegensatz beeinflußt worden ist. 

Wenn Mitteis jetzt diese Stelle des Hammurabi, die ich in 
meinem Buche (S. 112 ff.) ausführlich besprochen und mit den Be- 
stimmungen im Exodus in Zusammenhang gebracht habe, übersehen 
hat, so darf man sich nicht wundern, ,daß er lange vor dem Erscheinen 
der MüLLEii'schen Schrift über Hammurabi den Hammurabi-Kodex 
geprüft und darin nichts gefunden hat, was irgend auf Verwandtschaft 
und Einwirkung auf das syrische Rechtsbuch deuten konnte'. 2 



Ziehen wir das Fazit dieser langen Untersuchung, so ergibt 
sich daraus, daß der Vorwurf ,des gänzlichen Mißverständnisses der 

1 Von mir gesperrt. 

2 Es sei hier noch darauf verwiesen, daß von Mitteis selbst (Reichsreckt 32) 
,in den griechischen Ordnungen von Hierapolis-Mabbogh. manche orientalische Lokal- 
töne 4 zugestanden werden. Ich möchte daraus nur einen Punkt hervorheben: ,Wenn 




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Das syrisch-römische Rechtsbuch und Hammurabi. 



195 



Rechtsregeln und dadurch bedingter unrichtiger Angabe des Tat- 
bestandes' nicht mich trifft. 



murabi-Buch ist mit geringen Ausnahmen erwiesen und vielfach durch 
neue Argumente erhärtet worden. Die neuen römischen Handschriften, 
die Ed. Sachau aufgefunden und übersetzt hat, bringen neue Belege für 
meine These. Der Beweis Mitteis', daß das syrische Intestaterbrecht 
auf das attische Recht zurückgeht, ist vollkommen mißlungen, im 
Gegenteil geht aus der Betrachtung der historischen Entwicklung 
hervor, daß das attische Recht vom semitischen beeinflußt worden 
ist; man könnte sich sonst die vollkommene Ubereinstimmung des 
biblisch-talmudischen und griechischen Erbsystems, wie es Mitteis 
selbst festgestellt hat, nicht erklären. Ich glaube, daß ich vollkommen 
berechtigt war auszusprechen: ,Man wird jedenfalls nicht mit gleicher 
Sicherheit im syrisch-römischen Rechtsbuch die Reste des griechi- 
schen Rechtes „als ein spätes Zeugnis für die ungebrochene Kraft 
der führenden Nation" erkennen; ja man wird erwägen müssen, 
ob dieses Zeugnis nicht in sein Gegenteil umzukehren sei/ 

nach dem dortigen Recht die Ehe ohne, schriftlichen Vertrag mit Aussteuer und 
Brautpreis der rechten Weise ermangelte, so wußte man schon damals, daß „die 
Sitte des Westens** eine idealere war.* Dazu möchte ich zweierlei bemerken: 1) Der 
Hinweis auf die idealere Sitte des Westens zeigt, daß sich Mitteis wenig mit der 
ethnographischen Jurisprudenz beschäftigt hat. 2) ,Der schriftliche Vertrag* wird 
auch schon im Hammurabi (§ 128) gefordert. 



Die Richtigkeit meiner Aufstellungen gegen Mitteis im Ham- 



13* 




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Anzeigen. 



A. M. ^Hppt, FpaMMamuKa yduHCKato nmm. CocTaBiM'B — . Thmhcb, 
1903. S. xi, (S. 3 OoaBjieHie, S. 2 ^onodHeHia h oneMaTKH), 101. 

(— CßopnuKz Mamepiajioez djin ouucanin Mbcmmcmeit u ujicmchz Kae- 

K(t3(t, BHnyCK'B XXXIII, 0T#fc.a r & IV.) 

(Schluß.) 

Die Konjugation zeigt größere Regelmäßigkeit als die Dekli- 
nation, aber das Erklären ist hier noch schwieriger. Indessen kann 
die vorläufige Zergliederung doch etwas weiter geführt werden als 
dies von Schiefner und Dirr geschehen ist. Besonders was den 
Infinitiv oder vielmehr die Infinitive anlangt, unter welchem Namen 
ich, mit Beseitigung von ,Supinum' und ,Gerundium', die Nomina 
actionis in ihrer subjektischen, adnominalen und adverbalen Ver- 
wendung begreife. Ich verzeichne zunächst die sämtlichen Formen 
(ich wähle uk'sun ,essen* als Musterverb) in derjenigen Anordnung 
welche meiner Ansicht nach dem tatsächlichen Zusammenhang am 
ehesten entspricht, und füge dazu einige Anmerkungen. 



ulc- 1) { 



uh'-es 3) f uk'-es-un 4) 



uk'-a- 2) 



itlc-a-ma 2») u k'-s-mi 3 a ) uk'-es-unun 4 a ) 

rik'-a-tan 2 b ) u J c ^in 3 a ) uk'-es-un-a 4 a ) 

*uk' a-x 2 C ) uk'-s-ax 3 b ) uk'-es-un-a% 4 R ) 

uk'-a-x-un 2 e ) uV-s-ayo 3 b ) uk-es-un-ayo 4 a J 
uk*-e$-%olan 3 b ) 



pOO 



gle 



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Dirrs Grammatik der udischen Sprache. 197 

1) reiner Verbalstamm, welcher zuweilen noch im Sinne des 
Part. Praet. (Pass.) vorkommt (s. unten S. 205). 

2) erweiterter Verbalstamm, wie er im Konj. Präs. und auch im 
Imperativ vorliegt (bei Stammesverschiedenheit zum ersteren stim- 
mend: eyama zu eya-n, nicht zu elce). Der Annahme Dirrs S. 74 
daß die Suffixe -(a)ma 9 -xun, -tan an das Part. Praes. (auf -al) 
angetreten seien, kann ich nicht beipflichten; es ist doch einfacher 
anzunehmen daß in diesen Formen nie ein -Z- vorhanden war als 
daß es überall ausgefallen ist (ukfama für *uk 9 almd). Die Anfügung 
der genannten Suffixe an das Part. Praet. welche hie und da vor- 
kommt (s. unten S. 210), halte ich für sekundär. Auf das Begriffliche 
kann aber insofern kein allzugroßes Gewicht gelegt werden als, wie 
ich noch Gelegenheit haben werde darzutun, die Rolle des Partizips 
von der des Infinitivs nicht scharf geschieden ist. Daß das Subjekt 
neben ulta- nicht im Genetiv, sondern in der Subjektsform steht, er- 
klärt sich aus der ja auch beim Infinitiv anderer Sprachkreisc ge- 
wöhnlichen Angleichung an das Verbum finitum : baba uJca-ma ,der 
Vater essen-bis' = ,bis der Vater ißt' baba uJca-ne ,der Vater esse 4 . 

2 a ) ,bis zum Essen'. Schiefner § 118 erinnert an die ossische 
Kasusendung -ma, -mä ,zu', ,bei' (aber auch diese schon ganz ge- 
wöhnlich = ,bis' räumlich und zeitlich ; s. v. Stackelberg Beiträge zur 
Syntax des Oss. S. 41 f.). Im Udischen findet sich utiama auch 
nach dem Komparativ statt des Ablativs (so Matth. 19, 24. Mark. 9, 
43. 47. Luk. 16, 17. 18, 25). Auch an die einfachen und sonst inde- 
klinabeln Demonstrativpronominen tritt -ma an; wir haben nämlich 
die Verbindungen: ema% ,wie viel?', mema, tema ,soviel'. Vgl. ama 
mit vorhergehendem Genetiv: ,soviel als', so sa qöqnikun ama so- 
viel als eine Elle' Matth. 6, 27. Luk. 12, 25. 

2 b ) ,beim Essen'. Schon Schiefner hatte festgestellt daß -tan 
aus dem Tatarischen stammt; aber weder er noch Dirr haben be- 
merkt daß die Bedeutung nicht im Einklang damit ist. Denn tat. 
-dan, -tan bildet einen Ablativ; die udische Form aber hat den 
Charakter eines Lokativs, und so entspricht ihr genau der tat. Lo- 
kativ auf -da in görän-dä ,beim Sehen', werän-dä ,beim Geben' usw. 



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,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



198 H. SCHÜCHARDT. 

In udischen Adverben und Postpositionen begegnet uns -tan im ta- 
tarischen Sinn: boS tan ,von innen', qoS-tan ,von hinten' (Dirr S. 37); 
aber hierher gehört kaum das in den Ev. so oft vorkommende do- 
yridan ,wahrlich', ,in Wahrheit', welches in beiden Teilen osma- 
nisch und tatarisch ist, welches ich aber als Zusammensetzung 
weder hier noch da nachweisen kann. Es scheint mir daß der Ude 
die beiden tatarischen Kasus miteinander verwechselte als er ulca- 
tan bildete. 

2 C ) ,beim Essen'. Wir haben hier das echt udische Synonym 
des tatarisierenden Ausdrucks. Der temporale Affektiv beim Sub- 
stantiv ist oben S. 434 besprochen worden; die dort ganz vereinzelte 
Form auf -ayun {yena^un neben yen[n]a%) ist hier die einzig beleg- 
bare. Ulca% } ultayun lassen sich übrigens ebenso gut von ulc wie 
von uk'a als Nominativ ableiten. 

3) Diese Form bezeichnet Dirr S. 43 in einem Atem als radi- 
kalen Infinitiv und als sekundären, der aus dem primitiven (auf 
-sun) durch Verkürzung, nämlich durch Abwerfen von -im entstanden, 
und in dem das in der vollen Form ausgefallene -e- wieder herge- 
stellt sei. Ich glaube, es ist das nur eine nicht sehr glückliche Aus- 
drucksweise; Dirr selbst kann doch nicht verkennen daß uk'es dem 
uJcesun vorausgegangen ist. Das aber scheint ihm entgangen zu sein 
daß, während -a einen allgemein präsentischen Charakter hat, mit 
-es- wohl zunächst das Durativ bezeichnet wird, sodaß dann -esa 
dem Ind. des Präs. und des Imperf. eignet, bei allen Verben mit 
Ausnahme eines einzigen (und natürlich seiner Zusammensetzungen), 
nämlich des mehrstämmigen für ,sagen': p c esun. Dieses hat in der 
durativen Gruppe des Verbum finitum nicht p'es-, sondern und 
in der konjunktiv-futurischen nicht p\ sondern uk- (doch lautet der 
Imperativ up'a), wohl aber in der perfektischen j? c -, wodurch wir an 
arische Verben erinnert werden (wie altind. aha ,er sprach' oder altarm. 
asel oder lat. ajo — altind. vdkti ,er spricht', Part, uktds — gr. qHjtu, 
lat, färi), und zwar umsomehr als die andern kaukasischen Sprachen, 
wenn ich mich nicht täusche, nur wenige stärkere Anklänge ge- 
währen (so lak. ut B in ,sagen', Perf. ükura). Wir dürfen nun dieses 



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Dirrs Grammatik der udischen Sprache. 199 

-es- nicht etwa dem von -esun ,kommen' gleichsetzen ; in dem letz- 
teren ist außer dem allgemeinen Durativzeichen der für uns nun 
nicht mehr erkennbare Stamm des Verbs enthalten. Das sehen wir 
deutlich aus Schreibungen wie ees balcal t'eza, nifch. ees teza bak'o 
Sch. 49, v ; 11, fetu bak'o ees Joh. 6, 65, efä nut bak'altvä ees 
Joh. 7, 34, efä ees balcal t'eioä Joh. 13, 33; aus diesem ee muß sich 
zunächst ein langes e ergeben haben. Welcher Stamm aber hierin 
steckt — auch dieses Verb ist ja mehrstämmig — läßt sich mit 
Sicherheit nicht sagen. Am nächsten scheint der konj.-fut. ey- zu 
liegen; aber es frägt sich ob dieser vom Inip. ek'e zu trennen 
ist, in welchem ich eine Entlehnung aus dem arm. ek (Plur. ekek\ 
alt ekaik r ) zum alten Aor. 1. S. eki erblicken muß. Schon der aus- 
lautende Vokal (die Endung der 2. S. Imp. ist sonst immer -a) deutet 
auf fremden Ursprung. Demnach ziehe ich es vor hier an den Per- 
fektstamm ar- (inl. -er-, z. B. ti-ne-t-eri) zu denken, mit welchem wohl 
arm. ari, häufigere Nebenform von ek (nach Finck Neuostarm. 
Lehrb. § 41) nichts zu tun hat. Aus *aresun oder * er esun würde 
noch vor dem allgemeinen Schwund von -e- (*arsun, *ersun) ent- 
standen sein *aesun, *eesün. 1 Wenn nun neben uk'sun das Passiv 
uk c esun steht, so beruht das nicht auf der verschiedenen Quantität 
des 6, sondern darauf daß die Bildung des Passivs mit esun ,koinmen' 
etwas verhältnismäßig Neues ist — das udische Transitiv hat ja im 
Grunde passivischen Charakter — , also das e von ulcesun ,gegessen 
werden' weit jünger ist als das e von *ulcesun ,essen'. Die Form 
uties hat substantivischen Sinn: ,(das) Essen' und findet sich selb- 
ständig (mit eigenem Ton und freier Stellung) nur noch neben 
bak'sun ,möglich sein', z. B. bazak'o ulces ,es wird mir möglich sein 

1 Den Schwund eines intervokalischen r möchte ich auch annehmen in dem 
Perfekt von uk'sun ,essen': Jcai-, Jcäi-, Jcee- (nifch. Jcehe- Scn.), lce-. Wenn man 
auch von ulca- ausgehen wollte, das im Präsens sein -a, im Perfekt sein u- ver- 
loren hätte, so müßte man doch fragen: wie kommt es daß wir hier nicht lei haben 
(wie p*i, b'i)? Wir werden so auf einen konsonantisch auslautenden Stamm hinge- 
wiesen, und da tritt uns das schon altarm. keri oder keraj, Aor. 1. S. zu uCel , essen* 
entgegen. In ari~ ,kam' blieb sei es weil es selbst ein anderes war, sei es weil 
es unter andern Bedingungen stand. 



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200 



H. SCHUCHARDT. 



zu essend Sie verbindet sich mit -tesun (-desun), seltener mit besun 
,machen' (von denen das erste selbständig nicht mehr vorkommt) 
zu einer Worteinheit, welche den Wert eines Faktitivs hat: ulceste- 
sun ,essen machen 4 , ,nähren'; at^esbesun (D., zu S. 420 Z. 24 oben 
nachzutragen) ^verschwinden machen', ,verderben', ,verlieren'. 

3 a ) Von den beiden hier angefügten Kasusendungen geht die 
erstere als solche der heutigen Nominaldeklination ab. Das -an von 
ulc'san ,zum Essen' (gehen, einladen usw.), ,um zu essen' entspricht 
dem -a des Dativs. Es scheint sonst den lesghischen Sprachen 
fremd zu sein (im Ossischen wird der Dativ mit -än gebildet). Eine 
Spur davon ist uns aber doch innerhalb der udischen Deklination 
selbst erhalten, nämlich in -yolan, der erweiterten Nebenform der 
Komitativendung -%ol. Uk'sin bedeutet ,im Essen', ,mit dem Essen', 
,essend' (auch konzessiv, z. B. bah' sin Mark. 8, 18. Joh. 4, 9); das 
-in ist, wie Dirr vermutet, aber nicht begründet, das in des Instru- 
mentals von dem oben (S. 431) genügende Beispiele beigebracht sind. 

3 b ) Diese Formen tragen die gewöhnlichen Kasusendungen 
und zwar in deren gewöhnlicher Bedeutung. Uk*8a% ist akkusati- 
vischer Affektiv; es scheint nur neben burqesun , anfangen' vorzu- 
kommen. In dem Beispiel das Dirr von -ayo gibt (ein anderes ist 
mir nicht aufgestoßen), dient es zur Bezeichnung der Ursache, wie 
auch beim Nomen (z. B. heiuyp , deswegen'). Uk'sa%olan bedeutet 
, zugleich mit dem Essen', ,beim Essen' (zu den DntRSchen Beispielen 
füge noch: bit'esgolan purine ,beim Fallen starb er' Sch. 48, in, 3, 
wozu die Nachtr. und Ber. zu vergleichen). 

4) Wenn der Name ,Infinitiv' für diese Form aufbewahrt wird, 
so ist das nicht ganz begründet. Denn erstens haben wir hier eine 
wirklich substantivische Bildung, einen Nominativ vor uns; -im ist 
nicht etwa die Genetivendung, sondern macht den Verbalstamm zu 
einem Nomen, wie das chürk. -ni (z. B. .ak'-is ,kommen', .ak'-ni 
,das Kommen'), das kür. -wal. Das Kürinische hat aber eine andere 
Endung für das Nomen actionis die dem Laut wie dem Gebrauch 
nach dem udischen -un sehr genau entspricht, nämlich -un, -ün 9 -in, 
•än, ebenso hat das Lakische als Infinitivendung -an, -an, -in, -un, 



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,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



Dirrs Grammatik der udischen Sprache. 201 

ähnliche das Rutulische, und zu diesen lesghischen Sprachen stimmt 
merkwürdigerweise das Ossische mit seinem unerklärten -un y -pi. 
Überall hier werden diese ^Infinitive' auf -un usw. ganz so wie Sub- 
stantive dekliniert, und auch im Udischen hat keine Übertretung 
der ursprünglichen Grenzen stattgefunden; neben buqsun (Dirr 
8. 42, 5. a)) , wollen' steht nur scheinbar ein Infinitiv in unserem Sinn, 
denn buzaqsa uk'sun besagt wörtlich: ^gewollt ist mir (das) Essen'. 
— P c e$un-ne ,Sagen ist es' = ,das heißt' (Dirr, Ev.) ist wohl dem 
Armenischen nachgeahmt: or e asel. 

4 a ) Ich habe hier bloß diejenigen Kasus aufgeführt die bei Dirr 
S. 43,. 5. c) belegt sind; die andern können ohne Zweifel ebensogut 
gebildet werden. Als Instrumental finde ich it s t'ämiz nut lcar%e- 
sunen = '^wv asdmoc, jkhbh pacnyTHO Luk. 15, 13; nur ist das Beispiel 
nicht sehr schlagend, da es mit dem deutschen: ,durch sein unreines 
Leben' (= vita) zusammenfällt. Wenn ~(e)sax neben burqesun ,an- 
fangen' gebraucht wird, so kommt doch auch, wie ein DiRRSches 
Beispiel zeigt, -(ejsunax in dieser Verbindung vor (vgl. S. 100 Anm. 8 
und 12); aber auch in andern Verbindungen, z. B. bequnyesai %ene 
galp c esunax ,sie erwarteten die Bewegung des Wassers' Joh. 5, 3 
(der Affektiv steht bei diesem Verb auch Luk. 1, 21. 7, 19, gewöhn- 
lich aber der Dativ). Am deutlichsten tritt der substantivische Cha- 
rakter des udischen ,Infinitivs' im Genetiv hervor, obwohl auch 
neben diesem der Kasus des Verbum finitum zu stehen pflegt, so 
Jcodt sevbestesunun ba%tin ,des ein Haus [Nom.] Bauens halber' Dirr 
a. a. O., sotux sinämiSbesunun ba%tin ,des ihn [Äff.] Versuchens 
halber' Matth. 22, 35. Joh. 8, 6 (in ganz der gleichen Verbindung 
auch sotu Mark. 8. 11. Joh. 6, 6, indem sinämiS noch als unmittel- 
bares Objekt gefühlt wurde; s. oben S. 432). 

Über die Endung der 1. P. PI. des Imperativs: -en gibt uns 
Dirr S. 45 f. keine ganz zutreffende Auskunft. Der Imperativ hat 
im allgemeinen die gleiche Stammform wie der Konjunktiv, er 
unterscheidet sich von ihm in der 2. P. S. durch den Mangel des 
Pronomens: uJca ,iß', fällt aber in der 2. P. PI. mit ihm zusammen: 
utianan ,eßt'. Das letztere war ursprünglich auch in der l.P. PI. der 



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202 



H. SCHUCHARDT. 



Fall; doch ist dann eine Differenzierung eingetreten, indem im Im- 
perativ -aja- zu -e- zusammengezogen wurde: ulcajan ,daß wir essen', 
uJcen ,laßt uns essen'. Nun wird aber bei den zwei oder drei mehr- 
stämmigen Verben (und ihren Zusammensetzungen) der Konjunktiv 
von einem andern Stamm gebildet als der Imperativ und von dem- 
selben wie Futur und Optativ, und die 1. P. PI. des Imperativs, die 
ja, wie auch in andern Sprachen, keine eigentliche Imperativform ist, 
folgt dem Konjunktiv; so haben wir z. B. von t 9 amp c e$un ,schreiben': 
t 8 amp c a , schreibe t 9 ampanan , schreibt aber t s amken ,laßt uns 
schreiben' (rvj t s amkajan ,daß wir schreiben'), und von t'aisun ge- 
hen': t'aJce ,geh', taUman ,geht', aber t'ayen ,laßt uns gehen' (no t a- 
yajan ,daß wir gehen'). Dirr bietet die Formen selbst ganz richtig 
dar, aber zu t'ayen setzt er in Klammern hinzu: ,statt (alten 1 ; er 
führt ferner an: aqelce, aqelcenan, aqeyen, und bedenkt das letzte 
mit einem ^sic!'; und er merkt endlich zu girlte, girk'enan, girk'en 
als Nebenformen 1 an: girelce, girütienan, gireyen. Demnach be- 
trachtet er -yen in der 1. P. PL Imp. der Verben auf -esun und -isun 
als das Sekundäre, Ausnahmsweise, hingegen -k c en als das Regel- 
mäßige, und das sagt er ja ausdrücklich mit den Worten 46, 4: 
Jce, k'enan, Jcen — cy#<i>HKCH iviarojiOB r L Ha ecyn h wich. Die For- 
men baik'en, laik'en, qailcen (ebenso wie girlcen) aber, die im fol- 
genden durch keine Sätze belegt werden, kommen mir recht ver- 
dächtig vor; bestehen sie wirklich, so beruhen sie auf der von den 
beiden andern Personen ausgehenden Analogiewirkung. 

Eine besondere Schwierigkeit würde derjenige der das Udische 
praktisch studieren wollte, darin finden daß manchen Infinitiven 
sich nicht ansehen läßt wie sie zu konjugieren sind, oder mit andern 
Worten, daß sie verschiedene Möglichkeiten der Zergliederung zu- 
lassen. S. 78 sagt Dirr daß tapsun, zapsun, t s apsun, t^ap'sun so 

1 Es sind keine BTopocreneHHHH <i>opMH, sondern die ursprünglichen. Das e 
von eya-, ek'e bleibt ja zunächst in der Zusammensetzung, ebenso wie das von esun 
(s. oben S. 199); Dirr selbst gibt rjiresun, qaiesun an. In andern Formen mochte 
es schwinden; aber zu sagen, wie Dirr S. 61 Anm. tut, das e von aqeyaz usw. (S. 69 
verzeichnet er auch gireyal neben giryal) sei des Wohllauts wegen eingeschaltet 
worden, das heißt die Sache umkehren. 



rw"*nl*> Original from 

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Dirrs Grammatik der udischen Sprache. 203 

konjugiert werden wie wenn sie für tap-pesun, zappesun, t 8 ap-p f e- 
sun, t^ap-p'esun stünden. Wir würden daraus entnehmen daß pp* 
vor Konsonant sich zu p (aber vor Vokal zu p € : Imp. tap'a } tap- 
p*a) vereinfachte (vgl. oben S. 427); t^ap'sun bildet dann eine 
merkwürdige Ausnahme — vielleicht ist es ein Druckfehler. Schief- 
ner gibt t'apsun (Ev. tapsun), aber zap'sun (so auch Ev.), t 8 ap r - 
sun. Der Infinitiv bapsun , erreichen 6 (mit Dat.) ließe sich nun 
ebenfalls als bap-p r esun fassen; aber der Ind. Praes. ba-ne-p(e)sa 
(Dirr S. 52. 89, 21) und das Praet. n ba-ne-pi (Dirr S. 55. 88, 7) 
zeigen daß wir es mit bap-(e)sun zu tun haben. Wie sind aber 
damit Fut. i ba-ne-ko und Fut. n bakal-le zu vereinen? Sind sie von 
Dirr S. 58 f. richtig auf bapsun ^erreichen' bezogen? Der Form 
nach gehören sie zu ba-p (e)sun ^eingießen 4 (D. 40, 7), Ind. Praes. 
batx-eya (D. 89, 11), Konj. Praes. Pass. baeya-ne (Luk. 5, 38). 
Schiefner hat beide Verben ganz zu einem verschmolzen. Ich er- 
wähne hier noch das Verb bäp'sun , bellen i (bäpsa% D. 44, 28), 
welches eine ähnliche Art der Zusammensetzung zeigt wie tapsun 
usw.; es steht nämlich für bäp'-jfesun. Die mit esun (ich bediene 
mich hier des Quantitätszeichens um Verwechselungen vorzubeugen, 
nicht um die gegenwärtige Aussprache wiederzugeben) ,kommen', 
, werden' zusammengesetzten Verben lassen sich von denen mit der 
einfachen Infinitivendung -esun im allgemeinen leicht unterscheiden, 
da sie immer ihr e wahren, die letzteren es aber meistens verlieren. 
Es handelt sich also nur um die seltenen Fälle in denen auch diese 
es wahren. Dahin gehört art 8 esun ,sitzen', Praet. n ar-re-t 8 i, Fut. i 
ar-re-t 8 o, Konj. Praes. art 8 a-ne, Part. Praes. art 8 al, Part. Praet. art 8 i] 
die drei letzten Formen begleitet Dirr S. 60. 69. 71 mit einem ,sic!', 
als ob er art 8 eyane, art 8 eyal y art 8 et 8 i erwartet hätte. Eine solche 
Auszeichnung käme viel eher den Formen ur-re-ko (S. 58), urka-ne 
(S. 60) und urkal (S. 69) zu, deren Infinitiv nicht ur p'esun ist, 
sondern urtesun , spinnen', dem art 8 esun ganz gleichgeartet. Das 
Praet. n ur-re-ti stimmt zu diesem, mögen wir ihn nun in ur-tesun 
oder in urt-esun zerlegen (vgl. georg. riwa , spinnen'). Dirr hat Un- 
recht S. 58. 60. 68 auf Grund dieses einzigen urtesun zu behaupten daß 



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204 



FL SCHUCHARDT. 



die Verben auf -tesun im Fut. i -ko, im Konj. Praes. -ha und im Part. 
Praes. -kal haben. Und ein ,sic!' gehörte auch zum Part. Praes. laitgal 
(S. 69) von lait 5 y esun ^emporsteigen'; denn da es mit t£esun f Praet. n 
t£eri-ne, Part. Praes. t$eyal zusammengesetzt ist, so müßte eigentlich 
das Part. Praes. lait^eyal lauten, wie in der Tat das Praet. n lait$e- 
ri-ne lautet. Es ist dies Verb eben im Futur usw. wie ein einfaches 
Verb behandelt worden; wenn es sein i — lait$esun für Hat^esun 
— dem gleichbedeutenden laisun entnahm, so konnte es sich diesem 
auch im Lautgewicht angleichen (laitjal für Haiti eyal ^ laiyal). 
Umgekehrt sind manche einfache Verben auf Grund ihrer Bedeu- 
tung im Praet. n der Analogie der mit Bsun zusammengesetzten 
Verben gefolgt: et $ $un ,bringen', Praet. n et 5 eri~ne, aber Fut. i e-ne-t$o, 
Konj. Praes. et$a-ne, Part. Praes. et$al* faSsan ,führen', Praet. n t'a- 
ne-8eri 9 aber Fut. i t'a-ne-so, Konj. Praes. t'asa-ne, Part. Praes. t'asal; 
tistun (für *tit-esun) ? laufen', Praet. n ti-ne-teri, aber Konj. Praes. 
tita-ne y Part. Praes. tital. Dirr setzt S. 71 zu jedem der drei Part. 
Praet. et&ri, t'aseri, titer i ein ,sic!' (warum nicht auch S. 5G beim 
Praet. n?); aber das müßte er vielmehr wenn er in der Anm. *) 
diese Verben als mit esun zusammengesetzt anzusehen geneigt ist, 
bei den andern Formen e-ne-t$o usw. als den unregelmäßigen tun. 
Ich gebe die angedeutete Möglichkeit zu, und lasse mich zur An- 
nahme einfacher Verben hauptsächlich nur durch die e-losen Infinitiv- 
formen bestimmen. Das Verb aizesun ^aufstehen', von welchem Dirr 
nicht nur das Praet. n aizeri-ne, »sondern auch das Fut. i aizyone 
angibt, läßt es auf den ersten Blick sicher erscheinen daß es mit 
&8un zusammengesetzt ist. In den Ev. aber finde ich die futurischen 
Formen anders gebildet: aizal-ne (Konj. Praes. aiza-ne), und so kann 
denn das e von aizesun vielleicht wie das von art 8 esun y urtesun 
aufgefaßt werden, dies Verb also den unmittelbar vorher genannten 
angereiht werden (vgl. aizapsun = qaqaipsun , aufhängen 1 Sch.). 
Hier, wie bei den früheren Bemerkungen, kommt es mir nur in 
zweiter Linie darauf an das Dunkle und Unregelmäßige zu erklären, 
in erster es überhaupt als solches festzustellen; das eben hat Dirr 
nicht in genügendem Maße getan.- 




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Dirrs Grammatik der udischen Sprache. 



205 



Am Schluß des Abschnittes über die Konjugation spricht Dirr 
in einem ganz kurzen Paragraphen (30, S. 80 f.) ,von der Rektion des 
Verbs durch den Kasus' und bezeichnet die hierauf bezügliche Frage 
als die heikelste der udischen Grammatik. Damit hat er durchaus 
Recht; sie ist aber zugleich die wichtigste. Ich bedauere daß Dirr 
meine Abhandlung Über den passiven Charakter des Transitivs in 
den kaukasischen Sprachen, insbesondere die Auslassungen über das 
Udische (S. 29 — 34) nicht benutzt hat; er hätte hier manche Auf- 
klärung empfangen und dann seinerseits manche Aufklärung zu ge- 
währen vermocht, sodaß ein wissenschaftlicher Fortschritt erzielt 
worden wäre. Ich will hier die Angelegenheit in ihrem ganzen 
Zusammenhang — jener Paragraph Dirrs erörtert nur die Bezeich- 
nung des realen Subjekts — darlegen, indem ich das früher von 
mir Gesagte ergänze und das von Dirr an der angegebenen und 
an andern Stellen Gesagte berücksichtige. Im Udischen ist wie in 
den andern kaukasischen Sprachen anfänglich das Transitiv als Pas- 
siv gedacht; die aktivische Auffassung hat sich dann eingedrängt 
und es sind sehr verschiedenartige Mischungen entstanden. Der 
nackte Verbalstamm, soweit er noch heute vorkommt, besitzt passive 
Bedeutung und zwar die eines Partizips; Dirr sagt S. 87, er kenne 
nur wenig Beispiele davon und führt auch nur zwei Stämme derart 
an. Es sind aber nicht Stämme einfacher Verben, sondern erste 
Teile zusammengesetzter: yati ,angebunden' von yatsp'esun, t 8 am 
geschrieben' von tsamp'esun. Hiervon können wie von jedem Ad- 
jektiv, Präsens und Imperfekt gebildet werden: t s am-ne ,es steht ge- 
schrieben', t s am-ne-i ,es stand geschrieben'. Substantiviert: t s amo 
(t s amotu usw.) ,die (heilige) Schrift' oder ohne Artikel t 8 am (t 8 amnux, 
t s amuryu% usw.) dass. oder ,Inschrift', , Aufschrift'. Und entsprechend 
mag yati (yät$ Sch.) ,Bund' als gebundenes' erklärt werden und 
ähnlich anderes (aber bäp* , Gebell' scheint, trotz oben S. 203, erst von 
häp sxm abgeleitet und bä primärer Ausdruck für ,Gebell' zu sein). Vor 
allem werden nun die Verbalnominen sowohl aktivisch wie passivisch 
gebraucht. Und etwas von dieser Janusköpfigkeit zeigt der Infini- 
tiv auch in unsern Sprachen, was sich daraus erklärt daß er im 




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206 



H. SCHUCHARDT. 



Grunde absolut ist, nämlich keiner Beziehung auf Subjekt oder Ob- 
jekt bedarf. Selbst wo diese neben ihm ausgedrückt werden, können 
wir darüber in Zweifel sein ob wir ihn aktivisch oder passivisch zu 
fassen haben, z. B. in dem Satze : ,er gibt den Kindern Wein zu 
trinken', je nachdem uns als das Wesentliche vorschwebt: ,er gibt 
den Kindern zu trinken' oder: ,er gibt Wein zu trinken'. In den 
passivistischen Sprachen ist der Gebrauch des Infinitivs im passiven 
Sinn natürlich viel -usgebreiteter; so heißt z. B. ,ich bin nicht mehr 
würdig dein Sohn genannt zu werden' (Luk. 15, 19. 21) auf Bas- 
kisch (Leigarraga) : guehiagoric eznauc digne hire seme deitze-co 7 
auf Georgisch: aryara yirs war me tjodebad d z ed Senda. Wäh- 
rend an dieser Stelle das Altarmenische den passiven Infinitiv 
(kot$il) hat, begegnen wir an einer andern dem auf -el im passiven 
Sinn: siren . . . kot$el *i mardkane Rabbi Rabbi ,sie lieben „Rabbi, 
Rabbi" von den Menschen angeredet zu werden' (Matth. 23, 6 f.). 
Derselbe Infinitiv aktivisch, z. B. ,ich bin nicht gekommen zu rufen 
. . .' (Matth. 9, 13): bask. eznaiz ethorri . . . deitze-ra, georg. ara 
mowed t 9 y odebad . . ., altarm. ot$ elci kot$el . . . Gerade aus dem 
Udischen habe ich keinen Beleg für jenen Gebrauch zur Hand; 
in diesen und ähnlichen Fällen bedienen sich die Ev. des Verbum 
finitum. Aber der zweifache Gebrauch der Partizipe (auch das Alt- 
armenische kennt ihn bei denen des Praet. und des Fut., das Ossi- 
sche bei dem des Fut.) tritt uns im Udischen so deutlich entgegen 
daß er auch von Dirr deutlich hätte dargelegt werden müssen; es 
genügte nicht zu sagen (S. 71): ,Der Gebrauch der Partizipe ist sehr 
mannigfach; bald sind sie wirklich Partizipe der Gegenwart [warum 
nur dieser?], bald Gerundien, bald Bezeichnungen der Nomina 
agentis.' Ich spreche zuerst vom Part. Praes., welches auf -al 
(-ala) ausgeht (Dirr S. 72 f.); zwei bei Dirr aufeinanderfolgende 
Satzbruchstücke veranschaulichen am besten die entgegengesetzte 
Verwendung: dowen ukalo ,das was der Geist sagt', ja% vJcalo ,das 
was uns frißt'. Da nun das Udische, wie es die Personalformen 
eines mit esun gebildeten Passivs besitzt, auch (wovon allerdings 
Schiefner und Dirr nichts melden) ein Part. Praes. Pass. besitzt 




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Dirks Grammatik der udischen Sprache. 



207 



(z. B. öt 8 eyal Sch. §186; gameyal unten ist refl.), so fragt es sich wie 
dieses sich in der Praxis gegen das andere Part. Praes. abgrenzt. Es 
fehlt mir an Stoff; ich finde nur: Isus, Xristos ukeyal , Jesus, welcher 
Christus genannt wird' (Matth. 1, 16), Juda Iscariot ukeyal , Judas 
welcher Iskariot genannt wird' (Matth. 26, 14), anderseits Isusayol 7 
Xristos ukaltu% ,mit Jesus, welcher Christus genannt wird' (Matth. 
27, 22), wie denn ukal immer in der Verbindung ,Ort welcher heißt' 
erscheint; übrigens ist es mir zweifelhaft ob von pesun ,sagen' ein 
finites Passiv vorhanden ist. Es liegt im Wesen des Partizips daß 
es sich entweder auf ein reales Subjekt oder ein reales Objekt 
bezieht, daß es also immer relativ ist; kommt dennoch die Partizip- 
form absolut vor, so ist sie eben in die Sphäre des Infinitivs über- 
getreten, und zwar stellt sie in der attributiven Verbindung den Ge- 
netiv eines solchen vor. Diese Begriffserweiterung ist in unsern 
Sprachen nicht unbekannt; wir sagen z. B. fallende Sucht' für , Krank- 
heit des Fallens', ,Fallsucht', und ^nachtschlafende Zeit' für ,Zeit 
des Nachtschlafens'. Was aber hier ausnahmsweise geschieht, ist im 
Udischen ganz regelmäßig, so ulcal wayt ,essende Zeit' = ,Zeit des 
Essens', ,Essenszeit', nej>ayesunun t'ayala voayt ,des Schlafens gehende 
Zeit' = ,Zeit des Schlafengehens', zombak'ala xoayt ,lernende Zeit' 
= ,Zeit des Lernens', ,Lernzeit', kuayp tos t^eyala t'ähär ,aus dem 
Hause herausgehendes Mittel' = ,Mittel des Herausgehens aus dem 
Hause', ot^kalkal (Sch. -ala) ga ,badender Platz' = , Badeplatz' (Seit. 
Joh. 5, 2), sinämisbal ivädinal ,zur versuchenden Zeit' = ,zur Zeit 
der Versuchung' (Luk. 8, 13), gameyal ganu ,an dem sich wärmenden 
Ort' = ,an dem Ort des Sichwärmens' (Mark. 14, 67). Die Absolut- 
heit eines solchen Partizips kann ohne daß sich dabei sein Verhältnis 
zu dem es Regierenden' Nomen ändert, durch Bezeichnung des Sub- 
jekts oder Objekts aufgehoben werden, so XOän furukal ganu ,an 
dem ihr spazierengehenden Orte' d. h. ,an dem Ort eures Spazieren- 
gehens' (Dirr), bul kottbal ga ,Kopf beugender Ort' d. h. ,Ort des 
Kopfbeugens, der Verehrung' (Joh. 4, 20), und das kann ich nun, 
obwohl mir keine ähnlichen Beispiele gegenwärtig sind, erweitern 
zu Bi%oyo bul kot^bal ga ,Ort der Gottes Verehrung'. Wir werden 




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208 



H. SCHUCHARDT. 



aber vielleicht auch da wo das Partizip passiven Sinn hat, wie in 
aqal amryo% ,die (zu) kaufenden Dinge' (Dirr) — man vergleiche 
,die vorhabende Reise', ,die innehabenden Orden' — ebenfalls von 
einem absoluten Partizip der bezeichneten Art ausgehen; man würde 
ebensowohl gesagt haben , Dinge des Kaufens' wie ,Mann des 
Kaufens', und erst aus der Verbindung selbst würde sich dort die 
passive, hier die aktive Bedeutung ergeben haben. Wir begegnen 
endlich auch dem Part, auf -al, -ala in der Rolle eines nicht adno- 
minalen Infinitivs und zwar eines subjektischen ; so ja t$eyala t'e-ne 
ja mandala ,weder Herauskommen noch Verbleiben ist' d. h. ,man 
kann weder h., noch v.' (Dirr); ein anderer Satz: t^it^al t e e-ne hu 
(D. 73, 8 = 93, 2l) läßt sich sowohl übersetzen: ,Herausziehen = 
Herausgezogen- werden ist nicht' wie ,herausziehender = einer der 
herauszieht, ist nicht'. Mit diesem Part. Praes. wird das Fut. n gebildet, 
einfach durch Hinzufügung der Personalpronominen : ulcal , essend', 
uk c alzu ,ich werde essen' (ekal wa lamandal t'e-ne ,nichts wird dir 
zustoßen' D. 72, 12 f. sollte vielmehr S. 66 f. stehen). Dirrs Ansicht 
(S. 68 Anm.) daß das -al des Part. Praes. nichts anderes sei als die 
Endung des Terminativs (ulcal ,im Essen'), eine Ansicht die er mit 
den beiderseitigen Nebenformen auf -ala hätte stützen können, würde 
recht annehmbar sein wenn die prädikative Verwendung dieser 
Form und die inessive des Terminativs sich als die ursprünglichen 
nachweisen ließen. So aber scheint es mir geratener einen subjek- 
tischen als einen adnominalen oder adverbalen Infinitiv auf -al(a) 
an die Spitze zu setzen, aus dem sich dann das Partizip entwickelt 
hätte. Wir würden uns dafür auf die Übereinstimmung berufen 
dürfen welche im Altarmenischen zwischen dem Infinitiv auf -l und 
dem Part. Praet. (passivisch und aktivisch) auf -eal besteht. Das 
letztere ist eigentlich ein Infinitiv, wie sich daraus ergibt daß es 
das Subjekt im Genetiv neben sich haben kann; ,nora bereal e, 
„il a portö" a dü signifier originairement „il y a porter de lui", c'est- 
a-dire quo Tinfinitif et le participe auraient etö differenciös secondaire- 
ment'. So Mfjllet Gramm, comp, de Varm. cl. § 98, wo ich nur statt 
,porter' setzen möchte: ,avoir porte'; auch der Form nach ist ja be- 




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Dirrs Grammatik der udischen Sprache. 



209 



real ein Inf. Praet. Freilich paßt diese Auffassung nicht gut zu der 
ebendaselbst hervorgehobenen Verwandtschaft zwischen dem -l des 
arm. Infinitivs und dem *-lo anderer arischer Sprachen, welches ad- 
jektivische Geltung hat, im Slawischen sogar ebenfalls partizipiale ; 
auch § 64 hatte Meillet auf die ursprünglich substantivische Natur 
der Partizipe auf -eal hingewiesen und zugleich kaukasische Reflexe 
in der betreffenden Wendung vermutet. Wie im Armenischen bereal 
von berel bezüglich der Zeitstufe verschieden ist, so im Udischen 
uk'al von ulcsun, allerdings erst sekundär. Während wir in uJc- 
sun den Durativstamm haben (u-ne-Jcsa ,er ißt % eig. ,er ist beim 
Essen'), haben wir in ultal den Perfektivstamm (vlca ,iß'); die Ver- 
schiedenheit der Form entspricht der Verschiedenheit der Aktionsart; 
vgl. georg. zidaw-s ,er trägt', zide ,trage'. Die Verwendung des -al 
als Personalform für das Futur erklärt sich dadurch ohne weiteres. 
Der Lautgestalt nach erinnern die beiden udischen Formen an den 
Infinitiv auf -un und das ,Nomen verbale' auf -wal des Kürinischen 
(s. oben S. 200); und da das Buduchische in gleichem Sinne ein -tvali 
besitzt, so könnte in seiner Futurendung -ctli ein Verwandter des 
ud. -al stecken. — Mit dem Part. Praet., welches auf -i ausgeht 
(I)irr S. 73 f.), verhält es sich bezüglich des Gebrauchs wie mit dem 
Part. Praes.; z. B. akt.: wa% et$erio ,der dich hergebracht Habende' 
(Dirr), za% jaqabi baba ,der mich gesendet habende Vater' (Joh. 5, 
30); pass.: me jan et$eri yinärmu% , diese von uns hergebrachten 
Mädchen' (Dirr), adamar Biypyon jaqabi ,ein Mensch von Gott ge- 
sendet' (Joh. 1, 6). Ohne daß das Subjekt oder Objekt des Parti- 
zips durch das regierende Nomen ausgedrückt ist: it s tcyon mandi 
gala ,an dem sie Halt-gemacht-habenden Orte' d. h. ,an dem Orte 
wo sie Halt gemacht hatten' (Dirr). Es kann aber auch das Par- 
tizip mit dem Substantiv gleichsam zu einem Worte verschmelzen, 
und dann tritt, mit wesentlicher Beziehung auf das Substantiv, der 
Genetiv ein: itjyo(i) mandi gala ,an ihrem Halteplatze'. So ist wi 
baJci yi nicht sowohl ? der Tag an dem du geworden bist' als ,dein 
Geworden-seins Tag' = ,dein Geburtstag' (D. 67, 23 und ähnlich 
Matth. 14, 6. Mark. G, 21), hez Icalin aqi amryo%o ,von meinen [— 

Wienflr Zeitschr. f. d. Knndfl d. Morgenl. XIX. Bd. 14 




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210 



H. ScHUCHARDT. 



den von mir] dort gekauften Sachen' D. 74, 1, sunta bi yar<lpiu% 
, eines [= von einem] gemachte Ausgabe* D. 74, 6 (= 37, 3), it& 
aqi ek c al ,auf seinem [= dem von ihm] gekauften Pferd' D. 92, 3. 
Und sogar bez p c io ,mein Gesagtes' = ,das von mir Gesagte' D. 74, 2. 
Wenn, ganz dem Part. Praes. entsprechend, das Part. Praet. die Be- 
deutung eines adnominalen Infinitivs annehmen kann (,der Ort des 
Halt-gemacht-habens'), so erscheint es auch, mit dem Artikel sub- 
stantiviert (s. oben S. 439), als adverbaler Infinitiv (als subjektischen 
vermag ich es jedoch nicht zu belegen). Aber, soviel ich sehe, 
nur im Ablativ vor der Postposition ö§ä ,nach' : aritu%o ösä ,nach 
dem Kommen' (Sch.), zornbalcitu^o ö§ä ,nach dem Lernen' (Sch.), 
besbityo osa ,nach dem Tödten' (Luk. 12, 5). Auch hier kann die 
Bezeichnung des realen Subjekts oder Objekts hinzutreten, so me 
yimypi t§ebaJcit%o osa ,nach diese Tage Verflossen-sein' (Luk. 4, 2), 
Joannen jaqabior t'at 8 \typ osa ,nach von Johannes Abgesandte Weg- 
gegangen-sein' (Luk. 7, 24), sunt Itaitnyo *ösä ,nach Brod Gegessen- 
haben' oder , Gegessen -worden -sein' (Dirr). Man darf sich nicht 
versuchen lassen auch hier das Partizip zu finden: ,post hos dies 
praeteritos' usw.; das Subjekt wird zuweilen sogar in den Genetiv 
gesetzt, so bez puritu%o ösä ,nach meinem Gestorben-sein' (Sch. 
§ 191), puriganuxo aizeriiyo osa äetai ,nach dem von den Toten 
Auferstehen von ihm' = ,nach seiner Auferstehung' (Matth. 27, 53), 
obwohl das ein Russismus oder Georgismus oder Armenismus sein 
mag. Es erscheint aber das Part, auf -i als Infinitiv auch ohne Ar- 
tikel, nämlich vor den Endungen -(a)ma (das -a- ist analogisch ein- 
gefügt) und -tan (s. oben S. 197), so bak'iama ,bis zum Gekonnt- 
haben', ,bis zum Können' — ,möglichst', Icambak'itan ,beim Knapp- 
geworden-sein' (des Fleisches) Dirr S. 74 (s. auch die Anm.). Wie 
beim Part. Praes., so kommt auch hier eine passive Form vor, die 
von den Grammatikern nicht in die Paradigmen aufgenommen wor- 
den ist ; ich kann sie nur mit t 9 amet 8 i aus den Ev. belegen : t 8 amet 8 i 
ai£ ,das geschriebene Wort* (Mark. 15, 28), t 8 amet 8 io ,die (heilige) 
Schrift', neben t 8 amo (s. oben S. 205), t 8 amet 8 i-ne-i (Joh. 19, 20) = 
t 8 am-ne-i (Joh. 19, 19) ,es stand geschrieben' (,es war geschrieben 



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Dirrs Grammatik der üdisohen Sprache. 211 

worden' wäre : t 8 am-n-et 8 e-i). Dem Part. Praet. ist das finite Praet. n 
(Aorist) ganz gleich, nur daß es mit dem konjunkten Subjektspro- 
nomen versehen ist (doch in gewissen Fällen darf oder muß dieses 
fehlen; so heißt gekommen': ari, ,A. ist gekommen': A. ari-ne, aber 
,wer ist gekommen?': su-a ari?). Da nun anderseits unsere Kopula 
durch das Personalpronomen vertreten zu werden pflegt (A. azarru-ne 
,A. ist krank'), so läßt sich z. B. A. puri-ne ebenso wie das lat. est 
mortuus sowohl übersetzen: ,A. ist tot' wie: ,A. starb', und aus 
dem Zusammenhang erst ergibt sich welchen Sinn es ausdrückt. 1 
Dadurch ist Schiefner in Irrtum geführt worden, welcher puri nur 
als Adjektiv: ,tot' verzeichnet; es ist zunächst das Praet. n zu bie- 
sun , sterben'; das entsprechende Praet. m (A. pure-ne ,A. ist ge- 
storben') kommt ja in den ScmEFNERSchen Texten vor. Also puri 
ist ebensogut ein Partizip wie ari ,gekommen'. Freilich nicht bloß 
ein Partizip; diese Formen •sind, abgesehen von der Zeitstufe, an 
sich ganz unbestimmt; sie können prädikativ oder subjektisch, ad- 
nominal oder adverbal gebraucht werden, Verb, Partizip, Adjektiv, 
Infinitiv, Substantiv sein. Im Praesens besteht, wie wir gesehen 
haben, eine Verschiedenheit zwischen dem Indikativ und dem Par- 
tizip und zwar nicht bloß in dem -l mit welchem dieses auslautet, 
sondern auch in dem ursprünglich durativen -es- welches jenem 
(und auch dem Infinitiv) eignet. Da im Georgischen (wie den ver- 
wandten Sprachen) Praesens und Imperfekt durch Anfügung offenbar 
mit diesem -es- gleichwertiger Silben (-eb-, -aw- usw.) gebildet werden, 
und damit zusammenzuhängen scheint daß diese Formen nicht wie 
die übrigen, die passive, sondern die aktive Konstruktion haben, so 
muß hervorgehoben werden daß ein solcher Unterschied im Udischen 
nicht besteht, daß hier die Darstellung des realen Subjekts von 
Zeit und Modus ganz unabhängig ist. Und zwar steht es — das ist 

1 Bei zusammengesetzten Verben kann die Stellung des konjunkten Pro- 
nomens entscheiden, so ze t'aradi-ne ,der Stein ist weggewälzt 4 Mark. 16, 4 (vgl. 
zena% t'aradi [sie fanden] ,den Stein weggewälzt' Luk. 24, 2); Cara-ne-di zena% ,er 
wälzte den Stein weg* Matth. 28, 2 (Cara-ne-di ze würde bedeuten: ,er wälzte einen 
Stein weg'). 

14* 



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212 



H. SCHÜCHARDT. 



das Ursprüngliche und jetzt noch Vorherrschende — neben Intran- 
sitiven im Nominativ, neben Transitiven im Instrumental (oder Ak- 
tivus). Dirr sagt, der Nominativ werde gebraucht neben baUsun 
,sein', neben den Verben welche eine Bewegung ausdrücken, und 
vielen andern Intransitiven, so neben t'aisun ,gehen', k'aryesun ,leben', 
esun ,koinmen', bistun ,fallen' ; qatip'esun ,weh tun', p'urp'esun Rie- 
gen', f § esun ,herausgehen' usw.; der Instrumental aber neben den 
übrigen Verben, besonders den Transitiven. Nun jenes ,usw.' läßt 
uns über viele der ,übrigen' in Ungewißheit, und es wären wohl ge- 
wisse allgemeine Erörterungen am Platze gewesen. Ich hatte darauf 
aufmerksam gemacht daß die Intransitive die infolge ihrer Zu- 
sammensetzung eigentlich Transitive sind, großenteils als solche kon- 
struiert zu werden pflegen, z. B. 'önepesun ,weinen' (eig. ,Tränen 
machen' oder vielmehr ,sagen'), wie das durch Dirrs Texte 88, 21. 
92, 17 bestätigt wird. Andere allerdings nicht, so das von Dirr an- 
geführte p'urpesun ,fliegen' (eig. ,ein schwirrendes Geräusch machen'; 
vgl. mingr. purinua, georg. p'rinwa ,fliegen', abchaf. sy-p'rueit ,ich 
fliege'), z. B. dadal p'urpH ,der Hahn flog' Sch. 68, 4 (aber dadalen 
elUp*e ,der Hahn hat gekräht' Sch. 51, 6). Aber auch bei den ein- 
fachen Intransitiven findet sich nicht selten der Instrumental. So 
hat z. B. biesun , sterben' in den Ev. gewöhnlich den Nominativ neben 
sich; zuweilen aber den Instrumental, so ukaltin . . . biesunen bialle 
,der Sagende . . . sterbe des Todes' Matth. 15, 4 (doch ulcalo bial- 
t'ene ,der Essende sterbe nicht' Joh. 6, 50), bütfüntyon, meran tji- 
tzaltyon, meranen bialqun ,alle die das Schwert ziehen, werden 
durch das Schwert sterben' Matth. 26, 52. Daß in beiden Beispielen 
zwei Instrumentale in verschiedener Bedeutung nebeneinander stehen, 
ist nichts besonderes (s. z. B. D. 18, 7 f.). Und sogar die von Dirr 
ausdrücklich genannten Verben zeigen z. T. einen schwankenden 
Gebrauch, und das läßt sich wiederum aus Dirrs Texten selbst be- 
legen. So sehe ich hier dreimal bak'sun mit dem Instrumental: 
yunt^n irazi t'e-ne balcsa ,die Schwester wird nicht zufrieden' 92, 21, 
j/atzSayen ad~oyon-ne baJci ,der Kaiser geriet in Zorn' 95, 25 (in 
kondmyon adzuyon bak'i ,der Herr in Zorn geraten seiend' Luk. 



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Dirrs Grammatik der udischen Sprache. 213 

14, 21 ist der Instrumental durch das folgende jfine ,er sagte' be- 
stimmt), pat^ay(m) gölö muq-ne balci ,der Kaiser ward sehr froh* 
9ti, 5 f. (ebenso dadalen . . . müq-ne balci ,der Hahn ward froh 6 
Scn. 64, 13). Dazu noch aus den Ev. z. B. üyaltin puran xeneza-ne 
balco ,der Trinkende wird wiederum durstig werden' Joh. 4, 18 
(aber der Nominativ in gleicher Verbindung, Joh. 4, 14. 6, 35). Man 
bemerke ferner %inären . . . höwuzun-töyöl-h are ,das Mädchen ist 
zum Bassin gekommen' D. 85, 13; wenn Dirr den Gebrauch des 
Instrumentals in diesem Satz S. 18 als unregelmäßig bezeichnet, so 
trifft das gewiß zu; warum hat aber Soiwoniants (s. oben S. 414) 
den Fehler nicht verbessert? Vgl. auch it$uyon mandi gala oben 
S. 209. In adamaren Vat 8 i wä pine ,der Mann ging und sagte' Joh. 
5, 15 kommt der Instrumental auf Rechnung des zweiten Verbs. — 
Der umgekehrte Fall daß beim Transitiv der Nominativ als Subjekts- 
kasus steht, scheint selten vorzukommen; yunt$imui D. 90, 27 und 
yar D. 92, 19 sind von SoroMONiANTS verbessert worden. Wenn also 
auch zwischen dem Nominativ und dem Instrumental als Ausdruck 
des realen Subjekts mancherlei Grenzverrückungen stattfinden, so 
lebt doch im wesentlichen die passive Auffassung des Transitivs an 
diesem Punkte noch fort; sie ist aber gänzlich erloschen in der 
Setzung des konj unkten Pronomens, sowohl insofern dies nur das 
reale Subjekt bezeichnet als insofern es immer die gleiche Form 
hat. Von einer Wiedergabe des idealen Subjekts die ja an sich 
denkbar wäre (s. unten S. 222 f.), ist hier keine Spur mehr vorhanden; 
,er ruft mich' wird nicht ausgedrückt: ,von ihm ruf-ich (vocor) 
ich', sondern ,von ihm ruf-von-ihm (oder: -er) mich'. Lassen wir 
auch die nicht mit dem Verb verknüpfte Darstellung des realen 
Objektes noch beiseite, so zeigt sich die Mischung der aktiven und 
der passiven Auffassung doch schon darin deutlich daß in unmittel- 
barer Verbindung mit dem Verb nur das reale Subjekt zum Aus- 
druck kommt, sei es auch als Instrumental. Das konjunkte Pronomen 
der 3. P. PI. hat in der Tat diese Form : -qnn (nifch. -tun) = Voll- 
pronomen sotuyon* sie ist eigentlich nur berechtigt beim Transitiv: 
sotuyon Ical-quneya ,sie rufen', aber das Intransitiv ist der Analogie 



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214 H. SCHUCHARDT. 

gefolgt: Sonor t^a-qun-sa ,sie gehen'. Umgekehrt entspricht die Form 
des konjunkten Pronomens der 3. P. S. -ne dem Nominativ des Voll- 
pronomens: Sono, und ist somit eigentlich nur beim Intransitiv berech- 
tigt: Sono Va-ne-sa ,er geht'; das Transitiv ist der Analogie gefolgt: 
Setin kal-le-%a ,er ruft'. Beim Vollpronomen der !. und 2. P. S. wie 
PL unterscheiden sich Nominativ und Instrumental nicht voneinander; 
und das konjunkte Pronomen stimmt im ganzen dazu (nur heißt es 
nu statt un, nan statt tüän). — Das reale Objekt (es ist natürlich 
das direkte damit gemeint) in einem Satze dessen reales Subjekt im 
Instrumental steht, muß ursprünglich im Nominativ gestanden sein, 
und steht auch noch in diesem Kasus dann wenn das Objekt un- 
bestimmt ist; ist es bestimmt, im Affektiv. Diese Regel gibt Dirr 
S. 17, l); aber nicht als erster. Er sagt in der Anmerkung **), 
Schiefner irre sich wenn er § 159 meine daß das direkte Objekt 
beim Imperativ im Nominativ stehe ; ich glaube daß dieser Vorwurf 
nicht ganz gerechtfertigt ist. Allerdings hat Schiefner die Sache 
nicht völlig erkannt; er sagt aber keineswegs daß der Nominativ 
beim Imperativ überhaupt stehe, sondern nur daß er stehe wo ge- 
wisse andere Sprachen den Indefinitiv haben. Ich habe Pass. Char. 
S. 32 die Sache aufgeklärt und die obige Regel ausgesprochen. Dirr 
ist von SoroMONiANTS darauf aufmerksam gemacht worden daß auch 
das Armenische einen bestimmten und einen unbestimmten dem No- 
minativ gleichen Akkusativ kennt; diese Doppeltheit findet sich aber 
noch im Ossischen, im Neupersischen, im Tatarischen, um nur die 
dem Udischen benachbarten Sprachen zu nennen. Es ist möglich 
daß diese Scheidung nicht in jeder der Sprachen sich selbständig 
vollzogen hat; die Mittel aber zur Darstellung des bestimmten Ak- 
kusativs sind wenigstens auf den ersten Blick verschieden. Der be- 
stimmte Akkusativ des Udischen steht dem des Persischen und dem 
weit älteren des Armenischen am nächsten; besonders empfiehlt sich 
seine Vergleichung mit dem letzteren. Seine Entstehung liegt aber 
klarer zu Tage als die des armenischen. Sehen wir nun von dem 
Unterschied zwischen bestimmtem und unbestimmtem Akkusativ ab 
(der sich ja auch bei ursprünglich aktivischem Transitiv einstellen 



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Dirrs Grammatik der odischen Sprache. 



215 



kann) uin zu fragen wie der neu entstandene Posten des Akkusa- 
tivs ausgefüllt werden kann. Offenbar nur vermittelst einer Art 
Dativ; das Georgische hat den Dativ selbst gesetzt, da es über 
keinen andern Kasus ähnlicher Bedeutung verfügte, und so kommen 
denn hier öfter zwej Dative in verschiedener Funktion zusammen 
(ganz das gleiche ist, ohne denselben Anlaß, auch anderswo möglich; 
vgl. z. B. span. Judas vendiö d Jesus d los sacerdotes). Das Udische 
aber besaß im Affektiv einen dem Dativ nahe verwandtet Kasus; 
beide zeigen in ihrer eigentlichen, der lokalen Bedeutung starken 
Drang sich miteinander zu vermischen (s. oben S. 433 ff.). Es ist so- 
mit sehr erklärlich daß man, als sich das Bedürfnis eines Akku- 
sativs einstellte, zum Affektiv die Zuflucht nahm. Obwohl nun die 
aktive Auffassung gewiß unter dem Einfluß fremder Sprachen auf- 
trat, so war doch schon innerhalb des Udischen dem Affektiv dieser 
Weg vorbereitet. Sage ich z. B. statt ,von mir wird er geehrt' : ,ich 
ehre ihn', so ist das eine völlige Umkehrung; sage ich aber statt: 
,von mir wird ihm Ehre erwiesen' : ,ich erweise ihm Ehre', so bleibt 
wenigstens die Bezeichnung des persönlichen Objektes unverändert. 
Das reale direkte Objekt wird in einem solchen Falle als indirektes 
gedacht und kann sich im Udischen bald als Dativ bald als Affektiv 
darstellen. In der Tat kommt wie ich oben (S. 432) gezeigt habe, 
hörmät'besun ,Ehre tun', , ehren' mit beiden Kasus vor. Nun sind 
die meisten udischen Transitive solche innere Transitive, d. h. zu- 
sammengesetzt aus einem Verb das ,machen', ,tun' bedeutet, und 
dem Ausdruck eines Geschehens als direktem Objekte. Ich erläutere 
das noch mit einigen Beispielen : besbesun (für *biesbesun von biesun 
,sterben') adamara% ist eigentlich ,Tod-machen an dem Menschen' 
= ,den M. töten', sinamisbesun (tat. synamy§ 7 Part. Perf. von synamaq 
, versuchen', ,prüfen') adamara% ,Versuchung-machen an dem Men- 
schen' == ,den M. versuchen', kot^besun (hot, ,Falte', ,Biegung') be% 
(z. B. Joh. 9, 30, mit Dat.) ,Beugung-machen am Kopfe' = ,den Kopf 
beugen' (aber meist ist auch das zweite Objekt, in Nominativform, mit 
dem Verb verschmolzen: bul kotgbesun adamara ,Kopf- Beugung- 
machen dem Menschen' = ,sich vor dem M. verbeugen', ,den M. 




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216 



H. SCHÜCHARDT. 



verehren'). 1 Dazu kommt noch daß auch bei einfachen Verben, von 
unserem Gesichtspunkt aus, im Udischen wie in den kaukasischen 
Sprachen überhaupt eine gewisse Neigung zur intransitiven Kon- 
struktion besteht. Man denke vor allem an: , einem schlagen' statt: 
, einen schlagen'; auch in den Ev. haben wir hier nicht selten den 
Dativ, wenn auch der Affektiv vorherrscht. Ferner heißt es im 
Udischen wie im Thuschischen und Georgischen: ,an einem salben', 
d. h. ,Salbe an einem schmieren, reiben', oder ,an einem Teil von 
jemandem'; die volle Wendung mit der Bezeichnung der Salbe im 
Nominativ findet sich noch Mark. 6, 13: azaruyo% t$äin ladt, Luk. 
7, 38: t c ure% lanedi miron. Hier hat der Affektiv noch seine alte 
lokale Bedeutung (,an den Kranken', ,an dem Fuße 1 ), in der er 
nun durch den Terminativ zum größten Teil verdrängt worden ist. 
So tritt der Terminativ auch in unserem Falle ein, mit Unter- 
drückung des direkten Objektes: lada wi bei ,salbe an deinem Haupt' 
Matth. 6, 17 (und entsprechend Joh. 9, 11. 12, 3. D. 67, l). Endlich 
aber ist der Affektiv in die akkusativische Rolle eingerückt, und 
damit zugleich der frühere Nominativ durch den Instrumental ersetzt 
worden: bez t'urex lanede mironen Luk. 7, 46 (ein anderer Beleg 
noch in demselben Vers und Joh. 11, 2, wo Biyoyo für Bixoyo% steht), 
welches nun wörtlich mit unserem ,meinen Fuß hat er gesalbt mit 
Salbe' übereinstimmt. Wie die eine Bedeutung des Affektivs in die 
andere übergeht, läßt sich recht gut an den beiden folgenden Sätzen 
veranschaulichen: §int r e wa% duyain sa t 9 oe% ,wer (auf) dich auf die eine 
Wange schlägt' Luk. 6, 29 (entsprechend Matth. 5, 39) und duqunye- 
sai seta t ? oe% ,sie schlugen (auf) seine Wange' Luk. 22, 64. Daß der 
Affektiv sich im Sinne unseres Akkusativs schließlich auch bei solchen 
Verben eingestellt hat wo er als Lokativ sich nicht einmal denken 

1 Unter diesen Verbalzusammensetzungen finden sich allerdings sehr viele 
Umbildungen einfacher Verben. Ein ko^kesun und ein yatü'pesun setzen gewiß 
'^kotsesun und *yal£e8un voraus (vgl. oben S. 203). Wir können dies auch au Lehn- 
wörtern feststellen. Ud. kalpesun jrufen 4 , ,lesen' geht sicherlich auf arm. kardal 
zurück, dem auch beide Bedeutungen eignen. Die Uden machten daraus zunächst 
Vcardesun, *kaldesun, faßten das als eine Zusammensetzung mit -desun und glichen 
es dann an die vielen begriffsverwandten Verben auf -p'esun an. 




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Dirks Grammatik der udis,chex Sprache. 217 

ließe, wird niemanden wundernehmen. Sollte nicht das altarmenische 
z- des bestimmten Akkusativs (mit Nom. im Sing., mit Akk. im PI.) 
einen entsprechenden Ursprung haben? Wir begegnen diesem z- -f- 
Instrumental oder Ablativ vielfach in einer wenigstens allgemeinen 
Ubereinstimmung mit dem lokalen Affektiv des Udischen: ,am Baume 
(hängen)', ,an einen Stein (anstoßen)', ,an der Hand (führen)', ,auf diese 
Weise', ,um Mitternacht' usw. Zuweilen decken sich beide auch im 
einzelnen Falle, so z4 8 erek = yenax ,am Tage', ,tags' (s. oben S. 434). 
H. Pedersen Zeitschr. für vgl. Sprach/. N. F. xix, 434 f. nimmt einen 
ganz andern Ausgangspunkt für die bewußte Verwendung des arm. 
z- an ; aber der Weg von dort scheint mir weit länger und weniger 
gangbar. Wenn A. Meillet Gramm, comp. arm. S. 68 sagt, der alte 
Wert des z- (aus dem sich der akkusativische entwickelte) sei ohne 
Zweifel gewesen ,par rapport k', so steht diese Äußerung nicht eigent- 
lich im Widerspruch zu meiner Ansicht, aber eben nur deshalb weil 
ihr jede Bestimmtheit abgeht. Die Form des bestimmten Akkusativs 
und die des unbestimmten scheinen sowohl im Udischen wie im Alt- 
armenischen (s. Lauer- Carriüre S. 112) die Grenze die sie trennt, 
nicht selten zu überschreiten, manchmal stimmen sogar beide Spra- 
chen vollständig darin überein; so z.B. ,viele': gölötyox = zbasums 
Luk. 7, 21 (und dies scheint in der arm. Bibel das Regelmäßige zu 
sein), , einen (der) Diener': sa nokära% = zmi *i t 8 arajit 8 n Luk. 
15, 26; indessen ,eines von ihnen [den Schafen]' sot^o suntii%imi 'i 
not 8 ane Luk. 15, 4. Bei sa scheint überhaupt der bestimmte Akku- 
sativ zu stehen; so sa %oex Luk. 6, 29, sa gärämzinax D. 79, 10. 
Dirr schreibt S. 18, 15. 65, 22 burreqi jaq, welches gewiß gegen 
die Regel ist; 85, 7 ist wenigstens der schwankende Gebrauch an- 
gedeutet: burreqi jaq(ax)- Bemerkenswert ist iUma% yat„p'i ,eine 
angebundene Eselin' (eig. ,die Eselin angebunden') Matth. 21, 2 (Luk. 
19, 30; s. unten S. 220 f.). Dirr nennt den Affektiv mit Fr. Müller 
und Erckert Akkusativ; aber ich erneuere meinen Einspruch da- 
gegen. Nennt man doch auch im Georgischen den Dativ nicht Ak- 
kusativ, obwohl er nicht bloß das indirekte, sondern auch (im Prae- 
sens und Imperfekt) das direkte bezeichnet. Und folgerichtigerweise 



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218 



H. SCHUCHARDT. 



müßte neben einem solchen Akkusativ der Kasus in welchem das 
Subjekt des Transitivs steht, Nominativ heißen, nicht Instrumental, 
was aber wieder deshalb nicht geht weil der Name Nominativ schon 
vergeben ist. Dirr S. 17 Anm. *) sagt, im Akkusativ stehe das 
direkte Objekt sogar dann wenn das Subjekt im Instrumental stehe. 
Aber das letztere ist immer der Fall, mit Ausnahme des Imperativs, 
wo ja keine Subjektsbezeichnung stattzuhaben pflegt. Man kann 
den Instrumental, wo er Subjektskasus ist, Aktivus nennen wenn 
es gilt ihn dem georgischen Aktivus gleichzusetzen; zwar ist auch 
dieser im Grunde ein Instrumental, büßt aber dessen Namen ein, weil 
er der betreffenden Funktion ganz verlustig gegangen und für die- 
selbe ein neuer Kasus gebildet worden ist. Ich will mir die Ge- 
legenheit nicht entgehen lassen die von mir (Pass. Char. S. 75 f.) 
geäußerte Vermutung daß die instrumentale Natur des georgischen 
Aktivus noch in gewissen Schwurformeln zu Tage trete, durch das 
Udische zu bestätigen. Dirr S. 18 führt aus den ScHiEFNBRSchen 
Texten (S. 52 oben) gerget s yon ,bei den Kirchen!' usw. an; das Ver- 
bum ,schwören' regiert den Instrumental (z. B. gögen ,beim Himmel 4 
Matth. 5, 34, ivi bin ,bei deinem Haupte' Matth. 5, 36, namazen ,beim 
Tempel' Matth. 23, 16). — Daß das Transitiv heute ganz aktivisch 
gefaßt wird, ergibt sich auch aus dem Bestehen eines Passivs. Uber 
dieses bringt aber Dirr S. 76 f. keine weitere Auskunft, auch keine 
Beispiele dafür. Er wird wohl Recht haben wenn er sagt: ,die 
auf -esun endigenden Verben, welche als passive betrachtet werden 
können, sind eher reflexive oder intransitive Verben'; warum aber 
sagt er unmittelbar vorher daß es kein Passiv des Präsens gebe, als 
ob dann das Präteritum ein solches besäße? Es ist wohl sicher daß 
wenn das reale Subjekt bei einem derartigen Passiv zum Ausdruck 
käme, es im Ablativ und nicht im Instrumental stehen würde; es 
scheint aber daß jenes überhaupt nicht geschieht. Ich finde nur 
solche Gebrauchsweisen wie burreqet s i ,es begann' (das Fest) Sch. 
70, 1. Über das Passiv von Empfindungsverben siehe unten S. 220. 
— Bei den Em pfindungsv erben steht das reale Subjekt im Da- 
tiv, sowohl als Nomen und Vollpronomen wie als konjunktes Pro- 




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Dirrs Grammatik der udischen Sprache. 



219 



nomen ; ,ich sehe* wird ausgedrückt durch : ,mir seh-mir' = ,mir ist 
sichtbar', ,die Frau* liebt' durch: ,der Frau lieb-ihr' = ,der Frau ist 
lieb'. Eine Annäherung an die gewöhnlichen transitiven Verben zeigt 
sich zunächst in dem Gebrauch des Instrumentals an Stelle des Dativs. 
Sogar hie und da beim Substantiv, auch in den DiRRSchen Texten, 
so: bez wit 5 en tgubu% fe-tu-buqsa ,mein Bruder will keine Frau' 92, 31, 
yinärun nana-pint§imu% (Variante -moyon S. 10 i Anm. 42) a-qo-ksa 
yara% ,die Tanten der Tochter sehen den Sohn' 95, 5, yar(en) nie 
a$la% aba-tu-i ,der Sohn erkannte diese Sache* 95, 31. In den beiden 
letzten Fällen nehmen wir ein Schwanken zwischen Instrumental 
und Nominativ wahr, welches mich befremdet. Wenn Dirr S. 54 
sagt, aus den von ihm daselbst gegebenen Beispielen erhelle daß die 
Sprache zwischen Instrumental, Dativ und Nominativ schwanke, so 
vermisse ich jeden Beleg für den letzten (su Z. 13 ist Dativ). Schi- 
häufig ist der Instrumental des Vollpronomens (der der 1. und 2. P. 
lautet allerdings dem Nominativ gleich). Warum Dnnt S. 53 die 
1 . P. S. nur in der Dativform, die übrigen Pronominen aber auch und 
vor allem in der Instrumentalform anführt, und die Ausnahmsstellung 
des za hervorhebt, das verstehe ich nicht, da unter seinen Beispielen 
vier mit zu (zu bu-za-qsa, zu a-za-ksa, zu bak'a-za, zu . . . -za buqsa] 
s. auch z. B. zu aq-za-sa 43, 11) sich finden, aber keines mit za. Es 
scheint ihm ganz das Gegenteil von dem was er sagt, vorgeschwebt 
zu haben, nämlich daß als 1. P. S. zu ausschließlich herrscht; das 
wäre aber auch nicht richtig (für zu 54, 9 gibt Dirr selbst in 
dem gleichen Satze za 50, 25). Das konjunkte Pronomen bleibt 
eigentlich immer im Dativ; denn wenn das der 1. oder 2. P., und 
zwar als dem Verb angefügt (nicht vor- oder eingefügt), zuweilen 
im Affektiv erscheint, so geschieht das nur infolge der allgemeinen 
Verwechselung welche zwischen den beiden Kasusformen Platz ge- 
griffen hat (s. oben S. 433). Schon aus den ScHiEFNERSchen Texten 
hatte ich das belegt ; ich lasse einige Beispiele aus den Ev. folgen : 
aba-za% ,ich kenne', ,ich weiß' Luk. 4, 34 (hier folgt tca% als Obj.). 
16, 4. Joh. 5, 42. 11, 22, akal-wäx ,ihr werdet sehen ' Matth. 
13, 14, aka-za% (daß) ,ich sehe' Mark. 10, 51, buqai-wa% za% (wenn) 




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220 



H. ScHUCHARDT. 



,ihr mich liebtet' Joh. 14, 15 (von der so gebrauchten 1. P. PI. auf 
-% ist mir kein Fall vorgekommen). Den Instrumental- Nominativ 
(s. oben S. 213 f.) für den Dativ der 3. P. PI. finde ich ganz ver- 
einzelt in bu-qun-qesa D. 54, 12, t s al-qun-xesa D. 92, 9 (s. Anm. 
dazu); aber ich weiß nicht mit welchem Recht Dirr S. 48 als Neben- 
formen für das dativische ja und lud jan und Xoän anführt (er be- 
trachtet sogar die letzteren als die ursprünglichen, da er von dem 
Ausfall des n spricht). Allerdings kommt ein solcher Instr.-Nom., 
wenigstens nan, zuweilen pleonastisch neben dem entsprechenden 
Dativ vor, so a-wä-ksa-nan ,ihr seht' Matth. 24, 2, aba-wä-nan ,ihr 
kennt', ,ihr wißt' Joh. 7, 28. 13, 17, bu-ivä-qsa-nan ,ihr liebt' Luk. 11, 43. 
Immerhin dürfen wir annehmen daß za a-za-ksa { zu a-za-ksa ,mir 
ist sichtbar' zu zu a-zu-ksa ,ich sehe' fortgeschritten ist, d. h. zu einer 
rein aktivischen Bildung, auf der allein ein passives ak-n-esa ,wird 
gesehen' (,man sieht' Sch. 69, 5) beruhen kann (vgl. auch zu bu-za- 
q-sa ,von mir wird geliebt' = ,ich liebe' und zu buq-zu-esa ,ich werde 
geliebt'); da sich aber zu diesem das reale Subjekt wiederum in 
den Dativ stellt, so findet fast eine Rückkehr zum Ausgangspunkt 
statt: ak-n-et s i setu ,er erschien ihm' (Matth. 1, 20 usw.), efä akesa ,(es) 
scheint euch' (Matth. 18, 12. Mark. 14, 64; ohne -ne-!), was von a-tu-ki 
setu ,er sah', efä a-wä-ksa ,ihr seht' in der Bedeutung nicht sehr 
abweicht. Neben akesa steht allerdings auch, und vielleicht häufiger, 
der Kausativ: efenk a., wenk a. (Matth. 17, 25. 21, 28. 22, 17. 26, 66). 
Aqsun ,sich wundern' finde ich bei Dirr 43, 11 mit dativischem Sub- 
jekt: zu aq-za-sa ,es wundert mich'; ist das nicht etwa ein Versehen 
für zu aq-zu-sa ,ich wundere mich'? In den Ev. ist, soviel ich sehe, 
das Verb immer aktivisch gebraucht, und zwar intransitiv (mit Dat. 
= ,über etwas', wie auch in jenem Satze bei Dirr). Das reale Ob- 
jekt wird bei den Empfindungsverben gerade so dargestellt wie bei 
den gewöhnlichen transitiven Verben: unbestimmt erscheint es im 
Nominativ, bestimmt im Affektiv. Es fehlt aber nicht an mancherlei 
Schwankungen; u. a. scheint auch ein unbestimmtes Objekt wenn attri- 
butive Ergänzungen irgendwelcher Art dabei stehen, den Affektiv zu 
verlangen, z. B. adamarax Matth. 9, 9. Joh. 9, 1, mitara% Luk. 5, 27, 



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Dirrs Grammatik der udischbn Sprache. 



221 



t§ubyo Luk. 21, 2 (vgl. oben S. 217); das Altarmenische entspricht 
im ersten und im letzten Fall: z-air mi, z-kin imn y aber im zweiten 
und dritten hat es: air mi, mak'saioor mi. Die eben angeführte 
Form t$ubyo gehört eigentlich dem Dativ; auch hier begegnet uns 
die Verwechselung der beiden Kasusformen wieder (s. oben S. 43 3), 
z. B. sotu Matth. 17, 12, iytiara Luk. 12, 47, yara Joh. 3, 35, za 
Joh. 10, 17, efä Joh. 13, 34, für sotux usw. — , Haben' wird in 
einem Teil der nordkaukasischen Sprachen durch ,sein' mit dem 
Dativ oder einem lokalen Kasus wiedergegeben; in den meisten aber, 
in Übereinstimmung mit dem Tatarischen, durch ,sein' mit dem Ge- 
netiv, und so auch im Udischen. Der Genetiv wird hier ebenso am 
konjunkten Pronomen wiederholt, wie bei den Empfindungsverben 
der Dativ; doch kann manchmal das Vollpronomen fehlen, wie ander- 
seits das konjunkte in einem unten zu erörternden Falle fehlen muß. 
Das konjunkte wird dem Verb suffigiert, wenn das (reale) Objekt 
folgt, präfigiert, wenn das Objekt vorausgeht oder die Negation steht, 
die vorausgehen muß, in Übereinstimmung mit den allgemeinen Re- 
geln der Wortstellung; also bezi wit s i bez-bu oder bezi bu-bez wit s i 
,ich habe einen Bruder', toi bu-wi ,du hast', wi t'e-wi bu ,du hast 
nicht'. Die Formen des konjunkten Pronomens sind bei Dirr nicht 
angeführt, sie weichen auch nicht sehr von denen des Vollpronomens 
ab: die der 2. P. S. ist die gleiche; die 1. P. S. und PI. und die 
2. P. PL ermangeln des auslautenden i; in der 3. P. S. und PL ist 
der Unterschied derselbe wie beim Dativpronomen. Von diesem 
selbst ist das Genetivpronomen durch das auslautende i geschieden, 
und im Sing, noch durch den vorausgehenden Vokal (-tai : -tu). Das 
-i geht aber auch in diesen Genetivformen verloren wenn sie in- 
oder praefigiert sind ; also zwar bu-tai ,er hat', bu-qoi ,sie haben', 
aber setai t'e-ta-bu ,er hat nicht', Sotyoi t'e-qo-bu ,sie haben nicht', 
ba-qa-qo-h'i (damit) ,sie haben' (so Joh. 10, 10). Infolge dessen be- 
deutet bu-tai nicht nur ,er hat', sondern auch ,er hatte' = bu-ta~i\ 
das Zusammenfallen könnte dadurch vermieden werden daß man 
sagte bui-tai (vgl. z. B. baUai-tai Luk. 1 1, 5)* Der konjunkte Dativ 
ist ganz fest; wenn umud baltal-qun ? sie werden hoffen' Matth. 12, 21 




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222 



H. SCHUCHARDT. 



steht, und nicht umud qo-bak'al (vgl. umud tfe-ta-bui Matth. 24, 50, 
£e-ta-bui umud Luk. 12, 46, umud ta-bui Luk. 23, 8, umud ef-bu, 
umud t'e-efi bu Luk. 6, 34 f.), so ist eben umudbak'sun als einheit- 
liches Wort, umud nicht mehr als (reales) Objekt gefühlt worden 
(vgl. das merkwürdige Plusquamperfekt: umude-jan-i Luk. 24, 21). 
Die volle Subjektsform zeigt sich, wohl unter dem Einfluß des Geor- 
gischen, manchmal im Dativ, z. B. yara bu-tai ,der Sohn hat' 
Matth. 9, 6, und, wohl unter dem Einfluß des Armenischen (wo 
,haben' transitives Verb ist), manchmal im Instrumental, z. B. üyältin 
. . . bu-tai ,der Trinkende hat' Joh. 6, 54 (ja im Instr. + Dat. Joh. 6, 
40). Das reale Objekt steht immer im Nominativ, weil es immer un- 
bestimmt ist. Wenn im Deutschen ,haben' in seiner eigentlichen Be- 
deutung (,Besitzer sein') ein bestimmtes Objekt neben sich hat, so 
erweist sich dieses, bei Lichte betrachtet, als das reale Subjekt: ,ich 
habe dieses Pferd' = ,dieses Pferd gehört mir', ud. me ek % bezi-ne 
D. 80, 3 f. (vgl. mäin lalak c anu% bezi-ne ,die schwarzen Schuhe sind 
mein' Sch. 53, 9); hier ist bezi ,mein' das Prädikat, die Kopula wird 
nur durch ne ausgedrückt. Will man sagen: ,ich habe ein Pferd — 
schwarze Schuhe', so lautet das auf Udisch: bu-ne bezi ek r — mäin 
lalak' anu%; d. h. das Existenzialverb tritt ein. Ein besonderer Fall 
ist der daß ein bestimmtes Objekt von einem attributiven Prädikat 
begleitet ist, dann steht jenes im Affektiv, dieses im Nominativ; ma- 
taite . . . bu-tai elmu% azaru ,welche den Geist krank hatte', deutsch: 
,welche einen kranken Geist hatte' Luk. 13, 11. Es wird nun, wo- 
von eben schon ein Beispiel gegeben worden ist, vielfach, vielleicht 
ist es das Häufigere, der Nominativ am konjunkten Pronomen wieder- 
holt, wobei natürlich das Genetivpronomen unterdrückt wird. Ob in 
gewissen Fällen nur das eine, in andern nur das andere gestattet 
ist, vermag ich nicht festzustellen; gewiß kann man in vielen be- 
liebig sagen; vgl. z. B. bezi te-ne-bu iSu ,ich habe keinen Mann' 
Joh. 4, 17 und wi fe-wi-bu iäu ,du hast keinen Mann' ebend., SiCe 
t'e-ta-bu Matth. 13, 12. Mark. 4, 25 = iit'e t'e-ne-bu Luk. 8, 18 ,wer 
nicht hat', wo die zweite Wendung befremdlicher ist, da das Objekt 
verschwiegen wird. Daß die genetivische Subjektsdarstellung in diesem 



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Dirks Grammatik der üdischen Sprache. 223 

Punkte der Analogie der dativischen untreu wird, erklärt sich daraus 
daß sie dem Einfluß einer andern Analogie ausgesetzt ist. Bu-ne 
ist soviel wie ,es ist vorhanden', ,es befindet sich', ,es gibt', z. B. Jca 
bayt$in-bo§ bu-ne-i sa howuz ,in diesem Garten befand sich ein Bassin' 
D. 85, 9, Icinbaltai lekerun bo§ c[oqilinluyu%-ne bu ,im Eimer der 
Fleißigen befinden sich Fiinfkopekenstiicke' Sch. 64, 14 *, sa ailasta 
bu-ne qo sum ,bei einem Knaben befinden sich fünf Brote' = ,er 
hat fünf Brote bei sich' Joh. 6, 9, wofür nun ebensogut gesagt 
werden könnte sa ailun usw., wie es heißt efi £e-ne-bu sum ,ihr 
habt kein Brot (bei euch)' Mark. 8, 1 7, und dies wiederum kann 
den Sinn bekommen: ,ihr besitzet kein Brot'. Hierbei ist noch zu 
erwähnen daß in Verbindungen wie den in Rede stehenden, auch 
neben einem Plural des unbestimmten idealen Subjekts (realen Ob- 
jekts) bu-ne das Übliche zu sein scheint; das ergibt sich schon aus 
den vorhergehenden Sätzen, ich füge noch hinzu: bu-ne bezi wä 
qeiri eyelu% ,ich habe noch andere Schafe' Joh. 10, 16, sa adamari 
bu-ne-i pä yar ,ein Mann hatte zwei Söhne' Matth. 21, 28. Luk. 
15, 11 (während es z. B. heißt: tia bu-qun-i : . . gölö t$ubqo% ,dort 
waren viele Frauen' Matth. 27, 55). Und ebenso -ne beim bestimmten 
(realen) Subjekt: me ek r uru% sa pat^ayun-ne bak'sa ,diese Pferde 
gehören einem König' D. 89, 31. Zum Ausdruck von ,haben', oder 
genauer gesagt von ,gehabt werden', , Eigentum sein' verwendet das 
Udische bu- im Ind. des Praes. und des Imperf.; in den andern 
Gruppen aber bak'sun. Zu jenem vergleicht Dirr S. 79 **) das 
tschetsch. wu ,ist', das tabass. wu ,ist' und ähnliche Formen der 
lesghischen Sprachen. Das tschetsch. wu bleibt wohl besser beiseite, 
da w- hier Geschlechtszeichen ist; anderseits liegt pers. bü ,sei', (= 

1 In dem entsprechenden Satze Sch. 68, 4 fehlt bu: t K aralun Ice^uryo^ t^ayna 
buzur-ne ,in den Händen der Faulen sind Eisstücke'. Eberiso emma sum-a efastaf 
Mark. 8, 5 = emma sum-a bu efastaf Mark. 6, 38. Das liegt sicherlich nicht außer- 
halb des volkstümlichen Sprachgebrauchs; wohl aber vermute ich daß der Über- 
setzer durch den Einfluß fremder Sprachen bestimmt worden ist bu zuweilen im 
Sinne der Kopula zu setzen, z. B. Sono bu-ne-i iäu doyH ,er war ein gerechter Mann' 
Luk. 2, 25, wie adamar bu-ne-i doyri ,dieser Mensch war gerecht' Luk. 23, 47 statt 
doyri-ne-i (vgl. z. B. Sono doyri wä iwel adamar-re Mark, 6, 20). 



rw"*nl*> Original from 

,kJXJ ö lS - CORNELL UNIVERSITY 



224 H. SCHUCHARDT. 

butvem) ,ich bin', (= buwed) ,er ist' vom Inf. büden zu nahe um 
nicht wenigstens erwähnt zu werden. Bu- hat ebensowenig wie e/- 
und aba- die präsentische Erweiterung -esa angenommen; das er- 
klärt sich bei ihm wie bei aba- aus begrifflichen Ursachen, bei e%- 
daher daß es schon stammhaft von der perfektischen und der futu- 
rischen Gruppe unterschieden ist. Es muß ferner darauf hingewiesen 
werden daß bu- sich ganz so verhält als wäre es ein Praet. n; es 
besteht kein Unterschied zwischen den Personalformen und dem 
Partizip; wie pi-ne ; er sagte': pH ,gesagt habend' und ,gesagt', so 
bu-ne ,er ist': bu ,seiend' (,gehabt werdend') und ,habend'. So zu- 
nächst: Je in oqa bu adamar ,ein unter Gewalt [d. h. abhängig] seien- 
der Mensch' Matth. 8, 9, bes bu aizi ,in das vor (euch) seiende 
Dorf Luk. 19, 30; sodann: nut bu-tai-ty^o , von dem nicht Habenden' 
Luk. 19, 26, gleichsam ; von dem nicht ist- seiner -enden ' = äit'e 
t c eta-bu 9 äotyo Matth. 13, 12. Mark. 4, 25, ebenso wits talant bu- 
tai-tu ,dem zehn Talente Habenden' Matth. 25, 28; endlich, mit 
Unterdrückung des genetivischen Subjektzeichens döwlat* bu-tyoi 
,der Reichtum Habenden' Mark. 10, 23, gleichsam ,der Reichtum 
ist -(ihr) -enden'; vgl. efd nut buqal-tyo ,den euch nicht Liebenden' 
Luk. 6 , 27, gleichsam , den ihr nicht lieb - (ihnen) - seiend - enden '. 
Nichts anderes ist das -bu welches von Schiefner § 39 und Dirr 
12, 4 als Adjektivendung verzeichnet und von jenem für eine 
Variante von -ba gehalten wird: bip *ämbu , ringsum seiend' Dirr 
12, 23, isubu ,Mann habend', ,verheiratet' Sch. 

Die Grammatik Dirrs ist von Druckfehlern und Versehen, die 
ich aber unter dem ersteren Namen einbegreifen will, nichts weniger 
als frei. Dem Verzeichnis der von mir wahrgenommenen muß ich 
eine Bemerkung vorausschicken die sich auf die Abgrenzung dieser 
Fälle bezieht. Dem Verfasser lag nicht daran die Akzentuierung streng 
durchzuführen, und so können wir ihm nicht als Fehler anrechnen 
was hier fehlt, sondern nur das was wirklich falsch ist, und von 
dem habe ich schon oben (S. 425) gesprochen. Aber wie ich eben- 
falls schon dargetan habe (S. 413 ff.), variiert das Udische von War- 
taschen ziemlich stark, und solchen Inkonsequenzen gegenüber muß 



nnn | p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



Dirrs Grammatik der udischen Sprache. 



225 



die Sprachbeschreibung möglichst konsequent zu sein suchen. Texte 
volkstümlichen Inhalts sollten so wie sie aus dem Munde einer ein- 
zigen näher zu kennzeichnenden Person gehört werden, aufs Papier 
kommen, nicht von andern revidiert und ausgebessert. Und auch 
einzelne Sätze die offenbar einer einzigen Aufnahme entstammen, 
sollten nicht bei jeder Gelegenheit die Farbe wechseln; s. z. B. 
bei Dirr: 

35, 15 f. sowdaTcäryo metuyön t r e aqoksa, dqqunsa, 
54, 21 f. söwdäUäryo §e,tu%o% t c e aqoksa, dqqunesa, 
63, 22 söwdäk* äryo% metu%o%-£e dqok'sa, dqqunesa. 
Manchmal finden wir morphologische Varianten, über die wir 
uns aber nicht aufzuklären vermögen, so: 
65, 15 iulan TtaibaTcama bäpnep'i, 

74, 22 f. t'ulinen tfäibatfama bapnep'i. 

Haben wir hier zwei Formen des Instrumentals von einem und denp 
selben Wort vor uns ? 

In lautlicher Hinsicht sehr bemerkenswert ist u. a. die doppelte 
Lesung : 

75, 4 f. p c at§sa% banepi t§iray batgaktayun, 
84, 15 f. p l at§sdy banepi t§ird% bat$uktayun. 

Wir haben hier zwei sich zusammenfügende Bruchstücke falscher 
Satzphonetik. Ursprünglich lautete es p at s Say und t^iray (so immer in 
den Ev.), wie auch in den DiRRSchen Texten noch bei Antritt der 
Kasusendungen. Das -y blieb vor stimmhaften Konsonanten und 
vor Vokalen : p c at § say t§iray verhärtete sich aber vor stimm- 
losen Konsonanten, und dies -% hat sich wohl etwas ausgebreitet, so 
hat Dirr p'at^ayluyai (-yy-) 67, 3. 84, 9 für das -ayluy- der Ev. (vgl. 
naxl- D. 72, 30 neben nayyl- D. 90, 7. 92, 11). Entsprechende Vor- 
gänge sind aus vielen Sprachen bekannt. Vielleicht bezeugt auch das 
fehlerhafte lömöy t c e 80, 10 den Wechsel von % und -y; das Wort 
geht von Anfang an auf ein % aus, und wenn sich dies wirklich er- 
weichen konnte, so doch gewiß nur vor stimmhaften Konsonanten 
(doch zömö% bo%onedi 19, 22). Ebenso ist es wünschenswert daß 
jede einzelne Wortform immer genau in derselben Gestalt wiederholt 

Wiener Zeitschr. f. d. Kunde d. Morgen!, XIX. Bd. 15 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



226 



H. SCHUCHARDT. 



werde ; ihre Varianten können wenigstens an einer Stelle aufgeführt 
werden, sie dürfen nicht abwechselnd auftauchen. Da nun Dirr in 
allem diesem kein gleichmäßiges und durchsichtiges Verfahren inne- 
gehalten hat, so ist es nicht ganz leicht Varianten und Druckfehler 
bei ihm zu scheiden. Am wenigsten da wo ausdrücklich ein Schwan- 
ken der Aussprache bezeugt ist, wie zwischen unbetontem o und u 
vor Yj X\ so müssen wir uns metoyo^o und metuyo%o } yinärmoyon und 
xinärmuyon, ad £ oyon und adiuyon, etoyo und etuxo, puritoxo und pu- 
ritu%o gefallen lassen. Besonders leicht scheinen die mittleren Vokale 
d, ö } ü mit ihren beiderseitigen Nachbarn (und so auch diese unterein- 
ander) im Sprechen und im Hören verwechselt zu werden. So lesen 
wir äme% und e amel, *äizi und *aiz, därwäzinä und dartvazinaxo, k'äi- 
baJcama und Ii aibalt ama, %oräg und %orag } Jcäyzun und fcäyyzun, 
das und das, Sähäräxo und Sähäräxo, öllcinä, ölh'ina und öllcinä, 
söwdäk'äryo und sowdak'äryo, t§ömöx und t$omo } äilöyöx und 'ailoyox, 
lömöx und zomox, "uysun und *uysun usw. Vom Hamze sagt Dirr 
(S. 3) daß es, wenn es das Wort beginnt, in lebendiger Rede fast 
immer ausfalle; so wird man bloß dann das Fehlen des Zeichens 
sicher als Druckfehler auffassen können wenn kein anderes Wort 
vorausgeht. Selbst wenn 31, 27 Setin ait'tep'e udin muzin zaxolan y 
aber 20, 23 setin 'ait'tep'e u. m. z. steht, müssen wir die Rechts- 
wohltat der doppelten Aussprache gelten lassen. 

In den udischen Angaben empfehle ich folgende Verbesserungen 
(zur zweiten richtigen Form führe ich, wo es nötig erscheint, Belege 
aus Dirrs Buch selbst an; das Gleichheitszeichen bedeutet daß es 
sich um den gleichen Beispielsatz handelt): 

3, 15 manö-e : manö-a. 9, 15 et§-sun : et§-. 



7, 3 ot 8 1cal-lu-exa : otsk- (60, 12,22 6ä«/:6d^(29u.30,24.37,6). 



1 Ich vermute daß das zweite b in dem zweimal vorkommenden bibotu (bip 
,vier*) — Dirk hat die Zusammensetzung bipet s 'se, Schiefner die Ableitung bipvn 





Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



Dirks Grammatik der udischen Sprache. 227 



1 ß 
lb, 


A 


ya — ytiid . vi— yc/ict. 


QQ 


99 
ZZ 


fC QfflOT, O/l • 'OlUl. 


16, 


2o 


otalbesun : ä o£- (20, 6). 


35, 


11 


qokex : 2°2 e Z ( = ^* 


16, 


2b 


i£ev, : ise% (S. 25). 






25J. 


16, 


29 


q o/c — q o/ce% : qoq — qoqe% 


35, 


J 6 








(p. 24). 






aqqun8a : -ne«a. 


1», 




/i aVH/i i ?*fk 1 /in • n/wiiMf i Q FL 

flOWVfZV/71 . flOWV/- l = oü; 


Q7 
d7, 


Q 
O 


lesoozun i -iuxo* 






lo J. 


37, 


b 


qo-uq i q o-uq . 


1 Q 

19, 




861111$ • -IUZ$ . 


Q7 

07, 


QQ 
Zö 


ooszcin i ooszcbn ^oo, zi ^. 


20, 


12 


7-^ J . J ^7, 


08, 


8 




O 1 




£ e vor (e tenlt ^= oo, 


Q Q 

oo, 


14 


tohvfiasina \ -asina (37, 












Q 1 Ott öit CR 1 1 "\ 

oi une4. öd, hj. 


22, 


10 


8610V : je- l^ois, l. oo, iuj. 


Q Q 
OO, 


1 7 

1 7 


geTyet s cil : gevge-. 


25, 


15 


yaie : y,dei. 


43, 


2 


butukfsa : -uqsa (= 35, 9). 






j/Jiß : ^ei oder finei (s. 


A A 

44, 


/» 

D 


biksax " biqsax (58, 18). 






ouen o. 4ou 


AA 

44, 


1 n 


OZgKdVp 68 . UCj /C-. 


QQ 


QQ 


UJ(l7lfC68(l • -71«/ 


40, 


Q 


(jesun- . oesun- i <o, i ? 






oxootu : oipotu. 






Q 7 Q Q > \ 1 

Ol, JoJ. 


QQ 

^9, 






4b, 


1 Q 

lo 


OL/cinaxo i oi/c %~ ( ob, 






Selin : melin. 






84, 7). 


9Q 


97 


Y^lC/t/CJU/lCj . . 


4b, 


9A 


LCL8KÜ71UX • bClSfö- l I i7, 


29, 


29 


bipqowitg : 






lbj. 


29, 


30 


wgf f : (1, 17). 




15 


6i2fi : (69, 31. 71, 


29, 


31 


uqetjse : "äq-. 






11). 


31, 


14 


efan gehört auf Z. 13 






6i : | (vgl. a-ne- 






neben todn. 


47, 


16 


i zu streichen | {-«a 48, l). 


31, 


20 


Setoro%o : -oyo%o. 




16 f. 


liya . . . tiy . . . tiyaZ . . . 


31, 


21 


Setoroxol : -oyoypl. 






üysun : 



— aus einer Verwechselung mit /ibotu {xib ,drei*) stammt. Wenigstens ist weder 
bei Schiefner noch bei Dirk von der Erweichung einer intervokal ischen Tenuis 
zur Media die Rede, und ich wüßte dafür auch nur das Fremdwort sahat' ,Stunde' 
(so Sch.; vgl. sahaCla D. 93, 21) anzuführen, dessen Genetiv immer in der Gestalt 
sahadun auftritt. Die Ev. haben auch aahada, sahadu, sahadaßo, aber daneben sa- 
kafa 7 sakat'ax* 

1 Es verdient bemerkt zu werden daß Sch. und die Ev. be? ,vor' und bes(%) 
,unser' schreiben, Dirr umgekehrt jenes beä und dieses be§(i). 

15* 



nnn |p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



228 



H. ScHUCHARDT, 



00 

o 

CT» 
O 



o 

tu 



0} 
T3 



o. o; 



l 

fN 

f\l 1/1 

, 0) 

■^r u 

o u 

O o 

o 5 



"F P. 



47 Anm. foran zu streichen. 


64, 


24 


Samayina : $e- (64, 25). 


50 






65, 


7 


itubak'sa : iqob~. 




1 9 


nt -fl-pstn • n.-t -fi-P.Rfi. 


65, 


14 


adgiiyonebalci : ad^uyon- 


50 


M X 


n-zn-lc! '-st/i * n.-zfi-1-r.-Rn, 






ne-. 




50, 


22 


k c ar - f*ß - y - ßs/x • - vßscL 


65, 


15 


bäpnep'i : bäp'n- (44, 28). 






1 O t<tlillll . rv U»/ J. 


65, 


17 


hotüüzun : howuzun (= 


51 


1 


nöld-zu ' oölö-zu ( — 64. 






85, 13). 








21). 


65, 


19 


pat^ay 


: -ayen (= 85, l). 


51, 


6 


za;c : za^o ( = 31 ? 


65, 


27 


hotöuzun : howuzun) (= 8 5, 


51, 


16 


as-zii : a#-zw (= 64, 19). 






tokmaSina : -asina ) 11). 


51, 


22 


ewa^-a : ewayt-a (= 64, 




28 


: *ösä. 






19). 1 


66, 


4 


yölö : gföZö. 


52, 


22 


uzkesa, unkesa, unek(e)- 




7 


aittada : *ait c -. 






sa : -k c esa. 




8 


tögöl : fdytfZ. 


53, nach 20 (,4on.) ainusa, ainesa: 




10 

X V/ 


*68ä : *ösä. 






-uzsa, -ezsa. 2 




14 


gölo : gölö. 


56, 


3 


banuki, baneki : basn- (65, 




15 


$et'in : setin. 






27. 85, 11). 




17 


otjcallu 


: ot 8 y k-. 


56, 


9 


anukiy aneki : awaki, 


67, 


28 


ölkinä 








atuki. * 




31 


ölkinax 


> : ölk'i-. 


57, 


3 


: M^ri (= tjrizu 




32 


ölkinä , 








ebenda). 


68, 


22 


uyal . . 


. uysun : s üy-. 


63, 


22 


söwdäk c äryo% : -yo. 


69, 


24 


k'aiyal : 


qaiyal. 






aqok'sa : -oksa. 


72, 


11 


jaqtiebalc alyoyo : -Ityoyp. 


63, 


28 


t c e-wä : tfe-toä. 




14 


t'agal : tayal. 


64, 


2 


k'ärrän : Icärän (30, 15). 




23 


im : isa. 




64, 


15 


tetirux : -ray (46, 15). 3 




26 


büt'iim : 


•iln. 


64, 


17 


kämäyg-ne : qä- (= 51, 18). 




28 


tüän : Xoän. 



u 

M- "ö 

O CL) 

*s 

J-J ±1 

> <u 

=) o 

— ' o 

c O 

^ LH 

.E -ö 

-ö v 

E -e 

E =3 

ro 0) 

1/1 4-/ 

5 .£ 

-o E 

<ü o 

1o Q 

^3 ^ 

ü D_ 



1 In ewax-nan 51, 13 ist Ausfall des ^ vor dem Konsonanten möglich. 

2 Vgl. ainezsai Sch. 59, 11, ainezsa Mark. 4, 27. Wenn -zs- wie $ gesprochen 
wird, dann doch auch in der 1. P. aizsa | aizuaa^ aizuzm. 

8 An sich könnte ja tetiru% eine Nebenform von tetira.% sein; doch ist es 
50, 24 als Nom. Plur. bezeugt. 



pOO 



gle 



Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



Dirrs Grammatik der udischen Sprache. 



73, 


3 


sanduyux : -yo-% (= 79, 






sy 




4 


serbezsudo : -eszudo. 




6 


ukalo : ulzalo. 




14 


yatgnexa : yat§ne,ya (17, 






4. 18, 14). 




16 


yat§p c i : yat§p c i. 




27 


ukalo : utäalo. 




29 


tähären : t'ä- (72, 17). 


74, 


23 


bapnep % : oap w-. 


74, 


27 


nach lamandi fehlt 






(mh4). 


75, 


1 


Izärrän : k'ärän. 




6 


Vdabalcsa : wäb-. 


76, 


6 


bögöp'a : böyöpa. 


78, 


13 


tap'zup'e : tapz-. 


79, 


3 


ait c : °ait c . 


79, 


8 


serbezsudo : -eszudo. 


79, 


12 


utin : udin (20, 23. 36, 






24. 63, 17). 






gölo : gölö. 


79, 


13 


"üzzena : 'üima (=51, 5). 2 


79, 


15 


tögöl : töyöL 


79, 


21 f. 


bui-zu, bui-nu, bui-ne: 






bu-zu-i, bu-nu-i, bu-ne-i. 



229 



80, 


2 


uti : udi. 


80, 


10 


Bömöy : -6% (s.ob. S. 225). 


80, 


14 


laSkonax : lask-. 


81, 


7 


otalbesun : 'ot-. 


82, 


1 


selyär : seigär? 3 


83, 


11 


p'atjfaluynebsaip'atjSaxl- 






(84, 9). 


84, 


3 


p c att$ayen : p c at§sayen. 4: 


84, 


13 


bysuntin-pe : -ne. 


85, 


3 


gara(x) : ya-. 


85, 


15 


t c öyöl : tö-. 


85, 


19 


töyol : tö~. 


86, 


7 


bysun : bysun (84, 13). 






lasko : lasko. 


86, 


13 


qaqunbapH : -api (= 88, 






7; s. 55, 25). 


87, 


3 1 ff. yat s ( ■ ) (dreimal) : yati(-) . 


88, 


5 


laSko (zweimal) : lasko. 


90, 


33 


xinäräx : ^inärd^ (90, 3 1). 


91, 


7 


lamanedi : -annedi. 


92, 


33 


eqant§eri : -nt§eri. 


94, 


5 


banepH : -epi (94, 7. 55, 25). 


95, 


3 


la§ko : lasko. 


100 


, 20 ababak'o:abawabak c o(dem 



soll awako gleich sein!). 



1 Vgl. oben zu 64, 15. 

2 Sollte das zz etwa den Laut z (s. oben S. 420) andeuten? 

8 Ich entsinne mich nicht bei Dirr -gär getroffen zu haben; Schiefner aber 
führt § 136: seigär ,auf gute Weise 4 , korgär gleichfalls 4 an und spricht von vielen 
auf gär ausgehenden Adverben. 

4 Die Form p r att§ay- ist gewiß eine vorhandene; Schiefner gibt p'adäag j pers. 
pädääh (die Ev. haben p'astsay). Aber wie soll man sich es denken daß jemand in 
einer kurzen Erzählung 14mal p'ats#- spreche und ein einziges Mal, ohne jeden 
syntaktischen Anlaß, patt§-! Die Aussprache des einen weicht allerdings von der 
des andern nur quantitativ ab. 



nnn |p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



230 



H. SCHUCHARDT. 



Außerdem sind nur wenige Versehen zu bemerken, so 2, 19 
^ statt <* (wenn Dirr, was doch in jedem Sinne fern lag, die west- 
armenische Aussprache hätte wiedergeben wollen, so war im vorher- 
gehenden durch * zu ersetzen); 17, 11 ist MO- zu streichen; 22, 13 
steht § 5, i statt § 4 B, l). Der Satz zu t'azsa Bäsäbäli kua 72, 27 ge- 
hört nicht in die Beispielsammlung für das Part. Praes.; selbst wenn 
bäsäbäl ,in Fäulnis versetzend' bedeutete, so ist das Wort hier weiter 
nichts als Familienname (der Genetiv des Part, würde lauten : bäsäbäl- 
tai). An der russischen Übersetzung sind allerdings einige Ausstel- 
lungen zu machen. Sie schmiegt sich nicht immer eng genug an den 
udischen Text an. Es sollte, auch wenn es sinngemäß ist, das Prä- 
teritum nicht für das Präsens stehen (eyne [oht>] CKasaJH 72, 8. 74, 28. 
76, 15. 85, 17; ukal CKasa.l'B 73, 3. 75, 10. 79, 8. 83, 14; mandakbatfalo 
KTO yCTa^LT» 73, 25; byysaz a yBUflfkA'b 75, 9); auch nicht umgekehrt 
-n t 5 urp c e 45, 1 mit tu CTOHmb übersetzt werden. Ein wirklicher 
Irrtum ist Ma3t (das wäre = p c el) statt rojOBy = bei 67, 1 f., sowie 
das Gegenstück dazu rOjiOBH (das wäre = bul) statt raasa = pul 
80, 10. Manche einzelne Wortformen haben eine nicht entsprechende 
russische neben sich, so setin ero 2, 14 statt HM'B, boStan Hepe3t 
37, 28 statt H3BHyTpb; Ha cniray steht i9, 11 bei ozanel, 37, 1 bei 
bat§anel (ersteres ist mehr ,auf dem Nacken'). Böyäbsun bedeutet 
,finden< (so auch bei D. 19, 4. 45, 4. 91, 17); doch gibt Dirr 8, 3 
dafür die Bedeutung ,suchen* (HCKaTB) an — Beispiele wären er- 
wünscht; sollte vielleicht eines durch einen Druckfehler in böqanan 
88, 27 = copBHTe versteckt sein? Lait$esun scheint sich ebensowohl 
durch no^HHMaTB 57, 1 wie durch noAHHMaTLCH 69, 27 wiedergeben 
zu lassen (vgl. 73, 21). Zu streichen sind o^eHL 54, 22, n&wb 74, 24; 
nicht übersetzt sind monor ari 45, 4 (,nachdem sie gekommen 
waren') und enex 67, 14 (,mehr', , weiter'). Ihre Plätze zu vertauschen 
haben Zflfccb 43, 7 (= tia) und T&wh 43, 13 (= mia). Der Zusam- 
menhang ist im Russischen mißverstanden 73, 5: ßOMa, IüarsaHaMT» 
statt ßOMa DlaxcaHaMa; 54, 16 t c e zu bak'aza kann nicht bedeuten: 
n He Mory, sondern nur, wie richtig 43, 14 f. steht: tto ä MOry. Sinn- 
gemäß ist übersetzt 74, 2 bez p c io wi i% efa: bchomhh, ^TO a Te6i 




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I)irrs Grammatik der udischen Sprache. 231 

CKasa^B, aber wörtlich ist es: ,das von mir Gesagte behalte in dei- 
nem Gedächtnis' (wobei bemerkenswert daß in dem Genetiv wi sich 
die substantivische Natur von %x, Äff. von H , Gehör' noch abspiegelt; 
vgl. ibalcsun , Gehör sein' d. h. , hörbar sein', ,gehört werden'). Auch 
ukayun-al te-qun wabalcsa 75, 6 ist zu frei und auch zu weitläufig 
übersetzt: He CMOTpa Ha to ito nwh (Bcer^a) roBopaniB, ohh He b4- 
para Teöi ; wörtlich : ,auch beim Reden (= trotz allem Reden) 
glauben sie nicht'. In der russischen Umschreibung des ersten 
Märchens liest man 86, 17: naCTymOKTb, KOTopufi z&BAaflfcevb ' aber 
es handelt sich nicht um den Hirten, sondern um seinen Sohn, und 
dieser Sachverhalt ist auch im folgenden verdunkelt (oT^a^ hhcbmo 
üacTymKy — yBHßiua nacTynraa). 

Wenn ich meine Berichtigungen auch auf verhältnismäßig Un- 
bedeutendes ausgedehnt habe und dadurch ihre Liste eine ziemlich 
lange geworden ist, so hat mir doch nichts ferner gelegen als der 
Gedanke an eine Herabsetzung oder Ablehnung der DiRRSchen Lei- 
stung. Ich verfolge vielmehr einen positiven Zweck und zwar im 
besonderen wie im allgemeinen. Dirr beabsichtigt, wenn ich recht 
unterrichtet bin, eine französische Umarbeitung der udischen Gram- 
matik. Dabei werden ihm meine Berichtigungen zustatten kommen, 
sei es auch daß er manche von ihnen selbst wieder zu berichtigen 
habe. Und ferner hoffe ich durch meine Kritik einen günstigen Ein- 
fluß auf die Gestalt derjenigen Veröffentlichungen Dirrs auszuüben 
welche andere sogut wie unbekannte kaukasische Sprachen zum 
Gegenstand haben werden. Wir sind dann ganz auf ihn angewiesen, 
wir können dann an dem was er uns darbietet, keine Kontrolle mit 
fremder Unterstützung ausüben. Möge doch durch den bewunderns- 
werten Eifer immer neuen Stoff zu erfassen und zu sammeln die 
Sorgfalt der Darbietung nicht beeinträchtigt werden. 

H. Schüchardt. 



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232 



Bartholomae Christian. 



Bartholomae, Christian, Altiranisches Wörterbuch. Straßburg 1904. 
Trübner. (xxxii, 2000 sp. Gr. 8) M. 50. 

Ein monumentum aere perennius hat sich der Verfasser mit 
diesem großartigen werk errichtet. Der um die Sprachwissenschaft 
hochverdiente verlag von Trübner und die ÜRUGULiNSche offizin 
haben ihr bestes getan, um es vor die weit in der gediegensten aus- 
stattung treten zu lassen. Das werk ist überhaupt dazu angetan, 
epoche in der Wissenschaft zu machen. Es wird meine aufgäbe 
sein, mit einigen worten den inhalt und die bedeutung desselben 
zu würdigen. 

Die seinerzeit gewonnenen resultate auf dem gebiete der Avesta- 
wissenschaft hatte Jüsti gebucht in seinem 1864 erschienenen ,Hand- 
buch der Zendsprache*. Dies für seine zeit — trotz abfälliger urteile, 
besonders von Haug — ausgezeichnete werk ist während 4 dezennien 
die hauptstelle gewesen, wo die Sprachwissenschaft, wie die Avesta- 
philologie, in erster linie belehrung zu holen hatten, wenn es galt 
dem Avesta und seiner spräche näher zu treten. Aber während 
dieser zeit ist viel gearbeitet worden auf dem gebiete der avestischen 
Wissenschaft. In Zeitschriften und einzeluntersuchungen ist eine fülle 
von wissenschaftlichem material und resultaten niedergelegt, gewonnen 
durch mühsame arbeit der daran beteiligten forscher wie Spiegel, 
Hübschmann, D armesteter, Geldner, Geiger, Jackson, Caland und 
andrer, von denen nicht am wenigsten Bartholomae geleistet hat. 
Alles dies mußte gesichtet, gesammelt und der Wissenschaft in hand- 
licher form zugänglich gemacht werden. Eine neuausgabe (freilich 
unvollendet) von den avestischen texten, auf reichem handschriftlichen 
material gegründet und besorgt durch Geldner, lag seit 1895 vor 
und mußte lexikalisch verwertet werden. Und kein zweiter war 
wie Bartholomae befähigt sich dieser riesenarbeit zu unterziehen, er, 
der nicht nur auf dem philologisch-exegetischen gebiet des Avesta das 
bestmögliche zu leisten befähigt war, sondern und vor allem die 
Sprachwissenschaft, nicht nur die arische, sondern auch die allgemein 
indogermanische, vollauf beherrschte. 




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Altiranisches Wörterbuch. 233 

Zweckmäßig schien es auch, nicht nur das avestische, sondern 
auch das altpersische material lexikalisch zu bearbeiten, seit die 
herausgäbe der altpersischen keilinschriften durch Weissbach und 
Bang ein wenigstens urkundlich sichereres material für diesen zweig 
der iranischen sprachen offenlegte, als es vorher der fall war. Auch 
in Justis Iranischem Namenbuch lag ein überaus reiches altiranisches 
material gebucht vor. 

Alles, was hierdurch gewonnen worden, ist nun Bartholomae 
bemüht gewesen zu sammeln, kritisch zu sondern und der Wissen- 
schaft zugänglicher zu machen. Was er in erster reihe gibt, sind 
die Wörter mit ihren bedeutungen und belegstellen, öfters mit Über- 
setzung und mit kurz gehaltenen exegetischen und grammatischen 
noten. Das ungeheure material in einen mäßigen räum zusammen- 
zudrängen war nur möglich durch ein konsequent und streng durch- 
geführtes kürzungssystem, zu dem auch zu rechnen ist, daß verschie- 
dene zeichen verwendet werden für verschiedene stufen von Sicherheit 
der Überlieferung usw. Am kürzesten sind die etymologischen be- 
merkungen ausgefallen. In den meisten fällen konnte er sich mit 
dem hinweis auf das verwandte neupersische oder altindische wort 
begnügen. Nur da, wo er glaubte neues bringen zu können, ist 
der etymologie etwas mehr räum gegönnt (vorw. s. xxn). Als ein 
bedürfnis für die arische Sprachwissenschaft muß noch jetzt eine 
ausführlichere bearbeitung des arischen materials in etymologischer 
hinsieht bezeichnet werden. 

In bezug auf anordnungsprinzipien kann man vielleicht hie 
und da verschiedener ansieht sein. Mit seinem ausgangspunkte hat 
der herr Verfasser das äußerste getan, und an Vollständigkeit und 
praktischer brauchbarkeit läßt die arbeit schlechterdings kaum etwas 
zu wünschen übrig. Und es waren da besonders große Schwierig- 
keiten zu bewältigen. Wenn die texte nur gesammelt gewesen wären ! 
Nun aber mußte er eine große menge kleinerer texte und fragmente, 
die schwer zugänglich, zum teil nicht einmal gedruckt waren, zuerst 
kritisch bearbeiten und emendieren, um sie nutzbar zu machen 
(vgl. vorw. viii ff.). Uberhaupt war viel des ordnens und zurecht- 



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234 



Bartholomae Christian. 



machens nötig um das unbrauchbare auszuscheiden und alles übrige 
in zweckmäßigster weise verwendbar zu machen; dahin ist z. b. 
die nützliche, aber sicher mit nicht geringer mühe fertiggestellte 
konkordanz, die s. xi — xxi abgedruckt ist, zu rechnen. Auch die 
indices sind sehr nützlich; in einem falle sind sie unentbehrlich, 
nämlich wenn es gilt zu sehen, welche Zusammensetzungen z. b. von 
einem worte, das als im komp.-ende vorkommend angegeben wird, 
vorhanden sind, oder wenn ein wort nur im komp.-ende vorkommt 
(z. b. aodah- in anaoöah- usw.; ebensowohl wie z. b. anti- in änti- pa- 
ränti- s. 131). Überhaupt ist mir eigentlich nur eine Unbequemlichkeit 
bei der praktischen benützung aufgefallen, nämlich, daß man genötigt 
ist, solche Zusammensetzungen erst durch Verwendung der indices aus- 
findig zu machen. Aber das beweist nur, wie vollkommen metho- 
disch alles verarbeitet ist. 

Ich habe schon gesagt, daß außerordentlich viel geleistet worden 
ist für herstellung und emendierung der texte, nicht bloß der früher 
nicht oder nur schwer zugänglichen texte, sondern auch der allgemein 
bekannten und ausgebeuteten; aber der wissenschaftliche gewinn ist 
ebenso groß auf der exegetischen seite, wo z. t. durchgehende Um- 
gestaltung stattgefunden hat; an unendlich vielen stellen begegnet man 
einer neuen — und zwar, soviel man sehen kann (eben durch die 
jetzt zustande gebrachte zugänglichkeit aller parallelstellen) im all- 
gemeinen begründeten — auffassung und Übersetzung. Daß trotzdem 
noch viele stellen zweifelhaft sind und es vielleicht für immer bleiben 
werden, liegt in der natur der sache, und wird vom Verfasser unum- 
wunden zugestanden und durch besondere zeichen auch direkt sicht- 
bar gemacht. 

Jedermann wird verstehen, daß es unmöglich ist in so kurzer 
zeit eine in allen einzelheiten eingehende beurteilung eines werkes 
wie des vorliegenden vorzunehmen. Der räum stände mir auch nicht 
für alle bemerkungen zu geböte, die ich eventuell als nützlich erachten 
könnte. Ich werde hier nur eine kleine auswahl mitteilen und zwar 
zumeist etymologischer art, die mir bei der benützung aufgefallen 
sind, die sich sonach nicht bei einer systematischen durchmusterung 



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Altiranisches Wörterbuch. 



235 



ergeben haben. Und zwar folge ich der Seitenzahl und breche ab, 
sobald ich bemerke, daß mir nicht mehr räum zu geböte steht. 
Druckfehler und zitationsfehler oder sonst kleinere versehen, von 
denen ich freilich einige verzeichnet habe, lasse ich unangemerkt. 1 
S. 19. Es ist mir nicht wahrscheinlich, daß aetä durch haplo- 
logie aus *aetatä entstanden sei. Eher eine feminine abstraktbildung 
zu aeta : (vgl. zu solchen bildungen zuletzt Otto IF. xv, 38 ff.). — 
S. 20. aeda- ,kopfhaut' ist wohl = o!So<; zu ot8aa> (eig. ,anschwellung, 
rundung*). — S. 22. Auf die Wichtigkeit der sekundär-ableitung zu 
-n-st. in aenö.manajdhan- und ihre bedeutung bei der erklärung des 
germ. schwachen adj. kann man hinweisen; ebenso hat man für avi.- 
mi&ranya- einen -n-st. ^avi.mid-ran- vorauszusetzen, weiter gavayan- 
n. pr., pu&ran-] vgl. auch aspan- nutzbringend', asrü.azan- ,tränen 
vergießend' (vgl. Bartholomae IF. x, 195; z. t. mir unannehmbar). — 
S. 25. aeru- bedeutet wohl eig. ,beweglich', dann ,schillernd, schim- 
mernd', und ist wohl mit g. airus identisch. — S. 66. Könnte 
nicht a&ä ,grund und boden, hof mit s. ägä ,raum' identisch sein? 

— S. 72. Das s. dplti- ,einholen' RV. i, 121, 10 ist doch — auch 
wenn diese bedeutung zu statuieren ist (dagegen nicht nur Bergaigne, 
Rel.Ved. n, 335. 2?f. s. le lexique du Rigv. i, 91. Geldner Ved. st. 
n, 173, sondern auch Böhtl. in der kleineren aufl. i, 76 — sicher nichts 
anders als dplti- ,eingehen in etwas, verschwinden', also = apy-aya- 
und zu apy-eti zu ziehen (vgl. dplta- eingegangen in, sich vereinigt 
habend mit' B. IL), setzt folglich, kein *apäyati voraus. — S. 115. 
anaidyä ,bann, interdikt' gehört wohl zu ad- in s. aha ,sagte' usw. 

— S. 134. Einen s. adj.- stamm antasthä- gibt es nicht, wohl aber 
antastha- und antahstha-, — S. 190. Daß auruna- ,wild' zu s. arana- 
gehören sollte, ist mir nicht glaublich. Ich ziehe es zu «Xu- in aXuto 
,irre, bin außer mir', aXü-uao) ,bin wütend', oXy; , umherschweifen' 
und weiterhin zu *el(d)-u- in eXauvco usw. — S. 195. Av. arddra- 
,getreu, verlässig' zu räd- s. rädh- in rädaiti, s. rädknöti usw. — S. 229 

1 Z. b. S. 21: aenah- auch in komp.-ende z. b. ddrvstä.aenah-'j S. 95, Z. 42 m. 
(st.n.); S. 147, Z. 50: 4 (st. 3.); S. 176, Z. 32: 6 (st. 7); S. 198: aiiya- auch komp.-ende; 
S. 209, Z. 44 : 140 (st. 149); S. 350, Z. 39: 197 (st. 107) ; S. 373, Z. 32: 5 (st. 3) usw. 




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236 



Bartholomae Christian. 



hat B. av. azdya- ,wohlgenährt, fett' aus *iriddio- (: s. medya- aus 
*mad-d-io-) erklärt; es würde sich dann als ein gewünschter beleg 



ergeben zu dem von mir (IF. h, 35) geforderten und eben in be- 
ziehung zu s. m&dyati gestellten idg. gebilde *raeZ-d-, das im S. *ecZ- 
sein sollte; azdya- könnte dann natürlich ebensogut zu dem von mir 
daselbst 3 1 ff. ebenso erklärten s. idhate ,gedeiht' sein, also idg. *7p,d- 
dh'io-, — S. 265 f. Av. azana- wie azahva- ,namen von krankheiten' 
können für älteres *aj(h)ana- *aj(h)ahva- stehen und folglich zu gr. 
iyoq a'xYU[xac sowie s. aghd- av. aya- ,böse' gehören. — S. 299. Av. 
ax v ardta- , unfaßbar, unnahbar' stelle ich zu s. asürta- , unbetreten'. — 
S. 308. Av. äi identifiziere ich mit s. äi- in äi-samas, av. äy- in äy~ 
apta- ,erfolg'. Es ist sogen, dat. zu a-, wie z. b. s. ä, äd resp. instr. 
abl. dazu sind, oder av. äis instr. pl. — S. 326. Av. Odra- ,atmen' 
in apairi.äd-ra- identifiziere ich trotz der bed. mit rjxpov (r^op). — 
S. 349. Av. drdyant- ,entsetzlich, abscheulich' stelle ich zu air. orgim 
,töte, verwüste', aisl. argr, ragr (eregh- in spsy^ho usw.). — S. 359. 
Av. anman- ^Stetigkeit, unaufhörlichkeit' wird aus *andh-man- entstanden 
sein, zu s. adhvan- adhvara-, — S. 374. Av. isard ,alsbald' = Ua wohl 
zu s. tsat. — S. 378. Av. istya- ,ziegel, backstein' u. s. zsta-kä usw. 
gehören zu den evidentesten beispielen des von mir (Verh. d. XIII 
Or.-Kongr. 8 f.) als indogerm. in anspruch genommenen lautgesetzes, 
nach dem in der Verbindung dent. + sib. + dent. der erste dental 
schon indogerm. geschwunden ist. Der zugrundeliegende stamm ist 
ar. *ista- aus uridg. *idh-s-to- mit. der bed. ,herd, feuerstätte', dann 
,backstein, ziegel'. Zum selben stamm gehört aöech. niesteja ,herd, feuer- 
stätte, ofenmündung, ofen, backofen' aus *aidh-S'to-] slov. isteja, istje, 
steja , ofenmündung' aus *idh-s-to-] sowie 1. aestas, aestus aus *aidh-s- 
tä-t- *aidh-s-tu-] mnl. eeste nnl. eest ,droogoven, darre', ags. äst, engl. 
oast ,kiln, dryinghouse' usw. Zugrunde liegt der -s-st. in s. edhas-, a?Öo; 
usw. — S. 418 f. Av. ustäna- ,leben, lebenskraft' ist für mich nichts an- 
deres als idg. *ut-sthäna-, frühzeitig — durch bewahrung des lautgesetz- 
lich entstandenen resultates idg. *usthäna geschieden von dem durch 

erneuerung entstandenen *ut(s)thäna- in s. utthäna-, und folglich mit 
genügender Voraussetzung für andere bedeutungsentwicklung. Als 




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Altiranisches Wörterbuch. 



237 



bed. vermute ich ,aufrechtstehen' — ,leben, lebenskraft'. — S. 531. 
Daß av. xaoda- ,hut, kappe, heim' in ayö.xaoda- zu 1. cüdo ,helm' 
und einigen weiteren bei Fick 4 ii, 89 genannten Wörtern gehört, ist 
mir einleuchtend. — S. 537. Trotz der auseinandergehenden be- 
deutungen wird doch av. (g.) xrapaitl jemandem angelegen sein* 
(d. h. , seine sorge sein') zu s. krpate Jammern, flehen' usw. gehören. 
— 541. Av. xSaeta- glicht, strahlend, glänzend' (: s. citra-, av. c r i#ra-) 
wird auf eine basis qseit- (qeit-) zurückgehen, die ich wiederfinde 
in abg. tistü ,rein, klar' und dessen sippe. — S. 562. Av. xsvid- 
,milch' wird mit s. ksl-ra- zusammengehören. Idg. base Jcsul- (Jcui-: 
Jcsi-). Das nähere bei andrer gelegenheit. — S. 581. Av. caräiü- 
,mädchen' ist f. zu *£arät- m., das ich = y.s/oQT-, ahd. helid, ags. hale(d), 
aisl. halr (aschwed. hcelape), aisl. holctr, hauldr ,held, freier grund- 
besitzer, mann' setze. — S. 582. Av. cardman- n. ,fell, leder' — 

außer s. carman vgl. noch aisl. hvarmr ,augenlid', gall.-lat. parma 

sowie gr. *xepjj!.a, das ich im gr. Tsp|xc6ec<; (attribut zu dem mykenischen 
von rindhäuten gemachten mykenischen schild) voraussetze. — S. 662 ff. 
Daß daenä ,religion' mit daenä ,inneres wesen etc.' identisch ist, 
glaube ich mit Geldner; und zwar beide zu däy-: dl- (idg. dhai-: 
dhl-)> daenä eig. identisch mit lit. dainä ,volkslied', was hier nicht 
begründet werden kann. — S. 7 70. Av. draosa- ,bez. einer sündigen 
tat' dürfte mit Opauo), g. driusan ,fallen' zusammenhängen. — S. 911. 
Av. pu&rä ,schwanger' ist weder eine ableitung, noch durch haplologie 
entstanden, sondern kurznamenartige bildung aus einer bahuvrlhi- 
zusammensetzung (z. b. apu&ra-) wie z. b. bawha- ,trunken', kardna- 
,taub' u. dgl. — S. 1037. Av. naeza- ,name einer krankheit', vielleicht 
auch die beiden übrigen naeza-, zu lit. nu-nizes ,krätzig geworden', 
pa-niztzt ,fange an zu jucken', lett. naifs, naifa ,krätze'. — S. 1186. 
Av. minu- f. ,halsschmuck' aus *mdnu- zu aisl. mqn ,mähne' usw. — 
S. 1231. Av. yaöza-(iti) p. yauda-(tiy) vielleicht aus idg. *ieudh-$0' 
zu ar. *yaudzha-), vgl. aeza-xa- (Bthl. IF. iv, 123 f. GiPh. i, 1, 21 f. 
(usw.); yaosti- ,rührigkeit' lautgesetzlich aus idg. *ieudh-s-ti, dies 
zu *ieu-$-ti- zu ar. *yausti- (vgl. oben istya-); vgl. hierzu Oa-piv- jsjjivr, 
(aus *iiidh-s-). 




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Bartholomae Christian. Altiranisches Wörterbuch. 



Ich habe schon den mir zugemessenen räum überschritten; 
ich muß daher meine zerstreuten — übrigens ganz zufälligen — 
bemerkungen abbrechen. — Jede Seite des großartigen werkes bringt 
neue belehrung, jede seite auch anregung zu fragen und Vermutungen; 
was ich leichter hand hingeworfen, soll nur als eine kleine probe 
derartiger Vermutungen dienen. Das werk Bartholomaes wird für 
lange zeiten maßgebend sein, nicht nur — was selbstverständlich — 
auf iranischem, sondern auch auf arischem und sogar allgemein 
indogermanischem gebiet. 

Upsala, im Februar 1905. 



K. F. Johansson. 




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Kleine Mitteilungen. 



Das sogenannte $änkhäyanaprätisäkhya. — In dein ,Catalogue 
of Vedic Books belonging to H. H. the Mahäräja of Alwar' (Peteu- 
son ; a second report 1884) wird S. 169 s. v. Öänkhäyanasäkhä No. 11 
ein Prätisäkhya verzeichnet. Bühlers bei Peterson S. 4 enthaltene 
Warnung vor Fälschungen der ääükhäyanaredaktion des RV., die 
meist aus dem Dekkhan stammen, hat mich lange davon abgehalten, 
mir Einsicht in diesen Text zu verschaffen; schließlich überwog 
doch der Wunsch ihn kennen zu lernen und ich habe ihn flüchtig 
in Alwar, nachher genauer hier durchgesehen. Um Anderen Zeit, 
Mühe und Enttäuschung zu ersparen, möchte ich mitteilen, daß zwar 
auf der letzten Seite (72 b ) iäiikhäyanasäkhäyäni prätUäkhyam sa- 
mäptam \\ sarrwat 1808 varse etc. steht, daß aber das ganze Buch 
nur eine (vielfach korrigierte) Handschrift des uns bekannten, von 
M. Müller herausgegebenen Saunaka ist. In Patala i fehlen die 
vv. 4 — 8; das ist wohl nur ein Versehen des Schreibers; v. 2. 3 sind 
am Rande nachgetragen. 

Breslau, Mai 1905. A. Hillebuandt. 



KvTtQog, cuprum. — Das kupfer soll seinen namen von Ktapo;, 
dise insel den ihrigen von der pflanze yjtacipcv erhalten haben — 
beides gleich unwarscheinlich ; es würde also, en fin de compte, das 
kupfer von der pflanze xöweipov benannt worden sein, die doch auch 
anderswo wuchs. Kupfer wurde im altertuui auch anderswo z. b. auf 
Elba gewonnen. Und dise bezeichnung des metalles findet sich gerade 



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240 



Kleine Mitteilungen. 



im westen. Das hebr. bietet nhöäet, welches auf nahaS Schlange* 
zurückgeht. Auch nahüS komt vor. Einige behaupten nun, diser 
namo rüre davon her, dasz auf der Oberfläche des geschmolzenen 
kupfers sich blasen bilden, welche mit einem zischenden geräusche 
platzen. Disz ist wider eine wenig warscheinliche anname, dasz man 
eine geschmolzene masse, weil sie zischt, "schlänge" benannt habe. 
Näher ligt es an die form zu denken, in welcher das metall auf den 
markt kam, die der rundlichen Stangen (wie noch heut zu tage). 
Dise stangen konnten leicht "schlangen" benannt worden sein. 

Es ligt nun nahe auch bei der anderen bezeichnung eine ähn- 
liche bedeutung der form, nicht der provenienz, zu vermuten. Die 
zweite form, in welcher das kupfer auf den markt komt, ist die der 
leicht gewölbten schüszel oder platte, glatt auf der äuszeren, rauh 
(warzig gleichsam) auf der innern (untern) coneaven seite (das sog. 
rosetten- im unterschiede vom stangen-kupfer). Die erstarrten oberen 
Scheiben werden von der unteren, noch zähflüssigen masse wie deckel 
abgehoben. Es würde also cuprum abzuleiten sein von einem hebr. 
Jcpör kapporet, 'deckel' (aram. Jcpörd [ c becher 3 ;]) arab. kafara 
yakfiru texit. Im latein sagte man panis aeris (Plin.); panis wol 
im sinne von "scheibe", da dises wort auch den türspiegel (Plautus: 
panem frangito "schlag den türspiegel ein") bedeutete (engl, parte), 
panis (brod) ist eine [runde flachgewölbte] Scheibe, und bezeichnet 
eigentlich nur die form nicht den stofF. Brode diser form sind erst 
neuerlich in Pompeji gefunden worden. 

Hebr. qallahat c keszer könnte wol mit griech. /aXxcq c keszeP 
zusammenhängen. 

Königl. Weinberge, 30. Jänner 1905. A. Ludwig. 



Verwandlung durch Umbinden eines Fadens. — Oben xvn, 2 16 ff. 
ist von den Zauberfäden die Rede gewesen. Ich habe zu meinem 
Bedauern übersehen, daß O. Franke (Archiv für Religionswissen- 
schaft i, 200) auf die in der Päliliteratur vorkommenden parittasutta 
hingewiesen hat. Es sind das Fäden oder Schnüre, die zum Schutz 



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Kleine Mitteilungen. 



241 



gegen Dämoneneinfluß angebunden werden. Sie werden erwähnt 
im Jätakabuche i, 396, 13. 399, 13 und im Mahävaiyisa vn ; 9, 14 
(Andersen, Päli Reader, S. 111; Weber, Über das Rämäyana, S. 13). 
Franke möchte auch die dem ,zweimalgeborenen' Arier umgehängte 
heilige Schnur als ein parittasutta betrachten. 1 Ebenso könnte man 
auch die Schnur auffassen, die, mitsamt dem Täli, bei den Hochzeiten 
in Südindien der Braut um den Hals gelegt wird (Winternitz, Hoch- 
zeitsrituell, S. 53. 61). Wird doch diese Schnur ausdrücklich als 
mangalyatantu, als eine glückbringende Schnur bezeichnet in dem 
Verse, 2 den der Bräutigam hersagen muß, wenn er sie der Braut um 
den Hals hängt: 

mangalyatantunänena mama jlvanahetunä | 

kanthe badhnämi subhage tvam jlva saradah satam || 

Doch kommen Schnüre oder Fäden zum Schutze gegen Gefahren 
oder Krankheiten häufig genug vor. Franke selbst verweist noch auf 
den bei den Chin herrschenden Brauch, das Handgelenk der Neu- 
geborenen mit einem Baumwollfaden zu umwickeln. 3 Mehr Beispiele 
in den Sammlungen von Campbell und Crooke an den bereits früher 
(oben xvii, 216) angeführten Stellen. Seltener sind die Fälle, wo die 
Verwandlung eines Menschen in irgend ein Tier durch das Um- 
legen oder Anbinden eines Zauberfadens bewirkt wird. Für diesen 
Bindezauber konnte ich früher nur zwei Stellen aus dem Kathä- 
saritsägara (37, 110 ff. 71, 276) beibringen. Entgangen war mir eine 
Stelle im Uttamacaritrakathänaka {Sitzungsberichte der Akademie der 
Wissenschaften zu Berlin, 1884, S. 284. 302 f.), entgangen waren 
mir somit auch die Bemerkungen von R. Köhler zu dieser Stelle 

1 Siehe auch W. Crooke, Populär Religion u, 47. 

8 So in einem Grhyaprayoga des Baudhäyana; nach einer brieflichen Mit- 
teilung des Herrn Dr. W. Caland. Zum ersten Male ist der Sloka, fast gleichlautend, 
aber mit nicht ganz einwandfreier Übersetzung, gegeben worden im vierten Teile der 
Dänischen Missionsberichte, 46. Kontinuation, Halle 1740, S. 1275. Der erste Päda 
lautet hier: Mangälja-tdndu nänena mit der Übersetzung: Wozu ist das Heyraths- 
Band? Daher wollte Weber verbessern: mängalyabandhanena kim? ZDMQ vir, 2 42 ; 
Indische Studien v, 312, n. 

8 Siehe auch G. E. Fryek, Journal of the Asiatic Society of Bengal 44, i, p. 42. 
Wiener Zeitschr. f. d. Kunde d. Morgenl. XIX. ltd. 10 



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242 Kleine Mitteilungen. 

(a. a. O., S. 309) ; die deshalb besonders wertvoll sind, weil sie einen 
Hinweis auf eine außerindische Parallele enthalten. Wie im Kathäsa- 
ritsägara durch das Umlegen eines Zauberfadens (mantrasütra, hau- 
thasuira) um den Hals der Brahmane Somasvämin in einen Affen/ 
der Brahmane Bhavaäarman in einen Stier, der Minister Bhlmaparä- 
krama in einen Pfau verwandelt wird, und wie alle drei ihre mensch- 
liche Gestalt wieder erlangen, sobald der Faden losgebunden wird: 
so bespricht im Uttamacaritrakathänaka die Hetäre Anangasenä 
den Prinzen Uttamacaritra mit einem Zauberspruch 8 und bindet einen 
Faden (davaraka) an sein Bein. Auf diese Weise verwandelt sie ihn 
in einen Papagei und steckt ihn in einen Käfig (um ihn am Entwei- 
chen zu verhindern). Tagtäglich macht sie ihn, von wahnwitziger 
Liebe zu ihm gequält, nach Belieben durch Lösen des Fadens zum 
Manne, durch Wiederanbinden des Fadens zum Papagei. Hierzu gibt 
Köhler a. a. 0. folgende zwei Parallelen. In 'The Decisions of Prin- 
cess . . . Thoo-dhamma Tsari, translated from the Burmese by T. B. 
Sparks', Maulmain 1851 wird in der xvi. Erzählung (The Rieh Man's 
son and Iiis three Wives) ein junger Mann in einen Papagei ver- 
wandelt, nachdem die drei Töchter eines Schlangenzauberers einen 
Zauberfaden um seinen Hals geknüpft haben. Durch Abstreifen des 
Fadens wird er wieder Mensch. — In den Isländischen Legenden, 
Novellen und Märchen, herausgegeben von H. Gering, No. lxxxix (Bd. i, 
272 ff. ii, 206 ff.) verwandelt eine junge Witwe einen Bauernsohn in 
einen Kranich, indem sie dem Schlafenden einen roten Zwirnfaden 
um den Hals bindet. Der Verwandelte wird dann wieder zum Men- 
schen, als zufällig ein anderer wirklicher Kranich den Faden zerreißt. 
Der Schauplatz der Geschichte ist die Lombardei. 

Ich füge diesen Parallelen eine neue hinzu, mit der Köhler 
noch nicht bekannt sein konnte. Sie ist von W. Crooke, Populär 

1 Man beachte, daß der Zauberfaden, der den Somasvämin in einen Affen 
verwandelt hat, zugleich schützende Kraft besitzt. Kathäsaritsägara 37, 128. 

2 Nach einer andren Fassung der Geschichte (Berliner Sitzungsberichte 1884, 
302, Anm. 4) wird der Faden mit einem Zauberspruch besprochen. Vgl. die be- 
sprochenen Fäden (licia cantata) Ovid. Fast, n, 575. 



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Kleine Mitteilungen. 



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Religion n, 46 gegeben worden. In der kaschmirischen Erzählung 



einer Zauberin mittels einer Schnur, die sie ihm um den Hals wirft, 
in einen Widder verwandelt. Bei Tage folgt ihr der Widder überall- 
hin, in der Nacht, sobald die Schnur entfernt wird, nimmt er wieder 
die Gestalt des Prinzen an (Knowles, Folk-Tales of Kashmlr, Lon- 
don 1888, p. 71). Ich weiß nicht, ob man hier noch anfuhren darf, 
was Bastian in seinem Buche über die Loangoküste mitteilt: Es 
werden unter den Mussorongho Leute angetroffen, die durch ein am 
Oberarm getragenes Strickamulett die Fähigkeit erhalten, sich in 
Krokodile zu verwandeln (s. L. Frobenius, Weltanschauung der 
Naturvölker, Weimar 1898, S. 335). 

Halle a. d. Saale. Th. Zachariae. 

Das Nägari- Alphabet bei Jean Chardin; das bengalische Alpha- 
bet bei G. J. Kehr. — Oben xv, 313 ff. habe ich gezeigt, daß das 
Nägari- Alphabet zum ersten Male von Athanasius Kircher in seiner 
, China illustrata' (1667) nach den Angaben des Missionars Heinrich 
Roth veröffentlicht worden ist. Aber unter denen, die die Nägarl- 
schrift zuerst in Europa bekannt machten, verdient auch der berühmte 
Reisende Jean Chardin genannt zu werden. Allerdings erschien die 
erste vollständige Ausgabe 1 seiner Reisebeschreibung, worin die Nägari- 
schrift mitgeteilt wird, erst im Jahre 1711; doch gehören Chardins 
Reisen, von denen er die Nägarlschrift — unter anderem auch die 
Kopie einer Inschrift in Keilzeichen 2 — nach Europa brachte, der 
zweiten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts an, d. h. ungefähr der- 
selben Zeit, wo Kircher seine , China illustrata' erscheinen ließ. Im 

1 Der erste Teil der Reisebeschreibung erschien bereits in London 1686; die 
erste vollständige, aber etwas verstümmelte Ausgabe in Amsterdam 1711 (drei Bände 
in 4°; zugleich eine Ausgabe in zehn Bänden in 12°); eine unverstümmeite Aus- 
gabe ebenda 1735 in vier Bänden. Eine neuere Ausgabe hat L. LangiJjs besorgt 
(10 Bände mit Atlas, Paris 1811). Andere Ausgaben findet man verzeichnet z. B. 
bei Victor Chauvin, Bibliographie des Ouvrages Arabes in, 21. 

2 Grundriß der iranischen Philologie u, 57, 65. 



c The prince who changed into a ram' wird ein Prinz von der Tochter 



16* 




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Kleine Mitteilungen. 



Anschluß an meine früheren Ausführungen über H. Roths Elementa 



gewiesen werden. Soweit ich sehe, ist die Tatsache, daß Chardin 
die Nägaribuchstaben gibt, wenig oder gar nicht beachtet und jetzt 
ganz vergessen worden. Die Orientalisten des achtzehnten Jahrhun- 
derts, die sich für die orientalischen Schriftgattungen interessierten 
und auch mit den indischen Schriftzeichen mehr oder weniger ver- 
traut waren, wie z. B. Theophilus Siegfried Bayer, scheinen Char- 
dins Mitteilung nicht zu kennen. Ferner schreibt Adelung in seinem 
,Versuch einer Literatur der Sanskrit-Sprache' (1830) S. 47, man finde 
das Sanskritalphabet bei A. Kircher, bei David Mill und anderen; 
den Namen Chardins erwähnt er nicht. Der Grund, weshalb man 
Chardins Mitteilung nicht beachtet hat, ist nicht weit zu suchen : 
Chardin gibt das Nägari-Alphabet für ein Alphabet der Gebern 
in Persien aus, für ein Alphabet, das von den Gebern gebraucht 
werde. Er sagt nämlich in seiner Reisebeschreibung: 1 «Tai insere 
dans cet ouvrage, pour la satisfaction des Curieux, un Alphabet de 
ces anciens Perses, ou Guebres, en grandes et petites Lettres. C'est 
la Figure T (= Tafel lxx in allen mir zugänglichen Ausgaben). Tat- 
sächlich gibt er aber auf dieser Tafel nicht nur die persischen Buch- 
staben, die übrigens wenig Raum einnehmen, sondern auch die Nägari- 
buchstaben. Daß dies die Buchstaben der Inder, der Brahmanen, 
sind, hat Chardin meines Wissens nirgends ausgesprochen. 2 Hat er 
die Buchstaben während seines Aufenthaltes in Indien von einem 
Parsen erhalten? Wie dem auch sei: er gibt die Nägarlschrift- 
zeichen vollständig mit Ausnahme der Anfangsvokale. Er lehrt 

1 Band in, S. 119 in der Quartausgabe von 1711 = n, 168 in der Ausgabe 
von 1735; bei Langlüs Band vm, S. 324. 

2 Über die Sprache der Brahmanen äußert Chardin in der Vorrede zur 
ersten Ausgabe des ersten Teiles seiner Reisen (1686): Je n'ai rien 6crit des Indes, 
parce que je n'y ai demeure que cinq ans, et que je ne savois que les langues 
vulgaires qui sont Tindien et le persan, sans avoir rien appris de la langue des 
Brahmanes, l'organe propre et necessaire pour parvenir ä la connois- 
sance de la sagesse et de l'antiquite des Indiens. 



linguae Hanscret bei A. Kircher soll hier auch auf die Nägaribuch- 
staben in Chardins Voyages en Perse et autres lieux de V Orient hin- 




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Kleine Mitteilungen. 



245 



jedoch, wie die Vokale in Verbindung mit vorausgehenden Konso- 
nanten geschrieben werden, und zwar in folgender Weise: 

«G «RT "fäf ^ J ^ * * P ies: * ^ : ] ^ C so! ] 

Diese Zeichen werden in großer, deutlicher Schrift gegeben 
und füllen die Mitte der Tafel aus. Es fehlen die Zeichen für die 
r- und l -Vokale; dafür wird die Bezeichnung des Anusvära und 
Visarga gelehrt (auf der Tafel mit kleinen Kreisen, nicht mit Punkten, 
ausgedrückt). Heinrich Roth erwähnt Anusvära und Visarga noch 
nicht: s. oben xv, 318, Anm. 2. Eine Umschrift, und noch dazu 
eine mangelhafte, hat Chardin nur für vier Zeichen gegeben; H TT 
f*T werden mit kha, ka, ky, key transkribiert. 

Den Schluß der Tafel bilden, in ziemlich kleiner Schrift, die 
33 Konsonanten des Nägarl- Alphabetes in der uns geläufigen 
Reihenfolge: ^ ka usw. bis ? ha, während H. Roth, wie ich oben 
xv, 319 f. dargetan habe, ein Grammatikeralphabet, vermutlich das 
Alphabet der Särasvatagrammatik, überliefert. Die einzelnen Buch- 
staben erscheinen bei Chardin in leidlich korrekter Gestalt (statt W 
gibt er Dasselbe gilt von der Umschrift, die den meisten Kon- 
sonanten beigegeben ist. An der zweiten Stelle des Alphabetes steht 
^ kha] dagegen nimmt ^ (ohne Umschrift) die drittletzte Stelle in 
der Konsonantenreihe ein. 

Ich habe noch zu bemerken, daß Chardins Schrifttafel in der 
von Langlüs, Paris 1811, besorgten Ausgabe nicht genau genug 
wiedergegeben worden ist. 2 So fehlt bei Langlüs die Bezeichnung 
des Anusvära und Visarga; es fehlt der letzte Buchstabe, ? ha, in 
der Konsonantenreihe; es fehlt auch die Umschrift, die jetzt freilich 

1 ?§f und "Cf sind verwechselt worden, wie so häufig in Handschriften. Siehe 
Whitney, Sanskrit Grammar^ § 61. 

2 Hierzu halte man, was Langles in der Vorrede zu seiner Ausgabe (i, S. ixf.) 
sagt: Nous nous bornerons donc ä garantir Texactitude de cette edition et des 
planches qui Taccompagnent. Elles ont ete calquies sur Celles de 1711, et 
Ton n'y peut decouvrir d'autre embellissement que celui qui rösulte d'un burin 
savant et exercä; car nous n'avons pas eu moins de respect pour les gravures que 
pour le texte. 



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Kleine Mitteilungen. 



entbehrt werden kann, die aber vor zweihundert Jahren, als Char- 
dins Reisewerk erschien, keineswegs überflüßig war. Und noch eins. 
Langläs nennt die an der Spitze der Tafel stehenden persischen 
Buchstaben: Pehlevy; die darauf folgenden, mit Vokalen verbun- 
denen Zeichen ^TT usw.: Devanagary; die Nägarikonsonanten 
aber nennt er Bengaly. 1 Wie jemand, der mit den indischen Schrift- 
gattungen vertraut ist, 2 die Nägarikonsonanten bei Chardin als ben- 
galische Schrift bezeichnen kann, ist mir unverständlich. Nicht Char- 
din ist es, der das bengalische Alphabet in Europa zuerst veröffent- 
licht hat, sondern ein deutscher Gelehrter, der Orientalist Georg 
Jakob Kehr. 3 Hierauf hat Grierson vor kurzem hingewiesen (Lin- 
guistic Survey of India vol. v, part i, p. 23). Da Grierson das Buch, 
worin Kehrs Mitteilung enthalten ist, nicht hat ausfindig machen 
können, so dürften einige genauere Angaben darüber wohl am Platze 
sein. Kehrs Schrift 4 führt den Titel: Monarchae Mogolo-Indici, vel 
Mogolis Magni Aurenk Szeb numisma Indo-Persicum . . . illustratum 
a M. Georgio Jacobo Kehr, Silusia-Franco Orientali. In appendice, 
Indo-Maurorum characteres Arithmetici, alphabetum Bengalicum, 
et syllabarii Mongalo-Kalmuckici pars exhibetur. Lipsiae 1725. In 
dieser ,unnötig weitläufigen' Schrift liefert Kehr die Beschreibung und 
Erklärung einer Münze, die im Herzoglichen Münzkabinet zu Gotha 
aufbewahrt wird. Sie ist zuletzt besprochen worden von W. Pertsch 
(,Die Medaille des Awrangzeb', Zeitschrift der deutschen morgenl. 
Ges. 22, 282 ff., wo weitere Literaturangaben zu finden sind). Am 

1 Man sehe Tafel lxx bei Langles in dem seiner Ausgabe beigegebenen 
Atlas; außerdem in der Ausgabe Band x, S. 406. 408. 

* Diese Vertrautheit beweist Langles — zum Überfluß — mit der Tafel lxxxii 
in seinem Atlas, die er hat stechen lassen ,pour la rectification des caracteres de 
la planche lxxix' (lies: lxx). 

3 Auch Th. S. Bater kannte die bengalische Schrift. Im Jahre 1717 schreibt 
er an La Croze: Mittam una Bengalicas litteras, quas ab amico accepi. Mercator 
aliquis, qui nunc Traiecti ad Rhenum agit, eas ad sacerdotem quemdam ex India 
miserat. Cum Tanguticis eas conuenire uides. (Thesaurus epistolicus Lacrozianus i, 23). 

4 Dies ist die Schrift, von der Kehr vier Exemplare an den Bibliothekar 
La Croze in Berlin sandte, mit der Bitte, sich für ihn zu verwenden. Thesaurus 
epistolicus Lacrozianus i, 213. 



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Kleine Mitteilungen. 



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Schluß seiner Schrift S. 50 f. verbreitet sich Kehr coronidis loco über 
die Sprachen des mongolisch-indischen Reiches. Die Sprache der 
Höfe, Kanzleien und Gerichte ist das Persische. ? Haec Persicae linguae 
dialectus Latinis ; Germanicis, Graecis, Arabicis, Turcicis, nec non 
Mogolicis vocibus 1 est referta, quoniam praecipue Principes et Nobiles 
Indorum vel e sapientum Persiae familiis, vel a Principibus Tataro- 
Mongalicis oriundi sunt'. Kehr fährt fort: Jncolarum vero Mohham- 
medicorum lingua vernacula fere sola est Bengaliea, seu Jenti- 
vica, 2 quae olim adeo communis fuit, ut in multis confinibus regio- 
nibus propagata sit. Nunc autem, introducta Malaica, universali 
fere totius Indiae orientalis lingua, tantum inter limites Benga- 
licos remansit, ac pristinum usum amittere coepit, ut non nisi a 
Mohhammedicis Magni Mogolis civibus adhibeatur.' Die Behauptung, 
daß das Malaiische die lingua franca Ostindiens sei, ist auch sonst 
aufgestellt worden; so von David Wilkins, den Kehr kopiert zu 
haben scheint, 3 und früher schon von 0. Dapper in seinem Werke: 
Asia } oder ausführliche Beschreibung des Reichs des grossen Mogols 
(1681) S. 51 und 58. Dappers Quelle ist mir nicht bekannt. Das 
Alphabetum Bengalicum seu Jentivicum Indiae Orientalis 
gibt nun Kehr auf einer besonderen Schrifttafel 5 e schedula Wal- 
haueri, qui apud Batavienses Indicos variis muneribus functus est*. 
Über Kehrs Gewährsmann vermag ich nur anzugeben, daß er, wie 
Kehr selbst, aus Schleusingen gebürtig war. 4 Kehrs bengalisches 

1 Vgl. dazu Wilkins in der Vorrede zu Chamberlayne , Oratio Dominica 
S. xn (die Zählung der Seiten nach dem Vorschlag von E. Teza am gleich anzu- 
führenden Orte). 

8 Zur Schreibung des Wortes vgl. Yüle and Burnell, Glossary of Anglo- 
Indian words (1886) u. d. W. Gentoo. 

8 Vgl. Wilkins a. a. O., S. xxv und xix (Malaica universalis Indiae Orientalis 
lingua, latius quam Gallica in Europa sese diffundit). Siehe ferner Emilio Teza, 
Bei primi studi sulle lingue Indostaniche: Rendiconti della R. Acc. dei Lincei, classe 
di sc. morali, storiche e filologiche 1895, S. 14 ff. Grierson, Proceedings of the 
Asiatic Society of Bengal 1895, 88 ff.; Indian Antiquary 32, 17. 

4 Kehr S. 26. 47. Über Kehrs Leben und Schriften vgl. Fortsetzung und 
Ergänzungen zu Jöchers Gelehrten- Lexikon in (1810), S. 163. In Briefwechsel stand 
Kehr auch mit J. E. Gründler, jenem dänischen Missionar, dem einer der ersten 




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Kleine Mitteilungen. 



Alphabet umfaßt nur die Konsonanten (nebst Umschrift). Das letzte 
Zeichen ist ksa (umschrieben khieo). Die einzelnen Zeichen sind fast 
durchweg richtig. 1 Übrigens werden alle Zeichen in einer doppelten 
Form gegeben. Die zweiten Formen sind, wenn ich nicht irre, als 
bengalische Kursivschrift aufzufassen. Kehr bemerkt noch, daß die 
Bengalen von der Linken zur Rechten lesen, und gibt dann als Spe- 
cialen lectionis Bengalicae die drei Worte Sergeant Wolffgang 
Meyer in bengalischer Schrift. (Meyer ist ohne Zweifel ein Deutscher, 
der, wie Walhauer, in holländischen Diensten stand.) Vor ,Sergeant' 
steht das bengalische Zeichen für Sri. Die Vokalzeichen fehlen auf 
Kehrs Schrifttafel gänzlich, abgesehen von den Zeichen, die in dem 
Specimen lectionis vorkommen (ä, l und e). 

Auf S. 47 — 48 seiner Schrift bespricht Kehr die auf der Medaille 
des Aurangzeb vorkommenden Zahlzeichen und gibt bei dieser Ge- 
legenheit die bengalischen Ziffern von 1 — 11 in durchaus korrekter 
Gestalt. Darunter stellt er die entsprechenden arabischen Ziffern 
(genau so wie z. B. in W. Wrights Arabic Grammar die arabischen 
Ziffern unter die Nägarizeichen gestellt sind) und bemerkt dazu: 
Origo characterum arithmeticorum, quibus Arabes, Turcae Persaeque 
utuntur, et qui in hoc Nummo nostro sunt expressi, commodissime 
a Bengalensium seu Jentivorum signis arithmeticis deduci potest. 
Figuris enim Arabici et Bengalici numeri multum sibi invicem con- 
veniunt. Wenn aber Kehr hinzufügt, daß dieselben bengalischen 
Ziffern, die er (nach Walhauer) gebe, bei Tavernier in nur wenig 
abweichender Gestalt zu finden seien, so begeht er einen übrigens 
verzeihlichen Irrtum. Die Ziffern, 2 die von Tavernier in seiner 

genaueren Berichte über die indische Medizin verdankt wird: s. Weber, ZDMG 
vii, 237. 247. 

1 The BangaK character is given with very considerabie accuracy. So 
lautet das Urteil Gkiersons (Joum. As. Soc. Bengal 1893, i, p. 48), dem Kehrs Al- 
phabet in der Wiedergabe bei Fritz, Orientalisch- und Occidenlalischer Sprach- 
meister (1748) S. 84 f. vorgelegen hat. 

2 Merkwürdig ist es, daß bei Tavernier die Null gänzlich fehlt. Darf man 
daran erinnern, daß es arabische Handschriften gibt, in denen bei der Pagination 
die Null nicht geschrieben wird, so daß also z. B. 1 auch für 10 steht? (August Fischer, 



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Kleine Mitteilungen. 



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Reisebeschreibung gegeben werden (Les six Voyages, Ausgabe von 
1679, Teil ii ? Tafel zwischen S. 18 und 19) und die nach ihm in 
dem ganzen Reich des Großmoguls und an anderen Orten Indiens 
bei den Heiden im Gebrauch sind, auch wenn sie sich in der Sprache 
unterscheiden, — sind wohl vielmehr als Nägari Ziffern anzusprechen. 

Die Kenntnis des bengalischen Alphabets verrät Kehr bereits 
in seiner Schrift: ,Saraceni Hagareni et Mauri quinam sint? et, 
undenam dicti?' Lipsiae 1723. Hier gibt er auf S. 36 ßriräma in 
bengalischer Schrift (umschrieben Sier Ram und übersetzt Deus mi, 
mein Gott!) und ßrisriräma in bengalischer Kursivschrift (?) mit 
der Umschrift Zierzier Ram und der Übersetzung o Deus mi, o 
Deus mi! 

Halle a. d. S. Th. Zachariae. 

Ud. gerget 8 ,Kirche'. — Die Aufklärungen welche Kretschmer 
in Kuhns Zeitschr. xxxix, 539 ff. über die eigentliche Bedeutung und 
die Verbreitung der europäischen Ausdrücke für ,Kirche' gibt, erin- 
nern mich daran daß auch die entsprechenden kaukasischen noch 
mancher Aufklärung bedürfen. Ich glaube wenigstens das ud. ger- 
get 8 deuten zu können ; es wird von dem gr. xupiox.^, neugr. xspsy.^ 
(so auch im Pontus) herkommen 1 und seine Endung dem arm. eke- 
tet 8 i } gr. iwXrpiz. entlehnt haben. Aber wie kamen die Uden zu 
jenem Worte, das bei den Griechen selbst in der betreffenden Be- 
deutung früh ausgestorben war? Sie dürften noch dazu erst im 
späteren Mittelalter zum Christentum bekehrt worden sein, und zwar 
von Georgien aus (Schiefner Versuch S. 4); bei den Georgiern selbst 
aber besteht das Wort nicht. Von den georgischen Wörtern für 

ZDMG 57, 792, Anm. 2). Beiläufig mache ich darauf aufmerksam, daß Taverniers 
Zahlzeichen in Widerholds Ausgabe der Eeisen (Genf 1681) sehr schlecht wieder- 
gegeben worden sind. 

1 Da heute ngr. xuptax7j, pont. xep£x^ nur ,Tag des Herrn, Sonntag 4 bedeutet, 
so müßte diese Entlehnung in ältere Zeit fallen. Kupiaxiq im Sinne von ,Haus des 
Herrn 4 für das übliche xopiaxdv belegt Sophokles nur aus Georg. Cedrenus (11. Jhrh.), 
Du Cange aus Epist. Synod. Concil. Alexandrini. [P. Kretschmer.] 




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Kleine Mitteilungen. 



,Kirche' scheint auch keines zu den Mingrelen, den Swanen, den 
Abchafen übergegangen zu sein; bei diesen heißt ,Kirche': o%wame, 
lafrwam, uyuama, eig. ,Bethaus' von mingr. yyoama, georg. oya, oywa 
,beten', , Gebete Von den Georgiern entnahmen die tagaurischen 
Ossen das Wort für ,Kreuz': d^war um die Kirche damit zu be- 
zeichnen; das digorische ary(a)wan schließt sich wohl an das 
Verb aryaun ,lesen', ,sich bekreuzigen', ,getauft werden', dessen 
Ursprung noch dunkel ist (Miller im Iran. Grundr. S. 65). Das 
Udische besitzt noch einen Ausdruck für ,Kirche', wenigstens zu- 
folge Matth. 16, 18, welcher in den Evangelien sonst für den jüdi- 
schen Tempel gilt, nämlich namaz } pers. namäz ,Gebet' ; nur diese 
Bedeutung gibt Schiefner für das udische Wort an. 

H. SCHUCHARDT. 




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Jakob Krall. 



(Geb. 27. Juli 1857, gest. 26. April 1905.) 



Von 



D. H. Müller. 



Während der internationale Orientalistenkongreß an der Nord- 
küste Afrikas, in Algier, tagte, wurde in Wien ein Gelehrter zu 
Grabe getragen, der sich mit der Sprache und Geschichte des Pha- 
raonenreiches beschäftigt und der Erforschung desselben sein Leben 
gewidmet hat. Die Nachricht vom Hinscheiden Dr. Jakob Kralls, 
des Professors der Ägyptologie und der alten Geschichte des Orients 
an der Wiener Universität, erreichte mich auf der Heimreise aus 
Algier und obgleich die Katastrophe seit Monaten erwartet worden 
war, erschütterte mich die Todeskunde des noch nicht fünfzig Jahre 
alten Mannes aufs tiefste. Es sind nahezu dreißig Jahre her, daß 
ich Krall kenne; er war einer meiner ersten Hörer gewesen und 
seit vielen Jahren ein lieber Kollege und Freund — und man 
gewöhnt sich schwer an den Gedanken, daß der Jüngere früher aus 
dem Leben scheidet. 

Krall war ein Mann, der zurückgezogen lebte und selten in 
die Öffentlichkeit hinaustrat, selbst im engen Kollegenkreise war er 
zurückhaltend und verschlossen. Er hat sich ein Wissensgebiet aus- 
gesucht, das keine Ausblicke in die Zukunft eröffnete, sondern nur 
Rückblicke in die Vergangenheit gestattete. Auch war seine For- 
schung weder durch nationale noch durch religiöse Aspirationen an- 
gespornt und getrübt. Er beschäftigte sich auch nicht mit Sprachen 
und Literaturen, die jedem Gymnasiasten eingetrichtert werden und 
daher ein gewisses Anrecht auf öffentliches Verständnis und Inter- 
esse haben. 

Wiener Zeitschr. f. d. Knnde d. Morgenl. XIX. Bd. 17 




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D. H. Müller. 



Für die meisten Menschen ist die Ägyptologie noch immer 
,das verschleierte Bild von Sais* und der Hieroglyphenleser eine Art 
Zauberer, der uns fremd anmutet. 

Weil dem so ist, halte ich es für eine Pflicht der Pietät, öffentlich 
zu sagen, was Krall war, wie er gelebt und was er erstrebt hat. 

Jakob Krall war am 27. Juli 1857 in Volosca in Istrien ge- 
boren, hat das Staatsgymnasium in Triest absolviert, vom Herbst 1875 
bis 1878 die Wiener Universität besucht, wo er im Frühjahr 1879 die 
philosophische Doktorwürde erwarb. Das folgende Jahr brachte er 
in Paris zu, wo er im College de France und im Louvre seine Studien 
und Arbeiten fortgesetzt hat. Im Jahre 1881 habilitierte er sich für 
alte Geschichte des Orients, wurde im Jahre 1890 zum außerordent- 
lichen und 1900 zum ordentlichen Professor dieses Faches ernannt. 
Seit dem Jahre 1890 war er korrespondierendes Mitglied der Aka- 
demie der Wissenschaften. Nach dem Rücktritte L. Reinisch' wurde 
ihm auch die Professur für Ägyptologie übertragen. Die Familie 
Kr alls stammt aus Fiume, wo das großelterliche Haus noch in dem 
alten Stadtteile steht und der Großvater Inhaber einer Schiffsrhederei 
war. Als richtiger Enkel dieses und mehrerer anderer seekundiger 
Ahnen trat er seine erste Meerfahrt als drei Wochen altes Knäblein 
an, so sein Vater, Nikolaus Krall, Beamter des Salinenamtes, von 
Volosca nach Triest versetzt wurde. Dort wuchs der Knabe als 
einzig überlebender von drei Söhnen in glücklichen Familienverhält- 
nissen heran und dort begannen sich schon in jungen Jahren alle 
Neigungen zu regen, aus denen sich später der Historiker und 
Sprachforscher entwickelte. Eine historische Bibliothek wurde ange- 
schafft und die Grundlage zu den späteren Kalenderstudien durch 
einen seiner Gymnasiallehrer, Hofmann, der ein tüchtiger Mathe- 
matiker und Astronom war, gelegt. Auch beschäftigten ihn schon 
früh schwierige Schriftprobleme, was den späteren Kenner der ägyp- 
tischen Hieroglyphen schon ahnen ließ! 

Die ersten Schatten fielen auf das heitere Leben, als der Vater 
starb und der junge Student nach bestandener Maturitätsprüfung (1875) 
mit der damals schon hochbetagten Mutter nach Wien übersiedelte. 



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Jakob Krall. 



253 



Nach einer kurzen Umschau in der Jurisprudenz wandte er 
sich im zweiten Semester ganz der alten Geschichte und Ägypto- 
logie zu. Zwei Lehrer zogen ihn ganz besonders an: der Univer- 
salhistoriker Max Büdinger, dessen österreichische Geschichte er 
schon in jungen Jahren gelesen hatte, und der Ägyptologe und Lin- 
guist Leo Reinisch. Die beiden sind sein Schicksal geworden: von 
dem. einen lernte er die Entzifferung der dunklen Hieroglyphen und 
das Eindringen in die alte Sprache und Schrift der Hierogrammaten, 
der andere führte ihn in die Quellenforschung und in die historische 
Kritik ein. 

Den linguistischen Neigungen Reinisch', die ihn zur Aufnahme 
zahlreicher chamito-abessinischer Sprachen geführt haben, ging Krall 
aus dem Wege und begnügte sich, das Ägyptische selbst zu er- 
forschen, das in wechselnder Schrift und Sprache einen Zeitraum 
von 5000 Jahren ausfüllt. Von den ältesten Hieroglypheninschriften 
durch die lange Reihe hieratischer Texte bis zum Demotischen, das 
um das 8. Jahrhundert v. Chr. beginnt und um das 5. Jahrhundert 
n. Chr. endigt und ins Koptische ausmündet — dies alles war die 
Domäne Kralls. 

Die großen Entdeckungen und Entzifferungen auf diesem Ge- 
biete, die mit dem Auffinden der dreisprachigen Inschrift von Ro- 
setta (1799) und deren Lesung durch Champollion (gestorben 1832) 
beginnen und von den großen Ägyptologen Rosellini (Italien), de 
Rouge und Chabas (Fi'ankreich), Birch (England), Lepsius und 
Brugsch (Deutschland) und Reinisch (Österreich) weiter geführt wor- 
den sind, waren schon lange vor der Zeit, da Krall in das Studium 
der Ägyptologie eingeführt wurde, abgeschlossen. Als Grenze nach 
unten darf man vielleicht die Entdeckung des Steines von Tanis 
durch Reinisch, Rösler und Lepsius (1865) ansehen. 

Es galt nun, das Erworbene und Erkannte zu sichern, zu ver- 
tiefen und sachlich und sprachlich zu begründen, und dazu mußte 
der umgekehrte Weg eingeschlagen werden, den die Entzifferung 
genommen hat. Von den deutlichen und schön gezeichneten Hiero- 
glyphen kann man zu den hieratischen Texten, die auf Papyrus 

17* 



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D. H. Müller. 



geschrieben sind und die alten Hieroglyphen in kursiven Zeichen 
boten, und von da weiter zu dem krausen und wirren Demotisch und 
endlich zu dem mit griechischen Buchstaben geschriebenen Koptisch. 

Die Exegese mußte den umgekehrten Weg einschlagen, vom 
Koptischen zum Demotischen, Hieratischen und Hieroglyphischen 
emporsteigen. Diesen Weg betrat auch unser Forscher. Wie rasch 
er sich in das fremdartige Gebiet eingearbeitet und zu selbständiger 
Forschung gelangt war, beweist der Umstand, daß er schon während 
seiner Universitätsstudien Arbeiten von wissenschaftlichem Werte in 
der ,Ägyptischen Zeitschrift* (1878) veröffentlichen konnte. 

Seine wissenschaftlichen Arbeiten publizierte er meistens in 
den Schriften der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, in den 
Mitteilungen aus der Sammlung der Papyrus Erzherzog Rainer, in 
der Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes und in 
anderen Zeitschriften. Nur wenige, wie z. B. sein ,Grundriß der alt- 
orientalischen Geschichte' (1899), sind selbständig erschienen. 

In der ersten Zeit seiner produktiven Tätigkeit scheint die 
historisch-kritische Richtung Büdingers bei ihm die Oberhand ge- 
wonnen zu haben. Die Sichtung der Quellen ägyptischer Geschichte 
und Chronologie war die erste Aufgabe, die sich Krall seiner 
ganzen Begabung und Vorbereitung nach stellen mußte, und daraus 
flössen seine Untersuchungen über ,Die Komposition und die Schick- 
sale des Manethonischen Geschichtswerkes' (1879), woran der Ägyp- 
tologe und Historiker gleichen Anteil hatten; galt es ja, die Hilfs- 
mittel festzustellen, deren sich die ägyptischen Priester bedienten, 
als sie im 18. Jahrhundert vor Christo daran gingen, den Kanon 
der ältesten Könige zu verfassen. Die Schicksale des Manethoni- 
schen Geschichtswerkes werden von ihm weiter verfolgt in ,Manetho 
und Diodor' (1880), in seinen Arbeiten über Tacitus, wie in seinen 
,Studien über die demotischen Urkunden' (1884). Der ägyptische 
Priester Manetho schrieb seine Aegyptiaca in drei Büchern, angeb- 
lich unter Ptolemaios Philadelphos, demselben, der auch den An- 
stoß zur Übersetzung der Septuaginta gegeben haben soll. Nur 
wenige Fragmente von diesem Werke sind bei Josephus Flavius in 



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Jakob Krall. 



255 



seinem Werke Contra Apionem erhalten, andere sind uns in den 
sogenannten Tomoi überliefert. In den oben angeführten Unter- 
suchungen, welche Muster scharf- und umsichtiger Quellenkritik sind, 
werden die vermutlichen Quellen Manethos festgestellt, die Wan- 
derung seiner Aegyptiaca verfolgt, Josephus auf seine Glaubwürdig- 
keit geprüft und das Verhältnis Manethos zu seinen Quellen und 
zu Herodot abgeschätzt. In ,Manetho und Diodor' zeigt Krall genau 
das Verhältnis des letzteren zu Herodot; er hat ihn nur für die Dar- 
stellung der Geschichte Ägyptens berücksichtigt, für die Darstellung 
der Einrichtungen Ägyptens standen ihm andere Quellen zur Ver- 
fügung, nämlich die Anagraphai (Beschreibungen) der ägyptischen 
Priester, in denen das gesamte religiöse, geschichtliche, geographi- 
sche, mathematische, medizinische und astronomische Wissen der 
alten Ägypter enthalten war. Krall führt nun mit großer Gelehr- 
samkeit und großem Scharfsinn den Nachweis, daß diese Beschrei- 
bungen' der Priester durch Manetho den Griechen zugänglich ge- 
macht worden waren und daß uns also in Diodor ganze Partien des 
Manethonischen Werkes erhalten sind. 

In der letzten Abhandlung (1884) hat er seine frühere zum 
Teil allzu scharfe Kritik etwas gemildert und die Resultate präziser 
gefaßt; er sagt daselbst: ,Die voranstehenden Ausführungen über die 
Manethonischen Fragmente haben sich aus einer mehrjährigen, ein- 
gehenden Beschäftigung mit denselben, vielfach nach langem Tasten 
und Suchen ergeben/ Es ist schade, daß diese zerstreuten Unter- 
suchungen über Manetho nicht einheitlich zusammengefaßt worden 
sind! — Man darf sich wundern, daß der vorsichtige und abwägende 
Gelehrte in jungen Jahren an diese verwickelten und schwierigen 
Fragen sich herangewagt hat, über die Boekh sich also äußerte: 

,Die Natur ist frei von Irrtum und Lüge; die Erscheinungen, 
welche sie offenbart, sind immer wahr: Fehlt der Naturforscher, so 
liegt die Schuld an ihm, an seinen unrichtigen Beobachtungen oder 
an unrichtigen Urteilen und Schlüssen. Weit schlimmer steht es mit 
dem geschichtlichen Versuch; die Überlieferungen, die seine Grund- 
lage sind, hat Zufall, Nachlässigkeit, Lüge und Betrug entstellt und 




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256 D. H. Müller. 

namentlich ist mir niemals ein verwirrterer Gegenstand der 
Beobachtung als dieser Manetho vorgekommen/ Und man 
muß seine Bewunderung darüber ausdrücken, daß Krall heil aus 
diesem Labyrinth herausgekommen ist, in dessen dunkle Gänge er 
so hell hineingeleuchtet hat. 

Neben der Quellenkritik wendete er schon früh seine volle 
Aufmerksamkeit einem andern sehr schwierigen und wichtigen Pro- 
blem, dem ägyptischen Kalender, zu, den Ranke ,als die vornehmste 
Reliquie der ältesten Zeiten, welche Einfluß in der Welt erlangt 
hat', bezeichnete. In seinen Studien zur Geschichte des alten Ägyp- 
ten I. (1881) nimmt er in der Kalenderfrage Stellung gegen die be- 
währtesten Forscher auf diesem Gebiete (Lepsius, Brugsch, Uümichen 
und Riel), deren Aufstellungen er sorgfältig prüft, kritisiert und viel- 
fach berichtigt. 

Das Jahr 1885 bildet einen markanten Einschnitt in seinem 
Leben und in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit. Bis dahin hatte 
er wohl die europäischen Sammlungen ägyptischer Denkmäler stu- 
diert — in das Wunderland selbst war er nicht gekommen. In 
diesem Jahre ist es ihm durch eine Unterstützung des Unterrichts- 
ministeriums wie der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften 
möglich geworden, Ägypten zu besuchen. Mir liegt ein handschrift- 
licher Bericht Kralls an die kaiserliche Akademie vor, /Teil el- 
Amarna, Ostern 1885' datiert, aus dem ich einige Auszüge geben 
werde. Krall hat sich nicht bloß in Luxor durch nahezu zwei Monate 
aufgehalten, sondern auch die Endpunkte des alten Ägypten, Assuan 
und Philae, erreicht. Die Rückfahrt trat er auf einer arabischen 
Dahabieh an und konnte auf diese Weise die Mehrzahl der archäo- 
logisch interessanten Stätten Ober- und Mittelägyptens besichtigen. 
Auf dieser Reise, die er gemeinsam mit Professor Eisenlohr aus 
Heidelberg gemacht hat, fanden die Reisenden (wie aus brieflichen 
Mitteilungen hervorgeht) in einer Felsennische unzählige Bündel von 
jungen mumifizierten Krokodilen, welche die Ägypter hier aufbe- 
wahrt hatten und deren heilige Ruhe die fremden Eindringlinge ge- 
stört haben. Im Museum von Bulaq wurden mehrere neue demotische 



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Jakob Krall. 



257 



Texte entziffert und altägyptische Papyrus kollationiert. In Theben 
hat Krall sich zweierlei Aufgaben gesetzt: einmal die Texte der 
Privatgräber zu durchforschen, zweitens diejenigen Monumente, 
welche für die Geschichte Thebens in den letzten sieben Jahrhun- 
derten vor unserer Zeitrechnung von Wichtigkeit waren, zu prüfen. 
Beide Aufgaben hat er erfolgreich gelöst. Ich will hier nur auf eine 
Stelle im dritten Hefte seiner Studien (S. 76) verweisen, wo er ,die 
Gräber der Fürsten von Theben, Montomes' beschreibt, weil er dort 
ein kleines Abenteuer erlebt hat, das auch ernste Folgen hätte haben 
können. Die Stelle lautet: , Während meines Aufenthaltes in Theben 
hatte ich Gelegenheit, das Grab dieses Fürsten von Theben aus- 
findig zu machen und die Texte dieses und anderer benachbarter 
Gräber derselben Familie einem näheren Studium zu unterziehen. 
Zur Orientierung gebe ich eine kurze Beschreibung des Grabes. 
Es liegt in Assasif und bildet jetzt den Wohnsitz von Hunderten 
von Fledermäusen, welche jeglichen längeren Aufenthalt in dem 
Grabe zur Unmöglichkeit machen und es wohl verschuldet haben, 
daß das Grab, so viel ich sehe, die Aufmerksamkeit der Fachge- 
nossen nicht auf sich gelenkt hat/ 

In eines dieser Gräber, es war ein Königsgrab, war Krall 
durch einen Eingang, den er entdeckt hatte, mühsam eingedrungen. 
Einer seiner Eseljungen, ein schlanker, geschmeidiger Bursche, 
schlüpfte hinter ihm hinein. Ein Heer von Fledermäusen schwirrte 
auf und schlug mit den Flügeln an die Gesichter und Kleider der 
Eindringlinge, so daß der Versuch, Licht zu machen, unmöglich 
wurde. Immerhin fand man einen wohlerhaltenen Schädel, mit dem 
man nun den Rückzug antreten wollte, aber es zeigte sich, daß 
keine Möglichkeit war, durch den schmalen Zugang das Freie zu 
gewinnen. Eine bange halbe Stunde folgte in dem unheimlichen 
Gefängnis, bis der zweite Eseltreiber, der glücklicherweise draußen 
geblieben war, allmählich darauf aufmerksam wurde und die Be- 
freiung bewerkstelligen half. 

Die Quellenforschung und die Chronologie wurden jetzt bei- 
seite geschoben und Studien historisch-geographischer Natur beschäf- 




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258 



D. H. Müller. 



tigten nun längere Zeit unsere Forscher. Darunter möge hier die 
über ,Tyros und Sidon' (1888) hervorgehoben werden, wobei schon 
die Fragestellung sehr interessant ist. Strabo nennt bekanntlich Tyros 
,die größte und älteste der phönizischen Städte', fügte aber hinzu, 
daß Sidon an Größe, Ruhm und Alter mit Tyros wetteifere. Wäh- 
rend Tyros auf zahlreiche Mythen, welche sich an die Stadt knüpf- 
ten, und zahlreiche nach Libyen, Iberia und über die Säulen des 
Herakles entsendete Kolonien hinweisen konnte, sprächen für Sidon 
die Erwähnungen bei Homer, welcher Tyros einfach übergeht. 

Gegen die Aufstellung Movers, welcher Sidon für älter als 
Tyros hält, führt Krall den exakten Beweis, daß Tyros älter ist, 
und erklärt die historischen Widersprüche und die Nichterwähnung 
Tyros' bei Homer in geistreicher Weise, die meines Erachtens auch 
den Vorzug hat, wahr zu sein. Minder überzeugend scheinen mir 
seine Aufstellungen über ,Das Land Punt' (1890), da der geogra- 
phische Begriff ,Punt' so dehnsam wie unser ,Levante' gewesen 
sein kann. 

Eine zweite Reise nach Ägypten hat Krall im Jahre 1898 
unternommen; er fand das Land unter dem Einflüsse der englischen 
Verwaltung ganz verändert und hatte nicht mehr die naive und 
ungetrübte Freude daran wie das erste Mal, als er Ägypten durch- 
streifte. Als wissenschaftliches Resultat dieser Reise sind die Bei- 
träge zur Geschichte der Blemyer und Nubier' (1898) anzusehen. 

Hier ist vielleicht der Ort, über eine hochinteressante Ent- 
deckung Kralls zu sprechen, die, genau genommen, nicht in das 
Gebiet der Ägyptologie gehört, ich meine ,Die etruskischen Mumien- 
binden des Agramer Nationalmuseums' (1892), welche vor ihm von 
verschiedenen berühmten Gelehrten, unter anderen von Brügsch und 
Bürton, gesehen, von ihm aber zuerst als etruskisch erkannt wor- 
den sind. Krall wurde auf diese Binden durch eine Stelle des 
Katalogs des Museums aufmerksam gemacht, die also lautete: ,In 
einem Glaskasten stehend die ihrer Bandagen entkleidete Mumie 
einer jungen Frau. Sie wurde durch Michael Bariö aus Ägypten 
gebracht. In einem andern Glaskasten werden die zu ihr gehörigen 




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Jakob Krall. 



259 



Mumienbinden bewahrt, die vollkommen mit bisher unbekannten und 
unentzifferten Schriftzeichen bedeckt sind. Als ein einziges Beispiel 
einer bisher unbekannten ägyptischen (!) Schriftart gehören obige 
Binden unter die hervorragendsten Schätze unseres Nationalmuseums/ 

Die Erkenntnis, daß es nicht eine ägyptische Schriftart, son- 
dern etruskisch sei, war von größter Bedeutung, weil das Etruski- 
sche, obgleich in einer der lateinischen verwandten Schrift geschrie- 
ben, noch nicht entziffert und linguistisch bestimmt ist. Dieser 
umfangreiche Text erweckte die Hoffnung, daß nunmehr das Ent- 
zifferungswerk gelingen werde. Die Entzifferung ist zwar weder 
Krall noch den bekannten Etruskologen gelungen, die Entdeckung 
und die sorgfältige Edition des rätselhaften Textes bleibt jedoch ein 
dauerndes Verdienst Kralls. Die Vorarbeiten sind gemacht, alles 
ist hergerichtet — man wartet nur auf den glücklichen Entzifferer! 

Neben den historischen und geographischen Untersuchungen 
beschäftigten Krall immer mehr auch philologische Arbeiten; die 
reiche Sammlung der Papyrus Erzherzog Rainer lieferten ihm den 
Stoff dazu. Von zahlreichen kleineren Arbeiten abgesehen, mögen 
hier nur ,Die koptischen Texte', die als zweiter Band des Corpus 
Papyrorum Raineri archiducis Austritte (1895) erschienen sind, an- 
geführt werden. Ein weiterer Band liegt im Druck nahezu fertig vor. 

Ein ganz besonderes Verdienst hat sich Krall um die Ent- 
zifferung und Veröffentlichung der schwierigen demotischen Texte 
erworben. Er selbst kennzeichnet den einzuschlagenden Weg fol- 
gendermaßen : , Aufgabe der Forschung wird es sein, den Zusammen- 
hang der in den demotischen Texten vorliegenden Sprache mit dem 
Koptischen im einzelnen zu erweisen. Dann wird man erst zu einer 
erfolgreichen wissenschaftlichen und methodischen Erforschung der 
in den hieratischen Urkunden der Ramessidenzeit niedergelegten 
Sprache fortschreiten und den Beginn einer historischen Grammatik 
des Ägyptischen machen können/ 

Wird die Sprache des Demotischen aus dem Koptischen er- 
schlossen, so entziffert man die Zeichen dieser Schrift, indem man 
sie auf die hieratischen und hieroglyphischen Typen zurückführt. 




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D. H. Müller. 



Als Wegweiser steht hier Heinrich Bruüsch, ihm folgten Maspero 
und Revilloüt. Krall geht in ihren Fußstapfen, schlägt aber, wo 
es nottut, auch neue Wege ein. Er charakterisiert seine von der 
seiner Vorgänger abweichende Methode also: 

,Aber nicht immer gelingt es paläographisch , die Zeichen, 
welche uns in den demotischen Texten vorliegen, auf die hierogly- 
phischen oder hieratischen Gruppen zurückzuführen, welche sie tat- 
sächlich vertreten. Die Versuche, die man in dieser Richtung ge- 
macht, erweisen sich bei näherer Prüfung als irrig. Es gilt, solche 
Fälle des Demo tischen aus dem Demo tischen selbst zu erklären/ 

Diese Methode hat sich in der Tat vielfach bewährt und Krall 
zu neuen Aufschlüssen und sicheren Resultaten geführt. Seinem oben 
angeführten Programm treu, hatte er die Absicht, ein etymologisches 
demotisch-koptisches Wörterbuch zu verfassen, wofür Vorarbeiten in 
seinem Nachlasse vorhanden sind. Dieses Wörterbuch hätte den 
Abschluß der Pyramide bilden sollen, die Krall sich in der Wissen- 
schaft gründen wollte. Leider hat der Bauherr, wie mancher ägyp- 
tische König, die Vollendung des Baues nicht erlebt und die Pyra- 
mide ist ein Torso geblieben. Die Bausteine aber, die er zusammen- 
getragen, werden in den großen Bau der Wissenschaft eingefügt 
werden; die wissenschaftliche Arbeit ist nicht isoliert wie die ein- 
zelnen Pyramiden. Es zeigt von Beschränktheit von Herrschern und 
Forschern, wenn sie sich Denkmäler setzen wollen — nur was für 
die Allgemeinheit geschieht, hat dauernden Wert und dauernden 
Bestand. Dr. Kralls historische Untersuchungen und philologische 
Arbeiten sichern ihm einen Ehrenplatz in der historischen und ägypto- 
logischen Forschung und auf dem Gebiete des Demotischen ist 
Krall Meister gewesen. 

Sein Nachlaß ist in guten Händen, in den Händen seiner Le- 
bensgefährtin, einer Tochter Max Büdingers, die warmes Interesse an 
seinen Arbeiten genommen, ihm während der plötzlich hereinge- 
brochenen und lange andauernden Krankheit eine treue Pflegerin 
gewesen und dem Schreiber dieses manche interessante Daten aus 
dem Leben ihres Mannes mitgeteilt hat. 




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Jakob Krall. 



261 



Verzeichnis der Publikationen Kralls. 1 

Corpus papyroruin Baineri archiducis Austriae Vol. n. : Koptische Texte, 
1. Band, Rechtsurkunden Wien 1895 4°. — Papyrus Erzherzog Rainer. Führer 
durch die Ausstellung: Ägyptische Abteilung, bearbeitet und beschrieben 
p. 29 — 60, Wien 1894. — Die ägyptische Indiction: Mitteilungen aus der 
Sammlung der Papyrus Erzherzog Rainer i. 12 — 25. — Ein griechisch ge- 
schriebener koptischer Papyrus ib. i, 49. — Aus einer koptischen Klosterbiblio- 
thek i.: ib. I. 62 — 73. — Uber die Anfänge der koptischen Schrift: ib. i. 
109 — 112. — Griechisch und seh von K. Wessely und J. K. ib. i. 123. — 
Die Differenz des Mond- und Sonnenjahrs ib. i. 125. — Aus einer koptischen 
Klosterbibliothek n.: ib. n. 43 — 73. — Der Achmimer Fund ib. Ii. 264. — 
Koptische Beiträge zur ägyptischen Kirchengeschichte i. Zu den Memoiren des 
Dioskoros: ib. IV. 63 — 74. — Reste koptischer Schulbücherliteratur: ib.iv. 126. 

— Uber einige Lehnwörter im Demotischen: ib. IV. 140. — Nachtrag zum 
Achmimer Fund ib. iv. 143. — Koptische Amulete ib. v. 115 — 122. — Kop- 
tische Briefe. Mit zwei Textbildern ib. v. 21 — 58. — Ein neuer historischer 
Roman in demotischer Schrift ib. v. 19 — 80. — Manetho und Diodor, eine 
Quellenuntersuchung: Sitzungsberichte der Wiener Akademie, philos.-histor. 
Klasse 1880. 50 pp. — Die Komposition und die Schicksale des manethonischen 
Geschichtswerkes ibid. Bd. 95. — Studien zur Geschichte des alten Ägyptens i. 
ib. 1881. 80 pp. — Dasselbe ij. Aus demotischen Urkunden ib. 1884. 108 pp. 

— Dasselbe in. Tyros und Sidon ib. 1888. 82 pp. — Dasselbe IV. Das Land 
Punt ib. 1890. 82 pp. — Die etruskischen Mumienbinden des Agramer National- 
museums: Denkschriften der Wiener Akademie philos.-histor. Klasse 1892, 
70 pp. — Beiträge zur Geschichte der Blemyer und Nubier : ib. 1899. 26 pp. — 
Tacitus und der Orient in: Untersuchungen zur alten Geschichte, Wien, Konegen 
1880. vi. und 64 pp. — Demotische und assyrische Kontrakte ib. 1881 (Habili- 
tationsvorlesung). — Demotische Lesestücke, i. Teil, Wien 1897, 17 Tafeln. — 
Dasselbe n., Leipzig 1903, mit 4 photolithogr. Tafeln. — Grundriß der alt- 
orientalischen Geschichte, 1. Teil. Bis auf Kyros, Wien 1899. — Über den 
ägyptischen Namen Joseph's: Verhandlungen des 7. Orientalisten-Kongresses in 
Wien, ägyptisch-afrikanische Sektion, S. 97 — 111. — Zu Herodot n. 111: in 
Eranos Vindobonensis, S. 283 f. — Zum makedonischen Kalender in Ägypten 
in Festschrift zu O. Hirscufeld's 60. Geburtstag, S. 113 — 122. — Vom König 
Bokchoris nach einem demotischen Roman der Sammlung Erzherzog Rainers in : 

1 Ich verdanke dieses Verzeichnis der Güte des Herrn Prof. Dr. Karl Wessely 
in Wien, der sich auch um die Feststellung des Nachlasses Dr. Krall's wesentliche 
Verdienste erworben hat. 



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262 D. H. Müller. Jakob Krall. 

Festgaben für Büdinger, S. 1 — 11. — Die Stele von Neapel in: Zeitschrift für 
ägyptische Sprache und Altertumskunde 1878, S. 6 — 9. — Die Vorläufer der 
Hyksos: ib. 1879, S. 34—36, 64—67. — Noch einmal die Heruscha: ib. 1880, 
S. 121—3. — Historisch-philologische Analekten : ib. 1883, S. 79 — 84, 1884, 
S. 42 — 3 — The transiiteration of Egyptian in: Proceedings of the society of 
biblical archaeology 1903, S. 209 — 12. — Abwehr der Angriffe des Herrn 
Professor Eugene Keyillout, Wien 1885. 7 pp. — Über den ägyptischen Gott 
Bes in : Benndorf und Niemann, Das Heroon von Gjölbaschi-Trysa i., Wien 1889, 
S. 72 — 95. — Das Jahr der Eroberung Ägyptens durch Kambyses in: Wiener 
Studien zur klassischen Philologie n. 47 — 55. — Zum 2. Buch Herodot's ib.iv. 
33 — 54. — Ein Doppeldatum aus der Zeit der Kleopatra und des Antonius ib. v. 
313 — 318. — Die Liste der ägyptischen Halbgötter in den Excerpta Barbari 
ib. vii. 315 — 317. — Etudes chronoiogiques i. in: Recueil de travaux relatifs 
a la philologie et ä Tarcheologie egyptiennes et assyriennes n. 66 — 70. — Der 
Wiener demotische Papyrus 31 ib. v. 76 — 85. — Der Kalender des Papyrus 
Ebers ib. vi. 1 — 7. — Neue koptische und griechische Papyrus ib. S. 7 — 20. 

— Über einige demotische Gruppen ib. S. 23 — 25. — Lage und Produkte des 
Landes Punt in: Osterr. Monatsschrift für den Orient xvi., S. 173 — 6. — Zwei 
koptische Verkaufsurkunden in : Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgen- 
landes Ii. 25 — 36. — Ein neuer nubischer König ib. xiv. 234 — 42. — Kop- 
tische Ostraka ib. xvi. 255 — 268: ib. xvn. 1 ff. — Der demotische Roman aus 
der Zeit des Königs Petubastis ib. xvn. 1 — 36. — Ibidem: Anzeigen von E. A. 
Wallis Budge, The martyrdom and miracles of St. George of Cappadocia, London 
1888; von W. Spiegelberg, Demotische Papyrus aus den königl. Museen zu Berlin, 
Leipzig 1902. — Zeitschrift für österreichische Gymnasien. Anzeigen von 
V. Floigl, Cyrus und Herodot, Leipzig 1881. Th. v. Oppolzer, Syzygien-Tafeln 
für den Mond, Note über eine von Archilochos erwähnte Sonnenfinsternis 1882. 
Ginzel, Astronomische Untersuchung über Finsternisse. Wessely, Prolegomena 
ad papyrorum novam collectionem edendam, Wien 1883. Wessely, Griechische 
Zauberpapyrus von Paris und London, Wien 1888. Hommel, Handbuch der 
klassischen Altertumswissenschaft in. 1888. H. Winkler, Geschichte Babylo- 
niens und Assyriens, Leipzig 1892. A. v. Gutschmid, kleine Schriftenni. 1893. 

— Im Literarischen Zentralblatt, Anzeige von W. Spiegelberg, Ägyptische und 
griechische Eigennamen, Leipzig 1901. — In: Wochenschrift für klassische 
Philologie, Anzeige von W. v. Bissing, Geschichte Ägyptens, der Bericht Hero- 
dot's über die Pyramiden 1905. — Agramer Zeitung 1892; Die etruskischen 
Mumienbinden des Agramer National-Museums. — Neue Freie Presse: April 1904 
(Über D. H. Müller, Hammurabi). — In der Philologischen Rundschau i, 31, 
S. 996 f.: Anzeige von J. J. Hartmann, De hermocopidarum mysteriorumque 
profanatorum indiciis Diss. Lugduni Batav. 1880. — In: Deutsche Literatur- 
zeitung, Anzeigen von R. Schräm, Hilfstafeln für Chronologie 1884. Ed. Meyer, 
Geschichte des alten Ägyptens 1888. Heinrich Brugsch, Steinschrift und Bibel- 
wort 1892, 



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Der Prophet Ezechiel entlehnt eine Stelle des 
Propheten Zephanja und glossiert sie. 



Die These, die ich an die Spitze dieses Artikels gestellt habe, 
scheint mir neu und wichtig genug zu sein; sie muß aber bewiesen 
werden und dies will ich hier zu tun versuchen. Es handelt sich 
hierbei um Zeph. Kap. 3 V. 1 ff. und Ezech. Kap. 22 V. 24 ff. 

Zeph. Kap. 3 lautet: 



noia nnpb xb bp2 nw» *6 (2) 
roip *6 irn^K nntsn *6 mrra 

miiw nn» mnpa nn» ( 3 ) 
rnin «an wip hbn mans 



idiö vrpn tiik non THÖX (7) 

am^br invwn wown pH 
nvb ovb mm dkd ^ isn (8) 

pari bann ■»nwp two p 



Eine These von 



D. H. Hüller. 




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264 



D. H. Müller. 



(1) O beschmutzt und befleckt ist die gewalttätige Stadt! 

(2) Nicht hört sie auf eine Stimme, nicht nimmt sie Zucht an, 
Auf JHWH vertraut sie nicht, ihrem Gotte nahet sie nicht. 

(3) Ihre Fürsten in ihrer Mitte sind brüllende Löwen, 
Ihre Richter Nachtwölfe, die bis zum Morgen abnagen 1 

(4) Ihre Propheten sind leichtfertig, Männer des Truges, 

Ihre Priester entweihten das Heilige, vergewaltigen die Lehre. 



(8 C ) Zu ergießen über sie meinen Grimm, meine ganze Zornglut; 
Denn von meinem Feuereifer wird die ganze Erde verzehrt 
werden. 

Man vergleiche damit Ezechiel Kap. 22, V. 24 ff. : 

dpi ara stow *b rnrreö ab p* dk (**) 
rpto rpto jkw nie nama 2 rr*r[tf]3 nwüö 

■fcaR »BD 

nairo iam rrm:abx 



ibbm Tnin wan rrana" ( 2ß ) 

imn *6 thö^ Kaan pm 



2 Ich lese mit Klostermann wk für wp; die Verderbnis muß aber alt sein, 
denn nur aus ihr erklärt sich der Sing. Jtfitt m«. Ferner muß mit lxx und mehreren 
neuen Kommentatoren M für rrH'JM des Textes gelesen werden, das ohnehin 
weiter unten V. 28 vorkommt. 

8 Im MT. steht ,tw, aber dieses ist neben rnww überflüssig. Außerdem ist zu 
bemerken, daß Ezechiel überhaupt das Wort w vermeidet, welches noch bei Jere- 



saß wea \9th 



sc. die Knochen. 




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CORNELL UNIVERSITV 



Der Prophet Ezechiel entlehnt eine Stelle etc. 265 

bsto dp6 imo rnrnn ( 28 ) 

mm "hk "iok ro DnöK 
w *6 mrm 
♦ ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ 
■w^ pua nwn tu "in: ü-k dhü rpaai (30) 
TiKaab *6i nnro tiW? pKn n»a 

■•ÖPT DPP^P ^ÖtTKI (31) 

Ewrba "»map wo 

(24) Du bist ein Land ungereinigt, nicht beregnet am Tage des 

Zornes, 

(25) Dessen Fürsten gleich brüllend[en] Löwe[n] zerreissen. 
Menschenleben fressen sie, 

Schutz und Ehre nehmen sie weg, 
Mehren in ihm die Witwen. 

(26) Seine Priester vergewaltigen meine Lehre und entweihen 

meine Heiligtümer. 
Zwischen Heilig und Profan unterscheiden sie nicht, 
Uber Rein und Unrein belehren sie nicht, 
Vor meinen Sabbaten verschließen sie ihre Augen, 
So daß ich entweiht werde in ihrer Mitte. 

(27) Seine Richter in seiner Mitte sind wie Wölfe, die zerreißen, 

Um Blut zu vergießen, Seelen zu vernichten, 
Um Gewinn zu erraffen. 

(28) Und seine Propheten halben ihre Tünche gestrichen, 
Indem sie Nichtiges schauten und ihnen Trug orakelten, 



mias ungemein häufig vorkommt. Es kommt bei ihm in prosaischen Wendungen 
noch zweimal vor u. zw. 11, 1 und 17, 2. Dagegen findet sich bei ihm *nw 32 mal. 
Er vermied meines Erachtens das Wort w mit Absicht, weil äarru in Babylon den 
Großkönig bezeichnete und er vielleicht durch die Anwendung dieses Wortes auf 
die Fürsten und höheren Beamten von Juda Anstoß zu erregen fürchtete. Freilich 
findet sich das Wort Sarru in den assyrischen Inschriften häufig genug auch von 
kleinen, fremdländischen Königen und Fürsten; daß man aber oft ,päpstlicher als 
der Papst 4 ist, wird nicht geleugnet werden können. 



-ooqIc 



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266 



D. H. Müller. 



Sprechend : Also hat der Herr JHWH gesprochen, 
Während JHWH gar nicht geredet hat. 



(31) Da ergoß ich über sie meinen Grimm 



Mit dem Feuer meines Zorns vernichtete ich sie. 
Aus der Betrachtung und Vergleichung beider Stücke geht 



mit einander stehen und, da Zephanja (um 630) älter ist als Ezechiel 
(Berufung 597), so könnte eigentlich kein Zweifel darüber obwalten, 
daß Ezechiel die Prophetie des älteren Zephanja zum Teil wörtlich, 
zum Teil aber mit leichten Abänderungen herübergenommen und 
sie kommentiert 1 oder besser gesagt glossiert hat — aber es finden 
sich Kritiker, welche Zephanja Kap. 3 ganz oder teilweise als spä- 
teren Zusatz betrachten, so daß man, wenn sie Recht hätten, ge- 
zwungen wäre anzunehmen, dieses Stück sei von einem späteren 
Anonymus dem Ezechiel entlehnt worden. 

Es ist daher nötig, eine genaue vergleichende Prüfung beider 
Stücke vorzunehmen, um womöglich in diesen selbst das Ursprüng- 
liche von dem Entlehnten zu unterscheiden. Die Vergleichung muß 
von Zephanja V. 3 — 4 ausgehen, welche den Kern des ganzen Stückes 



In vier ebenmäßig gebauten Zeilen (zu je vier und fünf Worten) 
werden die Fürsten, Richter, Propheten und Priester geschildert. Diese 
vier Zeilen sind bei Ezechiel noch als disiecta membra zum Teil 
erkennbar, dazwischen finden sich allerlei Einschiebsel ganz anderer 
Art und erklärender Natur. Hält es jemand wirklich für möglich, 
daß ein späterer Schriftsteller diese vier Zeilen aus Ezechiels Rede 
herausgeschält, knapper und poetischer gefaßt und zu einer Einheit 
umgestaltet hat? 

1 Selbstverständlich ist das Wort cum grano salis zu nehmen. Ezechiel hatte 
natürlich nicht die Absicht zu kommentieren; für uns aber sind seine Zusätze eine 
Erklärung der knappen Stelle Zephanjas. 



zur Evidenz hervor, daß sie in einem sehr engen Zusammenhange 



bilden. 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



Der Prophet Ezechiel entlehnt eine Stelle etc. 



267 



Dazu kommt die Reihenfolge: Zuerst stehen die Fürsten, die 
brüllenden Löwen; damit begnügt sich Ezechiel nicht. 1 Er führt 
das Bild weiter aus: Sie brüllen nicht nur, sondern sie zerreißen 
auch, sie fressen Menschenleben, nehmen den Familien den Schutz 
und die Ehre d. h. sie töten die Männer und vermehren so die Zahl 
der Witwen. 

Auf die Fürsten (Löwen) folgen im Original die Wölfe, mit 
denen die bestechlichen Richter passend verglichen werden — aber 
bei Ezechiel folgen die Priester, die ihm wichtiger gewesen zu sein 
scheinen als die Richter: 

,Ihre Priester vergewaltigen meine Lehre und ent- 
weihen meine Heiligtümer/ 2 

Worin besteht nun die Vergewaltigung der Lehre? Ezechiel 
spricht sich darüber deutlich aus: es handelt sich um rituelle Sachen, 
nur bleibt es natürlich eine offene Frage ob Ezechiel seinen Vorgänger 
richtig gedeutet oder seine eigene Anschauung hineingetragen hat: 3 



Einen präziseren und sorgfältigeren Kommentar zu Zeph. V. 4 b 
hätte keiner der späteren großen Kommentatoren, wie z. B. Raschi 
oder Ibn Ezra geben können. 

An dritter Stelle statt an zweiter folgen bei Ezechiel die Richter 
(■TtDBtp), wofür allerdings im Texte ,ihre Fürsten* (ppto), oder, wie man 
auch übersetzt ,ihre Beamten' steht. Daß neben mvm nicht auch Dnttf 

1 Der Text hat allerdings nww für rrKnw, die Lesart ist aber gewiß falsch. 
Nimmt man dagegen an, daß der Anonymus aus Ezechiel geschöpft hat, so müßte 
man erwarten, daß er dwvj herübergenommen und es nicht in onr verändert hätte. 

* Man vergleiche die viel einfachere Fassung bei Zephanja: ,Ihre Priester 
entweihten das Heilige, vergewaltigten die Lehre.' 

8 Vgl. seine Vorschriften für die Priester Kap. 44, 23 — 24 : 



Zwischen Heilig und Profan unterscheiden sie nicht, 
Über Eein und Unrein belehren sie nicht, 
Vor meinen Sabbaten verschließen sie ihre Augen, 
So daß ich entweiht werde in ihrer Mitte. 



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Wiener Zeitschr. f. d. Kunde d. Morgenl. XIX. Bd. 



18 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



268 D. H. Müller. 

vorkommen können, muß jeder einsehen. Ezechiel, der das Wort 
■w absichtlich durch w*m ersetzt zu haben scheint, wird doch das- 
selbe Wort nicht gebrauchen um niedrigere Kategorien von Beamten 
damit zu bezeichnen. 

Der Vergleich der bestechlichen Richter mit Wölfen oder Scha- 
kalen, die feige sind bei hellichtem Tage zu rauben und nur in der 
Dunkelheit ihr Unwesen treiben, ist sehr zutreffend, weil der Richter 
nicht gewalttätig auftritt, sondern durch ein falsches und ungerechtes 
Urteil wirkt, das man schwer kontrollieren kann. Dieser Vergleich 
paßt aber auf Fürsten oder Beamte nicht. 

Sehr verdächtig ist mir daher auch bei Ezechiel tpto "»mte, wozu 
auch das folgende wenig paßt. Hat man einmal Tier oder Mensch 
zerrissen, so ist das Ziel erreicht. Dazu kommt, daß ffpfc fast immer 
vom Löwen gebraucht wird und ich nur eine Stelle außer der 
unserigen kenne, wo es vom Wolf gebraucht wird (Gen. 49, 27 
sptr 2KT die aber zweifelhaft zu sein scheint. Ich möchte 

daher vermuten, daß ipta *tHQ aus einer Phrase wie aitf *znv oder 
dergleichen verderbt wurde, jedenfalls muß sie Zephanjas y\f "»nw 
entsprechen. Daran schließt sich vortrefflich die Erklärung Ezechiels: 

Um Blut zu vergießen, Seelen zu vernichten, 
Und um Gewinn (durch Bestechung) zu erraffen. 

Die Propheten, die bei Zephanja an dritter Stelle stehen, 
kommen hier an vierter Stelle und die kurzen undeutlichen Wen- 
dungen Zephanjas werden von Ezechiel in seiner Manier und mit 
den ihm sonst eigentümlichen Wendungen verdeutlicht. 1 

Ich glaube, daß damit die von mir in der Überschrift auf- 
gestellte These bewiesen ist. Es bleibt aber noch übrig, die Über- 
schriften beider Prophezeiungen mit einander zu vergleichen, weil 
einerseits dadurch auch in der Überschrift die Abhängigkeit Ezechiels 
von Zephanja erwiesen, andererseits aber auch die Auffassung aller 



1 Die Wendung ^Dtt ims kommt bei Ezechiel siebenmal vor und es ist be- 
greiflich, daß er sie auch hier anwendet. Umgekehrt hätte sie der Anonymus 
wahrscheinlich herübergenommen. 



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,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



Der Prophet Ezechiel entlehnt eine Stelle etc. 



269 



älteren Kommentare gegenüber den modernen in bezug auf das 
dunkle Wort mma bei Zephanja durch Ezechiel bestätigt wird. 



Demnach ergibt sich für ,-imiö bei Ezechiel mraö Hb ,die nicht 
gereinigte', was mit der Erklärung der älteren Kommentare, die 
nrnia von **n ,Kot' ableiten, übereinstimmt. Dem nbxn entspricht 
Höüa Hb ,nicht beregnet', also ,schmutzig', von Regen nicht abgespült. 

Wie aber die Bedeutung von rtKniö durch mrrtoö xb festgestellt 
wird, so muß man auch die Lesung mrwao gegen den Verbesserungs- 
versuch rnööö ,beregnet' schützen und man darf auch DJtt nicht in 
a^T verändern, weil der Prophet in V. 31 (••ttin urrbs IMWti) auf das 
Wort zurückgreift. 

Endlich muß ich auch auf die Schlußverse beider Stücke 
hinweisen (Zeph. 8 c " d und Ez. 31), die zum Teil wörtlich, zum Teil 
dem Sinne nach übereinstimmen, wobei noch darauf aufmerksam 
gemacht werden muß, daß die letzte Zeile in Zeph. V. 8 nahezu 
wörtlich sich schon Kap. 1, 18 findet und sich somit als echt Ze- 
phanjanisch erweist. 1 

Ich weiß sehr wohl, daß man in Zeph. Kap. 3 einige sprach- 
liche und sachliche Indizien finden wollte, die in eine spätere Pe- 
riode weisen. Mir scheinen aber diese Indizien durchaus nicht beweis- 
kräftig: 1) Das Wort bn: ist keineswegs als ,Erweichung von by:' an- 
zusehen und stimmt auch in der Bedeutung damit nicht überein. 2) Für 
•ma ist wahrscheinlich wie Jer. 9, 9 in» zu lesen; behält man aber 
113», so beweist das Nichtvorkommen dieses Wortes im AT. und die 
Übereinstimmung mit aram. Hat gar nichts. 3) Die Wendung bv ^pö 
ist sehr alt und häufig; erst wenn man ihr eine Bedeutung unter- 
schiebt, die sie an dieser Stelle nicht hat, wird sie verdächtig. Auch 



1 Vgl. übrigens auch Zeph. 1, 17—18 mit Ez. 7, 19. 



Die Überschrift bei Zephanja: 

iwn Tpn rhnos\ rama m 

wird von Ezechiel in seiner Weise paraphrasiert : 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



270 



D. H. Müller. Der Prophet Ezechiel etc. 



die sachlichen Indizien beruhen zum Teil auf unrichtigen Voraus- 
setzungen, so in der Deutung des pnat, und sind zum Teil ganz un- 
sicherer Art, weil wir weder sprachlich noch sachlich über jene 
Zeiten genug informiert sind, um solche Schlüsse aus kleinen Ab- 
weichungen ziehen zu dürfen. 

Diesen kritischen Einwendungen von zweifelhaftem Wert gegen- 
über glaube ich die Momente, die sich aus der Vergleichung beider 
Stücke ergeben haben, mit Ruhe entgegenstellen zu dürfen und daran 
mit Cornill festzuhalten, daß mindestens die ersten acht Verse und 
vielleicht der ganze Abschnitt V. 1 — 13 von Zephanja herrühren. 



rinrull^ Original fronn 

CORNELL UNIVERSITY 



Erinnerungen aus dem Orient. 1 

Von 

August Haffner. 
7. Sagen und Sprüche. 

Der Libanon ist keineswegs, wie man es von einem Gebirgs- 
lande vermuten sollte, reich an Sagen und Sprüchen, und meine 
auf die Reichlichkeit derartigen Materiales in unseren heimischen 
Bergen begründete Hoffnung auf ergiebige Beute hat sich leider 
nicht erfüllt. Wäre der Boden wohl gleich günstig für diese Volks- 
überlieferungen wie bei uns, so hat doch der Umstand, daß keine 
autochthone Bevölkerung ihn bewohnt, sie nicht recht Wurzel fassen 
lassen. Das Wenige, was ich von ihnen erreichen konnte, gebe ich 
im folgenden zumeist nach den Angaben meines Gewährsmannes und 
Freundes Abu Suleiman aus el-M°ten im Libanon; seine hervorragende 
literarische Schulung und Bildung erklären es, daß nicht immer die 
im plattesten Vulgär gewöhnlichen Wörter gewählt sind. Zu den 
beigebrachten Sprüchen vgl. Goldzihbr, ,Jugcnd- und Straßenpoesie 
in Kairo', ZDMG xxxni, 608 — 030. Almkvist, 1. c. pag. 43G. Tallquist, 
1. c. pag. 131, Nr. 7. 

I. 

In der Nähe von Biskinta im Libanon befinden sich 

um einen verfallenen Weinberg Mauerreste, an welche sich folgende 
Sage knüpft: 

jOjj> UJiS Lf^L* «^d.kjJ ^JLft >>yS Col5^ ^Är* -0 «J^j 

Cr** ob ^ ^ L ^ 5^ 3 J** J*** 5 ^ Cr 5 ^ 

1 Vgl. Bd. xvm, p. 169 ff. 



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272 August Haffner. 

5 <*^**.a3 ^9 J^*^ v^jlki i)la^° y*$J^^^ ULoJii IaLLL^s 

(Ji ^ Oj^3 6^'^ er^* ^ CX^9 

^1 ^> ^ A^^Ui ^r^*^i^°^ J^vX^o ^Lüt ^ ^s.-\J\ 

U5 sli^U JJ» ^ b\ b Jb r «J\ \ wX* c^-^ *s>jsJl j ÄküS £«Io U 

eX^U. y>\ <sü cj jlü ^ Iii l^j&i yiC^l aoi 3) <^ o-*^. 
*U-äJI ^Jxa-« LfiUaS ^ UJ 34 ^ ^3^» ^ bt b *LoUJ\ 

Ijjb JX« ^ ^ ^ ^ o>^ä ^ «Vk»J ^}>Ji\ C^iÜ^ 

^> *V er*, C&j*'} ^^aJJI JU-i **** 

Cr* ^-?^» f^j^ er*^ er* ^V* ^ v £ r *uUai ^^a-JI J^rujl 

20 eXi «jo Cr*^ er*^* ^^»y J^^r*^^ ^r^ 3 ^ 

ji^i^ S-*^^ f**^ ^*r^^ olr^-^ <r^^ ty^3 c^' 

^\ \j^J ^] Ai^^^-o ^ J;\ 5^ c^i J<^' ^> er^ ^ 

iJyjo^ ^^-^o J-^ä- v— >y» LiLXX-i*^ C^^r*" ^ A 3 ^v3<a bL*^£ { tm y^>+ ^b'\ 

25 \5 U> Jio ^ Ji,. Ob IS ^5^» f ^ft ^\ J^^50 /\ ^\ 

Lo \Jjb ^ ^rH*^ C^j^ ^"^j ? ^b bbj^jo ^ iaAa* 

j^äj' äI^zb ^ ^ <:CaLy^ c-ä^ eSj^. ^ yiUüLiU aJlj«^ ^15 

o u e?^^- ^ 2:r*5 ^r^J erW*' 1 ^5 cr^ 



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Erinnerungen aus dem Orient. 273 
bt b ^} ^{^ii * f Gt X&S ^OJJ i r^u* J^ift jis p ^is 

^Jüüb fj& j dJ^c <*^u$jb >^J\ Jübj^o Jä^. ^^^ä. AJbvXsfc. ^Jl b« ^ 

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*ä ^3 <J U JA.* vi^n^J» b_> £*3Uswj 

jJLLa ^ r^i.» <^sr° d^l^ CU5^ JLLl \ Jüb ^ ^ J 3 ^1^1 -Syb 3 dh\ 

f^J^ fj^ v_->Jad ot J>U-ÄJl 2$ JJb v>CU dJl^w 50 

<S\ J 3 * eXUo/\ dJJ\ ^1 jftt b Obt JIS j <^bo ^ ^ 

yjUi.\ 2tj^J l^-JLo ^ ^se^ 3 f b j^-ftü ^ Ü yb 

c^^b (Jl ^ W^b^b l^ill ^^UJ\ äaLä i^jb ji 3 

bl ^ *Lo>o dObo JiyXü bb3J c_5«^Jb J-> Lf-^o Lä^ö tjjiZ) ^ä^oj ^\ 

b^k JUi b\ v*5ü> «^äPU ^X^i L^ij^Lb ,2^1 *^X3 55 

2. Die Klammer () heißt J^U> und so sagt man von etwas: es 
steht zwischen Klammern, in Klammern: cr^^ crri- 

3. t-^^rr^l ,du hast uns ermüdet^ vulgär: Ui^iL. 



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274 



August Haffner. 



6. J^^f ist ein grobes Sieb; ein feineres Sieb für Mehl etc. 
ist Jä?, während >^> ein ganz grobes Sieb bezeichnet. 

11. a^i* jJ&z**\ zu Jdem. sagen & O^] y& ,möge [Gott] 
dein Gut vermehren' gleich ,ich danke dir!' 

12. *l£*£Jl ^ vulgär bi nuss es-Htti ,mitten im Winter'. 
15. steiler, steiniger Bergabhang mit wenig Humus; es 

war daher die verlangte ,Mauer von oben nach unten' (Z. 16) un- 
gleich schwerer zu errichten, als eine eventuell gewählte Quermauer. 
17. direkt. 

22. o\r^> pl- ^i^ 2 ^? vulgär gleich 

24. der Bezirk eines Dorfes, d. h. alles Land, welches 

zu einem Dorfe gehört. 

31. £yfe vulgär: lautes Gelächter, laute Scherzreden. id. 

34. s*f^Z» ^ sehr gebräuchlich für ,vor dir', ,von dir'. 

35. ^iXxi ? da zauderte er ein wenig aus Verlegenheit' (bei- 
läufig in dem Sinne : er kratzte sich hinter den Ohren, was vulgär 
lauten würde: <^i} ^ j\~>° sär j e hikk ward deinto oder 
^aJyLo e^s^ sar j e hikk binukrto). 

37. £\ JU cuS\ ist vulgär in dem Sinne: ,du bist uns soviel 
wert, daß dein Verlangen für uns nur eine Kleinigkeit bedeutet.' 

46. ^3 J U auch \SJt^\^ ) U in der Bedeutung: ,darum 
kümmere ich mich nicht', ,das ist nicht meine Sache'. 

47. £?t^\ l*x* cr° c5t^Ä ^ * st vulgär gleich ^ ^5^, U 
im Sinne von: ,ich mische mich nicht in diese Sache.' 

49. ci^ft ,du lebst' gleich ,mögest du leben!' ,lebe!' hier in 
dem Sinne: ,du bist gerettet!' 

51. Verstärkung des einfachen ^ ,ja!' 

54. Statt der vierten Form £U*1 ist vulgär die zweite 5^ ge- 
bräuchlicher, ebenso wie statt £*}t. 

55. ^ U\ vulgär: ^ ü\ *ana bitkaffdl-lak. 

Der Erzählung schließt sich, ähnlich den Fabeln, noch ,die 
Moral', ,die Pointe', ,die Lehre' an: 



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Erinnerungen aus dem Orient. 275 

Einst lebte ein Mann, namens 'Abu c Azm (, Vater der Kraft'), 
mit dem die Geister verkehrten, so daß, was immer er von ihnen 
verlangte, sie ihm mit Windesschnelligkeit besorgten. Eines Tages 
aber kamen sie alle (Gott lasse sie zu schänden werden!) zu ihm 
und sprachen : ,Du hast uns deiner überdrüssig gemacht, 'Abu f Azm, 
und nur mehr drei Dinge darfst du noch von uns verlangen, die 
wir dir nach Wunsch besorgen werden; sollte eins über unsere 
Kräfte gehen, so wollen wir auf immer deine Sklaven sein, erfüllen 
wir aber deine Wünsche, so wird deine Seele unbedingt uns gehören/ 
Der Mann war's zufrieden, da er sich dachte, ,da werde ich bequem 
zu Sklaven kommen, die mich bedienen sollen', zu ihnen aber sagte 
er: ,Gut, so verlange ich von euch, daß ihr dieses Sieb, welches 
ich euch hier gebe, mit Meerwasser anfüllt und es mir ganz voll 
zurückbringt V Sie entgegneten: ,Gewiß, augenblicklich soll es ge- 
schehen V Dann nahmen sie das Sieb, flogen mit ihm zum Meere 
hinab, hielten die Löcher des Siebes mit ihren Fingern zu, füllten 
es mit Meerwasser und brachten es so voll dem Manne zurück, daß 
es keinen einzigen Tropfen mehr hätte fassen können. Beim Ein- 
tritte sagten sie zu ihm: ,Hier ist das Sieb, 'Abu r Azm, nach deinem 
Wunsche haben wir es mit Meerwasser gefüllt/ 'Abu 'Azm aber 
sah sie an und er sah das Sieb an, er wollte seinen Augen nicht 
trauen und sprachlos stand er da, bis er endlich ein ,Vergelt's Gott!' 
herausstammelte. Da sprachen sie aber auch schon : ,So nenne deinen 
zweiten Wunsch, 'Abu 'Azm, den wir ebenso pünktlich erfüllen 
werden !* Und er [faßte sich und] sagte — es war aber gerade im 
tiefsten Winter und die Erde lag unter einer hohen Schneedecke — : 
,Ich will einen Weinberg haben, der auch in der jetzigen Jahreszeit, 
wollte sagen, jetzt sofort trägt, und dann will ich, daß der Weinberg 
an jenem Orte dort stehe — und er zeigte auf einen kahlen steilen 
Berghang, wie er unwirtlicher in dieser Gegend sich nicht denken 
ließ — and eine Mauer von oben nach unten soll ihn begrenzen/ 
Und sie sagten: ,Ganz nach deinem Wunsche, 'Abu r Azm, morgen 
schon sollst du in diesen Weinberg treten und von seinem Erträgnis 
kosten können, und er soll für ewige Zeiten eine Erinnerung werden/ 



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276 



August Haffner. 



Dann begaben sie sich von ihm direkt nach dem bezeichneten Platze 
und schufen ihm dort den herrlichsten Weinberg, den sie die süßesten 
und wohlschmeckendsten Traubensorten tragen ließen. Am folgenden 
Morgen erhob sich 'Abu c Azm schon früh von seinem Lager und 
warf seinen Blick nach jenem kahlen Berghang, und als er dort 
einen Weinberg der prächtigsten Anlage entdeckte, da erfaßte ihn 
zuerst eine gewaltige Freude, so daß er schnell seinen Nachbarn es 
mitteilen mußte, welche alle schleunigst an Tür und Fenster sichtbar 
wurden, um mit eigenen Augen die Wirklichkeit dessen zu sehen, 
von welchem 'Abu f Azm ihnen gesprochen hatte. Und alle standen 
erstarrt und wußten nicht, was sie sagen sollten zu diesem wunder- 
baren Weingarten und nicht, wessen Hand sie seine Anlage zu- 
schreiben sollten. [Spuren dieses Weinberges gibt es noch bis auf 
den heutigen Tag im Bezirke des Dorfes Biskinta, nahe dem Berge 
Sannin, die unter dem Namen Weinberg oder Berghang des 'Abu 
l Azm bekannt sind.] Bei dem Einzigen aber, der von allem, was 
sich auf die wunderbare Tatsache bezog, allein die allergenaueste 
Kenntnis hatte, bei unserem 'Abu 'Azm, verwandelte sich gar bald 
die Freude in grenzenlose Furcht und Angst: zwei Wünsche hatten 
die Geister ihm schon erfüllt, genau so, wie er es verlangt hatte; 
nur mehr ein einziger blieb übrig, dann mußte er seine Seele den 
dämonischen Geistern ausliefern! Das machte ihn verzagt und ver- 
wirrt, denn er sah keinen Ausweg und fand auch kein Mittel, mit 
dem er den Geistern sich hätte gewachsen zeigen können, nichts, 
was über ihre Kräfte hinausgegangen wäre. In trüben Gedanken 
saß er so in seinem Hause und erwartete nur mehr ihr Kommen, um 
sich ihnen zu überantworten. Als es aber gegen Abend ging, da 
kamen die Geister in ausgelassener Heiterkeit heran, die darauf 
hinwies, welche Sicherheit sie wegen ihres Opfers, der für sie besten 
Beute, erfüllte. 'Abu f Azm vernahm dies und Zittern und Beben 
überkam ihn ; aber er bezwang sich, eine feste Haltung anzunehmen, 
bereit, sie zu empfangen. Sie traten herein, grüßten und sagten: 
,'Abu r Azm, zwei Wünsche haben wir dir schon erfüllt und fürwahr, 
nicht ohne Mühen; sprich jetzt deinen dritten Wunsch aus, damit 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



Erinnerungen aus dem Orient. 



277 



wir auch diesen erfüllen und dann endlich Ruhe vor dir haben/ 
Da erwachte wiederum seine Furcht in erhöhtem Grade und er war 
unfähig, ein Wort herauszubringen, sodaß sie ihn zu schelten be- 
gannen und auf ihn einredeten: /Weshalb zögerst du noch? so gib 
doch endlich einmal eine Antwort, sonst . . . !' Und nach kurzer 
Verlegenheit sagte jener: ,Drei Tage müßt ihr mir noch Zeit zu 
dieser Antwort lassen l £ Und sie entgegneten: ,Wenn es weiter nichts 
ist, 'Abu c Azm, die drei Tage gewähren wir dir gern/ und auf dem- 
selben Wege, den sie gekommen, entschwanden sie unter ungeminderter 
Ausgelassenheit. Aber 'Abu c Azm begann sein Gehirn zu zermartern, 
ob er denn gar kein Mittel finden könne, welches an die Kräfte seiner 
Plaggeister unmögliche Anforderungen gestellt hätte, aber auch dies- 
mal wollte ihm durchaus kein geeignetes in den Sinn kommen, sodaß 
er schließlich ganz wirr im Kopfe wurde. In dieser Verfassung kam 
er, ohne einen Ausweg entdeckt zu haben, bis zur Abenddämmerung 
des dritten Tages, und da wurde es ihm schließlich ganz schwarz 
vor den Augen, Leichenblässe überzog sein Antlitz und ohnmächtig 
sank er nieder. Während er so dalag, kam ein altersgebeugter Greis 
ihn zu besuchen, den das Schicksal klug und an Erfahrungen reich 
gemacht hatte. Bei dem Anblick, der sich ihm bot, war er zuerst 
wohl erschrocken zurückgeprallt, dann aber blieb er doch, um ab- 
zuwarten, bis sich sein Freund von der Ohnmacht erholt hätte. Und 
dann befrug er ihn um die Ursache seines Befindens und jener er- 
zählte ihm alles bis aufs kleinste. Kaum hatte er aber seine Erzäh- 
lung beendet, so begann sein älterer Freund laut aufzulachen, sodaß 
'Abu f Azm in Hitze geriet, als ob man ihn auf glühende Kohlen ge- 
setzt hätte, und als jener weiter lachte, endlich aufbrauste und heftig 
herauspolterte: ,Die Zeit ist wahrhaftig ernst genug und wenig geeignet 
für schlechte Scherze, denn die letzte Stunde ist für mich schon 
angebrochen. Oder fällt dir vielleicht ein Mittel ein, mit dem du 
mich aus den umschließenden Ketten der Geister erretten könntest?' 
Der Alte aber lachte ruhig weiter und sagte nur: ,Das geht mich 
ja durchaus nichts an, 'Abu Azm, das ist ausschließlich deine An- 
gelegenheit, in die ich mich nicht mischen werde; ins Verderben 




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CORNELL UNIVERSITV 



278 



August Haffner 



bist du gerannt, als du dich einließest mit diesen üblen Gesellen. 
Gottes Schande über dich und jene Elenden !' In dieser Weise nahte 
allmählich der Augenblick, in dem die Geister zu erscheinen pflegten, 
und da endlich rief der Alte aus: ,Ich haVs! du bist gerettet, 
'Abu 'Azm, und entronnen dieser großen Gefahr, die dein Untergang 
gewesen wäre; höre, ich weiß ein Mittel, das jene Teufelsgesellen 
dir vom Halse schaffen wird!' Aufs höchste beglückt durch diese 
Worte flog 'Abu 'Azm seinem Freunde um den Hals und rief: ,Du 
prächtigster aller Freunde, heraus damit! Dich hat ja Gott gesandt, 
mich zu retten !' Und jener erwiderte: ,Ei freilich; ja! Und das 
Mittel ist folgendes: Suche dir, 'Abu 'Azm, irgend ein Stück von 
einem Teppich aus schwarzem Ziegenhaar und übergib es diesem 
zuwideren Volke und sprich zu ihnen: „Hier habt ihr ein Stück 
Ziegenhaarteppich, nehmt es und wascht es im Meere, bis es 
ganz weiß geworden, aber hütet euch, auch nur ein einziges Haar 
aus demselben zu verlieren, denn in vollkommener Unversehrtheit 
müßt ihr es mir zurückbringen und tadellos weiß;" dann garantiere 
ich dir dafür, daß sie den Teppich wohl mitnehmen, aber nimmer 
zu dir zurückkehren werden/ Erstaunt hatte 'Abu *Azm diesem 
allen zugehorcht und voll Freude rief er aus: ,Du hast es getroffen, 
du Muster von Hochherzigkeit, bei Gott, mein Leben werde ich 
nur dir zu danken haben !' Und als endlich der erwartete Augen- 
blick da war, da ließ der Alte seinen Freund allein. Kaum hatte 
er die Schwelle übertreten, da stürmten die Geister in gewohnter 
Weise daher, aber 'Abu f Azm wartete nicht einmal ihre Begrüßung 
ab, sondern kam ihnen schon zuvor mit den Worten: ,Das Leich- 
teste auf der ganzen Welt ist's, was ich von euch verlange; nehmt 
dieses Stück Ziegenhaarteppich hier — und er zeigte ihnen einen 
schon schleißigen abgenützten Fetzen — und wascht es im Meere 
solange bis es ganz weiß ist, aber hütet euch, auch nur ein ein- 
ziges Haar zu verlieren, denn unversehrt und tadellos weiß müßt 
ihr es mir zurückbringen !' Und sie nahmen den Teppich mit 
sich, aber Zeit seines Lebens fanden sie den Weg zu ihm zurück 
nimmermehr. 




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Erinnerungen aus dem Orient. 279 

(Der tiefere Kern dieser Erzählung, wie er im Volke auch 
allgemein erkannt wird, ist der, daß alles bleibt, so wie Gott es 
geschaffen, sei es schwarz oder weiß, und gar niemand außer Gott 
kann etwas daran ändern auf natürliche Weise, ohne ein Mittel 
[also jedenfalls nicht mit einfachem Wasser]). 

IL 

In bezug auf eine Quelle, namens Bu kübbi & in el-M e ten 
wird folgende Geistergeschichte erzählt: 

ü\^J\ i~>«^-? ^A-wJi-i ^yiXjs^js? yi eye? r Wl\ ^aXa^J 5\^ob c^*****^ 
^3 C^iS ^ ^jLoäj L^J^Jli ^oü^o l^JCXXb JJL^v^. ^ ^H'J^ *JUä.^-ä3 

CUil* livAÄi «LJl ,5^0 L5 Xa. UyuS) ^j^o ^jOb J\ 

CUas? oW-i viXUli" d£b^ yj^*?- CJl* ^yLX*^' 

1. ^,^0^ vulgär gesprochen Müsi. cr *^^ cr *^; o^r^ und 
Antonius. 

3. j^i vulgär ,anstoßen; das Pferd mit Fußstößen antreiben'; 
^Lajo vulgär bi'asäü. 

8. c^ä^ Wasserleitung mit Steinen, um das Wasser zu 
fangen und eventuell zu einer bequemeren Schöpfstelle zu leiten. 

Der alte Anton, Abu Müsa, erzählte uns folgende Geschichte: 
In einer Nacht schritt ich meines Weges dahin, als es mir auf ein- 
mal vorkam, als ob ich eine Frau aus der Quelle Bü kübbi Wasser 
schöpfen höre, und ich dachte bei mir: ,Die Frau will ich mir doch 
anschauen/ Ich bog deshalb auf den Weg zur Quelle ein und 
siehe da, es schien mir, als ob es meine eigene Frau wäre. Ich 
stieß sie mit meinem Stocke an, und sagte: ,Da soll doch gleich 
ein Donnerwetter dreinschlagen ! Hast denn du gar keine andere Zeit, 



nnn | p Original fronn 

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280 



August Haffner. 



Umia Müsa, deinen Krug zu füllen, als diese ?' Sie blickte mich 
mit rollenden Augen wütend an, während das Haar ihr über Kopf 
und Gesicht herunterfiel, sodaß es beim Schöpfen ins Wasser geriet, 
und wild fuhr sie mich an: ,Die Pest über dich, du Verfluchter! 
Beleidigt man jemanden wie mich?!' Ich erschrak vor dem Ent- 
setzlichen in ihrer Stimme und vor dem Übermaße ihres wilden 
Zornes, und begann ein Kreuz zu schlagen. Und da zertrümmerte 
sie ihren Krug und entschwand vor meinen Augen in die Leitung 
der Quelle. Da sprach ich: ,Das kann nur ein weiblicher Dämon 
gewesen sein, den (weil ihn) das Kreuzzeichen verjagt hat' und ich 
hörte nicht eher auf. mich immer wieder zu bekreuzigen, als bis 
ich meine Wohnung wieder erreicht hatte. 



Wie ein Geist sich zu rächen versteht, erzählt folgende Ge- 
schichte : 



2. Das gebräuchlichere Wort für a^Lsüu».« ist (vulgär mit >) 



Die alte 'Umm Jusuf hat uns erzählt: In einer Sommernacht 
war ich damit beschäftigt, für meine Kinder zu kochen; da kam 
ein weiblicher Dämon daher in abgeschlissenem Gewände und in 
der Haltung einer Bettlerin. Sie bat mich, ihr etwas zum essen zu 
geben, ich erwiderte ihr aber: ,Ich habe nichts, was ich dir geben 



III. 






Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



Erinnerungen aus dem Orient. 



281 



könnte, geh anderswohin, um dein Glück zu versuchen. 4 Da wurde 
sie zornig und frug: ; Und was ist denn in diesem Kessel drinnen ?!' 
Worauf ich so aufs gerade Wohl entgegnete : ,Kieselsteine sind 
drinnen. Geh nur weiter, und Gott verhüte, daß du dich noch 
einmal bei mir blicken läßt/ Da entflammte sie vor Zorn und rief 
aus : , Gewiß gehe ich jetzt fort ; aber im Kessel soll das auch drinnen 
sein, was du gesagt hast;' dann verließ sie mich, Verwünschungen 
brummend und zwischen den Zähnen murmelnd. Als dann die Essens- 
zeit gekommen war, wollte ich für meine Kinder das Essen anrichten 
und holte den Kessel vom Feuer, ich führ mit dem Löffel hinein, um 
herauszuschöpfen, aber er traf nur auf Kieselsteine, so wie es jene 
Verruchte ausgerufen hatte; in meinem Leben habe ich von keiner 
ähnlichen Geschichte etwas erfahren (so etwas ist mir doch Zeit 
meines Lebens noch nicht passiert!). 



B e zibdin ist der Name eines Dorfes bei el-M°ten, M°äi[ia der 
eines kleinen Weilers in der Nähe, Kidsijje N. pr. einer alten Frau. 



Zu B c zibdm ging das Licht (die Sonne) auf, 

Erschienen sind (man sieht schon) die Mauern von M c §iha, 

Kidsijje kocht jetzt Feigen (mit dibs), 

Steh auf, um ihr Blasen zu hören (d. h. wenn du jetzt kommst, kannst 
du gerade hören, wie sie mit Blasen das Feuer anmacht). 



Einen an sich wenig besagenden , Gassenbuben'- Vers möchte 
ich auch hier anführen : 



IV. 





V. 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



282 August Haffner. 

o^^o^i '\js)\ J\ d£** c?* uv <^ OiUL*. 

£V-H ^ oV*# ^V J ^ c£**i ^5 ^ ^ 

O^-^-U oder gleich 0^v> jC* ; 

zu cr*^ gleich v gl- oben (Bd. xvm, p. 182). 

Wenn Kinder herumziehende Beduinenfrauen sehen, welche 
ihre Kinder in einem auf dem Kopfe befestigten, nach hinten herab- 
hängenden sackartigen Tuche tragen, so rufen sie ihnen den fol- 
genden Vers nach, über den sich die Beduinenweiber ärgern ; dann 
schreien aber die Kinder erst recht: 

ndwar ndivar tdht et-titt 
maünna sdbi 'dmimüt (^dmbtmüt) 

Zigeunerinnen, Zigeunerinnen unter dem Maulbeerbaum, 

Das Kind, das sie bei sich haben, liegt schon in den letzten Zügen. 

Und unaufhörlich wiederholen sie diesen Spruch. 

VI. 

Am Feste der Kreuzerhöhung ^ r ^J-oJ\ 14. September, 

spielt sich folgendes in den christlichen Dörfern ab: 

x^un <4^\ y o^UäM o^sjlLs o 1 ^ 1 * 

XSjli jUä pl. 0\ Schuß des Gewehres, der Flinte. (<J?;^ (^tf- 40 
nur pl.) Rakete. 

Die Dorfbewohner, jung und alt, begeben sich auf die Dächer 
ihrer Häuser, und zünden dort Feuer an. Dann nehmen die jüngeren 
Leute, und besonders die ganz jungen, Rohre, brechen von jedem 



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,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



Erinnerungen aus dem Orient. 



283 



das obere Stück ab, zünden sie an und werfen sie in die Höhe, 
während sie dazu mit lauter Stimme singen: 

c id e s-salib c ido 

hüll ennds taht Hdo 

Das Fest der Kreuzerhöhung ist (des Kreuzes eigentlichstes) Fest. 
Alle Leute sind unter seiner (des Kreuzes) Hand. 

Gleichzeitig feuern die jungen Männer Flintenschüsse los und schießen 
Raketen ab. 

VII. 

Wiegenlied. 

^5^ ft er* o — ~* k ^ *ü 

jfc gleich )*\ ; ^-^-^ gleich ; ^i.j gleich ; \ js**d\ 

gleich ä \j^xä3\; 5) gleich <*J ; cy^t^ gleich 

näm üallüQi) ja c äinl 
udbni *dzz min c äinl 
udbni c dzz min mühri 
marbüta fl g e n<iinl 
rait il- c ddrä Vydnnt 16 
uHhallih laäini 

Schlaf mit Gott, mein Liebling, 

Und mein Kind ist mir lieber als mein Auge, 

Und mein Kind ist mir lieber als ein Füllen, 

Das angebunden steht in meinem Garten. 

Möge die hl. Jungfrau ihm singen 

Und ihn erhalten meinem Auge! 

vni. 



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Wiener Zeitschr. f. d. Kunde d. Morgenl. XIX. Bd. 19 



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CORNELL UNIVERSITY 



284 



August Haffner. 



gleich bbli.1 b; a^+j gleich 

jäUüti jäldarähim 
uiddarähim dhmedijji 
jälfidjja uisteriha 
küll a nü§§ dirhtm bimijji 

Totenklage um eine Emirsfrau. 

(meine) Herrin, o (du lauteres) Gold, 
Und (zwar) Dirhcms türkische (vollwertige) ! 
O ihr Bruder, zurückkaufen jwürde er sie 

Jedes halbe (Gramm von ihr) um hundert (Dirhem) ! 

i 

! 

Auf den Tod des Wasa Pascha L&b bo^ ? des Vorgängers von 
Na um Pascha im Libanon, wurde folgendes Sprüchlein gemacht und 
von einem der Teilnehmer beim Grabe gesungen: 

Laß den Klang des Geldes ertönen ober seinem Grabe. 
Ich wette (garantiere dir), das ruft ihn ins Leben zurück ! 

X. 

^ hj^- h 

& ^l»b jjiyb U ^3JJ\ ^ l>bL ^-iL ^ 

v*X-l^ft ^jp^^o^ iS^J»b wJjJl^ 

^i^ift gleich i^*; cP*-^ vulgär, die Pupille des Auges. 

kül ja härüfi 
kül uzid *ulüfi 
kül utdjjib hätrak 
xiiddib mä hüS nätrak 
uiddib nätir gäirak 
bihjät bdsbüs € äinak 



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Erinnerungen aus dem Orient. 



285 



Friß» o mein Lämmchen, 

Friß und friß nur weiter, 

Friß und sei sorgenlos, 

Denn der Wolf wird dir nicht auflauern, 

Denn der Wolf lauert einem andern auf, 

Bei dem Leben der Pupille deines Auges ! 

XL 

\SS* d^jÄÄ (r) ^Ull o^S^ (i) o-^n 



ja hdblamä 
icein elgemäl 
Sü jakHü 
§ü jisrabü 
ja kak 

bittjawwzzni bintak 



ja mdblamä 
c alkdntard 
habb id-durä 
l$atr innidd 
n uC üm 

lä bHdbl ulä b e zdmr 
ulä b e Jcüffe rdml 



Die Kinder bilden einen Kreis, in welchem sie einen Eingang 
offen lassen; an diesen beiden Ecken stellen sich die Anführer der 
beiden Gruppen auf, dann redet der Anführer der ersten Gruppe 
den der zweiten an, welcher ihm dann antwortet, sodaß folgender 
Zwiegesang anhebt. 

19* 



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August Haffner. 



Der erste: ,jä hablamä' (Sinn unbekannt). 
Der zweite: Jä mablamä 1 (Sinn unbekannt). 
Der erste: ,Wo sind die Kamele?* 
Der zweite: ,Bei der Brücke. 4 
Der erste: ,Was fressen sie?' 
Der zweite: , Maiskörner.' 
Der erste: ,Was trinken sie?' 
Der zweite: , Tautropfen.' 
Der erste: ,0 Rabe!' 

Der zweite: ,Was willst du?' (f>^> gleich p**). 
Der erste: ,Willst du mir deine Tochter zur Frau geben?' 
Der zweite: ,Nein, nicht um eine Trommel, nicht um eine Flöte (s^j) 
und nicht um einen Korb voll Sand!' 

Dann wiederholt er dies, jetzt begleitet von seinen Kameraden. 
Darauf wiederholen sie das Ganze, nur beginnt diesmal der zweite 
und der erste gibt die Antworten, bis sie müde oder dieses Spieles 
überdrüssig werden und dann zu einem anderen Spiele übergehen. 

XII. 

Zum Spiele rufen sich die Kleinen beim Dunkelwerden mit 
folgenden aus voller Kehle geschrieenen Freuderufen : 



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halaülä malaülä 

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ta c äs§ü uitaülä 
halaülä malWälä 
ta c d§Sü uitfaulä 



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wie schön, wie herrlich ! 



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Esset schnell und eilet her ! 



wie schön, wie herrlich ! 



Esset schnell und eilet her ! 

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Erinnerungen aus dem Orient. 287 

(Ü^äS^ ist gleich I^JIju^). Und dies wird dann auch noch öfter 
wiederholt. 

XIII. 

dLols*. ^l^ill ^ OUl^. ^JiaX*£o ^ % jJ\ ÄJLaiJl JtaA^J ä ^ 

Reim von Arbeitern, welche gemeinschaftlich arbeiten, besonders 
in Wäldern : 

beikind jä b4k said 
ursd^nd bjirüd raid 
ursds l nd bjirüd raid 
ursä&nd bjirüd raid 

unser Häuptling, o Häuptling Sa'ld! 
Und unser Blei donnert mit Gewalt ! 

Ein solcher einfacher Refrain, **3>p\, findet sich in den meisten 
Liedern der Libanesen, und so dürfte dies zu einem Gedichte ge- 
hören, das ursprünglich auf einen Mann namens Sa'id verfaßt wurde. 
Diese Art Nationalgesänge bezeichnet man mit dem Worte «^Ü. und 
sie sind entweder Freuden- oder Kriegsgesänge. Ist es ein Trauer- 
gesang, so nennt man ihn VL?^ ^ ru ^> oder thürib, und das dazu 
gehörige Verbum ist Oj«£-; es werden hiebei immer sehr lang ge- 
zogene Wörter und Töne verwendet, wobei alle, die sich am Gesänge 
beteiligen, die Hand auf die mitgeführte Fahnenstange legen,; diese 
Art Trauergesang gilt aber nur für die Großen und wird nur von 
Männern ausgeführt, während v_->J3 für alle gilt und von Männern 
und Frauen ausgeführt wird; dagegen wird ausschließlich von 

Frauen ausgeführt, und gilt gleichfalls für alle, vornehm oder gering, 
Männer oder Frauen. 

8. Einzelne Ausdrücke. 

,seinen Kopf durchsetzen'; so sagt man z. B. J-^ 
,er tut alles, was er will'. 



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288 August Haffner. Erinnerungen aus dem Orient. 

illjüt iks^j ^ samm rilit il-ljcalijji ,er hat den Duft des Bra- 
tens gerochen' sagt man von jemandem, der in der Nähe des Zieles 
zu eilen anfängt und eventuell sogar seine Gefährten hinter sich 
zurückläßt; ist das Fett und die Zwiebeln, welche heiß über 

das Essen gegeben werden; vgl. Almkvist, 1. c. p. 375. 

<5-Ür° in der Bedeutung ^erstickend heiß' vom Orte gebraucht 
z. B. Jy-ocvjl J^, cu^JIa } m diesem Hause ist's erstickend heiß wie 
in einem Backofen!' 

C-oj wird vulgär sehr häufig statt v^-vl) gesetzt, vgl. oben 
, Wiegenlied' ; so ist eine der häufigst gehörten Verwünschungen der 
Eltern gegen die Kinder, natürlich nur ein nicht wörtlich zu neh- 
mender Ausdruck des Ärgers: j-^L? re itak t e kün bilJcabr 
,wenn du nur im Grabe lägest!' 

J"£^ jS^ gleich \>\y\>2 (gesprochen mit Damraa) die , Fledermaus'. 



Nachschrift. 

In den Heften 14 und 15 des al-Maschrik, Jahrgang 1905, 
pp. 664—668 und 687—692 findet sich von J^. über 
^Bauernregeln' eine ausführlichere Abhandlung, welche ich wohl als 
Echo meines Artikels über den gleichen Gegenstand in dieser Zeit- 
schrift, Bd. xvm, p. 169 ff. ansehen darf. Möchte sich auch für die 
oben gegebenen ,Sagen und Sprüche' im Oriente eine berufene Feder 
finden, welche auch diesem Teile der , Volkspoesie' eine durch ein- 
gehende Landeskenntnis ermöglichte umfassende Bearbeitung sichert! 



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Anzeigen. 



Mschatta II. Kunstwissenschaftliche Untersuchung von Josef Strzy- 
gowski. (Sonderabdruck aus dem Jahrbuch der Jcönigl. preußischen 
Kunstsammlungen 1904 ; Heft iv, pag. 225 — 373, 12 Tafeln und 
119 Photo typien). 1 Gr. Grote, Berlin. 

Die Uberführung eines Teiles des Mschattafrieses aus der 
Wüste von Moab in das Kaiser Friedrich-Museum Berlins gab den 
äußeren Anlaß zur Entstehung der Studie, die hier besprochen 
werden soll. Der tiefere Grund jedoch zu dieser ,in einem Zuge 
niedergeschriebenen 1 Untersuchung dürfte in dem Bestreben des 
Verfassers liegen, immer neues Beweismaterial für seine Lieblings- 
these herbeizuschaffen, der seine jüngeren Werke Ausdruck ver- 
leihen, und die neuerdings zweimal 2 kurz und scharf von ihm for- 
muliert worden ist. 

1 Ich weiß keine andere Entschuldigung dafür, daß ich öffentlich über ein 
Thema referiere, das mir sonst ferne liegt, als die Tatsache, daß mir in Stkzy- 
gowskis Arbeit eine Fülle von Problemen entgegentritt, die auch für die Ent- 
wicklung der Sprache, Literatur und Kultur überhaupt im Rahmen der Orientalistik 
aufzuwerfen sind. So bezweckt dieses Referat weiter nichts, als den Inhalt des 
nicht leicht zugänglichen Buches und die tragenden Leitgedanken Strzygowskis 
einer möglichst großen Zahl solcher vertraut zu machen, die, ohne Kunsthistoriker 
zu sein, sich für die Schicksale der von uns gewiß zum Schaden des vollen Ein- 
blickes vernachlässigten Forschung über orientalische Kunst interessieren. 

2 Neue Jahrbücher für das Mass, Altertum, Gesch. und deutsche Liter, xv (1905): 
,Die Schicksale des Hellenismus in der bildenden Kunst 4 , ferner: Catalogue general 
du musee du Caire, , Koptische Kunst 4 , Einleitung. 



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290 



Josef Strzygowski. 



Die Zeichen mehren sich und es will scheinen, als ob der alte 
Spruch: ,ex Oriente lux' immer mehr sich bewahrheiten wollte. Es 
gilt, neben # dem klassischen Altertum und seinen Ausläufern auch 
dem alten Orient in der Folge der Kulturerscheinungen, als deren 
vorläufiges Endglied unser gesamtes Geistesleben betrachtet wird, 
eine organische, pragmatische Stellung, und wo es nottut, eine füh- 
rende Rolle anzuweisen, ohne sich stets nur auf den engen Kreis 
religiöser Vorstellungen und die Betonung einiger weniger Akzidenzien 
zu beschränken. In der Geschichte menschlicher Entwicklung greift 
alles, sich verzahnend, ineinander. Nicht in der Wissenschaft allein 
war der Orient der Lehrmeister des europäischen Mittelalters; überall 
in der Völkergeschichte sind die Lehrer auch zu Schülern, die Schüler 
in allen Betätigungen des menschlichen Geistes wieder zu Lehrern 
geworden. 

Die islamitische Kunst, und nicht diese allein, von der 
angeblichen Bevormundung durch die koptische und byzantinische 
Kunst zu befreien, ihr das Bürgerrecht im Orient zu vindizieren 
als einem autochthonen Landeskinde: das ist ein Punkt jener 
These; und ein zweiter: den Weg zu weisen, den eine durch 
und durch orientalisierte Kunst schon lange vor den Arabern, Per- 
sern und Türken nach Westen genommen hat, bis zu jener Um- 
klammerung des Abendlandes, die dann zur Entstehung der so- 
genannten romanischen Kunst geführt hat. 

Seit mehr als 30 Jahren kennt die Geschichte der Baukunst 
Mschatta. Am Rande der Wüste gelegen, jenseits des Toten Meeres, 
fünf Stunden südlich von 'Amman, vier Stunden östlich von Mädaba 
erschien es als ein Rätsel. War das ein Kloster, war's ein befestigtes 
Lager oder ein Palast? Ein bauliches Moment, welches dafür zu 
sprechen schien, daß man in Mschatta ein römisches Kastell zu er- 
kennen habe: ein die dreischiffige Halle krönender, triapsidialer 
Chorschluß (Triconchos), führt Strzygowski auf ganz neue Ideen- 
verbindungen. Da er den Triconchos, der für sich allein immerhin 
als Fahnenheiligtum gedeutet werden könnte, in Verbindung mit 
der vorgebauten dreischiffigen Halle und dem offenen Hof im Zentrum 




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MSCHATTA II. 



291 



als höhere Einheit betrachtet, zieht er zunächst eine interessante 
Parallele zwischen dieser Anlage und jener des salomonischen Pa- 
lastes (i. Kön. 7); er vergleicht sie ferner mit dem Grundriß jenes 
mythischen Palastes, den der hl. Thomas für den Partherfürsten 
Gundafor erbauen sollte; also einem im frühen Mittelalter kursierenden 
Idealtypus eines Palastes, der wohl auf das salomonische Vorbild 
zurückzuführen sei. — Die weiteren Ausführungen des Verfassers 
über den Triconchos als Thronsaal orientalischer und okzidentalischer 1 
Paläste, möge man im Buche selbst nachlesen; dieser Profanreihe, 
in die auch Mschatta gehört, stellt er für den Kirchenbau im 
Orient neben anderen Vertretern 2 auch die Geburtskirche in Betlehem 
entgegen, den für Mschatta und seine Einflußsphäre beredtesten und 
ältesten Repräsentanten triapsidialer Chorschlüsse. 

Das zweifache Baumaterial, Stein für die Umfassungsmauer, 
Ziegel für die Innenarchitektur, gibt dem Kunsthistoriker das nächste 
Rätsel auf: Woher kommen Ziegelbauten in das Steinland Syrien 
und wie ist ihr Verhältnis zu Mschatta? 

Hier will ich einschalten, daß den altarabischen Dichtern Stein 
und Ziegel als Baumaterial bekannt sind. Imrulkäys kennt Burgen 
aus Stein oder mit Steinbekleidung (Mu'all. 76). 3 Lebid spricht 
(Hälidls Ausgabe 11 2) 4 von der Burg des Hä£iriten, der sie aus 

gleich großen [Backsteinen] baute, die nach der Backform gleich 
geformt waren. So der Kommentar at-Tüsis; doch, da das [ein- 
geklammerte] Substantiv im Original fehlt, können es auch Steine 
sein; mitdl ist dann ,das Maß', nach dem die Steine gleich behauen 
worden sind (Nöldeke, Delectus 101). Hä£ar ist eine Stadt im 
Bahräyn; der hä£irite soll den kundigen Baumeister bezeichnen. 5 

1 Mailand-Trier-Köln. 

* Schenutekloster, Konstantinopel, Athos. 

6 Vgl. Lusan al *arab sub voce. vn. 117 unten. Nöldeke- Müller im Glossar 
allerdings: ut tradunt. Vgl. außerdem R. Geyer in SBWA, Bd. 149, Abh. 6, p. 115ff. 
des Sonderabdruckes. 



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292 



Josef Strzygowski. 



Bahräyn (an der Ostküste Arabiens) hatte unter persischer Ober- 
herrschaft gestanden. Auch im Verse Tärafas Muall. 23: 

schwankt die Interpretation bei der ,Brücke des Rüml' (,Byzan- 
tiners'?), ob sie ,aus Ziegeln hoch aufgeführt' e»>0 oder ,mit Gips, 

Ton oder ähnlichem überzogen' sei. Im letzteren Falle hätten wir 
vielleicht an Stuckornamente zu denken, umsoeher als R.Geyer 1 
kdntara mit ,Gewölbe' übersetzt, ausgehend von seiner Grundbedeu- 
tung: (Belot: voüte allongee, s. auch Dozy s. v.), und von 
cantherius, xavö^Xto? ableitet, was das Sparrenwerk der Dach- 
gewölbekonstruktion sowie des Schiffsschnabels bezeichnen soll. Kdn- 
tara wäre dann in der übertragenen Bedeutung , Gewölbe, Bogen* 
(daher die nächste Gleichung: [steinerne] Brücke) als vorläufig von 
der gebildeten Oberschicht mit Vorliebe verwendetes Fremdwort ins 
Arabische eingedrungen. 2 Die gleiche Verbindung: ,Brücke (be- 
ziehungsweise Gewölbe) des Rüml' finden wir bei 'A l §ä (1. n. Vers 25). 
Es liegt also hier, wie bei Tarafa und Lebid ein typischer Vergleich 
der Kamelin mit einem Bauobjekt vor. 3 Der ,romäische' Baumeister 
soll nach dem Scholiasten 'A'säs und so auch bei Tarafa die Festig- 
keit des Baues gewährleisten, ,da die Beduinen keine Bauten hätten'. 
Man sieht, es kommt bloß auf die Bezeichnung des fremden Ur- 
sprungs an. Auch bei Näbiga (Ahlwardt) vn. 16: 

,oder eine Bildsäule aus Marmor, eine aufgerichtete, die gebaut 
wurde (sie) mit ägurr* indem sie überzogen wurde, und mit kdr- 

1 Silzungsber. der phü.-hist. KL der kais. Akad. der Wissensch, in Wien, Bd. 149, 
Abhandlung 6. ,Zwei Gedichte von al-'A'ää 4 p. 20 und 112 ff. des Sonderabdrucks. 

2 Vgl. was K. Völlers zum gleichfalls griech. Fremdwort ^yZ^* in seiner 
Einleitung zum Diwan des Mutalammis p. 11 ff. sagt. 

3 Bei Labid einer Burg. Eskurial zu \A'sä 1. n. p. 112 erklärt kdntara auch 
mit £^Jo ,Turm, Kastell*. 

4 In der Übersetzung gebe ich absichtlich die Wortfolge des Originals. 
wird von Lisän erklärt: ^jjsuc ^^j^ — >g eDrannler Lehm — ein 
arabisiertes, persisches Wort'. Es ist das assyrische ,a#w»W; Delitzsch, Handwörter- 
buch 19. 



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MSCHATTA II. 



293 



mad' 1 ist die Interpretation kontrovers. Den Widerspruch zwischen 
Marmor und Ziegeln beseitigt Derenbourg, indem er ,un piedestal 
bäti de briques et de terre cuite enduites de chaux' konstruiert, 
worauf die Bildsäule stünde. Dagegen protestiert schon Ahlwardt 
(Aechtheit, 109) und erklärt 7 daß diese Statue von Marmor belegt, 
d. h. überzogen sei mit einer dünnen Schicht von Gips und Ton'. 
Aber ich glaube kaum, daß jemand eine Marmorstatue mit einer 
noch so dünnen Schicht von Gips und Ton überziehen wird. 2 
Man muß wohl annehmen, daß es sich entweder umgekehrt um 
die Inkrustation eines Lehm- oder Ziegelkerns mit Marmorplatten 
handelt; aber dann ist die Übersetzung von dumya mit ,Bildsäule' 
schwer zu halten. 3 Oder man erkläre er" ,marmorn' für ein 

epitheton ornans; aus der Ferne mag das Ganze wie ,aus Marmor' 
ausgesehen haben, war aber in Wirklichkeit aus Gips oder sonst einer 
Masse hergestellt und mit einem Belag überzogen, wie so manche 
unserer modernen dekorativen Statuen — außer man glaubt, daß die 
altarabischen Dichter bei ihren Vergleichen a priori darauf verzichtet 
hätten, sie von ihren Hörern ins Gegenständliche übertragen zu 
sehen. 4 Diese Ausführungen mögen aber zeigen, wie sehr es not 
täte, die früheren und späteren Dichter nach gewissen, für die 
Kulturgeschichte sehr wichtigen Gesichtspunkten noch eingehender 
zu durchforschen. 5 

1 xepajjLtSa! Erklärt wird kawnad: 1. als Ziegel, Backstein, 2. Gips, Tonmasse 
zum Überziehen. 

2 Zum Färben wird kaum Gips und Ton verwendet worden sein. Auch 
steht im Original von Färben nichts. 

3 Soll es eine Säule, einen Pilaster aus Ziegeln bedeuten, der mit Marmor- 
reliefs überzogen ward? £*Jo ist nach Fbänkel syr. V 4 ^ 00 ? und könnte einfach: 
Bild bedeuten, gleichviel ob Statue, Relief oder Malerei. Dazu würde C^^o 
gut passen. 

4 So R. Geyer, der die Unklarheit dieser Stellen auch daher ableitet: ,War 
die Mauer, wie das oft bei Dichtern vorkommt, mit Lehm geglättet oder verputzt, 
so wird es wohl die dLCJo auch sein; eventuell mit Marmor. In Wirklichkeit 
konnte sie doch ganz aus Marmor sein. Der Mauerputz war der augenfälligste, 
bleibende Eindruck für die Beduinen; wie die Mauer im Wesen konstruiert war, 
blieb ihnen unbekannt oder gleichgültig. 4 (Briefliche Mitteilung.) 



Für die südarabische Kunst vergleiche die ausführlichen Beschreibungen 




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294 Josef Strzygowski. 

Eine Vergleichung Mschattas mit Ziegelbauten in Kleinasien 
(Beispiel: die Ziegelruine von Ütschajak) einerseits und jenen Sy- 
riens (Beispiel: Kasr ibn Wardän und Anderün) andererseits läßt 
für Mschatta einen auffallenden Unterschied in der Technik des 
Ziegelbaues erkennen. Jene zwei Gruppen weisen Mörtelschichten 
auf, welche dicker sind als die Ziegel; das ist die typisch syrische 
Konstruktion, die auf Antiochia zurückgehen mag, aber auch in Byzanz 
vorherrschend war. Die Lagerfugen Mschattas jedoch sind auffallend 
dünn; es schließt sich damit der Technik Roms oder Persiens an. 
Daß aber Mschatta nur der persischen Einflußsphäre angehören könne, 
schließt Strzygowski aus der in überhöhten Tonnen gewölbten Ein- 
deckung der Nebenräume und dem Vorkommen des Spitzbogens. 
Jene ist, so gut wie der Ziegelbau, im Orient, und zwar in Mesopo- 
tamien heimisch. Doch während hier die Agglomeration der Neben- 
räume um einen Hof vorwiegt, macht sich in Mschatta neben der 
Anhäufung mehrerer Raumgruppen auch die konstruktive Einheit 
geltend, die je eine dieser Raumgruppen beherrscht. Hier tritt ver- 
mittelnd griechischer Einfluß auf, vielleicht von Seleukia am Tigris 
her, sodaß die uralt mesopotamische Art der Agglomeration durch 
hellenistischen Formensinn korrigiert erscheint. 

Rein persisch ist aber der Spitzbogen. Rechts und links der 
Hauptapsiswand des Triconchos zeigt die Rückansicht der Ruine je 
zwei Tonnengewölbe im Querschnitt. Sie entsprechen den angebauten 
Rechteckkammern und sind gedrückt spitzbogig. Als für die 
islamitische, speziell arabische Kunst wichtig, weil auf die persische 
Einflußsphäre weisend, macht der Verfasser geltend, daß zwei der 

bei D. H. Müller, ,Die Burgen und Schlösser Südarabiens 4 (Süzungsber. Bd. 94, 
p. 335—423; 97, p. 955—1050) besonders die poetische Beschreibung Gomdäns 
von al-Hamdäni, der es allerdings nicht aus eigener Anschauung kennen konnte, 
da Gomdän in der ersten Zeit des Isläms schon ein Trümmerhaufen war, p. 385 f., 
übersetzt p. 345. Darnach ist es in 20 Stockwerken gebaut . . . ,die Wolken sind 
sein Turban, sein Gürtel und seine Hülle Marmorstein; seine Quadern sind durch 
glühend Erz (^JaS) aneinandergekittet; ... an jeder Ecke ist der Kopf eines 
fliegenden Adlers etc.'. Ferner desselben Verfassers Südarabische Alierthümer im 
kunsthistorischen Hofmuseum, Wien 1899. 



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MsCHA^TA II. 



ältesten arabischen Bauten: der Nilmesser von Roda und die Moschee 
Ahmeds bin Tulün — letztere ist ja auch in reinem Ziegelbau ge- 
halten — den Spitzbogen ausschließlich verwenden, während der 
als antik aus dem Konglomerat späterer Zubauten auszuscheidende 
Teil der c Amr b. el -'Äsmoschee Spitz- neben Rundbogen zeigt, 
eine in sassanidischen Bauten (Ktesiphon) häufige Verbindung. 

Dies veranlaßt Strzygowski, im Gegensatz zur bisher allgemein 
angenommenen Nachricht, ein Kopte oder Grieche hätte die Abmed- 

o 

moschee erbaut, 1 jener auch bei Makrizi angedeuteten Ansicht bei- 
zupflichten, die nach Samarrä, also nach Mesopotamien, als dem 
Quellort ihres Baustiles weist. 

Wie der Spitzbogen an sassanidischen Bauten (Täk-i-Kisrä), 
so kommt auch ein zweites für die Bestimmung Mschattas wichtiges 
Moment: die Lagerung der Ziegel in vertikalen, dem Gewolbe- 
profil folgenden Streifen ebenda, wie am Kanal von Korsabad, ge- 
rade in Verbindung mit dem Spitzbogen vor. 

Aus dem großen Mittelhof Mschattas tritt man in die dreischiffige 

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Halle durch eine dreigeteilte Torfassade ein. Diese zeigt, gleich 

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der Hauptfassade, ein Umbrechen ihrer Friese aus der horizontalen 
in die vertikale Linie, (was auch in Syrien vorkommt : Simeonskloster, 
i£asr el-Benät und in der früharabischen Kunst: in den Bordüren 
der Tulün- und Häkimmoschee Kairos;) jedoch im Gegensatz zu 
diesen arabischen Beispielen von einem krönenden, glatten Wulst- 

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profil begleitet. Die gleiche Verbindung findet man am Mihräb der 
Tulünmoschee und ■ am Spitzbogen des Nilmessers von Roda. Das 

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Umbrechen der horizontalen Friese zur Umspannung von Torbogen 
kommt schon im assyrischen Baustil vor, der einerseits durch Persien 

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die islamitische, andererseits die antiochenisch-syrische Architektur 
beeinflußt haben muß. 

Der in Syrien, außer Baalbek und Palmyra, seltene marmorne 
Säulenschmuck der Halle, ist für Strzygowski, der die Erbauung 



5 8 

1 Vgl. Globus, Bd. 86, Nr. 6, p. 95. ,Koptische Kunst* xxiv. 

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296 



Josef Strzygowski. 



erschließende genaue Datum vorläufig dem terminus a quo möglichst 
nahe zu rücken. Der Marmor der importierten Kapitelle war bemalt, 
und zwar bezeichnenderweise mit den mesopotamischen Lieblings- 
farben , blau-gelb. Interessant ist auch die Vergleichung dieser 
Säulenkapitelle mit jenen der Hallenfassade einerseits und des 
^Triumphbogens', der aus der Halle ins Trichorum führt, anderer- 
seits. Es greift schon hier ein ornamentales Motiv durch, das später 
vor der Prunk- oder Hauptfassade in seiner ganzen Breite uns ent- 
gegentreten wird. Während nämlich die Marmorkapitelle (Halle) 
gut antik plastisch ausgeführt sind, ist das Triumphbogenkapitell 
ganz wie der Mustergrund der Prunkfassade spitzen- oder teppich- 
artig, flächenhaft, 1 gearbeitet. Das Kapitell der Hallenfassade 
scheint zwischen beiden zu vermitteln; Motiv: Akanthus, wie am 
Kapitell der Hallensäulen; Komposition: im Tiefendunkel, wie am 
Triumphbogenkapitell. Die ausgebauchte (Kämpfer-) Form 2 dieses 
letzteren weist, wie seine Tiefendunkelornamentik, nach Persien. 

Bevor Strzygowski an den Hauptteil der Untersuchung, die 
besonders liebevoll durchgeführte Analyse der Torfassade geht, führt 
er uns in das Allerh eiligste des Palastes, den triabsidialen, dem 
Haupteingang gerade gegenüberliegenden Thronsaal. Charakteri- 
stisch sind die hier angebrachten Nischen, deren Verwendung zwar 
uralt orientalisch ist, die aber in Mschatta von Säulen flankiert 
werden: eine Verbindung, die in hellenistischer Zeit und nach den 
Baudenkmälern zu urteilen, auf persischem Boden sich vollzogen 
haben muß. Säulennischen weisen auch die zwei schon mehrmals 
herangezogenen altarabischen Bauten Kairos auf: der Nilmesser von 
Roda und die Moschee des Ahmed b. Tulün. Die Verwertung der 
Säulennische als Mihräb ist für den Moscheenstil charakteristisch 
geblieben. Es scheint aber, daß auch das Wort mihräb in der 
Sprache eine Entwicklung, einen Bedeutungswandel durchgemacht 
hat, der von der philologischen Seite her vielleicht einen Schluß auf 

1 Darüber Ausführliches weiter unten. 

2 Strzygowski vergleicht die persisch-orientalische Kämpferform der Kapi- 
telle mit den ,Bäuchen 4 der Säulen Jakin und Boas. I. Kön. 7. 20. 




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Mschatta II. 297 

den Ursprung der Sache gestatten wird. Mihrdb ist den alten Dich- 
tern mit verschiedenen Bedeutungen geläufig. Es wird erklärt (Lisän 
s. v. i, p. 296) als ,Burg ? Kastell' y&i besonders der Himyariten ; 1 
ebenda Z. 19. 22 ,wegen seiner Höhe', und Z. 3 im Verse des Imrul- 
kays (Ahlwardt lii. 33): 

7 wie Gazellen der Sandwüste in den Mihräbs der südarabischen 
Häuptlinge'. Hier soll es zwar soviel als *&js. ^Söller, Balkon, Galerie' 
bedeuten, wie im bekannten Verse des Wa<J<Jäh al-Yemen, Z. 2: 

Doch im Verse des al-'A f Sä Z. 20: 

^Ä.b *j> y * l f^» ^yc> 3 \ 

wird es wieder mit ,Kastell' erklärt: g\ >r o)ü\ ^I^ävJU während 
es nach der Variante dieses Verses Lisän s. v. ^j* (vn. 17): 

nur die Nische bezeichnen kann, in der die Bildsäule Platz gefunden 
hat. Jedenfalls ist = y<** pars pro toto, wie es denn Z. 13 

(und 17) gleich ^Sitzungssaal' 2 gesetzt wird. Denn die rechte 

Erklärung dürfte diese sein, Z. 22f. : ^XLJI <k*3 >j^i 
^UJl ^ i^ßl^i ^der Ort, wo der König sich absondert, so daß er 
von den Menschen fern (getrennt) ist'; und Z. 17 ff. : 

,der ausgezeichnetste . . . und vorderste 3 und erhöhteste Teil der 
Sitzungsräume der Könige' ; also etwa: erhöhte Thronnische, und 
weiterhin: Thronsaal, wie es ja davon ebenda Z. 13 ff. heißt: 

,im Vorderteil des Sitzungssaales, hoch über den Menschen'. 

1 Vgl. Z. 9: cr ^h W 

2 D. h. wohl Audienzsaal. 

3 Vgl. Z. 8: ^IäJI j? J^> J^>IäJ\_j. 



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298 



Josef Strzygowski. 



Diese Profanbedeutungen von mihräb illustriert der Vers al-'A'äas 



,und du siehst eine Versammlung, in welcher das Mihräb von 
Leuten zum Ersticken voll ist, während die Kleider (der Versam- 
melten) fein sind'. Außerdem will ich auf die Schilderung des Pa- 



Täk-i-Kisrä zum Vergleich heranzieht und ähnliche Einrichtungen 
bei den 'Abbäsiden vermutet. Dort zeigt sich der Kaiser auf einem 
kleinen, halbkreisförmigen mit Mosaik eingelegten Altan gegen- 
über dem Eingangstor. Davon, daß dieser Altan eben erhöht 
ist, in Täk-Kisrä zehn Fuß über dem Erdboden, 1 kommt die weitere 
Bedeutung von mihräb , Söller, Galerie, Balkon', wie im oben zitierten 
Verse Wa(J(Jähs GjUa*J\) s-*!^ *• Wenn man endlich das Hadit 
bei Lisän Z. 6 beachtet: ^*y> ^ S^* JUso <*aLo ^J\ 

SvUJJ J>\ p ^sxiJl dy&ti JjL>j ^jbüti UoUJb 

und die Erklärung dazu: l**^. ^ J^. ^^^? 2 so ersieht 

man daraus, daß in älterer Zeit auch die sakrale Bedeutung 
von mihräb schwankte, analog dem, was das profane Mihräb 
war und sein konnte. Interessant ist darum auch die Erklärung 
(Z. 3 ff. unten), welche von mihräb = , Gebetnische' gegeben wird: 
^UJl ^ SwXjoj ^ >\j*i)& v^I^äJI ^5^)^; sie ist parallel 

der oben zu mihräb — , Thronsaal, Thronnische' mitgeteilten; 
wie sich denn auch andere Erklärungen und Etymologien zum sa- 
kralen mihräb jenen anschließen, die vom profanen mihräb ge- 
geben werden. Es scheint also auch in der Sprache das Gefühl der 
engsten sachlichen Zusammengehörigkeit beider bestanden zu haben; 
welches mihräb aber das ältere ist, das ist weiter keine Frage. 

Die Prunkfassade Mschattas läßt sich, wie folgt, beschreiben: 
rechts und links des von zwei polygonen Türmen flankierten Tores 

1 Vgl. oben die verbatim angeführten Erklärungen aas Lis&n. 

* Im Auszug übersetzt: ,Er bestieg ein Mihräb und rief von da aus zum 
Gebet' . . . daraus folgt, daß Mihräb hier (wie im Verse Wa<J<J&hs) ,Söller* o. ä. be- 
deutet, kurzum einen erhöhten Standort. 



(Z. 12): 



jjlij v^jUiJl^ ry^-* - acvjl Ja*?. Ulis? ^jyj ^ 



lastes von Dehly verweisen bei v. Kremer, Kulturge&ch. n. 81 f., der 




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MSCHATTA II. 



299 



setzt nicht hoch über dem Erdboden ein langer, horizontal verlau- 
fender Streifen, der Sockelfries ein; über ihm an beiden, durch je 
einen runden Turm markierten Enden eine schmale Akanthussima, 
die nach kurzem, zum Sockelfries parallelen Lauf in stumpfem 
Winkel in die Höhe schnellt und in einem spitzen Winkel wieder 
abfällt. Diesen Zickzacklauf fortsetzend bildet die Akanthussima 
eine Reihe von Dreiecken, deren Flächen mit Rosetten und mit rein 
ornamentalem Schmuck als Mustergrund gefüllt sind. Die Basis 
dieser Dreiecke fällt mit dem Sockelfries zusammen, ihre Spitzen 
aber ,tragen' ein schweres Kranzgesims, das gleichfalls an beiden 
Enden, zu Sockelfries und Akanthussima parallel eingesetzt hatte, 
vor dem ersten Dreieck im rechten Winkel umbog, die Zickzack- 
linie einrahmt und das Tor umspannt. 1 Man denke sich diesen kom- 
plexen ornamentalen Streifen um den ganzen viereckigen Bau fort- 
gesetzt, und man wird ihn einem kunstvoll gewirkten Gürtel ver- 
gleichen, ähnlich dem, der um die Ka c ba läuft, ,aus wertvollem Stoff, 
ganz mit goldgestickter Inschrift bedeckt und den Überzug des 
heiligen Hauses hält. 2 Die Anwendung solcher Streifen oder Bor- 
düren als Wanddekoration ist altorientalischer Brauch. 8 Nicht nur in 
Ägypten waren die Tempelwände und Pylone streifenartig ge- 
schmückt; näher liegt es, an Assyrien und Babylonien zu denken, 
wo schon die Bekleidung roher Ziegelwände farbig glasierte Bor- 
düren erheischte. Die an zwei Meter hohen elf Streifen hintereinander 
schreitenden Drachen und Stiere des Istartores von al-Elasr, 4 oder 
die rein ornamental gefüllten Streifen des Thronsaals im Nebukad- 
nezarpalast sind auch in weiteren Kreisen bekannt geworden. Am 
Frontschmuck von Mschatta ist aber nicht nur die Anlage des Ganzen, 
sondern auch das Detail orientalisch-mesopotamisch. Die nicht figür- 
liche ornamentale Füllung der Flächen, das Zickzackmotiv im 



1 S. oben p. 295. 

2 v. Kremer, KuUurgesch. n. 7. 

8 Vgl. den Vers 'Alkamas, Müller, Burgen und Schlösser, p. 369 — 410: ,Und 
gleich Sauhatän ist es buntfarbig angestrichen.' 

4 F. Delitzsch, Im Lande des einstigen Paradieses, 33 ff. 
Wiener Zeitschr. f. d. Kunde d. Morgenl. XIX. Bd. 20 




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300 Josef Strzygowski. 

Schmuck von Fassaden, die bossierten Rosetten, die Verwendung von 
Architekturmotiven ohne struktiven Wert, wie sie im Mißverhältnis 
der schwachen Zickzack-Sima zum schweren Kranzgesims zutage 
tritt, wodurch jedes Verhältnis von Kraft zu Last aufgehoben erscheint; 
mit einem Wort: die körper- und kraftlose, dafür aber dekorative 
Flächenwirkung, dies alles ist asiatisch, speziell mesopotamisch. 

Ich habe früher den ornamentalen Streifen der Prunkfassade 
mit einem Gürtel verglichen; man könnte auch von einem Spitzen- 
besatz sprechen, besonders wenn man den Mustergrund, die Füllung 
der Flächen, betrachtet. Denn während das monumentale Muster: 
Zickzack und Rosetten nach antiker Tradition ausgearbeitet ist und 
plastisch heraustritt, ist der Mustergrund, d. i. die nach den Rosetten 
erübrigende Füllung der Dreiecke, gleichsam ausgestochen oder wie 
Strzygowski im Gegensatz zum plastischen Schattendunkel es be- 
nennt, im Tiefendunkel komponiert. Er wirkt wie ein Spitzenbesatz 
auf schwarzer Fläche, zu der hier die ausgestochenen Löcher zu- 
sammenfließen. Während also die plastischen Partien des Monumental- 
musters zum Teil im Schattendunkel liegen und die Richtung des 
einfallenden Lichtes erkennen lassen, erscheinen die dunkeln Partien 
des Mustergrundes wie Löcher ins Schwarze; oder allgemeiner aus- 
gedrückt: die Wirkung des Mustergrundes ist eine farbig flächenhafte. 
Damit leitet Strzygowski auf den Ursprung dieser Tiefendunkel- 
technik über. Er schließt es aus, daß sie spontan aus der plastischen 
Kompositionsmanier der klassischen Völker in Licht und Schatten 
sich habe entwickeln können. Die Heimat der farbigen Wand- 
dekoration in Emailziegeln ist aber, wie wir schon früher sahen, 
Mesopotamien. Die Übertragung jener absoluten, reinen Farben- 
wirkung bei Wanddekorationen in eine mehr plastische Sprache 
vermittels der Tiefendunkelkomposition, wie sie in Mschatta schon 
fertig vorliegt, müsse also unter hellenistischem Einfluß, auf meso- 
potamischem Boden stattgefunden haben; vielleicht an jenem für die 
Entwicklungsgeschichte des vorderen Orients nie hoch genug einzu- 
schätzenden Zentrum, wo so manche Kulturschichten über- und neben- 
einander liegen; die babylonische, persische, hellenistische; und 



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MSCHATTA II. 



301 



später neue noch dazukommen: die sassanidische, arabische; an der 
Stelle, wo der Reihe nach Ninive und Seleukia, Madä'in und Bag- 
dad standen. 

Beiden Ornamentalsystemen, dem plastischen wie dem flächen- 
haften, widmet Strzygowski, soweit sie an Mschatta zum Ausdruck 
kommen, ausführliche Betrachtungen. Ich habe gleich zu Beginn 
dieses Referates Strzygowskis eigene Worte hervorgehoben, daß 
seine Arbeit über Mschatta in einem Zuge niedergeschrieben ist. 
Das kann man ohnehin an der Art merken, wie er aus dem Vollen 
schöpft. Ich komme darauf zurück, um es zu rechtfertigen, wenn 
ich im folgenden mich kürzer fasse. Ich kann unmöglich allen 
Einzelheiten seiner Darstellung folgen, alle Parallelen anführen, die 
er zur Beweisführung heranzieht. Ihm ist es immer nur um die 
Festigung der großen Entwicklungskette zu tun, die er mit kunst- 
historischen Daten aus allen Winkeln des Orients illustriert: baby- 
lonische, assyrische, altpersische, hellenistische (Kreuzungspunkt 
Seleukia !), nordmesopotamische, sassanidische und endlich islami- 
tische Kunst. Ich will bloß die meines Erachtens für Orientalisten 
am meisten interessanten Punkte hervorheben und auf sie die Auf- 
merksamkeit lenken, und weise zunächst auf das hin, was Strzygowski 
über den Ursprung des Zickzackmotivs und der Rosetten, 1 ferner 
über die Verbindung beider im Monumentalmuster Mschattas ausführt 
(p. 263 ff.), bevor er an die Ornamentierungen der Profile (Kranz- 
gesims, Sockelfries, Zickzackfries), der Rosetten und der Dreieck- 
flächen geht. Es werden folgende Motive besprochen: Akanthus, 
Palmette, Weinranke, Pinienzapfen, Tier- und Flügelmotive. Was 
die Palmette betrifft, so sei auf das charakteristische Vorkommen 
der Palmettenranke auf den mohammedanischen Grabstelen Ägyptens 
hingewiesen, deren Inschriften sie umrahmt; ein Motiv, das unmög- 
lich den Kopten zugeschrieben werden kann, weil die den arabischen 
(diese stammen aus dem 9. Jahrh.) unmittelbar vorangehenden kop- 

1 In der Form variiert treten letztere auch als Symbole auf: Sonnenscheibe, 
geflügelte Scheibe, Istarstern; aber auch rein ornamental schon in uralten Zeiten 
im Zweistromland. 




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302 



Josef Strzygowski. 



tischen Grabstelen ganz anders stilisiert sind; wohl aber findet 
Strzygowski die Palmettenranke, wie sie auf jenen altarabischen 
Grabstelen vorkommt, auf einem Teppich wieder, auf dem ein sassani- 
discher König hockt; er ist dargestellt auf einer Silberschüssel, die wahr- 
scheinlich aus dem Schatzfunde von Perm stammt. Über das Prob- 
lem der Weinranke, die sowohl auf den Wulstprofilen Mschattas 
als auch zur Füllung der Dreieckflächen verwendet wird, und ihre 
Verbreitung über ganz Asien orientiert ein eigenes Kapitel (p. 32 7 ff.), 
aus dem ich wieder besonders hervorheben kann die Vorführung 
des Mihrab der Sitta Rukayya in Kairo, welche die persischen Mo- 
tive aller antiken Beimengungen entkleidet zeigt; was einerseits ihr 
Fortleben selbst nach Jahrhunderten beweist, andererseits für das 
vollständige Einlenken des fatimidischen (schiitischen) Ägyptens in 
persisches Fahrwasser spricht. 1 

Mit dem Pinienzapfenmuster der bossierten Rosetten kommt 
wieder Assyrien-Babylonien zu Ehren. 2 Daß das Flügelmotiv und 
einige der bezeichnendsten Tiermotive 3 in der Füllung der Dreiecke 
mit Mesopotamien in Zusammenhang gebracht werden, versteht sich 
nachgerade von selbst. Das Flügelmotiv kommt auch in der späteren 
orientalischen Kunst vor ; z. B. in Mosaik ausgeführt an der Kuppel 
des Felsendoms zu Jerusalem (Kubbet es-§afcra), dann auf drei Bret- 
tern im arabischen Museum zu Kairo, an deren Rändern oben und 
unten ein Kor'änvers läuft. Strzygowski verfolgt es ferner auf der 
sassanidischen Flügelkrone auf Münzen zwischen den Jahren 241 
und 651, also durch vier Jahrhunderte. Da liegt es wohl am nächsten, 
mesopotamischen Ursprung anzunehmen, besonders wenn man an die 
assyrischen geflügelten Scheiben etc. denkt, 4 statt mit VoGüfi im 



1 Vgl. auch ,Koptische Kunst', Einleitung xxiv. 

2 Vgl. das besonders instruktive Stuckornament aus Kujundschuk, Abb. 74. 

3 S. 309 f. des Prmfi. Jahrbuchs wird von N. Jahrb. xv. 24, Note 1 dahin berich- 
tigt, daß es sich nicht um eine Sphynx, sondern einen Löwen mit einem Menschen- 
kopf darüber handelt. 

4 Allgemein zugängliche Abbildungen bei F. Delitzsch, Bibel-Babd y 3. Vortrag, 
1905, S. 42. Ebenda auch altassyrische Standarten nach einer auch von Stkzygowski 



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MSCHATTA II. 



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Flügelmotiv islämitischer Ornamente Engelsflügel zu sehen und 
diese als einen stillen Protest christlicher Arbeiter gegen den Islam 
zu deuten. 

Soweit Strzygowskis Ausführungen im einzelnen und seine 
eingehende Analyse; nun kommt es auf die Synthese an und 
auf die Schlüsse, die er aus der vergleichenden Analyse zieht. Sie 
sind doppelter Art; allgemeiner Natur, insofern sie für Mschatta 
einen neuen Kunstkreis postulieren und rekonstruieren, dem es an- 
gehört haben muß; und besonderer Art, insofern sie nach dem Ur- 
heber Mschattas und der Zeit seiner Entstehung fragen. 

Strzygowski geht von der Beobachtung aus, daß an diesem 
am Rand der syrischen Wüste gelegenen Bau nicht, wie man er- 
warten sollte, syrische, sondern mesopotamische Elemente vor- 
herrschen und zwar in der Anlage sowohl als in der Technik der 
Ausführung und in den Ornamenten. Er findet ferner zu Beginn 
des Mittelalters alle Anzeichen einer internationalen Revolution der 
Kunst vor, deren Brennpunkt man sich nähert, je w r eiter man von 
Rom und Byzanz nach Osten geht. Hier pulsiert frisches, volks- 
tümliches Wesen, das später auch den Westen neu beleben wird. 
Nicht neugeschaffene ornamentale Motive, wohl aber aus älterer Zeit 
wieder aufgenommene kommen in Mesopotamien im Kampf mit der 
hellenistischen Richtung der Diadochenzcit wieder an die Oberfläche. 
Hier erwächst aus dem Austausch orientalischer und antiker Formen 
eine neue Kunstrichtung, deren charakteristisches Merkmal im Westen 
das Vorwiegen des toten Ornaments sein wird. Sie erstreckt sich 
über Iran und Zentralasien auf Ostasien ebensogut, wie sie später 
den Westen bis Spanien umfassen wird. Strzygowski führt also den 
Begriff einer mesopotamischen, speziell nordmesopotamischen Kunst 
ein, deren Zentrum im Städtedreieck Edessa, Amida, Nisibis ge- 
legen sei; eine Kunstrichtung, als deren Repräsentanten wir Mschatta 
anzusehen hätten, und welche später von jenem Mittelpunkte aus 



beigezogenen Schrift F. Sarres ,Die altorientalischen Feldzeichen' in Beiträge zur 
alten Gesch. von Lehmann und Kornemann iii. 1903, p. 333 ff. 




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Josef Strzygowski. 



Byzanz, Syrien, Klcinasien, Armenien, das Nordgestade des Pontus, 
Nordafrika befruchtet und eben zur Entstehung der sogenannten 
byzantinischen Kunst weitaus das meiste beiträgt. 

Quelle, Umfang und Ausstrahlung dieser nordmesopotamischen 
Kunst kann ich nicht besser als mit des Verfassers eigenen Worten 
charakterisieren : ,Ich verstehe darunter jene, sagen wir zur Zeit 
der Sassanidenherrschaft (226 — 651) zwischen Euphrat und Tigris 
zu voller Keife gelangende Kunstströmung, die als die Erbin von 
Ninivc und Babylon, Persepolis und Susa einerseits, von Seleukeia 
anderseits, zur Zeit der Parther innerasiatische und durch einen 
regen Handel ostasiatische Züge in sich aufgenommen und alle diese 
Strömungen zu einer neuen Einheit verschmolzen hat' (p. 326). 

Für die hellenistischen Momente in dieser Kunst ist die Er- 
oberung Mesopotamiens durch Alexander und die Gründung Seleu- 
kias zu Ende des 4. Jahrb. verantwortlich zu machen. Dieser 
fremde Einfluß erstreckte sich aber vorwiegend auf die Kleinkunst 
und das Handwerk. Soweit Mschatta in Betracht kommt, geht auf 
diese Zeit zurück die Aufnahme der griechischen Palmette, die 
aber an ein ähnliches, einheimisches Motiv anknüpfend und in der 
Form der gesprengten Palmette mit frei kombinierbaren Hälften spe- 
ziell mesopotamisch wird, von da aus als Palmettenranke die isla- 
mitische Kunst durchdringt und auf sassanidischen Kapitellen später 
den Akanthus verdrängt. 

In der Parther zeit mag die Auffassung der Qualitäten von 
Hell und Dunkel als farbiger Gegensätze zum Durchbruch gekommen 
sein; doch bedeutet dies kein Abreißen der künstlerischen Tradi- 
tionen aus älterer Zeit. War doch jene Auffassung latent schon in 
der assyrisch - babylonischen und persischen Kunst gegeben. Es 
spricht nur für ihren erneuten Vorstoß in dieser Periode die gleich- 
zeitige Einführung des Teppichs mit seiner rein farbigen Auffassung 
an Stelle der Sitzmöbel. 

Objekte, welche nunmehr auf diese nordmesopotamische Misch- 
kunst zurückzuführen sind, behandelt Strzygowski im zweiten Ab- 
schnitt p. 335 ff. 




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MSCHATTA IL 



305 



Nachdem er den Begriff der nordmesopotamischen Kunst auf- 
gestellt hat, geht er daran , ihn nach zwei Seiten abzugrenzen. 
Zunächst hebt sich die nordmesopotamische Kunst von der sassa- 
nidisch-arabischen 1 durch die stärkere Beimengung antiker Motive 
ab. Schon die Ausführung des Frieses an der Prunkfassade in Stein 
spricht gegen sassanidischen Ursprung. Kein mesopotamisches Ge- 
präge trägt vielmehr der 3500 m lange Stuckfries der Ahmedmoschee 
in Kairo, der mit seinem Ornament gleichsam ein Muster ohne Ende 
bildet. Zur Belebung von Flächen angewandte Motive, die sich über 
den zu füllenden Rahmen hinaus als Muster ohne Ende fortspinnen 
lassen, finden wir aber an einem zweiten Produkt rein orientalischen 
Kunstschaffens, dem aus Bagdad stammenden Holzmimbar von Kai- 
ruwän: keine Pflanzenmuster wie an Mschatta, sondern geometrische 
Linienspiele; und als weiteres differenzierendes Moment: ausschließ- 
liche Anwendung der Tiefendunkelkomposition, gegenüber der Ver- 
bindung dieser mit den in Licht und Schatten profilierten Friesen 
Mschattas. 

Die nächsten Vergleichsobjekte sind aber auch für die Datie- 
rung Mschattas wertvoll. Zunächst der flächenfüllende Schmuck 
am Chosraubogen. Er zeigt statt der ausgeprägten Pflanzenformen 
Mschattas — Akanthus, Palmette, Weinranke — phantastische Umbil- 
dungen des Akanthus. Dieser findet sich zwar auch auf persischen 
Kapitellen des 4. — 6. Jahrh., aber auf den späteren, genau datier- 
baren Kapitellen des Chosroesbogens von Täk-i-Bostän (590 — 628) 
ist er schon völlig der Palmette gewichen; eine Tatsache, welche 
für die möglichst hohe Datierung Mschattas in die Zeit zwischen 
dem 4. und 6. Jahrh. spricht. So hat sich von zwei hellenistischen 
Ornamenten, die Mschatta noch bewahrt, Palmette und Akanthus, 
bloß die erste in Mesopotamien völlig eingebürgert. Der zweit© ver- 
schwand in der sassanidischen Kunst sehr bald. Die Frage nach 
dem Auftauchen des Akanthus in Mschatta beantwortet Strzygowski 

1 Jetzt wäre der Verfasser geneigt, diesen 3. § p. 345 'ff. nicht ,Die sassani- 
dische und arabische* sondern: ,Die sassanidische und islamitische Kunst 4 zu 
betiteln. 




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306 



Josef Strzygowski. 



mit dem Hinweis auf Seleukia und die fortgesetzten Beziehungen 
des nordmesopotamischen Städtedreiecks mit Rom. Nur auf diesen 
Wegen kann ein Nachschub hellenistischer Motive nach Persien 
stattgefunden haben ; sie durchsetzen hauptsächlich die dekorative 
Kleinkunst und ihre Einführung entsprang hier, wie in Ägypten, 
einem rein wirtschaftlichen Bedürfnis des Absatzes. 

Nach allem bisher Gesagten ist Strzygowskis Stellung zur 
brennenden , byzantinischen Frage* klar. Die byzantinische Kunst 
ist ihm nach der ornamentalen Seite hin wie die sassanidische ein 
Kind Mesopotamiens. Diesem gemeinsamen Ursprung entspricht auch 
die innere Verwandtschaft beider, die man früher für ein Zeichen 
der Abhängigkeit des Isläms von Konstantinopel ansah. Hielt man 
doch den Mimbar von Kairuwän für byzantinisch, ehe man erfuhr, 
daß er aus Bagdad stammte. So wurde um auf Mschatta überzu- 
gehen die ausgebauchte Form gewisser Kapitelle nicht bloß byzan- 
tinisch' gedeutet, sondern weiterhin auch herangezogen, um die Er- 
bauung Mschattas in die Zeit nach Justinian zu verlegen. Dieses 
Argument fällt für Strzygowski weg, da er umgekehrt die Kämpfer- 
kapitelle Konstantinopels von Persien ableiten zu können glaubt, 
umso eher als auf oströmischem Boden die schwankende, unsichere 
Haltung ihres Details den fremden Ursprung ahnen läßt. 

Damit komme ich an den zweiten Teil der Folgerungen Strzy- 
gowskis, zugleich ans letzte Kapitel seiner Schrift: ,Der Künstler von 
Mschatta und seine Zeit/ Die Blüte der mesopotamischen Kunst ver- 
legt Strzygowski ins 3. — 5. Jahrh., die Entstehung Mschattas in das 
4. — 6., wobei er die ausgesprochene Neigung zeigt, mit seiner Da- 
tierung, soweit als möglich, nach rückwärts zu gehen. Seine Gründe 
sind zum Teil schon dargelegt worden. Er faßt sie hier noch einmal 
zusammen; sie gipfeln, was die Hauptfassade anlangt, in der Uber- 
zeugung, ,daß für diese Schöpfung nur eine Zeit und eine Kunst- 
sphäre in Betracht kommen kann, in der antike und orientalische 
Kunst gleich stark nebeneinander blühten'. 

Was aber den Künstler von Mschatta betrifft, so kommt Strzy- 
gowski zum Schlüsse, daß er ein Nordmesopotamier gewesen sei, 



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,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



MSCHATTA II. 



307 



,der mit sassanidischer Ziegelkonstruktion und syrischem Steinbau 



gefundenen Statuen. 1 Damit berühren sich seine Ergebnisse auffallend 
mit jenen, die A. Musil in seiner Untersuchung über c Amra und 
die Schlösser in Moab auf anderem Wege gewonnen hat. 2 

Doch dies sind Fragen, die mehr den Historiker angehen, 3 für 
den Kunsthistoriker kommt hauptsächlich in Betracht, daß bei Mschatta 
Rom und Byzanz ausgeschlossen sind und Mesopotamien den Aus- 
schlag gibt. Mein knapper Auszug sucht seiner Beweisführung ge- 
recht zu werden; Ausgrabungen dürften manches ergänzen, anderes 
klären; insonderheit die Reihe der nordmesopotamischen Kunstwerke 
(p. 335 — 345) wird man gern erweitert und ihre Zahl vermehrt sehen. 
Die Punkte, an denen Ausgrabungen Erfolg versprechen, werden ja 
fast stets durch Wahrscheinlichkeitsschlüsse approximativ bestimmt. 
Niemand weiß noch, was die nächste Zukunft offenbaren kann. 
Strzygowski glaubt nun einen Ort zu wissen, wo neue Schätze zu 
heben sind; und das steht fest: das uralte, langlebige Kulturzentrum, 
in dem zwischen Bagdad und Babylon die Städte Seleukia und 
Ktesiphon gelegen haben, kann unmöglich erloschen sein, ohne Spuren 
zu hinterlassen, es kann nicht bestanden haben, ohne nach mehr als 
einer Seite sein Licht auszustrahlen. 

Und so kann es wohl als gesichert, mindestens als hoch wahr- 
scheinlich gelten, daß auch der Islam nicht zu einem Kulturfaktor 
geworden ist, ohne in Mesopotamien, in diesem Fall Persien, 



1 Brünnow, Die Provincia Arabia n. 174 vermutet in el-Mundir (569 — 582) 
den Bauherrn Mschattas. Er datiert sie also in eine spätere Epoche als Strzygowski. 

* Anzeiger der phil.-hist. Klasse der k. Akad. 1905, Nr. xn, p. 40 ff. Ferner 
Sitzungsber. Bd. 144. (1902), p. 47. 

8 Vom Zweck und Ursprung solcher Wüstenschlösser wird Musil, wie aus 
seinem Bericht im Anzeiger hervorgeht, in seinem 'Amrawerk sehr ausführlich 
handeln. 



gleich gut vertraut im Dienste eines Fürsten der Wüste stand'. Er 
denkt dabei an einen Phylarchen vom Stamme Gassän, und zwar 
aus der Zeit vor ihrer Bekehrung zum monophysitischen Christen- 
tum. Dies ergibt sichMhm aus der Eigenart der bei den Ausgrabungen 




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308 Josef Strzygowski. 

manches Anlehen gemacht zu haben. Niemand wird leugnen, daß 
auch Byzanz (gleichviel ob dieses selbständig oder seinerseits auch 
von Persien abhängig war) auf den nachbarlichen Chalifenstaat ab- 
gefärbt hat; aber man bedenke den Unterschied: Byzanz war der 
Feind, Persien wurde sehr früh aufgesogen. Und was der unter- 
jochte Volksstamm höherer Gesittung in den erobernden Staat hinein- 
trägt, bis zu seiner völligen Durchsetzung, dafür bedarf es keiner 
erläuternder Parallelen. Zwar erst mit dem Aufkommen der c Abbä- 
siden war die Herrschaft des national arabischen Elements endgültig 
und für immer gebrochen; 1 die Verlegung der Residenz von Damask 
nach Bagdad hatte prinzipielle, programmatische Bedeutung; die Be- 
duinen hatten abgewirtschaftet und die unterjochten Perser nahmen 
Revanche, besonders als Ma'mün, der Sohn einer Perserin, den 
Halbbruder Amin vom Throne verdrängte. Aber man sehe die alt- 
arabischen Dichter durch: schon in ältester Zeit sind sie zum Teil 
persisch durchsetzt: 'A c fiä, der halbe Mesopotamier und vielgereiste 
Mann 2 , ist nicht mehr ganz der alte Beduinendichter im Stile eines 
aä-§anfarä oder Ta'abbata Sarran, mag er sich auch im Schema 
seiner glatt komponierten Kasiden ans alte Muster halten. Näbiga 
macht bei den Gassäniden, Tarafa und Mutalammis bei den Lafe- 
miden eine Schule der Verfeinerung durch; \Adi b. Zayd, der Be- 
gründer einer eigenen Dichtungsart, des Weinliedes, unter dessen 
Einfluß ja Walid II. dichtete, hat, wie sein Vater, meist zu Mada in 
am persischen Hofe gelebt und persische Erziehung genossen 3 und 
über zwei Jahrhunderte hinweg reicht ihm 'Abu Nuwäs die Hand, 
der halbe Perser 4 und zweite Stern unter den Weindichtern. So ist 
es kein Wunder, wenn im arabischen Weinlied ,die Könige' eine 
Rolle spielen ,denen das Festland der zwei Iräkprovinzen und das 

1 J. Wellhausen, Das arab. Reich und sein Sturz, p. 347 ff. 

3 Er hat sein halbes Leben in Mesopotamien, am Hof des Kisrä und in 
Syrien verbracht. Seine Vorliebe für griechische, aramäische und persische Fremd- 
wörter ist bekannt. H. Thorbecke in Morgml. Forsch. Leipzig 1875. 

3 Brockelmann, Gesch. der arab. Lit. i. 29 f. 

4 Seine Mutter war eine Perserin, Gellebän. Bezeichnend für Abu Nuwäs 
ist die ganz unarabische Knabenliebe. v. Kremer ii. 369. 



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MSCHATTA II. 



309 



Meer gehört', denen die berauschten Dichter sich an Macht gleich- 
dünken (Kämil 72 ; 6). Und die sangeskundigen Dihtiäne, persische 
Vögte, bei denen vor schönen Tänzerinnen gezecht wird, werden 
noch unter 'Omar I. poetisch verwertet (Nöldeke, Del. 28 unten). 
Von 'Abu Nuwäs rühren aber die Verse her, die persische Wein- 
becher beschreiben, auf deren Boden ein persischer König abgebildet 
ist (Kam. 515, 12 f. 516, 1 f.). Soweit die altarabische Poesie zur Zeit 
der Omayyaden heidnisch bleibt, verknöchert sie; neues Leben fährt 
in sie erst zur c Abbäsidenzeit durch die Berührung mit Persien. 1 
So macht auch Abu Nuwäs energisch gegen den alten Stil Front, 
indem er selbst neue Wege geht, aber auch die alten verspottet, in 
einer Weise, die zugleich zeigen soll, wie wenig er sich als Araber 
fühlt : ,. . . wer sind die Banü 'Asad und Tamim und Kays und 
ihre Schwesterstämme? die Beduinenaraber gelten nichts bei Gott/ 2 
Und da wir von Dichtern sprechen, sei gleich hier erwähnt, daß 
die Araber auch ihre Musik und ihre Sänger wie Sängerinnen aus 
Persien bezogen haben. 8 Die erzählende Literatur stand zum Teil 
schon sehr früh unter persischem Einfluß; der erste Märchenerzähler, 
den die Literaturgeschichte mit Namen kennt, Na<Jr b. el-Härit, gab 
persische Geschichten zum besten ; er hatte sie wohl in IJira gelernt. 4 
Mit dem Aufkommen der 'Abbäsiden beginnt aber nicht bloß 
in der Poesie eine neue Ära des steigenden iranischen Einflusses. 5 
Dieser zeigt sich vielmehr auch in der Wissenschaft, besonders in 
der Geschichte, wo die mittelpersische Annalistik vorbildlich wirkte; 6 



1 Vgl. die Beilage zur MAZ 22. n. 1905: ,Arabische oder seldschukische Kul- 
tur', von G. Jacob. 

2 Ahlwardt Nr. 26, 3 f. Vgl. Brockelmann i. 75. Goldziher, Abh. z. arab. 
Phil. i. 1. Kap. 

8 v. Kremer i. 28, 40ff. 44. Note 2. Zu Ibrähim el-Mausilis Abstammung, 
vgl. Ahlwardt, Einhin den Diw. des Abu Nowds 13 f. 

4 Ibn Hisäm i. 191 unten. Für die spätere Zeit, vgl. v. Kremer ii. 477f. 

5 Sentimentale Richtung! vgl. v. Kremer ii. 368 und meine al-Hans£ (SB WA 
1904) p. 32 unten. Zur ganzen Charakteristik: Brockelmann i. 71 ff. 

6 Daß der Sinn für Geschichte den Arabern überhaupt erst aus Persien kam, 
hat zuerst Goldziher ausgesprochen. Siehe bei Brockelmann i. 134. Kremer ii. 




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310 



Josef Strzygowski. 



in der Theologie konnte aber auch der nationale Antagonismus 
der schiitischen Perser zum Ausdruck kommen. 1 

Daß auch die griechische Episode, welche mit Alexander und 
den Diadochenstaaten über den Orient hereinbrach und durch Römer 
und Byzantiner gefördert wurde, nicht spurlos am Islam vorüber- 
ging, versteht sich von selbst. Ich möchte nur an die im sassanidi- 
schen Persien (350 n. Chr.) gegründete und noch unter den 'Abbä- 
siden fortblühende persisch-syrische Schule von Gondeäapür erinnern, 2 
aus welcher den Arabern die aristotelische Logik vermittelt wurde; 
und diese gab den Grundstein zur national-arabischen Grammatik. 3 
Doch der griechische Einfluß bezog sich meist auf Philosophie und 
exakte Wissenschaften. Vermittler waren die Aramäer und Juden. 
So kam auch die Medizin den Arabern von den Griechen zu, doch 
durch Vermittlung Persiens, wohin die Syrer sie verpflanzt hatten. 
Auch da war Gondeäapür das Zentrum. 4 

,Mit dem Wechsel der Dynastie veränderte sich auch die innere 
Art der Regierung/ 5 Wellhausen läßt es allerdings dahinstehen, ob 
dabei vorzugsweise persischer Einfluß wirkte. Aber die Stellung der 
Iranier war die dominierende im Staat 6 und die Barmekiden, die 
sich durch ein halbes Jahrhundert in den höchsten Staatsämtern 
behaupteten, waren Perser. 7 Das Wesirat ist sicherlich ein persisches 
Amt; darum ist auch Bozorgimihr, der persische Großwesir, in der 
Literatur das unerreichte Vorbild eines arabischen Wesirs; 8 und 
eine iranische Institution des 'Abbäsidenhofes war, auch nach Well- 



422. — Brockelmann betitelt das zweite Buch des ersten Bandes bezeichnend genug: 
die islamische Literatur in arabischer Sprache! 

1 Kremer ii. 397. 400 unten. 

2 Brockelmann i. 97. 202, wo die weiteren Nachweise. 

3 Ihre Hauptvertreter waren — Perser, sowohl in der Schule vun Kiiia, 
wie in der von Baera ; v. Kremer ii. 468. 

4 Brockelmann i. 230. 

5 Wellhausen 348. 

6 Ebenda 352; v. Kremer I. 233. Kulturgesch. Streifzüge 31. 

7 Brockelmann i. 71. v. Kremer I. 184 f. 

8 v. Kremer i. 185 f. 




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MSCHATTA II. 311 

hausen, 1 der Henker, die ,außer dem Wesir . . . vielleicht am meisten 
hervorstechende Figur unter dem Amtspersonal' und — der Hof- 
astrologe. 

In die Hofetikette mag schon zur Omayyadenzeit persischer 
Unfug eingerissen sein, 2 besonders die geregelten, wöchentlich mehr- 
mals wiederkehrenden Trinkgelage der Omayyaden sind den 
Chosroen nachgeahmt. Aber auch in der Staatsverwaltung, besonders 
der östlichen Provinzen lehnte man sich an Persien an. Da waren 
die Beamten trotz aller Gegenagitation Perser; 3 bei der Münzreform 
c Abd el-Meliks wurde der schon lang vorher in Arabien kursierende 
sassanidische Dirhem der Silberwährung zugrunde gelegt 4 Die Be- 
steuerung des Bodens war ganz nach persischem Muster durch- 
geführt, 5 wie denn auch das Finanzjahr mit dem persischen Jahres- 
anfang, dem Nauruzfest, begann. 6 

In militärischen Dingen war es nicht viel anders. Das römische 
Lager (Jj^-ia*) lernten die Araber wohl durch die Perser kennen. 7 
Unter Mansür bestand die Elitegarde des Kalifen aus Chorasänern, 
während Mu'tasim, der die Residenz nach Samarrä verlegte, gar die 
Türken vorzog. 8 Daß die Araber auch unabhängig von den Persern 
ihr Lehens wesen hätten ausbilden können, 9 ist wohl wahr. Aber auf- 
fallend bleibt die Verleihung von Militärlehen; wir kennen diese 
Institution aus dem Kodex Hammurabi §§ 26—41. Unter den Bu- 
jiden kam sie zum Schaden des Staatssäckels und des Bodenertrages 
als die einzig übliche Art der Besoldung ganz besonders in Schwung. 10 

1 1. n. p. 350. 

2 v. Kremer i. 142, 148 f. 

8 v. Kremer i. 168, 173. n. 179. 

4 Kremer i. 170. 257. 

5 1. n. 256. 

6 1. n. 279. Diesem Fest des Frühlingsäquinoktiums, entsprach ein gleichfalls 
persisches Fest des Herbstäquinoktiums, Mihragän; beide wurden von den 'Abbäsiden 
gefeiert. Kremer ii. 78 ff. 

7 1. n. i. 205. 

8 i. 233 f. 

9 i. 109. 

10 i. 238. 253. 



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312 



Josef Strzygowski. 



Und da muß man sich sagen: was schon einmal am selben Fleck Erde 
bestanden hatte, brauchte nicht ein zweites Mal erfunden zu werden. 

Es ist endlich längst schon erkannt worden, daß die Araber 
auch ihre Baukunst nicht unabhängig von den sie umgebenden 



tinischen Ursprung der arabischen Kunst, besonders für Syrien, als 
feststehend an, während man für den Osten auch die persischen 
Vorbilder gelten ließ. 1 Soweit Byzanz in Betracht kommt, stützte 
man sich hauptsächlich auf die übereinstimmenden Nachrichten von 
den ältesten Omayyadenbauten, besonders jenen Walid I., 2 die von 
byzantinischen Werkleuten erbaut worden sind. Diesen Einfluß 
muß man für die erste Periode des Islam zugeben und kann sich 
fragen, ob Byzanz dabei nicht selbst von Persien abhängig war. 
Aber bald wurde es im Kalifenstaate anders, v. Kremer 3 beginnt 
die Entwicklung der arabischen Baukunst eben mit der Zeit nach 
jenen ,ganz in byzantinisch -griechischem Geschmacke' gehaltenen 
,und von griechischen Werkmeistern' aufgeführten Bauten, mit der 
Moschee des Ahmed b. Tulün in Kairo. 4 

Hier wäre zunächst mit der historischen und kunsthistorischen 
Forschung anzusetzen. Man darf nicht vergessen, daß es stets die- 
selben Nachrichten über die Omayyaden- und 'Omarmoschee (Damask 
und Jerusalem) zum Teil über die 'Ahmed b. Tulün und Ka'ba sind, 
die sich durch alle Generationen kunsthistorischer Bücher vererben; 

1 Vgl. v. Kremer, Kulturgesch. n. 48 für den Bau BagdMs ; ebenda für die Bau- 
kunst 319 Note 1 und 288 fF. für die Kunstindustrie, 303 für die dekorative 
Malerei. 

2 Vgl. z. B. v. Zmigrodzki, Gesch. der Baukunst der Araber etc. Krakau 1899, 
p. 34, wo die weiteren Nachweise zu finden sind. — Zusammengestellt sind solche 
historische Zitate von Goldzihek im Globus, Bd. 86, Nr. 6, p. 95, Anm. 2 ff. 

3 , Topographie von Damaskus' Denkschr. der k. Akad. der Wiss, phil.-hist, KL 
5. Bd. p. 24 f. 

4 Wie wir oben schon sahen, ist aber der Stil gerade dieses Baues schon 
ganz in persiseh-mesopotamischem Fahrwasser und Samarrä wahrscheinlich sein Ur- 



Nationen ausgebildet haben. Bekannt ist der vielzitierte Aussprach 
Ibn Haldüns in seiner Mukaddaraa (i. 3 42): ^° ^^Jii 

lA^kS Jl -LUJ\ ^ol ^ yüLfti' (!) Uyoi J^l '^}^ m ÄJjwxJl. Bisher 
dachte man aber dabei nur an Byzantiner und nahm den byzan- 




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MSCHATTA II. 



313 



vielleicht besitzen wir aber auch andere Hinweisungen. Gerade, 
was die Tulünmoschee betrifft, beruft sich Strzygowski auf JJmJa'l 1 
und was die Ka'ba anlangt, so soll Abu 'Utmän Sa'id b. Musaggih 
den beim Ka'babau unter Ibn ez-Zubayr beschäftigten persischen 
Werkleuten ihre Lieder abgelauscht haben. 2 Am Ende ist auch 
auf die ganze Frage, woher die Bauleute kamen, gar nicht soviel 
zu geben, wenigstens nicht auf die Form, in der sie von den Histo- 
rikern beantwortet wird. Denn für sie war die Gesandtschaft, die 
bei solcher Gelegenheit von Byzanz kam oder nach Byzanz ging, 
die Hauptsache, während man der persischen Arbeiter, die ja im 
eigenen Staate lebten, nicht weiter gedachte. Bei der Knappheit und 
allgemeinen Unverläßlichkeit von Baulegenden und Baugeschichten 
sollte man jedenfalls dem kunsthistorischen Beweis bis zu einein 
gewissen Grade Aufmerksamkeit schenken. 

Nach Sthzygowski hat er ungefähr dasselbe Ergebnis zutage 
gefördert, zu dem uns ein allgemein kulturhistorischer Streifzug 
führte: der Westen mag besonders in früherer Zeit mehr dem 
byzantinischen Einfluß zugänglich gewesen sein; die östlichen Pro- 
vinzen waren von vornherein persische Domäne. Es steht außer 
Zweifel, daß im Rahmen des Islam nach Niederwerfung der syrischen 
Omayyaden Persien immer mehr an Einfluß gewann und schließlich 
vollständig siegte — nicht nur in den oben gestreiften allgemein 
kulturellen Gebieten, sondern vor allem auch auf dem der bildenden 
Kunst. Diesen Nachweis gegen ältere Versuche den Ursprung der 
islamitischen Kunst zu skizzieren, in entscheidender Weise geführt 
zu haben, ist das Verdienst der Arbeit Strzygowskis. 



sprungsort. Wie sehr übrigens die ganze vorderasiatische Baukunst sachlich und 
in der Terminologie von Mesopotamien, und zwar von Assyrien-Babylonien, das 
seinerseits Persien beeinflußte, abhing, zeigen folgende von D. H. Müller aufgestellte 
Gleichungen: t^jb, aram. &02, ursprünglich aus ass.-babyl. bäb entlehnt; desgleichen 
ä^J xr\:±> aus ass.-bab. libittn. ^Ji = agnvru ( WZKM. i, 22 f.). Ferner vgl. 

desselben Verfassers Ezechielstudien , p. 58, Note, über e^LcJ^-o = nadbakn (Bau- 
schichte). 

1 Siehe oben p. 295 und ,Koptische Kunst', Einl. xxiv. Mschaffa, p. 246. 

2 Ag. in. 84 f. Kremek i. 40. 



N. Rhodokanakis. 




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314 



M. Winternitz. K. Florenz. 



Die Litteraturen des Ostens in Einzeldarstellungen. Band ix: 1. Halb- 
band. ^Geschichte der indischen Litteratur' von Dr. M. Winternitz, 
Professor a. d. deutschen Universität in Prag. 1. Halbband. Leipzig, 
C. F. Amelang, 1904. Mk. 3.75. — Bandx: 1. Halbband. ,Geschichte 
der japanischen Litteratur' von Dr. K. Florenz, Professor a. d. Uni- 
versität zu Tokyo. 1. Halbband. Leipzig, C. F. Amelang, 1905. 
Mk. 3.75. 

Die Serie populärer Handbücher der orientalischen Literaturen, 
die sich Litteraturen des Ostens in Einzeldarstellungen betitelt, hat 
sich bereits trefflich bewährt. C. Brockelmann, P. Horn und W. Grube 
haben mit ihren Darstellungen der arabischen, persischen und chi- 
nesischen Literatur einem dringenden Bedürfnis entsprochen, indem 
sie den betreffenden Literaturen zum ersten Male eine durch Dar- 
stellungsweise und Inhalt gleich ausgezeichnete Behandlung zuteil 
werden ließen. Diesen sind nun zwei weitere Literaturgeschichten 
aus der Feder zweier hervorragender Forscher gefolgt, die beide in 
jeder Hinsicht gediegene Leistungen bedeuten. 

Es mangelt zwar nicht an ausgezeichneten Darstellungen der 
indischen Literatur, doch repräsentiert die von Winternitz den heu- 
tigen Stand der Forschung, die ja in den letzten Jahrzehnten so 
manches bedeutungsvolle Ergebnis gezeitigt hat. Und schon darum 
hat eine neue Literaturgeschichte neben den bereits vorhandenen 
gewiß ihre Existenzberechtigung. Der vorliegende erste Halbband 
ist ausschließlich der Darstellung der vedischen Literatur gewidmet. 
Aus den einleitenden Abschnitten verdient vor allem die Erörterung 
der Frage hervorgehoben zu werden, ob die Schrift in der ältesten 
Periode der indischen Literatur für literarische Zwecke in Gebrauch 
kam. Winternitz vertritt hier in Ubereinstimmung mit den Aus- 
führungen von Rhys Davids in dessen Buddhist India mit den besten 
Gründen und in überzeugender Weise die Ansicht, daß trotz früh- 
zeitiger Kenntnis der Schrift während der langen Entwicklungszeit 
der ältesten brahmanischen und buddhistischen Literaturdenkmäler 
eine schriftliche Fixierung derselben nicht stattgefunden hat. 




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Die Littbraturbn des Ostens in Einzeldarstellungen. 315 



Ein besonderer Vorzug der Winternitz' sehen Literaturgeschichte 
besteht darin, daß der Verfasser sich bei der Beurteilung der einzelnen 



rade auf diesem Gebiete so häufig begegnen. Dies gilt ebenso sehr 
für die Charakteristik der Rig-Veda-Hymnen. in der Winternitz 
zwischen den bekannten Extremen in der Beurteilung ihres poetischen 
Gehaltes und der durch sie repräsentierten Kulturstufe die Mitte 
hält, wie für das Kapitel über die Zauberlieder des Atharva -Veda, 
in dem Winternitz die Ansicht Oldenbergs bekämpft, als wären 
diese Lieder sämtlich nach dem Vorbild der Rig-Veda-Hymnen ge- 
schaffen, also jüngeren Datums als diese. Die ethnologischen Pa- 
rallelen, auf die Winternitz verweist, lassen es als ganz zweifellos 
erscheinen, daß der Atharva -Veda, abgesehen von den ausschließlich 
für Opferzwecke bestimmten Liedern und den theosophischen und 
kosmogonischen Hymnen, ein uraltes Denkmal volkstümlicher Poesie, 
,eine unschätzbare Quelle für die Kenntnis des eigentlichen, von der 
Priesterreligion noch unbeeinflußten Volksglaubens' ist. Auch die 
Beurteilung der Upanishad-Lehren seitens des Verfassers wird ihrer 
wahren Bedeutung jedenfalls gerechter, als ihre gar zu überschwäng- 
liche Wertschätzung seitens Deussens. Ohneweiters einleuchtend und 
den durch nichts gerechtfertigten Erklärungen des Petersburger 
Wörterbuches und Deussens vorzuziehen ist auch die von Winternitz 
(p. 211) erklärte Bedeutungsentwicklung des Grundbegriffes der 
Upanishad-Philosophie, des Wortes Brahman, von ? Gebet' oder ? Zauber- 
formel' zur Bezeichnung der trayl vidyä, und von da infolge der 
Vergöttlichung von Veda und Opfer zur Bedeutung des ,Zuerst- 
geschaffenen', des ,Urgrunds alles Seins'. Dagegen scheint mir die 
maßlose Überhebung der Brahmanen nicht ,tief im Wesen des indo- 
germanischen Geistes begründet', durch die größere Vertrautheit der 
Indogermanen mit ihren Göttern und ihre höhere Taxierung des 
Menschenwertes bedingt zu sein, sondern in der alles überragenden 
Bedeutung, die die Priesterschaft dem Opfer aus materiellem Interesse 
zu verleihen wußte, in dessen Erhebung zur göttlichen Potenz und 
in der unerhörten Erstarkung des priesterlichen Einflusses ausreichende 

Wiener Zeitsctar. f. d. Kunde d. Morgenl. XIX. Bd. 21 



Literaturgattungen von Übertreibungen fernhält, wie wir ihnen ge- 




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3 IG M. Winternitz. K. Florenz. 

Erklärung zu finden. Die einzelnen Literaturperioden, deren Dar- 
stellung zufolge ihrer Gründlichkeit, Klarheit und Übersichtlichkeit 
meisterhaft genannt werden darf, veranschaulicht der Verfasser durch 
eine Fülle glücklich gewählter Übersetzungsproben. Die den schlichten 
Erzählerton des Originals wiedergebenden Prosaübersetzungen der 
schönsten Stellen der Brähmana-Literatur und die trefflich gelungenen 
metrischen Übertragungen besonders der Zauberlieder des Atharva- 
Vcda sind Beispiele verständnisvoller, feinfühliger Übersetzungskunst. 

In dorn Exkurs über ,das Alter des Vcda', der den vorliegenden 
1 laibband abschließt, gelangt Winternitz zu dem Resultat, daß für die 
ganze vorbuddhistische Literatur eine Entwicklungsdauer angenommen 
werden muß, die es, gleich den astronomischen Untersuchungen Jacobis, 
wahrscheinlich macht, daß der Rigveda in das dritte, die durch ihn 
repräsentierte altindische Kultur bis in das vierte vorchristliche Jahr- 
tausend hinaufzudatieren ist. Mag auch die Diskussion über diese 
Frage noch lange nicht als endgültig abgeschlossen erachtet werden, so 
hat doch diese Datierung weit mehr Wahrscheinlichkeit für sich, als 
jene Angaben, die sich auf die willkürliche Max Müller' sehe Da- 
tierung stützen. Für keinen Fall erscheinen die niedriger gegriffenen 
Ansätze durch den in diesem Zusammenhange wohl unzulässigen 
Hinweis Oldenbergs auf die Entwicklung Amerikas gerechtfertigt. 

Winternitz hat die schwierige Aufgabe, eine allgemein verständ- 
liche Darstellung der indischen Literatur zu liefern, die dem Laien 
eine klare Vorstellung von den geistigen Produkten des alten Indien, 
seiner Kultur und der Eigenart seiner Bewohner geben soll, durch 
eine glänzende Darstellungsweise und eine treffliche Abgrenzung 
des behandelten Stoffes glücklich und mit außerordentlichem Geschick 
gelöst. Aber ein sachlich besonnenes Urteil und eine tief eindringende 
und klare Erörterung bedeutsamer Streitfragen verleihen diesem Buche 
andrerseits auch ein streng wissenschaftliches Gepräge und sichern 
ihm die beste Aufnahme und Wertschätzung auch in Fachkreisen. 

,Die Geschichte der japanischen Litte ratur' von Florenz ist die 
erste völlig verläßliche und ausfuhrliche Darstellung, die durchwegs 



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Die Litteratüren des Ostens in Einzeldarstellungen. 317 



aus den Quellen selbst schöpft und nicht nur ein überaus anschau- 
liches Bild dieser Literatur und ihres Entwicklungsganges entrollt, 
sondern auch einen Einblick in die politischen, sozialen und kul- 
turellen Verhältnisse der jeweiligen Literaturepochen und in die 
nationale Eigenart des japanischen Volkes gewährt. Allerdings steht 
diese Literatur unter vorwiegend chinesischem Einfluß, und infolge 
der Einführung der chinesischen Schrift und Sprache, der intensiven 
Pflege der chinesischen Literatur, infolge eines regen Verkehres mit 
China und der Nachahmung seiner staatlichen Einrichtungen und 
seines gesellschaftlichen Lebens, erhielt das ganze Denken und Fühlen 
der Japaner in so hohem Grade chinesisches Gepräge, daß es zumeist 
nicht leicht, oft auch ganz unmöglich ist, aus der fremdartigen Um- 
hüllung den spezifisch japanischen Kern herauszuerkennen. Ob frei- 
lich der Einfluß der chinesischen Kultur in demselben Maße in die 
breiteren Schichten des Volkes gedrungen ist und eine ebenso tief- 
greifende Umbildung der nationalen Eigenart zur Folge gehabt hat, 
bleibt immerhin fraglich. Denn abgesehen von der ältesten Periode 
wird der Literaturabschnitt, dem der vorliegende Halbband gewidmet 
ist, und der bis zum Schluß der Heian-Zeit reicht, zumeist durch 
Personen repräsentiert, die den Hofkreisen angehören oder in sehr 
naher Beziehung zu ihnen stehen. Die spärlichen Überreste der 
volkstümlichen Literatur, die das Schlußkapitel dieses Buches be- 
handelt, und der bewußte Gegensatz, in den sich die höfischen Kreise 
zum Volke setzten, würden darauf hindeuten, daß dieses seine Eigen- 
art bewahrt hat. 

Die Frage, wann die Japaner den Gebrauch der Schrift kennen 
gelernt haben, ist strittig. Florenz verwirft die Hypothese von der 
Existenz einer autochthonen Schrift, die der Einführung der chine- 
sischen Schrift vorausgehen soll, eine Hypothese, die sich auf die 
Divination aus den Rißlinien einer über dem Feuer gerösteten Schild- 
krötenschale stützt. Es wäre auch sonderbar, wenn die Japaner 
trotz der ungeheuren Schwierigkeiten, die ihnen die Aneignung der 
chinesischen Schrift bot, und die sie auf verschiedene Weise zu mil- 
dern suchten, dieser zuliebe eine schon vorhandene Schrift völlig 




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318 



M. Winternitz. K. Florenz. 



spurlos hätten verschwinden lassen. Nach der Erörterung der frühe- 
sten Beziehungen, die seit Beginn der christlichen Zeitrechnung 
zwischen Korea, sowie China und Japan bestanden, gibt Florenz 
eine treffliche Charakteristik der archaischen, unverfälscht japanischen 
Literatur, die uns das japanische Volk noch auf einer primitiven 
Kulturstufe stehend zeigt, der archaischen Poesie, wie sie in den 
Gesängen des Kojiki und Nihongi erscheint, und der archaischen 
Prosa, der kulturgeschichtlich interessanten, durch eine kräftige, 
bilderreiche und feierlich ernste Sprache ausgezeichneten Norito- 
Rituale. Diese enthalten viel altes Sprachgut und sind eine wichtige 
Quelle für die Kenntnis des reinen Shintoismus. Längere Ubersetzungs- 
proben geben ein klares Bild dieser für den Laien bisher unzugäng- 
lichen Literaturepoche. 

Wie sehr der Einfluß des Buddhismus und der chinesischen 
Kultur das japanische Wesen durchtränkt und umgeformt hat, zeigt 
schon die folgende, bis gegen das Ende des achten Jahrhunderts 
reichende Literaturperiode der Nara-Zeit. Unter den teils in chine- 
sischer, teils in japanischer Sprache abgefaßten Prosawerken dieser 
Zeit verdienen die auch mythologisch wichtigen Geschichtswerke 
Kojiki und Nihongi hervorgehoben zu werden. Der hohe Aufschwung 
der lyrischen Poesie gibt sich in einem Produkt dieser Zeit, der 
Gedichtsammlung Manyöshü kund, die neben vielen wertlosen Künste- 
leien auch sehr viel schönes und poetisch tief Empfundenes enthält. 
Den hier vertretenen Dichter Yakamochi hält Florenz auf Grund 
schwerwiegender innerer Kriterien für den Kompilator der ganzen 
Sammlung. Eine überaus reichhaltige Auswahl von eigenen Über- 
setzungen, die auch den Laien das Eigenartige dieser Dichtungen 
erkennen lassen, bilden eine höchst willkommene Ergänzung zu des 
Verfassers prächtig ausgestatteten ,Dichtergrüßen aus dem Osten'. 

Die Literatur der Heian-Zeit (794 — 1186) zeigt nicht nur die 
Zunahme des chinesischen Einflusses, der bis zur Geringschätzung 
alles Einheimischen führt, sondern ist gleichzeitig ein getreues Spiegel- 
bild des höfischen Lebens mit seinem ungeheuren Aufwand an Luxus, 
seinen Liebesabenteuern und Ränken, seiner innerlichen Hohlheit 




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Die Litteraturen des Ostens in Einzeldarstellungen. 319 

und Verweichlichung. Darum begegnen uns in den Gedichten dieser 
Periode, deren vorzüglichster Vertreter das Kokinshü ist, neben 
manchem Zarten und tief Empfundenen doch zumeist eine übertrieben 
sentimentale, tränenselige Stimmung, eintönige Variierung derselben 
Gedanken, Mangel an Originalität. Dagegen schreitet die japanische 
Prosa, an deren Entwicklung die Frauen einen überwiegenden An- 
teil haben, in den Liedervorreden, der Erzählungsliteratur (Monogatari) 
und in der Tagebuchliteratur stetig ihrer Vervollkommnung zu, bis 
sie in dem Genji-Roman der gelehrten Frau Murasaki-Shikibu und in 
dem Skizzenbuch der geistreichen und sarkastischen Frau Sei Shonagon 
ihren Höhepunkt erreicht. Tiefgreifende politische Umwälzungen am 
Schluß der Heian-Periode bedingen noch die Entstehung einer Art 
historischen Romanes. 

Florenz hat sich schon durch seine ausgezeichneten Über- 
setzungen japanischer Dichtungen' sowie durch seine japanische 
Mythologie' große Verdienste um die Verbreitung der Kenntnis 
japanischer Literatur erworben. Diesen reiht sich nun der erste 
Halbband seiner Literaturgeschichte an, die in ihrer glänzenden 
Darstellungsweise, ihrer meisterhaften Charakteristik der erörterten 
Literaturperioden, in der ungewöhnlich reichen Auswahl muster- 
gültiger Übersetzungen, in ihren das Verständnis der Literatur för- 
dernden historischen Exkursen und zahlreichen kulturgeschichtlich 
interessanten Aufschlüssen eine Gabe bildet, für welche alle jene, die 
der japanischen Literatur Interesse entgegenbringen, dem gelehrten 
Verfasser besten Dank wissen werden. 

Bernhard Geiger. 



Chr. Bartholomae. Die Gathas des Awesta, Zarathushtras Vers- 
predigten, übersetzt von — . Straßburg, K. J. Trübner, 1905, 
kl. 8°, x und 133 S., M. 3. 

Die Gathas bilden den ältesten, aber zugleich auch schwierigsten 
Teil des Religionsbuches der Parsen und selbst die einheimischen 



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320 



Chr. Bartholomae. 



Kommentatoren sind nicht imstande den präzisen Sinn einer ganzen 
Reihe von Stellen anzugeben. Es hängt dies mit dem aphoristischen 
Charakter dieser Stücke zusammen, die in mancher Hinsicht an den 
Veda, in mancher an den Koran erinnern. Ein Prophet, der seinen 
Zeitgenossen eine neue Lehre ankündigte, konnte dies nur in münd- 
licher, ausfuhrlicher Rede tun und wenn er dann zum Schlüsse ein 
Resume des Vorgetragenen in einigen Memorialversen hinzufügte, 
so waren diese selbstverständlich nur denen ganz verständlich, die 
die ausführliche Erörterung gehört hatten. Aufgezeichnet wurde 
aber natürlich nur das knappe ^argumentum' und es ist begreiflich, 
daß, als sich ein Ritual herausgebildet hatte, die Verse allein, als 
das authentische Wort des Propheten, rezitiert und weiterhin als 
heilig überliefert wurden. Ähnliches geschah bekanntlich in Indien 
bezüglich vedischer Hymnen, buddhistischer Gathas und Fabeln. 
Ich halte darnach den vom Verfasser angewendeten Ausdruck , Vers- 
predigt' nicht für ganz zutreffend, da wir unter ,Predigt' gerade die 
ausführliche Erörterung einer Bibelstelle verstehen ; besser wäre 
vielleicht , Glaubenssätze'. Auch mit der Methode die termini technici 
der zarathushtrischen Lehre bald unübersetzt zu lassen, bald durch 
Äquivalente wiederzugeben, kann ich mich nicht befreunden, zumal 
der Verfasser selbst zugibt (S. vn), daß bei den Götternamen ,eine 
feste Grenze zwischen dem abstrakten Begriff und der Gottheit nicht 
vorhanden sei', während er gerade auf diese Unterscheidung seine 
verschiedene Behandlung dieser Namen basiert. Schließlich noch 
eine grammatische Bemerkung; auf S. x heißt es: ,6 und t lauten 
wie englisches th. ( Warum sind sie dann überhaupt unterschieden 
worden? Aus welchen Gründen perhorresziert B. die von mir und 
Collitz bewiesene Aussprache des letzteren als implosive Tenuis, 
etwa wie im deutschen ,Hut ab' ? Doch genug der Rekriminationen. 
Wer sich mit den Grundlehren des Zoroastrismus bekannt machen 
will, wer die geistvolle Interpretation derselben von einem der ersten 
Iranisten kennen lernen will, der nehme dies Buch zur Hand. Die 
philologische Begründung jeder Stelle findet sich in des Verfassers 
kürzlich erschienenem altiranischen Wörterbuche und zudem sind 




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The 6rauta-sutra of Drahyayana. 



321 



jeder Gatha Anmerkungen und Inhaltsübersicht sowie in einem 
alphabetisch geordneten Anhang die Erklärung der wichtigsten 
Personennamen und Schlagwörter beigegeben, sodaß auch der Nicht- 
Iranist sich bald vollkommen zurecht finden dürfte. Das Verständnis 
eines der schwierigsten Religionsbücher ist durch das vorliegende 
Werk ein gutes Stück gefördert worden. 

Graz. J. Kirste. 



The ßrauta- sütra of Drahyayana, with the Commentary of Dhanvin. 
Edited by Reuter, J. N., Ph. D., LL. D., Lecturer of Sanskrit 
in the University of Helsingfors. Part i. [Reprinted from the ,Acta 
Societatis Scientiarum Fennicae. T. xxv, Pars n.] London : Luzac 
& Co. 1904. 4°, 216 pp. 

Diese lang erwartete Ausgabe des zur Ränäyaijlyaschule des 
Sämaveda gehörigen Drähyäyana-ärautasütra wird jeder, der sich 
für die altindische Ritualliteratur interessiert, mit Freude und Dank- 
barkeit begrüßen. Wenn auch das Sütra des Drähyäya^a von dem 
des Lätyäyana nur wenig abweicht, so weiß doch jeder, der mit der 
Sütraliteratur vertraut ist, daß ein jedes der alten Sütras, wenn es 
auch einem anderen noch so nahe steht, immer etwas Neues und 
Wertvolles bringt — man denke nur an Hiraijyakesin und Äpastamba. 
Abgesehen davon besitzen wir das Lätyäyana- Sütra nur — es ist 
kaum nötig, dieses ,nur' näher zu begründen — in einer Ausgabe 
der ,Bibliotheca Indica', während uns hier Dr. Reuter eine mit 
peinlichster Sorgfalt und gründlichster philologischer Kritik auf 
Grund einer stattlichen Anzahl von Handschriften des Textes sowohl 
wie des Kommentars hergestellte Ausgabe darbietet. Der von Reuter 
ebenfalls mit herausgegebene Kommentar ist der des Dhanvin, der 
auch darum von Wichtigkeit ist, weil Säyaija ihn für seinen Kommentar 
zum PancaviipSa-Brähmana und zum §a$viiji§a-Brähmaga benützt 
hat. Auch das Drähyäyana- Sütra selbst wird gewiß zur Erklärung 




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322 J. N. Rbütbr. The Srauta-sütra of Drahyayana. 



des noch lange nicht genügend erforschten Pancaviipäa-Brähmana 
manches beitragen. Der vorliegende erste Teil enthält die ersten 
zehn Patalas und bildet ungefähr ein Drittel des ganzen Werkes. 
Möge es dem Herausgeber gegönnt sein, seine prächtige Ausgabe 
— das Resultat langjähriger, entsagungsvoller Arbeit — bald vollendet 
zu sehen! 



M. Winternitz. 




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Die Mu f allaqa des Tarafa. 

Übersetzt und erklärt 

von 

Bernhard Geiger. 
Vorwort. 

Die vorliegende Arbeit, eine ehemalige Dissertation in wesent- 
lich gekürzter und umgearbeiteter Form, ist als Ergänzung zu Nöl- 
dekes Fünf Mo'allaqdt gedacht. Wenn ich es nun wage, die Uber- 
setzung und Erklärung einer der schwierigsten Mu'allaqät entgegen 
meiner früheren Absicht verhältnismäßig kurze Zeit nach Beendi- 
gung der Arbeit zu publizieren, so geschieht es aus dem Grunde, 
weil ich mich inzwischen anderen Studien zugewandt habe, die die 
Möglichkeit der Veröffentlichung dieser Arbeit zu einem späteren 
Zeitpunkte in Frage stellen. Ermutigt wurde ich hiezu von meinem 
sehr verehrten Lehrer, Herrn Dr. R. Geyer, dem ich für die An- 
regung zu dem Thema und für ununterbrochene, tatkräftige Förde- 
rung der Arbeit zu größtem Dank verpflichtet bin. 

Der Kommentar ist als Ergänzung zu den bisherigen Er- 
klärungen der Mu'allaqa zu betrachten. Diese habe ich nur dann 
zitiert, wenn meine Auffassung sich in einem Gegensatz zu ihnen 
befand. Desgleichen begnügte ich mich, anstatt das Varianten- 
verzeichnis bei M. Seligsohn, Diwan de 7# röt / a > zu wiederholen, 
mit der häufigeren Ergänzung desselben. Ich habe auch die Les- 
arten der Rezension des Bataljüsi vermerkt, dessen Kommentar ur- 
sprünglich der vorliegenden Arbeit beigegeben war und mit dem 
des Tibrizi sehr oft wörtlich übereinstimmt. Mit der Übersetzung 
und den Erklärungen Seligsohns mußte ich mich im Kommentar 

Wiener Zeitschr. f. d. Kunde d. Morgenl. XIX. Bd. 22 



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324 



Bernhard Geiger. 



etwas eingehender befassen, weil ihre zahlreichen Unrichtigkeiten 
und kritiklosen, oberflächlichen Interpretationen zu einer Berichtigung 
herausfordern. 

Abkürzungen, die der Erklärung bedürfen, sind: 

Z. = Zauzani, 

T. = Tibrizi, 

A. = 'A'lam, 

B. = Bataljüsi, 

Sel. = M. Seligsohn, Diwan de Tarafa ibn al-Abd al-Bakri. 
Paris, 1901. 

Bei der Verszählung hielt ich mich an die Rezension des 
Tibrizi, die durch die erste Zahl bezeichnet ist. Die folgenden 
Zahlen repräsentieren die AHLWARDTSche Ausgabe, die Rezension al- 
\A e lams und die az-Zauzanis. Das Zeichen = bedeutet, daß Ahlw. 
und A. in der Verszahl mit T. übereinstimmen. Das Fehlen einer 
dieser Zahlen zeigt an, daß der Vers in der entsprechenden Re- 
zension fehlt. — Die vorliegende Anordnung von Übersetzung und 
Kommentar ist zwar weniger übersichtlich, ließ sich aber infolge 
der Teilung der Arbeit nicht vermeiden. 



Einleitung. 

Tarafa ibn al-'Abd, mit seinem vollständigen Namen 'Amr ibn 
al- f Abd ibn Sufjän b. Sa'd b. Mälik b. Pubai'a b. Qais b. Ta'laba 
b/Ukäba b. §a b b. 'Ali b. Bakr b.Wail (b. Käsit b. Hinb b.'Afsa 
b. Dumi b. Gadila b. 'Asad b. Rabia b. Nizar b. 'Adnän 1 ), gehört 
bekanntlich zu den berühmtesten Dichtern, die das heidnische und 
muslimische Arabertum aufzuweisen hat, und nach den in diesem 
Punkte vollständig übereinstimmenden Zeugnissen der arabischen 
Uberlieferung war er auch einer der ältesten Dichter, von denen 
wir überhaupt Kenntnis besitzen. Doch ist das, was uns über seine 
Lebensumstände überliefert wird, überaus dürftig und bietet des 



1 So bei T. 



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Die Mu'allaqa des Tarafa. 



325 



Glaubwürdigen so wenig, daß der Versuch Seligsohns, eine Bio- 
graphie dieses Dichters zu rekonstruieren, als vollständig verfehlt 
bezeichnet werden muß. Das einzig Wahrscheinliche ist, daß Tarafa 
zum Hofe des l Amr b. Hind, des Königs von al-ljira (554 — 568/69), 
in Beziehung gestanden. Wenn es also aus diesem Grunde über- 
flüssig ist, die schon so oft in den Einleitungen zu den bisherigen 
Mu'allaqa-Ausgaben wiedergegebenen Geschichten des Kitäb al- 
'Agäni zu wiederholen, so sehe ich mich doch gezwungen, auf 
einige dieser, von Sel. als wahr hingenommenen Geschichten in 
aller Kürze einzugehen. So zeigt sich Sel. über die früheste Jugend- 
zeit T&rafas wohl unterrichtet, wenn er z. B. sagt: ,dfes son enfance, 
il se distingua par son esprit vif et ses paroles mordantes/ und als 
Beweis jene Erzählung anführt, nach welcher der mit seinen Kame- 
raden spielende (!) Tarafa plötzlich, als er Mutalammis oder einen 
anderen Dichter Verse rezitieren hörte, diesem einen groben Sprach- 
fehler nachgewiesen haben soll. Es ist denn doch etwas gar zu naiv, 
derartige Anekdoten auf guten Glauben hinzunehmen. Dieselbe 
Leichtgläubigkeit verrät Sel. bei der Begründung seiner Ansicht, 
daß Tarafa seinen Vater schon in frühester Jugend verloren habe. Dies 
steht nämlich für Sel. aus dem Gedichte Diw. xn (= Ahlw. l) un- 
erschütterlich fest, welches das erste, (auch nach al-'A f lam) schon 
in seiner Kindheit verfaßte Gedicht Tarafas sein soll. Darin wird 
Warda, die Mutter des Dichters, gegen die unberechtigten An- 
sprüche der Vettern in Schutz genommen, indem von den Söhnen 
Wardas gesagt wird, sie seien noch jung (^>-UJl y** 4 *), also noch. 
nicht imstande, der Mutter zu ihrem Rechte zu verhelfen. Dieses 
Gedicht nun kann unmöglich von dem noch jugendlichen Tarafa 
herrühren. Denn es enthält von Vs. 2 an fast nur allgemeine Aus- 
sprüche über Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, sowie deren Folgen, 
über Vergehen, Wahrheit und Lüge, Sentenzen, wie wir ihnen sonst 
nur bei bejahrteren, durch ein erfahrungsreiches Leben gereiften 
Dichtern begegnen. Somit ist die einzig richtige Bemerkung Sel.'s 
der Satz ,vers qui aurait fait honneur meme k un pofete plus äg£ 
que lui'. Über den nun folgenden Lebensabschnitt des Dichters 



22* 




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326 



Bernhard Geiger. 



weiß Sel. ebenso trefflichen Bescheid. Er läßt ihn am Basüs-Kriege 1 
teilnehmen 7 sich in ihm auszeichnen, 2 reich und der höchsten 
Ehren seines Stammes teilhaftig werden. Aber dies sind doch nur 
die bekannten Prahlereien der arabischen Dichter, die in einer Bio- 
graphie keinen Platz beanspruchen dürfen! Bei allen diesen Anek- 
doten hält es Sel. nicht für der Mühe wert, auch nur ein Wort 
der Kritik zu verlieren. Was die bekannte Briefgeschichte be- 
trifft, für die von ihm dasselbe gilt, so verweise ich auf die 
bei Völlers, ,Die Gedichte des Mutalammis' (Beiträge zur As- 
syriol. u. semit. Sprachwissensch, v. 2. p. 172), zusammengestellte Sa- 
hifa-Literatur. Mir erscheinen die inneren Widersprüche, an denen 
diese Geschichte leidet, so schwerwiegend, daß ich sie durchaus für 
unecht halten möchte. Mutalammis und Tarafa sind bei 'Amr b. Hind 
in Ungnade gefallen. Dieser verbirgt seine feindselige Gesinnung, 
entläßt sie in ihre Heimat zu ihren Angehörigen und versieht beide 
mit Briefen an den Statthalter von al-Bahrain ; die die Weisung ent- 
halten, die beiden Dichter zu beschenken. Diese hätte es doch so- 
fort befremden müssen, daß der König sie nicht selbst beschenkte, 
da doch wohl die Vermittlung des Statthalters etwas ungewöhnlich 
und merkwürdig erscheint. Mutalammis schöpft schließlich, obwohl 
der König nichts Feindseliges hatte merken lassen, aus einem anderen 
Grunde Verdacht und läßt sich den Brief von einem des Weges 
kommenden Knaben entziffern ; er erfährt die wahre Absicht \Amrs. 
Und Tarafa läßt sich merkwürdigerweise dadurch und durch die 
Warnungen des Mutalammis nicht in seiner Hoffnung auf ein Ge- 
schenk beirren! Es ist ganz besonders dieser Zug, der die Glaub- 
würdigkeit der Geschichte meines Erachtens vollständig erschüttert. 3 

1 Vgl. dazu die Rezension der SEL.'schen Ausgabe von Nöldeke, ZDMG, 
Bd. 56, p. 161. 

2 Sätze wie : ,il etait leste et courageux comme un lion' (!) u. ä. als bio- 
graphisches Detail, das aus einzelnen Versen geschöpft ist, entziehen Sel.'s ,Intro- 
duction historique 4 jegliche Berechtigung zu einer solchen Benennung. 

3 Auch, De Goeje, WZKM y Bd. xvui, 102, der an einen historischen Hinter- 
grund der Briefgeschichte glaubt, bemerkt mit Recht, Tarafa könne nicht so 
,dumm* gewesen sein. 




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Die Mu'allaqa des Tarafa. 



327 



Tarafa, der sich dem König gegenüber mehr hatte zuschulden kommen 
lassen als Mutalammis, soll nicht eingesehen haben, daß er sein 
Todesurteil mit sich führe! Auch die Begründung, der König hätte 
die Blutrache von dem Stamme des Dichters zu fürchten gehabt, 
wenn er selbst Tarafa hätte hinrichten lassen, ist recht schwach. 
Als ob dem König Abfall und Blutrache des Stammes nicht auch 
dann gedroht hätten, wenn er seinen Statthalter, dessen Taten doch 
als Vollziehung des königlichen Willens gelten mußten, zum Voll- 
strecker des Todesurteiles ausersehen hätte! 

Welchen Wert daher die von Sel. aus solchen Erzählungen 
gezogenen, im bestimmtesten Tone gehaltenen Folgerungen auf Zeit 
und Veranlassung der Komposition haben, leuchtet ohne weiteres ein. 

Tarafa wird bekanntlich (vgl. Ahlwardt, Bemerkungen Uber die 
Aechiheit, p. 58) zu den gezählt, d. h. zu jenen Dichtern, 

die nur Weniges gedichtet haben, während ihm nach anderen nur 
die Mu'allaqa zuzuschreiben wäre. Für jeden Fall verdienen der- 
artige Berichte entschieden Beachtung, und so haben auch schon 
die Untersuchungen Ahlwardts (Bemerkungen, p # 59 ff.) und Nöl- 
dekes (ZDMG, Bd. 56, p. 165) gezeigt, daß von der großen Zahl 
überlieferter Gedichte nur ein ganz geringer Bruchteil übrig bleibt, 
den man als vermutlich echt' bezeichnen darf. Das bestbezeugte 
unter allen Gedichten ist die Mu'allaqa. Wenn auch in manchen 
Fällen die Reihenfolge der Verse in derselben sich geändert haben 
muß, einige Verse von einer Rezension überliefert werden, während 
sie in einer anderen fehlen, so ist doch der Aufbau des Gedichtes 
im ganzen und großen ein regelmäßiger und übersichtlicher, wie 
wir ihn nicht in jeder Qaside finden. Dies zeigt sich auch in der 
Kamelbeschreibung, in welcher die Schilderung von einem Körper- 
teil zum anderen stetig fortschreitet. Nach V. 1 ist — wie schon 
Ahlwardt (a. a. O.) bemerkt hat — eine Lücke und V. 2, der bis 
auf das Reimwort mit V. 5 der Mu'allaqa des Imrulqais identisch 
ist, stammt ganz gewiß nicht von Tarafa. Die Araber machen sich 
die Erklärung in solchen Fällen leicht, indem sie sagen, die Poesie 
.sei eine Heerstraße, auf welcher oft eine Hufspur mit der anderen 




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328 Bernhard Geiger. 

zusammenfalle (B. im Komm, zu V. 2 und IJam. 812, Zeile 2, Kom- 
mentar des T.), also derartige Ähnlichkeiten als Werk des Zufalls 
betrachten. Andere dagegen, wie z. B. Ibn Qutaiba, Kitab aä-§i c r 
wa-ä-Su arä,' (ed. de Goeje), p. 53 u. 54, gehen chronologisch vor und 
betrachten jeden auffallend ähnlichen Vers eines späteren Dichters 
als Nachahmung der Verse früherer Dichter. Bei Versen, die — 
wie es bei V. 2 der Fall ist — bis auf ein einziges Wort tiberein- 
stimmen, sind Zufall und Plagiat gewiß ausgeschlossen, zumal bei 
den ältesten und berühmtesten der arabischen Dichter. Die Ursache 
auffallender Ähnlichkeiten wird eben weit häufiger, als man an- 
zunehmen geneigt ist, in der Unsicherheit der Uberlieferung zu 
suchen sein, die sich doch schon so oft als unverläßlich erwiesen hat. 
V. 12: 

i — Ly> y& ß\s * \ fiUJ ^j\ 

* * * * 

scheint mir Imrlq. 10, 13: 

im Ausdruck gar zu ähnlich zu sein, sodaß ich ihn gegen Nöldeke 
(a. a. O.) mit Ahlwardt dem Tarafa absprechen möchte. — V. 32 
(Ahlw. 4, 31) erklärt Ahlwardt wegen der Ähnlichkeit mit Zuh. 3, 15 
für unecht. Aber abgesehen davon, daß die zwei die Augen 
(VV. 31 u. 32) und die die Ohren (VV. 33 u. 34) beschreibenden 
Verse sich vortrefflich in den Zusammenhang der Kamelschilderung 
einfügen, spricht zugunsten der Echtheit unseres Verses der Um- 
stand, daß Zuh. 3 (ein ebenfalls auf > reimendes Gedicht) als un- 
echt gilt (Ahlw., Bemerk, p. 64) und überdies eine größere Zahl 
unverkennbarer Anklänge an unsere Mu'allaqa enthält. 1 Und auch 

1 So erinnert Zuh. 3, 14*: U^i ^jf^ CX^S^i an Mu<a11 - 34 5 

Zuh. 3, 12 : ^\ Y>y c yc an ^\ sj^js^ in V. 32; Zuh. 3, 10 (besonders 

?£iwl\ ^t^äJt f^sU) an V. 17; Zuh. 3, 11: SjÜ\ Jj^L an V. 37; 

Zuh. 3, 28: ^jJjo^ . . . an V. 11. Auffällig ist auch, daß 'beide Gedichte 

überdies eine größere Zahl von Reimwörtern gemeinsam haben : jJai^o, j^li, 



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Die Mu'allaqa des Tarafa. 329 

mit Rücksicht auf Zuh. 3, 14 a : U-^s ^j*** ( v g'- un " 

seren V. 34) möchte ich Zuh. 3 ; 15 als Nachahmung unseres durch- 
aus korrekten Mu'allaqa -Verses betrachten. — Die Verse 

Imrlq. 4 ; 33: ^Jkj CJ^^^ * U-f^ ^jr*~* ^ 

Alq. 1, 24 : ^fjkj h**^* ^**\~>& * U-^j S***^ o^j*~ ^ 

(vgl. auch den schon genannten Vers Zuh. 3, 14) gleichen unserem 
V. 34 zu sehr, als daß sie nicht als Nachahmungen anzusehen 
wären. Unser Vers scheint mir auch darum besser und ursprüng- 
licher, weil wohl nicht die inmitten eines Rudels befindliche, son- 
dern die einsame oder nur mit ihrem Jungen weidende Wild- 
kuh erschreckt hinhorcht. — Ob die nur bei Z. vorkommenden 
Verse, die ich als »r und oi einfüge, in die Muallaqa gehören, 
erscheint mir höchst zweifelhaft. — V. 101 (bei T., an-Nahhäs u. Z.) 
mag echt sein; entscheiden läßt sich dies nicht. Gehört er aber in 
unser Gedicht, so möchte ich ihn nicht (wie Ahlwardt) hinter V. 86 
(Ahlwardt schreibt wohl nur irrtümlich 85 statt 86), sondern hinter 
92 stellen. — V. 102, dessen Sinn ist: ,der nächste Tag schon kann 
dir ganz unerwartete, ungeahnte Ereignisse bescheren/ hat so wenig 
Bezug zu dem ganzen letzten Teil des Gedichtes, daß man ihn 
kaum für einen das Gedicht abschließenden allgemeinen Gedanken 
ansehen darf. Aber ebensowenig darf er — wie es Ahlw. tut — 
mit V. 103 hinter V. 66 eingeschaltet werden. Das Vorkommen von 
f l£Jl in beiden Versen beweist nichts. In V. 66 treten die Tage 
(= Zeit) als allmählich vernichtendes Prinzip auf, das keinen Unter- 
schied kennt, und sollen als solches des Dichters Lebensanschauung 
begründen, während in V. 102 f. ganz gewiß nicht an Vergänglich- 
keit und Tod gedacht ist, sondern an unvorhergesehene Gescheh- 
nisse, schwere Schicksalsschläge u. dgl., die schon der nächste Tag 
bringen kann. Aus diesen Gründen bezweifle ich die Zugehörigkeit 

uxL^, j^iiLiJl, Zuh. 3, 36 ' V. 81 >l^J {£y' 3 und Zuh. 3, 43.44: 

VV. 104, 103). Sollte es bloßer Zufall sein, daß auch Zuh. 3, 1 von den Wohnungs- 
spuren in jJ^i die Rede ist? 



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330 



Bernhard Geiger. 



dieses Verses zur Mu'allaqa. Auch V. (101) (Ahlw., Sel.), der in 
allen anderen Rezensionen, auch bei B., fehlt, kann nicht hinter 
V. 67 eingeschoben werden. Er läßt sich schwerlich in einen in- 
neren Zusammenhang mit den VV. 63 — 67 bringen, die sämtlich den 
Gedanken enthalten, daß niemand dem Tode entrinnen kann. — 
V. 103 halte ich mit Ibn Qutaiba (de Goeje), p. 93, 16 für unecht, 
da er den in V. 102 ausgesprochenen Gedanken ein wenig variiert. 
— Die Verse T. 104 u. 105, sowie V. (101) werden schon von 
den arabischen Gelehrten als unecht bezeichnet (vgl. Nöldeke, a. a. O. 
p. 162 f.), was sie gewiß auch sind. Ist es doch gerade der Schluß 
von Gedichten, an die sich fremde Verse am leichtesten anknüpfen 
lassen. Ahlw. möchte T. 104 hinter V. 66 und T. 105 hinter V. 46 
unterbringen, wenn diese Verse echt wären. Doch sind sie weder 
an den genannten Stellen, noch sonst irgendwo in der Mu'allaqa am 
Platze. Die Verschiedenheit der Überlieferung am Ende des Ge- 
dichtes legt die Vermutung nahe, daß die Verse T. 101 — 105 nebst 
A. i • i spätere Zusätze sind. Ob der Schluß des Gedichtes über- 
haupt vollständig ist, läßt sich nicht entscheiden. In der Gestalt, 
in der es uns vorliegt, bildet wohl V. 100 den Schlußvers. — Ich 
ordne die Verse folgendermaßen: 1. (Lücke.) [2.] 3 — 11. [12.] 13 — 
30. 38. 31—37. 42. 43. 39—41. 44. 46. 47. 45. 48—92. 101. 93—100. 
[(101.) 102 — 105]. 1 — In Anbetracht des radikalen Eingriffes, mit 
dem Ahlwardt die Versfolge der letzten zwei Drittel des Gedichtes 
total verändert, könnte obige Anordnung vielleicht allzu konservativ 
und allzu gewagt erscheinen. Aber ich ging von der Ansicht aus, 
daß man dort, wo mehrere, oft sogar in der Lesung verschiedene 
Rezensionen bezüglich der Versfolge übereinstimmen , nicht ohne 
zwingende Gründe Umstellungen vornehmen darf. Ich finde, daß 
man allzusehr zum Schematisieren neigt und darum mit Unrecht 
meint, jedes arabische Gedicht müsse genau nach einem bestimmten 
Schema verfaßt sein. Dann müßten z. B. alle Verse, welche das 
Selbstlob des Dichters enthalten, unbedingt in einem bestimmten 



1 Die eingeklammerten Verse halte ich für unecht. 




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Die Mu'allaqa des Takafa. 



Teile des Gedichtes beisammen stehen. Aber gerade unsere Mu'al- 
laqa bietet den besten Beweis dafür, daß die arabischen Dichter in 
einem und demselben Gedicht öfters auf einen schon früher aus- 
gesprochenen Gedanken zurückkommen, daß man also nicht gewalt- 
sam ähnliche Teile eines Gedichtes, die nicht beieinander stehen, 
durchaus aneinanderreihen darf. Auch schroffe, unvermittelte Über- 
gänge, wie man sie nur zu rasch zwischen einzelnen Versen zu 
konstatieren beliebt, kommen in unserem Gedichte in Wirklichkeit 
nur selten vor, u. zw. am Anfang und am Schluß desselben. 

Die Begründung meiner Versordnung gibt folgende Inhalts- 
angabe: V. 1 — 10 Nasib. — V. 11 verscheucht der Dichter das 
Bild seiner Geliebten, indem er auf einer mit allen denkbaren Vor- 
zügen ausgestatteten Kamelin die Wüste durchquert. V. 11 — 39 Kamel- 
beschreibung. V. 38, der noch von der Lippe handelt, gehört hinter 
V. 30. — V. 39 (,Auf solch einem Tiere usw.') bildet den deut- 
lichen Abschluß der Kamelbeschreibung. Vor ihm sind aber die 
VV. 42 u. 43 einzuschalten. Der Zusammenhang ist folgender: die 
Kamelin fürchtet die Peitsche (V. 37). Und wenn ich sie mit dem 
Riemen antreibe, so läuft sie schnell und unermüdlich, selbst noch 
während der Mittagszeit (V. 42). Auch dann ermattet sie nicht, 
sondern stolziert hurtig einher (V. 43). — V. 39 : Gefahren des 
Wüstenrittes. — Hier nimmt Ahlw. mit Unrecht eine Lücke an. 
Denn die in V. 39 angedeuteten Gefahren sind es, die dem Ge- 
fährten Angst einjagen, so daß er sich (V. 40) schon verloren wähnt. 
So ängstlich ist aber nur dieser, während der Dichter (V. 41) vor 
keinem wie immer gearteten Wagnis, vor keiner Gefahr zurück- 
schrickt. — Man darf also wohl V. 41 auf seinem Platze belassen, 
ohne dem Zusammenhang Gewalt anzutun. — Bisher sprach der 
Dichter von seinen Durchquerungen der Wüste. Daran schließt 
sich nun passend V. 44 : Und wenn er dann (am Ende eines solchen 
Rittes) wieder sein Zelt aufschlägt, so tut er dies nicht etwa an ent- 
legenen Stellen, um so den Gästen zu entgehen. Er ist (V. 46) 
im Gegenteil stets zur Erfüllung der Gastpflicht bereit. — V. 46 
bildet die Fortsetzung von V. 44 b . Und nun nimmt V. 47 den 



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332 Bernhard Geiger. 

V. 44 a wieder auf: Er haust nicht in unzugänglichen Gegenden. 
Ihn findet man (V. 47) vielmehr entweder bei den Ratsversamm- 
lungen seines Stammes, bei denen er eine hervorragende Rolle 
spielt, oder auch (V. 45) in den Weinschenken, wo es hoch hergeht. 
Da ist er (V. 48 — 51) mit Zechgenossen beisammen, unterhält sich 
mit schönen, durchaus nicht spröde tuenden Sängerinnen und ver- 
trinkt sein ganzes Vermögen. Darüber ist (V. 52) seine Sippe un- 
gehalten und verstößt ihn, obwohl ihn doch sonst Arm und Reich 
ehrt und achtet (V. 53). Aber (V. 54) was für einen Grund habe 
man denn überhaupt, ihn wegen seines fröhlichen und ungebundenen 
Lebens zu tadeln, zumal man nicht ewig lebt? Des Dichters Lebens- 
zweck (V. 55 — 62) ist: Genießen. — Und nun muß man durchaus 
nicht mit Ahlwardt V. 63 versetzen. Der Dichter hat (VV. 61 u. 62) 
erklärt, er wolle sein Leben genießen, so lange es Zeit sei. Und 
nun begründet er diese seine Lebensauffassung in V. 63: Ist doch 
das Ende aller Menschen, das des Reichen ebenso wie das des 
Armen, gleich: aller harrt das mit totem Gestein (V. 64) bedeckte 
Grab. Der Tod kennt eben (V. 65) keinen Unterschied, er rafft 
selbst den Besten hinweg. Alles fällt ausnahmslos der alles ver- 
nichtenden Zeit zum Opfer (V. 66). Entrinnen kannst du diesem 
Geschick nie und nimmer (V. 67). Hier nimmt V. 68, der nur 
scheinbar einen sprunghaften Übergang bildet, den V. 52 wieder auf. 
.Seine Verwandten haben ihn (V. 52), weil er das Leben von seiner 
heiteren Seite nimmt, verlassen, obwohl doch — wie der Dichter 
(V. 54 — 67) länger ausführt — bei der kurzen Dauer des Lebens 
das Genießen desselben in vollen Zügen das Vernünftigste ist. Und 
so zürnt ihm (V. 68 — 70) auch sein Vetter Mälik, ohne daß er ihm 
je etwas Böses getan hätte (V. 71). Der Dichter war im Gegenteil 
stets bemüht, die Bande der Verwandtschaft enger zu knüpfen, in- 
dem er seinem Vetter stets treu zur Seite stand und für ihn und 
für seine Ehre eintrat (V. 72—74). — Und nun kann V. 75 auf 
seinem Platze belassen werden. Er nimmt nämlich V. 71 wieder auf: 
Und er zürnt mir, ohne daß ich etwas Unerhörtes getan hätte, 
während doch in Wahrheit die Behandlung, die er mir zuteil werden 



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Die Mu'atxaqa des Tarafa. 



333 



läßt, unerhört ist. Wäre also — fährt der Dichter in V. 76 fort — 
mein Vetter ein gerechter Mann (und wollte er bedenken, was ich 
für ihn getan und daß ich nichts Schlechtes angestiftet habe), so 
würde er gegen mich Nachsicht üben. Aber mein Vetter fährt (V.77) 
trotz meiner Bitten fort, mich schimpflich zu behandeln, sodaß mir 
nur gänzliche Lossagung von ihm übrig bleibt; denn nichts (V. 78) 
schmerzt so sehr, wie Unrecht seitens eines nahen Verwandten. — 
Nun wendet sich der Dichter an den Vetter selbst: Ich werde eben 
nie mein Wesen verleugnen, nie von meiner Lebensauffassung lassen 
(V. 79), werde dir aber auch, wie weit ich auch entfernt sein möge, 
wegen deiner Ungerechtigkeiten nicht grollen. (Aber du darfst nicht 
glauben, daß ich ausschließlich auf dich angewiesen, ohne dich und 
von dir getrennt aber hilflos bin). Es gibt (VV. 80 u. 81) noch 
andere Mächte, mit deren Hilfe ich reich und berühmt werden 
kann. Vor allem aber vertraue ich (V. 82 — 86) auf mich selbst: bin 
ich doch ein Mann, der, wie kein zweiter, sein Schwert trefflich zu 
handhaben versteht. Und mit diesem meinen Schwerte habe ich 
(V.87 — 92) so manchem Kamel die Flechsen durchschnitten und so 
für meine Gäste ein großes Gelage veranstaltet, sie reich bewirtet. 
(Ich bin ja kein Knauser:) Wie oft schon (V. 101) nahm ich an 
dem teuren Meisir-Spiel teil! — Auf Grund dieser Vorzüge glaubt 
dann der Dichter (V. 93) den Anspruch darauf erheben zu können, 
daß sein Ruhm auch nach seinem Tode fortlebe. Und darum legt 
er es seiner nächsten Verwandten, der Tochter Ma'bads, ans Herz, 
ihn in der Totenklage nicht wie jeden gewöhnlichen Sterblichen zu 
schildern, sondern der in den Versen 94 — 100 genannten Vorzüge 
und Heldentaten Erwähnung zu tun. — Die noch folgenden Verse 
reihe ich aus den oben dargelegten Gründen nicht ein. — Demnach 
erweisen sich so tiefgreifende Versversetzungen, wie sie z. B. Ahl- 
wardt versucht hat, durchaus nicht als notwendig. — Die Mu'allaqa 
ist wohl im Stile aller anderen beschreibenden Gedichte gehalten, 
unterscheidet sich aber von ihnen dadurch, daß sonst so beliebte 
Vergleiche mit dem Wildesel, eine kurze Jagdschilderung u. A. fehlen. 
Der Wildstier wird nur gelegentlich erwähnt. Die Kamelbeschreibung 




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334 



Bernhard Geiger. 



ist wohl die ausführlichste, die je ein arabischer Dichter verfaßt hat, 
aber gewiß auch eine der besten. Wer dieselbe einmal gründlich 
analysiert hat, wird seinen Horror vor ihr verlieren und sowohl in 
bezug auf die Präzision des Ausdrucks als auch auf die treffliche 
Wahl der Vergleiche so manche Schönheit in dieser anscheinend so 
trockenen Beschreibung finden. 

Was sich sonst zur Beurteilung unseres Dichters noch sagen 
ließe, deckt sich fast mit der Wertschätzung der altarabischen Dichter 
überhaupt. Aber wenn auch diese dieselben Themen zum Gegen- 
stand ihrer Dichtung gemacht haben, so geht doch durch die Mu'al- 
laqa Tarafas ein viel frischerer Zug. Zwar haben auch jene — 
wenigstens in ihren Gedichten — der Liebe, dem Weibe und dem 
Weine gehuldigt, aber bei Tarafa kommt das Verlangen zu ge- 
nießen, zu leben, viel kräftiger und wahrer zum Ausdruck. In 
dieser Hinsicht gleicht er Imrulqais, mit dem er auch sonst noch 
manches Gemeinsame hat, unterscheidet sich aber — wie durch 
viele Beispiele belegt werden könnte — von Labid dadurch, daß 
dieser zwar über die Vergänglichkeit dieses erbärmlichen Lebens 
jammert, aber nicht mit Tarafa auch die Konsequenzen zieht. 

Uber den Versuch, Tarafa als Christen hinzustellen, braucht 
man nicht erst viele Worte zu verlieren. Das bestbezeugte seiner 
Gedichte, die Mu'allaqa, gewährt auch nicht einen einzigen Anhalts- 
punkt für diese Annahme, schließt sie vielmehr vollständig aus. 
Und so gewaltsam dieser Bekehrungsversuch ist, so unnütz ist die, 
manche kühne und unrichtige Behauptung enthaltende Beweisführung 
Sel.'s, daß Tarafa weder Atheist, noch Jude(!), Christ oder Parse 
gewesen sei. Der Geist, den unser Gedicht atmet, ist ein unverfälscht 
heidnischer. 




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Die Mu'allaqa des T arafa « 



335 



Übersetzung. 

1. =. I. Von 9aula sind die Wohnungsspuren im schim- 
mernden Boden von Tahmad, die hervortreten, wie auf der 
Hand der Tätowierung Spur. 

iäjl übersetzt Nöldeke (Härit Mo. 2) durch ,scheckig', da es 
von einigen Erklärern als ,aus schwarzen und weißen Steinen be- 
stehender Boden' definiert wird. (So Jäq. s. £*jr?; Ibn Qutaiba [de 
Goeje] 379, 16: J=^j fj^*? S^f**? öizäna i, 410: fj^p^- Cj\> 
AiUi*). Doch scheint die der Wurzel inhärierende Bedeutung 
,blitzartig glänzen' dieses in so vielen Eigennamen vorkommenden 
Wortes allmählich abgeblaßt zu sein, sodaß es nur noch einen un 
detinierbaren Farbenton, ein schwärzlich schimmerndes Grau, 
nicht aber einen bedeutenden Farbenkontrast bezeichnet. So heißt 
es Lab, xm, 5 von den Spuren: c^r^. ^ schimmern' (sc. nicht 
deutlich erkennbar); Qutämi 4, 16 vom Wtistenboden: o*^* 
,mit schimmernden Flächen'. — Dasselbe gilt von welches 
(wie in unserem Verse) das undeutliche Schimmern kaum noch er- 
kennbarer Wohnungsspuren bezeichnet. So Tar. (Ahlw.) 12,1: 
J>)i>; Dur-Rumma (ed. Smend) 8: J^M ^ J}^ ; ibid. 110 vom 
schimmernden Kieselstein: 5^ £b ; Zuh. 18, 3: (Wohnungs- 
spuren) ; ebenso Ma'n b. Aus 1, 3 : ^^sül ^*^J\ ^ • • • 

Ahnlich wird ^ vom Dämmerlicht, vom Morgengrauen ge- 
braucht, so IJam. 794, 5 und Abu Nowäs (Ahlwardt, Chalef, p. 416, 
Gedicht 3, Vers 6). Von der Schrift Mutalammis (ed. Völlers) ii, 2. 
Sonst auch ,strahlen', ,leuchten': von den Sternen: Aus b. Hagar 
i, 4; Hud. 94, 6; vom Monde: Hud. 79, 2; von der vom Blitz er- 
hellten Wolke : Hud. 99, 7 ; vom Tageslicht: Härit Mo. 8. — Unter 
<^Sl> ist nicht, wie T. anzunehmen scheint, der unmittelbar nach der 
Prozedur des Tätowierens in den punktierten Stellen der Haut zurück- 
gebliebene Farbstoff, sondern die noch vorhandene Spur der bereits ver- 
wischten Zeichnung zu verstehen. So werden bekanntlich die Wohnungs- 



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336 Bernhard Geiger. 

spuren gerade mit verwitterten und fast unkenntlichen Schriftzeichen 
verglichen (vgl. Lab. Mo. 2). — Die Kommentare führen als Variante 
des zweiten Halbverses an: sX«Jl ^\ (^J* V ^ S H^; so liest 

auch IJizäna i, 410 und iv, 402. — Jäq. n, 850 folgt auf die zwei 
ersten Verse unseres Gedichtes ein Vers, dessen zweite Hälfte mit 
der eben angeführten Variante unseres Verses identisch ist, während 
die erste Hälfte in der Mu'allaqa überhaupt nicht vorkommt. 2 Dies 
beweist neben der sonst übereinstimmenden Überlieferung der Les- 
art c>L> etc., daß diese der Variante vorzuziehen ist. 

3. =. p. Während hier meine Genossen ihre Reittiere 
an meiner Seite anhalten, sprechen sie: ,Richte dich doch 
vor Kummer nicht zugrunde und sei standhaft!' 

^xliu bedeutet zunächst ,hart sein', dann in übertragener Be- 
deutung: ,weicheren Gefühlen unzugänglich, standhaft, ausdauernd 
sein'. Vgl. V. 101 unserer Muallaqa: eigentlich ,verhärtet, er- 

starrt', dann ,hartherzig, geizig': Lab. xxxn, 8: 1j> » V» ^* (,seid nicht 
hart' i. e.) ,geizet nicht' (sc. ihr Augen); al-'A'öä (zitiert im Kom- 
mentar zu l?am. 12, Z. 8 u.): kU** <j* ,mit Gaben geizend'; 
Harn. 372, 1 : vom Auge, das nicht weint: ,erstarrt'. Vgl. ferner 
den Ausdruck: jl^iJl ('Urwa 6, 5 und IJam. 367, l) ver- 
schneiten = erfrorenen, erstarrten Herzens' = ,geizig'. 

3. =. t". (Es war), wie wenn die Sänften der Malekitin 
am frühen Morgen große (Segel-) Schiffe wären in den 
Wasserläufen von Dad, 

<^a. hat auch die Bedeutung: ,Melkkaraelin, der man das 
Junge entzogen und anstatt desselben ein fremdes untergeschoben 
hat', da sie in diesem Falle, ohne das Junge zu säugen, die Milch 
zurückbehält, die nun dem Besitzer der Kamelin ganz zufällt (Hud. 
ßl, 3 u. 96, 9). Daher rührt wohl die in den Kommentaren ent- 

1 Seligsohn (Anmerkung zu diesem Vers) zitiert fälschlich 4o. 

2 Vgl. diesen Vers Tarafa (Ahlw.), Appendix 5, 1. 



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Die Mu'allaqa des Tarafa. 337 

haltene Erklärung des es werde nur ein von einem 

Boote begleitetes Schiff so genannt. Wenn Reiske (in seiner Aus- 
gabe der Mo c all.) und nach ihm Vüllers <Q*» dementsprechend 
durch ,navis oneraria' übersetzt und seine Ableitung von 
,Melkkamelin' damit begründet, daß das Lastschiff seine Ladung 
ebenso behalte, ohne daß sie in das Boot geschafft werde, wie die 
Kamelin ihre Milch dem fremden Jungen vorenthält, so klingt dies 
ungemein gekünstelt. Sprenger (Die alte Geographie Arabiens, 
p. 113: unter SS) denkt an in der Bedeutung ,Bienenstock, 

Bienenkorb' und übersetzt: ,Den Bienenkörben (d. h. über das Deck 
aus Palmblättern erbauten Hütten) der Schiffe auf den Kanälen von 
Dad gleichen die Frauensänften'. Die ,Bienenkörbe der Schiffe' 
erscheinen mir denn doch zu weit hergeholt. <Q** ist wahrschein- 
lich im Gegensatz zu kleinen Fahrzeugen (Ruderbooten, Flößen) 
ein großes, vom Wind getriebenes (C^** ,frei, ledig') Segelschiff. 
So erklärt es auch Tag x, 119: <^ß\ J,* . ■ . ilJu2J\ i^aftj 

£\U t*j^4 er? r^^y e * ne Erklärung, die al-'Azhari der des 

V 

'Abü-'Ubaida vorzieht, während al-Gauhari sie für die einzig rich- 
tige hält. Als großes, gegen den Sturm ankämpfendes Segelschiff 
erscheint auch in dem Vers von al-'A'ää, Lisän xvm, 285 und 

R. Geyer, Zwei Gedichte von al~*A c sä, p. 144: 

^iio b^U* sind also ,die großen (sich frei bewegenden) unter den 
Schiffen'. 

4. =. f. von Adulis' oder Ibn Jämins Schiffen, mit 
denen der Schiffer bald laviert, bald geradeaus fährt. 

Seligsohn spricht in seinem Kommentar zu diesem Verse noch 
immer von einer Stadt 'Adaulä in Bahrain, obwohl er aus S. Fraenkel, 
Aram. Fremdwörter, p. 214 und Praetorius, ZDMG y xlvii, 396 hätte 
ersehen können, daß dieser Ortsname mit Adulis = "ASouXtc (heute 
Dölä; vgl. Reinisch, 'Afarspr. m, 80, Nr. 27) zu identifizieren ist. 
Vgl. auch Jacob, Studien in arab. Dichtern, i, 29 u. n, 86. — Über 
Ibn Jämin : Jacob, Stud. n, 86. 



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338 



Bernhard Geiger. 



5. =. d . Des Wassers Wogenschaum durchschneidet 
mit ihnen ihr Kiel ; wie der Fi'älspieler das Erdhäufchen 
,mit der Hand zerteilt. 

Abel gibt im Anschluß an den Kommentar des Z. 
durch ,große Menge' wieder, was hier nicht am Platze ist, da v>^* 
,Schaumbläschen des Wassers' bedeutet oder nach Ibn Doraid, Isti- 
qäq 24: ^das Sich-brechen der kleinen Wogen', 

also die in beständiger Bewegung befindliche, auf- und abwogende 
Wasserfläche, ,the ripple or broken surface of water' (Lane). 
steht in der Bedeutung ,Schaumblase' (des Wassers) z. B. Imrlq. 
52, 26 (*UJl v^*^"; mit deren allmählichem Aufsteigen zur Oberfläche 
des Wassers der Dichter sein vorsichtiges Herannahen an die Ge- 
liebte zur Nachtzeit vergleicht) und Hud. 92, 49 (von den Wasser- 
bläschen, welche die trinkenden Wildesel durch ihr Hineinschnauben 
in das Wasser kreisen machen) ; von den im Weine aufsteigenden 
Bläschen Mutalammis vm, 3, wie auch im Persischen (5äfiz, 
Diw., ed. Rosenzweig, Bd. 3, 471). hat dieselbe Bedeutung 

Aus b. IJagar 23, 38; von den Bläschen im Speichel der Geliebten 
Tar. 5, 20. Ich sehe darum kein Hindernis, «w-*^* (kollektivisch) 
als ,Schaumbläschen, Schaum, Gischt' zu fassen. In derselben Be- 
deutung steht es auch in dem Lisän i, 286 zitierten Vers : 

wo offenbar das langsame Erheben des schweren Gesäßes mit dem 
langsamen Aufsteigen der Schaumbläschen verglichen ist. Das Gleiche 
gilt wohl für den ebendort zitierten Halbvers: 

JU. Ju ^ *Ut c-A^ 

In dem a.a.O. angeführten Vers des Garir: bUitll S^Ls-^pl 
dagegen scheint v^*- eher ,Wellenlinien' oder ,die sich hebenden 
Wogen' zu bezeichnen. — Wie hier (eigentlich ,Brust') den 

Bug des Schiffes bezeichnet, so wird dieser Hud. 238, 3 (eigent- 
lieh , schwieliger Brustteil des Kameles') genannt (L$A&* *UJl 3^)- 
— Ein ähnlicher Vergleich mit dem Ffäl -Spiel in einem Verse von 



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Die Mu'allaqa des Tarafa. 339 

at-Tiriminäb bei IbnQutaiba (de Goeje)92,13: ,Es durchqueren (J^.) 
ihre Vorderbeine am frühen Morgen die Mitten der Höhen': 
wJ^Jl dS^i^\ <j£«£o J^*4^ ; wie man das Häufchen teilt, dessen Mitte 
die Hand durchdringt'. Und ebenso in dem ebendort unmittelbar 
vorher angeführten Verse des Labid (Diw. xvn, 26): 

,Es durchqueren die Fluren der Dahnä -Wüste seine (des Wildstieres) 
Vorderbeine, wie der Hazardspieler „Häufchen" spielt'. 

6. =. «f. Und im Stamme erschien sie wie eine dunkel- 
gestreifte, erwachsene Gazelle, die die reifen Aräk-Früchte 
schüttelt, die zwei Schnüre aneinanderreiht, 1 aus Perlen 
und Smaragd, 

^53^1 übersetzt Abel (getreu nach Z.) falsch ,mit dunkel- 
braunen Lippen'. ist ein häufiges Beiwort der Gazelle (so 
Aus b. Hag. 37, 1; Vers im Kitäb al-Wubüs 9, 35: o?^5 
Näb. 7, 9 : • . - * . . . £) und bedeutet Runkel- 
farbig, dunkelgestreift'. Vgl. Brehm, Säugethiere, über die Farbe 
der Gazelle: ,Vorherrschcnde Färbung ist ein sandfarbiges Gelb, 
welches aber gegen den Rücken hin und auf den Läufen in ein mehr 
oder weniger dunkles Rothbraun übergeht. Ein noch dunklerer 
Streifen verläuft längs der beiden Leibesseiten und trennt die blendend 
weiß gefärbte untere Seite von der dunklen oberen/ Es sind dem- 
nach überhaupt alle dunkelfarbigen Stellen und Streifen des Gazellen- 
körpers gemeint und nicht bloß ,die Schwärze der Augenwinkel' 
(so T.), auch nicht ein schwarzer und ein weißer Streifen (A. bei 
Sel.). Doch werden einzelne dunkle Körperstellen bisweilen be- 
sonders hervorgehoben, so Imrlq. 31, 6: ^\ J^* ,eine dunkel- 
farbige (schwarze) Wange ' ; der Gazellenbock Lab. xm, IG : 
c ^>JäJ\ ? mit rötlichbraunen Wangen 4 ; und neben hellfarbigen 2 (^ N >) 



1 Sc. auf ihrem Halse. 

2 Vgl. Doughty i, 395: ,here (?c. in der Harra) they are m*arly of tlie co- 
lour of basalt — gazelles are white iii the sand plains/ 

Wiener Zeitschr. f. d. Kunde d. Morgenl. XIX. Bd. 23 



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340 Bernhard Geiger. 

Tieren werden auch ,an den Schenkeln gefleckte' (dU-i^i) und 
, schwarze' genannt. — wird auch von Pflanzen ge- 

braucht, die nach einem befruchtenden Regen aus der Erde schießen, 
und bedeutet dann ,sattgrün, dunkelgrün, ins Schwärzliche schim- 
mernd*. So Zuh. 15,14: iiiU^i $L , dessen von Wasserläufen durch- 
querte Täler dunkelgrün sind'; Imrlq. 63, 10: ^jLo ^ ^dessen 
Pflanzen grün sind*. — Sonst auch yj,y^ ■ * • J-j^» Harn. 383, 8 
von einem Helden, der sein schwarzes Haar herabwallen läßt; von 
den Lippen, die dunkelgefärbt sind infolge der Tätowierung: Dur- 
Rumma 19: K^yikZ* ; von der Nacht: JL*Z3\ ,mit 

schwarzem Gewölke' Abu Nowäs, Jagdged. 14, 1 (vgl. Ahlw., Chalef 
p. 204). — bedeutet : ein Ding (Kleid und ähnliches) auf ein 
anderes legen, übereinander anziehen. Vgl. IJam. 127, 6: ^^J»! 
SUBJl J*Ux> alii ,auf dem Kette auf Kette gelegt ist'. T. führt 
im Kommentar zu diesem Vers die Redensart cj^]i crzt j*^* ,zwei 
Panzer (einen über den andern) anlegen' an und einen Vers 
des 'Alqama, in dem es heißt: CJ^lj*? ytX&U ,mit einem 

doppelten Eisenpanzer bekleidet'. — Über Aräk (Salvadoris Per- 
sica) und ihre Früchte vgl. Jacob , Stud. in arab. D., i, 29 und 
Geyer, Zwei Gedichte etc. 52. — Sel. zieht un< i J^^. zu- 

sammen und übersetzt ,en äge d'atteindre les fruits', was der 
Dichter weder gesagt, noch gemeint hat. das ausgewachsene 

Gazellenjunge, das der mütterlichen Pflege und Bewachung nicht 
mehr bedarf und sich nun frei umhertummelt. Vgl. Lab. Mo. 7, wo 
die Wildkühe (^ä)\) bei ihren noch nicht entwöhnten Jungen liegen, 
während die erwachsenen Lämmer sich munter umhertummeln. 
Vgl. D. H. Müller, Kitdb al-Fark, p. 32 (Zurückführung von 
auf ein Verbum des Laufens) und den Kämil 420, 16 zitierten Vers, 
zu dem al-Mubarrad bemerkt: o?*-^> 

7. =. y. eine (bei ihrem Jungen) Zurückgebliebene, 
die aufbaumreicher Trift mit einem Antilopenrudel weidet, 
die nach den Spitzen der (reifenden) Aräk-Frucht hascht 
und sich (hiebei gleichsam) in einen Mantel hüllt. 



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Die Mü'allaqa des Tarafa. 341 

Abels Ubersetzung von , Gazelle, die ihr Junges ver- 

loren hat' (im Anschluß an Z.) ist natürlich falsch. Beide sind 
offenbar zu dieser Interpretation durch den falschen Schluß gelangt: 
die Gazelle weidet (wie der Vers besagt) mit einem Antilopenrudel 
zusammen, hat also ihr Junges verlassen. Aber erstens ist in der 
arabischen Poesie nie davon die Rede, daß Gazellen freiwillig ihre 
Jungen verlassen/ wogegen die Schilderung eines klagenden Mutter- 
tieres nicht selten ist, dem die wilden Tiere das Junge entrissen 
haben, weil jenes sich mit diesem zu weit von der Herde entfernt 
hat (vgl. Lab. xn, 27 u. xliv, 5). Zweitens kann hier natürlich auch 
nicht eine gewaltsam des Jungen beraubte Gazelle gemeint sein, da 
eine solche sich nicht zu einem Vergleiche mit einer sanften Schönen 
eignen und sich nicht friedlich an den Aräk-Früchten gütlich tun 
würde. — of*y erklärt A. durch die Gazelle späht von 

Zeit zu Zeit nach dem Rudel aus, um nicht zu weit hinter dem- 
selben zurückzubleiben. Ahnlich B. : VWr' W-fs*i 

kXs. cUaIäj. Die anderen Kommentare deuten es als ^zusammen- 
weiden mit*. Ich ziehe diese Erklärung vor, da sonst nur 

,liebevoll oder sorgsam betrachten oder bewachen' bedeutet, was 
sich auf ein Junges (vgl. Del. 108, 13) anwenden ließe, aber wohl 
schwerlich auf vir?> Die Gazelle weidet mit dem Rudel auf einer 
Trift, ist aber hinter diesem mit ihrem Jungen zurückgeblieben. Zu 
^jAj* ,zusammenweiden mit' vgl. Lab. xix, 9; Näb. (Der.) 6, 17. In 

1 So faßt es Zauzani: IaS^ CU^j v>i und ebenso falsch auch der 

Kommentator von Lab. xiii, 7, der O^i^*» obwohl noch (also ,mit 

ihren Kälbern zurückgebliebene Wildkühe') dabeisteht, erklärt: L^^\^o CU^aj" 
\jb>%\ sJ>Sj>'y Zu J 5 wXä* vgl. auch noch Kit. al-Wuh. 32, 476 (Vers von at-Tirim- 
ma\h: L^JJ^äJ es (sc. das Kälbchen) ließ sie (die Gazellenmutter) (hinter der Herde) 
zurückbleiben. Alqama 1,11: ^ * * ' ü^r*** ' e ^ De Gazelle, die ein 

Junges besitzt, weidet . . besonders deutlich Zuh. 9, 5: • • • • • • 

li>LS> {J^y '\>JL)\ £j* »einer Gazellenmutter, einer (hinter der Herde) zurück- 
gebliebenen von den Gazellen, die liebevoll (fürsorglich) ein ausgewachsenes (Kälb- 
chen) anblickt (bewacht) 4 . 

23* 



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342 Bernhard Geiger. 

der zweiten Bedeutung steht es Nöldeke, Delectus, 108,13: 
iJU^A. JSj> f-^y ^während sie das Junge liebevoll anblickt' (auch: 
? sorgsam bewacht'); Zuh. 9 ; 5: *Ukl\ ^ *^}^-- 

8. =. \. Und sie (5aula) entblößte lächelnd (ein Ge- 
biß) mit dunkelbraunem Zahnfleisch, als wäre es eine 
blühende Kamille, die mitten in den reinen Sand ge- 
drungen, und der ein taubenetztes Häufchen (Sandes) an- 
gehört. 

Off 

wird bald auf die Lippen (Z., B., al-'Agma'i nach Täg x, 
332) bezogen, bald auf das Zahnfleisch (A., T. : j£> ^u^o^ ^\ 
OLSi3\ Q Lis. und Tag s. ^5^). Abel gibt es durch 

,schwarzlippig c wieder, während Sel. es unübersetzt läßt. j 
& macht es zweifellos, daß (Gebiß) zu ergänzen ist, 1 somit an 
dieser Stelle nicht die Lippen gemeint sein können. Überdies weist 
der Vergleich der Zähne mit der Kamille deutlich darauf hin, daß 
es sich um das Zahnfleisch handelt : die blanken Zähne stechen von 
dem mit Itmid (Antimon) gefärbten Zahnfleisch (vgl. den nächsten 
Vers) so ab, wie die Kamille von dem dunkelfarbigen Sand- 
haufen. Dem oft erwähnten frischen, kalten und moschusduften- 
den Speichel, der die Zähne der Schönen umgibt, entspricht die 
im Sande enthaltene Feuchtigkeit, die die Wurzel der Kamille 
tränkt. So in einem Vers von al-'A'öä (Nöld., Beiträge, p. 14): 

^Lp\ 'p5\> l*\ * ^ sJjfe U^s ^ ; Und ihr Mund gleicht Kamillen, 

die dauernder Regen genährt hat' ; Näb. 7, 21 : ^ ijJu^ . . . ^l^iü&li 
,. . . deren Wurzel feucht ist'; Qutämi 22,6: * XStj»sf ^ji UbUj £js 
*y£Ä\ Ia^U ? wie wenn ihre Zähne die Spitzen einer Ka- 

1 Vgl. Tar. 5, 18: jjipl ^ßs * U \>\ jlsu . . . 

,sie zeigt, wenn sie lächelt, (durch Lücken) getrennte Zähne, die den Kamillen 
des Sandes gleichen'; Imrlq. 19, 12: j^sL i—J$j& ^> & jpiiu (wo offenbar jiü = 
Gebiß zu ergänzen) ,die lächelnd (= wenn sie lächelt) ein von vielem Speichel 
getränktes, eiskaltes Gebiß entblößt'; Imrlq. 52, 35: istj^l ( ^**Jo^ 
.sie läßt lächelnd (ein Gebiß) sehen, süß von Geschmack'. 



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Die Mu'allaqa des Tarapa. 343 

mille wären, auf die das Naß des Regens sich ergoß'. Ausführ- 
liches über diesen Vergleich bei Geyer, Zwei Gedichte etc., Exk. v. 
— Weiße, blank polierte Zähne sind ein Vorzug ; häßlichen Weibern 
werden schmutziggelbe Zähne vorgeworfen. Solche Weiber heißen 
(Hud. 207, 5). — steht Dur-Rumma (Mäbälu) 19 wohl eben- 

falls vom Zahnfleisch. 

9. =. 4. Getränkt 1 hat es (sc. das Gebiß) der Sonne 
Glanz, doch nicht sein (sc. des Gebisses) Zahnfleisch (tränkte 
er), Itmid wurde eingestreut, 2 ohne daß sie auf diesen biß. 

Die Kommentare des T., B. und Z. suchen der Schwierigkeit, 

— £ 

die das Maskulinum <^i^\ bietet, auf mehr oder weniger will- 
kürliche Weise zu entgehen. Alle Schwierigkeiten sind " behoben, 

wenn man die Grundbedeutung ,mit der Nadel stechen, punktieren' 

— & 

(vgl. Lab. Mo. 9) beibehält und unpersönlich faßt: Es wurde 

punktiert (ergänze etwa = <^*) mit Itmid, ohne daß sie 

(während dieser Prozedur) darauf biß. — ^>5o £l hat zu zwei 
unsinnigen Interpretationen Anlaß gegeben. Die arabischen Kom- 
mentatoren (denen Sel. sklavisch folgt) meinen, die Schöne zer- 
beiße nichts mit den Zähnen, was (wie z. B. Knochen) auf ihnen 
Spuren zurücklassen und ihren Glanz (bei Sel. im Kommentar 
in tj&\ zu korrigieren) vermindern könnte. Wenn diese schnurrige 
Erklärung richtig wäre, wären die arabischen Schönen bemüßigt 
gewesen, nur mehr flüssige Nahrung zu sich zu nehmen ! Dieser 
übertriebenen Vorsicht bedurfte es jedoch nicht, da auch ihnen das 

ff r ✓ 

Putzen der Zähne nicht unbekannt war (vgl. Imrlq. 34, 4: <*i$-*2ö 
^y&3j^ m — Von den Lippen, in die die Frauen nicht beißen 
durften, wollten sie nicht ihre Zähne dadurch schwarz machen (so 
Jacob, Globus, Bd. 64, p. 354 b.), ist hier nicht die Rede, und eine 
neuere Erklärung Jacobs {Beduinenleben, p. 49): , Allerdings mußten 
sie sich damals hüten, auf das Zahnfleisch zu beißen, da sonst 

1 Sinn: Blendende Weiße verlieh ihm . . . 

2 Sc. in das Zahnfleisch. 



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344 Bernhard Geiger. 

die Zähne schwarz wurden' ist deshalb unmöglich, weil es auch für 
die arabische Schöne vergebliche Mühe gewesen wäre, sich ins 
Zahnfleisch zu beißen (!). ist natürlich auf J^>\ zu beziehen : 

Das Zahnfleisch wird mit Itmid eingerieben und während dies 
geschieht, vermeidet es die Schöne sorgfältig, ihre Zähne mit dem 
in den Mund eingeführten Farbstoff in Berührung zu bringen. 
Übrigens ist der Vers Lis. xvm, 67 anonym nach al-Kisä'i mit der 
Variante JU^i , dessen Farbe nicht verblaßt ist' zitiert 

10. =. Und ein Antlitz (hatte sie), als hätte die 
Sonne ihren Mantel darüber gebreitet, von reiner Farbe 
und nicht gerunzelt. 

Von den zwei Lesarten A^ij und <^$3 ist die erste natür- 
lich die bessere, von ^ ^r^i abhängig zu machen, ist 
mindestens unnötig. — Der Vergleich des Lichtes und auch 
der Finsternis mit einer Hülle, einem Gewände, in das man 
sich kleidet, ist häufig: vgl. Lab. Mo. 53: \^>\jZA\ 2S>j\ s!j\xL\^ 
,und es hüllen sich ihre Hügel die Mäntel des Sonnen- 
glastes um'; Harn. 794, 5: k )*j\j*Z}\ <^*r° ^* J-*^ i ,schon zer- 
rissen die Hüllen [und wichen] von der Nacht'; Mufa<J<J. xxxiv, 
28: cJ*j*i ,sie ziehen als Panzer die Nacht an'; Chalef 67: 
U5 4-^3\ lIj^ J»;^ J-i^- > un( l schon war die Erde mit dem Ge- 
wand der Finsternis bedeckt'; Dur-Rumma (Mä bälu) 72: ?)&}\ jJ* 
<£d^-& ^*i*rLiJ\ ^die Finsternis raffte ihr Kleid über dem Wild- 
stier zusammen'; Qutämi 15,33: v^~r^ u^s-** ^J*^ > s * e ( sc - ^ e 
Finsternis) durchschneidet das Hemd (die Hülle) der Nacht'. Dazu 
vgl. die bekannte Stelle Psal. 104, 2: rfljf?»5 TiK HtDP ,der das Licht 
sich umhüllt wie ein Gewand'. — Zu >S^sJ6 vgl. Ma'n b. Aus xi, 1 1 : 
jLS v^-^aJ* und Qut. 8, 8: <*4äJ dJ^> ^zusammen- 
schrumpfen'). 

11. ==. |f. Doch sieh, ich mache die Sorge schwinden, 
wenn sie sich einstellt, mit einer gekrümmten, schnell- 
paßlaufenden (Kamelin), die des Abends und auch am 
Morgen (noch) dahineilt, 



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Die Mu'allaqa des Tarafa. 345 

Gamhara hat anstatt : '^4*, das mit Rücksicht auf die 

Bedeutung der Wurzel (,sich übereilen, leichtsinnig sein') und wegen 
der Anwendung auf den Wind (,a wind that blows violently') 
besser durch ,hastig, flüchtig' wiedergegeben werden dürfte, als 
durch die ebenfalls angegebene und von Sel. akzeptierte Verlegen- 
heitsbedeutung ,groß und stark' (,au long corps'). — erklärt 
Sel. (Noten zu diesem Vers) völlig falsch als ,une chamelle aux 
jambes recourbees, dont la course est trfes rapide'. Wohl steht 
auch als Epitheton der Schenkel, wird aber nur von Pferdeschenkeln 
gebraucht, wie überhaupt eine mäßige Krümmung der Beine (vJ^äj ; 
vgl. das gleichbedeutende v^ä^ unseres V. 58) nur als Vorzug der 
Pferde gerühmt wird. Vgl. übrigens auch Lane: J-^. Ist also 
die Beziehung von '^5* auf die Beine der Kamelin ausgeschlossen, 
so kann mit dem Worte nur eine Eigenschaft des Gesamtbaues ge- 
meint sein, und zwar ist es die Krümmung des Rückens und der 
Seiten, welche durch das Hervortreten der Rippen verstärkt wird 
und immer dann eintritt, wenn das Tier durch lange Strapazen ab- 
gehetzt und abgemagert ist. So erklärt auch B. treffend: 
vivi^uT^ jr^^ <^^>*^1 wxi* i ^Ü\ f während Z., A. und T. es un- 
genau durch ,mager' wiedergeben. — Vgl. Ma'n b. Aus 11, 1 : 
J-^ä Harn. 744, 2 steht von einer säugenden Frau in 

ähnlicher Bedeutung. 

12. =. |(\ einer zuverlässigen, gleich den Brettern der 
Bahre, die ich antrieb auf einem mit Spuren gezeichneten 
(Wege) — als wäre er eines gestreiften Stoffes obere Seite, 

Uber Totenbestattung vgl. Wellhausen, Reste arab. Heiden- 
thums, p. 178 ff., zu o^i un( l &y*S>, durch das jenes erklärt wird, 
Jacob, Stud. 11, p. 86, ferner Geyer, Zwei Gedichte etc. p. 136. 
Die Anwendung des Wortes scheint tatsächlich darauf hin- 

zudeuten, daß Särge gemeint sind, wie sie bei den Christen in Ge- 
brauch waren, zumal eigentlich gar nicht , Bahre', sondern 
, Kasten, Schrein' bedeutet, in der Bibel aber die Bundeslade, also 
ebenfalls einen geschlossenen Kasten bezeichnet. Die Beduinen 



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346 



Bernhard Geiger. 



aber bestatteten ihre Toten nicht in Särgen, sondern trugen sie auf 
, buckligen' (gewölbten) Bahren zum Begräbnisplatze. Vgl. Bänat 
Su c äd (ed. Güidi) 37 : , Jeder Sohn eines Weibes wird, mag sein 
Wohl auch von Dauer sein, doch eines Tages auf einer gewölbten 
Bahre (hinaus-) getragen' ( J>Jp.« *UXi. p\ ^Js) ; Harn. 202, 3 : 6j 
iLli *U>a. dS\ <P ,wenn ich sie nicht bringe auf eine 

gewölbte Totenbahre mit gekrümmtem Rücken'. Der Vater hoffte 
(Harn. 470,5), sein Sohn würde dereinst an seiner Seite stehen und, 
wenn die Bahre [zum Begräbnisplatz] sich in Bewegung 

setzte, ihn auf seine Schulter laden. Doch nun will es das Schick- 
sal, daß der überlebende Vater die Bahre seines Sohnes trage; 
ferner IJam. 377, 2 : ,Und jeder Mann läßt sich eines Tages wider 
Willen auf der Bahre auf den Schultern von Freund und 

Feind [zu Grabe] tragen'; Qutämi 11,3: ,wenn seine Bahre sich 
dahin bewegt (<LxJä \>\) ... auf den Schultern getragen'. Die 
Totenbahre mag einer Sänfte ähnlich gewesen sein; so steht 
Näb. 8, 4 in der Bedeutung ,Krankensänfte', in der der König ge- 
tragen wird. — Durch den Vergleich mit den Brettern eines 
Schreines soll die Festigkeit des Baues der Kamelin bezeichnet 
werden. Sel/s Ubersetzung von o^* > ses pas sont sürs 

comme les planches qui soutiennent le brancard' ist nichts anderes 
als die Wiedergabe einer mißverstandenen beiläufigen Bemerkung 
seines Kommentators. Wie kann man nur Schritte mit Brettern 
vergleichen! — Die Grundbedeutung von ist nicht ,glätten', 

sondern , schlagen, treten, eindrücken, einschneiden', so IJam. 335, 2 
v-^xU in der Bedeutung von Q&U c^f-vi, nach T. (Kommentar 
zur Stelle) = JJ3^o ,viel getreten' ; ^^üJ\ v-^iJ = ^1 gki" 
(Ibn as-Sikkit, p. 846), auch das Fleisch vom Knochen lösen; 
(vom Wege) nach Lisän = k1j$s?3Jo, also ,ein oft getretener' (&>*>). 
Und mag auch eine Folge des häufigen Tretens und Stampfens auf 
den Boden die Glätte desselben sein, so kommt diese doch in dem 
Worte keineswegs zum Ausdruck; ist vielmehr ein Boden, 

in den durch häufiges Betreten deutliche Spuren eingegraben, einge- 
zeichnet wurden. Vgl/Alq. 2, 19 : *J • ■ • \^iJiJ\ ^&$\ ^Uxi 



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Die Mu*allaqa des Tarafa. 347 

(durch s-V** ^ ? m it Eindrücken, Spuren versehen' erklärt und ver- 
stärkt) ; Imrlq. (ed. Slane) rv ; \ r : v-^^ ^Jjt ; den auffallend ähn- 
liehen Vers lmrlq. (Ahlw.) 10, 13 (vgl. Einleitung, p. 328); Näb. 20, 7 : 
<^U-^ jÄnli * ^ £4^5^ ,Und manche schnelle 

Kamelin ließ ich laufen auf der Fläche eines mit Spuren gezeichneten 
Weges, der einem (sc. gestreiften) jemenischen Gewände glich'; 
mit c Alq. 2, 19 ist wohl identisch Ibn Doreid, I§t. 201: ^>^a 
«4*^3 o^lr*^- — Auf Grund des Ausgeführten ist die Über- 
setzung Abichts zu Hud. 93, 35 (^^ ^0 > au f einem breiten Wege' 
unrichtig. 

[lt". einer hengstähnlichen, mit starken Backenknochen, 
die rennt als wäre sie eine Straußin, die an der Seite des 
dünnbefiederten, gesprenkelten (Straußes) um die Wette 
läuft.] 

Weder die Übersetzung Abels : ,indem sie sich einem schwach- 
behaarten (Strauß) entgegenstellt', noch die Sel/s: ,une autruche se 
preeipitant vers le male' ergeben einen guten Sinn. ^$^4, das Z. 
durch Jp^-^i erklärt, bedeutet wohl: sich an jemandes Seite stellen, 
um sich mit ihm (im Laufen etc.) zu messen. Ich fasse es also 
in der Bedeutung, die besonders der in. Form dieses Verbums 
eigen ist. Vgl. Lane und den folgenden Vers. In unserem Vers 
handelt es sich zweifellos um einen Wettlauf, den Strauß und 
Straußin auszuführen scheinen, während sie nebeneinander laufen. 
— Vgl. al-^A'Sä (Kitäb al-Wuhuä, 21, 275): Jo'Sl ^\ ^ A^. 

13. ==. ti*. Sie läuft mit edlen, schnellen Kamelinnen 
um die Wette und läßt folgen Fuß auf Fuß 1 auf viel- 
getretenem Pfade. 

Die Epitheta des Bodens S^J^c und JJi^> lassen ihn als etwas 
Lebendes erscheinen, das fühlt und leidet. ^ä^J\ in diesem Sinne 
auch Lab. xn, 19. Das Gleiche gilt für j^** a l s Beiwort des aus- 
sätzigen Kameles, das mit Pech bestrichen wird. Vgl. V. 52. 

1 Eigentlich ,Schienbein auf Schienbein 4 . 



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348 



Bernhard Geiger. 



14. =. |a. Sie weilte zur Frühlingszeit in Al-Quffän 
mit trächtigen (Karaelinnen), die da beweideten die Triften 
eines üppigen (Tales), dessen beste Stellen der Spätregen 
getränkt hat. 

J^&Jl sind zunächst nicht milchlose, sondern eigentlich den 
Schwanz hebende, d. i. trächtige Kamelinnen. Sie sind besonders 
wertvoll (Tar 5, 42). — wird zumeist als der auf den ersten 

Regen (im Herbst), folgende Regen erklärt und dies mit 

Recht Die Konfusion, die bei uns in der Übersetzung der Regen- 
namen herrscht und über die auch Jacob, Beduinenleben, p. 4, 
Anra. 4 klagt, scheint bei dadurch entstanden zu sein, daß man 
die Erklärung ^3 = (so al-'A'lam) mißverstanden und 

durch unaufhörliche, andauernde, wiederholte Regengüsse' (so Sel. 
,des pluies successives') wiedergegeben hat. In Wirklichkeit besagt 
jL^c *>äS ^ki nichts mehr, als daß auf eine Regenperiode noch ein 
Regen folgt. Aus Imrlq. 68, 2: ^J$\ V ( ; es strömt ihnen der 
Spätregen reichlich zu') scheint sich zu ergeben, daß es sich um 
einen Frühlingsregen handelt, da von den auf der Frühlingsweide 
befindlichen Kamelen und Ziegen die Rede ist. Hud. 99, 33 

als sehr fruchtbarer, vegetationsreicher Boden, dem die Kamele zu- 
eilen; Mutalammis 17,6: ^-ib ,in den besten (fruchtbarsten) 
Teilen eines vom Spätregen getränkten Bodens*. Die wohltätigen 
Folgen des Regens werden oft geschildert, so Lab. vm, 32 ff. (üppiger 
Pflanzenwuchs, Farbenpracht der Pflanzen); f^^i (Lab. xv, 33) 
,die frischen Kräuter seines vom ersten (sc. vom Herbst-) Regen 
getränkten Bodens', die nun der Wildesel im Frühling abweidet 
(f*y) ; die Pflanzen sind infolge des Csy* i sattgrün (>*•) : Imrlq. 
63, 10; Näb. 21, 26 wird ein <^*-^ j auf das Grab herabgewünscht. 
— i r ^\ sind nicht nur die tiefgelegenen Stellen eines Tales, sondern 
gleichzeitig die fruchtbarsten, ,auserlesensten' Teile desselben. Es 
bezeichnet eigentlich das tief im Innern Verborgene, den Kern, das 
Wertvollste eines Dinges. Vgl. die schon zitierte Stelle Mutalammis 
17,6: ferner Lab. xiv, 24: a^'j *jlr* J >die besten unter 

den Basilienkräutern' ; Man b. Aus i, 16: (von Personen): ,die 



rw"*nl*> Original from 

,kJXJ ö lS - CORNELL UNIVERSITY 



Die Mu'allaqa des Tarafa. 349 

Edelsten, Besten'. — ,zart, üppig, jugendfrisch': so Qutämi 

(vom Zechgenossen); Hud. 99, 30: tbr^ >die zarten (biegsamen) 

Zweige der Rizinusstaude'. 

15. =. |*f. Sie wendet sich auf den Schrei des häb! 
häb! rufenden (Treibers) um und schützt sich mit buschigem 
Schweif gegen die schreckenden (Begehrlichkeiten) 1 eines 
braunen (Hengstes) mit klebrigem Schwanzhaar, 

Vgl. Imrlq. 30, 8 : kJ**** cfjk* ,(^ e Schönen), die sich auf 
den Klang meiner Stimme umwenden' ; Lab. Fragm. vi, 3: iJ Iii* 
gä^. ,ein Herz, das nicht Umkehr macht, sich nicht umstimmen 
läßt'. — Ji^Jo 2 derjenige, der v^jIa ruft, sowie Imrlq. 16, 2 

o^Ol derjenige ist, der ^j*** ruft, um die Kamele beim Melken 
zum Stillstehen zu bringen. Vgl. Euting, Tagebuch einer Reise in 
Inner arabien, p. 54, wo derartige an das Kamel gerichtete Rufe 
aufgezählt sind, und Nolde, Reise in Innerarabien etc. p. 129 (von 
den Kamelen): ,. . . durchaus nicht störrisch, vielmehr freundlich und 
auf den Ruf herankommend . . .'. — Vgl. Jh**** v > Bänat Su äd 24 
(der mit einem Haarbüschel versehene Schwanz der Kamelin) ; 
IJani. 496, 1: J^*. ^ (vom Pferde); Lab. xxxix, 54: J-^^? c^f^^t 
J^*- ,es (sc. das Pferd) schützt sich vor mir durch einen mit 
Haarbüscheln versehenen Hals'. — (so auch 'Asma'ijjät 24, 14) 

heißt nichts anderes als: ein Kamel, welches (dadurch, daß es in 
seiner Brunst mit dem Schwänze seine Hüften schlägt und so das 



1 Da sie trächtig ist, will sie den brünstigen Hengst nicht zulassen. 

2 Sel. übersetzt ^s^So richtig, bezieht es jedoch (wie seine Anmerkung 
zeigt) fälschlich auf den Kamelhengst. Dieser ruft doch (,de celui qui 1'appelle 4 ) 
die Stute nicht, sondern dringt brünstig auf sie ein. Zeigt aber die Anmerkung, 
daß Sel. k^^U falsch bezogen hat, so enthält andererseits seine Erklärung des 
Wortes (in der Anmerkung): celui qui fait peur, epithete du chameau 

mäle 4 , eine Unrichtigkeit, insofern als iv. Form zu der Interjektion < Aa 

ist, und einen Widerspruch, indem y^*^* nicht das eine Mal ,rufen*, dann wieder 
,Furcht einjagen 4 bedeuten kann; denn der vermutliche Gedankengang Sel.'s: ,der 
Hengst ruft(!) die Stute und flößt ihr so Angst ein* ist unzulässig. Auch A. be- 
zieht s^s^^U (in der Bedeutung Ub^Jo) fälschlich auf den Kamelhengst. 



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350 Bernhard Geiger. 

Schwanzhaar mit Kot und Urin in Verbindung bringt) das Schwanz- 
haar zusammenkleben macht. Vgl. andere Ableitungen dieser Wur- 
zel : XXJ , wirre , struppige Mähne des Löwen', eigentlich ,zusam- 
menklebendes (Haar)': Hud. 28, 7 (dazu der Kommentar: jJ&> 
Je*t L5^* ^^4); s ° auch Zuh. Mo. 38; Imrlq. Mo. (Lyall) 55: 
,Satteldecke', eigentlich ,hair or wool commingled and compacted 
together, or coherent' (Lane) ; Filz; Hud. 3, 3: i^\j: ein mit 
zusammenklebendem, struppigem, verworrenem Haar bedeckter Kopf ; 
Öanfara, Lämijja 63 (de Sacy, Chrest. arabe, Bd. n): ^IJ ? fest zu- 
sammenklebende Haare' (die sich nicht kämmen lassen), deren sich 

c f 

der Dichter rühmt. Wellhausen, Hud. 151, 7 übersetzt also vX^U 
ungenau durch ,brünstig'. Auch die gewöhnliche Erklärung der 
arabischen Gelehrten: ,bewirkend, daß der Kot an der Kruppe 
kleben bleibt' ist unrichtig, ebenso Jacob, Stud. n, 105 , exkrement- 
behaftet'. 

16. =. fy wie wenn die Fittige eines langbeschwing- 
ten (Geiers), die dessen Seiten schützend umgeben, mit 
einer Ahle festeingefügt wären im Schwanzbein. 

Es erscheint mir widersinnig, wenn die arabischen Kommen- 
tatoren und mit ihnen Sel. ^lia. als die beiden Seiten des 
Schwanzes deuten und so dem Dichter den abgeschmackten Ver- 
gleich der Geierschwingen mit den (natürlich zu beiden Seiten des 
Schwanzes befindlichen !) Haaren, dem buschigen Schweifende, im- 
putieren. ^JiUÄ. sind die Seiten eines Körpers, hier natürlich die 
des Geiers. Der überaus naheliegende Sinn des Verses ist : die 
Kamelstute schlägt mit ihrem Schwänze nach beiden Seiten um sich, 
als ob im Schwanzbein anstatt des Schwanzes die Fittige eines 
Geiers befestigt wären. Die abwehrende Bewegung des Schwanzes 
nach beiden Seiten wird mit dem Schlag der zu beiden Seiten des 
Geiers befindlichen Flügel verglichen. — Zu ^yJ^^c vgl. Hud. 117, 5: 
<*^Ä.^xiJl j}+vJJ\. Die übliche Ubersetzung von ^^-^-o durch ,der 
weiße oder rötlichweiße Geier 4 gibt wohl nicht die primäre Be- 
deutung dieses Wortes wieder, dürfte vielmehr nur eine ungenaue 



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Die Mu'allaqa des T a »afa. 351 

Umschreibung und Erklärung sein. Mit Rücksicht auf die häufigere, 
auch in etlichen Ableitungen enthaltene Grundbedeutung der Wurzel 
,sich entfernen, weit, ausgedehnt sein' (auch ,hinwegstoßen, mit den 
Füßen ausschlagen') möchte ich für J^-*** e * wa die Bedeutung 
,(mit den Flügeln) weit ausschlagend, langbeschwingt' in Anspruch 
nehmen. 

17. — . |a. Und bald (schlägt sie) damit hinter den 
Kruppenreiter, bald auch auf ein zusammengeschrumpftes, 
dem alten Schlauche gleichendes, dürres, milchberaubtes 
(Euter). 

Der Vergleichspunkt ist gewiß nicht, wie Jacob, Stud. n, 87 
zunächst annahm, ,der Ton, welchen der gegen das Euter ge- 
peitschte Schweif hervorruft', und auch nicht allein das Fehlen der 
Milch im Euter und Schlauch, sondern, wie die Epitheta deutlich 
genug zeigen, das Fehlen der Milch und das dadurch verursachte 
runzelige Aussehen. Der Dichter schildert jetzt nicht mehr seine 
von der Reise müdegehetzte Kamelin, er sieht sie jetzt vielmehr in 
trächtigem Zustande 1 auf der Weide im Überfluß mitten unter 
anderen trächtigen Kamelinnen. Trächtige Kamelinnen besitzen nur 
wenig Milch und sträuben sich gegen das Melken. Daher hier vom 
Euter >^° y ein Wort, welches zeigt, daß es — ebenso wie *y<** — 
nicht immer das Euter bezeichnet, welches abgeschnitten wird, da- 
mit das Tier an Kraft zunehme (wie die arabischen Erklärer, so 
z. B. der zu 'Urwa 3, 9, bemerken und wie es Aus b. Hag. 12, 7: 
^ULü\ SJL\ 'ilcjtcL l-sJa* ,eine magere, euterberaubte, stark wirbelige' 
der Fall ist). 2 'Antara Mo. 22 ist (wie auch T. zur Stelle be- 

merkt: ^ *S*^k£U l$Jl 4: keine Kauterisation des 

Euters, sondern Bezeichnung vollständiger Trockenheit desselben) 

1 W. 15 und 17 beweisen deutlich, daß es sich um eine trächtige Kamelin 
handelt, und daher der Mangel an Milch. Gleichwohl bemerkt Sel. zu dieser 
Stelle: ,Le manque de lait est un indice de rapidit^ pour une chamelle.* 

* Vgl. HucJ. 4, 7 : ,mit der unversehrten (= nicht verschnittenen) Kamelin 
kann (an Milchertrag) die nur dreizitzige nicht wetteifern.* Nach dem Kommentar 
wird zu dem oben angegebenen Zweck der Kamelstute eine Zitze abgeschnitten. 



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352 



Bernhard Geiger. 



nicht wörtlich zu nehmen, sodaß übersetzt werden muß: ,Ihr wurde 
durch einen Fluch ein milchberaubtes Euter beschert, das wie ab- 
geschnitten ist/ — Vgl. den Vers im Schol. zu c Urwa 1, 5: ,0 ihr, 
deren Mutterbrust (^5^) uns gegenüber (wie) abgeschnitten ist' 
Hud. 116, 8: >^S^ ,milchberaubt'. 

18. =. H. Sie hat zwei Oberschenkel, auf denen das 
massige Fleisch vollkommen gestaltet ist, als wären sie 
zwei Türpfosten einer hoch streb enden, unbe zwinglich hohen 
(Burg), 

Zu dem von Sel. angeführten Variantenverzeichnis zu diesem 
Verse füge ich noch hinzu, daß T. >J^ liest, ebenso auch (im 
Text und Kommentar) die Oxforder Handschrift des A. Ahlw. 
liest >SJ^c. >j^\ wird von T. als J>k-^ und (nach anderen) als 
^y^J^ y also ,hochaufgeführt f , bzw. , geglättet' erklärt. Letzteres 
auch Z. und B. Sel. führt zwar in seinen ,Additions et Correc- 
tions', p. 169 die Lesart einer anderen Handschrift an, schreibt 
aber in seinem Text und Kommentar ^iU-w>, das A. durch l3j*£*-*J\ 
>* J^f^ U4^ erklärt. Da nun >S^> nie die Bedeutung ,ge- 
glättet' haben kann, hat Sel. seine Handschrift nicht richtig gelesen; 
demnach hat auch die auf al-'Asma'i zurückgehende Rezension des 
al -'A'lam Ich ziehe diese Lesart vor, weil sie zur Bezeich- 

nung der Höhendimension besser paßt als >S^c. Daß ge- 
glättet' (vom Schloß) bedeuten kann, bezweifle ich, da die ver- 
wandten Formen nur zur Bezeichnung der Bartlosigkeit (und Jugend) 
gebraucht werden. 1 >yJ* steht hier also als Verstärkung von 

1 So Vj£\ Hud. 176, 2: j >^o ,Bartlose (= Junge) und Grauhaarige'; 

genau so Näb. 2, 8: v-^i ^ Auch in der Korän-Stelle Süre 27, 44: 

TijV* Cr? >j-^° scneint die Erklärung von durch ^JLU> »geglättet 4 

durch den Zusatz £yo (,aus Glas', ,Glastafeln<) entstanden zu sein. Auch 

hier ziehe ich die Übersetzung ,eine ganz aus Glas hoch aufgeführte Burg* vor. 
Übrigens scheint mir der Vergleich der Kamelin mit einer Burg in bezug auf die 
Glätte unmöglich. 



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Die Mu'allaqa des Tarafa. 353 

Wie >j~i* zu der Bedeutung ,hochaufgeführt' kommt, scheint mir 
klar zu sein. Die Wurzel -na bedeutet im Hebräischen, Arabischen, 
Äthiopischen und Syrischen , widerspenstig, trotzig sein', speziell im 
Syrischen , Widerstand leisten, unzugänglich , hoch sein'. So be- 
sonders von Burgen. Vgl. R. Payne Smith, Thesaurus Syr. p. 2216 ff. : 
\s ,-»^o <*£j» ,altus'; ,spec. usurpatur de locis arduis et inacces- 
sis': von hochragenden Felsen (Vala^); Bergen (|9o^); \lsn* \L l^^io 
,überragend* ; \ r +r £ > \m* ,arx munita, maccessa'; ]i££> , locus munitus, 
arx'. Zu >}^c vgl. besonders die Pa' f el-Form in l?f2nio ]hxo) ,locus 
munitus 4 . — Dieselbe Bedeutung liegt vor in \>j^> \^Ja3 (in einem 
im Kommentar des T. zitierten Vers). Denkt man schließlich noch 
an unsere ,trotzige' Burg, so ist es klar, daß >J~i* eigentlich ,die 
unbezwinglich gemachte' (weil hochragende) Burg bedeutet. Dazu 
stimmt auch der Gebrauch von (vgl. syr. = arab. cü}* 

, Castrum munitissimum Mesopotamiae in vertice montis positum') 
als Name eines Schlosses Jäqüt 4, 389. Vgl. ebendaselbst das 
Zitat: >li>> UixiU U-$^}* ^3 ?sie sind unzu- 

gänglich für den Angriff : trotzig setzt sich Märid zur Wehr 
und stark erweist sich al-'Ablaq.' Dazu die Bemerkung Jäqüts: 
^XxX-* y..<f JjXJ 0;Uas. — JasvS heißt auch ,das Fleisch vom 
Knochen lösen', so Sanfara 43: Jp^sU* ; vom Fleisch entblößt, ganz 
abgemagert'; übertragen: Imrlq. 35, 13 ,dünn (und scharf)' 

(Lanzenspitze, mit der die Wange verglichen wird). Näb. 5, 8: 
J=»ä3 , kompaktes Fleisch' (der Kamelin) ; Bänat Su'äd 22 : cu»jj> 
^asnJJb ,beworfen (= beladen) mit massigem, festem Fleisch'. 



19. =. p*. Und fester Zusammenschluß von Rücken- 
wirbeln (ist ihr eigen), dessen letzte Rippen den Bögen 
gleichen, und des Halses Innenteile, die mit dichtgereihten 
Knorpeln fest verbunden sind. 

Tag i, 541 zitiert den Vers mit der Variante ^S\yL\^ (,kurze 
Brustrippen*) statt iS^L\^. — Bedenkt man, daß Festigkeit des 
Rückens und der Wirbel, sowie die feste Aneinanderreihung der- 



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354 



Bernhard Geiger. 



selben oft gerühmte Vorzüge des Kameles sind, so kann die Auf- 
fassung unseres Verses nicht zweifelhaft sein. Sel. übersetzt un- 
richtig ,son dos est cambr^, obwohl ihn schon alle Kommentare 
darüber hätten belehren können, daß hier von einer Krümmung des 
Rückens nicht die Rede ist. Außerdem bedeutet ^> vor allem: 
falten, zusammenfalten, fest zusammenschnüren, ,he made a thing 
compact, as though folded'. J^=u» besagt also dasselbe wie Mu- 

p 4 mm 

talammis 9, 3 : SjULiM iLLl^i ,mit dicht aneinandergereihten Wirbeln' 
oder (wie die Kommentare erklären) daß die Wirbel fest geschichtet 
sind, einer ganz nahe an den anderen gereiht (<^a*S ^jJu uJuo^iu 
JaiS £,*). aJIä^ (Jl»i) ist hier nicht (wie z. B. Aus b. Hag. 12, 15; 
Hud. 92, 82) der Rücken selbst, sondern bezeichnet (wie Harn. 743, 6) 
die Rückenwirbel, weil hier der von denselben ausgehenden Rippen 
Erwähnung getan wird. Sonst ist auch die Rolle (Winde) 

am Ziehbrunnen (so Lab. xvi, 15; Imriq. 4, 37; Aus b. H. 23, 28; 
Hud. 92, 19). — Wie die Rückenwirbel, so schließen auch die Hals- 
wirbel fest aneinander. Die feste Verbindung der Halsmuskeln mit 
denselben verleiht dem Halse dieselbe Festigkeit wie jene dem 
Rücken. — Sel. übersetzt J^oii durch das ungenaue ,vigoureux'. 
— sind nicht Rippen überhaupt (so Sel. ,cötes'), sondern die 

letzten, d. i. vordersten Rippen, die kürzer und stärker gekrümmt 
sind. — Das Suffix von bezieht sich natürlich auf <j£i> wo- 

bei J^ui ^J*j (wie auch die Kommentare erklären) &s&> 
gleichkommt. 

20. =. n. (Es ist), als ob zwei Wildlager von Lotus- 
gebüsch sie umgäben und als wäre die Krümmung von 
Bögen unter einem festgefügten Rücken (zu sehen). 

Nach den Kommentaren wird der Raum zwischen den Knie- 
gelenken und der Brust wegen seiner Größe mit weiten Wildlagern 
verglichen. Es ist offenbar das gemeint, was wir als Achselhöhle 
bezeichnen. Daß diese Auffassung berechtigt ist, zeigt Imriq. 19, 34, 
wo die Nüstern des Rosses mit einem Wildlager (^i)> u - zw - dem 
Schlupfwinkel der Hyäne verglichen werden. — Auf die Uber- 



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Die Mu'allaqa des Tarafa. 355 

Setzung der Bemerkung A.'s zu ^5-^^ in Sel.'s Noten hätte man 
gerne verzichtet, zumal die Erklärung des Kommentars richtig, die 
Übersetzung hingegen nicht nur überflüssig, sondern auch falsch ist. 
— Vergleiche mit Bögen sind häufig. Hier sei nur auf Tar. (Sei/.) 
v, 9 verwiesen: ^liscOli , eines knienden Kameles, das dem 

Bogen gleicht'. Sel. übersetzt falsch ,qui plie les genoux comme 
un arc', während A. den Vergleich richtig auf die Gestalt (Sji^aJ) 
bezieht. — Joü] Ilam. 295, 5 von den Lanzenschäften. 

21. =. fT. Sie hat zwei Kniegelenke, die weit ab- 
stehen, wie wenn sie mit den zwei Eimern eines kräftigen 
Wasserträgers ein herginge. 

Zu dem Variantenverzeichnis Sel.'s sei ergänzend bemerkt, 
daß bei Ibn Hiääm (ed. Wüstenfeld) p. 483 unser Vers mit Ji3 
zitiert ist. Dort steht auch £\> statt £\> ,unter der Last gebeugt, 
schleppenden (kurzen) Schrittes einhergehen'. A., B., Kämil 566, 19, 
Ibn Doraid, IStiq. 120 und Ahlw. lesen VJ-yi, T. und Z. dagegen 
J — %-<>. Von diesen zwei Lesarten wähle ich y*5 aus folgenden 
Gründen: Erstens zeigt (,mit weit von der Brust abstehenden 

Kniegelenken'), daß es sich hier nicht um das Festgedrehtsein der 
Gliedmaßen der Kamelin handelt, dem etwa die straffe, durch das 
Tragen schwerer Eimer bewirkte Spannung der Arme des Wasser- 
trägers entsprechen würde. Vielmehr ist der Sinn : die Kniegelenke 
sind so weit von der Brust entfernt, daß man sie mit Eimern ver- 
gleichen kann, die der Wasserträger beim Tragen von seinen Seiten 
fernhält und wegstemmt. Zweitens kann meines Erachtens 
(,sie sind festgedreht, gespannt') wohl von Gliedmaßen (vgl. unseren 
V. 24 : IäIjJ Oj*?) gebraucht werden, nicht aber von Kniegelenken. 
Drittens scheint hier durch in V. 24 beeinflußt zu sein. 

Auch in der allgemeineren Bedeutung ,gefestigt, stark sein' gäbe 
keinen passenden Sinn. — Sel., der wie sonst keinen Versuch 
macht, die Lesarten auf ihre Richtigkeit z,: prüfen, scheint diesen 
Vers nicht verstanden zu haben. Er übersetzt: ,Les deux coudes 
sont arques comme s'ils supportaient . . /, d. h. ,die beiden Ellbogen 

Wiener Zeitschr. f. d. Kunde d. Morgcnl. XIX. Bd. 24 



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356 



Bernhard Geiger. 



sind gekrümmt (!), wie wenn sie ... trügen'. Fürs erste können 
wohl die Arme, nicht aber Ellbogen gekrümmt werden; zweitens 
bedeuten die erklärenden Worte bei A. (W^* 0^*54 O^^?^) 
nicht ,gekrümmt', sondern ,weggeneigt, weggewendet, abstehend' ; 
drittens bedeutet nicht ,sie tragen'. — Zu o^** un( l obigen 

et 

Ausführungen vgl. Imrlq. 45, 6 : ,mit weit abstehenden Ell- 

bogen'; ebenso Näb. 5, 29: Bän. Su'äd 22: W^jr? 

J^^i-i OU.S ^ihr Kniegelenk ist von den Brustrippen (weit) 

weggewendet (weggedreht)'; Harn. 562, 3: IJam. 357, 4 

und Hud. 95, 8: cr^>^ ^U», ebenso Man b. Aus iv, 10. Al-'A'sä 
Mo. (ed. Lyall) 35 : J-ä > an ihren Knien ist eine Beugung 

(sc. von der Brust weg)'; Harn. 554, 1 : v_a!ä. ^jr?i ,und ihr 
Knie, an dem eine Beugung ist (von der Brust weg)'. — J> von 
den Wassereimer schleppenden Kamelen Nöld., Beitr. p. 80: 

• * • o>=?^; Hud. 140, 2: £\> (pl. ,langsam, schleppenden 
Schrittes einhergehend'. — Auch in der vorhin zitierten Stelle Nöl- 
deke, Beiträge p. 80 ist von weit abstehenden Eimern (^3^-o) 
die Rede. 

22. =. Der hochgewölbten Burg des Romäers ist 
sie gleich, deren Besitzer geschworen: sie werde rings mit 
Backsteinen umgeben, bis sie (aus ihnen) hoch aufgeführt ist. 

Zu j£ki5 vgl. Fraenkel, Die aram. Fremdw. p. 285 und Geyer, 
Zwei Gedichte etc. i, 116 ff., wonach dieses Wort nicht nur ,Brücke', 
sondern auch einen gewölbten Bau bezeichnet. Hier ist entschieden 
von keiner Brücke, sondern von einem hohen Schloß oder dgl. die 
Rede, zumal Kamele mit Vorliebe mit hohen, festen Schlössern ver- 
glichen werden. — Ich kann Barth, Etym. Stud. p. 55, Anm. 1 nicht 
zustimmen, wo für ^jJu $L£J> unseres Verses und für Näb. 7, 16 die 
Bedeutung ,mit Mörtel überzogen' gefordert wird. sind ,Ziegel, 

Backsteine' (vgl. WZKM. xix, 292 f.) und 3l£> scheint, wie die folgen- 
den Beispiele zeigen, von den Dichtern überhaupt nicht im Sinne von 
,überziehen' gebraucht worden zu sein. (Vgl. auch Sure 4,80 u. 22, 40.) 
Darum ist hier in der zweiten, auch von Barth konstatierten 



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Die Mu'allaqa des Tarafa. 357 

Bedeutung ,fundieren, hoch aufführen* zu nehmen, — <yi> von 
£y*JJ&x) abhängig zu machen, aber auch, da ähnliche Verbindungen 
häufig sind, zu ->Lt2o zu ergänzen. Also: dessen Besitzer geschworen: 
,es werde rings mit Backsteinen umgeben, bis es (aus solchen) 
hoch aufgeführt', d. h. ,in seiner ganzen Höhe von Backsteinen um- 
geben ist'. Bei 5£kiS ist die Gestalt, bei die Festigkeit 

des Gefüges, die Solidität, der Vergleichspunkt. Ähnlich übersetzte 
schon Vullers: ,undique illum lateribus esse cingendum, donec ex- 
struetus sit/ Sel. (der übrigens durch das hier ganz unmög- 

liche ,pont' wiedergibt), bietet die durch nichts gerechtfertigte Über- 
setzung ,de Tentourer de briques bien eimentees*. Zur Verbindung 
von >\*& mit Backsteinen vgl. Mutal. 5, 7, wo Völlers die Variante 
aus Lisän vni, 81 anführt: (^^i^i) ^ Hud. 66,10: 

Cj^^ö jLXä ^Jl> ^.^sOt*; Imrlq. Mo. (Lyall) 77: J^f^ 
Vgl. auch Man b. Aus xi, 43 : \S>^zJ> - . . und die bei Barth 

(a. a. 0.) zitierten Stellen Jäq. 4, 888, 17: Ihn Hiääm 

48, 1: \J-ij^> *>\J*. — Von ,romäischen' Burgen ist auch c Alq. 13, 26 
die Rede: ^JJl l^i^s! cJ*\y ,wie in ihren Burgen die Romäer 
kauderwelschen', und 'A'sä (Lis. xiv, 260): Cg?& i'ß^. 

23. — . ff. (Eine Kamelin) mit rötlichem Barthaar, ge- 
festigtem Rücken, die weit den Hinterfuß auswirft und 
den vorderen rasch (hin und her) bewegt. 

,Bart' auch Harn. 820, 3. Durch das zu V. 15 über 
S^Lq und Ausgeführte, wonach SJ£ eigentlich das zusammen- 
klebende, dann das verworrene, struppige Haar bedeutet, gewinnt 
die bei Gesenius, Wörterb. (unter ausgesprochene Annahme an 
Wahrscheinlichkeit, dem Worte o>^* * n der Bedeutung ,der ver- 
filzte Kamelbart' liege die Vorstellung der ineinander wirbelnden 
Rauchsäulen zugrunde. — Eine andere Bedeutung hat 

Dur- 

Rumma (Mä bälu) 120: ,der Beginn (des Blasens des Windes)'; Qutami 
14, 4: ,der erste Regen'; Hud. 131, 7: crt>^* ?die ersten (her- 
einbrechenden) Flutwellen eines Gießbaches'; Hud. 263, 21: ^ errf^* 
jh\ ,der erste Schnee'. — Jy* Lab. m, 13 von der Bewegung der 

* 24* 



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358 Bernhard Geiger. 

Sterne; Hud. 99, 4 ,umh erfliegender (vom Wind aufgewirbelter) 
Staub'; ebenso Aus b. IJ. 12, 8; Dur-Rumma (Mä balu) 9. 

24. =. ?ö. Festgedreht sind ihre Vorderfüße, wie wenn 
man (ein Seil) nach rechts gedreht, und geneigt sind ihre 
Oberschenkel in einem festgeschichteten Dach; 

ist eine besondere Art, den Strick zu drehen, u. zw. die 
von links nach rechts. Diese Art des Drehens scheint dem Strick 
besondere Festigkeit zu verleihen. Vgl. Lisän sub Dieses Wort 
kommt in ähnlicher Bedeutung vor Imrlq. Mo. (Lyall) 35: 0\ j^x^ 
mit dem Zusatz ^y**^ von den Locken der Schönen ,aufwärts 
gedreht, geringelt, gekräuselt'; ferner als zeitliches Stoßen' der 
Antilope mit den Hörnern, so Lab. xvn, 23. Wegen des in der ur- 
sprünglichen Bedeutung enthaltenen Begriffes ,links' hat sich schließ- 
lich die Bedeutung ,von der Seite, scheel, wild anblicken' ent- 
wickelt, so Aus b. 9. 12, 30 (von den Feinden); Hud. 44, 3: ߣ\ 
jjJSJl ; der scheele Blick'; schließlich auch ljj^> ,ein queres (= un- 
angenehmes) Wort' Hud. 195, 1. — y^* Mutal. 6, 5 ,der festgedrehte 
Strick', aber auch vom Körper des Rosses ,fest, gedrungen' Imrlq. 
18, 8, wie ähnlich Dur-Rumma (Mä bälu) 41 (von Eselinnen): 
eigentlich ,festgedreht', dann gedrungenen Körpers', und Rüba 2, 88 : 
Ojj^ (Eselinnen); Ma c n b. Aus iv, 3: ^^4- (Hals 
der Schönen). — Der Sinn von c^SJo v_ä^ä^o ^ ist : die (gegen 
die Unterextremitäten) geneigten Oberschenkel scheinen ein fest- 
geschichtetes (Stein)dach zu tragen. Damit ist auf die Festigkeit 
und Kompaktheit des Rumpfes hingewiesen, in den die Oberschenkel 
einmünden. Sel. übersetzt ganz ungenau ,sous un corps semblable 
a un bloc de pierre tr&s dure'. 

25. =. eine seitwärts sich neigende, dahin- 

schießende, großköpfige; und ferner sind ihr noch auf- 
getürmt zwei Schultern in ragender Höhe. 

Zu ,dahinschießend' (von Jfi> ,Wasser ausgießen') vgl. 

Imrlq. Mo. (Lyall) 57 : , schnell dahinschießendes (Roß)' von ^ 



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Die Mu'allaqa des Tarafa. 359 

, ausgießen, ausschütten' ; in derselben Bedeutung besonders in den 
Formen und (Ja^xS), vgl. z. B. Hud. 92, 37: ^jJ2JI OUijO^ 

/wie hingegossen mit den Vorderteilen' zur Bezeichnung schnellen 
Laufes. Dieselbe Übertragung der Bedeutung liegt bei vJX«aS\ ? aus- 
gegossen werden, sich ergießen' vor, das von jeder raschen Be- 
wegung gebraucht wird, so vom Aufschnellen der Schlange, von 
dem auf die Beute herabschießenden Habicht usw. Ahnlich Tar. 
(Ahlw.) 5, 55: £>*.y£JiSo jjU ^4 ,heranstürmend (heranbrausend) 
in hingegossenem Galopp (plötzlichem Überfall)'; ibid. V. 60 werden die 
Rosse J^l*f t (sing. eigentlich ,reißender Fluß, Gießbach') 

genannt. Hud. 131, 7 wird das Anstürmen der Krieger mit den 
ersten (plötzlich und mit Gewalt) daherbrausenden Fluten eines 
Gießbaches (j4*^ cx^*) verglichen. 

36. =. pv« (Es ist,) als wären die Eindrücke des Sattel- 
gurtes auf ihren Brustrippen Tränkwege aus glattem Stein 
mitten in holprigem Boden, 

Die Erklärungen der arabischen Kommentatoren laufen sämt- 
lich darauf hinaus, daß infolge der ,Härte der Haut' die Spuren der 
Riemen und Stricke auf dem Körper der Kamelin ebenso schwach 
und undeutlich sind, wie die von Wassertümpeln (Wassergruben) 
oder Tränkwegen auf glattem (= hartem) Stein. Da aber der fest- 
geschnürte Sattelgurt ganz gewiß sehr deutliche Abdrücke hinter- 
läßt, 1 erscheint das Argument von der Härte der Haut nicht stich- 
hältig, zumal es ja obendrein der nächste Vers zweifellos macht, 
daß es sich um recht deutlich erkennbare Spuren handelt. Und 



1 Daß die Sattelgurte recht fest geschnürt werden, zeigen folgende Stellen: 
^^xkJLXA S>LicL\ ,sie klagt wegen des Nasenringes und der 

beiden Sattelriemen Windung' (Dur-Rumma [Mä bälu] 33); Mutal. 9,4: jL&£ 
^**^o y L gJLtJ ,und wenn sie mit ihrem Sattelgurt geschnürt wird, gibt sie 
keinen Laut von sich 4 . Vgl. auch Zuhair (Dyroff) 43, 6: L*s*l^) £y****J jS\ und 
Geyer, Zwei Ged., V. 35. 



r\nolf> Original from 

,kJXJ ö lS - CORNELL UNIVERSITY 



360 Bernhard Geiger. 

was soll dann dieser glatte Stein, dessen Härte hier angeblich be- 
sonders hervorgehoben sein soll, in holprigem, ebenfalls hartem 
Boden? Die Antwort A.'s ,zur Erhöhung der Härte' ist nichts- 
sagend. Meines Erachtens weist die Nebeneinanderstellung von 
sULLa* und >>j* darauf hin, daß es sich um einen Gegensatz zwischen 
glattem Stein und dem ihn umgebenden holprigen, unebenen, rauhen 
Boden handelt. Ebenso heben sich nun die Abdrücke eines Gurtes, 
deren Stellen infolge der Pressung glatt geworden sind, von den sie 
umgebenden Teilen ab, die ein wenig erhöht sind und infolge ihrer 
Behaarung und ihres struppigen Aussehens den Eindruck der Un- 
ebenheit und Rauheit hervorrufen. Vgl. Muf. 10, 9: Jp^W* 
gUo^t und Zuhair App. 10, 2: <j#>f U>JJ\ ^* l^XLLi ^ülj (bei Geyer, 
Zwei Gedichte, p. 115 und 117). Dann aber fasse ich als 
zur Tränke führende Wege, die, weil häufig benützt und aus- 
getreten, geglättet sind. Aus den angeführten Gründen muß die 
Übersetzung Sel.'s ,les marques . . . semblent des rigoles qui des- 
cendent d'une röche lisse sur un terrain dur' für falsch erklärt 
werden. S^^> sind eben auch nicht ,rigoles' (, Wasserläufe, Bäche'), 
sondern entweder Tränkwege oder kleine Wasseransammlungen 
(Wassertümpel), bzw. Tränkplätze überhaupt. Die bei Vullers in 
den Annotationes angeführte Erklärung, *UL1ä. entspreche dem Kamel- 
höcker, auf dem der Gurt keine Spuren zurücklasse, und es seien 
die vom Höcker zu den Seiten der Kamelin hinabführenden Spuren 
mit den von einem glatten Felsblock auf den ebenen Bergrücken führen- 
den Wegen zu vergleichen, erfordert nun keine Widerlegung mehr. 
Hier an einen Brunnenrand zu denken, an dem gewisse Stellen durch 
das häufige Hinablassen der Stricke mit den Eimern ausgerieben und 
geglättet wurden (diese Erklärung erwähnt T.), ist mindestens unnötig. 

27. — Pa. die einander begegnen und bald wieder sich 
trennen, als wären sie weiße Flicken in einem zerrissenen 
Hemde. 

Dieser Vers zeigt, daß unter >J>y* in dem vorhergehenden Vers 
nicht vereinzelte Wassertümpel verstanden werden können, sondern 



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Die Mu'allaqa des Tarafa. 



361 



nur irgend etwas, was bald zusammentrifft, bald wieder auseinander- 
geht, also sicherlich Tränkwege. Auch kommt es hier nicht so 
sehr auf die Weiße an, durch die die Zwickel von den alten Teilen 
des Hemdes abstechen, sondern vor allem darauf, daß die hinein- 
geflickten Stücke, bzw. die Nähte derselben, bald ineinander ein- 
münden, bald wieder sich voneinander entfernen. Und zwar handelt 
es sich hier um ein schon stark schadhaftes und recht oft geflicktes 
Hemd, an dem obige Beobachtung gerade am besten gemacht werden 
kann. — Daß sich arabische Recken ihrer zerrissenen Hemden so- 
wie ihres struppigen, ungekämmten Haares rühmen, ist bekannt. 

28. — M- Und ihr Hals ist lang und hebt sich schnell; 
wenn sie ihn emporreckt ? gleicht er der Ruderstange 
eines den Tigris aufwärtsfahrenden Bootes. 

Zu ^SLZ) vgl. Jacob, Stud. i, 31, der es wahrscheinlich ge- 
macht hat, daß es eine lange Bambusstange ist, an deren oberem 
Ende eine Pechkugel sitzt. Diese Deutung ist der Übersetzung 
durch ,Mast* (so Sel.) vorzuziehen, obwohl Vullers, Lexicon pers.- 
lat. ii, 308 i^&S ^\SiS* folgendermaßen erklärt wird: CXc*>^ ^y*- j> 

tX^UäX^o v ^^-ä l^ib^b^ jwl£)b 5.>lX*o\ ^XxbS y& ^ j*> j-i ^ 

yt j\wX-*2 ? zwei aufrechte Stangen, die je an 

einem Ende des Schiffes stehen und an deren Spitzen man die Segel 
anbringt; und darauf beruht die Vorwärtsbewegung des Schiffes'. 
(Also Mastbäume gemeint.) Allerdings könnte auch der Mast für 
den Vergleich genügen, indem dann nur die Höhe, bis zu welcher 
die Kamelin den Hals emporreckt, das Tertium comparationis wäre. 
Da aber öfters durch SS^JZjL erklärt wird, welches , Bambus- 

stange, Ruderstange' bedeutet, 1 dürfte Jacob recht haben. — Als 
Variante für K^*?*rt wird von T. und B. genannt. — Der Hals 

1 So in einem Verse des Garir (Kärail 515, 7): £^LiJ\ jo ^J* ^^j-XaaJl^ 
,und die Ruderstange in des Schififers Hand'; Näb. 5, 46: ^\j^sxJb I^LoXjL« ,der 
sich klammert (seine Zuflucht nimmt zu dem) an das Ruder 4 (wo der Kommentar 
bei Deuenbourg 1, 40 das Wort durch yjj^o , Ruderstange* erklärt). 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



362 



Bernhard Geiger. 



wird öfters mit schlanken Baumstämmen verglichen, so Tar. 5, 62: 
^£JL)\ l^Xfi c^oJ^> ^sich vorstreckende lange Hälse, 

gleich entrindeten Palmstrünken' ; Imrlq. 19, 31: ÄjUUj3 
,ein Hals, gleich der hochstämmigen Edelpalme'. 

39. — . Und einen Schädel (besitzt sie), der einem 
Amboß gleicht, als ob die Schädelnaht 1 an ihm zusammen- 
gewachsen wäre zum Rand einer Feile. 

Streng genommen ist ^3*^° ,das zur Begegnung, Verbindung 
Gebrachte' an dem Schädel und darum müßte eine wortgetreuere 
Übersetzung lauten : ,als ob die sich treffenden (berührenden) [Schädel- 
knochen] zusammengewachsen wären zum Rand einer Feile'. Natür- 
lich ist dies nicht (wie Sel. wieder aus A. übersetzt) ,Findice de la 
solidit^ du cräne', vielmehr hebt der Dichter die vorspringenden 
scharfen Kanten als besonders charakteristische Merkmale der Ge- 
stalt des Schädels hervor. — Nach al-'Asma'i (in A.'s Kommentar) 
wäre Tarafa der einzige Dichter, der den Kopf einer Kamelin mit 
einem Amboß verglichen hat. Denselben Vergleich fand ich Kämil 
515,2: a^UlÜ <-tfVi ,schüttelnd einen Kopf, der einem Amboß 
gleicht'. Vgl. Geyer, Zwei Gedichte etc. 101, Note 1. Dagegen ist 
die Kamelin Lab. i, 4 in ihrer Gänze in bezug auf die Festigkeit 
des Baues mit einem Amboß verglichen ; vgl. auch Hud. 93, 9 : <&?^*° 
^^jpül k'\L*£ ,rötlich, gleich dem Amboß der Schmiede'. 



i- öi 



o u 



CO ^ 
O o 

o E 



30. 32. (32.) H. Und eine Wange, wie des Syrers Papier, 
und eine Lippe, wie des Jemeniters gegerbtes Leder, dessen 
Ausschnitt (aber) nicht enthaart ist, 



(T3 



"F P. 



Es ist nicht leicht, sich für eine der beiden Lesarten jjjsp p *Jüf 
(A., B., auch Ahlw.; Tag und p *M (T., Z.) zu ent- 

scheiden. Doch dürfte wohl die erste Lesart (?Jr=p) die ursprüng- 
liche sein. Diese enthält zwar anscheinend einen Widerspruch, in- 
dem von gegerbtem (also enthaartem) Leder ausgesagt wird, es sei 



u 

«4- ~° 

<L> 

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j-j .— 

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T3 
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— " O 

1 Eigentlich ,die Berührungsstelle (zweier Schädelknochen)*. 

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1 S Digiiized by ^OOglC CORNELL UNIVERSITY 

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Original fronn 



Die Mu'allaqa des Tarafa. 363 

von Haaren nicht entblößt. Aber >y*r* P wird wohl adversativ zu 
fassen sein, sodaß sich der Sinn ergäbe: die Lippe gleicht wohl in 
bezug auf Feinheit und Glätte dem kostbaren, geschätzten jemeni- 
tischen Leder; doch stellt sie einen Lederstreifen vor, der nicht ganz 
enthaart ist. Für diese Interpretation spricht der Umstand, daß die 
Hasenscharte des Kameles von Haaren umsäumt ist. Vgl. Doughty, 
ii, 217: ,We may see the flaggy hare-lips of the camel fenced with 
a border of bristles, bent inwardly/ Diese Haare vertreten die 
Stelle eines Seihers. — Die andere Lesart >j*& p *J3 wäre zu 
übersetzen: , deren Schnitt nicht gekrümmt ist'. Dies würde nach 
Z. bedeuten, daß die Lippe (eigentlich das Leder) gerade ge- 
schnitten ist, nach T. aber ein Hinweis auf die Jugend der Kamelin 
sein, deren Lippen noch nicht gekrümmt, d. h. schlaff, welk, runzlig 
geworden seien, wie bei dem altersschwachen Tiere (i^J\). Diese 
Lesart erscheint mir schon darum minder gut, weil gerade die 
schlaff herabhängende Lippe als Vorzug der Kamele häufig erwähnt 
wird. Vgl. Aus b. IJ. 4, 19 : U^aLa-i ^xa; in einem Vers Lisän xiv, 
216, 12: Jvxi <J^-~ gl-kÜ» Ma c n b. Aus iv, 13: ^x*; Lisän 

(a. a. 0.) : ^ z^i. eXJi^ J^*t s^fl* — An den Vergleich der 
Lippen mit Schuhen (so A. und T. : JLjo i^jli J^?) ist hier 

selbstverständlich nicht zu denken. Anstatt einer sachlichen Analyse 
tischt Sel. die falsche Übersetzung einer teilweise unrichtigen Be- 
merkung A/s auf: ,Les Yemenites, en leur qualite de rois, portaient 
des souliers en beau cuir/ Die Lippe der Kamelin wird doch nicht 
deshalb mit jemenitischem Leder verglichen, weil Könige daraus 
verfertigte Schuhe trugen, sondern darum, weil Jemen durch seine 
Lederfabrikation berühmt war ! — Beim Vergleich der Wange mit 
syrischem Papier ist natürlich nicht die Weiße (so die Kommentare) 
das Tertium comparationis, sondern die Glätte. Vgl. Bänat Su c äd 25 : 
jJ^JLÖ ^JäII ^j, Auch beim Pferde ist die Glätte der Wangen ein 
Vorzug. Vgl. Adab al-Kätib 115, 3: äipi^ iüUllj £JU>§» Ja)1 ^i. 

38. =. fy, hasenschartig, geschlitzt von der Nase an, 
weich, mit zarter Haut; so oft sie mit ihr (sc. der Lippe) 



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364 Bernhard Geiger. 

den Boden schlägt (um ihre Nahrung zu erfassen), versieht 
sie sich reichlich 1 (?). 

Dieser Vers wird Lisän n, 333 anonym mit der Variante Jr$ > 
(statt zitiert, hat hier jedenfalls die Bedeutung von 

,zart, fein*. — Mag auch sonst ,den weichen Teil der 

Nase' bezeichnen (vgl. Dur-Rumma [Mä bälu] 17: von der Geliebten), 
so steht es hier entschieden auf gleicher Stufe mit den anderen 
Beiwörtern der Lippe: ^sj^* un( l <Js?** er? erklärt A. 

treffend durch also: von der Nase an, unterhalb der Nase. 

Es ist demnach gewiß nicht an den durchbohrten Weichteil der 
Nase zu denken (so Lis. a. a. O. und Jacob, Stud. u, 89), durch 
den der Nasenring gezogen wird. Die Verbindung = 

o^^° ( so Z.) ist sprachlich unmöglich. — Ich gestehe, daß der 
Sinn des zweiten Halbverses mir nicht ganz klar ist. Die Er- 
klärung der Kommentare befriedigt nicht. Sie erklären nämlich 
welches ,mit Steinen bewerfen', ,den Boden mit den Füßen 
stampfen' bedeutet, durch L^-U <^>>\^ Jfj^ Vr 3 ^ ^1 

oSbjt. Zwar hebt und senkt wohl das Kamel, ebenso wie 
das Pferd, bei schnellerer Gangart den Kopf. Da aber unter 
weder der Kopf (so A.), noch auch — dem über oben Aus- 

geführten zufolge — die Nase (so Sel. ; nach Jacob, Stud. n, 89 
o/**) gemeint sein kann, so bliebe nur die Deutung Uyui^ OUjl 
übrig, die jedoch undenkbar ist. Bezieht sich nun nicht auf 
die Nase, so kann auch nicht bedeuten, daß die Kamelin den 

Boden beschnuppert (,lorsqu'elle flaire le sol': Sel.). So erklärt 
nach Arnold, Septem Mo'all. (im Kommentar), p. 13 'Abu Zaid, 
der übrigens ^ auf J-*^? bezieht: l^-tUiOJ Jp c ß\ l^Jl ^\ 

Owxijl cuIä». Aber das Beriechen des Bodens mit der Lippe (!) 
ist nicht gut möglich. Auch scheint mir die außer bei 'Abu Zaid 
sonst nirgends bezeugte Lesart c^>y> (statt >>p) keinen besseren 
Sinn zu ergeben. Daß die Lippe der Kamelin gerade dann ,schäumt', 
wenn sie mit ihr den Boden berührt, ist wenig wahrscheinlich. — 

1 Oder: ,hat sie Überfluß*. 



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Die Mu c allaqa des Tarafa. 



365 



Ich glaube, daß es sich hier um ein wirkliches Aufschlagen der 



in, 147) selbst das beladene Kamel während seines Laufes gern 
auf dem Wege ein sich darbietendes Pflänzchen ab und muß, wenn 
es in schnellerem Gang erhalten werden soll, vom Naschen ab- 
gehalten werden. Auf diese plötzliche, rasche und öfter wiederholte 
Abwärtsbewegung, die Berührung des Bodens mit der Lippe und 
das Erfassen einer Pflanze kann nun die Bezeichnung passend 
angewendet werden. Bei >>p aber liegt es viel näher, das unmittel- 
bar vorhergehende Verbum, also zu ergänzen, als das 
sämtliche Erklärer ergänzen. Da nun >\>}] ,etwas immer wieder tun, 
wiederholen, nach mehr verlangen' bedeutet, ist der Sinn unserer 
Stelle vielleicht: Wenn die Kamelin einmal (während ihres Laufes) 
auf dem Boden Eßbares erblickt und rasch mit den Lippen erfaßt 
hat, so will sie dies immer wieder tun und muß davon abgehalten 
werden, wenn sie ihren Lauf nicht verlangsamen soll. Möglicher- 
weise hat aber >>ß hier die Bedeutung ,in bezug auf etwas zu- 
nehmen, etwas überreichlich haben, Uberfluß haben'. Dann er- 
hielte man den Sinn: Wenn die Kamelin, sei es im Laufe oder 
beim Weiden, die Lippe zum Boden hinabsenkt, um die Nahrung 
zu erfassen, so nimmt sie immer reichlich davon. Dies wäre ein 
Lob auf die Geschicklichkeit, mit der die Lippe Pflanzen u. dgl. 
in reichlicher Menge abrupft. — Die traditionell gewordene Er- 
gänzung von lj.^> bildet wohl den Grund dafür, daß dieser Vers 
den auf die Schnelligkeit bezüglichen W. 36 u. 37 angereiht wurde, 
während er doch nur hinter V. 30 seinen Platz haben kann. 

31. 30. (30.) ("f. Und zwei Augen, den zwei Spiegeln 
gleich, die wohl geborgen sind in den Höhlen zweier Augen- 
knochen eines Felsens, einer stehendes Wasser bergenden 
Felsgrube; 

C ('s 

Bei Sel. ist ^J^fT überhaupt nicht übersetzt. Da Ap- 
position zu ist, muß dieses einen Felsblock bedeuten und 

dürfte wohl nicht gerade das Material bezeichnen, aus dem die 



Lippe auf den Boden handelt. Nun rupft (nach Brehm, Säugethiere, 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



366 



Bernhard Geiger. 



Augenknochen bestehen. So übersetzt Sel. ,deux cavites osseuses', 
während ich es folgendermaßen fassen möchte: die Augen liegen 
tief drinnen in den Höhlen zweier Augenknochen, die einem Fels- 
block anzugehören scheinen, aus dessen Höhlung das an- 
gesammelte Wasser ebenso klar hervorblinkt, wie das sanfte, reine 
Auge der Kamelin. 1 Die Auffassung Sel.'s von >^yo ,dans 
deux cavites osseuses, solides comme la citerne creusee dans la 
röche' (im Anschluß an den arabischen Kommentar) ist falsch. 
Erstens ist hier nicht an eine künstlich angelegte Zisterne zu denken, 
sondern an eine natürlich entstandene, vom Regen ausgehöhlte Fels- 
grube. Zweitens wird man doch wohl nicht die Härte einer mit 
Wasser gefüllten Grube als charakteristisches Merkmal derselben 
hervorheben, zumal dann, wenn es heißt, die Augen scheinen in 
einer Felsgrube zu liegen. — Vgl. Imrlq. 4, 81: cry^3^^ m o*-*-s*35 
ähnlicher Vergleich c Alq. 1, 16: fU^Jl cx^i- 

32. 31. (31.) (T. (Augen), die ausstoßen jeden aug- 
verletzenden Splitter; und du sähest sie wohl für zwei 
(wie) mit Kollyrium bestrichene Augen einer erschreckten 
Kälbermutter an. 

Uber diesen Vers vergleiche die Einleitung, p. 328. Zu <w*ȣ* 
vgl. Imrlq. 4, 68: e^^ 1 * 5^ uA* ,auf ein Rudel, mit schwärz- 

lichen Augenwinkeln'; ibid. 36, 11: J**^ Ui ,als 

hättest du eine Gazelle mit kollyrium-bestrichenen Augenwinkeln 
erschreckt'; Zuh. 3, 15: 

,und zwei Augen („Gucker"), die ihre Stäubchen ausstoßen; (es 
ist), als wären sie zwei mit Itmid geschwärzte Augen'. Kitäb al- 
Wuhüs 32, 476: J***^ (vom Wildkalb). — Ganz unzulässig er- 
scheint mir die Erklärung Jacobs, Stud. n, 88, ,der ausgeschiedene 
Staub, welcher einen schwarzen Rand um das Auge der Dromedarin 

1 Auch v-^öi bedeutet zunächst eine ,Felsgrube, in der sich Wasser an- 
gesammelt hat'; dann auch ,die Augenhöhle'. Die Kamele werden oft yf$>- ,mit 
tiefliegenden Augen' genannt. So z. B. Hud- 21, 7. 



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,kJXJ ö lS - CORNELL UNIVERSITY 



Die Mu'allaqa des Tarafa. 367 

bildet', erinnere ,an das mit Kohl gefärbte Frauenauge, dieses 
wiederum ans Antilopenauge'. Der Vergleich bezieht sich nicht auf 
Ä$ysjj<> } durch das nur das Antilopenauge charakterisiert ist. Und 
auch von einem aus dem ausgeschiedenen Staub gebildeten Ring 
um das Auge der Kamelin kann nicht die Rede sein. Gemeint ist 
offenbar: das Auge der Kamelin wird durch kein Stäubchen ge- 
trübt oder verletzt, sondern gleicht in bezug auf Klarheit, Reinheit, 
Schönheit dem um dieser Eigenschaften willen vielbewunderten 
(nebenbei: schwarzumränderten) Antilopenauge. — Zu c^j**^ 
^jjül vgl. die bei Ahlw., Chalef p. 247 zitierte Stelle: ji** 
LU*\ ^JJUl ^ie drehen zum Ausstoßen der Stäubchen die Augen'. 
Vgl. auch die Ibn Qutaiba (de Goeje) 321, 15 zitierte Redensart: 
^ «Jj-ojjfls ; du hast mein Auge verletzt (sc. durch deine Häßlich- 
keit)'; Imrlq. 14, 2: ^x^\ ^> ,. . . (wie die Nacht) eines 
Menschen, der ein Stäubchen im Auge hat, eines triefäugigen (der 
nicht schlafen kann und dem infolgedessen die Nacht lange währt)'; 
Man b. Aus i, 23 : ^s. Uic ^\ ; so schließe ich das Auge über 
einem Splitter' = ,verzeihe, drücke ein Auge zu'. — Lab. xxvn, 12 
sind (pl. von JljAll): die gewissermaßen ein Stäubchen im 
Auge haben (und infolgedessen nichts sehen), die Bestürzten, Ver- 
wirrten, Feigen. ^$3^ ist nicht nur ein Stäubchen, das ins Auge 
gerät, sondern überhaupt ein Holzpartikelchen oder dgl., das im 
Weine oder Wasser herumschwimmt, so z. B. Bän. Su'äd 5. 

33. =. ^f*. Und zwei Ohren, die zuverlässig sind im 
Hören, wenn sie furchtsam hinhorcht bei nächtlichem Ritt, 
auf verborgenes Geflüster und lauten Schall; 

^5*^- halte ich gegen Jacob, der es Stud. n, 88 als ,flüchtigen 
Ton' bezeichnet, ,der im Entstehen vergeht' auffaßt, als ,verborgenen, 
gedämpften, kaum wahrnehmbaren' Schall. Jacob beruft sich auf 
die Ausführungen Gieses, 'Addäd p. 23 ff. über <^**: Doch be- 
weisen die dort beigebrachten Stellen durchaus nicht, 1 daß diesem 

1 Der von Giese p. 24 als besonders charakteristisch zitierte Vers Hud. 252, 
23, wo es von der vom Blitz erhellten Wolke heißt: ^jj-o Iaä. ,sie war 



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368 



Bernhard Geiger. 



Worte der Begriff des Schnellen, Flüchtigen, blitzschnell Ver- 
schwindenden inhäriert. Es bedeutet eben nur ? sich verstecken, 
verbergen, verschwinden' und andererseits ,sichtbar werden'. Aber 
auch sachliche Gründe erfordern die von mir gewählte Bedeutung. 
Denn ein flüchtiger Schall kann auch sehr laut sein, und darum 
gibt es ein vortreffliches Bild, wenn der Dichter sagt: die Kamelin 
lauscht ängstlich auf das leiseste Geräusch 2 wie auf deutlich hör- 
baren Schall, sie hört das unmerklichste Geflüster und horcht er- 
schreckt hin; während das Bild sofort an Kraft und Schönheit ver- 
liert, wenn man interpretiert : sie horcht ängstlich auf einen flüch- 
tigen (wenn auch noch so lauten) Schall hin und ebenso auf ein 
langgezogenes (so Jacob) Geräusch. Nicht auf die Dauer, wohl aber 
auf die Intensität des Geräusches kommt es hier an. — Sel. über- 
setzt ,les oreilles, douees d'une oui'e fine, pei^oive dans sa marche' 
etc. . . ., natürlich ganz ungenau. ist aber nicht bloßes 

percevoir , vernehmen' 5 es enthält vielmehr den Begriff der Furcht 
und bedeutet , ängstlich auf leises Geräusch hinhorchen, lauschen'. 
^J^yi ist auch nicht, wie Sel. in seiner Anmerkung sagt, un bruit. 
Wörtlich wäre zu übersetzen: die Ohren sind zuverlässig im Hören 
des ,Furchtsam-Lauschens', d. h. im Vernehmen, während sie (oder: 
wenn sie) ängstlich lauschen. Vgl. Imrlq. 31, 3: ; ängstlich 
lauschend' (Gazelle); cr°^i (Hud. 77, 7): der auf leises Geräusch 
scharf und gespannt hinhorchende Jäger; Dur-Rumma (Mä bälu) 83: 
^^P* ,der ängstlich (mißtrauisch) horcht auf gedämpftes Ge- 
räusch' (Wildstier); Hud. 124, 4: ebenso (von der Gazelle); 



wieder verschwunden mit einem zAickenden Blitz', zeigt, daß bei ULrL das , Ver- 
seil wunde ns ein' überhaupt betont ist, während die Schnelligkeit des Ver- 
seil windens weniger von Belang ist. Übrigens dürfte li-L. (= hier die Be- 
deutung ,sichtbar werden' haben. 

2 Von derartigem leisen, unheimlichen, von Ginnen und sonstigen Geistern 
verursachten Geflüster ( L Jo\^j^ u. ä.), das die Wüste erfüllt, von einem geheimnis- 
vollen Rauschen, das auch beherzte Wüstendurchquerer gruseln macht, ist in 
arabischen Gedichten oft genug die Rede. Und gerade auf solch geheimnisvolle 
Stimmen, die kaum wahrnehmbar sind und aus dem Dunkel kommen, paßt die Be- 
Zeichnung ,verborgen' (^Aa.) auf das Beste. 



c\c\cAt> Original from 

,kJXJ ö lS - CORNELL UNIVERSITY 



Die Mu'allaqa des Tarafa. 369 

desgleichen Mutal. 14, 2: ^siytZ ( Wildstier) ; vgl. schließlich Sure 11, 
73: <^*4^i — Scheu vor jemandem empfinden, gegen ihn arg- 

wöhnisch, mißtrauisch werden. 

34, =. t"ö. zwei scharf gespitzte. (Ohren), an denen man 
die edle Rasse erkennt, gleich den Lauschern eines verein- 
samten Wildstieres in IJaumal. 

Zu diesem Verse vgl. die Einleitung, p. 329; ferner Bänat 
Su'äd 25 : cr^T cP* j***^, — *^ ist hier wohl nicht 

Wildesel, wie Jacob, Stud. n, 89 will, sondern Wildstier. Die zwei 
Gründe, auf die er seine Ansicht stützt: die langen Ohren und das 
Epitheton die auf den Wildesel hindeuten sollen, sind hinfällig. 

Von langen Ohren ist hier überhaupt nicht die Rede, denn 
bedeutet nur ,scharf, scharf gespitzt', 1 und >yuc (,vereinsamt, ein- 
samO, das allerdings oft auch den Wildesel bezeichnet, steht viel- 
leicht noch häufiger als Epitheton des Wildstieres; vgl. Hud. 208, 6: 
urT^P* er? V** 5 Bän. Su*äd 16: >j-^>. Ähnlich auch Dur-Rumma 
(Mä bälu) 83: ,einsam< (Wildstier); von der Wildkuh Hud. 
90, 18; von der Gazelle Del. 108, 12. Dagegen vom Wildesel 

Del. 107, 5. Vgl. Österr. Litteraturbl. iv, 693. — kk*\~> ? sein 
0\\v l (vom Menschen) Hud. 171, 6. — In A.'s Kommentar bei Sel., 
p. r\ 9 Zeile 4 ist L£»aLy> SJ*\ > das bedeuten würde: (wenn der Wild- 
stier >j±*j also einsam ist), so ist er umso einsamer (!), zu ändern in 
L**^> ? so lauscht, horcht er schärfer hin*. Dies wäre schon 
aus dem danebenstehenden zu ersehen gewesen. 

35. =. t*"}. Und ein ängstliches, schnell schlagendes, 
flink merkendes, gedrungen gestaltetes (Herz), gleich einem 
felsigen Mahlstein inmitten massiver Steinplatten. 

1 So auch Chalef 47: iij^i O^l? ( vom ^ ter( ^ e )? v g'« Lab. xxxvi, 3: 
.geschärfte, scharf gespitzte Ohren 4 . ^iuL. ist ein spitzes, am Ende zu- 

gespitztes Ohr. Wie düt ,Lanze, kurzes Schwert' bedeutet, so wird auch jj^s*. als 
Epitheton von Lanzen gebraucht. 



t\r\Ci\& Original from 

,kJXJ ö lS - CORNELL UNIVERSITY 



370 Bernhard Geiger. Die Mu'allaqa des Tarafa. 

ist hier nicht, wie die arabischen Kommentatoren wollen, 
soviel wie ^> ^einsichtig, klug, leicht merkend', sondern steht in 
der eigentlichen Bedeutung ,furchtsam, ängstlich'. So auch «Uijj 
(von der Kamelin) Imrlq. 14, 11 (ed. Slane). Sonst bedeutet 
auch ,Staunen, Scheu, Ehrfurcht erweckend' (durch Tapferkeit oder 
Schönheit), so Lab. xxxn, 1; Imrlq. 36, 14; IJam. 710, 5; Hud. 65 
(und 128), 2; (von schönen Frauen) Nöld., Beitr. p. 111 (Mu- 

tammim b. Nuwaira, V. 15). — Zu als einem Epitheton des 

Herzens vgl. Lab. xin, 24 : ,Herzklopfen' (von der Ga- 

zelle, im Kampfe mit den Jagdhunden). — ist nicht, wie 

Abel angibt, ,abgerundet', sondern ,kompakt, fest, gedrungen'; vgl. 
Imrlq. 19, 38 (von einer Pferdestute): ,und kehrt sie einem den 
Rücken zu, so sagte man wohl, es sei ein massiver (kompakter) 
Herdstein fäXX* ^f-^)'- — Ich ziehe die Lesart ^ (Z., T. ? 

B.) der anderen, auch von Ahlwardt akzeptierten, 'des A. ex* 
vor: das Herz gleicht in seiner Form und Kompaktheit einem 
felsigen Mahlstein ; und inmitten der es umgebenden festen Teile 
des Körpers nimmt sich das Herz wie ein innerhalb fester, breiter 
Steinplatten (^f-o ist Kollektivum !) befindlicher Mahlstein aus. 

ist also nicht etwa ein zum Mahlstein gehöriger Stein oder die 
Unterlage desselben. — Für S^Ji, das Sel. durch ,souple' (,glatt, ge- 
schmeidig') wiedergibt, ziehe ich die Bedeutung ,leicht, flink, be- 
weglich, schnell', also auch ,leicht merkend' vor, da auch die 
anderen Ableitungen dieser Wurzel ähnliche Bedeutung haben. Eine 
treffliche Parallele ist tJam. 554, 2: *jUx* eigentlich ,mit einem 

Herzen, das zum Fliegen gebracht worden ist', ,fliegenden, beweg- 
lichen, leicht und schnell merkenden Herzens', ,agilis animae' 
(Freytag). 

(Schluß folgt.) 



rinrtffl** Original fronn 

CORNELL UNIVERSITY 



Hammurabi-Kritiken. 

Von 

D H. Müller. 
I. 

In einer Anzeige des KoHLER-PEiSERSchen Werkes über 5am- 
murabi 1 hat Friedrich Delitzsch seinen Standpunkt zur Interpretation 
des IJammurabi-Gesetzes präzisiert, und es verlohnt sich der Mühe, 
dessen Anschauungen einer Prüfung zu unterziehen. Ich lasse vor- 
erst alle allgemein gehaltenen Urteile Delitzsch* beiseite und ver- 
suche in der Reihenfolge des Artikels die Aufstellungen Delitzsch' 
zu prüfen. 

Delitzsch weist Peisers Übersetzung des § 1 aus verschiedenen 
Gründen ab und schlägt folgende vor: 

,Wenn jemand jemanden in Verdacht bringt (bezw. anschwärzt) 
und ihn eines Mordes bezichtigt und es nicht beweist, so soll der, 
der ihn in Verdacht gebracht hat, getötet werden/ 

Ich muß gegen Delitzsch meine Übersetzung des Paragraphen 
in allen Punkten aufrecht erhalten: 

,Wenn ein Mann, nachdem er einen anderen angeklagt (in 
Acht erklärt) und ihm Tötung (durch Zauberei) vorgeworfen hat, 
ihn (dessen) nicht überführt, wird der, der ihn angeklagt, getötet/ 

Zunächst halte ich Delitzsch' Übersetzung von ubburu ,in 
Verdacht bringen 4 weder sachlich noch sprachlich für begründet. 
Sachlich nicht, weil die Wendung ,in Verdacht bringt (anschwärzt) 
und bezichtigt' eine höchst verschwommene ist und das, was sie 

1 Deutsche Literaturzeitung 1904, Nr. 49. 
Wiener Zeitschr. f. d. Kunde d. Morgenl. XIX. Bd. 25 



nnn | p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



372 



D. H. Müller. 



nach Delitzsch selbst besagen soll (die falsche Anklage vor Gericht), 
nicht besagt. Sprachlich darf nicht vergessen werden, daß ubburu 
auch ,bannen' bedeutet, und daß der Terminus der Anklage sehr 
wohl mit ,bannen' und ,in Acht erklären' zusammenfallen kann. 

Endlich kann nertum hier ,Mord' im gewöhnlichen Sinne nicht 
bedeuten. Die Erhebung einer Anklage wegen Mordes, die bona fide 
geschehen sein kann, zu verbieten und unter so strenge Strafe zu 
stellen, ist etwas, was man IJammurabi nicht zutrauen darf. Wenn 
ein Toter daliegt und man nicht weiß wer ihn getötet, ist es nicht 
zu vermeiden, daß der Verdacht sich gegen Personen richtet, die 
schuldig sind oder schuldig sein können. Anders stellt sich die 
Sache bei der Anklage wegen Mordes durch Zauberei. Diese An- 
klage kann leicht und leichtfertig erhoben werden und hat oft die 
traurigsten Konsequenzen. Daß es sich aber hier um einen ,Hexen- 
mord' handelt, beweist eben das Wort nertänitu neben mukassiptu 
in den Zaubertexten. Der ,Hexenmord' ist aber kein wirklicher 
Mord, wie ich dies an anderer Stelle nachgewiesen habe. 1 

Mit großer Entschiedenheit sagt Delitzsch: ,Das dritt- und 
vorletzte Gesetz (§ 280, 281) dürften keine andere Übersetzung zu- 
lassen als die folgende/ Ich setze meine daneben: 

Delitzsch Müller 

(§ 280) Wenn jemand (nämlich ein Wenn ein Mann einen Sklaven 

Händler, gemäß § 281) in der Fremde oder eine Sklavin eines [anderen] 

Gesinde kauft, und, wenn er in das Mannes in fremdem Lande kauft: 

Land gekommen ist, der Herr des wenn, sobald (ma) er heimgekehrt 

Sklaven oder der Sklavin seinen Skia- war, der Herr des Sklaven oder der 

ven oder seine Sklavin prüft, wenn Sklavin seinen Sklaven oder seine 

jener Sklave oder Sklavin Landes- Sklavin erkennt, bewerkstelligt er 

kinder sind, sollen sie unentgeltlich (der Käufer), wenn der Sklave oder 

freigelassen werden. die Sklavin Eingeborene des Landes 

sind, ohne Geld ihre Freilassung. 

(§ 281) Wenn es Kinder eines an- Wenn sie aber Eingeborene eines 

deren Landes sind, so soll der Käufer anderen Landes sind, wird, sobald 

(nämlich der Händler) vor Gott das der Käufer vor Gott das Silber, das 



1 Vgl. mein Hammurabi-Buch S. 266. 



nnn |p Original frorm 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



Uammürabi-Kritiken. 



Geld, das er bezahlt hat, nennen und 
der Herr des Sklaven soll das Geld, 
das er (der Händler) bezahlt hat, dem 
Händler geben und seinen Sklaven 
oder seine Sklavin wegführen. 



373 

er gezahlt (d. h. den Kaufpreis), an- 
gibt [und] sobald der Eigentümer 
des Sklaven oder der Sklavin dem 
Geschäftsmanne (= Käufer) das aus- 
gezahlte Geld zurückgibt, er (der 
Eigner) seinen Sklaven oder seine 
Sklavin bekommen. 



Delitzsch fügt hinzu: ,Der Sinn ist: Wenn der Händler in 
fremdem Lande Sklaven kauft, und derjenige, der diese Sklaven 
von ihm zu kaufen im Begriffe steht, in Erfahrung bringt, daß es 
Landeskinder sind, so müssen diese freigelassen werden ohne Geld, 
d. h. ohne daß der Händler irgend welche Bezahlung für sie zu 
erhalten hätte. Wenn es dagegen Angehörige eines anderen Landes 
sind, so soll der Händler das von ihm bezahlte Geld erhalten, und 
der betreffende Herr seinen Sklaven, beziehungsweise seine Sklavin 
wegführen/ 

Ich muß gestehen, daß mir selten etwas so philologisch und 
juristisch Unrichtiges und Unklares vorgekommen ist, wie diese 
Übersetzung und diese Interpretation Delitzsch'. 

1. Hat Delitzsch die wichtigen Worte ,eines anderen Mannes' 
einfach weggelassen. Gerade diese Worte aber bilden den Schlüssel 
zum Verständnisse der beiden Paragraphen. Es handelt sich um 
Sklaven, die einem andern gestohlen worden oder ihm entflohen 
waren und jeder Einheimische muß; so nimmt das Gesetz an, das 
wissen. 

2. Ist es ganz unmöglich, daß unter bei ardim (der Herr des 
Sklaven) ,derjenige, der diesen Sklaven zu kaufen im Begriffe steht' 
verstanden werden soll. Dies ist weder philologisch, noch juristisch, 
noch logisch zulässig. 

3. Heißt uteddi ,erkennen' nicht aber ,prüfen'. 

4. Ist es ganz unglaublich und unmöglich, daß, wenn jemand 
im Auslande Sklaven (nur um solche handelt es sich, nicht um 
Freie!) kauft, er dieselben, wenn sie als Eingeborene seines Landes 
erkannt werden, ohne weiteres freigeben muß. 

25* 



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,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



374 



D. H. Müller. 



5. Ist es ebenso unverständlich, warum ein Händler, der im 
Auslande einen Sklaven gekauft und ihn nach Hause gebracht hat, 
gezwungen werden soll, den Kaufpreis eidlich anzugeben und sich 
damit begnügen muß, gegen Rückstellung des bezahlten Geldes 
den Sklaven einem beliebigen Käufer abzutreten. 

Wie man daraus ersieht, ist die Übersetzung und die Inter- 
pretation Delitzsch' vollständig verfehlt und bekundet eine geradezu 
unglaubliche Unklarheit der Begriffe. 

In diesem Falle haben alle Übersetzer (selbst Kohler-Peiser) das 
Richtige. Wenn Delitzsch bemerkt: , Gegen diese Erklärung sprechen, 
scheint mir, sehr gewichtige Bedenken/ so ist nur zu bedauern, daß 
er sie nicht angeführt hat. Meines Erachtens ist gegen die com- 
munis opinio nur ein einziges Bedenken vorhanden, nämlich die 
Wendung am Ende des § 280 bewerkstelligt er ohne Geld ihre 
Freigebung' (andurdrsunu). Man erwartet den Ausspruch, ,daß er 
sie ihrem ursprünglichen Besitzer überantworte'. Es scheint aber, 
daß dies nicht mehr Sache des Händlers war, sondern für die Re- 
stitution der Sklaven an ihre ehemaligen Herren vielleicht noch 
andere richterliche oder polizeiliche Maßnahmen nötig waren, die 
den Händler, der ohnehin dabei sein Geld verloren hatte, nicht 
weiter angingen. Für ihn war durch die Freigebung des Sklaven 
seinerseits die Sache erledigt. 

Sehr hübsch, und wie ich glaube auch richtig, ist der Vorschlag 
Delitzsch' in § 191 re-ku-zu für tal-ku-zu zu lesen (das keilschrift- 
liche Zeichen hat bekanntlich beide Lautwerte ri und tat), wodurch 
also gesagt wird, daß das verstoßene Ziehkind nicht leer (öj^i) aus- 
gehen soll. 

Delitzsch fährt fort: ,In § 136 steht nicht, daß die „Verban- 
nung des Mannes eine Ehe endgültig löse", sondern „wenn jemand 
(avelum) seine Stadt verwirft, preisgibt"/ 

Diese Bemerkung stimmt genau mit dem überein, was ich be- 
reits ausgesprochen habe: 1 ,Ganz falsch ist § 136 wiedergegeben: 



1 Grünhut, Zeilschrift für öffentliches und Privat-Becht, Bd. xxxi, S. 383 oben. 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



^ammurabi-Rritiken. 375 

„Die Verbannung des Mannes löst die Ehe endgültig." Es handelt 
sich vielmehr um bösliches Verlassen und Flucht ins Ausland/ De- 
litzsch widerspricht auch der PEiSER'schen Auffassung von nu-ma-at 
(§§ 25, 34), sowie der KoHLER-pEiSER'schen Auffassung des Ammen- 
paragraphen 194 und schließt sich hierin der älteren Deutung an. 
Er fährt dann fort: ,So läßt noch eine ganze Reihe anderer Gesetze 
sowohl in ihrer philologischen Erklärung, als in ihrer juristischen 
Kommentierung eine andere, und wie ich glaube richtigere Fassung 
zu (z. B. §§ 28, 106, 178, 226, 240)/ 

Delitzsch sagt ferner: ,In § 131 und 132 scheint mir der 
Gegensatz nicht scharf genug gefaßt zu sein: im § 131 schöpft der 
Ehemann rein persönlich Verdacht gegen seine Frau wegen Ehe- 
bruches, in § 132 dagegen handelt es sich um ein Hindeuten auf sie 
mit den Fingern, d. h. eine öffentliche Verdächtigung/ 

Dies stimmt mit dem überein, was ich bereits in meinem 
^ammurabi-Buch S. 119 gesagt habe: ,Die beiden Paragraphen 131 
und 132 beschäftigen sich mit dem Falle, wo eine Frau des Ehe- 
bruches entweder von ihrem Manne oder der öffentlichen Meinung 
verdächtigt wird. Ihrem Manne gegenüber genügt ein Reinigungseid, 
ist aber die Sache schon in die Öffentlichkeit gedrungen, muß sie 
[der Ehre] ihres Mannes wegen sich ins Wasser werfen und einem 
Gottesurteil unterziehen/ 

Delitzsch fährt fort: ,Und die §§ 183 und 184 bekommen 
einen ganz anderen Inhalt, wenn das Pronominalsuffix der beiden 
Verba iddiSSi, inaddinüH nicht auf die Mitgift bezogen wird, sondern, 
was allein zulässig, auf die Tochter, beziehungsweise Schwester. 
Doch hat Peiser gewiß darin recht, daß er das Wort „Nebenfrau" 
als Apposition zu Tochter faßt/ 

Außer Kohler-Peiser und vielleicht auch diesen nicht (es ist 
möglich, daß es nur ungeschickt ausgedrückt wurde) ist es niemandem 
eingefallen, das Suffix auf die Mitgift zu beziehen. Daß das Wort 
,Nebenfrau' als Apposition zu ,Tochter' zu fassen sei, hat zuerst 
Johns ausgesprochen, und dies wurde auch von mir als wahrschein- 
lich bezeichnet (5am. S. 145). 



nnn | p Original fronn 

,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



376 



D. H. Müller. 



Delitzsch: ,Ebenso wird Peiser mit seiner Übersetzung von 
bi-ha-zu (§ 256) durch „seine Auslösung" gegenüber Wincklers „seine 
Gemeinde" gewiß Recht behalten/ 

Dagegen glaube ich, daß ,seine Auslösung* (es klingt an Johns 
his cömpensation an) absolut keinen Sinn gibt. Er ist nicht ver- 
pfändet oder verkauft worden, sondern hat einen Schaden angerichtet 
und das Wort bi-ha-zu bedeutet eben ,Schaden' oder , Schadenersatz', 
wie ich schon yam. S. 170, Note 3 ausgesprochen habe. 

Delitzsch: ,Die bisher angenommene Bedeutung: „Korn wie 
bei seinem Nachbar" kann vor allem in § 55 nicht befriedigen. Bei- 
läufig bemerkt scheint mir Kohlers Paraphrasierung von § 55: 
„Wer beim Einlassen des Wassers das Nachbargut beschädigt, haftet 
für Schadenersatz, es müßte denn sein, daß er die erforder- 
liche Sorgfalt beobachtet hat," was diese letztere Einschränkung 
betrifft, ohne Anhalt am Original -Wortlaut zu sein.* 

Alles, was hier Delitzsch sagt, ist unrichtig. Die angenommene 
Bedeutung ,Korn wie beim Nachbar' paßt überall und auch im § 55 
recht gut, und Kohler hat hier wieder einmal gegen Delitzsch recht. 

Man vergleiche meinen Hammurabi S. 98: ,Eine geringere Ge- 
fahr erwächst daraus, daß jemand seinen Wasserbehälter abzusperren 
vergißt. Der Schaden, den er dem Nachbar zufügt, muß in ent- 
sprechender Weise gut gemacht werden und zwar, wenn eine 
Fahrlässigkeit vorliegt (im Text: weil er faul gewesen ist), 
der ganze Schaden „Getreide wie es sein Nachbar sonst hat" 1 (§ 55), 
oder wenn es durch eine vis maior geschehen ist, die er nicht ver- 
hindern konnte, wobei er keine Fahrlässigkeit sich hat zuschulden 
kommen lassen, den geringen Schadenersatz (d. h. den taxativen)/ 

Was also im Text und Kommentar deutlich gesagt wird, drückt 
Kohler zwar etwas geschraubt, aber der Sache nach richtig aus. 
Es ist interessant, daß Delitzsch gerade dort gegen Kohler Stellung 
nimmt, wo letzterer recht hat. Juristisches Denken ist eben nicht 
Delitzsch' starke Seite! 



1 D. h. den effektiven Schadenersatz. 



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,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



Hammijrabi-Kritiken. 



377 



Aus der Analyse dieser Anzeige geht hervor, daß Delitzsch 
in dieser Anzeige mit Ausnahme der richtigen Deutung von re-ku-zu 
nicht das geringste zum Verständnis Hammurabis beigetragen hat. 
Entweder hat er schon Bekanntes wiederholt, oder wo er Neues zu 
sagen versuchte, war es eben falsch. Es ergibt sich aus derselben, 
daß die meisten Ausstellungen, die wir, ich in Grünhuts Zeitschrift 
und der Rezensent in der WZKM 7 X gemacht haben, von Delitzsch 
als richtig anerkannt werden. 

Nach all dem frage ich, mit welchem Rechte Delitzsch in der 
DLZ folgendes allgemeine Urteil abgeben konnte und durfte: 

In der großen Menge von Schriften über den Gesetzes-Kodex 
Hammurabis wird das Werk von Kohler-Peiser dauernd eine erste, 
grundlegende Stelle behaupten. Gestützt auf die besonnene, durch- 
wegs philologisch wohlerwogene Übersetzung des trefflichen Königs- 
berger Assyriologen Felix Peiser, hat sich Kohler um die assyrio- 
logische Forschung, ebenso wie um die Geschichte der Rechtswissen- 
schaft ein neues, dauerndes Verdienst erworben, etc. 4 

Ich muß dagegen öffentlich bekunden, daß meines Wissens noch 
niemals ein falscheres Urteil von autoritativer Seite ausgesprochen 
worden ist als dieses. Delitzsch* Gutachten über die Verdienste 
Kohlers bedeutet an und für sich wenig, weil Delitzsch in dieser 
Anzeige selbst bekundet hat, daß er über juristische und rechts ver- 
gleichende Fragen gar nicht mitzusprechen berechtigt ist. Anders 
steht es mit seinem Urteil über Peisers Arbeit, die er als ,eine be- 
sonnene, durchwegs philologisch wohlerwogene Übersetzung 1 be- 
zeichnet! — 



Es ist vielleicht hier der Platz, noch einmal gegen das philo- 
logisch-juristische Zwiegespann Kohler-Peiser Stellung zu nehmen. 

1 Peiser selbst erkennt die Richtigkeit der Ausstellungen in der WZKM an, 
indem er (OLZ 1904, Sp. 496) sagt: 7 Der junge Mann benützt seine Studien bei 
Delitzsch, um eine Reihe kleinerer Bemerktingen, die dank seinem Lehrer viel- 
fach richtig und beachtenswert sind, zusammenzustellen/ 



Ii. 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



378 D. H. Müller. 

Herr Peiser hat in seiner OLZ wiederholt sich mit mir und meinen 
Arbeiten beschäftigt; ich hielt es nicht für angemessen, ihm nur mit 
einem Worte zu antworten. Auch jetzt habe ich nicht die Absicht, 
meine Aufstellungen (z. B. über ma, u und anderes), die Peiser ver- 
spottet hat, zu rechtfertigen. Sie wurden inzwischen fast allgemein 
angenommen und die Einwendungen Peisers richten sich von selbst. 
Dagegen halte ich es für passend, als charakteristisch für Peisers 
Art zu denken und zu schließen eine Stelle aus seinem Artikel 
(OLZ 1904, Sp. 166) anzuführen: 

,Nahm man aber an, daß Müller aus dem Babylonischen zuerst, ins 
Hebräische übersetzte, dann ins Deutsche, so erklärt sich sowohl die Eigenart 
des Deutschen, wie die Uliverständlichkeit der Übersetzung, wie überhaupt 
Müllers ganze „ Entdeckung* 4 . Er hat eben hebräisch gedacht und syntak- 
tisch konstruiert ; und da er nun das hebr. t vor dem Perfekt erst wieder ins 
Deutsche übertrug mit all den Nuancen, wie sie die hebräische Grammatik 
ermöglicht, so kam er schließlich so weit ab vom Babylonischen, daß er ma 
als nachgestellte Konjunktion fassen mußte, wenn er überhaupt einen Aus- 
gleich zwischen diesen beiden Übersetzungen mit dem Original herbeiführen 
wollte. 4 

Wenn man bedenkt, daß das Babylonische syntaktisch genau 
mit dem Deutschen übereinstimmt, das Hebräische dagegen wie 
das Semitische überhaupt davon scharf abweicht, so wird man die 
Logik dieser Argumente vollkommen würdigen. Wer etwas von 
babylonischer und hebräischer Syntax versteht und ein klein wenig 
logisch denkt, könnte unmöglich solche Hypothesen aufstellen. Dabei 
hat Herr Peiser die Tatsache außer acht gelassen, daß die These 
über den syntaktischen Wert von ma bereits im Jahre 1884 von 
mir ausgesprochen worden war! 

Ganz entschieden muß ich allerlei Verdächtigungen der , Grünen 
Blätter' abweisen. Herr Professor Kohler hatte meine hebräische 
Übersetzung als super flua quae non nocent bezeichnet, er, der 
so viele super flua quae nocent geschrieben hat. Ich habe darauf 
geantwortet, daß andere, die von orientalischen Sprachen etwas ver- 
stehen, gerade den Nutzen dieser Übersetzung für die vergleichende 
Methode betont haben, weil sie uns auch die formale Ähnlichkeit 



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Hammürabi-Kritiken. 



379 



zwischen ^ammurabi und den mosaischen Gesetzen offenbart. Darauf- 
hin apostrophiert mich Herr Peiser mit den Worten: ,Möge Herr 
Müller doch diese „anderen" nennen, damit man den Wert ihres 
Urteiles erkennen kann.* Der Wunsch des Herrn Peiser ist leicht 
zu erfüllen. In The Jewish Quarterly Review, January 1904, p. 398 
bis 400 hat C. H. W. Johns (Cambridge) mein JJammurabi-Buch an- 
gezeigt und in bezug auf die hebräische Übersetzung gesagt: 

,It was in order to see how far a comparison with Mosaic legis- 
lation is really passible that he was led to the happy idea of giving 
a Hebrew version. It enable not only the substance of a law but also 
its formal aspect to be taken into consideration.' 

Ferner Biagio Brugi ,Le leggi di Hammurabi' sagt in den Atti 
del Reale Institute* Veneto di scienze, lettere et arti 1903, p. 108: 

,Si veda il saggio che offre di ciö il prof. Müller di Vienna il 
quäle ha avuto la geniale idea di tradurre in ebraico biblico il co- 
dice di Hammurabi per discoprire non pure le concordanze mate- 
riali, ma le formali tra le leggi babilonesi e le mosaiche/ 

Ich hoffe, daß diese zwei Stellen dem Königsberger Weisen 
genügen werden. 

Ausdrücklich sei noch hervorgehoben, daß Professor Kohler 
trotz der Ankündigung Peisers das Wort zu seiner juristischen Ver- 
teidigung nicht genommen hat. Er begnügt sich mit einer Erklärung 
in Grünhuts Zeitschrift, daß er prinzipiell mit einem Nicht- 
juristen nicht disputiere. Er hat dort von mir die verdiente Ant- 
wort bekommen. Zum Schlüsse möchte ich noch jedermann warnen, 
die älteren Arbeiten der ,beiden Spezialisten 4 über das babylonische 
Recht ohne Nachprüfung zu benützen; denn die Art, wie sie einen so 
klaren Text wie das Hammurabi-Gesetz be- und mißhandelt haben, 
muß jedes Vertrauen in ihre Zuverlässigkeit erschüttern. 



Noch eine dritte 5ammurabi-Kritik muß hier mit einigen Worten 
berührt werden, die von Otto Weber in der ,Münchener Allgem. 



III. 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



380 D. H. Müller. 

Zeitung'. 1 Die Kritik eines Otto Weber, der wissenschaftlieh so gut 
wie nichts gemacht hat, würde mich nicht bewogen haben ihm zu 
antworten, wenn sie nicht in der alten Beilage der ,AUgem. Zeitung' 
erschienen wäre. 

Sachlich habe ich zu bemerken, daß seine Ausstellungen in 
bezug auf die Syntax und insbesondere bezüglich' ma und u heute 
allgemein gerichtet sind. Die Richtigkeit meiner syntaktischen Er- 
kenntnisse wurden selbst von dem mir übelwollenden Kritiker in 
ZDMG anerkannt. Die falschen Angaben über meine Person, die er 
außerdem mißbraucht hat, um meine Überzeugung zu verdächtigen, 
hat Herr Weber selbst zurücknehmen müssen. Er tat Unrecht, de 
Lagarde-Böttcher in den Streit zu ziehen: de mortuis nihil nisi bene. 

Gegen eine Unterstellung muß ich mich aber ausdrücklich 
verwahren. Ich sagte: ,Daß ich nicht etwa mich in eine fixe Idee 
verirrt habe, möge hier das Urteil J. Jeremias', der selbst ein vor- 
treffliches Buch über Qammurabi geschrieben und den Mut der 
Wahrheit besitzt, über meine sprachlichen Aufstellungen angeführt 
werden etc.* {WZ KM 1904). 

Herr Weber nimmt diese Stelle zum Anlaß um folgendes nieder- 
zuschreiben : 

, Müller hebt übrigens noch ausdrücklich hervor, daß der ihm so be- 
geistert zustimmende J. Jeremias ,den Mut der Wahrheit besitzt*. Das hat 
nur einen Sinn, wenn dadurch gesagt werden soll, daß absprechende Urteile, 
besonders also das meinige, wider besseres Wissen und aus un- 
lauteren persönlichen Gründen 2 abgegeben werden. Es zeigt zwar 
kein beneidenswertes Maß von Selbstbewußtsein, wenn ein angegriffener Autor 
glaubt, daß nur die Feigheit und Unwahrhaftigkeit seiner Rezensenten seiner 
uneingeschränkten Anerkennung im Wege ist; wenn aber dieser Autor es 
nicht verschmäht, sachliche Entgegnungen mit den Waffen persönlicher Ver- 
dächtigung öffentlich zu bekämpfen, so entfernt er sich dadurch so sehr von 
der Grenze der Loyalität, die auch für die wissenschaftliche Polemik unver- 
rückbar feststeht, daß ich außer Stande bin, ihm zu folgen usw.* 

1 Vgl. Beilage zur Allgem. Zeitung 1904, Nr. 271 (25. November); meine Er- 
widerung das. 1905, Nr. 10 (13. Januar) und Otto Webers Replik in derselben Nummer. 

2 Von mir gesperrt. Der Ausdruck ,Mut der Wahrheit' bezog sich auf jene 
Rezensenten, die sich an Tadel nicht genug tun konnten, aber Erkenntnisse, die 
sie nachträglich als wahr erklärten, einfach mit Stillschweigen übergingen. 



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5ammurabi-Kritiken. 



381 



Dieser Beschuldigung gegenüber möchte ich auf eine Stelle in 
meiner Entgegnung, die natürlich Herrn Otto Weber vorgelegen hat, 
verweisen. Nachdem ich streng sachlich meine Einwendungen gegen 
Webers sachliche Angriffe vorgebracht hatte, sagte ich: 

,Soweit bewegt sich übrigens die Kritik auf sachlicher Grund- 
lage und ich h°be keinen Grund, hierbei eine mala fides bei 
dem Rezensenten vorauszusetzen, um so weniger, als er 
seine Objektivität dadurch bekundet, daß er einerseits den 
Wert meiner Arbeit, der er wenig Sympathie entgegenbringt, leidlich 
anerkennt, und anderseits trotz der Sympathie, die er für die Idee 
Kohler- Peisers hat, ausdrücklich das Werk als mißlungen bezeichnet 
und zugibt, „daß die Übersetzung Peisers an zahlreichen Flüchtig- 
keiten und Absonderlichkeiten leidet, die vielfach die Meinung des 
Originals verdunkeln oder gar verkehren, [so daß sich auch Kohler 
zu Schlußfolgerungen verführen ließ, die lediglich in der fehlerhaften 
Übersetzung, nicht aber im Original eine Stütze haben, den juristi- 
schen Sinn — oder gelegentlich auch Unsinn — der Übersetzung, 
nicht aber des Originals auslegen]". 1 

Wo aber das Sachliche zu Ende geht und das Persönliche 
beginnt, hört auch die Kritik auf. Für das, was da gesagt wird, 
darf die Bezeichnung Kritik nicht mißbraucht werden, dafür wird 
jeder Einsichtige einen anderen Namen finden/ 

Ich frage nun jeden ruhig Denkenden, ob der Rezensent meinen 
Ausdruck ,Mut der Wahrheit' so deuten und entstellen und auf sich 
beziehen durfte, um mir Absichten zu unterstellen, die mir völlig 
fremd waren. 

Er hat dadurch zu seinem zum Teil (unwissentlich) falschen 
Urteile und zu seinen persönlichen Verdächtigungen und Verkleine- 
rungen in schmählicher Weise noch neue Beleidigungen hinzugefügt, 
die aber niemand andern als ihn selbst und seine Hintermänner treffen. 

1 Herr Peiser hat OLZ 1905, Sp. 75 die angeführte schmähliche Verdächtigung 
Otto Webers abgedruckt, dagegen sich aber wohl gehütet, das sachliche Urteil 
über seine Arbeit zu veröffentlichen. 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



Zur Terminologie im Eherecht bei JJammurabi. 

Von 

D. H. Müller. 



In einer kleinen Schrift 1 hat Herr Professor Edouard Cuq den 
Versuch gemacht, über die Heirat bei den Babyloniern vom rechts- 
vergleichenden Standpunkte abzuhandeln. Er beschäftigt sich dabei 
hauptsächlich mit den Ausdrücken tirhatu, Seriqtu und nudunnü 
und sagt: ,Sur ces divers points, il s'est form^, malgre les dissi- 
dences, une sorte d'opinion commune : nous voudrions montrer que 
cette opinion, trfes exacte pour la cheriqtou et le noudounnou, souffre 
de graves objections pour la tirhatou/ 

Ich will hier prüfen, wie weit es dem Verfasser gelungen ist, 
die communis opinio in Sachen des tirhatu, abzuändern, und wie 
weit er Recht hat mit seinen Bemerkungen über Seriqtu und ins- 
besondere über nudunnü. 

Unter tirhatu versteht man allgemein den ,Kaufpreis', den der 
Mann vor der Hochzeit dem Vater der Braut bezahlt. In sehr ge- 
lehrter Weise sucht nun der Verfasser den Begriff des tirhatu zu 
bestimmen und nachzuweisen, daß in Babylon der ,Frauenkauf in 
der Weise, wie er im Altertum vorgekommen ist und noch heute 
bei vielen Völkern vorkommt, nicht mehr existiert hat. Er kommt 

1 Le mainage ä Babylon cFapre* les Lots de Hammourabi par Edouard Cuq, 
professeur cThistoire de droit romain a rUniversite" de Paris. Paris, Libraire Victor 
Lecoffhe 1905. 



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Zur Terminologie im Ehereght bei Hammurabi. 383 

zu dem Schlüsse, daß tirhatu nur eine Erinnerung (souvenir, wir 
würden sagen ein Überlebsel) ist aus der Zeit, wo die Heirat durch 
Kauf üblich war. 

Der Kauf selbst vertrug sich nicht mehr mit der Sitte und 
der Stellung der Frau in der Familie und der Gesellschaft. Die 
Zahlung der tirhatu war nicht mehr eine unerläßliche juristische 
Pflicht, wie § 139 beweist. Man kann sagen, daß die Tirfiatu eine 
mehr oder weniger freiwillige Gabe an die Eltern der Braut war. 

Im großen und ganzen kann man dem Verfasser zustimmen. 
Es muß aber betont werden, daß ich keine Angabe bei irgend 
einem . der Kommentatoren oder Übersetzer des Qammurabi finde, 
welche den ,Kaufpreis' in dem ^ammurabi-Gesetz auf gleiche Stufe 
gestellt hat wie den , Kaufpreis' bei den Qabilen etc. Ich selbst 
sagte in meinem ^ammurabi-Buch S. 133 also: ,Die vermögensrecht- 
lichen Beziehungen zwischen Mann und Frau bestehen darin, daß 
der Mann in der Regel nach alter Sitte einen , Kaufpreis' (tir- 
hatu) an den Vater der Braut bezahlt hat. Ob dieser Kaufpreis von 
den Eltern dem jungen Ehepaare überlassen worden ist oder nicht, 
können wir mit Sicherheit nicht entscheiden ; es war wohl der Usus 
zur Zeit Jlammurabis je nach den Vermögensverhältnissen der Eltern 
und je nach anderen Umständen ein verschiedener. Wir tun aber 
gut daran, für die alte Institution den alten Namen zu behalten/ 

Aus dieser Stelle ist zu ersehen, daß von mir und wohl auch 
von den meisten, die sich mit dem Jlammurabi-Gesetz befaßt haben, 
der ,Kaufpreis' «(so mit Anführungszeichen!) als Überlebsei einer 
alten Einrichtung angesehen worden war, die nicht mehr die alte 
Bedeutung hatte, aber immerhin als alte, vielleicht rituelle Ze- 
remonie betrachtet worden war, keineswegs jedoch als einfache 
freiwillige Gabe — und hierin unterscheide ich mich in der Auf- 
fassung der tirhatu vom Verfasser. 

Es ist immerhin möglich, daß in einzelnen Fällen von der 
alten Sitte abgesehen worden ist, aber mit Sicherheit geht dies aus 
§139 nicht hervor, wo ein Fall ohne Tirhatu vorausgesetzt wird; 
es kann ja sein, daß es sich um eine Frau handelt, die keine nahen 



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384 



D. H. Müller. 



Verwandten hatte, die über sie verfügen durften. In solchem Falle 
konnte der , Kaufpreis' selbstverständlich nicht bezahlt werden. Auch 
eine andere Möglichkeit ist vorhanden: es kann sich um eine ver- 
wittwete oder geschiedene Frau handeln, über die niemand mehr 
verfügen konnte; dieses scheint um so wahrscheinlicher zu sein, als 
auch in der Bibel in allen Fällen, wo vom Kaufpreis (mohar) die 
Rede ist, es sich stets um Jungfrauen handelt (vgl. Gen. 34, 12; 
Exod. 22, 15. 16; 1 Sam. 18, 35). 

Der Verfasser hebt mit Recht den Unterschied zwischen Ba- 
bylon und Israel in rechtlicher und sozialer Beziehung hervor, er 
tut dies aber nur einseitig. So durfte er nicht unterlassen zu er- 
wähnen, daß im babylonischen Recht eine Reihe von geschlechts- 
rechtlichen Bestimmungen existieren, die im mosaischen Gesetze auf- 
gehoben sind. 1 Auch sonst sind die Vergleichungen nicht immer ein- 
wandfrei. 

In bezug auf seriqtu faßt der Verfasser die bekannten Tat- 
sachen zusammen. Die Zusammenfassung bedarf hier keiner weiteren 
Erörterung. 

Dagegen ist es nötig, die vom Verfasser in bezug auf das Ehe- 
recht geäußerten Anschauungen über nudunnü einer besonderen 
Prüfung zu unterziehen. Alle stimmen darin überein, daß nudunnü 
ein Geschenk des Mannes an die Frau nach der Hochzeit war. 2 
Die Frage ist erstens: Hat nudunnü irgend eine Analogie mit der 
, Morgengabe i der Germanen und dem ,douaire< des gallischen 
Rechtes (ce serait le prix du coucher, comme on disait du douaire 

1 Vgl. z. B. mein Hammurabi-Buch, S. 132. 

2 Eine Art prix du coucher oder ,Morgengabe' existiert heute noch bei den 
Beduinen des peträischen Arabien, wie mir Prof. Dr. Alois Musil mitteilt: ,Bei 
den c Amärin betritt der Bräutigam (in der Hochzeitsnacht) das Brautzelt mit einem 
Stabe aus Mandelholz in der rechten und einem halben Mcgidi (türk. Münze) in 
der linken Hand. Fügt sich die Braut, so bekommt sie das Geld, sonst wird sie 
durch Schläge gezwungen. Bei den Hegaja^ muß der Bräutigam in der Hochzeits- 
nacht seiner Braut einen Megldi geben. Tut er es nicht, so nimmt sie sich in der 
Frühe ein Schaf oder eine Ziege aus seiner Herde; denn dies ist der Preis für ihre 
Nacht etc. etc.* 



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,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



Zur Terminolouie im Eherecht bei ^Iammurabi. 385 



de la femme dans notre ancienne France) oder nicht; zweitens, 
ist es mit dem Geschenk des Mannes an die Frau, von dem im 
§150 die Rede ist, identisch oder nicht. Ich habe nach dem Vor- 
gange G. Cohns 1 nudunnü mit der ,Morgengabe' (wieder mit An- 
führungszeichen) zusammengestellt, ohne sie jedoch ausdrücklich als 
Prix du coucher zu bezeichnen. Es scheint mir sicher zu sein, 
daß nudunnü in der Tat bald nach der Hochzeit vom Manne ver- 
schrieben oder bestimmt worden ist. Damit kann allerdings der 
Zweck verbunden sein, für die Frau vorzusorgen. Daß man dafür 
die Zeit kurz nach der Hochzeit gewählt hat, ist natürlich, weil da 
der Mann geneigt war, die Neuvermählte reichlich zu beschenken 
und sie für die Zukunft sicherzustellen. 

Der Verfasser vermißt in dem Text des ^lammurabi jede Er- 
wähnung der Zeit, in welcher das nudunnü ausgezahlt worden ist, 
und meint, daß die Auszahlung am Morgen nach der Hochzeit 
eben das Charakteristische dieser Schenkung ist. Dies trifft meines 
Erachtens nicht zu; es verhält sich mit der ,Morgengabe' wie mit 
dem ,Kaufpreis'. In alter Zeit war es gewiß der ,prix du coucher', 
wurde aber nach und nach umgestaltet in eine Versorgung der Frau, 
die aber noch an die alte Sitte anknüpfte, weßwegen die Schenkung 
eben bald nach der Hochzeit stattzufinden pflegte, aber von manchem 
ungalanten oder unbemittelten Ehemann versäumt oder ganz unter- 
lassen wurde. Für diesen Fall sorgt § 172 vor, indem er der Frau 
einen Anteil gleich einem Sohne zuspricht. 

Etwas naiv fügt der Verfasser hinzu: ,Les Babyloniens avaient 
si peu Pidee de la Morgengabe que la cohabitation pouvait avoir 
lieu, avant le mariage, dfes le temps des fiangailles' (§ 155). Ich 
möchte den Verfasser fragen, ob er für alle die Jungfrauen und 
Frauen, die eine ,Morgengabe' oder ein ,douaire' erhielten, die Ga- 
rantie übernehmen kann, daß sie vor der Hochzeitsnacht gar so 
spröde waren. Ferner übersieht der Verfasser, daß die , Verlobung' 
bei Hammurabi soviel wie eine Vermählung ist. 



1 Die Gesetze Hammurabis, S. 26. 



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386 



D. H. Müller. 



Daß das nudunnü den Kindern gehört, fließt aus dem Ursprünge 
(Morgengabe) und der Weiterentwicklung dieses Instituts. 



schiedene Wandlungen in seiner Bedeutung durchgemacht hat, ur- 
sprünglich ,prix de coucher' in gewissem Sinne bedeutet haben muß. 
Der Prophet Ezechiel Kap. 16, V. 33 apostrophiert Jerusalem, welches 
politisch um die Gunst Ägyptens und Babylons buhlte, in folgender 
Weise: , Allen Dirnen gibt man nudunnü, du aber gibst deine nu- 
dunnü all deinen Liebhabern und bestichst sie, daß sie zu dir 
kommen in deiner Buhlerei/ 1 

Daraus geht hervor, daß nudunnü ursprünglich ,prix de cou- 
cher' bedeutete, wenn es auch später im neubabylonischen Recht 
und im babylonischen Talmud (kwj) selbst die Bedeutung ,Mitgift', 
die der Vater der Tochter mitgibt, angenommen hat. 

Ganz verschieden vom nudunnü ist das Geschenk, welches 
der Mann der Frau gibt oder verschreibt, und von dem im § 150 
die Rede ist. Herr Cuq nimmt nach dem Vorgange von Kohler- 
Peiser die Identität beider Schenkungen an. Gegen meine Bemer- 
kung, daß in dem einen Falle bei nudunnü (§ 171 — 172) die Kinder 
als Erben auftreten, wogegen bei der späteren Schenkung die Frau 
berechtigt ist sie ihrem Lieblingssohne zu hinterlassen und die an- 
deren Kinder auszuschließen, macht er geltend, daß die Hauptsache 
sei, daß das Geschenk den Kindern erhalten bleibt und nicht den 
Brüdern der Mutter ausgefolgt werde, aber der Frau innerhalb dieser 
Grenzen volles Verfugungsrecht belassen wird, wie ja auch der Vater 
durch Schenkung einen seiner Söhne begünstigen kann (§ 165). 

Darauf habe ich zu erwidern: 

1. Wenn es sich so verhielte, müßte § 150 ausdrücklich nu- 
dunnü erwähnen und die Schenkung nicht in so ungeschickter 
Weise umschreiben. 

1 Für m: ist gewiß, wie aus dem folgenden hervorgeht, pa zu lesen, 
was babylonisches Lehnwort = nudunnü ist. Im folgenden Verse erklärt es Ezechiel 
selbst durch pn» ,Buhlerlohn*. 



Ich bin sogar in der Lage wahrscheinlich zu machen, daß 
das Wort nudunnü 7 welches sowie ,Morgengabe' und ,douaire', ver- 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



Zur Terminologie im Eherecht bei JJammurabi. 387 

2. Wäre es höchst auffällig, daß die Kinder gegen das all- 
gemein übliche nudunnü irgend einen Protest erheben sollten; 
ein solcher Protest aber ist verständlich, wenn der Mann eine 
Schenkung an seine Frau macht, die ungewöhnlich ist und die even- 
tuell zur Begünstigung eines Sohnes den anderen gegenüber ver- 
wendet werden kann. 

3. Liegt auch der Unterschied zwischen beiden Institutionen 
auf der Hand: das nudunnü, die ,Morgengabe', gilt eben der Frau 
und allen ihren Kindern, die sie gebären wird. Die Kinder sind 
ja noch nicht vorhanden und die Frau hat noch keinen Liebling. 
Anders stellt sich die Sache bei einer späteren Schenkung, nach- 
dem sie bereits lange verheiratet waren und Kinder zeugten. Jeder 
Akt zu Gunsten des einen wird als eine Benachteiligung der übrigen 
angesehen, daher die ausdrückliche Bestimmung des Gesetzes. 

4. Die Analogie von § 165 paßt nicht ganz, weil dort der Vater 
einem Sohne (wahrscheinlich dem ältesten) ein Geschenk bei Leb- 
zeiten gibt (oder verschreibt), sein Vermögen aber nach seinem 
Tode gleich verteilt wird, so daß die anderen Kinder nicht enterbt 
werden; hier aber liegt in gewissem Sinne ein partieller Enterbungs- 
fall der anderen Kinder vor. 

5. Die Bestimmung des § 172, daß im Falle das nudunnü 
der Frau vom Manne nicht gegeben worden war, sie ein Kindes- 
anteil erhält, läßt folgern, daß es unter allen Kindern gleich verteilt 
werden muß; denn wenn es aus der Erbschaft von allen Kindern 
gleichmäßig ersetzt werden wird, so haben die Kinder ihrerseits ein 
gleiches Recht darauf, was natürlich bei einer einfachen Schen- 
kung nicht zutrifft. 

Es bleibt also dabei: nudunnü bezeichnet die ,Morgengabe', 
die man allerdings in ihrer historischen Entwicklung nicht gar zu 
scharf fassen muß. Sie wurde am Morgen nach der Hochzeit oder 
kurz darauf gegeben oder verschrieben. Sie war für die Frau und 
auch für ihre Kinder gleichmäßig bestimmt. 

Davon zu trennen ist die Schenkung, die während des späteren 
Zusammenlebens der Frau vom Manne gemacht wird. Darüber hatte 

Wiener Zeitschr. f. d. Kunde d. Morgenl. XIX. Bd. 26 



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388 D. H. Müller. Zur Terminologie im Eherecht etc. 



sie ausschließliches Verfiigungsrecht ihren Kindern gegenüber, sie 
durfte einen ihrer Söhne bevorzugen, aber sie nicht ihren Brüdern 
überlassen. 

Ich möchte noch zum Schlüsse hervorheben, daß ein Gelehrter 
vom Range d'Arbois du Jubainville's in seinem Buche La famille 
celtique, p. 141 und 143 mir in beiden Punkten zustimmt. 



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Zum Erbrecht der Töchter. 

Von 

D. H. Müller. 



Joseph Halevy hat meine Schrift ,Das syrisch-römische Rechts- 
buch und gammurabi* in der Revue semitique 1905, p. 373 — 374 
angezeigt und, obgleich die Inhaltsangabe meiner Schrift durch ein 
Mißverständnis nicht ganz zutrifft, dabei einige sehr wertvolle Be- 
merkungen gemacht. Die wichtigste Stelle bei Halevy lautet: ,Outre 
les passages cites par le savant auteur, il faut signaler le temoignage 
du Talmud que la loi des Saduceens admettait le raeme principe 
(sc. Tegalite du fils et de la fille comme heritiers) *tq oDminn sma 
KinD pm*» Knnsi, ce qui resume le passage si remarquable de Philon 
(Tischendorf, Philonea p. 41)/ 

Halevy führt diese Stelle, wie es scheint, aus dem Gedächtnisse 
an, sie lautet wesentlich anders und bietet in mancher Hinsicht 
Interessantes; es ist aber das Verdienst Halevys meine Aufmerk- 
samkeit auf diese Stelle, die mir entgangen war, gelenkt zu haben. 



bK^ÖJ p"H rrnnK IW^K Schwester des Rabban Gamaliel (II), hatte einen 

3 KSIDI^B Kinn mn •'Hin Philosophen in ihrer Nachbarschaft, welcher den 

Kö£? b'ptP Kinn PrmMttD Ruf hatte, daß er keine Bestechung annehme. Sie 

1JD ♦ KnmtP bnpö K^n wollten ihn lächerlich machen. Imma brachte ihm 



1 Ich zitiere nach den unzensurierten Ausgaben bei G. Dalman 14* in 
H. Laible, Jesus Christus im Talmud (1900). Die Übersetzung ist mit kleinen Än- 
derungen dem Buche Laibles (S. 62 ff.) entnommen. Auf die Stelle Matth. Kap. 5, 
V. 17 wurde schon von anderen und auch von Laible hingewiesen. 



Sabbath 116» b : 1 



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Imma Salom, das Weib des R. Elieser und 




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390 



D. H. Müller. 



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Kiön kd k bwbüi pn 
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also einen goldenen Leuchter, trat vor ihn und 
sagte: ,Ich möchte, daß man mir Anteil gebe an 
den Gütern der Familie.' Der Philosoph antwor- 
tete ihr: ,So teilet!* Gamaliel aber sprach zu ihm: 
,Bei uns (in unserem Gesetz) steht geschrieben: 
Wo ein Sohn ist, soll die Tochter nicht erben/ 
Der Philosoph sprach: 

,Seit dem Tage, wo ihr aus eurem Lande ver- 
trieben seid, ist das Gesetz Mosis aufgehoben und 
das Evangelium gegeben, in welchem es heißt: 
Sohn und Tochter sollen zusammen erben.' 
Am nächsten Tage brachte Gamaliel dem Philo- 
sophen einen lybischen Esel. Da sagte der Philo- 
soph zu ihm: Ich habe weiter unten im Evange- 
lium 2 nachgesehen, da heißt es: Ich, Evangelium, 
bin nicht gekommen wegzutun vom Ge- 
setze Mosis, sondern hinzuzufügen zum 
Gesetze Mosis bin ich gekommen. Geschrie- 
ben steht im Gesetze Mosis: Wo ein Sohn ist, soll 
die Tochter nicht erben.' Da sprach Imma zu 
ihm: ,Laß doch leuchten dein Licht gleich 
dem Leuchter!' Eabban Gamaliel aber sagte: 
,Gekommen ist der Esel und hat den Leuchter 
umgestoßen.' 



Wie man aus dieser Stelle sieht, handelt es sich nicht um ein 
Gesetz der Sadduzäer, sondern um das apostolische Recht, denn 
Jesus hat den Satz ,Sohn und Tochter erben zusammen' kaum aus- 
gesprochen. 8 Es ist meines Erachtens überhaupt fraglich, ob hier 
im Talmud wirklich ein Geschehnis erzählt und nicht vielmehr eine 
satyrische Anekdote vorgetragen wird. Für meine Auffassung spricht 



1 Ms. München Mn'niKS. Die Einsetzung p^a pi> nach hjk scheint mir eine 
sehr alte Glosse und nicht ursprünglich zu sein. 

* Laible: ,am Schluß des Evangeliums.' Für meine Auffassung spricht n^w 
und der Gebrauch dieser Wendung im Talmud inpi wob ^dw eigentlich: ,siehe 
nach unten im Verse/ Es ist also nicht vom Schluß des Evangeliums, sondern 
von der weiter unten folgenden Stelle die Rede. 

3 So schon Laible; anders Güdemann in dem weiter unten anzuführenden Buche. 



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Zum Erbrecht der Töchter. 



391 



nämlich eine Vergleichung dieser Stelle mit Matth. Kap. 5, V. 14 — 19 



14. Ihr seid das Licht der Welt. Es mag die Stadt, die auf einem 
Berge liegt, nicht verborgen sein. 

15. Man zündet auch nicht Li cht an und man setzt es unter einen 
Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es denen allen, die 
im Hause sind. 

16. Also lasset euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure 
guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. 



17. Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin das Gesetz 
oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen auf- 
zulösen, sondern zu erfüllen. 

18. Denn ich sage euch wahrlich: Bis daß Himmel und Erde zergehen, 
wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe, noch ein Tütel vom Gesetz, bis 
daß alles geschehe. 

19. Wer nur Eins von diesen kleinsten Geboten auflöset und lehret die 
Leute also, der wird der kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut 
und lehret, der wird groß heißen im Himmelreich. 

Der Zusammenhang zwischen der angeführten Talmudstelle 
und dem Evangelium auch in bezug auf den Leuchter und das 
Licht leuchten lassen scheint mir vollkommen gesichert und die 
Anekdote, gleichviel ob sie auf einer Tatsache beruht oder erdichtet 
ist, illustriert in satyrischer Weise den Gegensatz zwischen der Ab- 
weichung vom mosaischen Gesetz im Leben und der theoretischen 
Behauptung, daß kein Tütel des Gesetzes abgeändert werden darf. 
Der Hinweis auf den unteren Teil (V. 17 ff.) mag vielleicht auf 
diese Weise am besten erklärt werden. 

Gleichviel, durch diese Talmudstelle wird, wie schon Halevy 
hervorgehoben hat, neuerdings bestätigt, daß in Syrien lange vor 
Konstantin Söhne und Töchter gleich erbberechtigt waren. 

Nachtrag. 

Als ich den Zusammenhang der angeführten Talmudstelle mit 
dem Ev. Matth. Kap. 5, V. 14 — 16 erkannt hatte, wandte ich mich 



(nach der Übersetzung Luthers): 




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CORNELL UNIVERSITV 



392 



D. H. Müller. Zum Erbrecht der Töchter. 



an einen kenntnisreichen evangelischen Theologen in Deutschland 
mit der Anfrage, ob nicht jemand bereits auf diesen Zusammenhang 
hingewiesen habe. Die Frage wurde mir verneinend beantwortet. 
Während der Korrektur wurde ich jedoch von anderer Seite darauf 
aufmerksam gemacht, daß dies in der Tat bereits in einer kleinen 
Schrift, welche aus dem Jahre 1876 stammt, geschehen sei. Sie führt 
den Titel ,Religionsgeschichtliche Studien' und rührt von dem aus- 
gezeichneten Kenner der rabbinischen und evangelistischen Lite- 
ratur, Ober-Rabbiner Dr. M. Güdemann in Wien, her. Er behandelt 
diese Stelle in einem besonderen Abschnitte ,Die Logia des Matthäus 
als Gegenstand einer talmudischen Satyre* (S. 65 — 99) in äußerst 
gründlicher und scharfsinniger Weise. Da dies in berufenen Kreisen 
unbekannt ist, so scheint es mir angemessen, hier darauf nach- 
drücklich aufmerksam zu machen. 

Ich möchte die Gelegenheit benützen, noch eine andere Be- 
richtigung mitzuteilen, die ich Herrn Prof. Dr. Wilh. Bacher in Buda- 
pest verdanke. Er schreibt mir: ,In Ihrer polemischen Abhandlung 
in der WZ KM (1905) S. 150 zitieren Sie die Stelle aus Baba 
Bathra 11 4 b und konjizieren „Simeon b. Juda" statt „Juda b. Simeon", 
aber Juda b. Simeon (ppo» pv n selten '«na mirr tm \) ist der oft 
vorkommende ältere Zeitgenosse R. Jochanans, dem ich in meiner 
Agada der paläst. Amoräer Bd. in, S. 604 — 607 einen Paragraphen 
gewidmet habe. An der Spitze dieses Paragraphen erwähne ich auch 
seine These vom Erbrecht/ 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



M i s z e 1 1 e n. 

Ton 

Emil Behrens. 

1. rabu (med. j). 

Das Verbum räbu ist jetzt aus dem Hammurabi-Kodex hin- 
länglich bekannt (so z. B. vi, 66; xv, 20 usw.). Allem Anscheine 
nach liegt es auch in dem interessanten Fragment K. 3364 (=C.T. 
xiu pl. 29/30, s. auch Delitzsch, Weltsch. 54/5) vor. Hier lautet die 
Zeile 19 des Obvers: a-na e-pi§ li-mut-ti-k[a damijqtu (?) rt~ib-$u 
,Dei[nem] Feinde (dem, der di[r] Böses tut) vergilt mit [Gujtem (?)'. 
Die Ergänzung damiqtu ist nicht ganz sicher, jedoch wahrscheinlich; 
leider ist auch der Zusammenhang gerade an dieser Stelle unklar. 
Doch scheint es sich im Obvers um Moralvorschriften zu handeln, wie 
man sich dem Feinde gegenüber zu verhalten habe; (der Schluß 
des Textes behandelt das Verhältnis zum Freunde). Zum selben 
Stamme gehört auch Rev. 6 ina ri-ba-a-ti. — Für die Geschichte 
der Ethik kann K. 3364 noch einmal wichtig werden; vorläufig ver- 
bietet der lückenhafte Zustand der Tafel allzu vorschnelle Schlüsse. 
— Daß in rlb-Su ein Imperativ steckt, scheint sicher. Beachte Z. 14 
bul-li (Ipt. n 1 von balü); Z. 17 ub-bar, [vielleicht Ipt. u t ) von 
demselben Stamm abäru, von welchem Z. 16 ab-ru, oder aber 
amel ub-bar = ubar(u) ,Freund'; wie damit aber ma-äi-is-su 1 i-ha-sa- 
a[s] ,er erinnert sich dessen, der seiner vergißt' in Einklang zu 

1 maüssu von maiö abzuleiten, macht zwar Schwierigkeiten — ich wüßte 
aber keine bessere Erklärung. 



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Emil Behrens. 



bringen sei, bleibt dunkel]. Dunkel ist vorderhand auch noch die 
Zeile 18. Delitzsch umschreibt den Imperativ am Ende der Zeile 
Su-ut-me-in; C. T. xm bietet aber vor ut ein Zeichen, das aussieht, 
wie der Rest von kisallu oder vielleicht auch AG (ramu). Eine 
Erklärung wäre verfrüht. 



2. niqu. 

Man wird erstaunt sein, daß über niqü noch etwas zu sagen 
sei. Veranlassung dazu gibt mir der oben besprochene Text, dessen 
Revers, wie es scheint, in K. 7897 (Obvers?) sein Duplikat hat. 
Nun wird man sich erinnern, daß Delitzsch in seinem Schluß- 
Vorträge des öftern auf diesen Text bezug nimmt. Die Zeilen 12 
bis 15 (Umschrift auf S. 59) übersetzt er (S. 32): ,Täglich bete zu 
deinem Gott; Reinheit der Rede ist das würdigste Räucheropfer. 
Gegen deinen Gott sollst Lauterkeit du besitzen, usw.' Aber wo in 
aller Welt hat niqü je die Bedeutung ,Reinheit'? Und kann niqü in 
ein und demselben Text bald ,Reinheit', bald ,Opfer' übersetzt 
werden? Und Z. 20 ist ni-qu-u ba-la-tu [u]t-tar doch mit ,Opfer 
steigert das Leben 6 wiedergegeben, wie es auch Delitzsch S. 27 
seines Vortrages tut. Bedürfte es noch eines Beweises, so gibt diesen 
das Assyrische selbst an die Hand. 

Die Mutter Asarhaddons heißt bekanntlich Naqi'a oder Niqa. 
Man hat scharfsinnig erkannt, daß dies ein ausländischer Name sein 
müsse. Dieses ausländische, genauer westländische Naqia ,die Reine' 
übersetzten sich die Assyrer durch Zakütu (s. Meissner, M. V. G. 
1903, 97), d. i. das assyrische Wort für ,Reine'. Wenn dem Stamm 
naqü auch im Assyrischen die Bedeutung ,rein sein' geeignet hätte, 
würde man da wohl nötig gehabt haben, sich Naqia durch zakütu 
zu verdolmetschen? 

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3. sabu = hebr. = ,schöpfen'. 

C. T. 17, pl. 26, Z. 66 (= iv R. 22, IIb) heißt es: ina pi-i 
na-ra-a-ti ki-lal-li-e me li-ki-e-ma ,aus der Mündung der beiden 

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395 



Ströme nimm Wasser'; dazu ist zu vergleichen C, T. 17, pl. 38, 34: 
ina pi-i na-[ra-a-ti ki~] lal-li me-e sa-am-ma. 
samma muß Imperativ sein 5 es ist samma = sab-ma = sa'b- 
ma. Zu säbu s. auch Delitzsch, HWB. 489 a. (Auf diese Stelle, 
die ich übersehen, hat mich Herr Professor Dr. Zimmern gütigst auf- 
merksam gemacht.) 

4. selutu ,Magd<. 

Harper, Letters 11 177, Rev. 2 ff.: [ina IJi-di-iS (3) Sarru be-li 
i-§a-am-me (4) ana-ku ina muh-hi a-mu-at (5) ma-a a-ta-a la tu-§a- 
as-man-ni (6) eqlu bitu niSe märe se-lu-a-te (7) m Arad- ü Nabü 
am 'sangü (oder dupSarru) ina libbi un-qi (8) is-sa-tar a-na ra ma- 
ni-su (9) ut-te-e-ri ü a-na-ku (10) ina muh-hi lä $a-as-lu-ta-ku etc. 
,Übermorgen wird mein Herr König davon hören. Ich bin darüber 
wie tot. (Der König wird sagen:) „Warum hast du mir nicht davon 
berichtet?" Haus und Hof, Sklaven, Haussklaven, Mägde (Skla- 
vinnen) hat der Priester (Notar?) Arad-Nabü vermittels einer (könig- 
lichen?) Order sich verschrieben, an sich gebracht, und ich bin 
darüber zum Besitzrecht nicht mehr zugelassen (?)/ 

Der Singular zu seluate findet sich iv R 61, 50 b, f- Istar-bel- 
da-i-ni Se-lu-tu Sa Sarri (s. HWB. 662a) ,Ktar-b. d., die Sklavin des 
Königs'. 

5. Ja-pi. 

Die Lesung Ja-ve-ilu (Delitzsch, Bibel und Babel i 5 , S. 50) 
wird immer unwahrscheinlicher. In der Zeitschrift für Assyriologie 
(xvi 415 f.) hat Prof. Bezold mit vollem Recht auf den Namen Ja- 
a-bi'ilu verwiesen, der sich in einem neubabylonisch geschriebenen 
(noch unedierten) Briefe findet. Bestätigt wird, wie mir scheint, diese 
Zusammenstellung durch die Tatsache, daß in den Tell-el-Amarna- 
briefen ein Name begegnet, der bald Ja-pi-Sarru, bald Ja-M-Sarru 
geschrieben wird (s. 1. Scheil ,Deux nouvelles lettres d'El Amarna' 
[Bulletin de V Institut Frangais d'archeologie Orient. 1902] Text 11, 
Z. 2 Ya-bi-§arru ; 2. Peiser in OLZ 1903, S. 379, der hierzu mit 



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396 



Emil Behrens. Miszellen. 



Recht Ja-pi-Sarru [aus Winckler, K. B. v, Nr. 70, 13] stellt). Hierzu 
kommt endlich noch der altbabylonische n. pr. Ah-hu-a-ia-bi ,Mein 
Bruder . . / (s. Meissner in ZDMG 58, 249, Anm. 2). Aus dem 
Wechsel von p und b darf man wohl folgern, daß p wurzelhaft ist 
— Für den dritten Namen Ja-u-um-ilu möchte ich — mit allem 
Vorbehalt — die Ubersetzung ,Wer ist Gott' (seil, wenn nicht mein 
Gott) vorschlagen. 



Bab.-Bib. i 5 , S. 63: ,Bis jetzt ist das Verbum Sabätu nur als 
ein Synonym von gamäru bezeugt (v R. 28, 14 f.), sodaß für Sabattu 
eine Bedeutung wie „Vollführung, Beendigung (der Arbeit)" einst- 
weilen am nächsten liegt/ Auf diese Gleichung fällt jetzt ein ganz 
neues Licht durch die Vokabularangabe C. T. xvm, pl. 6, die alle 
bisherigen Erklärungen dieser beiden Synonyma über den Haufen 
wirft. An der angeführten Stelle lesen wir: 

1. [Sja^pa-tu == da-a-nu. 

2. ga-ma-ru = id. 
Daraus folgt: 

3. Sapätu — gamäru — dänu. 
Wir haben also die beiden Reihen: 

1. Sapätu = gamäru — dänu. 

2. sabätu = gamäru. 
Demnach : 

3. sabätu = Sapätu = gamäru = dänu. 

Also liegt gar kein Wort vor, das irgend etwas mit Sabbath 
zu tun hätte, sondern der bekannte Stamm, der im Hebräischen als 
Bötf erscheint. Wenn das Wort bald mit bald mit p geschrieben 
wird, so erklärt sich das aus der Eigentümlichkeit des ä, das p gern 
zu b ,erweicht'. 2 

1 S. ib.pl. 6, 21b. 

2 S. Jensen in Z. Ä. 14, 182 (zitiert nach Zimmern in ZDMQ 58, 459). 



6. sabätu = gamaru. 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



Anzeigen. 



Carl Bezold, Kebra Nagast. Die Herrlichkeit der Könige. Nach 
den Handschriften in Berlin, London, Oxford und Paris zum ersten 
Mal im äthiopischen Urtext herausgegeben und mit deutscher 
Übersetzung versehen von — . Aus den Abhandlungen der königl. 
Bayerischen Akademie der Wissenschaften i. KL, xxm. Bd., r. Abt. 
München 1905 (lxii [EinL], 176 [Text], 160 [Übersetzung und 
Indices] S. in 4 t0 ). 

So liegt nun endlich das Kebra Nagast vollständig in Text 
und Übersetzung vor. Das ungeheure Ansehen, welches dies Buch 
bei den Abessiniern genießt, rechtfertigt die Mühe, die Bezold lange 
Jahre hindurch darauf verwendet, und die Unterstützung, die ihm 
Güidi dabei geleistet hat. Europäischem Urteil kann freilich das 
äthiopische Buch nach seinem Inhalt und seiner Anordnung keines- 
wegs als ein Meisterwerk erscheinen. Die koptisch -abessinische 
Denkart ist eben von der unsrigen sehr verschieden! 

Das Kebra Nagast beansprucht, eine Verhandlung des Konzils 
von Nicaea (325 n. Chr.), oder vielmehr einen dort gehaltenen Vor- 
trag des Gregprius Illuminator, des Apostels der Armenier, wieder- 
zugeben. Dieser hat nach der Legende allerdings dem Konzil bei- 
gewohnt, 1 wird hier aber als Gregorius Thaumaturgus bezeichnet, 

1 Vida de S. Gregorio, Patriarcha da Armenia . . . Versäo ethiopica publicado 
por Fr. M. Esteves Pereira S. 23 (resp. 40). Die von Gelzeu, Hilgen feld •und 
Cüntz herausgegebenen Listen cler Konzilväter enthalten den Namen Gregors na- 
türlich nicht. 



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398 



Carl Bezold. 



also mit einem etwa 50 Jahre früher gestorbenen Manne identifiziert. 
Er beruft sich dabei auf Darstellungen, die er in der Sophienkirche 
gefunden habe (llb. 128 b ; 11); diese hat freilich zur Zeit der Konzils 
schwerlich schon existiert, wenn sie auch noch von Konstantin er- 
baut worden ist. 1 Andere Väter, namentlich ein Domitius von Rom 
(d. i. Konstantinopel) oder Antiochia (sie), werfen nur gelegentlich eine 
Frage auf oder stimmen dem von Gregorius Gesagten zu. Auch der 
Patriarch Cyrill (412—444) spricht einmal mit (152a). Die Form 
des Vortrages wird durchaus nicht festgehalten. Das Buch soll eben 
nur durch die Approbation der 318 heiligen Väter absolute Auto- 
rität erhalten, und das ist ihm gelungen. 2 Anachronismen und In- 
konsequenzen wie die eben angeführten oder gar die Erwähnung 
von Kaisern nach Konstantin (91a), des Abfalls der Römer vom 
rechten (monophysitischen) Glauben und des ketzerischen Kaisers 
Marcian (der das Konzil von Chalcedon 451 veranstaltete), sowie 
der ganze historische und geographische Wirrwarr stören abessinische 
Leser nicht. 

Das Werk wird zusammengehalten durch eine Erzählung vom 
Ursprung des äthiopischen Königtums und Gottesdienstes, woran sich 
als Weissagung ein ganz kurzer Überblick der Geschichte des Reichs 
bis Kaleb und Gabra Masqal (Anfang des 6. Jahrhunderts) schließt. 
Die schon durch die Ausgabe von Praetoriüs bekannte Geschichte, 
wie Salomo mit der Königin des Südens (Matth. 12, 42. Luk. 11, 31) 
Mäkedä 3 den Ahnherrn der äthiopischen Herrscher, David, genannt 
fl£}* 6nh\l9° l * d- i- erf* >der Sohn des Weisen', zeugt und 

1 Theophanes (Bonn) 34. Es könnte sich hier nur um die alte Sophienkirche 
handeln; der Verfasser wußte aber schwerlich, daß das nicht dieselbe war wie die 
spätere Hagia Sophia. 

2 So ist die arabische, von Ibn 'Assäl verfaßte Urschrift des für die Praxis 
wohl noch wichtigeren Nomokanon Feth.a Nagast nach der Einleitung des Buches 
ebenfalls durch die 318 Konzilväter bestätigt worden. Ibn *Assäl schrieb aber 
um 1240! 

3 Der Name ist noch nicht erklärt. Ob ß*fl£ * "lYt^i ' lila 12 eine wirk- 
liche Lokalität ist, kann ich nicht feststellen. 

4 Daraus 9°*}ß>&Yl s (und Nebenformen). 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



Kbbra Nagast. 399 

wie dieser später die Bundeslade in sein Land entführt, enthält zwar 
auch viel Widersinniges, liest sich aber leidlich und bildet den noch 
am meisten anziehenden Teil des Buches. Mit dem König und der 
echten Bundeslade ist das wahre Israel und der Segen, der diesem 
verheißen, nach Äthiopien verpflanzt und der Vorzug Abessiniens 
über Palästina errungen. Freilich hat Christus im jüdischen Lande 
gelebt und gewirkt, aber die Juden haben ihn gekreuzigt, die Athiopen 
ihn anerkannt. Neben Äthiopien kommt als christliches Hauptland 
nur noch das römische (byzantinische) Reich in Betracht. 1 Dessen 
Fürsten stammen auch von Sem ab, ebenso die Könige einiger an- 
derer in der Bibel genannter, meist längst verschollener Völker; das 
alles wird teils durch biblische Berichte, teils durch sonderbare, 
willkürlich erfundene Geschichten erhärtet. Diese Erzählungen unter- 
bricht der Verfasser mehrfach ziemlich planlos durch lange erbau- 
liche, dogmatische und gesetzliche Abschnitte. Gegen den Schluß 
gibt er eine große Menge von biblischen Weissagungen und Typen, 
die auf Christus gehen sollen. Natürlich wird hier viel weniger 
aus-, als untergelegt; das ist ja altkirchliche Weise. Immerhin hat 
mich die Kühnheit befremdet, die zur Begründung der Lehre von 
der Trinität nicht nur die dreifache Benennung ,der Gott Abrahams, 
der Gott Isaaks und der Gott Jakobs' (Ex. 3, 6), sondern sogar das 
,Höre Israel usw.' Deut. 6, 4 heranzieht 2 (166b. 159a). 

Das Werk enthält also die Begründung der Legitimität der 
Dynastie, die mit Jekünö Amläk gegen Ende des 13. Jahrhunderts 
zur Herrschaft kam. Die ihr vorhergegangene Dynastie der Zäguä 
wird wenigstens in der Unterschrift ausdrücklich als illegitim be- 
zeichnet, und dasselbe geschieht, wenn auch ohne Nennung des 
Namens, S. 30b. Vielleicht soll auch die wiederholte Betonung des 

1 Von der traurigen Lage der roraäischen Kaiser seiner Zeit hatte der Ver- 
fasser keine Ahnung. Ihm schwebte nur das alte Ansehen des Reiches vor. 

* Nachträglich kam mir der Verdacht, daß diese Spitzfindigkeiten doch schon 
alt sein möchten. So fand ich wirklich in der Leipziger Catene von 1772, daß 
Theodoret die Dreiheit aus dem zweifachen xupto; und dem 8eo; Deut. 4, 6 erschließt. 
Wer Lust hat, mag hier weiter forschen. 



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400 



Carl Bezold. 



Ausschlusses der Frauen vom Throne Äthiopiens, nachdem Mäkedä 
ihn ihrem Sohne abgetreten hat, auf die Königin gehen, von deren 
Usurpation in einer früheren Zeit wir schwache Kunde haben. Wie 
fand sich der Verfasser aber mit der äthiopischen Königin Kandake 
Apostelgesch. 8, 27 ab? 1 

Daß Salomons Sohn die erstgeborenen Söhne der jüdischen 
Großen mit in seine Heimat nimmt, soll gewiß bedeuten, daß neben 
dem Herrscherhause auch wenigstens ein Teil der mächtigen Fa- 
milien echt israelitisch sei. 

Im Grunde liegt dem Verfasser aber die Kirche noch mehr am 
Herzen als das Land und die Dynastie. Das ganze Gewicht ruht 
darauf, daß durch den Sohn Salomos die echte Bundeslade, die den 
Namen Zion führt, nach Abessinien gelangt ist. Diese ist himmlischen 
Ursprungs, ja ein beseeltes, höheres Wesen mit eigener Wunder- 
kraft: sie ist ein wahrer Fetisch. Gott hatte die Lade vor der Er- 
schaffung der Welt gegründet. 2 Nach dem Wortlaut ist diese das 
Urbild der von Mose hergestellten, aber doch wird sie in unklarer 
Weise immer mit ihr identifiziert. Wir lesen allerlei Mystisches über 
die Lade und ihre Nachbildungen, die Laden (täbötät), die in den 
abessinischen Kirchen als Altäre dienen. Die Hoheit der Priester, 
die auch von israelitischer Herkunft sind, ist überschwenglich groß; 
sie stehen noch über den Propheten (47 a). Sie allein dürfen auch 
den König, wenn er offenkundig irregeht, vermahnen. Das Glück 
des christlichen Volkes unter den gottliebenden Königen wird nach 
der Verkündigung groß sein (47b 48), wenig im Einklang mit den 
wirklichen Zuständen des Landes. 

Kaum zufällig ist es, daß die Stadt Aksüm gar nicht genannt 
wird. 3 Sollte unter der neuen, aus dem Süden stammenden Dynastie 

1 In Wirklichkeit ist zwar das da genannte Äthiopien nicht Abessinien, aber 
die Abessinier müssen es dafür halten. 

2 Vgl. die himmlische Ka'ba, die vor der Welt erschaffen war, z. B. Azraqi 1. 
Die Tradition wird da von Ka c b al'ahbär hergeleitet, geht aber in letzter Instanz 
wohl eher auf eine christliche als auf eine jüdische Phantasie zurück. 

3 Nur eine Handschrift (B) sagt in einem Zusatz, daß die Königin des Südens 
in Aksüm geboren war (134). 



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Kebra Nagast. 401 

die altheilige Reichs- und Kirchenhauptstadt vielleicht bei Seite ge- 
setzt werden? Gelungen wäre dies Bestreben dann nicht. 

Der Gedanke liegt nahe, daß das Kebra Nagast zuerst die 
Abkunft der äthiopischen Könige von Salomo behauptet und die 
Legitimität der neuen Dynastie somit zuerst begründet habe. Doch 
läßt sich das kaum aufrecht erhalten. Ich habe wenigstens den Ein- 
druck bekommen, daß das Buch jenen Glauben schon vorgefunden 
habe. Man kam ja leicht dazu, die Königin Sabas oder des Südens 
als abessinische Fürstin aufzufassen, 1 und dann ergab sich das 
weitere. Auf alle Fälle ist der Glaube an die Salomonische Herkunft 
der Könige von Abessinien durch das Kebra Nagast unerschütterlich 
fest geworden, so daß nach Untergang der Dynastie sogar Theodoros 
und Menilek es als zweckmäßig ansahen, sich einen Salomonischen 
Stammbaum zuzulegen. 

Wenn, wie ich annehme, die Unterschrift des Buches echt ist, 
so fingiert es, im Jahre 409 des Heils (d. i. nach unserer Rechnung 
417/18 n. Chr.) in den Tagen des Königs Gabra Masqal (um 525) 
mit dem Beinamen Lälibalä 3 und des guten Papas Abba Gijörgis 3 
in Äthiopien aus dem Koptischen ins Arabische übersetzt worden 
zu sein. Die Unterschrift enthält auch noch anderes Seltsames. 
Aber richtig ist, daß unserem äthiopischen Buche eine arabische 
Schrift oder mehrere zugrunde liegen. Das sah schon Zotenberg, 
und Bezold beweist es näher. Der Verfasser gebraucht manche 
arabische Wörter und Nachbildungen arabischer Ausdrucksweisen, 

1 Der heil. Ephraim rechnet wenigstens das Land der Auxumiten mit zu 
dem Reiche der Königin (1, 465 B). Er ist sonst über die südlichen Länder ziem- 
lich gut orientiert. 

2 Am Ende ist das ein Versuch, den König Lälibalä, den Erbauer der Felsen- 
kirchen, der um 1200 regierte und der Zäguä-Dynastie angehörte, der älteren Salo- 
monischen Reihe einzufügen und den heiligen Fürsten so legitim zu machen. 

8 Das kann wohl nur der Alexaudrinische Patriarch Georgius I. sein (357 
bis 361), dem es freilich nicht glänzend ging (s. Gütschmid, Kleine Schriften 2, 
437 f.), denn Georgius II. (621 — 631) war Melchit, also für die Kopten und Abes- 
sinier ein Ketzer (eb. 475 f.). Man könnte nun an einen abessinischen Abünä denken, 
aber die Listen in Wrights Katalog 320 f., und die von Guidi veröffentlichten (Le 
liste dei Metropoliti d 1 Abiseinia, Roma 1899) haben keinen Georgius. 



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402 



Carl Bezold. 



gibt allerlei Deutungen von Namen auß dem Arabischen, und die 
zahlreichen Eigennamen setzen fast sämtlich eine arabische Vorlage 
voraus, die er gar oft verlesen hat. Dies alles hat in der äthiopischen 
Literatur manche Analogien. Die Frage ist nur, ob das Kebra Na- 
gast die Ubersetzung eines arabischen Gesamtwerkes ist oder ver- 
schiedener arabischer Stücke, so daß der Äthiope wenigstens auch 
Redaktor gewesen wäre. Er könnte bei beiden Annahmen immerhin 
auch einiges selbständig hinzugefügt haben. Die Entscheidung dieser 
Fragen muß ich anderen überlassen; die erstere Annahme hat aller- 
dings wohl am meisten für sich. 

Der Verfasser war jedenfalls ein äthiopischer Geistlicher, und 
zwar höchst wahrscheinlich einer von koptischer Herkunft mit ara- 
bischer Muttersprache. Nach Bezolds Darlegung ist sehr wohl denk- 
bar, daß jener das Buch erst in seiner heimischen Sprache geschrieben 
und dann selbst in die Literatursprache des Landes übersetzt habe. 
Ließ er das aber durch einen andern besorgen, so macht das keinen 
großen Unterschied. Da das Buch nur für Abessinien bestimmt 
sein konnte, so mußte er ja eine Übersetzung ins Äthiopische von 
Anfang an ins Auge fassen. 

Als Zeit der Abfassung haben wir die Frühzeit der Salomoni- 
schen Dynastie anzusehen, also das Ende des 13. oder den Anfang 
des 14. Jahrhunderts. 

Welche arabischen (und koptischen?) Quellen der Verfasser 
benutzt hat und wie er das getan, wird vielleicht spätere Forschung 
wenigstens teilweise feststellen. Besonders interessant wäre es, die 
Elemente der Erzählung von Salomo und Mäkedä zu ermitteln. Von 
der Geschichte des Gregorius Illuminator (s. oben S. 397) und selbst 
der von dem König j£/}sfift (wahrscheinlich ein verlesenes o-^y 
resp. u*\j> ^ß>) und den Märtyrern von Negrän hat er gewiß arabische 
Texte vor sich gehabt, nicht die uns bekannten äthiopischen. 

Trotz des arabischen Einflusses ist das Buch, soweit ich urteilen 
kann, in gutem und meistens auch in fließendem Geez geschrieben. 
Bezold führt in der Einleitung eine Reihe von sprachlichen Eigen- 
tümlichkeiten an, die sich namentlich in der ältesten Handschrift (P) 



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Kbbra Nagast. 



403 



finden. In mehreren davon, besonders in der ungewöhnlichen Setzung 
oder Weglassung eines auslautenden a 7 kann ich zwar nur Inkorrekt- 
heiten sehen; wie weit solche aber dem Verfasser des äthiopischen 
Textes selbst zuzutrauen sind, mag dahingestellt sein. Das Geez 
war damals ja nur noch Literatur-, Kirchen- und Staatssprache, 
nicht mehr Volkssprache. Auf gewisse Abweichungen von der als 
regelrecht geltenden Orthographie lege ich nicht viel Wert. So macht 
es meines Erachtens wenig aus, ob gelegentlich schon in der sehr 
alten Handschrift ej für ij und umgekehrt steht; die wirkliche Aus- 
sprache wird bei beiden Schreibweisen wesentlich dieselbe gewesen 
sein : ij oder genauer i% mit sehr vokalischem j$ eventuell geradezu 
l. — Auch syntaktisch zeigt unser Buch einiges Bemerkenswerte; 
so die Verwendung von fatn» oder ungefähr in der Bedeutung 
von av innerhalb eines Satzes. 1 

Amharische Wörter treten im Kebra Nagast noch fast gar nicht 
a uf- fl)A£ ,packen, fassen' 105b 10 ist vielleicht nicht spezifisch 
amharisch; es kommt auch im Tigrina (allerdings wohl in etwas an- 
derer Bedeutung) vor. Ptft** lllb 18 ist wohl mit dem Heraus- 
geber ,Stute' zu übersetzen und zum amharischen ,Klepper' (aus 
gänja) zu ziehen, dessen Feminin es sein wird (gänet aus gänjat). 
Merkwürdig ist die Form iffiTr = geez (und tigrina) "If^i ,Kasten, 
Lade', schon mit der Verwandlung des ft, in fn, die in neuerer 
Zeit in der amharischen Schriftsprache zur Herrschaft gekommen 
ist, während die älteren Schriften durchweg noch jene Laute zeigen. 3 

Von den Wörtern, die nach Bezold xxxv f. dem Arabischen 
entnommen sind, möchte ich einige wenige streichen. «frllfcl* kommt 
öfter im A. T. vor. wCty oder w&ty ist gut äthiopisch. rtflÄ" 1 ^ 

1 Ob dies Wörtchen, das vor der Apodosis des irrealen Bedingungssatzes be- 
kanntlich ganz gewöhnlich ist, von Haus aus oder Jfi9° lautete, ist noch 
ganz unklar. Mit Yitn* ,wenn* = , d. i. im (arab. in) + mä hat es schwerlich 
etwas zu tun. 

8 Dies dürfte die richtige Form sein. 

8 So kommt in amh. Drucken auch noch gerade tlfa*} vor Matth. 2, 11, vgl. 
Zotenbergs Katalog 22 a, 1 (Esra 6, 1). Die jetzt übliche amharische Aussprache 
eines geschriebenen oder ist aber ff|, wie mir Reinisch einmal mitgeteilt hat. 
Wiener Zeitschr. f. d. Kunde d. Morgenl. XIX. Bd. 27 




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404 



Carl Bezold. 



(wie auch in Büdöbs Alexander 269, 10 zu lesen) , Vipern 1 ist 
schwerlich dem Arabischen entlehnt. Eher ist umgekehrt t**^* von 
den Äthiopen zu den Arabern gekommen. Als Bedeutung des ara- 
bischen Wortes wird ,Skorpion' angegeben (s. Lisän usw.), aber für 
die wenigen Belegstellen dürfte auch , Viper' passen. Das verschollene 
Wort stand gewiß nicht in den arabischen Quellen des Kebra Na- 
gast. ^0+ >y& schreien' (vom Esel) kann wenigstens echt äthiopisch 
sein. 1 Dies pna ist ja nicht bloß arabisch, sondern auch hebräisch 
und aramäisch. Daß Vf£ eigentlich ,Rede' in der Bedeutung ,Sache' 
dem j*\ nachgebildet sei, ist ganz unwahrscheinlich, denn im Ara- 
bischen heißt ja j*\ gar nicht mehr ,reden' und j*\ nicht mehr 
,Rede'. 

Das Buch ist aber auch für das Lexikon des Geez ziemlich 
ergiebig. Das zeigt übersichtlich das höchst dankenswerte Glossar 
S. xxi— xxxiv, in dem Bezold die aus ihm geschöpften Ergänzungen 
zu Dillmann vorführt. Ganz besonders interessant ist das dreimal 
vorkommende 0#d£ (oder 0JF°£?) ,(fest)stehen' und *f«0ifo£ oder 
i*09°£* inh 12 in derselben Bedeutung. Obwohl die Wurzel in 
allen semitischen Sprachen vorkommt, so hat das Verbum jene Grund- 
bedeutung, soweit es überhaupt noch existiert, sonst nur noch im 
Hebräischen behalten ; auch die neueren äthiopischen Dialekte scheinen 
es nicht mehr zu kennen. Die Abschreiber des Kebra Nagast ent- 
stellen zum Teil das ihnen unbekannte Wort. 

Nicht alles in dem Glossar ist übrigens als gut äthiopisch an- 
zusehen. Schlechte Lesarten einzelner Handschriften hätte Bezold 
in dieses lieber nicht aufnehmen sollen. Wenn ein Abschreiber z. B. 
einmal für ih^\'f setzt, so heißt jenes doch ganz gewiß noch 

nicht ,Amme c ; Bezold setzt auch ein?? zu dieser Bedeutung. Selbst 
das nur in cod. P. einmal vorkommende jJ°ClMl fär y°£h*fl ge- 
winn' war mindestens als sehr zweifelhaft zu bezeichnen. Und die 
mannigfachen Entstellungen der griechischen Tiernamen aus Lev. 11 



1 Es kommt noch vor ZBMG 35, 73, Anm. 2 = Martyres de Nagran (Pb- 
reiba) 120, ». 



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Kebra Nagast. 



405 



und Deut. 14 konnten sämtlich fehlen. Ebenso die Verschreibung 
Jtfth<2>?° fi* r hMl&lt Gxptviov (scrinium). 

Ich erlaube mir jetzt noch einige Bemerkungen zu einzelnen 
im Glossar angeführten Wörtern, indem ich, wie dieses, die alpha- 



In tfD^y/^fli ! <Dtf» a 7f|+ 9b 20 f. ist schwerlich eine Ditto- 



im Alexanderbuch (ed. Budge) 279, 10 f. kommt tfDjF 1 /*»«^ : (Doof* 
/**fll vor unc * e b. 282, 1 noch aof^lip^. Was das Wort bedeutet, 
ist mir allerdings unklar. 

s tDaotiCjf^* 17a 22 sind nicht ,Sänger und Sänge- 
rinnen*. Die Worte sind ja aus Koh. 2, 8 genommen (Dillmann 211) 
und übersetzen ohoyQouq xai otvoxöas durch ,die, welche das JP"HC 
— Bier machen 4 . Das Verbum tfD|f£ i, 1 ,Bier machen* Takla Mär- 
jäm (Lady Meux Manuscripts i, ed. Budge) 15 b 7. 

Das in einer uns neuen Bedeutung öfter vorkommende Verbum 
hC£?h würde ich nach dem Zusammenhange nicht einfach als mit- 
teilen, melden* fassen, sondern als ,frohe Meldung machen* wie ^-j. 
Ich weiß aber nicht, wie es zu dieser Bedeutung gekommen ist. 

Daß «frV-^A 97, 3 ein mißverstandenes J-s*^ ,Tassen*, ist 
eine hübsche Entdeckung Guidis. Aber dieses Wort hätte der äthio- 
pische Ubersetzer richtig wohl nicht ^V^A geschrieben, sondern 
etwa AS'T.A; denn das Zeichen }£ wurde damals schwerlich schon 
gebraucht, und dann hat man für £ die in Ägypten herrschende 
Aussprache als g zu erwarten. So Tf^^ = *r*- l? a 21. 

0*>{i'fr<l>g,9 o ,rachsüchtig* kommt auch Galäwdewös (Conzel- 
mann) 36, 14 vor. 

Sollten nicht aofl^f = c^>rr* eher /Postreiter* (*Kji) als 
,Kundschafter* sein? 

Tf^^ = H^'V bei Dillmann ist sicher nicht ,eine Gazellenart*, 
sondern, wie schon Ludolf festgestellt hat und der heutige amha- 
rische und tigrina Sprachgebrauch 1 bestätigt, , Giraffe*; es gibt ja 



1 Ich könnte dafür noch Bruce und Heuguh als Zeugen anführen. 



betische Reihenfolge einhalte. 



graphie, wie Guidi zu der Übersetzung der Stelle annimmt, denn 




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406 Carl Bezold. 

auch *a[zY)XoxapSaAi; Deut. 14, 5 wieder. Daß diese griechische Über- 
setzung des hebräischen iüt nicht richtig sein kann, hat für das 
Äthiopische keine Bedeutung. Und was sich die Abessinier bei 
griechischen Tiernamen, die sie ihrer Bibel entnahmen, wie "7*5^ (ent- 
stellt *7Gft) TP ö<3:a denken, ist für die Sprache selbst ziemlich gleich- 
gültig; man darf also dem eben genannten Wort nicht die Bedeutung 
ossifragus zuschreiben. Noch weniger sind rcipijve? A,&&f) , Strauße'; 
für eu^aTepe«; cipouBöv Jes. 43, 20 steht ja 158a, 28 Mü'hÖW- 

Welches Tier Äfth*> oder &tlh¥ ( un <* Varr.) bezeichnet, das 
Tp<rf6Xa<pos übersetzt, ist unsicher. Auch aus Conti Rossinis ,Ricordi 
di un soggiorno in Eritrea' 14, 5 (Gadla Sädqdn) ergibt sich das 
nicht. Die Tradition (s. Dillmann s. v.) nimmt es als ,Büffel' (bos 
caffer), was richtig sein kann. 1 

1*flC ! roHl/Ml 88 b 8 kommt auch bei Conti Rossini, L' Evan- 
gelo d' ovo 12, 5 v. u. 17, 3. 26, 13 vor; das zweite Wort bedeutet 
wohl ,Frohndienst' oder ,Gelderpressung'. Das könnte zum amha- 
rischen lfl7'fl ^habgierig' gehören. 

Daß T^H. 164a 9 ,Morgenzeit' bedeute, bezweifle ich; der 
Äthiope hat äpöpov Arnos 4, 13 nicht genau übersetzt. 

Im Glossar fehlt JfkA 125, 9 ^bestimmen'; das wäre der erste 
Beleg zu Dillmanns zweitem Verbum fo£ i, 1 (col. 873). Ganz 
sicher ist mir aber die Bedeutung noch nicht. 

Ebenso vermisse ich im Glossar die Worte J&ft.jPG * flh*?C 
160b 23, wofür die Übersetzung gewiß richtig ,stößt an mit dem 
Fuß' hat; a^atvet -o3f Prov. 6, 13 ist also von Äthiopen genauer 
spezialisiert. 

Ich knüpfe hieran noch zwei lexikalische Bemerkungen. Bezold 
hat sich nach Dillmanns Vorgange durch verleiten lassen, /h* n9 4' 
88 a 17 /Torheit' zu übersetzen. Die Wurzel bedeutet im Äthiopischen 
aber durchweg , elend, gering'; hlftth 00 ^ * st )S erm S achten'. Dill- 



1 17 a 19 ist nicht yBüffel', sondern eine große Antilope, von Heüglik, 

Reisen in Nordost -Afrika 2, 1 22 ff. 277 als antilopa bubalis ,Kuhantilope' bestimmt; 
vgl. Brehm, Säugetiere 2, 345. 



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Kebra Nagast. 407 

mann 7 6 f. bietet selbst das nötige Material, dies zu sichern, und 
unsere Stelle bestätigt die wesentliche Identität von m ^ 
siehe die Variante und Zeile 20 und 18. — flAC/K» ,Perle' verdankt 
seine Bedeutung natura, hypostasis, persona nicht etwa poetischer 
Phantasie (S. xl), sondern dem Verkennen der Bedeutungsentwick- 
lung von jA*** (d. i. pers. göhar). Dieses bedeutet zunächst etwa 
; Wesen, Quintessenz', dann erst ,Juwel', auch wohl ,Perle', wie 
ySf*^- Letzteres Wort ist in sehr alter Zeit als flAG£ i ns Äthio- 
pische gekommen und wird nun auch zur Übersetzung von j*y=?* in 
beiden Hauptbedeutungen gebraucht. 

Der Herausgeber hat eine Reihe von Handschriften sorgfältig 
verglichen. Die wichtigste ist die sehr alte, ins 14. Jahrhundert zu 
legende Pariser Handschrift P. Ganz so hoch wie Bezold kann ich 
sie allerdings nicht schätzen. Sie zeigt schon alle die bekannten 
orthographischen Schwankungen, indem sie die Gutturale, die Zisch- 
laute und nach Gutturalen die a-Laute nicht genügend unterscheidet. 
Auch hat sie manche wirkliche Fehler. Doch ist es eben wegen 
des hohen Alters der Handschrift durchaus zu billigen, daß Bezold 
ihre Lesarten vollständig gibt, alle orthographischen Kleinigkeiten 
eingeschlossen. Mit P ist die Handschrift C nahe verwandt und auch 
D, die leider nur für einen kurzen Abschnitt benutzt werden konnte. 1 
Die Feststellung des Textes wäre ziemlich einfach, wenn PC(D) 
auf der einen und die übrigen Handschriften auf der anderen Seite 
durchweg scharf getrennte Gruppen bildeten; aber wenigstens zu- 
weilen zeigen sich Einflüsse der ersten Gruppe auf die zweite. In 
den meisten Fällen sind die Lesarten der ersten Gruppe vorzuziehen 5 
doch kann auch recht wohl die andere Gruppe, deren Archetypus 
ja älter als P gewesen ist, einmal gegen PC das Richtige haben. 
Und vereinzelte Lesarten von P oder von B haben zunächst nicht 
mehr Wert als vereinzelte Lesarten der anderen Kodizes. Allerdings 

1 Die aus der abessinischen Beute 1868 ins British Museum gekommene 
Handschrift wurde nach einigen Jahren dem König Johannes zurückgesandt. Vorher 
hatte Wrigut den Abschnitt für Praetorius kollationiert. 



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408 



Carl Bezold. 



wird die Ei'kenntnis des Ursprünglichen oft noch dadurch erschwert 
oder unmöglich, daß verschiedene Abschreiber orthographische oder 
sonstige kleine, für den Sinn gleichgültige Veränderungen wie ,er 
sagte ihm' für ,er sagte' unabhängig voneinander angebracht haben 
können. Für den Urtext kommt am wenigsten in Betracht cod. A, 
aber dieser ist dadurch interessant, daß er den Wortlaut oft gram- 
matisch oder sachlich verbessert, und zwar nicht eben selten ganz 
verständig. 

Wie bereits angedeutet, scheint mir Bezold P für die Kon- 
stitution seines Textes etwas zu sehr bevorzugt zu haben. So hätte 
ich nicht gleich la 1 und sonst bloß auf dessen Autorität hin ?t*7lU 
h'ttduC mit h geschrieben und noch weniger mit P 1 a 3 i 
4>&ft für das auch durch C bezeugte, sehr auffällige, aber gewiß 
ursprüngliche an' i /^A-fr gesetzt. Daß auch A das gewöhnliche 
«jC^ft gibt, beweist nichts. A verbessert auch 31a 7 das von allen 
anderen Handschriften gegebene UTrftt nac h den folgenden Stellen 
in A.P'Jift; dem hätte der Herausgeber nicht folgen sollen. Denn 
iVifh 5 <DAA s F^rh» ist j a Bava(a<; moq Iü>8ae 1 Kg. 1, 8. Daß der 
Mann nachher hj^titl genannt wird, ist eine Nachlässigkeit des 
äthiopischen Schriftstellers selbst; diese Inkonzinnität müssen wir im 
Texte lassen. Doch wie dem auch sei, bei der genauen Angabe 
der Varianten kann sich jeder Leser aussuchen, was ihm das Richtige 
scheint. 

Bezold nimmt aber gewisse Klassen von Varianten in seinen 
Apparat nicht auf, immer abgesehen von P. Man braucht nicht 
jede Einzelheit in den S. xn f. dargelegten Grundsätzen für die 
Weglassung von Varianten zu billigen j 1 im ganzen muß man sein 
Verfahren für richtig halten. Er durfte sogar noch weiter gehen 
und, wo nicht ganz besondere Gründe dagegen spraohen, alle ver- 
einzelten Lesarten weglassen, die nach streng kritischen Prinzipien 
dem Urtext nicht angehören können. Aber der, nicht immer richtige, 



1 So war meines Erachtens die Lesart von ABCLR la 15 nicht bloß an- 
zugeben, sondern sogar in den Text zu setzen. 




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Kebra Nagast. 



409 



Satz superflua non nocent mag hier gelten. Daß die charakteri- 
stischen Verbesserungen von A verzeichnet werden, ist jedenfalls zu 
loben. 



Verständnisses gewesen. Ich habe nur sehr wenige Stellen bemerkt, 
die ich anders übersetzen möchte. So muß es S. 131, 4 v. u. für 
,nach dem Lande Läbä' heißen ,nach dem Lande Läbäs', denn 
Läbä ist die Form der äthiopischen Bibel für Laban, was ja auch 
Bezold nicht entgangen ist; s. S. 65, 3 und den Index. Aber die 
erklärenden Anmerkungen wünschte ich etwas zahlreicher. Freilich 
ist nicht zu verlangen, daß alle Rätsel, die der Text uns aufgibt, 
gelöst werden. Besonders bleiben viele Namen dunkel, sei es, daß 
sie von dem Äthiopen selbst in falscher Gestalt übernommen, sei es, 
daß sie überhaupt rein willkürlich gebildet worden sind. So vermag 
ich einige von den Namen der zwölf Länder, über welche die 
Kinder Israels herrschen (nach Gen. 25, 13 — 15), 109a unten nicht 
zu deuten, während z. B. tfoft und 9°Ci x ziemlich sicher *SS* und 
4Jj>*>-* (ohne Artikel) sind. 

In der Einleitung erhalten wir noch den arabischen Text und 
die Übersetzung einer Erzählung von Salomo, der Königin des 
Südens und ihrem Sohne, deren enger Zusammenhang mit dem 
Kebra Nagast auf den ersten Blick deutlich ist. Sie weicht jedoch 
von dem, was das Buch berichtet, in einigen, zum Teil nicht un- 
wesentlichen, Zügen ab. So hat die Königin hier einen Ziegenfuß, 
der erst, als sie vor Salomo erscheint, durch die Berührung mit 
einem wunderbaren Holz plötzlich zu einem Menschenfuß wird. 
Der Königsohn entführt die Bundeslade in stillem Einverständnis 
mit dem Vater. Um das Geheimnis zu wahren, läßt jener alle bei 
der Herstellung der falschen Lade beschäftigten Arbeiter umbringen. 2 
Man könnte deshalb vermuten, daß diese Erzählung mit dem Kebra 
Nagast nur eine gemeinsame Quelle hätte, nicht ihr selbst entstammte. 

1 Das dürften die best beglaubigten Formen dieser beiden Namen sein. 

2 Der Erzähler findet das offenbar ebensowenig anstößig wie den Raub und 
die Täuschung selbst. 



Die Übersetzung ist auch mir ein erwünschtes Hülfsmittel des 




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410 



Carl, Bezolö. 



Doch spricht besonders die starke Betonung der Lade nebst meh- 
reren Einzelheiten in dem Bericht über ihre Wegführung für die 
Annahme direkter Abhängigkeit. Der Erzähler hat also wohl nur 
dies und jenes aus sonstigen Geschichten übernommen und anderes 
aus eigener Erfindung geändert. Wahrscheinlich hatte er aber nicht 
das äthiopische Buch, sondern dessen arabisches Original vor sich. 1 

In der Behandlung des arabischen Textes ist Bezold etwas 
zu zaghaft verfahren. Es war nicht nötig, fraglos richtige Ergänzungen 
diakritischer Punkte anzugeben und die Vulgarismen und offenen 
Verstöße gegen die Grammatik als solche durch ,so Cod.' zu be- 
zeichnen. Solche aber gar zu verbessern, wie er es meistens getan 
hat, halte ich für unrichtig. Der Verfasser war z. B. nicht sicher 
im Gebrauch der Akkusativendung 1—, die er doch als einen Schmuck 
feiner Sprache ansah; daß Bezold weiß, wo diese Endung stehen und 
nicht stehen oder wo es nicht ^rf heißen muß, brauchte er 

nicht zu dokumentieren. 2 Mit für wXaJ xlvi, 1. xlvii, 22 hat 

es wohl noch seine besondere Bewandtnis; der Verfasser wird hier 
die, natürlich unflektierbare, Dialektform fiadä oder hadan 3 vor Augen 
gehabt haben, die allerdings aus ahadan entstanden ist. Zwar können 
wir, wie fast immer bei solchen Texten, nicht wissen, welche Abwei- 
chungen von den Regeln der Schriftsprache auf Rechnung des Ver- 
fassers, welche auf Rechnung der Abschreiber kommen, aber am 
sichersten hält man sich im Zweifelsfalle an die Handschrift; großes 
Unrecht tut man jenem damit gewiß nicht. 

Im übrigen schlage ich folgende Verbesserungen, resp. Wieder- 
herstellungen des Überlieferten vor: xlv, 2 wohl ly^Lf^». — xlvh, 15 

1 Schwierig zu erklären ist aber, daß in der jüngst von Littmann (BibUotheca 
abessinica i) herausgegebene Tigre-Legende, die auf das Kebra Nagast zurückgeht, 
der Zug mit dem Tierfuß (da ist's eine Eselsferse) ebenfalls vorkommt. 

2 Solche halbgebildete Autoren stehen der arabischen Schriftsprache etwa so 
gegenüber, wie Gregor von Tours der lateinischen. Sie haben, wie dieser, eine 
Ahnung von grammatischen Regeln, wissen sie aber nicht richtig zu gebrauchen, 
weil sie in ihrer Umgangssprache nicht mehr angewandt werden können. Reine 
Vulgärsprache schreiben sie aber durchaus nicht 

3 Lohr, Der vulgärai'abische Dialekt von Jerusalem § 16. 




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Kebra Nagast. Die BhagavadgItä. 411 

^5^31. — xlix, 18 und l, 17 Uä* (.= — xlix, 18 dann wohl 

C5^^ ol> — L ; 3 behalte ich bei; gemeint sind die Stadt- 

tore als Beratungsort der Ältesten, vgl. z. B. Kuth 4, 11. — l, 9 
möchte ich ebenfalls verteidigen; jüngere Dialekte werfen ^ 
und gern zusammen. 1 — = y^^o li, 14 zu ver- 

ändern, liegt kein Grund vor. — Auch ist es kaum zulässig, besserem 
Wissen zu lieb li, 18 ^Uo^U = ^j^o (sive wai^o v-»^ld) St. Mari 
in ^U-ojb Ilappieva? zu ändern. 

Sprachlich neu war mir 7 gedemütigt' li, 10; das transi- 

tive JS verzeichnet allerdings Dozy. — Auffallend ist die Vokalisation 
xliv, 7 für den bekannten Wundervogel, der nach dem Qämüs 
£j heißt, 2 in Übereinstimmung mit der wohl durch Galland zu uns 
gekommenen Aussprache. 

Bezold hat sich durch die Herausgabe dieses Werkes ein neues 
großes Verdienst erworben. Der Mitarbeit Guidis gebührt hohe An- 
erkennung. Besonders dankbar müssen wir noch der Bayerischen 
Akademie sein, daß sie dies umfangreiche Werk, dessen Herstellung 
recht kostspielig war, als einen Teil ihrer Abhandlungen hat er- 
scheinen lassen. 

Der äthiopische Text ist fast ohne alle Druckfehler, ein glän- 
zendes Zeugnis für Bezolds und Guidis Sorgfalt bei der Korrektur 
der Druckbogen. Die ganze Ausstattung ist vortrefflich. 

Straßburg i. E. Th. Nöldeke. 



Richard Garbe, Die Bhagavadgitd, aus dem Sanskrit übersetzt, mit 
einer Einleitung über ihre ursprüngliche Gestalt, ihre Lehren und 
ihr Alter. Leipzig 1905, H. Haessel, Verlag. 

Das vorliegende Buch von R. Garbe ist nach meiner Über- 
zeugung epochemachend für unser Studium der Bhagavadgita. Es 
fördert zugleich nicht unwesentlich unsere Einsicht in die Geschichte 

1 So finde ich «^i-o im koptisch-arabischen Synaxar, ed. Basse t 1, 204 
[50], 6, 8, 10 ganz wie in unserer Erzählung. 

* Damlri gibt keine Vokalisation. Lisän hat das Wort nicht. 



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412 



Richard Garbe. 



der Krishiia -Verehrung und bietet an einem bestimmten Punkte einen 
nicht unwichtigen Beitrag zur Kenntnis der Entwicklung des Ma- 
häbhärata-Textes. Die Vertrautheit Garbes mit der indischen Philo- 
sophie und speziell den Sämkhya- Yoga-Lehren, im Verein mit seinem 
außergewöhnlich klaren, nüchternen, kritischen Urteil befähigten ihn 
in ganz hervorragender Weise, eine Frage aufzuhellen, an der sich 
schon mancher vergeblich abgemüht hat: die Frage nach der Ent- 
stehungsgeschichte der Bhagavadgita, nach ihrem philosophischen 
und religiösen Gehalt und dem Verhältnis der in ihr vorgetragenen, 
vielfach einander widersprechenden Lehren. Diese Widersprüche 
waren es, welche vor allem eine Aufklärung verlangten, und Garbe 
hat liecht, wenn er zu diesem Ende den Hinweis darauf für un- 
genügend hält, daß hier ja nicht ein schulmäßiger Philosoph, sondern 
ein W eiser, ein Dichter aus der Fülle der Begeisterung heraus rede. 
Die Widersprüche sind zu hart, um sich so erklären zu lassen. Sie 
müssen tiefer begründet sein. 

Es mag vielleicht manchem, wie dem Schreiber dieser Zeilen, 
schon früher der Gedanke gekommen sein, daß der springende 
Punkt hier am Ende in einer vedantistischen Überarbeitung eines 
ursprünglich auf Säipkhya- Yoga-Lehren basierten, den Krish^a ver- 
herrlichenden Gedichtes zu suchen sei. Das lag nicht so fern an- 
gesichts der Tatsache, daß die Sämkhya- Yoga-Lehren von dem Ver- 
fasser des Gedichtes deutlich ein Mal über das andere mit Namen 
genannt, vorgetragen und als höchste Weisheit verherrlicht werden, 
wie auch angesichts der weiteren Tatsache, daß im Laufe der Zeit 
die vedantistischen Lehren sich mehr und mehr ausbreiten und zu 
einer Art indischen Gemeingutes werden. Doch von solch einer 
Vermutung bis zu dem klar und scharf geführten Beweise, daß es 
sich tatsächlich so verhalte und von diesem Gesichtspunkte aus alle 
Unklarheiten sich auflösen und verschwinden, ist ein weiter und 
schwieriger Weg. Und wir sehen ja, daß unter den bisher ob- 
waltenden Umständen, bei dem bis auf Garbe noch durchaus un- 
geklärten Stande der Bhagavadgitä-Kritik, sich auch Ansichten ganz 
anderer Art hervorwagen und behaupten konnten — behaupten freilich 




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Die BhagavadgItä. 413 

nur darum, weil man ihnen nicht energisch kritisch auf den Leib 
rückte. So z. B. die der GARBE'schen direkt entgegenstehende An- 
sicht von Holtzmann, der allerdings auch eine Überarbeitung annimmt ; 
eine ältere und eine jüngere Bhagavadgitä unterscheidet, die ältere 
Bhagavadgitä aber für eine pantheistische, philosophisch-poetische 
Episode des alten Mahäbhärata erklärt, welche späterhin eine visch- 
nuitische (d. h. krischnaitische) Umarbeitung erfahren hätte. So auch 
die Ansicht von Dahlmann, der in der Bhagavadgitä eine ältere 
Form der Särpkhya-Philosophie entdeckt zu haben glaubte. Böht- 
lingk vermochte nur als Philologe an der Besserung des Textes im 
sprachlichen Detail zu arbeiten. Eine tiefer greifende Kritik mußte 
er als Desiderium einem Kenner der indischen Philosophie über- 
lassen. In all diese Unklarheit Licht gebracht und die wesentlichsten 
Fragen endgültig gelöst zu haben, ist das große Verdienst, welches 
nach meinem Dafürhalten nunmehr Garbe wird zuerkannt werden 
müssen. 

Eine besonders überzeugende Kraft scheint mir darin zu liegen, 
daß Garbe neben die sehr einleuchtenden Ausführungen seiner ,Ein- 
leitung' den Text der Bhagavadgitä in Übersetzung stellt und an 
diesem gewissermaßen die Probe auf die Richtigkeit des Exempels 
macht, indem er es versucht, die wahrscheinlich später eingescho- 
benen vedantistisch gefärbten Verse und V erspartieen auszuscheiden, 
durch Kenntlichmachung derselben vermittelst kleineren Druckes. 
So fällt, was er für jünger, was für älter hält, alsbald in die Augen 
und läßt sich gut prüfen. Und es ist überraschend, wie verhältnis- 
mäßig leicht und glatt diese Operation gelungen ist. Gewiß kein 
schlechtes Zeugnis für die Richtigkeit der Voraussetzung. Natürlich 
wird man im einzelnen hie und da anderer Meinung sein können 
und es ist auch von vornherein wahrscheinlich, daß der vedantistische 
Interpolator nicht überall einfach interpolierte, sondern vielfach auch 
die Umgebung der Interpolation passend umgestaltete und derselben 
gewissermaßen assimilierte, daher die Rechnung nicht überall ohne 
Rest aufgehen kann. Aber im ganzen hat sich die Scheidung der 
älteren und der jüngeren Stücke, wie gesagt, überraschend gut 



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414 



Richard Garbe. 



durchführen lassen, und das ist die beste Stütze der Theorie. Garbe 
darf mit Genugtuung darauf hinweisen (p. 16), daß durch seine 
Ausschaltungen nirgends eine wirkliche Lücke im Text entsteht, 
vielmehr an verschiedenen Stellen der unterbrochene Zusammenhang 
wieder hergestellt wird. 

Die ältere, ursprüngliche, noch nicht vedantisierte Bhagavadgitä 
entstammt nach Garbes überzeugenden Ausführungen derjenigen 
Periode der indischen Religionsgeschichte, in welcher die Verehrung 
des Krishna aus ihrer anfänglich mehr lokalen und sektarischen Be- 
deutung herausgetreten und allgemein brahmanisch geworden, von 
den Brahmanen, zu denen sie von Hause aus sogar in einem ziemlich 
scharfen Gegensatz stand, aufgenommen und ihrem System eingefügt 
und assimiliert war, auf dem Wege der Identifizierung des Kyishija 
mit Vishnu. Die Verehrung dieses Kj-islnja-Vishnu erhält nun in echt 
indischer Weise ein philosophisches Fundament in den vereinigten 
Sämkhya- Yoga-Lehren, und das ist der Standpunkt der ursprüng- 
lichen Bhagavadgitä. Allerdings steht das Bild des Gottes auf diesem 
philosophischen Sockel keineswegs so fest und sicher, daß man nicht 
deutlich merkte, Bild und Sockel gehörten eigentlich nicht zusammen. 
Indessen sie sind nun einmal zusammengebracht und eins ist auf dem 
andern, so gut es eben ging, befestigt, um in einer späteren Periode 
dann noch die Glorie der Vedantisierung zu erhalten und in der 
bengalischen Beleuchtung der All-Einslehre zu strahlen. Ursprünglich 
aber war Krishna etwas ganz anderes gewesen. Krishna -Väsudeva, 
der Sohn der Devaki, der nicht ohne Not von dem Krishna Deva- 
kiputra der Chändogya-Upanishad getrennt werden darf, war ver- 
mutlich von Hause aus der Stifter einer monotheistischen Religion 
im Gangeslande, zunächst unter seinen Stammesgenossen, den Yä- 
davas. Er gehörte ohne Zweifel dem Kriegerstande an, stand im 
Gegensatz zu den Brahmanen, ihrem Opferwerk, ihren Veden, ihrer 
polytheistischen Religion, und betonte in der von ihm gestifteten 
Lehre aller Wahrscheinlichkeit nach von Anfang an in kräftiger 
Weise das moralische Moment, das pflichtgemäße, uninteressierte 
Handeln, ein Zug, der an der Bhägavata-Lehre in unserem Gedicht 




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CORNELL UNIVERSITV 



Die BhagavadgItä. 



415 



so überaus charakteristisch hervortritt. Gerade zu diesem Zuge 
würde auch der Zusammenhang, in welchem die Chändogya-Upa- 
nishad den Krishna Devakiputra erwähnt, sehr gut stimmen, da er 
dort als Schüler eines Lehrers hoher moralischer Grundsätze auftritt. 
Er war aber auch, wie das Epos uns lehrt, ein kriegerischer Held 
und Führer seines Volkes. Nach seinem Tode ist er dann offenbar 
vergöttlicht und mit dem einen Gotte, welchen er bekannte und 
lehrte und welchen seine Anhänger, die Bhägavatas, den Erhabenen, 
Bhagavant, zu nennen pflegten, identifiziert und als der eine, alleinige 
Gott verehrt worden. 

Dieser sehr plausiblen Ansicht von Garbe, die mit allen histo- 
rischen Tatsachen aufs beste stimmt, steht die solare Theorie von 
Senart gegenüber, der in Krishna ebenso wie in Buddha einen alten 
Sonnenheros erkennen will. Sie wird sich ebensowenig aufrecht 
halten lassen, wie die SENART'sche Buddha-Theorie. Sonnenmythen 
sind erst dadurch mit Krishna in Zusammenhang gekommen und 
auf ihn übertragen worden, daß man ihn mit Vishnu, einem alten 
Sonnengotte, identifizierte. Erst dadurch und also erst später, in 
der Periode der Brahmanisierung des Krishna. Dann sind sie aller- 
dings fest mit ihm verwachsen, und es erscheint jetzt als die Haupt- 
aufgabe einer auf die Person des Krishna gerichteten Kritik, fest- 
zustellen, was an ihm dem Menschen und Religionsstifter, was dem 
alten, mit diesem identifizierten Sonnengotte von Hause aus an- 
gehört. Mir will es fast scheinen, als ob Garbe geneigt ist, dem 
ersteren etwas mehr zuzuteilen, als ihm vielleicht zukommt, doch 
kann ich diese Bemerkung hier nicht begründen, da hierzu eine 
weitläufige Auseinandersetzung notwendig wäre. 

Noch in einer anderen Beziehung bin ich nicht imstande, Garbes 
Urteil ganz beizustimmen. Ich glaube, daß er den poetischen Wert 
der Bhagavadgita, wie sie uns nun einmal vorliegt, erheblich unter- 
schätzt. Er steht freilich mit seinem abfälligen Urteil nicht ganz 
allein. Auch Böhtlingk und Hopkins äußern sich etwas gering- 
schätzig, wenn auch weniger scharf wie Garbe, und überhaupt ist 
der Bhagavadgita gegenüber eine gewisse Ernüchterung bei uns 




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CORNELL UNIVERSITV 



416 



Richard Garbe. Die BHAGAVADGhÄ. 



nicht zu verkennen. Mir scheint die Stimmung, gegenüber der früher 
vorherrschenden kritiklosen Schwärmerei, jetzt schon in das ent- 
gegengesetzte Extrem zu gehen. Was poetische Bedeutung und be- 
geisternde Kraft der Bhagavadgitä anbelangt, möchte ich doch dem 
Urteil eineö Wilhelm v. Humboldt auch heute noch mehr Gewicht 
beimessen als cleü]j«nigen der genannten ausgezeichneten Indologen. 
Seine enthusiastischen -j^ußerdngeji in dieser Richtung sind bekannt 
und sie scheinen mir" tkst m mehr zu, bedeuten, als Humboldt fraglos 
ein durchaus kühler, kritischer Kopf und nichts weniger als ein 
Schwärmer war. Aus meiner eigenen Erfahrung muß ich bezeugen, 
daß, so oft ich auch die Bhagavadgitä im Urtext oder auch in der 
Übersetzung, mit meinen Schülern oder Freunden las, die fort- 
reißende, begeisternde Kraft des Gedichtes sich immer wieder be- 
währt hat. Und die Aufdeckung so mancher unleugbarer Mängel 
und Schwächen desselben ist nicht imstande diese Wirkung zu zer- 
stören. Die Rolle, die das Gedicht seit bald zweitausend Jahren in 
Indien spielt, die Verehrung, die es dort schon so lange genießt, 
der Stolz und die Begeisterung, mit welchen auch heute noch Jung- 
indien gerade auf diesen Text hinweist und ihn gegen das christ- 
liche Evangelium ausspielen möchte, erklären sich doch wohl vor- 
nehmlich durch die poetische Kraft desselben. Wenn es sich um ein 
konsequentes, fest geschlossenes System handelte, da liefe so manches 
andere indische Werk der Bhagavadgitä den Rang ab, da diese ja 
dem Angriff gar manche Blöße bietet. Es muß schon in anderer 
Richtung etwas Großes und Ungewöhnliches in ihr liegen, wenn sie 
trotz dieser Mängel fort und fort so gewirkt hat und noch wirkt. 
Neben dem religiösen Moment kommt da doch wohl nur das poetische 
in Betracht. 

Die Zeitbestimmung Garbes, nach dessen Ansicht die ursprüng- 
liche Bhagavadgitä aus der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts vor 
Chr., die Umarbeitung aus dem 2. Jahrhundert nach Chr. stammt, 
ist zwar nicht unbedingt zwingend, hat aber doch recht viel Wahr- 
scheinlichkeit für sich. Auch hier operiert er mit klaren, plausiblen 
Argumenten. Hoffentlich gibt sein inhaltreiches, für ähnliche Unter- 



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,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



August Haffner. Texte zur arabischen Lexikographie. 417 

suchungen mustergültiges Buch auch der im Fluß begriffenen Ma- 
häbhärata-Kritik einen neuen, fördernden Anstoß. 

L. v. Schroeder. 



Texte zur arabischen Lexikographie y nach Handschriften heraus- 
gegeben von Dr. August Haffner, Privatdozent an der k. k. Uni- 
versität Wien. Leipzig, Otto Harrassowitz 1905. 

Dr. Haffner hat uns in diesen Texten eine köstliche Gabe 
geschenkt. Sie enthalten drei lexikographische Abhandlungen, von 
welchen die erste den berühmten Ibn as-Sikklt, die zwei anderen 
seinen noch viel berühmteren Lehrer al-Asma f i zum Verfasser haben. 
Die erste (S. 1 — 65) hat die arabischen Wörter zum Gegenstand, in 
denen ein Wurzelbuchstabe mit einem anderen wechselt. Im ersten 
Kapitel beschäftigt sich der Verfasser mit dem Wechsel von n und 
lj im zweiten mit dem von b und m usw. In einem Appendix gibt 
er jene Wörter, welche durch den Zusatz von einem m oder einem 
n eine Wurzelerweiterung erlangt haben. Die Gewährsmänner werden 
in der Regel genannt und viele Belege aus den alten Dichtern und 
aus der Überlieferung angeführt. Vollständigkeit ist vielleicht nicht 
bezweckt, jedenfalls nicht erreicht. Es ist aber ein sehr nützliches 
Buch, aus welchem viel zu lernen ist, auch was die alten arabischen 
Dialekte betrifft. Die Handschrift, nach welcher Dr. Haffner es 
herausgegeben hat, befindet sich in Konstantinopel. 

Die zweite Abhandlung besteht eigentlich aus zwei verschie- 
denen Redaktionen von Asma'is Schrift über die Kamele, von welcher 
die reichhaltigere (S. 66 — 136) nach mehreren Handschriften (Kon- 
stantinopel, Kopenhagen, Bagdad), die andere (S. 137 — 157) nach 
der alten und wertvollen Wiener Handschrift ediert ist, aus welcher 
schon einige Abhandlungen herausgegeben sind. Über das Verhältnis 
zwischen beiden spricht Dr. Haffner ausführlich in seiner Einleitung. 
Für das Verständnis der alten Dichter, die in der Kamelzucht er- 
wachsen waren, ist diese Arbeit A§ma f ls von großem Gewicht. Ich 
habe sie leider noch nicht lesen können. 




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CORNELL UNIVERSITV 



418 August Haffner. 

Die dritte Abhandlung ,Über den Körperbau des Menschen' 
ist nach der Wiener Handschrift ediert. Ich habe sie nur flüchtig 
durchnehmen können. Sie liefert, wie der Herausgeber bemerkt, 
einen interessanten Beleg für die verhältnismäßig große anatomische 
Kenntnis der alten Wüstenbewohner. Auch Asma'ls Abhandlungen 
strotzen von Dichterstellen. Oft sind diese anonym zitiert, aber fast 
immer hat Dr. Haffner, dabei von seinem Freunde Geyer unter- 
stützt, die Namen der Dichter in eckigen Klammern beigegeben, 
wofür wir ihm großen Dank schulden. 

Die Ausgabe ist vortrefflich. Ich habe beim Lesen nur sehr 
wenige Verbesserungs Vorschläge am Rande notiert, die ich hier 
folgen lasse: 

S. £, 16 jL&\ 1. jL>. 

S. o, 18 1. ohne y — Z. 19 L &U>\. 

S. t, 17 Da e,»^ eine Art Fische ist, ist die 

Lesart \wXa-^ für l£*-*o ^ gewiß vorzuziehen. 
S. v ? 8 vielleicht <Jj zu lesen. 

S. ip, 21 1. &\ ohne Tashdld. Sehr bekannt ist mit dieser 
Kunja <J S *£L}\ £UJ\ y>\, 

S../V, 13 f N JXJl scheint ein Schreibfehler für o 1 *- 3 *- 
S. rA, 14 1. o>^«IO\ und in der Anm. S. 14 U*kJt. 
S. n ? 14 ist wohl Schreib- oder Druckfehler für 
S. rr ? 14 1. 

rr > 5 K$jrH* Ich möchte J^aj. lesen: ,von dem er fürchtet, 
daß es dem Magen der Kinder schaden könne/ — Z. 6 1. ^ 
— Z. 8 1. vermutlich J>äi für Jy»~>. Diese Stelle ist mir aber nicht 
ganz klar. 

S. ro ? 13. Wahrscheinlich ist ÜAJ^ ohne Hamza zu lesen und 
[er*] zu tilgen^ so daß ?U-£)\ ^£5 als erklärende Apposition zu fassen ist. 

S. rv ; 16. Auch hier braucht <*^IH (eher noch ^) 

nicht eingeschaltet zu werden. 

S. «r-, 12 lJ^st^ ist wohl Druckfehler für lü»^, wie auch 
S. oi, 6 ^$J}s für v3a£> 

S. ©*, 12 1. ^j-^- 



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Texte zur arabischen Lexikographie. 419 

S. n, 9 1. f$Sj*&. — Z. 17 1. vermutlich üyo 

^ ^ * 

S. 1 1. cJ^Jt (Druckfehler). 

S. n % 2 1. Uli. — Z. 7 ist der vorletzte Buchstabe von 
unpunktiert. 

S. »v* ? 6 ist wohl zu lesen, dagegen nach 

üuii.1 zu setzen. <*o^-o muß hier als n. a. vom intrans. v^-y** = 
«^kol Beweglichkeit bedeuten. — Z. 14 eher v£*i^ ^ (Imperat.) 
zu lesen. 

S. tvv, 4 v^ot ist doch gewiß falsch für vT^t. Es ist un- 
begreiflich, wie Asnia'l die erstere Lesart hat zulassen können. 

S. iAr ? l 1. ä»$£)t wegen des folgenden das hier, wie 

oft, gegenüber i&jsP steht, wie umgekehrt (S. 8, rrr, 15) Ji£-« 
= ist. Ebenso wird S. i©% 1 iJ>*ft^» gebraucht. Es ist aber 

auch möglich, daß nach &op\ ausgefallen ist i£>>)\^; im Lisän findet 

C 9 

man beide Formen. — Z. 20 1. ^ij-«i^c. 
S. rrv ? 17 ist Druckfehler für 

Druckfehler gibt es außer diesen recht wenige, was besonders 
hervorzuheben ist, da der Satz dieser ganz vokalisierten Texte be- 
sonders schwierig war. Ich habe einige Stellen notiert wo > statt > 
steht: S. 18, oo ? 21, to, 2, tvo, 4, ia£, 19 und mehrmals in JUb. 
Dem Buche sind Indizes der behandelten Wörter, der Dichter und 
der Reime der zitierten Verse beigegeben. Die ganze Arbeit ist 
ausgezeichnet. 

Leiden. M. J. de Goeje. 



Hermann Oldenberg, Vedaforschung. Stuttgart und Berlin 1905, 
J. G. CoiTA'sche Buchhandlung Nachfolger. 115 Seiten 8°. 

Ein Rückblick und ein Ausblick soll diese neueste Schrift des 
verdienten Forschers sein. Er verfolgt den Gang, den die Veda- 
forschung seit den Tagen Roths genommen bis auf die Vedischen 
Studien von Pischel und Geldner und die Vedische Mythologie von 

Wiener Zeitschr. f. d. Kunde d. Morgenl. XIX. Bd. 28 



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420 



'Hermann Oldenberg. 



Hillebrandt. Doch soll dieser Rückblick nur den Zweck haben, 
,das Verständnis der gegenwärtigen Lage unserer Forschungen und 
damit, wenn es sein kann, auch ihrer Zukunft zu erschließend Und 
zwar behandelt der Verfasser nicht nur die vedische Wortforschung 
und die Vedaphilologie im engeren Sinne, sondern auch die Fragen 
der vedischen Religion und Mythologie. Da aber die Geschichte 
der Vedaforschung im wesentlichen die Geschichte eines Streites 
um Grundprinzipien und Methoden ist und der Verfasser selbst seit 
Jahren als einer der eifrigsten Forscher an diesem Streite mit be- 
teiligt war, nimmt natürlich die Polemik in der vorliegenden Schrift 
einen breiten Raum ein. Die Spitze dieser — es braucht kaum ge- 
sagt zu werden, stets in vornehmstem Tone geführten — Polemik 
ist gegen die Verfasser der Vedischen Studien und, was die Mytho- 
logie anbelangt, gegen Hillebrandt gerichtet. Am schlechtesten 
kommt bei Oldenberg Säyaija weg. Für das richtige Verständnis 
des Veda stellt der Verfasser geradezu als erste Forderung die 
auf, ,daß wir der Versuchung widerstehen, dem Irrlicht der Er- 
klärungen Säya^as und seiner Genossen zu folgen' (S. 45). Oldenberg 
weist auf die theologischen und mystischen Phantastereien und ety- 
mologischen Spielereien der Brähmaiias hin und fragt: ,Ging nun 
neben der Überlieferung dieses Schlages — wenn man das Wort 
Überlieferung hier überhaupt brauchen will — ein zweiter Strom 
andersgearteter, besonnenerer Tradition einher ?' (S. 23.) Oldenberg 
verneint die Frage. Aber ich glaube doch, daß wir aus den Bräh- 
manas nicht allzu viel schließen dürfen. Gewiß hat man die Hymnen 
zur Abfassungszeit der Brähmaijas nicht mehr ganz verstanden, aber 
anderseits beweisen nicht alle phantastischen Deutungen und Miß- 
deutungen von Vedastellen, daß man von der richtigen Erklärung 
derselben keine Ahnung gehabt habe. Was wird nicht alles von 
den Theologen des Talmud aus Bibelstellen herausgelesen und in 
sie hineingedeutet, ohne daß wir deshalb annehmen dürften, daß 
diesen Theologen das sprachliche — lexikalische und grammatische — 
Verständnis der Bibel gefehlt habe? Theologen deuten, legen unter, 
sie wollen gar nicht erklären öder auslegen. In Indien finden 




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CORNELL UNIVERSITV 



Vedaforschüng. 421 

wir aber neben den theologischen Deutungen der Brähmarias doch 
auch den Versuch einer ^wissenschaftlichen' — so wissenschaftlich 
als man eben damals sein konnte — Auslegung der Vedatexte 
bei Yäska und seinen Vorgängern. Diese und ihre Nachfolger bis 
auf Säyana wollen (mit den ihnen zu Gebote stehenden Mitteln) 
den Veda erklären; sie wollen nicht irgend etwas beweisen, wie 
die Theologen der Brähmagas, sondern in den Sinn der Texte ein- 
dringen, wie wir es wollen. Dabei irrten sie oft, weil ihnen nicht 
die Mittel der Exegese zu Gebote standen, über welche wir heute 
verfügen. Dagegen hatten sie etwas, was wir nie in dem Maße 
haben können, wie sie: indisches Denken und indisches Fühlen. 
An eine Überlieferung, die bis auf die Dichter der Hymnen zurück- 
geht, glauben wohl auch Pischel und Geldner nicht, aber an eine 
Tradition der Vedaexegese, die Säyana mit Yäska und diesen mit 
seinen (von den Hymnendichtern immerhin noch sehr weit entfernten) 
Vorgängern verbindet, wird man doch glauben können. An eine 
solche Tradition wird man bei den sampradäyavidah, von denen 
Säyana spricht (vgl. Vedische Studien i, p. xi), zu denken haben. 
Aber selbst wenn wir jeden Gedanken an eine tatsächliche Über- 
lieferung preisgeben, so sind Säyana und seine Vorgänger doch schon 
als Inder oft in der Lage, das Richtige zu treffen, wo der Europäer 
leicht irregehen kann. Es ist übrigens bezeichnend, daß Roth, der 
Säyana ungefähr so wie Oldenberg geschätzt, d. h. unterschätzt hat, 
im ,Petersburger Wörterbuch' doch die Erklärungen Säyanas an- 
führt, wo er nichts anderes zu raten weiß. Und ich glaube, daß 
Säyana immerhin unter den Vedaexegeten, die in die Irre gegangen 
sind — und das sind sie ja alle mehr oder minder — gehört zu 
werden verdient und das Licht seiner Erklärungen nicht immer 
ein ,Irrlicht* ist. 

Nicht gerecht ist Oldenberg meiner Ansicht nach auch den 

Arbeiten Ludwigs geworden (S. 10). In mehr als einer Beziehung 

war Ludwig ein Pfadfinder und ein Bahnbrecher auf dem Gebiete 

der Vedaerklärung. Er war der erste, der die dem Rigveda am 

nächsten stehende übrige Vedaliteratur — die Saiphitäs des Yajur- 

28* 



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422 



Hermann Oldenberg. Arthur Anthony Macdonell. 



veda und Atharvaveda, die Brähmaijas und die Sütras — für die 
Vedaexegese gründlich ausgenutzt hat. Und was Oldenberg S. 46 
verlangt, hat Ludwig bereits zum großen Teil getan, insbesondere 
was die Berücksichtigung der vedischen Ritualliteratur und die 
Forderung ; den Rigveda selbst zum Sprechen zu bringen' betrifft. 

Die zweite Hälfte des Buches, welche sich mit Religion und 
Mythologie beschäftigt, kann als eine Ergänzung zu des Verfassers 
,Religion des Veda' angesehen werden. Er nimmt hier Stellung zu 
den neueren Forschungen Hillebrandts und verteidigt die von ihm 
früher aufgestellten Ansichten. Besonders sei auf die Ausführungen 
über die Gottheiten von der Art des Savitar , Antreiber' und die 
lehrreichen und auch überzeugenden Bemerkungen über Brhaspati 
und Brahman (S. 81, 86 ff.) hingewiesen. 

Wertvolle Exkurse über dhenä und sumeka und über einige 
Rigvedastellen, bei deren Erklärung methodische Fragen in Betracht 
kommen, bilden den Schluß der Schrift, welche als eine dankens- 
werte Ergänzung zu des Verfassers früheren Werken den Fach- 
genossen willkommen sein wird. 

M. Winternitz. 



Arthur Anthony Macdonell, The Bphad-devatä attributed to &au- 
naka. A Summary of the Deities and Myths of the Rig-Veda, 
critically edited in the Original Sanskrit with an Introduction and 
seven Appendices, and translated into English with Critical and 
Illustrative Notes by — . Part i Introduction and Text and Ap- 
pendices. Part ii Translation and Notes. Cambridge, Massachusetts 
Published by Harvard University 1904. (Harvard Oriental Series 
edited by Charles Rockwell Lanman. Vols. 5 and 6.) 

Wenn in Zukunft ein Universitätslehrer seinen Schülern ad 
oculos demonstrieren will, wie eine Ausgabe eines Sanskrittextes 
beschaffen sein und wie sie nicht beschaffen sein soll, so braucht 



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,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



The B^had-devata. 



423 



er nur den in der Bibliotheca Indica erschienenen Text der Brhad- 
devatä von Räjendraläla Mitra mit der wirklich kritischen Aus- 



Dort ein tatsächlich unbrauchbarer, aus einer Anzahl von Manu- 
skripten, über welche der Herausgeber keinerlei Aufschluß gibt, 
durch willkürliche Auswahl von Lesarten hergestellter Text, der durch 
Irrtümer des Herausgebers und durch Druckfehler noch schlechter 
ist, als er auf Grund der Manuskripte zu sein brauchte, während 
die in den Anmerkungen gegebene reichliche varietas lectionis 
gar keinen Wert hat, da das Verhältnis der benutzten Manuskripte 
zu einander nicht beachtet ist; hier ein durchaus zuverlässiger Text, 
wahrhaft kritisch herausgegeben auf Grund sorgfältiger Prüfung der 
Handschriften, deren Verhältnis zu einander genau festgestellt ist, 
und unter Heranziehung aller anderen, gerade hier so reichlich vor- 
handenen Hilfsmittel zur Herstellung des Textes. Die große Anzahl 
von Manuskripten, die Macdonell benützt hat, zerfällt in zwei 
Gruppen, welche zwei Rezensionen, eine längere und eine kürzere, 
darstellen. Der Herausgeber hält die längere Rezension für die ur- 
sprünglichere. 1 Etwa ein Fünftel des Inhalts der Brhaddevatä wird 
von §a(Jgurusisya, Säya$a und der Nitimanjari zitiert, und auch 
diese Zitate sind für die Herstellung des Textes ausgenützt worden, 
die Nitimanjari auf Grund mehrerer von A. B. Keith, einem Schüler 
Macdonells, kollationierter Manuskripte. 

Der Herausgeber hat sich aber nicht darauf beschränkt, uns 
diesen für die vedische und epische Literatur gleich wichtigen Text 
durch eine sorgfältige, den strengsten Anforderungen philologischer 
Kritik genügende Ausgabe zugänglich zu machen, sondern er hat 
auch durch eine literarhistorische Einleitung, eine sinngetreue Über- 
setzung und äußerst wertvolle Appendices alles getan, was nur zum 

1 Mir ist es aber doch sehr aufgefallen, daß die mit B bezeichneten (d. i. 
nur in der längeren Rezension vorkommenden) Verse und Verszeilen in der Regel 
weggelassen werden können, ohne im Zusammenhang irgendwie vermißt zu werden. 
Daß sie ,the general impression of superfluous matter' machen, gibt auch Mac- 
donkll zu. 



gäbe in der Harvard Oriental Series von Macdonell zu vergleichen. 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



424 Arthur Anthony Macdonell. 

Verständnis des Werkes und seines Verhältnisses zur übrigen indi- 
schen Literatur beitragen kann. 

Die Brhaddevatä steht ja zu zahlreichen Werken der vedischen 
Literatur — zur ligveda-Saiphitä, zum Naighantuka und Nirukta, 
zur Sarvänukramanl und anderen Anukramanls, zum ^gvidhäna und 
zu den Itihäsas der Brähmanas — in engster Beziehung. Darum 
sind namentlich die Appendices i (Index of Vedic Pratlkas cited in 
the Brhaddevatä), v (List of Passages from the Brhaddevatä cited 
in other Works) und vi (Relation of the Brhaddevatä to other Texts) 
überaus dankenswert. Macdonell weist nach und Appendix vi zeigt 
es uns deutlich, daß die Brhaddevatä später ist als Yäskas Nirukta, 
welches sie zitiert, und älter als die Sarvänukramanl, in der sie 
zitiert wird. Indem er Kätyäyana, den Verfasser der Sarvänukra- 
manl, für identisch mit dem Verfasser des &rautasütra zum weißen 
Yajurveda und der Väjasaneyi-Anukramanl hält, glaubt er die Brhad- 
clevatä zwischen 500 und 400 v. Chr. ansetzen zu können. Rich- 
tiger schiene es mir doch, wenn er sich darauf beschränkt hätte, 
die Brhaddevatä zeitlich zwischen Yäska und Kätyäyana zu 
setzen; denn das Hantieren mit Jahreszahlen ist bei der vedischen 
Literatur immer eine bedenkliche Sache und meiner Ansicht nach 
bis jetzt überhaupt nicht statthaft. Wer bürgt uns dafür, daß Yäska 
nicht älter als gerade 500 v. Chr. ist, und daß wir ,die spätere 
Sütraperiode' (was immer das bedeuten mag) , nicht später als die 
Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chi*/ datieren dürfen? 

Ebenso scheint es mir etwas unvorsichtig, oder wenigstens un- 
vorsichtig ausgedrückt, wenn Macdonell behauptet, daß das Ma- 
li ab här ata zur Abfassungszeit der Brhaddevatä sich nur ,in einem 
embryonischen Zustand' befunden haben könne. Das wäre nur dann 
richtig, wenn Macdonell unter ,embryonischem Zustand' jedes von 
unserem jetzigen Epos verschiedene Mahäbhärata verstehen wollte. 
Daß die Brhaddevatä älter als unser jetziges Mahäbhärata ist, kann 
unbedingt zugegeben werden. Als Sammlung alter Itihäsastoffe steht 
die Brhaddevatä der vedischen Brähmaiia-Literatur unbedingt näher, 
als den brahmanischen Itihäsas, wie sie in unserem Mahäbhärata 



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,uu ö lL CORNELL UNIVERSITY 



The Brhad-devata. 



425 



erzählt werden. Darum kann aber doch das eigentliche Epos, die 
Bardenpoesie, die Heldendichtung vom Kampf der Kauravas und 
Pä^cjavas, viel älter sein, als die dieser Dichtungsart ganz fern- 
stehende Bi'haddevatä. Es handelt sich ja ganz darum, was wir als 
,das Mahäbhärata' bezeichnen und was Macdonell unter ,embryoni- 
schem Zustand' des Mahäbhärata versteht. Es ist aber wichtiger, 
als es scheinen mag, sich hier ganz klar auszudrücken, gerade wenn 
man wie Macdonell mit bestimmten Zahlen hantiert. Wenn er die 
Bj'haddevatä genau zwischen 500 und 400 v. Chr. ansetzt, so sagt 
er damit auch, daß zwischen 500 und 400 v. Chr. ,das Mahäbhärata' 
noch nicht oder höchstens ,als Embryo' existiert haben kann. Das 
ist aber eine Behauptung, die nur gelten kann, wenn man unter 
,Mahäbhärata' nur unser jetziges Mahäbhärata mit allen seinen he- 
terogenen Bestandteilen samt allen Zusätzen und Nachträgen ver- 
steht. Ich habe die Itihäsas, welche die Bj'haddevatä mit dem Ma- 
häbhärata gemein hat oder vielmehr in bezug auf welche die beiden 
Werke sich berühren — denn nur selten sind es ganz dieselben Ge- 
schichten — , genau verglichen und halte es für ebenso ausgeschlossen, 
daß die Bi'haddevatä irgend etwas aus dem Mahäbhärata entlehnt 
habe, als daß letzterem die Brhaddevatä als Quelle gedient haben 
sollte. 1 

Aber nicht nur für die treffliche Ausgabe und die außerordent- 
lich wertvollen Beigaben verdient der Herausgeber unseren vollsten 
Dank, sondern auch für die ungemein praktische Anordnung der 
gegebenen Materialien. Wir finden im ersten Band nebst Einleitung 
und Appendices den schön gedruckten Text, in welchem die Verse, 
welche sich bloß in einer der beiden Rezensionen finden, durch 
vorgesetzte Buchstaben auf den ersten Blick kenntlich sind. Der 
zweite Band gibt dann zu jedem Vers eine sinngetreue Übersetzung, 
den ganzen kritischen Apparat und literarische Nachweise. Diese 
Art der Anordnung des Stoffes macht den Gebrauch des Werkes 



1 Siehe meinen Aufsatz , Brhaddevatä und Mahäbhärata 4 , der im nächsten 
Heft dieser Zeitschrift erscheinen soll. 




Original from 
CORNELL UNIVERSITV 



426 Arthur Anthony Macdonell. The B$had-devata. 

recht handlich und bequem. So können wir denn auch Professor 
Lanman, den verdienten Herausgeber der prächtigen Harvard Orien- 
tal Series, zu dieser wertvollen Bereicherung seiner Sammlung nur 
aufs herzlichste beglückwünschen. 

M. Winternitz. 



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Verzeichnis eingegangener Druckschriften. 



427 



Verzeichnis der bis zum Schluß des Jahres 1905 bei der Redaktion 
der WZKM. eingegangenen Druckschriften. 

Adler, Elkan Nathan, About Hebrew Manuscripts. Oxford, Uni versity Press ; 



Anatole. Zeitschrift für Orientforschung. Herausgegeben von Waldemar Belck 
und Ernst Lohmann. Heft 1 : Die Kelischim-Stele und ihre chaldäisch- 
assyrischen Keilinschriften von Dr. Waldemar Belck. Mit 1 Karte und 
3 Tafeln. Leipzig, Max Rüger, 1905. 

Atti della Reale Accademia dei Lincei. Anno cccu. 1905. Roma, Accademia 
dei Lincei, 1905. 

Bartholomae, Christian, Die Gatha's des Avesta. Zarathushtra's Berg- 
predigten übersetzt. Straßburg, K. J. Trübner, 1905. 

Bevan, Anthony Ashley, The Nakä'id of JarTr and Al-Farazdak. Vol. i. Parti. 
Leiden, E. J. Brill, 1905. 

Browne ; Edward G., Ibn Isfandiyar's History of Tabarist&n (Translation). 
E. J.W. Gibb. Memorial. Volume n. Leiden, E. J. Brill, 1905. (London, 
B. Quaritch.) 

Caland, W., De Literatuur van den Sämaveda en het Jaiminigrhasütra. (Ver- 
handelingen der Koninklijke Akademie van Wetenschappen te Amsterdam. 
Afdeeling Letterkunde. Nieuwe Reeks. Deel vi. N° 2.) Amsterdam, Müller, 



Catalogue of the Sanskrit Manuscripts in the library of the India Office. Partvn, 

edited by Julius Eggeling. London, 1904. 
Catalogue of the Hebrew and Samaritan Manuscripts of the British Museum by 

S. Margoliouth. Part h. London, Brit. Museum, 1905. 
Census of India, 1901, Vol.i, by H. H. Risley. Ethnographie Appendices. Cal- 

cutta, 1903. 

Cimino, Alponso, Vocabolario Italiano - Tigrai e Tigrai - Italiano. Roma, 
E. Loescher & Co., 1904. 

Corpus Scriptorum Christianorum Orientalium curantibus J.B.Chabot, J.Guidi, 
H. Hyvernat, B. Carra de Vaux. Scriptores Aethiopici: Ser. i, Tom. xxxi 
(textus et versio), Series n, Tom. v, Pars i et n (textus et versio), Ser. n, 
Tom. xvii (textus et versio), Ser. n, Tom. xxn (textus et vers